ANVIL sind Kult. Allein ihre ersten drei Alben
"Hard'N'Heavy" (1981), "Metal On Metal" (1982) und "Forged By Fire" (1983)
haben die kanadische Band unsterblich gemacht. Nicht nur als Mitbegründer
des Speed Metals. Obwohl Sänger und Gitarrist Lips all die Jahre unermüdlich
durchhielt, ernteten andere jene Früchte, die aus den Samen ANVILs
erwuchsen.
Wild und ungestüm ist die Band nun mit
ihrem 15. Album (live mitgerechnet) am Start. Und es nennt sich programmatisch
"Back To Basics".
Laß uns zu Beginn an die
Ursprünge ANVILs zurückgehen. Ihr habt als LIPS-Band begonnen
und ändertet Euren Namen später erst in ANVIL. Von Anfang an
hatte man den Eindruck, daß ihr zwei Komponenten in Eurem Sound vereintet.
Zum einen starke Bachmann-Turner-Overdrive-Rock'n'Roll-Urgewalt und zum
anderen auch eine ausgeprägte, technische Schlagseite wie sie
Bands wie Rush berühmt gemacht haben. Was davon war Euer größter
Einfluß?
Die ursprüngliche Gründung
ANVILs geht größtenteils auf die späten 60er, frühen
70er zurück. Ich würde nicht sagen, daß es das eine oder
das andere war. Ich würde sagen, daß ich Rock'n'Roll bevorzuge,
welcher etwas progressiver ist. Also das, woraus dann Heavy Metal wurde.
Ich mag diese Mischung, denn ich denke, daß ANVIL eine Band sind,
welche die 70er beendete und die 80er einläutete, in gewisser Hinsicht.
Wir
als Band waren das Bindeglied zwischen Hardrock und Heavy Metal.
Denn wir existierten bereits am Ende der Hardrock-Ära, aber auch am
Beginn der Heavy-Metal-Ära. Wir fielen also nicht in die Grenzen einer
bestimmten Ära. Deswegen kann ich auch nicht sagen, welche mir davon
am besten gefiel. Ich wurde 1956 geboren, habe also den Rock'n'Roll nicht
von Anfang an mitgemacht. Ich kann mich noch an Elvis Presley erinnern,
aber da war ich drei oder vier Jahre alt.
Wie stark waren in den 80ern in
Kanada die Einflüsse des europäischen Heavy Metals?
Ich denke, daß es mehr auf
die Siebziger zurückgeht, denn ich bin der vielleicht größte
Scorpions- und Michael Schenker-Fan der Welt. Wenn ich Michael Schenker
sage, dann bezieht das natürlich auch UFO mit ein. Meiner Meinung
nach haben diese Jungs an dem Buch mitgeschrieben, das da heißt:
„Wie spiele ich Leadgitarre." Uli Jon Roth und Michael Schenker addierten
klassische Einflüsse mit Rock'n'Roll. Sie nahmen die Richie-Blackmore-Schule
und hievten sie auf das nächste Level. Davon bin ich überzeugt.
Das hatte einen großen Einfluß auf mich. Bis zum heutigen Tage.
Die andere Richtung, die NWOBHM, als diese Ära anbrach, war ich schon
Judas-Priest-Fan, bevor diese Invasion passierte. Ich hörte Priest
schon als „Sad Wings Of Destiny“ herauskam. Ich begann nicht mit ihrem
Debut „Rocka Rolla“, denn dieses war mir nicht geläufig. Doch seit
dem Erscheinen von ihrem Zweitwerk, „Sad Wings Of Destiny“, war ich begeistert
davon. Alles was in den frühen 70ern verzerrte
Gitarren hatte, wolltest Du in dieser Zeit in die Finger kriegen, wenn
Du ein Metalhead warst. Da kommt dann wieder dieses Wettbewerbs-Ding
dazu, welches ich zu Anfang nannte. Wer spielt die beste Leadgitarre? Das
war wohl der größte Antrieb im gesamten Hardrock und Heavy Metal.
