* NORTHERN LIGHTS FESTIVAL, 26. und 27. Juni 2009, Reichenthal, Schloß Waldenfels (Oberösterreich)
* DIES ATER, GRÄFENSTEIN, AHNENGRAB - 11. April 2009, Dark-Side-Club, Berlin



NORTHERN LIGHTS FESTIVAL, 26. und 27. Juni 2009, Reichenthal, Schloß Waldenfels (Oberösterreich)

Egal, wo man beim österreichischen NORTHERN-LIGHTS-Festival (NLF) am letzten Juni-Wochenende in mal mehr, mal weniger belanglose Gespräche verstrickt wurde – drei Personen spielten eine maßgebliche Rolle.
Da war zum einen der US-Pop-Star Michael Jackson, der sich entschlossen hatte, in der Nacht zum Tag der NLF-Premiere mal eben abzunippeln. Auch wenn der zu weißem Wachs gewordene Schwarze als Vertreter der „Black Music“ für Außenstehende und Unbedarfte allein durch die Stilbezeichnung eine scheinbare Nähe zu den Fans des NLF aufzuzeigen scheint, ist es doch eher ungewöhnlich, daß sich Black-Metal- und Pagan-Metal-Fans danach erkundigen, was denn nun dran sei an den Gerüchten, Michael Jackson sei gestorben. Für die verbindliche Information zu d e m Ereignis der Mainstream-Welt sorgte schließlich das Duo am Viking-Blood-Stand. Dort war irgendwann das Titelblatt eine Boulevard-Zeitung ausgestellt, die den Tod des pleite gegangenen „King Of Pop“ verkündete. Und um das Ganze gebührend zu würdigen, entwickelte sich der kleine Tisch zum Altar mit Gedenkkerze, Christenkreuz (dem Anlaß und dem Ort angemessen auf den Kopf gestellt) und einer Packung Taschentücher für jene, die eine Träne vergießen wollten. Ein Kondolenzbuch fehlte, was aber nicht weiter schlimm gewesen sein durfte, denn mehr als spöttische Schmäh-Kommentare hätte man eh nicht erwarten können. Und so wurde der tote Michel Hansen zu einer Art Running Gag an einem Platz, der für zwei Tage zu einer Insel im Meer der amerikanisierten flachen Europakultur mutierte und Leute vereinte, die sich einig waren in ihrer Abneigung gegen den globalisierten Popschwachsinn und in ihrer Hinwendung zu der derzeit ehrlichsten, subversivsten und extremsten Musik, die auf diesem Planeten existiert: Black und Pagan Metal.

Person Nummer zwei hatte unmittelbar mit dem Festival zu tun: Ash alias Kanwulf von NARGAROTH. In Deutschland ist der Mann mit seiner Band längst unerwünscht. Nicht von seinen Fans. Die gieren nach NARGAROTH-Tonträgern ebenso, wie sie Live-Konzerte wünschen. Der politische – da haben wir ihn wieder – Mainstream fürchtet sich jedoch vor Leuten, die in ihrer Persönlichkeit weder greifbar noch einzuordnen sind. Angestachelt von einem linksfaschistischen Mob, verpaßt man Ash wahlweise den Stempel eines Nazis, Satanisten oder Schwachsinnigen. An der letzten Unterteilung arbeiten Teile der Szene tatkräftig mit, weil es im Black Metal zum unguten Ton gehört, Mitstreiter den Teufel an den Hals zu wünschen. Nun, und davon singt Ash ja sein eigenes Lied, da er sich immer wieder aufbaut, um der Welt zu erklären, wo der wahre Black Metal zu suchen ist und wie er klingt. Nehmen wir nur den NARGAROTH-Stand auf dem NLF. Dort wurde auf einem ausgelegten Zettel schon mal unmißverständlich darauf aufmerksam gemacht, wer hier kaufen durfte und wer nicht. Und da hatten Leute mit T-Shirts von DIMMU BORGIR, ENDSTILLE oder EISREGEN schon mal schlechte Karten.

