CELTIC FROST
Interregnum im Gespräch mit Martin Eric Ain (bg)
Gesendet am 06. Juni 2006

Sie sind zurück. CELTIC FROST, Anfang der 80er Jahre Mitbegründer des Black Metal und Wegbereiter der unterschiedlichsten Spielarten im Death Metal haben sich entschlossen, das neue Jahrtausend mit ihren unheilvollen Klängen zu bereichern. Am Anfang des zweiten Lebens dieser Schweizer Band steht das Album „Monotheist“, das der Band in jeder Note zur Ehre gereicht. Düster und bösartig kommt es daher und nährt die Hoffnung, daß CELTIC FROST Tiefpunkte und Querelen überwunden haben.
Warum gibt es CELTIC FROST wieder?
Oh, das ist eine dieser Fragen, wenn ich die einfach beantworten könnte, dann würde ich Dir jetzt sagen, ja oder nein. Aber das geht ja mit diesen Fragen nicht. Wir haben fünf Jahre gebraucht, um das für uns selber ’rauszufinden. Wie soll ich Dir das beantworten?
Versuch es einfach kurz.
Ich glaube, Tom und ich haben einfach realisiert, daß das, was wir gemacht haben damals, für uns so von Bedeutung war und auch immer noch ist, daß wir uns wieder damit auseinandersetzen wollten, oder sogar das Gefühl hatten, daß wir das mußten. Zumindest nach einem gewissen Zeitpunkt als wir angefangen haben, daran zu arbeiten, war das eigentlich quasi wie unumgänglich, das war eigentlich ein Müssen, nicht mehr unbedingt ein Wollen. Und ich glaube, daß das für uns privat als auch für uns als Gruppe ein sehr wichtiger Punkt war. Sich wieder bewußt zu werden, wo sind wir eigentlich, wer sind wir und was machen wir jetzt hier. Ich glaube das hört man auch dem Album an.
Wer von Euch beiden hatte denn die Idee? Hat einer den anderen angerufen, oder was ist passiert?
Das war eigentlich erstaunlicherweise unsere alte Plattenfirma Noise. Die hat aber nicht die Idee gehabt, sondern sie hatte den Gedanken die Re-Issues ’rauszubringen, unseren Back-Katalog. Und da waren der Tom und ich quasi gezwungen, uns wieder zusammenzusetzen und uns mit unserer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Und dann sind diese Fragen halt wie beiläufig aufgetaucht. Das war 1999, und der Tom hat sich da eigentlich mehrheitlich um die Re-Issues gekümmert, wir haben das miteinander durchdiskutiert, und dann habe ich ihm einfach freie Hand gegeben. 2001 ist er mich angegangen und hat gefragt: Martin, was meinst Du, wollen wir das noch einmal wagen und probieren, und dann hab ich halt gesagt: Ja.
Wenn man so eine Legende ist, wie Ihr es seid, und man entschließt sich dann tatsächlich nach so einer langen Zeit wieder ein neues Album zu machen, stellt sich für mich wirklich jedes Mal, wenn ich von solchen Reunions erfahre, die Frage, wie geht man ran an ein neues Album. Wie will man denn Musik machen, die eventuell an die Glanzzeiten anknüpft oder die vielleicht was ganz Neues darstellt, um das alte Material nicht zu beschädigen. Welche Gedanken hat man dabei, um nicht die Legende kaputt zu machen?
Das sind im Grunde dieselben Fragen, die wir uns auch gestellt haben. Das war unter anderem auch der Grund, warum das fast fünf Jahre gedauert hat, um alles auf die Reihe zu kriegen. Und ich spreche jetzt hier nicht nur von der Musik, sondern wir sprechen davon, daß eine Band sich finden muß, die im eigentlichen Sinne ja gar nicht existiert. CELTIC FROST, das ist Vergangenheit. Der Tom und der Martin, die wieder zusammengekommen sind, das sind nicht mehr der Tom und der Martin von 1984 als wir CELTIC FROST gegründet haben oder als wir HELLHAMMER auflösten. Es waren dieselben Fragen, die wir uns gestellt haben, Dieselbe Auseinandersetzung. Ein Großteil haben wir als erstes analysiert, um diese Fragen richtig beantworten zu können oder um ’rauszufinden, was eigentlich CELTIC FROST für uns bedeutet heutzutage. Wir mußten uns mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen: Was war eigentlich der Grund, warum wir überhaupt angefangen haben, Musik zu machen? Warum haben wir damals mit HELLHAMMER begonnen? Was wollten wir eigentlich mit CELTIC FROST? Aus diesem Hintergrund heraus haben wir dann die neuen Songs geschrieben. Wichtig war es natürlich auch, die richtigen Mitstreiter zu haben. Wir haben zum Anfang Reed St. Mark gefragt, unseren Schlagzeuger in den 80er Jahren, der auch auf der „To Mega Therion“ und „Into the Pandemonium“ gespielt hat. Der konnte aus verschiedenen Gründen nicht dabei sein. So waren wir am Anfang nur zu dritt. Das waren der Tom, der Erol, unser Gitarrist, den er von Apollyon Sun mitgebracht hatte, und ich, ohne Schlagzeuger. Wir haben anderthalb Jahre Musik geschrieben ohne ein richtiges Schlagzeug, haben einen Schlagzeuger gesucht und glücklicherweise dann genau zum richtigen Zeitpunkt den Franco Sesa gefunden, nämlich genau in dem Moment als die Band kurz davor war, erneut komplett auseinander zu fallen. Weil wir uns einfach beim Musik machen verloren haben. Er hat den richtigen Focus wieder zurückgebracht.
Ich möchte die „Monotheist“ jetzt nicht analysieren, aber warum ist sie so unheimlich düster, doomig geworden?