Ich denke auch, daß die größte Invasion von britischem
Rock, die Beatles, Nordamerika zeigte, wie man mit elektrischen Gitarren
umgeht. Darüber kann man sich jetzt streiten und sagen, daß
es Chuck Berry schon früher gab. Doch wenn es um den Bandfaktor geht
und nicht um den Einzelkünstler, dann haben die Beatles die Nase vorn.
Darüber könnte ich noch stundenlang referieren. Was solls.
Wie war es Ende der 70er, Anfang
der 80er um die Heavy-Metal-Szene in Kanada bestellt? War es einfach, an
Gigs zu kommen? Wie war der Zusammenhalt unter den Bands und hattet ihr
spezielle Fanzines, um Euch über die Musik zu informieren?
Es war eine eng miteinander verbundene
Clique von Leuten die das hörte. Es war und es ist noch nie eine wirklich
große Sache in unserem Land gewesen. Es gab Zeiten in den frühen
80ern, da spielten sie Judas Priest im Radio, das waren großartige
Tage, doch die kamen und gingen wieder. Die Metalszene
existiert hier hauptsächlich im französischen Teil Kanadas.
Ich lebe im englisch-sprachigen Teil. Hier bin ich der Einzige, habe ich
das Gefühl.
In Europa geniessen ANVIL nach
der großen Welle des Erfolges heute eher den Status einer Kult-Band.
Wie sieht es erfolgstechnisch bei Euch in Kanada aus?
Da sieht es in etwa genauso aus
wie in Europa. In den 80ern hatten wir eine wirklich starke Plattenfirma.
Sie kümmerten sich stetig darum, daß wir auf Tour gehen konnten.
Sie sorgten immer dafür, daß wir vor Leuten spielen konnten,
hielten uns den Rücken frei, so daß wir unsere Möglichkeiten
ausschöpfen konnten. Und sobald man einem das nimmt, ist alles vorbei.
Das ist ganz logisch, denn die Fans können Dich nicht finanziell unterstützen,
dafür brauchst Du eine Plattenfirma. Die Plattenfirmen, bei denen
wir von da an unterschrieben, verfügten nie über derartig viel
Geld, das sie eine Band permanent auf Tour schicken konnten, um deren Namen
im Gespräch halten zu können. Die Sachen, die auf geschäftlicher
Ebene erledigt werden müssen, um eine Band aufbauen zu können
und sie ernsthaft aufrecht zu erhalten. Wenn Du das nicht hast, dann kannst
Du es vergessen. Reell sieht es so aus, daß wir in Ruhe aufnehmen
und nach wie vor existieren können. Aber die Band erfährt eben
keinen rechten Auftrieb. Vor allem, was den Live-Aspekt angeht. Dort wo
man wirklich Platten verkauft, wo man richtig bekannt wird und die Leute
wissen, warum sie Dich kennen. Die Musik wird fast nebensächlich bei
einer Band, die permanent auf Tour ist. Das beste Beispiel dafür sind
Motörhead. Ihre Musik ist sowas von beständig. Sie machen seit
30 Jahren nichts anderes. Auf der anderen Seite haben sie nicht für
einen Tag mit dem Touren aufgehört. Der Status dieser Band ist wesentlich
höher als der meiner Band. Ich toure einmal in zwei Jahren, worüber
ich glücklich bin. Das macht einen großen Unterschied, ob Du
gesehen wirst, Du zeigen kannst, daß Du lebendig bist. Wenn
man Dich nicht zu Gesicht bekommt, dann existierst Du in diesem Moment
auch gar nicht.
Aber Eure Platten waren immer
stark. Wenn man sich Eure Frühwerke anhört und sie mit den Platten
der jüngeren ANVIL-Diskographie vergleicht, fällt auf, daß
Ihr immer härter geworden seid. Inwieweit wollt Ihr das noch steigern
und was beeinflußt Euch heute?
Nun, das ist eine gute Frage.
