Bericht vom Riot Fest – Teil 8

NOFX @ 20:55-21:55 on Rock Stage

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Die Auftritte von NOFX waren in letzter Zeit entweder super gut oder schlecht, wenn wir an die fürchterliche Christiana Show diesen Sommer denken, die uns noch gut in Erinnerung ist. Heute Abend jedoch sieht die Band aus als wollten sie schwere Geschütze auffahren und seien bereit zu spielen. Ja, sie laufen ziellos auf der Bühne umher, während im Hintergrund Musik spielt, um ihren Auftritt einzuleiten und ihn, wie gewohnt, mit „60%“ starten zu lassen und dann zu von Fat Mike verkünden, dass sie gerade einen Song gespielt hätten. Damit endete der problematische Teil des Auftritts. Mit Klassikern von „Stickin‘ In My Eye“ über „Linoleum“, „Idiots Are Taking Over“, „Herojuana“, „Murder The Government“ und „I‘m Telling Tim“ scheint die Band so lebendig zu sein wie lange nicht mehr, wie ich mich erinnere. Fat Mikes Tasse ist weg – ob der Inhalt alkoholisch ist, ist nicht geklärt – und große Gesangschöre bilden sich für die üblichen Verdächtigen „Linoleum“ , „Fuck The Kids“, während dieses Songs sieht man einen Rollstuhlfahrer Crowd-sufen  – und „Franco un American“. Auch der Humor war dieses Mal besser: „Letztes Mal spielten wir auf „Punk In Drublic“ und ihr schriet, wir sollten neuere Kram spielen. Bitteschön!“. Bevor „Six Years On Dope“ von dem bald erscheinenden, neuen Album gespielt wird, merkt Fat Mike an, dass es sehr schmeichelnd sei, die zweitbeste Band zu sein, die heute spielt. Des Weiteren zollt er The Specials Tribut bevor er „Oxymoronic“ vom neuen Album anstimmt. Die Lokalhelden bekommen ebenfalls noch eine kleine Flaut mit auf den Weg: „Ich möchte mich bei (The Lawrence Arms) Brendan Kelly dafür bedanken, heute Abend nicht hier zu sein. .. und Matt Skiba, welcher gerade in Blink ist.“. Mit einer fantastischen Setlist, unglaublich witzigem Humor und einer konstanten Performance, sahen NOFX heute gut aus und hörten sich ebenfalls noch gut an, obwohl der Auftritt gegen Ende mit „Theme From A NOFX Album“ schwächer wurde, da es das typische „Wir müssen Eric Melvin von der Bühne bekommen, weil er zu lange spielt“-Szenario war.

Fucked Up @ 13:05-13:40 on Rock Stage

Es dauert nicht lange bis der geheimnisvolle Fucked Up Sänger David Abraham von der Bühne ins Publikum springt. Das Publikum tobt, als Abraham auf das Publikum zurückgreift, vor ihnen ausrastet, das Mikrofon mit Zuhörern teilt und letztendlich seinen eigenen Circle Pit  gemeinsam mit der lebendigen Masse zu formen beginnt. „The Other Shoe“ klingt fantastisch in Kombination mit dem „Dying on the Inside“ weiblichen Gesang, bei welchem kräftig vom Publikum mitgesungen werden und der wunderbaren Melodie. Dieses Szenario wiederholt sich in ihrem 35 Minuten Auftritt immer wieder. Abraham ist kaum auf der Bühne zu sehen, da er immer wieder rechts und links mit dem Publikum interagiert. Das Teilen des Mikrofons wird schnell nervig, da man das Lied in seiner reinen Form nur hören kann, wenn man zusammen mit Abraham in den vorderen Reihen steht, aber das ist sowieso der Sinn der Fucked Up Shows. Aber auf einem Festival, auf welchem der Sound eh schon unausgeglichen ist, geht die Intensität, die man in einem kleinen Club hat, im Publikum verloren. Trotzdem sind Lieder wie „Sun Glass“, und „I Hate Summer“ live genauso gut wie auf Platte und wir haben sogar eine kleine soziopolitische Rede erleben dürfen, die sich für den medizinischen Gebrauch von Marihuana einsetzen, welcher Abraham wohl geholfen ziemlich viel Gewicht zu verlieren seit wir die Band das letzte Mal gesehen haben.
Mit der ansteckenden Energie der Band, welche dadurch verkörpert wird, dass David sich das Kabel des Mikrofons um sein Gesicht wickelt bevor er von der Bühne springt, hat Fucked Up ein Erwachen vom Kater des Vorabends, mit kleinen Mitsingeinlagen und lächelnden Gesichtern in den ersten Reihen abgeliefert. Die anderen von uns hätten sich jedoch gewünscht, dass der Sound besser gewesen wäre, damit auch jene, die keine Pits bestreiten wollen, ein lohnenswertes Erlebnis hatten. [7] PP

