DARK TRANQUILLITY
Interregnum
im Gespräch mit Mikael Stanne
gesendet am 25. April 2000

Wie war die Tour mit den anderen
Bands (In Flames, Children Of Bodom)? Bist Du zufrieden?
Ja, absolut. Wir hatten sehr viel
Spaß. Wir sind nun seit einem Monat unterwegs und ich denke es ist
die beste Tour, die wir je gemacht haben. Die anderen Bands sind ziemlich
cool und gute Freunde von uns. Wir geben jede Nacht das Beste, so daß
ich eigentlich gar nicht mehr nach Hause möchte. Es ist einfach zu
geil.
Ihr habt Euch stilistisch ein
wenig verändert. Wie waren darauf die Reaktionen des Publikums?
Es war sehr unterschiedlich. Eigentlich
kümmern wir uns nicht um die Reaktionen. Aber diesmal reagierten
die Leute sehr stark. Sie liebten oder sie haßten es. Und das ist
es, was wir mögen. Wir lieben das neue Album wirklich sehr, und wenn
niemand damit was anfangen kann, ist es uns egal. Als wir die ersten Reviews
bekamen, merkten wir, daß die Kritiker das Album mögen. Normalerweise
kümmern uns die Reviews nie, aber diesmal war es exzellent. Natürlich
waren einige Leute nicht mit der Platte zufrieden, da es nicht "The Mind's
I" und auch nicht "The Gallery" war. Aber die meisten mochten es: "Projector"
ist besser als die vorherigen Alben ..." Und das ist gut so.
Habt Ihr schon Pläne für
die nächste CD?
Hoffentlich im Sommer 2000. Wir
hoffen es, denn wir wollen nicht so viel Zeit zwischen den Platten verstreichen
lassen. Im April geht's ins Studio, und im Juni wollen wir die Platte veröffentlichen.
Hoffentlich.
Wird es dann wieder eine stilistische
Veränderung geben?
Aber sicherlich. Wir haben uns
auf jedem Album verändert. Es wird anders sein. Wir werden uns zwar
nicht verleugnen aber verändern auf jeden Fall. Wir haben zehn neue
Songs, mit denen wir sehr zufrieden sind. Sie sind exzellent.
Also nicht mehr so viel Melodic
Death Metal wie einst?
Melodisch ja. Aber kein
Death Metal mehr.
Glaubt Ihr, daß Ihr auf
Eurer nächsten Tour Headliner sein könntet, so wie Ihr Euch verändert?
Keine Ahnung. Hoffentlich können
wir im Spätsommer auf Headliner-Tour gehen. Ich weiß es aber
nicht. Wir planen das ja nicht. Es ist sehr komfortabel auf dieser Tour,
wir können nicht lange spielen und müssen früher aufhören,
also
können wir früher mit dem Trinken anfangen. Oder was auch
immer. Naja, wir werden sehen, wie es kommt.
Bist Du vor Auftritten noch immer
nervös?
Nicht wirklich. Manchmal, wenn
wir keinen Soundcheck haben und wir nicht wissen, ob das Publikum uns mag.
Das macht mich schon nervös. Normalerweise kotze
ich vor jeder Show, da ich mich ziemlich scheiße fühle.
Aber jetzt geht's. Ich glaube, Du mußt ein bißchen nervös
sein, da Du Dich sehr auf den Auftritt konzentrierst. Andererseits, bist
Du es nicht, kannst Du gleich aufhören. Ja, eigentlich bin ich immer
aufgeregt.
Von Dark Tranquillity allein kannst
Du sicherlich nicht leben. Womit verdienst Du Dir normalerweise Deine Brötchen?
Naja, ich beziehe Sozialhilfe
und sitze zu Hause. Ich habe das minimalste Einkommen, welches man kriegen
kann. Ich arbeite mit behinderten Menschen und Kindern
in einem Kindergarten. Manchmal bekomme ich ein bißchen Geld
dafür oder ein bißchen Geld durch die Band. Eigentlich habe
ich, was ich brauche. Manchmal haben wir viel Geld, und ich bringe es in
wenigen Tagen durch.
Es wäre sicher interessant
zu erfahren, was für Typen bei Dark Tranquillity spielen die in der
Lage sind, solch eine Musik zu spielen. Kannst Du uns Deine Kollegen mal
vorstellen?