Und schließlich hielt Ash, was sein Name und Ruf versprach. Nicht nur, daß NARGAROTH (Schlagzeug, zwei Gitarren, Gesang) musikalisch einen bestechenden Gig ablieferten. Sie setzten dem Festival die Krone auf. Genie und Wahnsinn liegen bei Ash dicht beieinander, und so bot er den Festival-Besuchern einen Auftritt mit all seiner Black-Metal-Kunst, die zwischen Epik, Raserei und Abartigkeit zu finden ist. Musikalisch hat der Typ seit jeher Großes geleistet. Das sollte man live erleben. Mit Ash vor Augen, bei dem man nie genau weiß, ob er jetzt in jedem Moment Ratten ausspukt, mit einer Schrotflinte ins Publikum schießt oder in Tränen ausbricht, wird die Wirkung der NARGAROTH-Musik verdoppelt. Wer noch in der Lage ist, sich faszinieren zu lassen, wird sich dem Bann eines NARGAROTH-Auftritts nur schwerlich entziehen können.

Die dritte Person, die für einen maßgeblichen Höhepunkt auf dem Festival auf der Burg Waldenfels im oberösterreichischen Reichenthal sorgte, blieb anonym. Die Rede ist von einem Typen, der sich Shaddai nennt und im Netz eine Anti-NARGAROTH-Seite betreibt, die Ash zum notorischen Lügner, Homosexuellen, Schwachkopf, Feigling usw. stempelt. Das läßt auch ein Mysterium wie Ash/Kanwulf/René nicht kalt. „Ihr habt sie doch alle gesehen, die Seite“, schrie Ash ins Publikum. Die Hälfte der vor der Bühne stehenden hätte garantiert irgend eine Scheiße über ihn in Internet-Foren geschrieben. Deshalb: „Jetzt habt Ihr die Gelegenheit: Sagt es mir ins Gesicht, anstatt es ins Internet zu schreiben, denn hinterm Computer ist jedes Arschloch mutig.“ Mit Vehemenz bestritt er, eine „Schwuchtel“ zu sein: „Ich habe dicke Eier“, brüllte er ins Publikum. „Ich habe auf meiner Südamerika-Tournee mehr Weiber flachgelegt, als ihr jemals haben werdet.“ Die Fans schwankten zwischen Belustigung und Betroffenheit. Und wer nach den Kanwulfschen Wutattacken seine ganz persönliche Bestätigung gefunden zu haben glaubte, daß der Typ da oben einen Schuss haben mußte, der wurde mit dem Satz „Ein bisschen Humor gehört dazu“ von Ash sofort wieder in eine totale Verwirrung gestürzt.
Was war hier passiert? Hatten die Besucher des NLF den Anfang vom Ende einer Legende miterlebt? Oder wurden sie Zeuge einer Reinkarnation unter Schmerzen? – NARGAROTH polarisieren. Mit ihrer Musik, mit dem Image und Ash mit seinen Ansichten und Aussagen. Letztlich wird das NLF dafür gesorgt haben, daß der Mythos um diese Band weiter wächst. Und die Fans werden es bestätigen: Was wäre der Black Metal ohne seine Rätsel und Mythen? Ja, was wäre er, ohne seine Psychopathen?

Das NORTHERN LIGHTS stand unter einem schlechten Stern. Bereits 2008 hatte die ehrgeizige Veranstalterin Michaela die erste Auflage geplant gehabt, war von anonym agierenden Hütern der öffentlichen Moral allerdings gestoppt worden. Man kennt das: Da wird eine E-Mail an Genehmigungsbehörden oder Vermieter gesandt, in der von politischen Extremisten und der Gefahr der öffentlichen Sicherheit und Ordnung schwadroniert wird und schon knicken alle im vorauseilenden Gehorsam ein. Das ist nicht nur in Deutschland so, auch Österreich leidet unter dem Phänomen einer sich mehr und mehr ausbreitenden Meinungsdiktatur. Daß das Black- und Pagan-Metal-Festival in diesem Jahr nun doch über die Bühne ging, war weniger den unermüdlich agierenden Links-Fanatisten zu danken, die sich einsichtig ob des politisch unverdächtigen Charakters wieder hinter die Laptop-Linien zurückzogen. Vielmehr feuerten die im Vorfeld vor allem wegen der angekündigten Teilnahme von NARGAROTH eine Breitseite nach der anderen auf das Veranstalter-Team ab. Das NLF rettete die – nennen wir es ruhig so – Zivilcourage der Gemeinde und der Arsch in der Hose der Eigentümer des Schloß` Waldenfels in Reichenthal. Sie nahmen Denunziationen und Verleumdungen gelassen und hielten sich an jene, die den Mut hatten, ihnen von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu treten. Und wie man am Ende sehen konnte, hatten sie recht damit getan. Auch wenn die Bilanz der Veranstaltung nicht ohne Sachschäden an Vereinseigentum und Diebstählen aus dem Schloßinnenhof auskam (nachzulesen auf www.northern-lights-festival.com). Aber Rabauken und Knalltüten sind in jeder Szene zu finden.

