
|
* NORTHERN LIGHTS FESTIVAL, 26. und 27. Juni 2009, Reichenthal, Schloß Waldenfels (Oberösterreich) * DIES ATER, GRÄFENSTEIN, AHNENGRAB - 11. April 2009, Dark-Side-Club, Berlin NORTHERN LIGHTS FESTIVAL, 26. und 27. Juni 2009, Reichenthal, Schloß Waldenfels (Oberösterreich) Egal, wo man beim österreichischen NORTHERN-LIGHTS-Festival (NLF) am letzten Juni-Wochenende in mal mehr, mal weniger belanglose Gespräche verstrickt wurde – drei Personen spielten eine maßgebliche Rolle.
Und schließlich hielt Ash, was sein Name und Ruf versprach. Nicht nur, daß NARGAROTH (Schlagzeug, zwei Gitarren, Gesang) musikalisch einen bestechenden Gig ablieferten. Sie setzten dem Festival die Krone auf. Genie und Wahnsinn liegen bei Ash dicht beieinander, und so bot er den Festival-Besuchern einen Auftritt mit all seiner Black-Metal-Kunst, die zwischen Epik, Raserei und Abartigkeit zu finden ist. Musikalisch hat der Typ seit jeher Großes geleistet. Das sollte man live erleben. Mit Ash vor Augen, bei dem man nie genau weiß, ob er jetzt in jedem Moment Ratten ausspukt, mit einer Schrotflinte ins Publikum schießt oder in Tränen ausbricht, wird die Wirkung der NARGAROTH-Musik verdoppelt. Wer noch in der Lage ist, sich faszinieren zu lassen, wird sich dem Bann eines NARGAROTH-Auftritts nur schwerlich entziehen können. Die dritte Person, die für einen maßgeblichen Höhepunkt auf dem Festival auf der Burg Waldenfels im oberösterreichischen Reichenthal sorgte, blieb anonym. Die Rede ist von einem Typen, der sich Shaddai nennt und im Netz eine Anti-NARGAROTH-Seite betreibt, die Ash zum notorischen Lügner, Homosexuellen, Schwachkopf, Feigling usw. stempelt. Das läßt auch ein Mysterium wie Ash/Kanwulf/René nicht kalt. „Ihr habt sie doch alle gesehen, die Seite“, schrie Ash ins Publikum. Die Hälfte der vor der Bühne stehenden hätte garantiert irgend eine Scheiße über ihn in Internet-Foren geschrieben. Deshalb: „Jetzt habt Ihr die Gelegenheit: Sagt es mir ins Gesicht, anstatt es ins Internet zu schreiben, denn hinterm Computer ist jedes Arschloch mutig.“ Mit Vehemenz bestritt er, eine „Schwuchtel“ zu sein: „Ich habe dicke Eier“, brüllte er ins Publikum. „Ich habe auf meiner Südamerika-Tournee mehr Weiber flachgelegt, als ihr jemals haben werdet.“ Die Fans schwankten zwischen Belustigung und Betroffenheit. Und wer nach den Kanwulfschen Wutattacken seine ganz persönliche Bestätigung gefunden zu haben glaubte, daß der Typ da oben einen Schuss haben mußte, der wurde mit dem Satz „Ein bisschen Humor gehört dazu“ von Ash sofort wieder in eine totale Verwirrung gestürzt. Das NORTHERN LIGHTS stand unter einem schlechten Stern. Bereits 2008 hatte die ehrgeizige Veranstalterin Michaela die erste Auflage geplant gehabt, war von anonym agierenden Hütern der öffentlichen Moral allerdings gestoppt worden. Man kennt das: Da wird eine E-Mail an Genehmigungsbehörden oder Vermieter gesandt, in der von politischen Extremisten und der Gefahr der öffentlichen Sicherheit und Ordnung schwadroniert wird und schon knicken alle im vorauseilenden Gehorsam ein. Das ist nicht nur in Deutschland so, auch Österreich leidet unter dem Phänomen einer sich mehr und mehr ausbreitenden Meinungsdiktatur. Daß das Black- und Pagan-Metal-Festival in diesem Jahr nun doch über die Bühne ging, war weniger den unermüdlich agierenden Links-Fanatisten zu danken, die sich einsichtig ob des politisch unverdächtigen Charakters wieder hinter die Laptop-Linien zurückzogen. Vielmehr feuerten die im Vorfeld vor allem wegen der angekündigten Teilnahme von NARGAROTH eine Breitseite nach der anderen auf das Veranstalter-Team ab. Das NLF rettete die – nennen wir es ruhig so – Zivilcourage der Gemeinde und der Arsch in der Hose der Eigentümer des Schloß` Waldenfels in Reichenthal. Sie nahmen Denunziationen und Verleumdungen gelassen und hielten sich an jene, die den Mut hatten, ihnen von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu treten. Und wie man am Ende sehen konnte, hatten sie recht damit getan. Auch wenn die Bilanz der Veranstaltung nicht ohne Sachschäden an Vereinseigentum und Diebstählen aus dem Schloßinnenhof auskam (nachzulesen auf