Nun, ich beginne mal mit unserem
Drummer Anders. Wir sind seit 16, 17 Jahren befreundet. Er ist von allen
Musikern, die ich kenne, der, der am meisten open-minded ist. Er ist eigentlich
immer frustriert. Er braucht immer irgendwas zu tun - und das schnell.
Er ist sehr lustig. Und er ist ein hervorragender Trinker. Er
trinkt das Doppelte von dem, was ich vertrage und kann immernoch stehen.
Ja, und er ist ein exzellenter Musiker, er kennt alle Instrumente, die
sich irgendwo befinden. Ich kenne ihn besser, als er sich selbst kennt.
Dann haben wir Martin, den Bassisten,
also den jetzigen Gitarristen. Wir haben den damaligen Gitarristen rausgeschmissen,
und Morten wechselte vom Baß zur Gitarre. Wir sind Freunde, seit
ich sechs Jahre alt bin. Wir waren zusammen im Kindergarten. Er ist der
Typ in der Band, der alles organisiert. Er weiß immer, was zu tun
ist, er verwaltet das Geld und organisiert alles. Er kommt auch niemals
zu spät zum Proben. Er macht halt alles das, worum ich mich nicht
kümmere. Er interessiert sich sehr für Technik, für Computer
und so'n Zeug, und er schreibt einen Haufen Musik, wofür er sehr talentiert
ist.
Dann haben wir Niklas. Auch ihn
kenne ich, seit ich sechs bin. Seit ich ihn kenne, sind wir die besten
Freunde. Er ist sehr kreativ, er schreibt ein wenig, malt und erstellt
Grafiken an seinem Computer, an dem er auch unsere Homepage erstellte.
Er ist ein sehr kreativer Typ, der immer was tun muß - ob an seinem
Sketchbuch oder am Computer oder was auch immer - er ist ständig beschäftigt.
Er ist sehr lustig auf eine etwas verrückte Art.
Dann haben wir Michael, den Bassisten.
Er ist jetzt seit acht Monaten in der Band, und ich kenne ihn 7, 8 Jahre
oder so. Er ist ein fröhlicher Typ, der Redneck. Er ist der Chefkoch
und zwar ein hervorragender. Er ist ziemlich cool.
Als nächsten hätten
wir Martin, den Keyboarder. Ich kenne ihn seit vielleicht zehn Jahren.
Er ist Sniper in der Armee, was ziemlich cool ist. Er ist sehr talentiert,
und er mag Computerspiele genauso wie ich, also spielen wir öfter
mal zusammen.
Das ist halt die gute Seite,
seit wir alle zusammen sind, passiert viel. Wir alle haben zwar unsere
Differenzen aber wir wissen immer, was wir vom anderen erwarten können.
Wir kennen uns schon so lange, aber manchmal kann ich neue Seiten an den
Bandmitgliedern entdecken, die mich immer wieder überraschen. Das
ist halt das Gute daran, daß wir schon so lange zusammen sind und
uns so gut kennen. Irgendjemand von uns hat immer gute Ideen. Es ist immer
interessant, zusammenzuarbeiten in allem,was wir tun.
Warum ist diese Art von Musik
die Ihr spielt, so typisch für Skandinavien, diese melancholische,
melodische Art des Death Metal?
Ich weiß wirklich nicht,
woher das kommt. Weißt Du, als wir anfingen, wollten wir melodische
Musik spielen. Wir mögen Melodien, ich genieße das. Wir
alle mögen traurige Musik, vielleicht kommt es davon. Vielleicht
kommt es auch von unserem schwedischen Background, obwohl wir keine traurigen
Menschen sind. Wir sind eigentlich recht glücklich, haben gute Familien
und Heime, wir sind nicht frustriert oder so. Es ist mehr die Art von Musik,
mit der wir aufgewachsen sind und die wir mögen, schätze ich.
Ich weiß wirklich nicht, woher es kommt. Ich bekomme diese Frage
sehr oft gestellt, und ich kann sie nie richtig beantworten, weil ich darauf
keine Antwort weiß. Aber vielleicht kommt es daher, daß wir
in Schweden leben, ich bin mir nicht sicher. Vielleicht ist es natürlich
bedingt.
Einige Black Metal-Bands geben
darauf immer die Antwort: "Wir kommen aus dem ewig finsteren Norden und
spielen deshalb diese Musik."
Nein, absolut nicht. Wir leben
an der Westküste, sind sehr glücklich. Jeder in der Band hatte
eine gute Kindheit. Wir lieben das Leben und alles, was dazu gehört.