Ich glaube, weil sie widerspiegelt, wie wir uns zu dem Zeitpunkt gefühlt haben und wie wir uns jetzt vielleicht noch ein bißchen fühlen, wobei ich glaube, ein Teil davon ist tatsächlich in Form von Musik auf die Platte gebannt. Wir wurden in der Auseinandersetzung mit uns selbst und unserer Vergangenheit mit unseren eigenen alten Dämonen oder gewissen Geistern, die wir eigentlich schon lange weg geglaubt hatten, erneut konfrontiert. Und ich glaube, ein Teil davon ist in Form von Tönen jetzt auf diese Platte gebannt. Es gab da wirklich Momente, wo nicht mehr viel Kommunikation zwischen Tom und mir möglich war. Es gab auch Momente, wo jeder von uns irgendwo kurz vor dem Abgrund wiederfand. Und das war, glaube ich, unsere Möglichkeit, das zu verarbeiten.
Eure Schweißplatte sozusagen.
Schweißplatte, ja, wenn Du es so haben willst. Das, was wahrscheinlich das Gesichtstuch von Jesu Christi ist, ist die „Monotheist“ für uns, einfach ohne Dornenkrone.
Auf „Synagoga Satanae“ gibt’s zum Schluß ein deutsches „Vater unser“ auf eine ganz spezielle Art.
Genau, das ist quasi mein persönliches „Vater unser“, das ich für mich selber verfaßt habe.
Das ist das erste Mal, das ihr irgend etwas Deutsches in den Texten habt.
Das ist das erste Mal, richtig.
Weil’s momentan hipp ist, deutsche Sachen drin zu haben?
Nein, ich glaube, weil’s einfach sehr persönlich war, das „Vater unser“ in Deutsch zu schreiben. Es ist ja auch nicht der ganze Song auf Deutsch. Der Songtitel ist Latein. Und der größte Teil des Textes ist Englisch, und dann haben wir noch lateinische Passagen aus der Johannesoffenbarung drin. Und dann war da dieser Teil, den ich vorgesehen hatte für das Gebet. Ich habe am Anfang auch probiert, das Gebet auf Englisch zu verfassen, und es ist dann immer so eine pathetische Scheiße rausgekommen dabei. Ich hab einfach gemerkt: Moment, nein. Worum geht es eigentlich? Da geht’s um mich, und in welcher Sprache würde ich beten, oder in welcher Sprache habe ich gebetet, als ich noch ein Kind war? Ich wurde ja relativ streng religiös erzogen. Ich weiß nicht, ob Du es weißt, aber meine Mutter war katholische Religionslehrerin. Und als Kind war das ein relativ zentrales Element, in meiner Jugendzeit war das dann nicht mehr so wichtig, aber die Auseinandersetzung damit war für mich wichtig. Da ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen: Deutsch muß es sein. Dann habe ich noch eine andere kurze Passage reingenommen, die reflektiert auf das Faust-Thema. Nicht unbedingt in Bezug auf Goethe, sondern in Bezug auf „Doktor Faust großer Höllenzwang“, was eine Sammlung ist von Beschwörungen, wie man Geister der Unterwelt sich dingbar machen kann.
Eine Sache hab ich jetzt noch zum Gitarrensound. Wenn ich den ersten Song höre, dann sind da eher diese schleifenden Gitarren, wo die Töne nicht so genau stehen, sondern wo sie schwingen, wie es heutzutage eben halt auch viele New-Metal-Bands haben. Im ersten Moment hab ich einen Schreck gekriegt, als ich die Platte durchhörte. Als ich dann aber wieder mit dem Song anfing, ist mir aufgefallen, daß Ihr diese schleifenden Gitarrentöne eigentlich schon früher genutzt habt.
Genau.
Also haben die New Metaller von Euch ebenfalls gelernt.
Phil Anselmo trägt über seinen gesamten Rücken das Morbid-Tales-Heptagramm. Und Tom hat mir kürzlich mal sein Handy rübergeschoben, da war eine Message von Phil Anselmo drauf, daß er gerne mit ihm mal sprechen würde. Ich glaube er hat die Nummer von Satyr von Satyrican gekriegt, der ja auch auf „Synagoga Satanae“ in einer Passage kurz mitsingt. Ja, anscheinend haben wir auch New Metaller lustigerweise - der absurderweise muß man sagen - beeinflußt. Ich habe kürzlich ein Interview gelesen mit dem Gitarristen von Creed, ich weiß nicht mehr, ob das in einem Magazin oder Online war. Und da wurde er gefragt, was waren für ihn einflußreiche Bands, woher hat er seine Inspiration, und da hat er Celtic Frost erwähnt. Und spezifisch „To Mega Therion“. Er hat das natürlich selber auch als absurd empfunden, daß man in einer Band spielt, die so fundamentalistisch christlich wahrgenommen wird und daß man dann „To Mega Therion“ und Celtic Frost als Einfluß angibt. Und Einflüsse hin oder her, das sind Gitarren, die hatten wir eigentlich schon bei Hellhammer, diese stehenden, schleifenden Gitarren. Und Hellhammer war für uns selbst sicherlich einer der größten Einflüsse. Wir sind wirklich zurück zu den Wurzeln und haben gesagt, okay, was war die Essenz, warum haben wir eigentlich angefangen, Musik zu machen, und wie haben wir begonnen. In dem Bewußtsein natürlich, daß es niemals die alten Zeiten werden würden, geschweige denn die guten alten Zeiten. Und daß wir auch nicht mehr so tun können, als ob wir nicht spielen könnten wie damals, als ich mit 16 den Baß vielleicht gerade mal ein paar Monate in den Händen gehalten habe, als ich das „Satanic Rites“-Demo eingespielt habe, oder hätte einspielen sollen.
Überhaupt ist der Einfluß von Celtic Frost auf die Metal-Szene riesengroß, Bands covern Eure Songs, benennen sich nach ihnen oder versuchen gar Euren ureigenen Groove zu imitieren, um darauf ihr Konzept aufzubauen, ich erinnere zum Beispiel an Ursurper aus Chicago. Wie kommt das bei Dir an. Was hältst Du davon?