Das Ambiente war traumhaft: Die Bühne nebst Bierstand befanden sich auf eben jenem Schlossinnenhof, unmittelbar am Einlass hatten sich zwischen brusthohen Hecken die CD- und Merch-Stände breitgemacht und nur wenige Meter entfernt stellten Fans und Bands an einem malerischen Hügel ihre Zelte auf und Fahrzeuge ab. Hinzu kam ein solides Wetter, das zumindest tagsüber mitspielte; es erreichte zu Spitzenzeiten eine fast drückende Schwüle, um an beiden Festival-Abenden dann aber in Regengüsse umzuschlagen. Der Stimmung taten diese kleinen Kapriolen jedoch keinen Abbruch.

Das Festival war mit Höhepunkten musikalischer Art reich bestückt. Große Gesten, gut durchdachte Aufstellungen in uniformiertem Bühnenoutfit und einen Hippiegeiger boten die Viking-Metaller MANEGARM aus Schweden, deren Schattenstatus hinter THYRFING nach diesem Auftritt doppelt unverständlich erscheint. Die obligatorischen Norweger, RAGNAROK, ließen groovigen Black Metal und rasantes Melodiegetöse ab. Sie spielten sich durch ihr Repertoire und stellten selbst beinharte Pagan-Fans zufrieden. Denn ein hitziger Gig, in dem jeder Moment nach Blut und Schweiß riecht, läßt keinen kalt. Selbst wenn die Musik noch so frostig ist. Die angriffslustigen TRIMONIUM wurden wegen der fehlenden KRODA zum Co-Headliner des zweiten Tages. Letztere hatten wegen eines Antifa-Angriffes in Polen absagen müssen. Dort waren sie von einem Schlägerkommando überfallen und teilweise verletzt worden, was ihnen eine Teilnahme am NLF unmöglich machte.

Zu den ganz klaren Gewinnern des Festivals gehörten darüber hinaus KROMLEK, FINSTERFORST, und das italienischer Extrem-Duo, DRAUGR und HANDFUL OF HATE. KROMLEK: kamen herangewuchtet wie ein Stoßtrupp, der durchgeknallt neben Black/Folk-Getrümmer sogar ein paar Techno-Parts bot. FINSTERFORST: zu Tönen gewordene Ausgelassenheit, die Folk/Pagan Metal neu definiert. DRAUGR: mörtelten wie die begasten einen ultra-brutalen Black/Folk Metal herunter, daß man förmlich in den Schloßhof-Boden gezimmert wurde. HANDFUL OF HATE: gnadenlos in die Fresse geknüppelter Black Metal aus Italien mit fiesen Typen auf der Bühne.

Aus dem Hause Einheit Produktionen gehörten neben TRIMONIUM und FINSTERFORST noch weitere Bands zum Billing, die das NLF maßgeblich bereicherten. Die dritte Band im Bunde waren ANDRAS. Die punkteten einmal mehr mit ihrem Sänger Ecthelion, der sich nicht nur im Growl und Gekeife sicher bewegte, sondern vor allem die klaren Töne in den Griff bekam. Das ist bei Pagan-Bands nicht unbedingt üblich, denn all die unausgebildeten Stimmen eiern ganz schön herum, wenn es gilt, live jene cleanen Passagen zu intonieren, die auf Platte so stimmungsvoll klingen.  Ecthelion bildet da eine Ausnahme, rutschte nur sehr selten mal einen Ton ab. Der Pagan Metal der Sachsen hat etwas Erhabenes, was auch beim NLF rüberkam, wenngleich die Band noch unter Tageslicht ihr Set herunterzockte. Am Ende gab es noch eine Hommage an die glorreichen 80er Jahre mit „Heavy Metal Breakdown“ von Grave Digger.

THRUDVANGAR machten das Einheit-Quartett komplett. Deren Pagan/Viking Metal kommt auf CD schon ziemlich gut, hat aber live noch einiges mehr an Durchschlagskraft. Wenn der Fronter mit gestähltem Oberkörper auf den Knien abgestützt die Matte kreisen ließ, fürchtete man um seine Nackenwirbel.