The Vandals @ 14:10-14:50 on Rock Stage

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Abgesehen von GWAR und Andrew W.K. sind The Vandals die einzige andere Spaßband, die auf dem Riot Fest 2016 spielt. Ihr Stil, welcher aus dem melodischen Punk der 90er Jahre und schnellen Skate-Punk besteht, ist an sich schon angenehm, aber die Sachen die zusätzlich passieren, machen die Show einfach großartig. Zu Beginn betreten sie die Bühne mit einem verfälschten Imperial March aus Star Wars, welcher von einer schiefen Flöte gespielt wird. Kurz darauf sieht man, dass Strandbälle während „The People That Are Going To Hell“ in die Menge geworfen werden, und dass die Band Fotografen bloßstellt, welche denAuftritt nach drei Songs verlassen. „Ihr hättet Fotos machen sollen, als wir jünger waren!“ , brüllt Frontman Dave Quackenbush in die Menge, während Warren Fitzgerald ein Gitarrensolo spielt, bei welchem er ein Bein zur Gitarre hoch streckt,was völlig bescheuert aussieht. „Oi to the World“, ein Vandals Klassiker, welcher auch so beworben wurde, animiert die unerwartet große Menge dazu, mitzusingen. Es ist ein Wohlfühlmoment, welcher den gesamten Auftritt zusammenfasst: Großartige Witze, Neckereien kombiniert mit einprägsamem 90er Punk, welcher uns alle in eine gute Stimmung versetzt. [7] PP

Smoking Popes @ 14:30-15:15 on Riot Stage

Bayside, Alkaline und The Thermas. Das sind drei Bands zu denen die Smoking Popes die meisten Parallelen haben; besonders mit Songs wie „Megan“. An einem warmen, sonnigen Nachmittag, gerade nachdem The Vandals ihren hysterischen Auftritt hatten, ist der feine, ruhige indie-flavored pop punk zu ruhig und ereignislos; besonders für ein Festival. Das Set ist entspannt und tiefgründig, was dazu führt, dass man sich je mehr in die Musik einfindet desto länger man zuhört, dazu braucht es aber viel zu viel Zeit, in der man sich nicht stören und sich drauf einlässt. Ohne diese anstrengende Konzentration nimmt man nicht viel von dem Auftritt mit, sofern man nicht selbst viel Zeit opfert, um sich über die Stücke der Band zu informieren. Heute haben Smoking Pope einige neue Songs von einem Album gespielt, das 2017 erscheinen wird. Es wird sicherlich super, aber Smoking Pope ist keine Festival-Band; besonders nicht, wenn die Zeit des Biertrinkens an einem sonnigen Nachmittag losgeht. [6½] PP

