CANNIBAL CORPSE
Interregnum im Gespräch mit  Alex Webster (bg)
Gesendet am 20. April 2004

Alex Webster

Es gibt kaum eine Band, die den Death Metal so sehr geprägt hat wie CANNIBAL CORPSE. Selbst in Zeiten, in denen quasi jeder halbwegs talentierte Gitarren-Jüngling eine Death Metal-Band gründet, orientieren sich immer noch die meisten an den Frühwerken dieser Tiefton-Pioniere. Wie es im 15. Jahr des Bestehens um CANNIBAL CORPSE steht und was bei einem kleinen Rückblick herauskommt, brachten wir bei Alex Webster in Erfahrung. 
 

Fünfzehn Jahre CANNIBAL CORPSE: Ihr habt ein neues Album, "The Wretched Spawn", veröffentlicht, und ihr habt eine goldene Schallplatte für mehr als eine Million verkaufter CDs weltweit erhalten. Respekt Jungs! Hat Euch denn Frau Christel Jenal, (jene Dame, der CANNIBAL CORPSE eine gerichtliche Verfügung darüber zu verdanken haben, daß sie die Songs ihrer ersten drei Platten nicht in Deutschland spielen dürfen, und selbige auf dem Index landeten und für all ihre Plattencover eine entschärfte deutsche Version angefertigt werden muß) schon gratuliert? 

Oh nein, wir warten immer noch auf ihre Glückwunschkarte in unserem Briefkasten. Wir sehen ständig nach, aber bis heute war noch keine dabei.

Zeit für ein Resümé. Wenn ihr auf Eure lange Karriere zurückschaut - was waren Deiner Meinung nach die absoluten Höhe- und Tiefpunkte in Eurem Bestehen als CANNIBAL CORPSE?

Es ist alles sehr gut gelaufen. Zu den absoluten Höhepunkten zählt auf jeden Fall, bei solch großen Festivals wie in Wacken spielen zu können. Oder so ausgefallene Sachen wie unser Auftritt in "Ace Ventura –ein tierischer Detektiv", das war ein interessanter Höhepunkt. Oder jedes Mal, wenn wir die Möglichkeit haben, ein großes Festival zu spielen, an dem auch unsere Helden wie etwa Slayer mitmachen. Das ist jedes Mal ein echter Nervenkitzel. Zu den Tiefpunkten gehören die Zeiten, wenn das Reisen zur Belastung wird. Einmal hingen wir in einem Flughafen in Costa Rica für einen Tag fest. Oder auf einem belgischen Flughafen, da waren es schon anderthalb Tage, die wir festsaßen. Solche Sachen sind schon ziemliche Tiefpunkte. Haha, das war natürlich nicht geplant. Ich schätze, ich hatte einfach Glück, daß sich meine Karriere auf der Musik aufbaut.

Als die Death Metal-Szene Ende der 80er, Anfang 90er noch in den Kinderschuhen steckte, war diese Musik roh, primitiv aber sehr effektvoll, sie wurde direkt aus dem Bauch heraus gespielt. Eine Menge wegweisender Klassiker dieses Genres wurden in jener Zeit veröffentlicht. Ich habe den Eindruck, daß heutzutage die meisten Bands versuchen, einfach nur brutaler, schneller und technischer als alle anderen zu spielen. Es wirkt wie ein einziger großer Wettbewerb. Dadurch wird der Death Metal immer komplizierter. Es scheint, als ob Death Metal zu einer reinen Kopfmusik geworden ist. Was denkst Du? Sollte Death Metal eher Musik sein, die aus dem Bauch kommt oder mehr aus dem Kopf?

Als erstes sollte er heavy und brutal aus dem Bauch heraus geschrieben sein. Es ist definitiv gut, wenn man dabei seine Technik beherrscht. Aber Du kannst nicht die Qualität eines Songs dafür opfern, um zu posen, was für ein toller Musiker Du bist. Viel wichtiger ist es doch, ein guter Musiker zu werden, um das, was man im Herzen trägt, umsetzen zu können. Lieber so, als Musik wie ein Mathematiker zu machen. Es geht darum, Musik zu spielen, die das ausspricht, was aus Deinem Inneren kommt. Einfach nur, um des Angebens willen übermäßig technisch zu spielen, ist nicht das, worum es im Death Metal geht. Aber guter Death Metal kann hingegen sehr technisch sein. 