Neuentdeckungen, zumindest für einen Großteil der Besucher, konnten ebenfalls vermeldet werden. NORTHLAND aus Spanien zelebrierten mit Fingerspitzengefühl arrangierte Songs, hochherrliche Melodien. Folk/Pagan ist deren Devise, untermalt von sauberen Violinenklängen. Daß sich die anderen Instrumentalisten hin und wieder mal vergurkten, machten sie mit einer unbändigen Spielfreude wieder wett. Einen echten Hinkucker stellte die Frau an der Baßgitarre dar, deren Gerät beinahe genauso groß war wie sie selbst. AZAHELS FORTRESS sorgten als zweite Band des ersten Tages gleich für eine Überraschung, denn ihr grimmig heruntergespielter Black/Death Metal war von einem fetten Kaliber. Ohne viel Schnickschnack bolzten sie Old-School-Material aus den Verstärkertürmen. Ihnen hätte ein späterer Platz im Billing sicher gut getan, wenngleich diesen frommen Wunsch alle Bands hegen, die vor 19 Uhr auf die Bretter müssen.

VESNA aus der Tschechei waren ein Farbtupfer, und das nicht etwa wegen ihrer historischen Leinenkostüme. Sie starteten mit einem akustischen Folk-Teil und stiegen erst später auf das elektrische Equipment um. Sie wirkten tatsächlich wie aus einer vergangenen Zeit, wozu der Akustik-Part vorzüglich paßte. Das Quartett bemühte sich darüber hinaus um einen gut klingenden mehrstimmigen Gesang. Und schließlich ABROGATION. Die sind weder Black noch Pagan, sonder spicken melodiösen Death Metal geschickt mit Thash-Anleihen. Die Sachsen-Anhaltiner legten einen beachtenswerten Auftritt hin, der in erster Linie belegte, daß die Band in den zurückliegenden Jahren enorm selbstsicher geworden ist. Die Songs funktionieren alle, das Agieren der einzelnen Musiker hatte Rockschwein-Attitüde und sorgte für Aufmerksamkeit. STRYDEGOR aus Mecklenburg ließen sich von ihrem – im Vergleich zum Anreiseweg – undankbaren Spielplatz als dritte Band des zweiten Tages nicht beirren. Die jungen Kerle zeigten eine unerwartete Professionalität, indem sie loslegten, als stünden statt der 20 geradezu 2000 Leute vor der Bühne. Melodischer Black/Death Metal im Midtempo-Bereich dominierte das Set, das einige wirklich gute Songs beinhaltete.