Oder Warhammer aus Deutschland.
Ja zum Beispiel. Genau.
Ich hab das ja so ein bißchen von außerhalb in den letzten 15 Jahren wunderbar begutachten können. Von der Entwicklung der amerikanischen oder der skandinavischen Death-Metal-Szene über die norwegische Black-Metal-Szene bis hin zu einer Band wie Nirvana, die von CELTIC FROST beeinflußt gewesen sei, als sie Bleech aufgenommen haben - Zitat von Kurt Cobain und Krist Novoselic. Es war dann irgendwann ein bißchen absurd, als ich realisiert habe, daß da Bands, wo ich persönlich das Gefühl habe, sie sind bessere Musiker und schreiben bessere Songs als wir das mit CELTIC FROST gemacht haben daß die plötzlich gesagt haben, wir seien ein Einfluß gewesen. Und ich hab dann auch erst in der Retrospektive realisiert, was das wahrscheinlich war, was die in CELTIC FROST alle gesehen haben. Ich glaub, was wir eigentlich waren, war einzigartig. Wir haben unsere eigene Musik gemacht, aus uns selber heraus und nicht versucht, so zu sein wie irgendjemand anderes. Und wir haben uns wirklich sehr hart mit dem auseinandergesetzt, haben sehr hart daran gearbeitet, um unsere eigene Sache machen zu können. Und ich glaube davon haben sich wahrscheinlich einige inspirieren lassen.
Welche von diesen Bands, die Euch als Einfluß nennen, schafft es, dem Geist von CELTIC FROST am Nahesten zu kommen?
Ehrlich gesagt sind das die, wo man CELTIC FROST wahrscheinlich gar niemals raushören würde. Und zwar weil ich glaube, daß die einfach wirklich so mit sich selber gearbeitet haben, daß sie die Essenz von dem, was für uns wichtig war, realisiert haben nämlich daß es möglich ist, an sich selber zu arbeiten, man selbst zu sein.
Wenn Bands Euch als Vorbild nennen, sind es meist Death- oder Black-Metal-Bands. Wo seht Ihr Euch selbst am Liebsten, im Death-Bereich oder im Black Metal?
Ehrlich gesagt, ist das komplett egal. Zumindest mittlerweile. Ich glaube, früher haben wir uns mal bewußt als Death-Metal-Band bezeichnet, um uns vom Black Metal abzugrenzen. Das war damals, als wir von HELLHAMMER zu CELTIC FROST mutiert sind. Das war eine bewußte Entscheidung. Für uns war klar: HELLHAMMER ist eine Sackgasse, und diese ganze Black-Metal-Schiene wird sehr eindimensional. Das war damals schon ein Riesen-Hype und es gab damals schon Fanatiker, die das alles wortwörtlich und ernst genommen haben. Für uns ist das symbolisch, metaphorisch. Unsere Revolution, unsere Rebellion ist eine symbolische Rebellion und wir benutzen die Kunst als Mittel zum Zweck und nicht umgekehrt. Und ich glaube mittlerweile hat sich das alles auch wieder stark relativiert. Ich seh auch die ganze Norwegerszene zum Teil mit anderen Augen mittlerweile und nicht nur einfach schwarz/weiß, obwohl sie ja auch gerne mit diesen Klischees arbeiten. Aber jemand wie Isahn von Emperor ist ein sehr intelligenter Mann, der wirklich sehr vernünftige Aussagen machen kann. Auch jemand wie Satyr von Satyricon ist ein wirklich sehr fähiger Musiker, der verdammt gute Rockmusik schreibt, geschweige denn Metal-Alben. Also für mich ist „Vulcano“ ein hervorragendes Metal-Album zum Beispiel. Ich glaube, es gibt aber immer noch diese Satanisten in Anführungszeichen, Fundamentalisten wie Gorgoroth, die ihr Ding konsequent durchziehen, wo es nicht nur eine Imagefrage ist, die sich aber noch selber treu sein können, ohne daß es dann irgendwie anfängt peinlich zu werden.
Also so wie ich das verstanden habe, hast du früher eine etwas kritischere Sicht auf die Black-Metal-Szene gehabt als jetzt?
Ich würde sagen, ich bin auch immer noch sehr kritisch, aber es hat sich stark relativiert, weil ein Großteil der Idioten sich selbst rausgebuchst hat - im wahrsten Sinne des Wortes. Und die anderen Leute haben sich weiterentwickelt und an sich gearbeitet. Auch wenn sie sich noch tatsächlich als Satanisten bezeichnen, hat das garantiert einen anderen Ausdruck heutzutage als das wahrscheinlich noch vor 15 Jahren der Fall war. Ich glaube kaum, daß sich Isahn oder irgendeiner von Gorgoroth heutzutage hinstellen und irgendwelche Kirchen anzünden würden, um ihre Meinung rüberzubringen. Ich glaube, sie haben da auch andere Mittel erreicht, um sich auszudrücken. Und was für mich auch sehr faszinierend war, ist die Death-Metal-Szene. Das wird ja leider Gottes durch die Theatralik der Black-Metal-Szene oft vergessen. Die ganze skandinavische Death-Metal-Szene wie zum Beispiel Entombed, Unleashed oder auch Hypocrisy und Dismember hab ich als extrem spannend empfunden. Und war dann eigentlich noch mehr angetan von der ganzen amerikanischen Sache. Morbid Angel - bin ich immer noch begeistert von, die alten Werke sind meiner Meinung nach die absoluten Überflieger. Und wenn dann Bands wie Sepultura aus Brasilien kommen und einen als Einfluß erwähnen und dann noch einen Song covern von einem, dann ist das natürlich schon eine Ehrerbietung.
