SUBWAY
TO SALLY
Interregnum
im Gespräch mit Bodenski (git, voc, Drehleier)
gesendet am 27. April 1999

Welchen Weg haben Subway To Sally
in den letzten Jahren genommen, und wie ist es zu dieser musikalischen
Ausrichtung gekommen?
Das Besondere an Subway To Sally
ist, daß wir keine Band sind, die so am Reißbrett entstanden
ist. Wir hatten nie das feste Konzept, das und das zu tun und wir wußten
nicht, wo es in diesen Jahren hingehen würde, die es uns nun mittlerweile
gibt. Als wir 1992 die ersten Auftritte gemacht haben, war das eine Band,
die ganz naiv Folklore und härtere Musik mischen wollte. Dabei war
unser erster Zugang irische und schottische Folklore, das war Anfang der
90er eine spannende Geschichte. Wir dachten damals auch nicht, daß
es einmal so viele Bands geben würde, die eines Tages Ähnliches
machen würden. Wir haben dann natürlich sehr schnell mitbekommen,
daß wir damit nicht alleine waren und bei uns kam dann so der Schnitt
nach dem ersten Album. Das ist so ein richtiger Gemüsegarten, kreuz
und quer, englische Texte, deutsche Texte, irische Traditionals, eigene
Songs, die manchmal klangen, als wären sie Country-Musik, und manchmal
waren sie schon so angelegt, wie die spätere Musik von uns sein sollte.
Der entscheidende Sprung war das Bekenntnis, jetzt nur noch deutsch zu
singen. Dabei war am Anfang noch nicht ganz klar, was das für Texte
sein sollten. Wir hatten einfach nur gesagt: So geht das nicht weiter,
englisch ist nicht unsere Sprache, in der wir uns ausdrücken können.
Und wir wollten weg vom Folk Rock-Image. Diese Musik hatte immer diesen
Touch der Pogues, kam eher aus dem Punk. Dort liegen
aber nicht unsere Wurzeln, sondern doch eher in der Metal-Musik der 70er,
im Glam Rock.
Und dann hat es sich dadurch
entwickelt, daß wir gemerkt haben, wenn Du eine Band bist, die regelmäßig
dieses Privileg hat, eine Platte zu machen, dann bist Du gezwungen, Dich
immer wieder neu zu hinterfragen, bei jedem neuen Projekt, was Du in Angriff
nimmst.
Wenn Du wieder neue Songs schreibst,
dann fragst Du Dich: Was willst Du denn jetzt machen, was willst Du anders
machen oder welche Erfahrungen hast Du mit Deinen Songs live gesammelt,
und wozu hast Du jetzt Lust? Wir waren immer eine Live-Band, und nach dem
zweiten Album - was schon ziemlich programmatisch war, für das, wie
es weiter gehen sollte - kam plötzlich dieses Mittelalter-Ding auf.
Aus verschiedene Gründen: Erstens haben die Leute gesagt, es klingt
ja plötzlich nicht mehr irisch oder schottisch, es klingt mittelalterlich.
He? Ja? Wieso? So hatten wir das gar nicht beabsichtigt. Die andere Sache
war, daß wir uns fragten, warum wir das eigentlich machen. Es ist
für Bands in Europa nicht so interessant über’n Teich zu
gucken. Aus Amerika ist wenig Innovation gekommen in den letzten Jahren.
Die Stile, die es da alle schon gibt, werden nur neu gemischt und neu aufgewärmt.
Und wir sind so ein bißchen auf der Suche nach unseren eigenen kulturellen
Wurzeln.
Das Mittelalter ist so ein Schlagwort,
denn es geht natürlich noch ein bißchen darüberhinaus.
Das geht in die Renaissance rein, wo Tonkunst schon richtig vom Notensatz
her verwendet wurde. Und mit der Beschäftigung mit dieser Szene kamen
natürlich Instrumente in die Band, die vorher zum Beispiel keine Rolle
spielten. Dabei haben wir schon immer ein Riesen-Arsenal an verrückten
Instrumenten gehabt - Dudelsack, Schalmei oder solches Zeug. Inzwischen
sind im Laufe der Jahre noch Farben hinzugekommen, wie die Barock-Laute,
die Drehleier oder die Barock-Oboe. Das sind aber nur Farbtupfer für
den Versuch, eine eigene Musik zu machen, die unverwechselbar ist. Man
kann es mögen, man kann es auch sein lassen. Wir versuchen etwas zu
machen, wo man vielleicht irgendwann nicht mehr ein Etikett braucht wie
Mittelalter-Metal oder so was. Ich kann damit gut leben, aber wir wollen
eigentlich nur eine Band sein, die eigene Songs schreibt. Auf dem letzten
Album „Hochzeit“ gibt es nicht eine einzige alte überlieferte Melodie,
sondern das sind alles neue und eigene Kompositionen.