Von jenen Bands, die das Fundament eines jeden Festival darstellen, weil sie mit ihren soliden Auftritten jene Erwartungen erfüllen, die die Fans an sie stellen, gab es beim NLF auch einige. AHNENGRAB aus Deutschland, die einen eigenwilligen Pagan/Thrash Metal spielen, wirkten äußerst enthusiastisch. Vor allem der Sänger schien vor Energie geradezu platzen zu wollen. Manch andere Band hätte auf Position drei des ersten Tages vor den knapp 30 Hanseln resigniert ihr Set heruntergehobelt, AHNENGRAB hingegen gaben sich wie ein Co-Headliner. NOGROTH machten die Harlekine. Und das ist positiv gemeint. Mit ihrem folkigen Tanzmaterial, dem witzigen Outfit vom Lendenschurz bis zur schrulligen Körperbemalung  und der naiv-fröhlichen Bühnenaktion waren die Deutschen äußerst unterhaltsam. Trotz doch eher simpler Songs. Folkiges Mittelalterflair verbreiteten einmal mehr SLARTIBARTFASS. Man mag über ihre Tonträgerveröffentlichungen denken, was man will – live ist die Band äußerst agil. Es knallt, die musikalische Botschaft kommt angesichts der zum Teil recht schönen Melodien und des gut überlegten Einsatzes des Dudelsacks gut zum Tragen. Und die Bläserin sieht klasse aus. Immer auffälliger agieren die Melodic-Deather von AEVERON in der Szene, die mit ihren Pagan-Themen unbedingt auf dieses Festival gehörten. Auch wenn das Wort für Metal-Musiker dieser Sorte nicht unbedingt optimal erscheint, wirken AEVERON auf den ersten Blick unheimlich freundlich.
Kein Festival ohne Abkacker, wenngleich der Begriff für die folgenden Bands sicher zu hart gewählt ist. Allerdings fielen sie anhand des wirklich hohen Qualitätslevels auf dem NLF verhältnismäßig ab. Die Österreicher von ATRATUS litten sicher ein wenig darunter, das Fest eröffnen zu müssen. Allerdings konnte man nach deren Auftritt mit Fug und Recht behaupten, daß all jene, die nicht vor Ort waren, nichts verpaßt hatten. Die Band servierte müden Pagan Metal und fiel durch schiefe Gitarren- und Gesangstöne auf.
PANYCHIDA konnten zwar mit ihrer Sängerin punkten. Mangels Selbstbewußtsein, geriet die Bühnenpräsenz der Band aber recht dürftig. Den ersten beachtlichen Publikumszuspruch konnten am zweiten Tag THORONDIR verzeichnen.  Das verwunderte insofern, als daß die Band eher Durchschnittliches bot, wenngleich keine wirklich schwachen Songs auszumachen waren. Was unbedingt auffiel, war das unbeholfene Bühnenverhalten der Musiker, die zwischen den Songs unsicher auf und ab gingen, miteinander redeten, die Instrumentalisten nervöse Töne hören ließen. Diese Kunstpausen konnten mit Soundproblemen auf der Bühne zusammengehangen haben, sollten aber geschickter ausgefüllt werden.
Und immer wieder trifft es Bands auf einem mehrtägigen Festival, derer die Fanzine-Schreiber nicht ansichtig werden. Der Gründe dafür gibt es sicher viele, keiner ist eine echte Entschuldigung. Aber leider bleiben CTULU und HEATHEN FORAY an dieser Stelle unbesprochen.
Zuguterletzt ein paar Worte zu MINAS MORGUL aus Frankfurt/Oder. Bei deren Auftritt am frühen Freitagabend regierte die Artillerie. Was da auf das Publikum niederprasselte, war geradezu körperlich zu spüren. Und wenn man dazu die frech-arroganten Gesichter der Glatzkopfgitarristen sah, wurde deutlich, daß die da oben genau wußten, daß sie derzeit nicht nur grandiose Black-Metal-Kracher im Gepäck haben, sondern auch auf der Bühne bestens eingespielt sind. Hinter der Bühne waren sie das weniger, denn – wie es hieß – war ein paar Mitglieder nach dem NARGAROTH-Gig volltrunken unterwegs, um Ash aufzumischen. Diskutiert wird darüber im Netz schon ein paar Tage, richtig logisch ist weder das angebliche Ansinnen der Frankfurter noch das Hin und Her, das sich im Nachhinein daraus entwickelte. Sollten MINAS MORGUL tatsächlich Ambitionen gehabt haben, Ash zu vertrümmen (aus welchem Grund auch immer), kann einen das nur ein müdes Lächeln abringen.

Das NLF war – wie aus den bisherigen Zeilen hervorgeht – eine Premiere mit Paukenschlag. Geiles Ambiente, großartiges Billing, Hammer-Atmosphäre. Es haperte ein wenig an der Versorgung. Bier gab`s genug, allerdings keinen Kaffee und lediglich einen Futterwagen mit Bathahn, Steak und Pommes. Aber das sind Randerscheinungen. Laut Michaela soll es eine zweite Auflage des NLF geben. Jetzt gilt es unter anderem, die Gemeinde wegen der Sachbeschädigungen zu beschwichtigen, sicher wird man im Veranstalter-Team das Geld zählen, um zu sehen, ob man finanziell auf der sicheren Seite steht.
Auf jeden Fall stellt das NLF eine Bereicherung der eigentlich völlig übersättigten Festival-Landschaft dar. Black- und Pagan-Fans sollten sich überlegen, vielleicht 2010 einen Trip nach Österreich einzuplanen.

Mehr Fotos vom NLF gibt es unter www.myspace.com/interregnummusik zu sehen.

