DORO
Interregnum
im Gespräch mit Doro Pesch (voc)
gesendet am 27. März 2001

Doro Pesch ist seit 20 Jahren für viele
Heavy Metal-Fans die Inkarnation einer Metal-Sängerin. Der finanzielle
Absturz ihrer Band WARLOCK Ende der 80er Jahre konnte ihr ebenso wenig
anhaben, wie musikalische Experimente während ihrer immer noch andauernden
Solo-Karriere. Im Februar 2001 war Doro unterwegs, um ihre "Calling The
Wild"-Scheibe zu promoten, mit der sie nach Jahren wieder an Glanztaten
aus WARLOCK-Zeiten erinnerte. Dabei trat sie auch in Hamburg auf. Wir trafen
sie nach dem Konzert und sprachen mit ihr gut eine dreiviertel Stunde.
Sie war das, was man landläufig als lieb bezeichnet. Ungeachtet der
fortgeschrittenen Zeit - es war gegen Mitternacht - und der verbrauchten
Energie blieb sie in jedem Moment gleichbleibend freundlich und antwortete
bereitwillig auf alle ihr gestellten Fragen. Selbst wenn diese ihre Privatsphäre
betrafen. Vermutlich lieben ihre Fans sie eben auch genau dafür.
Nach dem Konzert hat in meiner
Nähe jemand gesagt, Doro featuring Nine Inch Nails und Linkin Park.
Das Visuelle spielt da eine Rolle. Das harmonische Erscheinungsbild. Darauf
haben WARLOCK einst viel Wert gelegt. Dieses Image-Ding hat heute Abend
auf der Bühne absolut nicht existiert. Der Gitarrist ist mehr so ein
Hardcore-Typ, der Basser wirkt wie ein Industrial-Vertreter und Du bist
immer noch diese glamouröse Heavy Metal-Lady, sowohl outfitmäßig
als auch in deiner Art. Legst Du keinen Wert mehr auf Image wie früher?
Ich bin in meinem Herzen immer
noch dieselbe. Die Zeiten haben sich aber auch geändert.
Es ist jetzt nicht mehr 1981. Der Nick ist mit mir seit 11 Jahren in der
Band und überhaupt kein Industrial-Fan. Wenn er heute so rüberkam
... Der Joe ist nach L.A. gezogen vor ein paar Jahren und hat halt die
moderneren Einflüsse mitbekommen. Ich finde, er ist ein supergeiler
Gitarrist. Joe würde ich niemals missen wollen, weil er unheimlich
viel Seele im Spiel hat. Seit 1993 bin ich mit den Jungs zusammen, bin
total zufrieden und ich glaube, auch den meisten Fans hat's supergut gefallen,
sonst hätten wir auch nicht so viele Zugaben gegeben. Sonst hätten
wir eine Zugabe gemacht und das wär's. Wir haben heute sieben Zugaben
gegeben und ich glaube, dem größten Teil hat's bestimmt tierisch
gut gefallen.
Da bin ich mir sicher. Du bist
das, was man einen sehr hingebungsvollen Rockstar bezeichnen könnte.
Viele Leute stehen auf der Bühne und sagen nach zwei Zugaben "Tschüß
dann". Bei Dir hat man immer das Gefühl, daß Du den Leuten total
dankbar bist, wenn sie Dir soviel Zuneigung entgegenbringen.
Genau so ist es. Ich
bin dazu da, die Leute happy zu machen, und ich habe mir auch gedacht,
als letzten Song noch mal „All We Are“ zu spielen, das finden die bestimmt
super und dann haben wir es einfach gemacht. Bei uns ist die Setliste auch
nie so festgelegt, und wir nehmen auch gern Wünsche vom Publikum entgegen,
und wenn ich ein paar Songs raushöre, was sich die Leute wünschen
– spielen wir es halt. Und das waren zum Beispiel auch gerade die neuen.
Warum hast Du heute ausgerechnet
so viel Wert darauf gelegt, die ganzen Balladen zu bringen?
Die Balladen
sind total wichtig, sind genau so wichtig wie die Heavy-Sachen,
und wenn ich das Gefühl habe, die Leute wollen auch noch mehr Balladen
hören, dann denke ich, was könnte jetzt am besten kommen? Dann
kommt eben noch 'ne Ballade.