Es ist schon ziemlich schwierig,
wenn so ein Trio sich darauf einigt, Death oder Black Metal zu machen.
Wie schafft Ihr es, daß sich sieben Leute mit ihren ganzen musikalischen
Einflüssen, die sie haben, so stark disziplinieren lassen, sich in
musikalische Grenzen zwängen. Diese Grenzen sind ja aufgrund Eurer
Ausrichtung da.
Wir würden zum Beispiel keinen
Reggae spielen, nur weil es sich in dieser Besetzung machen ließe.
Wir haben schon Lust auf diese Musik, die wir machen. Alle. Aber ich weiß,
was Du meinst. Es ist so, daß wir natürlich auch wie andere
Bands am Anfang im Probenraum standen und improvisierten. Es kam einer
mit einer Songidee an, hat das vorgespielt auf der Gitarre oder so und
hat gesagt: Hey, spiel mal was dazu, mach mal was. Irgendwie. Und dann
hat der Sänger irgendwas dazu gesungen. Mit
diesem Herumimprovisieren haben wir irgendwann gebrochen. Du schreibst
dann nämlich eines Tages immer die gleichen Songs, immer wieder, nur
anders. Und dann kommt nichts Neues hinzu. Und deswegen haben wir
inzwischen so eine Art Arbeitsteilung in der Band. Wir haben den Ingo,
unseren Gitarristen, der wirklich komponiert und ich mache im Moment als
Einziger die Texte, die oft Ausgangsmaterial für die Kompositionen
sind. Das ist dann so, als würde er einen Film vor sich sehen, wenn
ihn ein Text anspricht. Ich muß wesentlich mehr anbieten, als nachher
verwertet wird. In diesen Entstehungsprozeß bringen sich dann auch
alle anderen ein, indem sie zum Beispiel sagen: Ihr seid auf dem richtigen
Weg, oder das ist nicht gut, oder dies und das fehlt noch. Oder unser Schlagzeuger
hat zum Beispiel sehr stark rhythmisch die "Hochzeit"-Platte mitgeprägt.
Und der Sänger entscheidet schließlich, wie er das Ganze interpretiert.
Dann kommen noch ganz andere Sachen hinzu. Die Geigerin schreibt eigene
Stimmen und so geht das immer weiter. Jeder macht das, was er am besten
kann. Da ist in einer Band, wie wir es sind - die auch schon so lange zusammen
ist - kein Platz für Eitelkeit. Da muß man sich schon ein bißchen
disziplinieren. Aber damit hat niemand Schwierigkeiten. Weil, es kommt
ja etwas Interessantes dabei raus. Wir finden uns am Ende alle in der Musik
wieder.
Das Stichwort: Mittelalterliche
Musik. Wie läßt sich das für Außenstehende definieren?
Oder was muß Musik haben, damit sie als mittelalterlich anerkannt
wird?
Da habe ich überhaupt keine
Ahnung. Ich glaube, daß das alles ein großes Mißverständnis
ist. Das ist jetzt vielleicht ein bißchen provokant formuliert, aber
sieh mal: Wie Mittelalter-Musik wirklich geklungen
hat, weiß niemand, weil es keine Instrumente aus dieser Zeit gibt.
Es gibt nur Überlieferungen, wie sie gebaut wurden. Es gibt kaum Noten
aus dieser Zeit, wenn wir jetzt mal das Mittelalter zwischen dem 9. und
13. Jahrhundert ansiedeln. Man müßte das zeitlich vielleicht
sogar noch viel weiter fassen. Es gibt natürlich Bands, Mittelalter-Bands,
die puristisch rangehen und die sehr viel Vorarbeit geleistet haben, wo
Musikwissenschaften eine Rolle spielen. Zum Beispiel Jokulatoris aus Leipzig.