Wir haben eigentlich immer sehr viel Spaß. Aber ich denke, wir alle
tragen sicher traurige Dinge in uns, und das ist es, was in der Musik rüberkommt.
Wenn
ich alles Negative in der Musik und in den Texten rauslasse, dann muß
ich auch nicht jedes Mal deprimiert oder wütend rumlaufen.
Eine feine Sache.
Die Metal-Szene ist unterteilt
in verschiedene Trends und Stilrichtungen. Dark Tranquillity spielen ihren
eigenen spezifischen Stil. Bands, die nicht den gängigen Normen folgen,
haben es schwer, von der breiten Masse anerkannt zu werden. Glaubst Du,
daß sich die Metal-Szene dadurch eines Tages selbst zerstören
wird?
Keine Ahnung. Ich hoffe, daß
da eines Tages eine Änderung eintritt. Es ist fürchterlich, die
Entwicklung einiger Bands in der Metal-Szene zu beobachten. Ich kann damit
nicht viel anfangen. Sie kommen mit dem ganzen Retro-Zeugs, dem 80er Jahre-Kram
- fürchterlich. Ich hasse das. Diese ganzen Typen, die versuchen,
Power Metal-Bands zu sein. Uuuaaahhh! Und das Black
Metal-Ding hat auch viel zerstört. Ich hasse das. Ich mochte
am Anfang einige dieser Bands, Mayhem und den ganzen Kram, aber als das
alles so pathetisch wurde, wars mir egal. Ich denke, all diese Bands spielen
Melodic Death Metal? Und wir spielen den Göteborg-Stil? Aber was soll
das sein? Es ist schon verrückt, die Leute kopieren immer und überall.
Weißt Du, sicher gibt es Bands, die sagen, daß sie von uns
beeinflußt sind. Das ist eine tolle Sache, aber es ist wichtig, das
alles irgendwann hinter Dir zu lassen und Deinen eigenen Stil zu finden.
Halt was Originelles zu machen und nicht einfach nur Anderen zu folgen.
Und bei uns ist es so, daß wir die Einflüsse aller Musikarten
verbinden und was Spezielles daraus machen, weißt Du. Es kümmert
mich nicht, ob wir ein Metal-, Pop- oder ein was-auch-immer-Album machen,
Hauptsache, wir alle in der Band lieben es und würden dafür sterben.
Feeling ist das Wichtigste dabei. Ich denke, viele Bands in der heutigen
Szene wollen ein Teil von irgend etwas sein oder ein cooles Image haben,
Make-up tragen und so. Und das alles nur, damit die Leute sie interessant
finden. Das ist doch schlecht.
Viele Fans sind ziemlich ignorant,
mögen nur Black Metal oder Death Metal usw. Ihr scheint ja nun aus
diesen festgefahrenen Bahnen auszubrechen. Ist es deswegen so schwer, Platten
zu verkaufen oder die Leute zu einem Konzertbesuch zu bewegen?
Ich denke, viele Leute sind so
drauf, aber ich bin ihnen nicht böse deswegen. Ich war mit 14, 15
Jahren genauso. Aber es ist schon ziemlich traurig, daß viele Leute
so engstirnig sind. Entweder nur Death Metal - alles andere ist Scheiße
oder Poser Metal, weils anders klingt. Die Leute,
die an diese ganzen Black Metal-Bands glauben, die Käufer, das ist
wie in Amerika, wo die Fans alle mit Korn- oder Marilyn Manson-T-Shirts
rumlaufen. Sie kaufen das alles. Das ist sehr traurig. Es macht
mich sehr traurig, daß es so leicht ist, diese Menschen zu beeinflussen.
Wir wollen da ausbrechen. Mein Traum wäre es, daß die Leute,
Individuen, welche für sich selbst denken, Musik genießen wegen
dem, was sie ist, nicht weil Du ein bestimmtes Make-up trägst oder
ein Death Metal-T-Shirt an hast, wegen Deiner Herkunft, weil du im Wald
bei den Tieren lebst in Norwegen oder was auch immer. Ich kümmere
mich einen Scheiß darum. Es ist aber so - traurig aber wahr. Mit
dem "Projector"-Album versuchen wir, da wegzukommen. Wir nahmen es auf,
hörten es uns danach an und sprachen darüber. Wer wird es mögen?