Heute haben wir Songs gespielt,
die wir sonst nie spielen, einfach, um den Leuten was zu geben, was sie
so nicht erwarten würden. Als Überraschung zum Beispiel einmal
"Children of the Night". Das war die 93er "Angels Never Die"-Tour, wo wir
unsere Live-Platte gemacht haben. Und dann haben wir die Setliste gemeinsam
mit den Fans zusammengestellt. Haben im Internet die Fans gefragt, was
sie gern hören möchten. Das waren heute eigentlich alles die
Songs, die wir gespielt haben. Und dann kamen da so Listen raus – die beliebtesten
Songs – danach habe ich mich ganz stark gerichtet.
Wer ist dieser Zirkusmensch neben
Dir auf der Bühne, dieser Zauberer?
Den habe ich kennengelernt bei
der Fotosessions, wo wir die Fotos gemacht haben mit den Schlangen. Und
ich dachte mir, das wäre super für die Fans zu sehen, die Schlangen
in natura zu erleben. In Hamburg, dachte ich mir,
muß man auch was Spezielles bringen. Er ist nicht überall
dabei. Der macht so Feuershows und alles. Aber es gibt jetzt Gesetze, da
muß man sich irgendwie schon dran halten. Wir haben das heute mal
so gemacht. Normalerweise muß man das vorher anmelden. Wir haben
mit dem Veranstalter gesprochen. Die haben dann gesagt, wir sollten es
nicht so doll treiben, aber so’n bißchen was könnten wir machen.
Die Feuergesetze sind nämlich ganz Hardcore und ich meine, zu Recht.
Du hast diese Fotosache schon
mal angesprochen. Davon kann man eine Mappe kaufen. Die Bilder sehen ein
bißchen wie aus einem Model-Katalog aus, wie Du da mit Schlangen
und Greif-Vögeln posierst. Warum hast Du das überhaupt gemacht?
Weil das 'ne super Sache war.
Ich hatte Jürgen Weber von einer entsprechenden Agentur kennengelernt
und der meinte: Eh, Du, ich würde Dich gern mal bodypainten. Ob ich
das schon mal gemacht habe, fragte er. Und dann meinte ich, nee, noch nie
und dann meinte er, ja komm doch mal vorbei und wir machen das. Und dann
haben wir das photographiert und sofort die erste Fotosession, die war
so gut rausgekommen, daß ich dachte, das kann mal irgendwie ein Album-Cover
werden. Die Mappen, die Du da gesehen hast, die sind schon zwei Jahre alt.
Die Platte "Calling The Wild" ist in Amerika rausgekommen mit zum Teil
anderen Songs, und dann haben wir das Plattencover genommen, das mit dem
Adler und den Flammen. Da war ich auch so happy, daß wir das wirklich
als Album-Cover nehmen konnten. Nur hier in Europa kannten das halt die
Leute schon, deswegen wollte ich da was Neues machen. Und dann haben wir
die Fotosession mit den Schlangen vor ein paar Monaten gemacht. Und die
neue Single „White Wedding“, da ist auch ein Foto drauf von dieser Mappe
und das sieht wunderschön aus. Das ist das mit dem Kreuz und so in
weiß, wie so’n Brautkleid. Aber dann mit Nägeln besetzt. Das
wird so die neue Single werden. Ich finde die Fotos unheimlich schön.
Ich
war ja früher Schriftsetzer und ich mag grafische Sachen unheimlich
gern, und wenn es schön aussieht und wenn es ästhetisch
ist... und vor allen Dingen war es auch mal was ganz anderes.
„Calling The Wild“ – ist diese
Scheibe nicht unter Umständen vor allen Dingen ein Produkt des Zeitgeistes?
Ja, das ist es, glaube ich, fast
immer. 1995 hab ich mich total anders gefühlt als jetzt und '95 waren
mir andere Sachen wichtig. Als wir mit „Calling The Wild“ begannen, da
waren mir die Songs und Melodien sofort am wichtigsten. Der Sound ist zweitrangig.