In München gibt es mehrere Gruppen, die sich damit beschäftigen.
Estampie sind Grenzgänger zum Beispiel, die Mittelalter-Musik richtig
studiert haben. Jokulatoris gehen in die Kirche und setzen sich vor ein
Mikrofon, dann spielen sie ihre Musik und bringen eine Platte raus. Dann
gibt es Bands, die das ein bißchen wilder treiben, die ganze Sache
ein bißchen mehr in ihr eigenes Leben integriert haben: Corvus Corax
oder In Extremo, die sich auf diesen Mittelaltermärkten, die ja richtige
Spektakel sind, herumtreiben. Da geht es um Unterhaltung, das hat Jahrmarkt-Atmosphäre.
Da macht sich niemand einen Kopf darum, ob das jetzt original ist oder
nicht, und ich habe da so die Theorie, daß sie damit an dem Original
vielleicht viel näher dran sind, als jene, die die Sache so bierernst
betreiben. Sie gehen da nämlich mit Spielfreude ran. Sie sagen sich,
man kann mit einem Dudelsack nur relativ simple Melodien spielen und tun
es halt. Dabei probieren sie eine Menge aus. Und indem sie dies alles ausloten,
was damit möglich ist, machen sie wahrscheinlich das, was die Leute
im Mittelalter auch gemacht haben. Sie benutzen einfach die Instrumente,
so wie es ihnen in den Sinn kommt. Das jetzt mit Metal zu kreuzen, ist
eine ganz verrückte Sache.
Wir leben in einer Zeit, wo alles
miteinander vermischt wird. Was dabei nun bei Bands wie uns oder halt Tanzwut
oder In Extremo rauskommt, ist vielleicht ein Zeichen der Zeit. Ich sehe
mich manchmal ein bißchen wie jemanden, der vor dem Fernseher sitzt
und die Finger nicht von der Fernbedienung lassen kann. So in der Art,
daß man es eigentlich kaum noch erträgt, auf einer Schiene länger
zu verweilen. Es ist nur eine Form der Vermischung, wenn man europäische
Musikinstrumente, alte Musikinstrumente, die einen bestimmten Klang haben,
bestimmte Melodien, mit lauter Rockmusik in Verbindung bringt, wenn man
also Baß, Gitarre, Schlagzeug hinzufügt. Und je mehr Leute das
machen, um so heftiger wird die Diskussion darüber, wie diese oder
jene Band etwas machen kann, was zig andere auch schon probiert haben.
Daß jeder eine E-Gitarre
spielt, ist ja nicht mehr wegzudenken in der Rockmusik. Es wird ja auch
nicht rumgeheult, wenn eine neue Band mit einer anderen E-Gitarre auftaucht.
Manchmal ist das wirklich ein bißchen kleinlich, dieser Krieg, der
da ausgefochten wird.
Aus Deiner Antwort erübrigt
sich beinahe das, was ich eigentlich fragen wollte, nämlich, welche
Epoche des Mittelalters für Euch musikalisch die interessanteste wäre.
Denn wie Du schon gesagt hast, das Mittelalter besteht aus mehreren hundert
Jahren und die Musik ist in dieser Zeit nicht immer gleich gewesen.
Ich kann ja nochmal versuchen,
das von einer anderen Seite zu beleuchten. Ich bin nicht der Spezialist
für Mittelalter-Musik. Es gibt jetzt aber sowas wie einen Boom, eine
Welle oder wie auch immer. Ich weiß aber nicht warum, ich kann Euch
das nicht erklären, denn ich bin ja selbst mittendrin, und jemand,
der mittendrin ist, dem fehlt die Fähigkeit zur Draufsicht. Wenn ich
jetzt hier für die Band spreche, muß ich halt auch immer eine
Lanze für Subway To Sally brechen, um deutlich zu machen, daß
wir uns ein bißchen von vielen dieser Bands unterscheiden, weil wir
eigene Songs schreiben. Und bei uns läuft auch viel über die
Texte. Wir leben an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend im christlichen
Abendland und sind natürlich geprägt von dieser Kultur, ob wir
nun in die Kirche gehen oder nicht. Darum geht es nicht, sondern um die
christliche Prägung. Und da gibt es halt vor der Jahrtausendwende
diese Armageddon-Sachen und diese Endzeitfilme. Und ich glaube, die Leute
fragen sich, was ist denn da nun im Jahr 2000, die große Party und
danach alles vorbei? Was passiert dann? Ich sage jetzt mal einen ganz mutigen
Satz: Mittelalter ist für mich ein bißchen
wie Atlantis. Also ein Mythos, eine Art Tablett, auf dem man Geschichten
erzählen kann. Musikalisch ist Mittelalter für mich die
Zeit der Befruchtung, weil die Kreuzfahrer rübergedüst sind,
im heiligen Land Krieg geführt haben, und als sie zurück kamen,
hatten sie im Gepäck Gewürze, die sie vorher noch nicht kannten
und Musikinstrumente und Melodien, die sie vorher noch nicht kannten. Und
da mal nachzuforschen, hat uns großen Spaß gemacht. Was uns
musikalisch aber vielmehr geprägt hat, ist die Renaissance-Musik.