Ich soll über die Dinge reden, die mich jetzt beeinflussen - Um ehrlich
zu sein, bin ich an einem Punkt in meiner Karriere angelangt, an dem ich
fühle, daß ich jeden möglichen Aspekt genutzt habe. Im
Genre Heavy Metal habe ich alles gemacht: schnell gespielt, langsam, zermürbend,
jede mögliche Facette. Mittlerweile bekomme ich meine Inspiration
von außerhalb. Damit, daß ich ewig in mich hineinschaue und
ich vielleicht mit etwas ankomme, was in der Geschichte der Menschheit
bisher ungehört war, damit würde ich eine viel zu große
Last mit mir herumschleppen. Ehrlich, so etwas kann man nicht. Sowas passiert
durch Zufall, aber das war’s. Deswegen bin ich zu meinen frühen Wurzeln
zurückgegangen. Was meine Hörgewohnheiten anbelangt. Das liegt
auch daran, daß wir einen neuen Bassisten in der Band haben - gut,
so neu ist er auch nicht mehr. Er spielt bei uns jetzt auch seit neun oder
zehn Jahren. Aber er begann damit, die alten Rock-Scheiben wiederzuentdecken.
Und die sind es, auf denen das beste Schlagzeugspiel, das beste Baßpiel
zu finden sind, welches jemals aufgenommen wurde. Wir setzten uns, genauso
wie er, wieder mit dieser Musik auseinander. Unsere Band nahm sich dieser
Spielweise an, und wir versuchten, dieses spezielle Feeling wieder einzufangen.
Ich
rede von Feeling, denn das ist alles, worauf es ankommt. Der Rhythmus
eines Liedes ist das wichtigste. Wenn Du diesen Rhythmus in Dir hast, dann
kannst Du wirklich interessante Alben aufnehmen. Wenn Du das nicht hast,
und nur Doublebassdrums verwendest und nur schnell spielst, dann klingt
es wie ein Lied. Das ganze Album wird klingen wie ein Song. Letztendlich
macht das aber keinen wirklichen Spaß, weder zu hören, noch
zu spielen. Was uns in der letzten Zeit passiert ist, war, daß wir
wieder abwechslungsreicher geworden sind. Wir probieren Sachen, die wir
bisher noch nicht getan haben. Dazu addieren wir alte Sachen und erhalten
daraus etwas neues.
Du bist jetzt seit über 20,
30 Jahren in der Szene und im Musikgeschäft. Hast Du schon mal darüber
nachgedacht, ähnlich wie Lemmy, Deine Memoiren zu schreiben?
Bisher hatte ich noch nicht die
Motivation, so etwas zu machen. Ich denke, es ist besser, wenn ich es für
mich behalte. Das ist alles was ich habe. Ihr wundert Euch vielleicht darüber,
warum ich mich deswegen schwer tue. Würdet Ihr die gesamten Details
in der ANVIL-Geschichte kennen, was alles hinter den Kulissen ablief. Alles
was es genommen hat und welche Opfer es mich als Mensch gekostet hat, und
die Sachen die mir als Ergebnis dessen passiert sind, würdet Ihr sicher
sagen: „Der Typ ist doch bekloppt!“ Warum sollte jemand so etwas auf sich
nehmen? Wofür? Das ist doch verrückt. Das hört nicht auf.
Warum sollte ich solche Sachen mit der Welt teilen? Ich schätze, daß
die meisten doch eher etwas Positives lesen wollen. Und natürlich
Glamour. In einer Rock-, oder Metal-Band zu sein,
hat etwas Glamouröses für die Außenstehenden. Doch in Wirklichkeit
ist es ein extrem unlohnendes Business. Wenn Du Dir das neue Album
anhörst, besonders den Song „Cruel World“, dann bekommst Du eine Ahnung
von dem, was ich meine. Darum geht es, ich hab’s erlebt. Vieles von dem,
was glänzte, war kein Gold. Manchmal fühlt man sich richtig schlecht.
Es war eine lange, harte und unwegsame Straße, über die wir
kamen, warum sollte ich so etwas mit der Welt teilen?
Aber wenn dieses Buch erschiene,
wäre es mit Sicherheit interessanter als die Bücher von Mötley
Crüe und Motörhead zusammen.