Vor allen Dingen wollte ich auch keine Computer, nichts dabei haben. Eben
halt gute Technik, natürlich gutes Studio, aber eben keine fremden
Sounds, keine Sampels, nichts. Und ich glaube, das finden die Fans sicher
gut. Also viele Fans finden es gut. Die jüngeren
Fans, die finden auch die letzten zwei Platten sehr gut, die „Love Me In
Black“ und „Machine II Machine“. Wobei ich die „Love Me In Black“
super geliebt hab, nach wie vor noch. Da haben wir eben ganz andere Fans
gekriegt und die True Metal-Fans, die fanden das vielleicht ein bißchen
befremdlich, aber dafür haben wir halt ganz junge Fans gekriegt. Was
auch super war, im Konzert zu sehen, wenn so 14jährige voll darauf
abfahren, also das war auch schön.
"Calling The Wild", die ist ganz
pur und erdig, hat viel Melodie, hat wunderschöne Soli von Gästen,
die einmalig waren.
Der Slash von Guns'N'Roses hat
ein Solo gespielt, was ich affengeil find und mit dem Lemmy von Motörhead
haben wir zwei Songs zusammen gemacht, was für mich persönlich
ein Highlight war im Leben. Lemmy ist eine Legende und jetzt weiß
ich auch ganz genau warum. Er ist auch ein supertoller Mensch und toller
Musiker. Alle haben ihr Bestes gegeben auf der Platte und es war eine totale
Freude, sie zu machen.
Das ist ja jetzt, würde
ich mal sagen, meine 13. Platte – da gibt's noch mehr – aber so 13 Studio-Alben.
Aber das ist nicht immer gleich, daß 'ne Platte so einfach entsteht.
Manchmal ist es wirklich sehr schwierig und nichts geht. Aber "Calling
The Wild" war irgendwie so ganz einfach. War zwar harte Arbeit, aber hat
nur Spaß gemacht. Ich glaube, daß das die Leute auch hören.
Wie kam es zu der Zusammenarbeit
mit Lemmy?
Lemmy war einer der ersten Leute,
die ich kennengelernt hab aus dem Metal-Business. Das war in England, ich
glaube 1982. Da war ich bei so einer Party vom „Kerrang!“. Da habe ich
das erste Mal, glaube ich, den Lemmy gesehen. Dann haben wir uns immer
wieder gesehen. Wir haben uns gegenseitig besucht bei Konzerten. Wir haben
zusammen auf dem "Monsters of Rock" gespielt in Castle Donington in England,
wo damals über 100 000 Leute da waren. Also das war der Wahnsinn.
Und dann auf jeden Fall hab ich
bei der Platte, jetzt bei der neuen, zwischendurch ganz viel Musik gehört,
um einfach abzuschalten. Dann hab ich mal die „No Sleep At All“ von Motörhead
aufgelegt und mir das Innersleeve betrachtet, da ist ein Foto von Lemmy
und mir drin. Das wußt’ ich gar nicht und das ist, glaube ich, aufgenommen
worden 1986 in Donington. Auf seiner Platte steht zwar 1988, aber ich denk
mal, daß das 1986 war.
Wie ich das Foto gesehen hab,
da ist so die Idee entstanden. Dachte ich mir, vielleicht
rufe ich den Lemmy mal an oder schreib ihm 'nen Brief. Vielleicht hat er
ja Bock auf eine Zusammenarbeit. Dann hab ich ihm das Foto eingeklebt
in den Brief und meinte, he Lemmy, remember me. Wie wär’s, wenn wir
was zusammen machen würden? Call any time, wenn Du Lust hast. Und
auf einmal, ein paar Tage später, ging das Handy und dann war jemand
am anderen Ende und meinte, hi, hier ist Lemmy. Und ich dachte, das ist
einer von meiner Band, der sich da so’n kleinen Scherz erlaubt. Ich hatte
den Jungs von meiner Band nämlich erzählt, daß ich diesen
Brief geschrieben habe. Dann war es aber tatsächlich Lemmy und der
meinte, das ist 'ne super Idee. Warum kommst Du nicht einfach – entweder
wir machen es in Europa oder wir machen es in Amerika. Er hatte gerade
so 'nen Produzenten entdeckt, den Bob Kulick, der mit ihm sehr gut arbeiten
konnte und der hat ein schönes Studio und alles in L.A. und ich meinte,
wenn Du das gut findest, finde ich es bestimmt auch super, und dann bin
ich rüber geflogen nach L.A., und wir haben die zwei Songs aufgenommen,
„Alone Again“ und „Love Me Forever“. Das waren so 2 ½ Wochen, das
war super. Wir haben uns auch super gut verstanden.