Tom erzählte jüngst in einem Interview, daß ihr beiden 1984 bereits das gesamte Konzept der Band CELTIC FROST, inklusive musikalischer Ausrichtung, Cover, Songtitel, Albumtitel, Image etc. alles in Buchform ausgearbeitet hattet und das dann komplett zur Plattenfirma schicktet. Ihr hattet quasi in diesem Buch bis ins Jahr 1987 detailgetreu alles vorausgeplant. Das ist eine beachtliche Leistung: Bestehen Pläne, dieses Buch einmal zu veröffentlichen und den Frost-Fans zugänglich zu machen?
Also ich weiß nicht wirklich, ob der Tom vollständig drüber verfügt. Ich glaube, das wurde uns selber auch wirklich erst wieder bewusst, als wir über einen Sammler von CELTIC-FROST-Utensilien Material zugespielt bekamen. Der schickt uns immer wieder Scans von alten Newslettern, Fotos oder Sachen, die er irgendwo aufgetrieben hat. Da waren tatsächlich ein paar der Dokumente dabei, die aus diesen Unterlagen stammten. Also „Buch“ mußt Du Dir nicht so vorstellen wie die Bibel, für uns hat es zwar funktioniert als Bibel, aber es waren vielleicht zehn oder fünfzehn Seiten, wo wir einfach detailliert festgehalten haben, was wir machen wollten. Wir hatten gerade Anfang 1984 „Apocalyptic Raids“ aufgenommen, veröffentlicht, und für uns war klar, als wir aus dem Studio gekommen sind, HELLHAMMER sind tot. Aber was kommt danach? Wir haben genau gewußt, wenn wir jetzt zur Plattenfirma gehen, erklären die uns für verrückt, wenn wir die Band auflösen. Denn die Platte lief gut. Wir haben gewußt, wir müssen mit einem Set kommen, das viel stärker ist und viel überzeugender als HELLHAMMER. Und darum haben wir das so detailliert ausgearbeitet, den Namen, die Songtitel, die Albumtitel, die Ideen fürs Albumcover. Wir hatten ja schon zu HELLHAMMER-Zeiten die Rechte von Giger gekriegt, das „Satan 1“-Bild zu verwenden als Cover für „To Mega Therion“ und ein weiteres Bild als Inlay. Das war eins der Bilder der Victory-Serie, und wir haben das bewußt zurückgehalten, weil wir gesagt haben, erst möchten wir die Musik kreieren, die zu dem Cover paßt. Das war für uns damals zu jenem Zeitpunkt bei HELLHAMMER noch nicht der Fall und außerdem hatten wir damit auch ein Mittel, um die Plattenfirma überzeugen zu können. Jede Plattenfirma hätte zu dem Zeitpunkt gesagt: Giger, mit dem seh ich kein Problem. Da könnt ihr Euch nennen, wie Ihr wollt. Das bringen wir raus, das ist natürlich auch ein bißchen so gewesen. Du weißt, was ich meine. Also wir haben uns das wirklich schon überlegt, es war ein Konzept dahinter. Und wir waren uns auch bewußt, daß wir nach dem Giger-Bild was bringen müssen, das genauso zeitlos ist und einzigartig. Daraus entstand die Idee für den Ausschnitt von „Höllenflügel“ aus dem „Garten der irdischen Gelüste“ von Bosch. Das ist einer der wenigen Künstler, der neben Giger bestehen kann. Wir haben zufällig einen anderen Ausschnitt genommen, als wir anfangs gedacht hatten, aber wir sind der Grundidee treu geblieben.
Der Wechsel von HELLHAMMER zu CELTIC FROST ist. Als wir damals als junge Metal-Fans den Namen CELTIC FROST hörten, war das irgendwie schon was Sensationelles. Denn er ging in eine ganz andere Richtung als die der bisherigen Bands. HELLHAMMER war typisch, CELTIC FROST würde heutzutage wahrscheinlich eine Pagan-Metal-Band heißen. Was steckte bei Euch dahinter, sich für den Namen CELTIC FROST zu entscheiden?
Den haben wir selber kreiert. Nach Übungsraumsessions saßen Tom und ich Nächte lang bei ihm zu Hause zusammen, haben diskutiert, das Konzept ausgearbeitet und Texte geschrieben, Skizzen gemacht für Logos, Ideen entwickelt. Und unser neuer Name mußte irgendwas sein, was frei assoziativ funktionieren konnte. Wir haben also angefangen, indem einfach jeder Begriffe in die Runde warf, die einander angeglichen oder herumgeschoben wurden. Dann haben wir geschaut, wie klingt das. Was für Bilder löst es aus, wenn man dies oder jenes hört. Und irgendwann kam dann das Celtic, und dann kam wie automatisch damals das Frost dazu. Wir waren damals Fans von einer US-amerikanischen Band, die war so ein bißchen Tolkin-beeinflußt, die hieß Cirith Ungol und hatte ein Album draußen, das hieß „ Frost and Fire“. Das stand damals, glaube ich, irgendwo vor Toms Plattensammlung. Ich kam mit dem Celtic, und dann hat er die Platte angeguckt und gesagt ,Celtic Fire, nee CELTIC FROST’. Wir haben genau gewußt, das ist es. Und dann haben wir uns damit auseinandergesetz, was steckt da drin, was klingt da an. Also erst war der Name da, und dann kam die Interpretation dazu.
„To Mega Therion“: Auf der Rückseite sind drei Fotos. Der Reed, der Tom und Dominik Steiner, und wo bist Du?
Nicht dabei.
Warum nicht, du hast doch mit Tom zusammen die Songs geschrieben.