Wie Du weist, ist es in Deutschland sehr schwer, an Eure Texte heranzukommen. Der Internetzugang ist oftmals der einzige Weg. Auch, wenn nicht jeder über ihn verfügt. Wenn ein Fan nun gezielt nach den Texten sucht, welches Album könntest Du ihm besonders empfehlen? Auf welcher Platte habt Ihr Deiner Meinung nach textlich Eure Glanzleistung abgeliefert? Und warum?

Das ist wirklich schwer zu sagen, aber ich denke, wenn Du über unsere älteren Platten sprichst, vielleicht "The Bleeding". Sie ist noch aus der Chris Barnes-Ära. Bei den neueren würde ich sagen, ist es "Bloodthirst". Die Scheibe ist mit die beste, welche wir mit George aufgenommen haben. Aber das ist wirklich eine Frage des Standpunktes. Jeder hat seine Lieblingsplatten, und wir sind stolz auf jede einzelne von ihnen und glauben, daß alle ziemlich gut sind. Es ist also eine Frage des persönlichen Geschmacks, aber ich würde sagen, daß vielleicht "The Bleeding" und "Bloodthirst" die besten Einblicke in unser textliches Schaffen sind

Da Du für die Texte mitverantwortlich bist, wäre es interessant zu erfahren, in welcher Stimmung Du sein mußt, um wirklich gute Texte zu schreiben. Wie kann man sich das vorstellen? Läuft das eher so, daß Ihr biertrinkend im Proberaum sitzt und Euch schenkelklopfend mit extremen Ideen zu überbieten versucht, oder schreibst Du nur, wenn mal wieder all der Haß in Dir zu explodieren scheint und Du unbedingt brutalen, kranken Stoff schreiben mußt?

Na ja, ganz so kraß läuft das bei uns nicht ab. Manchmal sitzen wir zusammen im Proberaum und unterhalten uns darüber, was denn nun ein guter Inhalt für ein Song wäre. Wir einigen uns zuerst auf den Songtitel. Dann wird ein Text daraus. "Severed Head Stoning" etwa ist so im Proberaum entstanden. Ansonsten schreibe ich die Texte allein zu Hause. Ich versuche darüber nachzudenken, warum jemand, der Gewalt ausübt, dies tut. Was denkt er? Ich war noch nie eine gewalttätige Person, dennoch versuche ich zu ergründen, wie solche gewalttätigen Menschen denken. Darüber schreibe ich dann die Texte. Dann entstehen halt Lieder wie "They Deserve To Die". Ich denke, daß es wichtig ist, herauszufinden, wo die Gewalt in den Hirnen der Menschen ihre Ursachen hat

Die meisten, wenn nicht gar alle Menschen außerhalb der Death Metal-Szene glauben noch immer, daß ein Death Metal-Sänger nichts weiter macht, außer die Geräusche eines brünftigen Wildschweins zu imitieren. Daß diese Typen den Titel "Sänger" gar nicht verdient hätten. Wir wissen, daß das kompletter Unfug ist. Deshalb hast Du jetzt die Chance, einem Teil unseres Publikums zu erklären, wie hart der Job eines Death Metal-Sängers in Wirklichkeit ist.

Ich denke, daß das ziemlich schwer ist. Speziell, wenn es darum geht, sehr schnell zu singen. Wir machten George klar, daß er sehr schnelles Zeug singen muß. Sein Job ist wirklich nicht einfach, denn er legt seine Hand nicht über das Mikrofon, damit er tiefer klingt. Er singt nur mit seiner Stimme und das sehr laut und tief. Dabei muß er exakt das Timing der schnellen Musik halten. Wenn irgendjemand glaubt, das sei einfach, so soll er es nur probieren. Sie werden schnell merken, daß es schwieriger ist, als sie vorher angenommen haben.

Es gibt da ein Gerücht, welches besagt, daß CANNIBAL CORPSE ein Album zwischen "The Bleeding" und "Vile" mit Chris Barnes am Mikro aufgenommen haben, das nie veröffentlicht wurde. Ist das wahr?