Ja, aber dann würdest Du
an den Punkt kommen und sagen: “Die sind aber erfolgreich!“
Die Leute haben einen Haufen
Geld gemacht, sie haben Häuser und Familien, sie leben gut. Niemand
möchte etwas über einen Rockstar hören, der es zu nichts
gebracht hat. Keiner möchte das hören. Es würde sich
nicht verkaufen. Klar, es wäre interessanter, aber es würde ihm
an Durchschlagskraft fehlen. Du würdest ein Buch über jemanden
lesen, der es nie zu etwas gebracht hat. Weißt Du was ich meine?
Die Reaktionen auf ANVIL sind
meist von gegensätzlicher Natur. Geht es um die Platten, fallen die
Reviews meistens durchschnittlich bis gut aus. Aber wenn es um die Live-Shows
geht, dann sind sich alle einig, daß ein ANVIL-Konzert stets eine
große Party mit Arschtritt-Faktor ist. Was ist Dir wichtiger: Alben
aufzunehmen oder live zu spielen?
Ich denke, daß beides gleich
wichtig ist. Aber ehrlich gesagt ist es nicht nur die Band, von der es
abhängt, ob sie erfolgreich ist, sondern auch die Fans. Diese werden
psychologisch stark beeinflußt. Das Publikum wurde zu einem großen
Teil von den Medien fragmentiert. Eine Band bringt ein Album raus, und
sie steht für ein gewisses Image. In ANVILs Fall ist es so, daß
wir als Speed Metal galten. Wir waren dafür bekannt, vulgäre
Texte zu haben mit sexuellen Inhalten. Das sind aber nur oberflächliche
Merkmale, die wir als ANVIL haben. Wenn man sich unsere Geschichte in der
Retrospektive ansieht, merkt man, daß wir nicht das waren, was andere
an uns festmachten. Wir waren wesentlich vielseitiger. Zu Anfang des Interviews
sprachen wir über unsere Wurzeln, über Rock’n’Roll, diese waren
sehr, sehr wichtige Facetten von ANVIL. Jedoch wurden wir später nur
als Speed-Metal-Band gehandelt. Dann teilte sich das Publikum in Speed-Metal-Fans,
Black- Metal-Fans oder in Thrash-Metal-Fans.
Über die Jahre hinweg verästelten
sich diese Fanschichten noch mehr. Was passiert, wenn bei einem Magazin
ein Typ arbeitet, der eine ANVIL-Platte in die Hand bekommt und auf Speed
Metal steht? Wenn er ein Review oder eine Story schreibt, wird er es abfeiern.
Warum? Weil er auf Speed Metal steht. Wenn Du dann dasselbe Album jemandem
in die Hände gibst, der Rock’n’Roll mag, dann wird er Dich wahrscheinlich
dafür verteufeln, daß du Speed Metal spielst. Du wirst nicht
wirklich gewinnen mit einem dieser Kritiker. Letztendlich werden die Fans
die Songs hören und sie sich anhören. So einfach ist das, wirklich.
Da ist Musik, die den Speed-Metal-Freak anspricht und da ist Musik, die
spricht denjenigen an, der auf Rock’n’Roll steht. Aber ich werde mir sicherlich
nicht weh tun und nur Musik machen, die nur einem dieser Aspekte Rechnung
trägt. Wenn ich die Möglichkeit dazu habe, verschiedene Sachen
auszuprobieren, dann werde ich das auch machen. Da kümmere ich mich
einen Dreck darum, was ein Kritiker dazu zu sagen hat.
Wenn man darüber mal nachdenkt
und überlegt, wer sind diese Kritiker überhaupt? Was gibt ihnen
ein höheres Recht über irgend einen anderen Fan? Weist Du, was
ich meine? Haben sie etwa eine spezielle Ausbildung dafür, ein Kritiker
zu sein? Sie haben keine Ausbildung dafür, eine Band von einem zum
anderen Album zu verstehen. Ich denke, daß
Schlimmste an diesem Business ist, daß alles übernommen wird,
was in diesen Magazinen steht. Sie können Dich abfeiern, als stündest
Du Gott nahe. Doch die Wahrheit ist, das du nur eine weitere von
vielen Bands bist. Was soll’s? Wir sind nicht beim Pferderennen. Es ist
kein Wettbewerb, es geht um Musik. Es ist eigentlich ganz einfach. Was
mich angeht, gibt es nur zwei Arten von Musik: die Musik, die ich mag und
die Musik, welche ich nicht mag. Das ist alles. Es ist so einfach. Auf
einem Album gibt es Lieder, die ich mag und welche, die ich nicht mag.