Ja richtig, einen Großteil davon habe ich mit Tom geschrieben. Ich habe ja bereits erwähnt, daß ich zu Zeiten von „Apocalyptic Raids“ 16 Jahre alt war, als wir die erste HELLHAMMER aufgenommen haben. Jetzt kannst Du Dir ausrechnen, wie alt ich damals war ’85, ’86. Ich war gerade 18 Jahre alt und hatte so meine Probleme mit mir selber ehrlich gesagt. Ich war damals aus dem Elternhaus ausgezogen unter riesigem Streit und mußte mich irgendwie durchschlagen, um Geld zu kriegen, um die Miete zu bezahlen. Ich hatte keine richtige Wohnung, mußte erst einen richtigen Wohnsitz finden und hab die ganze Zeit natürlich Musik gemacht, mich auf die Musik konzentriert. Ich war irgendwie hin und her gerissen und sehr unsicher, wie mein Leben weiter gehen, wie es funktionieren sollte. Man muß natürlich auch wissen, daß wir damals nicht wirklich richtig Kohle bekamen von unserer Plattenfirma. Wir hatten zwar den Anspruch, Profis zu sein und der Erfolg ist ja dann auch da gewesen, aber Profis waren wir noch nicht wirklich. Wir haben erst mit „Emperors Return“ unseren festen Schlagzeuger gefunden, der dann auch eine Zeit dabei gewesen ist. Bei den „Emperors Return“-Aufnahmen war damals eigentlich nicht klar, daß ich mich nicht zu hundert Prozent auf die Sache konzentrieren konnte. Da lag es Nahe, daß jemand anderes reinkommt und meinen Job macht. Was dann halt zufällig auf der Platte drauf ist, aber auch nicht wirklich besser geworden ist, ehrlich gesagt. Aber das hat man auch im Nachhinein erst richtig realisiert. Du weißt ja, was man sagt, im Nachhinein ist man immer klüger.
Irgendwann kam es zwischen Dir und Tom zum Bruch, Du hast die Band verlassen. Ihr hattet dieses Konzept ausgearbeitet, was für einige Scheiben im Voraus bestimmt war. Und dann schockte Tom die Fans 1988 mit diesem mehr als fragwürdigen „Cold Lake“-Album. Viele fragen sich heute noch, wie eine wegweisende Band einen solchen Schritt gehen konnte. Aus welcher Motivation heraus ist „Cold Lake“ entstanden? Vielleicht hast Du da ein bißchen was mitgekriegt. Und ja, hast Du nicht auch deshalb schlußendlich das Weite gesucht, da das alles mit CELTIC FROST nicht mehr viel zu tun hatte?
Das hat ja alles schon viel früher angefangen. Die Querelen zwischen Tom und mir waren eigentlich schon immer vorhanden. Das ist ehrlich gesagt auch ein Teil des kreativen Potentials, was wir haben, und das wissen wir auch. Den Zerfall von CELTIC FROST kann man schon auf der „Into The Pandemonium“ hören. Das war ein Album, was wir schon so konzipiert hatten, allerdings nicht in dieser Klangvielfalt. Also die Alben haben immer ihr Eigenpotential entwickelt, auch wenn wir schon drei Jahre vorher gesagt hatten, daß das Album „Into The Pandemonium“ heißen würde. Wir sind damals wirklich an unsere Grenzen geraten. Unter anderem auch, weil wir das erste Mal wirklich einen Freiraum und genügend Studiozeit zur Verfügung hatten, um richtig arbeiten zu können. „Morbid Tales“ wurde in fünf Tagen aufgenommen und abgemischt, „To Mega Therion“ wurde in zehn Tagen aufgenommen und abgemischt. Das mußt Du Dir mal vorstellen, bei „To Mega Therion“ haben wir mit Opernsängerinnen gearbeitet, mit Streichersätzen die orchestriert arrangiert werden mußten, dann richtig aufgenommen wurden und dann noch abmischen. In zehn Tagen tuti quati. Sowas ist heutzutage unvorstellbar. Außer Du hast moderne Technologie. Aber wir reden von einer Zeit, wo alles noch voll analog war, alles noch auf Tapes aufgenommen wurde. Auf „Into The Pandemonium“ haben wir das esrte Mal experimentiert, und dann gab es einen richtigen Krach mit der Plattenfirma, weil die natürlich das „To Mega Therion 2“ erwartet hatten - irgendwie noch härter und noch klassischer quasi. Wir sind an unsere Grenzen gestoßen. Das eine hat dann zum anderen geführt, was zum Zerfall der Band beigetragen hat. Ich glaube „Cold Lake“ ist eigentlich das Resultat nach dem Zerfall. Tom ist schon damals in diese Richtung gegangen, was aber auch damit zu tun hatte, daß er oder auch wir ein bißchen angewidert waren von der Radikalität, mit der wir konfrontiert worden waren damals auf den Touren vor allem in den USA. Die Leute dort waren zum Teil physisch enorm gewalttätig. Da fragten wir uns: Machen wir die Musik eigentlich für dieses Publikum und ist das das, was sie da rausziehen. Das war ein abschreckender Fakt. Aber, ich glaube das war nur einer der Faktoren, die ins Gewicht fielen. Tom war einfach nachher so fertig, ausgebrannt, wie ich auch. Ich konnte keine Musik machen und ich glaube er mußte etwas völlig anderes herausbringen. Das Problem war, das er das unter dem Namen CELTIC FROST gemacht hat. So sehe ich das. Eigentlich ist das, was ihm als kommerzieller Ausverkauf vorgeworfen wurde genau das Gegenteil: Es war der totale kommerzielle Selbstmord.
Die Songs waren ja nicht schlecht. Nur dieses ganze Drumherum, diese Fotogeschichte mit den offenen Hosen zum Beispiel.
Wie kannst du Death- oder auch Black-Metaller am meisten schocken? Ich glaube, das hat er so konsequent durchgezogen, das kann man sich kaum mehr vorstellen. Ich meine, das war bestimmt der größte Schock für jeden Black- und Death-Metaller.
Und was hast Du in der Zwischenzeit getrieben?