Ein Teil davon. Wahr ist, daß, als wir "Vile" aufnahmen, die Scheibe noch "Created To Kill" heißen sollte. Denn Chris Barnes gehörte damals noch zur Band. Wir hatten schon den Baß, die Gitarren und das Schlagzeug aufgenommen. Chris begann den Gesang auszuarbeiten, und von da an gingen die Probleme los. Wir stritten uns ständig und kamen kein Stück weiter. Wir legten Chris den Ausstieg aus der Band nahe und er sagte: "Gut, dann mache ich eben Six Feet Under weiter. Ist schon okay." Er war nun fest bei Six Feet Under und wir fanden George, wollten aber nicht die selben Texte benutzen, die Chris geschrieben hatte. So schrieben wir sie komplett neu. Das Zeug, was wir mit Chris aufnahmen, haben wir niemals verwendet. Allerdings hatte Chris eine Kassette mit den Aufnahmen. Er gab sie einigen Leuten, die anfingen, Bootlegs von "Created To Kill" zu fertigen. Einige nannten es "Truly Vile". Man kann es an einigen Orten noch immer kaufen. Und viele Leute haben es schon. Die Qualität des Bootlegs ist aber ziemlich beschissen. Deshalb entschieden wir uns, als wir das Boxset "15 Year-Killing Spree" zusammenstellten, die "Created To Kill"-Sessions mit beizulegen. Nun sind sie als offizielle Veröffentlichung zu haben. Es sind nur ein paar Songs, nicht das ganze Album. Er hat es ja nie beenden können.

1999 spieltet Ihr auf dem Wacken Open Air eine Show direkt nach Six Feet Under. Zum Ende ihres Auftrittes spielten sie den Intro-Part des CANNIBAL CORPSE-Songs "Stripped, Raped And Strangeled". War dies ein Zeichen von Chris Barnes, sich mit Euch zu versöhnen?

Ich bin nicht sicher, warum er dies tat. Ich denke, es lag daran, daß er seine Lieblingstexte schrieb, als er noch bei uns in der Band war. Er wollte wohl ein wenig davon mit Six Feet Under spielen. Ich finde das geht schon in Ordnung, wenn er das macht. Er tat das wohl auch, weil er die Möglichkeit vermißt, die alten CANNIBAL CORPSE-Sachen live zu spielen. So möchte er wenigstens die alten Texte live bringen, denn die frühen Lyrics die er mit uns brachte, sind ihm sehr ans Herz gewachsen. Ich habe damit kein Problem. Nach der Show redeten wir miteinander, hingen zusammen ab. Unsere Beziehung zueinander verbesserte sich nach dem Wacken-Festival.

Wenn wir uns die Musikgeschichte der letzen 40, 50 Jahre ansehen, kann man sagen, daß die Musik immer härter und aggressiver geworden ist. Am Anfang hatten wir den Rock'n'Roll mit Little Richard oder Elvis zum Beispiel. Für die damals ältere Generation war diese Musik schon ein Grund für einen gepflegten Herzkasper. Viel später dann kamen sogar Heavy Metal, Punk und Hardcore. Diese Musik wiederum war mitunter ein Schlag ins Gesicht für die Rock'n'Roll-Generation. Heutzutage sind Death- und Black-Metal-Bands wie Krisiun, Marduk, Impaled Nazarene oder CANNIBAL CORPSE mit das Extremste, was die Szene zu geben im Stande ist. Was denkst Du? Ist die Musikevolution an ihrer Grenze angelangt oder ist es möglich, noch extremer zu spielen und zu handeln als es heute der Fall ist? 

Ich denke, daß es möglich ist. Würde ich wissen wie, ich würde es tun. So denken wir alle bei CANNIBAL CORPSE, wenn jemand eine Idee hat wie man noch brutaler sein kann, werden wir nichts unversucht lassen, diesen Weg auszuprobieren. Aber ich denke, daß mal irgendeine junge Band kommt, die einfach Unglaubliches fabrizieren wird. Wir müssen nur abwarten und die Augen offen halten. Vielleicht sitzt gerade in diesem Augenblick in irgend einer Garage oder in irgendeinem Keller ein Typ, der gerade an sich übt, um uns eines Tages die Hirne wegzublasen.