Dort wurde vom Tonsatz her anders gelehrt, die Leute waren weiter in ihrem
musikalischen Verständnis, dann diese ganze Kontrapunkt-Geschichte
... jetzt werden wir ganz wissenschaftlich, und das möchte ich eigentlich
nicht. Aber zum Beispiel diese Art und Weise, wie Stimmen geführt
wurden ... Wenn man drei Sänger hat, ist jede Stimme für sich
genommen, eine eigene, und alle drei zusammen ergeben nach bestimmten Regeln
einen ganz bestimmten Klang und damit haben wir herumexperimentiert auf
dem letzten Album. Wenn Du den Chor von „Sabbat“ nimmst, der original eigentlich
ein Renaissance-Chor ist, und würdest die ganze Musik wegnehmen und
uns einen anderen Text singen lassen, dann könnten wir uns in die
Kirche stellen, und niemand würde den Unterschied merken.
Jetzt bleibe ich nochmal ganz
kurz an dieser Mittelalter-Atlantis-Geschichte dran. - Wenn Du beide Seiten
vergleichst - das Heute und das Mittelalter - wäre Dir das Mittelalter
lieber?
Wie, Mittelalter lieber? Achso,
ob ich im Mittelalter leben möchte? Auf keinen Fall. Gar nicht. Nein,
ich möchte nicht meine Sachen selber nähen und stehe irgendwie
drauf, wenn warmes Wasser aus der Wand kommt. Für mich ist das einfach
so eine Zeit, die für etwas steht. Sie hat natürlich etwas, ist
irgendwie so rauh, so ursprünglich, zumindest in unserer Vorstellungswelt
und das ist es auch, was die Leute daran magisch anzieht. Man
hat das Gefühl, Mensch, Leben und Tod waren so dicht beieinander
und die Familien haben da zusammen auf engstem Raum gesessen und hatten
nicht diese Ablenkung, wie wir heute. Die mußten sich mit sich selber
beschäftigen. Aber das sind alles so Vorstellungen. Und ich glaube,
daß die irgendwie nur ein Vehikel sind, um unsere eigenen Zivilisationsängste
zu überdenken, um zu sehen, warum wir so sind, wie wir sind.
Du hast vorhin einige Bands genannt,
die auch diese Schiene fahren. Welche Bands setzen das Thema Deiner Meinung
nach adäquat um, mittelalterliche Musik, was wir darunter verstehen?
Naja, wie gesagt, die Bands sind
alle schon genannt worden. Ich kann ja jetzt nicht noch Kollegen hypen,
die in Konkurrenz zu uns stehen. Aber ich sage mal, jeder der alte Musik
mit harter Rockmusik mischt, beschäftigt sich ja nicht mehr adäquat
mit der Mittelalter-Musik, sondern der versucht ja, etwas zusammenzubringen.
Und wenn man regelmäßiger Mittelaltermarkt-Besucher
ist, merkt man plötzlich, daß es eigentlich nur noch so eine
Hand voll von diesen Melodien gibt, die eigentlich alle spielen.