Schon wieder so eine Frage. Wie soll man 15 Jahre Leben innerhalb von zwei, drei Sätzen festhalten. Ich habe erstmal gar nichts gemacht, ich brauchte drei Jahre Zeit, um mich selber zu finden, um mich zu fragen, wer ich eigentlich bin und was ich jetzt machen soll. Seitdem ich 15 war, habe ich nichts anderes gelebt als Musik, bis ich 23 war. Und dann plötzlich ,Shit, das ist jetzt tatsächlich vorbei, und was mach ich jetzt eigentlich?’ Ich war wirklich nicht fähig, weiterhin kreativ Musik zu machen. Dann hab ich zusammen mit Freunden angefangen, in Zürich Partys und Konzerte zu organisieren, was damals noch ein relativ offenes Feld war. Da gab es nicht viel, in Zürich ist es auch sehr schwer, was auf die Reihe zu kriegen. Gesetzmäßig existierte ein relativ enges Korsett, bei dem man wenig Spielraum hatte. Ich hab dann angefangen als Promoter, Booker und Partyveranstalter. Ich hab wirklich alles gemacht von Drum’n’Bass-Partys bis hin zu Konzerten mit Bolt Thrower und Cathedral oder Monster Magnet.
Aber es hat ja letztendlich immer noch was mit Musik zu tun.
Die Betriebe, die ich da aufgebaut habe, sind immer noch existent, und ich bin noch beteiligt an diversen Bars und an einem Nachtclub in Zürich, wo wir immer noch Konzerte organisieren, aber weniger Metal. Zürich ist leider Gottes keine wirkliche Metalstadt. Und die spannenden Konzerte sind die, wo du genügend Leute reinkriegen kannst, die finden dann meistens in größeren Lokalen statt. Unser Club hat eine Kapazität von 500 Personen. Ich meine, das ist das Problem was du hast, wenn da kein Metal-Publikum ist, dann hast Du bei einer Band, die vielleicht irgendwo anders 500 Leute ziehen kann, in Zürich vielleicht 200. Das heißt, Du legst Kohle drauf. Das ist ein knallhartes Geschäft schlußendlich.
Welche Stadt in der Schweiz ist überhaupt eine Metal-Stadt?
Keine wirklich, aber Basel, das Z 7, hat sich da recht gut etabliert, weil es natürlich genau an der Schnittstelle steht zwischen Frankreich, Deutschland und der Schweiz und von der Infrastruktur her mit seiner großen Halle im Industriegebiet mit viel Raum für Parkplätze rundum - da kommen die Leute natürlich extra hingefahren. Der Club, den ich mit betreibe, der ist zum Beispiel mitten im Herzen von Zürich, mit dem Auto da einen Parkplatz zu finden, ist schon eine Luxussache.
Was ist denn nun aus Toms Band Apollyon Sun geworden?
Apollyon Sun wurde erstmal auf Eis gelegt.
Als großer CELTIC FROST-Fan geht man mit großen Erwartungshaltungen an das neue Album heran. Als ich es einmal durchgehört hatte, war ich schweißgebadet aber absolut glücklich, weil es so ist, wie ich mir ein weiteres CELTIC FROST-Album hätte vorstellen können.
Das ist wirklich ein großes Kompliment, danke!
So kritisch, wie ich bei den ersten beiden Songs war und Angst hatte, oh Gott, was wird das jetzt, so glücklich war ich als dann diese düsteren, schwerfälligen und haßigen Sachen folgten. Zum Beispiel „Totengott“ finde ich sensationell.
Danke, und ich glaube, es ist die Essenz aus fünf Jahre Leben und Arbeit und ehrlich gesagt wahrscheinlich noch viel mehr, weil eine große Auseinandersetzung mit uns und unserer Vergangenheit stattgefunden hat. Dazu gehören einige Geister und Dämonen, wo wir glaubten, die wären schon lange weg gewesen. Die sind da wieder aufgetaucht und haben ihren Weg auf diese Platte gefunden. Durch die Konfrontation, die wir damit gehabt haben. Wir haben auch sehr viel Musik geschrieben, die nicht auf die Platte gekommen ist, wir haben wirklich mehr verworfen, als am Ende Verwendung fand. Wir waren zu uns selber brutal hart, es sind also wirklich auch Sachen dabei entstanden, die nicht CELTIC FROST waren. Damals in den 80er Jahren hätten wir das gnadenlos rausgeknallt. Diesmal haben wir gesagt weniger ist mehr. Wenn wir alles aufs Minimum bringen können und damit das Maximum erreichen, dann kann es vielleicht auch auf den Punkt kommen.
Martin, bist Du Fußballfan?
Nein.
Hm, dann hast Du auch nicht das Spiel Schweiz gegen die Türkei gesehen.
Das Entscheidungsspiel für Deutschland. Ja doch, das habe ich gesehen, ich bin wie gesagt kein Fußballfan, kein Fan einer Mannschaft, aber ich guck mir Fußball natürlich an. Mehr im internationalen Bereich oder Championsleague, da habe ich ein bißchen Ahnung. Wenn du eine Kneipe hast, kommst du nicht dran vorbei. Fußball ist ein Riesen-Thema und wenn Weltmeisterschaft ist oder Ausscheidungen für die Europameisterschaften, dann muß man dabei sein, das gehört dazu. Klar hab ich das Spiel gesehen.
Und dein Kommentar?
Also ich fand es sehr spannend. Ich weiß nicht ob Du den Hype mitgekriegt hast, der in der Schweiz schon im Vorfeld war. Das war ein Riesen-Hype, weil in Genf die Türken schlecht abgeschnitten hatten, und dann wurden sie natürlich in der Türkei fertig gemacht und haben die ganze Schuld den Schweizern angelastet. Die Schweizer wurden schon im Vorfeld in der Türkei für Schweizer Verhältnisse knallhart empfangen. In Deutschland wär das so was ein bißchen nebenbei gewesen, aber wenn man immer in der großen Liga mitspielt, ist das was anderes, als wenn man wie die Schweiz alle paar Jahre mal international ein bißchen mit darf. Und die Türken, das war klar, das war der letzte Zwicker an der Geißel. Die wollten und mußten zur Weltmeisterschaft, der Druck war riesig. Und sie haben anscheinend alle möglichen Mittel eingesetzt, um die Schweiz unter Druck zu setzen und dementsprechend war die Spannung schon im Vorfeld gewaltig. Das Spiel war sehr sehr emotionsgeladen. Diese Emotionalität, die Geladenheit fandst Du eigentlich nur auf dem Feld im Fernseher. Aber hier vor Ort, in den Kneipen oder Kebap-Ständen war das überhaupt kein Thema. Das war doch noch sehr faszinierend für mich im Nachhinein.