Ich kann mich aber nicht hinstellen und sagen, daß das ganze Album
Scheiße ist. Wenn es gute Songs hat, bin ich der Erste, der sagt,
daß er es mag. Der Job eines Kritikers ist es, die Spreu vom Weizen
zu trennen. Scheiß egal. Hör Dir den Text zu dem Lied „Go Away“
an, das ist es. Lies dir den Text durch, ich singe direkt zu den Kritikern.
Jeder ist ein Kritiker, jeder hat ein Recht dazu aber die Richtlinie dafür
ist, daß verreißen ohne Fakten, Ignoranz ist.
Glaubst Du, daß sich die
Szene noch mal zu Tode kategorisieren wird?
Das, was
wir als Heavy Metal kennen, wird immer Heavy Metal bleiben. Es ist jetzt
bis zu dem Punkt gewachsen, an dem die Leute nicht mehr wissen, wie sie
es beschreiben sollen. Die Leute lieben es zu kategorisieren. Aber
das wird immer schwerer und schwerer. Ich kann darüber nur lachen.
Denn es ist nur Musik. Wen kümmert es, welcher Kategorie sie zuzuordnen
ist? Hört sie Euch an wenn Ihr sie mögt, und wenn nicht, dann
nicht. Man muß sie nicht etikettieren. Was soll das? Worum geht es?
Ich verstehe das nicht und hab das auch noch nie.
Laß uns das Thema wechseln.
1998 spieltest Du mit Benediction zusammen „Forged In Fire“ auf dem Wacken
Open Air. Wie kam es dazu? Kennst Du noch andere Bands die ANVIL-Coverversionen
haben?
Ich weiß nichts über
andere Bands. Aber es gab da mal eine Band mit dem Namen Powergod, die
coverten „Motormount“. Du möchtest wissen, was ich darüber denke?
Es ist wunderbar, großartig. Es ist eine Sache, über die ich
nicht viel sagen kann, außer, daß es wundervoll ist. Das ist
eines der großartigen Dinge daran. All die Musiker, aus den verschiedenen
Ären haben das erlebt. Ich war wie erstarrt als ich Ian Gillan traf.
Ich wurde absolut wahnsinnig als ich ihn traf, ich konnte das nicht glauben.
Es war genauso als die Jungs von Benediction mich trafen. Sie wahren komplett
aus dem Häuschen.
Wir zollen uns allen gegenseitig
Tribut. Das ist eine wunderbare Sache. Das ist die positive Seite am Musikgeschäft.
Anders als all der Scheiß, der nervt. Zusammen
mit Lee Kerslake von Uriah Heep abzuhängen, war das aufwühlendste
Erlebnis, welches ich in den letzten zehn Jahren hatte.
Eine besondere Attraktion bei
ANVIL-Konzerten ist es, wenn Du Deine Gitarre mit dem Vibrator spielst
und Du in Deine Pick Ups schreist. Jedesmal, wenn Du das machst, freuen
sich die Leute. Sie erwarten dieses Showelement. Hast Du jemals daran gedacht,
damit aufzuhören? Oder wäre es dann keine richtige ANVIL-Show
mehr?
Das letzte Mal, daß ich
den Vibrator benutzte, war auf dem „Bang Your Head“-Festival.
Den hab ich schon seit zwei Jahren
nicht mehr benutzt. Aber nur deshalb, weil ich da nicht in Europa war.
Das nordamerikanische Publikum ist darüber nicht wirklich begeistert.
In Wirklichkeit können sie
es nicht ausstehen.
Wieso?