So unendlich ist dieses Material nicht, und es gibt eine Reihe von Bands,
die dieses Material nehmen, irgendwie umarrangieren, halt Schlagzeug, Baß
und E-Gitarre einbauen, textlich ein paar Aspekte hinzufügen und eigene
Songs daraus machen. Und dann gibt es eben Bands, die sagen sich: O.k.,
das ist jetzt zwar keine überlieferte Melodie, aber ich habe eine
eigene Idee, also warum soll ich nicht was eigenes kreieren, mit eigenen
Texten, mit eigenen Gesangslinien, mit eigenen Melodien von diesen seltsamen
Instrumenten. Manche, wie das zum Beispiel auch Tanzwut, mischen das gar
mit Techno oder mit Electronic. Dafür wurden sie ja enorm gescholten.
Allerdings auch nur, weil sie auf der anderen Seite als Corvus Corax in
diesem Land eine der heißgeliebtesten Mittelalter-Bands sind. Da
merkt man schon, daß diese Welten doch irgendwie ein bißchen
kontrovers sind. Also daß Leute, die das eine mögen, so mit
dem anderen Bauchschmerzen haben und anders herum die Leute sich da auch
schwer tun, kann ich verstehen. Ich kann eigentlich keine Band sagen, die
Mittelalter-Musik adäquat umsetzt, da müßte man wahrscheinlich
eher in den Bereich der Bands gehen, die versuchen, das vor einem Mikrophon
in der Kirche aufzunehmen. Wenn man sich Mittelalter-Musik anhören
will, so wie sie wahrscheinlich geklungen hat, dann soll man sich eine
Platte von Jokulatoris anhören oder soll sich halt ein Live-Album
von Corvus Corax besorgen. Da gibt es gute Sachen.
Die Faszination der Mittelalter-Texte
liegt darin, daß sie Geschichten erzählen. Die Metapher-Sprache,
glaube ich, war damals noch nicht so weit verbreitet. Die meisten Eurer
Texte erzählen auch Geschichten, "Element des Verbrechens" zum Beispiel.
Wo nimmst Du diese Geschichten her?
Jetzt verlassen wir den einen
kreativen Bereich und treten in den nächsten. Texten ist so eine Sache.
Ich könnte Dir zu jedem Text endlose Geschichten erzählen, wie
er entstanden ist zum Beispiel. Regeln gibt es nicht. Bei uns ist es ja
so, daß ich die Texte schreibe und ein anderer sie singt. Das ist
auch wieder eine Kombination, die nicht so häufig vorkommt. Er geht
in dieser Rolle des Geschichtenerzählers, in diesen Ich-Gestalten
voll auf. Hundert Mal im Jahr steht er er neben mir und singt meine Texte
den Leuten ins Gesicht. Das prägt natürlich auch meine Art, für
ihn diese Sachen zu schreiben. Ich bin jemand, der mehr Fragen hat als
Antworten. Ich möchte mich aber auch nicht hinstellen und den Leuten
nur Fragen entgegenrufen. Also erzähle ich Geschichten, wo am Ende
Fragen offen bleiben. Gerade "Element des Verbrechens" ist eine Geschichte,
wo man sich am Ende fragt: Was ist geschehen, und warum ist es passiert.
Ich weiß es selbst auch nicht. Das zieht sich als Motiv durch sehr
viele Texte. Aber da gibt es natürlich auch dutzende andere Texte,
die in dieses Schema nicht hineinpassen. Man versucht ja auch immer ein
bißchen vielseitig zu sein. Es gibt natürlich auch die reinen
Metapher-Texte, wo einfach irgendwas für etwas steht und wo ich hoffe,
daß es einfach offen ist für die Leute, daß sie sozusagen
selbst ihre eigene Geschichte darin entdecken. Die jeweils eigene Interpretation
kommt ja daher, daß die Leute unterschiedliche Erfahrungen machen,
jeder hat seine Erlebnisse und die findet er eben in bestimmten Textfragmenten
manchmal wieder. Das habe ich nie beabsichtigt, konnte ich gar nicht beabsichtigen,
weil ich gar nicht weiß, was für Erfahrungen die tausend Leute
haben, die da mal an einem Abend unten stehen. Es gibt tausend Gesichtspunkte,
wie jemand eine bestimmte Sache verstehen kann. Das finde ich persönlich
sehr spannend und vor allem dann, wenn diese Sachen nicht so mißverstanden
werden, daß sie sich gegen uns richten. Das ist jetzt vielleicht
schwer zu verstehen, aber wenn Du eine unendliche Zahl von Interpretationsmöglichkeiten
hast, hast Du natürlich auch einen gewissen Prozentsatz dabei,
der so negativ ist, daß Du das gar nicht wolltest.