Text: JUB
Fotos: Claudia Tupeit










DIES ATER, GRÄFENSTEIN, AHNENGRAB - 11. April 2009, Dark-Side-Club, Berlin

Man könnte ja mit der für den Abend eigentlich geplanten Attraktion, DIES ATER, beginnen. Allerdings hieße das, beim Hausbau mit dem Dach anzufangen.
Der Auftritt der seit Jahren umstrittenen Black-Metal-Band am 11. April 2009 im Berliner Dark-Side-Club sollte ein beso
nderer werden. Denn immerhin munkelt man, DIES ATER würden in Kürze ihrer musikalischen Karriere ein Ende setzen wollen. Das heißt, man wird die Band unter Umständen beim „Wave Gothic Treffen“ in Leipzig am 29. Mai 2009 ein letztes Mal live erleben können. Vielleicht gibt es noch das ein oder andere Sommer-Festival oben drauf. Dann könnte jedoch Schluß sein …
Auch wenn es zu Beginn des Abend in Sachen Besucherzustrom eher dürftig aussah, entwickelte sich das als „Unholy Estern Terror“ angekündigte Konzert mit der voranschreitenden Zeit zu einer außerordentlich gut besuchten Veranstaltung. DIES ATER scheinen in Berlin immer noch einen feste Größe zu sein, auch wenn sie sich auf den Bühnen der Hauptstadt eher rar gemacht haben. Allerdings mußten AHNENGRAB als erste Band des Billings nicht gerade vor leerer Kulisse auftreten.
Die Band, die gerade mit ihrem selbstbetitelten Debüt-Album auf sich aufmerksam machen konnte, lieferte einen soliden Auftritt ab. Ihr mit klassischen Heavy-Elementen bestückter Pagan Metal ist zumindest gut genug, um live zu unterhalten. Sie knicken quasi Äste, wenn sie durchs Dickicht gehen. Mehr allerdings noch nicht.
Anders GRÄFENSTEIN. Die fackeln binnen weniger Minuten einen ganzen Wald ab. Und das nahegelegene Dorf brennt auch gleich noch mit nieder. Ach, und wenn wir schon mal dabei sind: Daß der Dark-Side-Club nicht eingestürzt ist, war reine Glückssache. Das Trio um den charismatischen Frontmann Greifenor entlockt einem Rezensenten sämtliche Stereotype von „infernalischem Sturm“ bis „wilde Raserei“. Jeder, der unter 50 Kilo wiegt und sich erdreistet, zu einem GRÄFENSTEIN-Konzert zu gehen, sollte sich entweder an einen Pfeiler binden oder die Füße am Boden festtackern – sonst haut`s ihn an die Wand. Witzig ist die Vorstellung, jemanden, der nicht einmal weiß, daß es Black Metal gibt, verschlägt es auf einen Gig dieser Band – für den bricht sein gesamtes Weltbild zusammen. Denn gerade Greifenor hat mit seinen roten Haaren, dem kalkweiß geschminkten Gesicht und den tiefschwarzen Augenrändern nur wenig von einem Menschen im eigentlichen Sinne. Aber auch Basser Hackebeil (welch geiler Name) und Schlagzeuger Ulvernost passen bestens ins abgründige Bild. Oje, DIES ATER – wie wolltet ihr das toppen?
Das haben die Berliner schon mal gar nicht erst versucht. Vielmehr schickten sie sich an, mit getrageneren Stücken und satten Keyboard-Wänden die zurückgelassenen Trümmerberge zusammenzuschieben, um darauf ein eigenes musikalisches Gebilde aufzubauen. Das hätte der Band gelingen können, wenn da gleich in den ersten zehn, 15 Minuten nicht ein paar hörbare Schwächen im Zusammenspiel aufgetaucht wären, die den gesamten Fluß der Musik störten. Auch fehlte es der Band noch nach einer halben Stunde an jener Energie, die so wichtig ist, um den berühmten Funken zwischen Bühnenakteure und Publikum zu entfachen. Und so klangen dann auch die besten Songs, die auf Platte begnadet funktionieren, live ein wenig müde. Trotz dieses Mankos absolvierten DIES ATER immer noch einen annehmbaren Gig, der einmal mehr von Gitarrist/Sänger Nuntius Tristis und Baßist/Sänger Torgrim dominiert wurde. Gitarrist Ebonizer macht durch seine Größe und körperliche Präsenz einiges her, bleibt aber viel zu sehr Hintergrundfigur. Keyboarder Ole Caust – wie eigentlich immer ungeschminkt und bewußt statisch – brillierte mit fein gesetzten Synthi-Melodien.
DIES ATER haben bis zum „Wave Gothic Treffen“ noch einiges an Arbeit vor sich. Denn dann gilt es, einen zigtausendköpfigen Mob die Haare von der Birne zu spielen. Dafür wird mehr Präsenz von Nöten sein. Wer den Gig der Band auf dem letztjährigen INTERREGNUM FEST gesehen hat, weiß, wie das aussehen könnte. Auch wenn DIES ATER hier damals ungeschminkt die Bühne enterten, sprühten sie vor Spiellaune und Unbekümmertheit.

Text: JUB

Fotos: Lutz Donath