Und ist es möglich, noch extremere Sachen zu veranstalten als die einiger Black Metal-Bands, oder mehr zu provozieren als Marilyn Manson heutzutage? 

Nicht ohne dafür im Knast zu landen. Einige sitzen ja bereits ein. Wir waren definitiv nie daran interessiert, besonders verrückt zu sein. Wir mögen verrückte Musik. Dabei belassen wir es auch. Unser Privatleben ist anders. Wir wollen nur professionelle Musiker sein, die Horrormusik spielen. Du kannst natürlich immer extremer sein, aber wie ich vorhin schon sagte, dafür wird man mit Sicherheit im Knast landen. Und einige der Bands sitzen ja bereits. Der verrückteste Typ in den 80ern war G.G. Allin. Ich weiß nicht, ob Du von ihm schon mal was gehört hast, aber der Punkrocker G.G. Allin schiß auf die Bühne und feuerte seine Scheiße in das Publikum. Er war sehr extrem. Und auch heute noch ist er wohl einer der Extremsten, wenn man darüber nachdenkt. Aber das geht mir zu weit. Ich höre lieber extreme Musik, als daß ich mir ansehe, was andere für kaputtes Zeug veranstalten.

Wo wir gerade dabei sind - auf einem Festival sah ich einen Typen von Schlage G.G. Allin, der sich eine Klobürste in den Arsch steckte und auf einem Tisch tanzte. Er zog sie aus seinem Arsch und warf sie durch das Publikum. Die wiederum liefen umher mit der verschmierten Bürste in der Hand und feierten, was das Zeug hielt. 

Hatte er Dreadlocks?

Daran kann ich mich nicht erinnern. 

Das war sicherlich dieser Typ aus Schweden. Sein Name ist Shitman. Er macht auch einen auf G.G. Allin. Er ist wohl ziemlich berühmt. Er nahm an einigen Wettbewerben teil. Es gibt so etwas wie einen G.G.Allin-Award. Der wird jedes Jahr an den krankesten Typen verliehen. Da gibt es echt Wettbewerbe. Großartig!

Einst traf ich einen Fan aus Südafrika. Der erzählte mir, daß die Mehrheit der afrikanischen Fans zwei Bands bevorzugt: Thin Lizzy und CANNIBAL CORPSE. 
Was glaubst Du, macht Euren Sound für die Afrikaner so attraktiv? 

Jesus! Thin Lizzy und CANNIBAL CORPSE. Da ist ein so großer Unterschied zwischen den Bands. Aber das ist wirklich cool. Ich habe echt keine Ahnung, aber ich sage Dir, ich würde liebend gerne dort runter gehen, um dort zu spielen und zu sehen, was dort abgeht. Ich war noch niemals in Afrika. Südafrika ist wohl auch der einzige Ort, an dem wir da spielen könnten. Wir würden sehr gerne dort runter gehen, um zu sehen was passiert. - Ich verstehe das nicht - Thin Lizzy und CANNIBAL CORPSE. Das ist verrückt. In etwa wie Deep Purple und Marduk. Das ist so ein großer Unterschied zwischen den Bands.

Vielleicht Thin Lizzy wegen der Melodien und CANNIBAL CORPSE wegen der Brutalität. 

Das ist ziemlich cool, daß die dort auf uns abfahren. Hoffentlich können wir dort bald mal ein paar Shows spielen und sehen, was da abgeht.

Die würden sich sicherlich auch drauf freuen. 

Cool, das wäre großartig.

Euer Gitarrist Jack Owen soll ein Rock/Metal-Projekt mit dem Namen Adrift gegründet haben. Kannst Du uns darüber was erzählen? 

Ich weiß nicht allzu viel darüber. Ein Typ von Ressurrection, die auch mal auf Nuclear Blast waren, macht auch in der Band mit. Ich weiß nicht wirklich viel darüber. Es scheint eine Art Rockband zu sein. Er macht es aus Spaß an der Sache. Jack steht auf viele unterschiedliche Musikstile. Er mag sowohl Blues, Country und Rock'n'Roll als auch modernen Rock. Und natürlich steht er auch auf Death Metal. Er spielt jetzt schon so lange Death Metal, er möchte sicherlich nebenher auch mal andere Stilistiken ausprobieren.

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