Dieses Mittelalter, Düsternis
... was sind denn die Klischees? Pest, Armut, Henker, Galgen und Hexenverbrennung,
die eigentlich auch erst später passierte. Im Mittelalter gab es überhaupt
keine Hexenverbrennung, aber trotzdem gehört das mit in dieses Klischee
rein. Das müssen wir jetzt auch mal auseinanderhalten. In
dieser ganzen Düsternis liegt offensichtlich - und das ist ja wieder
das Komische, aber so sind die Menschen - wieder ein Stück positive
Energie. Daß man sagt: Ein Glück, daß das nicht
mehr so schlimm ist bei uns, das hat doch auch was Gutes. Und ich glaube,
daß das ein interessanter Punkt ist bei der Sache.
Ist es einfacher, dem Heute entrückte
Themen lyrisch umzusetzen, als sich mit dem knallharten Alltag auseinanderzusetzen?
Ich weiß nicht, ob es einfacher
ist, für mich ist es spannender. Ich kann mir nicht vorstellen, daß
unsere Band mit dem Instrumentarium und mit der Härte, die ja bei
uns auch eine gewisse Rolle spielt, über Alltagsdinge singt, über
sowas wie steckengebliebene Fahrstühle, Kaffeemaschinen, die morgens
nicht funktionieren, weil der Zeitwecker nicht angesprungen ist. Wir
sind eben auch nicht diese Happy-Generation, die da am Strand liegt und
sich die Sonne auf den Bauch scheinen läßt. Ich würde
gerne schon mal versuchen, ein bißchen wegzukommen von diesen Mittelalter-Klischees,
die ich vorhin angesprochen habe. Man sollte jeden Text auch nur einmal
schreiben. „Lied vom Tod“ gibt es schon I und II, dann gibt es „Die Hexe“,
was nun kein Text von mir ist, wir haben „Unterm Galgen“ geschrieben und
und und, weil, macht ja auch Spaß, dieses Spiel mit den Klischees.
Vielleicht muß man sich mehr der Alltagswelt zuwenden, aber dann
wäre da eben für mich die Frage, in welchem Bereich. Also was
zum Beispiel ein Thema wäre, das mich sehr interessiert, ist „Stadt“.
Da muß man mal sehen, wie man da mehr herankommt. Auch diese Maschinenwelt,
dieses Erdrückende. Aber wie gesagt, da haben sich schon so viele
Leute vor mir dran versucht, da muß man nach einem eigenen Stil suchen.
Unser Gitarrist sagt immer, man muß sich mal mit dem breiten Arsch
irgendwo hinsetzen, wo vorher noch keiner saß.
Du sprachst gerade sich wiederholende
Text-Themen an. Bei Euch gibt es da einen Prozentsatz, der sich mit geschändeten,
rechtlosen, verletzten Frauen beschäftigt. Da haben wir den schon
erwähnten "Element ...", dann "Ohne Liebe", "Henkersbraut" - warum
immer wieder dieses Thema?
Da haben wir wieder dieses typische
Ding, wo etwas irrationales passiert, was ich eigentlich nicht erklären
kann. Ich bin selbst erst auf diese Tatsache aufmerksam geworden, nachdem
andere mich darauf aufmerksam gemacht haben. Ich setze mich also nicht
hin und sage: In der Rubrik "Gewalt gegen Frauen" fehlen noch drei oder
vier Texte, bis ich mein Soll erfüllt habe, sondern es passiert einfach
so. Ich glaube, das ist der Bereich, wo Du im weitesten Sinne eigentlich
über Liebe singst. Bei Liebe geht bei vielen die rote Alarmlampe an:
Schlager, Herzschmerz und so. Dabei ist Liebe neben
dem Tod das wichtigste Thema. Meine Texte streifen aber den Bereich,
wo Liebe bereits in Haß umschlägt. Und da ich, der die Texte
schreibt, ein Mann bin und unser Sänger auch ein Mann ist, gibt es
da eine Betrachtungsweise der Liebe, wo das Gewaltelement eine nicht unwesentliche
Rolle spielt. Ich finde, das ist ein interessantes Thema und deswegen taucht
es bei mir auch desöfteren auf. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
zurück
zur Übersicht