www.northern-lights-festival.com). Aber Rabauken und Knalltüten sind in jeder Szene zu finden. Das Ambiente war traumhaft: Die Bühne nebst Bierstand befanden sich auf eben jenem Schlossinnenhof, unmittelbar am Einlass hatten sich zwischen brusthohen Hecken die CD- und Merch-Stände breitgemacht und nur wenige Meter entfernt stellten Fans und Bands an einem malerischen Hügel ihre Zelte auf und Fahrzeuge ab. Hinzu kam ein solides Wetter, das zumindest tagsüber mitspielte; es erreichte zu Spitzenzeiten eine fast drückende Schwüle, um an beiden Festival-Abenden dann aber in Regengüsse umzuschlagen. Der Stimmung taten diese kleinen Kapriolen jedoch keinen Abbruch. Das Festival war mit Höhepunkten musikalischer Art reich bestückt. Große Gesten, gut durchdachte Aufstellungen in uniformiertem Bühnenoutfit und einen Hippiegeiger boten die Viking-Metaller MANEGARM aus Schweden, deren Schattenstatus hinter THYRFING nach diesem Auftritt doppelt unverständlich erscheint. Die obligatorischen Norweger, RAGNAROK, ließen groovigen Black Metal und rasantes Melodiegetöse ab. Sie spielten sich durch ihr Repertoire und stellten selbst beinharte Pagan-Fans zufrieden. Denn ein hitziger Gig, in dem jeder Moment nach Blut und Schweiß riecht, läßt keinen kalt. Selbst wenn die Musik noch so frostig ist. Die angriffslustigen TRIMONIUM wurden wegen der fehlenden KRODA zum Co-Headliner des zweiten Tages. Letztere hatten wegen eines Antifa-Angriffes in Polen absagen müssen. Dort waren sie von einem Schlägerkommando überfallen und teilweise verletzt worden, was ihnen eine Teilnahme am NLF unmöglich machte.
Aus dem Hause Einheit Produktionen gehörten neben TRIMONIUM und FINSTERFORST noch weitere Bands zum Billing, die das NLF maßgeblich bereicherten. Die dritte Band im Bunde waren ANDRAS. Die punkteten einmal mehr mit ihrem Sänger Ecthelion, der sich nicht nur im Growl und Gekeife sicher bewegte, sondern vor allem die klaren Töne in den Griff bekam. Das ist bei Pagan-Bands nicht unbedingt üblich, denn all die unausgebildeten Stimmen eiern ganz schön herum, wenn es gilt, live jene cleanen Passagen zu intonieren, die auf Platte so stimmungsvoll klingen. Ecthelion bildet da eine Ausnahme, rutschte nur sehr selten mal einen Ton ab. Der Pagan Metal der Sachsen hat etwas Erhabenes, was auch beim NLF rüberkam, wenngleich die Band noch unter Tageslicht ihr Set herunterzockte. Am Ende gab es noch eine Hommage an die glorreichen 80er Jahre mit „Heavy Metal Breakdown“ von Grave Digger. THRUDVANGAR machten das Einheit-Quartett komplett. Deren Pagan/Viking Metal kommt auf CD schon ziemlich gut, hat aber live noch einiges mehr an Durchschlagskraft. Wenn der Fronter mit gestähltem Oberkörper auf den Knien abgestützt die Matte kreisen ließ, fürchtete man um seine Nackenwirbel. Neuentdeckungen, zumindest für einen Großteil der Besucher, konnten ebenfalls vermeldet werden. NORTHLAND aus Spanien zelebrierten mit Fingerspitzengefühl arrangierte Songs, hochherrliche Melodien. Folk/Pagan ist deren Devise, untermalt von sauberen Violinenklängen. Daß sich die anderen Instrumentalisten hin und wieder mal vergurkten, machten sie mit einer unbändigen Spielfreude wieder wett. Einen echten Hinkucker stellte die Frau an der Baßgitarre dar, deren Gerät beinahe genauso groß war wie sie selbst. AZAHELS FORTRESS sorgten als zweite Band des ersten Tages gleich für eine Überraschung, denn ihr grimmig heruntergespielter Black/Death Metal war von einem fetten Kaliber. Ohne viel Schnickschnack bolzten sie