Jetzt mal wieder bißchen was Vergangenes. Auf dem Cover von der „Morbid Tales“ sieht man dieses Heptagramm, was Tom und Du entworfen haben. Das taucht immer wieder im Zusammenhang mit Eurer Band auf. Welche tiefere Bedeutung hat dieses Symbol an sich?
Das Heptagramm von „Morbid Tales“ habe ich gezeichnet, das erste war schon auf der „Apocalyptic Raids“ drauf. Inspiriert wurde ich dabei von meiner Auseinandersetzung mit Aleister Crowley und seinem Tarot. Und natürlich dem magischen System des Ordo Templi Orientis und der Folgeordnung, dem Argentum Astrum. Es war so ein bißchen meine Art, sich mit dieser okkulten Welt auseinanderzusetzen und der Versuch, in ein nicht christliches Symbol den Tod, oder das Gefühl des Leidens und des Sterbens einzufangen.
Was ist den übrig bei CELTIC FROST von diesen ganzen Dingen? Ist das jetzt nur noch Imagepflege?
Nein das war schon damals keine Imagepflege, und das ist es auch jetzt nicht und das wird es auch nie sein. Zumindest die Auseinandersetzung ist so ehrlich, wie sie sein kann, weil es auch jedes Mal eine Auseinandersetzung mit mir ist. Eine Auseinandersetzung mit den Bildern, die ich als kleines Kind schon realisiert habe, oder die Absurdität der Bilder, die Gewalt der Bilder. Ich weiß nicht, ob das die Leute zum Teil realisieren - wie gesagt, ich wurde ja sehr streng religiös erzogen. Als kleiner Bub in der Kirche, da war so ein überlebensgroßes Kreuz, ein lebensechter Christus hing daran. Ich hab damals nicht den Sohn Gottes gesehen, oder so was. Das war einfach ein sich im Todeskampf windender Mensch in all seinem Leiden, mit Blut, mit Wunden übersät und so weiter und rundum ist nur Halleluja und irgendwie diese Figur wird angebetet. Das war für mich ein sehr prägender Eindruck. Und ich glaube auch im Nachhinein kann man das als traumatisierend bezeichnen. Ich hab dann auch die Anbetung von dieser Gottesfigur als sehr absurd empfunden und diese absolute Liebe meiner Mutter gegenüber dieser Figur. Das sie den auf irgendeine Art und Weise liebte, so wie ich nicht geliebt wurde, war natürlich auch sehr komisch und absurd für mich. Und dann siehst Du auch überall diese Kreuze, die die Leute um den Hals tragen. Als Kind war das war ein Horrorszenario für mich. Das war ein bißchen wie “Invasion of the body snatchers“ für mich. Plötzlich bist Du unter lauter Aliens. All diese Menschen tragen dieses Folterteil um den Hals, dieses Hinrichtungsmonster, diesen leidenden sterbenden Menschen und fühlen sich gut und wohl dabei. Das waren sehr absurde Bilder und es hat sich niemand die Mühe gemacht, mir das damals wirklich zu erklären. Das war quasi so selbstverständlich. Und ich glaube, es war das erste oder zweite Mal, wo ich realisiert habe, als ich so in der Frühschule von irgend jemandem auf dem Schulhof verprügelt wurde, daß der so ein goldenes Kreuz um den Hals hatte. Das hat sich mir eingeprägt. Das war so ein Zweitgenerationsitaliener in der Schweiz. Aber das, was er um den Hals trägt und wofür es angeblich stehen soll, ist doch nicht das, was hier praktiziert wird und dementsprechend ist das für mich Okkult. Das ist die Auseinandersetzung. Das ist eine alltägliche Geschichte. Das Problem ist, daß die Menschen, die Leute sich einfach wirklich gar nicht damit auseinandersetzen, und wenn, dann nur in radikaler Form. Wenn irgend welche Karikaturen aus Dänemark plötzlich irgendwo im arabischen Kulturkreis auftauchen und komplett aus dem kulturellem Kontext, wo sie entstanden, gerissen werden und dort einer Masse von Leuten vorgeworfen werden, ist es ganz klar, daß sie negativ darauf reagieren. Aber die Karikaturen wurden ja auch nicht für sie gemacht. Und die Leute realisieren nicht, daß dann dementsprechend auch die Menschen, die diese Karikatur zeichnen, sich auch über ihre eigenen Götter lustig machen und ihre eigenen Propheten in Frage stellen.
Hm, ist ganz schön aufgekocht worden mit den Karikaturen.
Ja na klar, aber damit wird auch wieder Politik betrieben, Machtpolitik. Schlußendlich kann mir auch niemand erzählen, daß die Regierungen dieser Staaten das nicht für sich und ihre Zwecke instrumentalisiert haben. Okkultismus oder Satanismus sind als Thema dort verschrien. Satan ist eine biblische Figur, das ist eine Figur aus dem alten Testament aus der Bibel der Hebräer. Er ist eigentlich ein Diener Gottes, eine Figur, die Gott zudient, die dann im Christentum im Rahmen des Neuen Testaments dämonisiert wurde und zu dem eigentlichen Widersacher zu diesem negativ Part Gottes gemacht wurde. Wenn man es so will ist er eine Kreation der Hebräer, die die Christen für ihre Zwecke instrumentalisiert haben und dementsprechend jedes Mal wenn man sagt Satanist oder Satan, verwendet man eigentlich einen christlichen Begriff. Genauso ist es mit den Themen Okkultismus usw., ich meine, das Okkulte ist auch in der christlichen Religion ein Thema. Sagt Dir der Begriff Transsubstiation was?