Nochmal kurz ein paar Worte zu
„Machine II Machine“ und „Love Me In Black“. Woran liegt es denn nun, daß
Leute wie Du es nicht mit dem Motto "Schuster bleib bei Deinen Leisten"
halten, sondern hin und wieder abdriften, um dann doch wieder dahin zurückzukehren,
wo sie irgendwann hergekommen sind?
Also, bei mir ist jeder Song einmalig,
und jeder Song hat bestimmt auch seine Berechtigung, da zu sein. Wenn ich
einen Song schreibe, dann weiß ich, ein paar Leute spricht er an
und geht ganz tief ins Herz. Zum Beispiel sind manche Leute bei uns absolute
Heavy-Fans und manche absolute Balladen-Fans. Ich glaube, jeder Song, der
wirklich aus tiefster Überzeugung, aus tiefstem Herzen rauskommt,
der muß auch eigentlich auf 'ne Platte. Auch wenn vielleicht die
Fan-Schar gar nicht so groß ist, aber weißt Du, wenn ein Song
von ein paar Leuten geliebt wird, aber wirklich geliebt wird, dann finde
ich, muß er drauf. Ich hab eigentlich immer viel gemacht, was nicht
immer dem Bild entsprach, wie man es sich so denkt. Aber schon auf der
„Burning The Witches“, auf der allerersten Platte, hatten wir zwei Balladen
drauf. Das haben die Leute ganz vergessen. Aber die Ballade „Without You“
- war so 'ne Akustikgitarrenballade - die kam so gut an und war auch immer
eines der Highlights im Konzert. „Burning The Witches“ mit „Without you“
war so das Beste, ging am besten ab. Und dann bei “Für immer” war
es auch das erste Mal, daß jemand deutsch gesungen hat. Wo ich zuerst
noch richtige Kämpfe mit der Plattenfirma auszustehen hatte, weil
die meinten, nee, das kannst' nicht machen, 'ne deutsche Ballade. Das geht
gar nicht. Dann hab' ich gesagt, dann wird’s halt der letzte Song auf der
zweiten Seite – damals in der Vinylzeit. Und dann meinten sie, ja, okay.
Und kurze Zeit später war es schon ein Kultsong geworden.
Und da gibt’s eine Platte, die
mir auch sehr am Herzen lag, das war die „True At Heart“. Die hab' ich
in Nashville aufgenommen. Das war für mich eine ganz neue Erfahrung.
Halt auch die Magic vom Songschreiben, wirklich richtig dabei zu sein,
zu lernen, das war ein ganz anderes Ding, und man muß einfach seinen
Horizont erweitern und muß auch viele Sachen machen, die einfach
in der Seele sind. Das Leben ist ganz facettenreich, der Mensch auch, und
ich hab ganz viele Gefühlsregungen. Das geht von ultra Hardcore bis
total sensibel. Und was ich unter Metal verstehe,
ist Freiheit total. Daß es eben kein Kommerz ist, daß es wirklich
so gemacht wird, wie es im Herzen entsteht und dann pur auf die Platte
kommt. Den Anspruch hab ich und ich würde auch nie mehr was
machen, was mir selbst nicht gefällt oder wo ich selber nicht hinter
stehe. Das haben wir ein einziges Mal gemacht. Das war die Platte „True
As Steel“. Die haben wir alle gehaßt. Das war furchtbar, weil, da
hatten wir überhaupt keine Kontrolle mehr. Jeder hat da irgendwie
das Sagen gehabt – der Produzent, die Plattenfirma, der Manager – nur nicht
die Band, und das war eigentlich auch so der Anfang vom Ende. Aber das
war auch 'ne wertvolle Erfahrung, weil, das würde ich nie mehr machen.