Motion City Soundtrack @ 15:15-16:15 on Roots Stage

Es ist nicht zu Ende bis der Typ mit der komischen Frisur auftaucht, welcher ganz formal Justin Pierre heißt. Von diesem Tag an steht in seinem Wikipedia-Artikel, dass er der Sänger von Motion City Soundtrack „war“. – Diese Band war einer der Gruppen, die mich mehr mit Menschen zusammengeschweißt hat, die über den halben Globus verteilt sind als mit meiner Generation in Dänemark. Wir haben einander in Foren kennengelernt, haben MSN-Mails ausgetauscht und die meisten von uns sind mittlerweile viel gereist, um jeden einzelne unsere Pop-Punk-Familie auf der Welt zu treffen. Wir treffen neue Menschen an Orten wie dem Riot Fest Chicago, wenn wir in unseren Nischen-Bandshirts, die keiner außerhalb unserer kleinen Familie kennt, über das Gelände laufen. Für diese Menschen waren mp3 Downloads über eine 125 mbit/s-Verbindung ein Weg Liebe mit der ganzen Welt zu teilen. Heute werde ich einen meiner besten Freunde zum letzten Mal sehen, weil ich dieses gott verdammte Ticket für die gott verdammte Aftershow nicht ergattern konnte. Meine Damen und Herren, die letzte Show von Motion City Soundtrack.

Die Band betritt die Bühne ziemlich undramatisch und setzt da an, wo alles begann: Mit „Back To The Beat“ von der gleichnamige EP, einem Vorläufer für den späteren Erfolg der Band  in Form ihres Debüts „I Am The Movie“ aus 2003, gefolgt von „Capital H“, welches auf beiden Veröffentlichungen zu finden ist. Obwohl die Songs weit über zehn Jahre alt sind, singt das Publikum immer noch jeden Vers mit Hingabe mit Pierre, welcher durch die Umstände gezeichnet ist, was er sich nicht anmerken lassen möchte. Aber anstatt den chronologischen Weg einzuschlagen, wird als nächstes „Her Words Destroyed My Planet“ von ihrem, wenn wir ehrlich sind, Comeback-Album „My Dinosaur Life“ (2010), welches nach dem Höhepunkt in 2005 mit „Commit This to Memory“ und dem ernüchternden „Even If It Kills Me“ von 2007 erschien. Es schien immer so als würde Justin Pierres psychische Gesundheit bestimmen von welcher Qualität ein Album wäre. – Leider galt: Je depressiver Pierre, desto besser als Album. – „My Dinosaur Life“ war einer der Werke, bei denen man sich mit ihm freuen konnte, da er einen Weg gefunden hat zu schreiben und sich dabei wohlzufühlen.

Wir bekommen ein paar Lieder vom Album „Even If It Kills Me“ zu hören. Glücklicherweuse nur die besten Stücke vom Album: „Broken Heart“, „Last Night“ und das unvergessliche „This Is For Real“, welches Pierre über Live Performances geschrieben hat. Diese Information lässt die Zeilen “Last Night“ and the unforgettable “This Is For Real“ – that Pierre reveals to be written about performing live, which makes the lines “I said from the start, that you could take it or leave it. I’d prefer that you keep it. Don’t let go. This is the best thing that I’ve ever had for real“ in einem ganz anderen Licht erscheinen. Die Mitte des Sets war eine Tour durch meine Jahre als Teenager mit „Make Out Kids“ aus der Zeit vor meinem ersten Kuss, „Time Turned Fragile“ aus demselben Album („Commit This To Memory aus 2005) und zuletzt die Hymne Fuckingupistan „L.G.FUAD“, deren ersten Vers die ganze Masse aus tiefster Lunge mit gröhlte: „Let‘s get fucked up and die!“ – Manche weinten. Die meisten lächelten

Ein paar Songs kommen und gehen sehr schnell, vermutlich wegen der strickten Zeitlimits, die die Band hat. Deswegen nehmen sie so viele Tracks in Angriff wie sie nur können, was jedoch sehr wenig Zeit zum Reden lässt. Auf der anderen Seite scheint Gitarrist Joshua Cain in seinem Hawaii-Hemd so gut drauf zu sein wie nie zuvor. Er springt auf der Bühne herum als wären wir zurück in 2003 bei „Attractive Today“ und „When you‘re Around“. Die Show endet genau richtig, mit den größten Hits, die die Band zu bieten hat; mit „Everything Is AlrighT“ und zuletzt „The Future Freaks Me Out“, bei welchem das Publikum die gesamte „Betty.. I need you Bridge“ mitsingt. Am Ende gab es keine Zugabe, sondern nur das Akzeptieren davon, dass es nun das Ende ist. – Traurig, aber auch glücklich. So, wie Motion City Soundtrack immer war.