Unsere alten Fans können denken, daß es Scheiße ist, wegen
den Unterschieden und so. Die Neuen, die uns nicht kennen, sagen vielleicht:
"Nein, das ist zu abgefahren." Was denkst Du? Wir lieben es. Es ist das
beste Album, welches wir je gemacht haben. Was solls, wir haben es veröffentlicht
und schauen, was passiert. Es war aufregend, es zu veröffentlichen,
denn wir wußten nicht, was uns erwarten würde. Aber es scheint,
daß die Leute offen dafür sind und es sich anhören - das
ist es, was zählt.
Warum glaubst Du, sind ähnliche
Bands wie In Flames heute größer als Dark Tranquillity?
Keine Ahnung. Ich denke, wir machen
etwas andere Musik mit eigenartigen Parts. Sie ist nicht so eingängig.
Sie ist zwar eingängig, aber mit vielen progressiven Stellen, halt
technischer manchmal. Einige Leute kaufen das dann halt nicht. Ist mir
auch egal. So sind wir nunmal, das mögen wir so. Und das ist gut so.
In Flames haben ihr eigenes Konzept, nach dem sie Platten machen, und die
Leute mögen das. Das ist es, was sie wollen. Ich liebe sie und ich
mag es, was sie machen, aber es ist nicht das, was wir machen wollten.
Ich bin deswegen nicht frustriert oder so. Wir wollen uns mit jeder Platte
verändern.
Ist es nicht manchmal frustrierend,
auf der Bühne zu stehen und zu spielen, und es interessiert niemanden?
Manchmal nervt es schon. Ja, das
kommt schon mal vor, daß die anwesenden Leute sich nicht für
Dich interessieren. Aber wir verdammen sie nicht dafür. Wir spielen
für die Leute, die das mögen. Man kann es in ihren Augen sehen,
auch wenn sie nicht in der ersten Reihe mitsingen. Wenn schon drei Leute
mitgehen und ihren Spaß haben, ist es schon wert, für sie zu
spielen. Und wenn niemand mitgeht, ich weiß
nicht ... dann ist es eine Probe für uns. Wir spielen für
die Leute, die da sind, und wenn es sie nicht interessiert, ja dann ist
es ihr Problem. Wen kümmerts? Sie bezahlen ja Eintritt. Sie könnten
ja auch woanders hingehen. Vor zwei Taghen spielten wir in Leipzig und
jede Band bekam dieselbe Reaktion: einen kleinen Höflichkeitsapplaus
- das wars. Total verrückt. Ich dachte: Scheiße, was macht Ihr
hier? Habt Ihr nichts besseres zu tun? Das war echt seltsam. Ich dachte,
vielleicht sind sie nur wegen In Flames hier, aber da war es auch nicht
besser.
Ich frage dies, weil Ihr ja schon
einmal in Stavenhagen gespielt habt, 1996 mit Impaled Nazarene, wo sich
auch niemand bewegte, geschweige denn applaudierte.
Das war das eigenartigste Konzert,
welches wir je gaben. Ich kann mich noch ganz klar daran erinnern. Die
Leute standen meterweit von der Bühne entfernt, nur ein Typ applaudierte.
Wir spielten ja mit Impaled Nazarene. Ich dachte, ok - sie hassen uns,
aber sie mögen sicher Impaled Nazarene, aber niemand bewegte sich,
als sie spielten. Wir fragten uns, was machen wir hier? Laß uns abhauen.
Wir standen auf der Bühne, sahen uns fragend an und spielten. Das
war echt seltsam. Vielleicht wußten die Leute
nicht, wie man sich auf einem Metalkonzert verhält. Wenn ich
auf ein Metalkonzert gehe, stehe ich in der ersten Reihe und lasse die
Sau raus. So mag ich das. Und wenn ich die Band mag, aber keinen Bock habe,
mich auszutoben, dann applaudiere ich doch wenigstens nach den Songs. Aber
da war nichts. Es war schon komisch, aber heute lachen wir darüber.
Bereitet Dir sowas manchmal Alpträume?
Wegen dem Konzert? Nein. Es ist
schon traurig, wenn es sie nicht interessiert, aber es ist ihr Problem.
Wir sind hier, um zu spielen, und das machen wir auch. Weil wir es einfach
mögen. Wenn es niemanden interessiert, dann spielen wir für uns.
Ich mache mir nicht so viele Sorgen darüber oder bin wegen dieser
Leute deprimiert. Aber ich mag es so wie in Italien, wir spielten in Rom
vor tausend Leuten und alle sangen mit. Das ist cool, sowas liebe ich.
Aber auch wenn da nur fünf Leute stehen, die richtig mitmachen, ist
das auch schon geil.
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