Die tatsächliche Verwandlung?
Genau, es geht darum, das in der Eucharistie, der Messfeier der Katholischen Kirche, der tatsächliche Leib Christi und das tatsächliche Blut Christi sich manifestiert haben. Das heißt das Brot wird nicht sinnbildlich zu Fleisch, das Brot wird Fleisch, wird der Leib Christi. Der Wein wird nicht sinnbildlich zu Blut, der Wein ist das Blut Christi. Im Rahmen der Transsubstiation die stattfindet während der Eucharistie, während der Messe der Römisch-Katholischen Kirche. Ich wurde damit als Jugendlicher im Rahmen des Katechismus, des Religionsunterrichtes, konfrontiert. Da saß ich nun und sagte, ich bin Teil einer kanibalistischen Religion. Und meine Mutter praktiziert die und geht auch noch rein und sagt Halleluja. Und dann wird man plötzlich als irgendwie krankhafte Figur dargestellt, wenn man eine Platte macht wie „Morbid Tales“ oder über einen durchgeknallten religiösen Freak singt, weißt Du was ich meine? Es ist immer sehr einfach die Gegenseite zu sehen und mit sich selber und dem, was man tatsächlich auch selber macht, auseinanderzusetzen. Wieviele Katholiken realisieren, daß sie tatsächlich Fleisch und Blut zu sich nehmen in der Kirche?
Du weißt, daß Du dich eben als Katholik bezeichnet hast?
Ja richtig. Ich bin und ich werde auch immer Katholik sein. Obwohl ich keiner bin.
Hm, erklär mal. Nur weil du getauft bist?
Erklären wir es mal so, ich bin ein männlicher weißer kaukasischer Mensch. Jeder Mensch würde sagen, ich bin in erster Linie mal Mensch, aber Frauen werden sagen, Du bist ein Mann, und schwarze Menschen oder Andersfarbige werden sagen, Du bist ein Weißer. Und auch wenn ich sage, nein ich bin das nicht, bin ich es trotzdem oder nicht? Ich wurde katholisch erzogen und es ist ein Teil meines Werdeganges, und auch wenn ich mich ein Leben lang damit auseinandersetze, wird diese Religion immer ein Teil meiner selbst sein. Das ist es, was auch ein Teil meiner Auseinandersetzung mit meinem Elternhaus und meinem Werdegang, der ja auch auf dieser Platte jetzt wieder stattgefunden hat, ausmacht. Weist du was ich meine, das kann man niemals ganz ablegen. Ich kann, was ich erlebt habe, nicht rückgängig. Dementsprechend gesehen werde ich immer in einem christlichem Umfeld auch dementsprechend christlich geprägt sein. Und so ist auch jeder Satanist, ob in Norwegen oder in irgendeinem anderen Teil dieses Planeten, immer in einer Form auch ein Zudiener der christlichen Religion, weil er einen Begriff verwendet, der von den Christen zu ihren Zwecken verwendet wurde. Und das kann man auch nicht ableugnen. Nimm die Symbolik des umgedrehten Kreuzes: Erstens - das umgedrehte Kreuz ist in der katholischen Kirche das Petruskreuz, weil Petrus angeblich umgedreht gekreuzigt wurde. Und zweitens ist es ja nur eine Verdrehung der christlichen Symbolik. Das heißt, man muß zuerst einmal die christliche Symbolik ernst nehmen und akzeptieren, um überhaupt ihre Werte umkehren zu können. Und das gerät leider Gottes bei vielen jugendlichen Satanisten in Vergessenheit, was auch ok ist. In der Phase der Rebellion benutzt man den Satan auch als größtmögliche Waffe, um zum Beispiel die Mutter zu schocken. So wie ich es auch getan habe. Was hätte ich machen können? Ich habe genau gewußt, Gottes Sohn, den gab es bereits, den liebt sie in ihrer Art und Weise mehr als mich. Das werde ich nie werden können, ich werde nie Gottes Sohn sein, aber vielleicht kann ich doch der Sohn des Teufels werden, der Widersacher, und vielleicht werde ich dann in irgendeiner Form oder Art und Weise ernst genommen, wie ich mir das gewünscht habe. Es klingt sehr einfach, war es im Ansatz vielleicht auch, aber es ist immer etwas komplexer.
Daran muß man erstmal ein bißchen knabbern. Zum Schluß - was können wir von einer CELTIC FROST-Show erwarten?
Das fragen wir uns auch. Wir werden uns auf die Musik konzentrieren, wir wollen Songs spielen, die wir in der Form wahrscheinlich so noch nie gespielt haben oder sehr sehr selten. Wir würden auch gern „Synagoga Satanae“ in voller Länge präsentieren. Wir werden uns aber auf uns als Kernband konzentrieren und versuchen, die ganzen klassischen Geschichten zu präsentieren.
Wird es denn mal eine Tour geben, wo nur CELTIC FROST zu sehen sein werden mit vielleicht ein oder zwei anderen Bands?
Den ersten Teil machen wir in Nordamerika, und wenn die Festivals gut ankommen, wenn das richtig funktioniert, dann planen wir eigentlich irgendwann zwischen Januar und März 2007 in Europa eine richtige Tour.
Und Martin, bitte rennt nicht wieder auseinander, jetzt nach der ersten Platte.
Wir tun unser Möglichstes, aber ich glaube, wenn wir es auf die Reihe kriegen mit den ganzen Touren und allem Drum und Dran - es ist ja auch ziemlich viel Streß dabei - und das Album auf genügend Interesse stößt, daß wir dann noch ein weiteres machen können. Dann wird das nächste Album auch schneller fertig sein, weil wir doch in den fünf Jahren an uns als Band sehr stark gearbeitet haben. Und nicht nur an der Musik. Und ich glaube, die Band ist jetzt auch breit, das auch wirklich wieder durch zu ziehen.