Old-School-Material aus den Verstärkertürmen. Ihnen hätte ein späterer Platz im Billing sicher gut getan, wenngleich diesen frommen Wunsch alle Bands hegen, die vor 19 Uhr auf die Bretter müssen. VESNA aus der Tschechei waren ein Farbtupfer, und das nicht etwa wegen ihrer historischen Leinenkostüme. Sie starteten mit einem akustischen Folk-Teil und stiegen erst später auf das elektrische Equipment um. Sie wirkten tatsächlich wie aus einer vergangenen Zeit, wozu der Akustik-Part vorzüglich paßte. Das Quartett bemühte sich darüber hinaus um einen gut klingenden mehrstimmigen Gesang. Und schließlich ABROGATION. Die sind weder Black noch Pagan, sonder spicken melodiösen Death Metal geschickt mit Thash-Anleihen. Die Sachsen-Anhaltiner legten einen beachtenswerten Auftritt hin, der in erster Linie belegte, daß die Band in den zurückliegenden Jahren enorm selbstsicher geworden ist. Die Songs funktionieren alle, das Agieren der einzelnen Musiker hatte Rockschwein-Attitüde und sorgte für Aufmerksamkeit. STRYDEGOR aus Mecklenburg ließen sich von ihrem – im Vergleich zum Anreiseweg – undankbaren Spielplatz als dritte Band des zweiten Tages nicht beirren. Die jungen Kerle zeigten eine unerwartete Professionalität, indem sie loslegten, als stünden statt der 20 geradezu 2000 Leute vor der Bühne. Melodischer Black/Death Metal im Midtempo-Bereich dominierte das Set, das einige wirklich gute Songs beinhaltete. Von jenen Bands, die das Fundament eines jeden Festival darstellen, weil sie mit ihren soliden Auftritten jene Erwartungen erfüllen, die die Fans an sie stellen, gab es beim NLF auch einige. AHNENGRAB aus Deutschland, die einen eigenwilligen Pagan/Thrash Metal spielen, wirkten äußerst enthusiastisch. Vor allem der Sänger schien vor Energie geradezu platzen zu wollen. Manch andere Band hätte auf Position drei des ersten Tages vor den knapp 30 Hanseln resigniert ihr Set heruntergehobelt, AHNENGRAB hingegen gaben sich wie ein Co-Headliner. NOGROTH machten die Harlekine. Und das ist positiv gemeint. Mit ihrem folkigen Tanzmaterial, dem witzigen Outfit vom Lendenschurz bis zur schrulligen Körperbemalung und der naiv-fröhlichen Bühnenaktion waren die Deutschen äußerst unterhaltsam. Trotz doch eher simpler Songs. Folkiges Mittelalterflair verbreiteten einmal mehr SLARTIBARTFASS. Man mag über ihre Tonträgerveröffentlichungen denken, was man will – live ist die Band äußerst agil. Es knallt, die musikalische Botschaft kommt angesichts der zum Teil recht schönen Melodien und des gut überlegten Einsatzes des Dudelsacks gut zum Tragen. Und die Bläserin sieht klasse aus. Immer auffälliger agieren die Melodic-Deather von AEVERON in der Szene, die mit ihren Pagan-Themen unbedingt auf dieses Festival gehörten. Auch wenn das Wort für Metal-Musiker dieser Sorte nicht unbedingt optimal erscheint, wirken AEVERON auf den ersten Blick unheimlich freundlich. Das NLF war – wie aus den bisherigen Zeilen hervorgeht – eine Premiere mit Paukenschlag. Geiles Ambiente, großartiges Billing, Hammer-Atmosphäre. Es haperte ein wenig an der Versorgung. Bier gab`s genug, allerdings keinen Kaffee und lediglich einen Futterwagen mit Bathahn, Steak und Pommes. Aber das sind Randerscheinungen. Laut Michaela soll es eine zweite Auflage des NLF geben. Jetzt gilt es unter anderem, die Gemeinde wegen der Sachbeschädigungen zu beschwichtigen, sicher wird man im Veranstalter-Team das Geld zählen, um zu sehen, ob man finanziell auf der sicheren Seite steht. Mehr Fotos vom NLF gibt es unter www.myspace.com/interregnummusik zu sehen. Fotos: Claudia Tupeit DIES ATER, GRÄFENSTEIN, AHNENGRAB - 11. April 2009, Dark-Side-Club, Berlin Man könnte ja mit der für den Abend eigentlich geplanten Attraktion, DIES ATER, beginnen. Allerdings hieße das, beim Hausbau mit dem Dach anzufangen.
Text: JUB Fotos: Lutz Donath |