Ich weiß nicht, ich denke,
daß einige Männer deswegen ziemlich homophob reagieren.
Ah, verstehe.
Ok, das dazu. Den Frauen ist das
auch unangenehm. Es ist eine andere Mentalität in Nordamerika. Das
trifft auch auf die Werbung zu. Zu dem selben Produkt gibt es verschiedene
Werbekampanien. Das europäische Format ist dabei viel suggestiver.
Sie können viel mehr Sexualität beinhalten. In Amerika würdest
Du mit dieser Art von Werbung nicht weit kommen. In Europa ist Sex kein
Tabu, kein Gegenstand, so wie in Nordamerika. Aber
die nordamerikanische Gesellschaft ist eh nicht unter Kontrolle, Du denkst
vielleicht, daß es funktionieren könnte, aber das tut es eben
nicht.
Das Musikbusiness
schimpft im Moment wie ein Rohrspatz auf diese Vervielfältigungsgeschichte
und diese Download-Piraterie. Ist diese auch für ANVIL eine Gefahr?
Ist ein Download aus dem Netz nicht dasselbe wie damals in den 80ern das
Kopieren von LPs auf Kassetten?
Klar ist es das. Was mich angeht,
ich gebe darauf nichts. Das ist alles ein Haufen Scheiße, weist Du.
Zusammengenommen haben die Leute heute dieselbe Anzahl an Kopien zu Hause,
wie damals in den 60ern und 70ern. Es ist dasselbe, nichts hat sich verändert.
Man
kann eine CD brennen, na und? Man konnte auch Kassetten aufnehmen. Nichts
hat sich verändert. Der einzige Unterschied ist, daß
Du eine CD-Kopie machen kannst, die etwas besser als eine Kassette klingt.
Der Sound ist besser, aber es bleibt an sich das gleiche: Du stiehlst.
Die Leute stehlen schon seit Jahren. Wenn wir alle verlorenen Plattenverkäufe
durch Kassettenkopien seit den 60ern zusammenzählen würden, wären
wir erstaunt. Und jetzt heulen sie, weil die Leute downloaden? Was soll
das? Ich glaube die Sache wurde über einen gewissen Grad hinaus zu
sehr aufgeblasen. Ich glaube, daß es ein großer Fehler von
Metallica war, sich zu sehr dort hinein zu steigern. Ich weiß nicht,
aber ich glaube, das ist ein großartiger Weg für die Leute,
Musik in die Hände zu kriegen.
Dazu kommt, das die Musikindustrie
sich selbst das Wasser abgräbt: Sie veröffentlichen Tonnen von
nutzlosem Scheiß wie etwa Best-Of-Geschichten, beinahe identische
Sampler, Singles voll mit unterdurchschnittlichem „Superstar“-Mist und
so weiter und sofort. Niemand der einen ehrlichen Job hat, könnte
sich auch nur annähernd komplett die essentiellsten Scheiben zulegen.
Und auch die Möglichkeiten
aufzunehmen haben sich verändert. Jeder kann billig eine CD aufnehmen.
Und die Labels geben jeder möglichen Band einen Plattenvertrag. Der
Markt wird mit allerlei Mist überflutet. Und Du bezahlst denselben
Preis für eine Judas-Priest-Platte wie für etwa die Dogfuckers.
Der Fan nimmt sich die Dogfuckers-CD mit nach Hause und sie klingt nach
Müll. Er bezahlte aber auch 20 Euro dafür. Das nächste Mal
wird er sie downloaden, bevor er sich eine neue CD kauft. Wessen Schuld
ist das? Ich weiß nicht, aber so mache ich das auch. Früher
mußtest Du Dir einen Plattenvertrag erarbeiten. Und um den zu bekommen,
mußtest Du eine richtig gute Band sein. Das ist ein großer
Unterschied. Nur gute Bands bekamen einen Plattenvertag. Wenn Du Dir eine
Platte kauftest, dann war sie gut, denn die Band hatte einen Plattenvertrag.
Heutzutage musst Du nicht gut sein. Du brauchst nichts zu können.
Es gibt keine Kriterien. Jeder kann aufnehmen.
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