Ich mach halt Musik, weil ich glaube, das ist das, was ich den Leuten geben
kann, so meine Wenigkeit. Daß ich die Leute glücklich machen
kann. Ich geh auch nicht davon aus, daß es Routine wird. Es wär’
total langweilig, wenn ich jetzt immer noch genau die selben Songs schreiben
würde wie 1980 und '82. Die Leute erwarten noch immer, daß wieder
was Neues kommt, daß wieder was Ausgefallenes kommt, was Außergewöhnliches.
Ich glaube, das ist total wichtig, sonst wär' ich bestimmt schon lange
nicht mehr da.
Diese Freiheit im Metal ist für
Dich auch stilistische Freiheit?
Total, ja – was
in der Seele ist, das ist das Wahre. Das was true ist, ist für
mich Metal, das war schon immer so.
Du wärst zum Beispiel Motörhead
nicht böse, wenn sie mal eine Hardcore-Platte machen würden?
Überhaupt nicht und ich fand
zum Beispiel auch die Platte, die Lemmy gemacht hat, ich weiß nicht,
ob Du die kennst ...
Das Rock'n'Roll-Zeug?
... ja, da wo er die 50er-Jahre-Songs
aufgenommen hat - ja ich weiß, vielen Leuten wird das vielleicht
irgendwie komisch vorkommen, aber ich find die super. Und je nachdem, immer
wenn ich in Stimmung bin, um die Platte zu hören, dann leg ich sie
mir auf.
Ja eben deswegen, es ist genau
dasselbe wie bei uns. Auch der Lemmy hat bestimmt einen vielfältigen
Geschmack und wenn es dann rauskommt, finde ich es wunderschön, daß
die Fans daran teilhaben können. Und das ist vielleicht nicht für
jeden Fan etwas, aber es gibt bestimmt Leute, die das super interessant
finden.
War Dir beim Aufnehmen des Songs
„Danke“ klar, daß er von den Fans tatsächlich so persönlich
genommen werden könnte, so tief gehen könnte?
Ich glaube schon. Ich glaube,
jeder interpretiert das bestimmt anders und meint auch etwas anderes damit.
Wie ich den Song geschrieben hab, da war ich mir schon bewußt, daß
der tief reingehen könnte. Wenn einer zum Beispiel nicht auf Balladen
steht, dann braucht der sich das auch gar nicht reinzuziehen. Ich glaube,
das ist ein Song, der total ehrlich gemeint ist. Wenn er auch so aufgenommen
wird, dann finde ich das gut. Ich hab selber 'ne
Gänsehaut gekriegt, als wir ihn heute gespielt haben, heute
Abend, und wir haben den eigentlich noch gar nicht so richtig eingeprobt.
Aber ich dachte, wir müssen das einfach mal versuchen. Ich hab den
Text total verhunzt, aber ich glaube, die Leute, die sehen das nicht so
eng. Der Song war mir auch ultrawichtig. Manche Songs, die haben eine Magic,
die haben es in sich. Merkt man auch meistens schon beim Schreiben, wenn
irgendwie was rauskommt, wenn man selber irgendwie ergriffen ist. Denn
meistens schreibt sich der Song von selber. Dann nimmt man ihn auf und
mischt ihn ab, und irgendwie hat man fast gar nichts mehr damit zu tun.
Das läuft einfach. Es ist wirklich so, man ist dann nur so'n Instrument,
irgendwie kommt 'ne Eingebung und dann macht man's und dann kommt das Lied
raus und schon geht es in den Leuten weiter. Das finde ich gut, also, wenn
sie was spüren, wenn sie was fühlen dabei. Dann bin ich happy.
So, jetzt gehen wir zurück.
Wenn Mädels zum Heavy Metal kommen, dann geschieht dies meist über
ihren Freund, der Metaller ist. Von allein finden sie kaum Zugang. Wie
war es bei Dir damals?
Wie ich schon neun, zehn Jahre
alt war, da war ich total süchtig nach Musik, und es war meistens
härtere Musik. Also damals waren es Whitesnake und Led Zeppelin und
ich bin aufgewachsen in der Glam Rock-Zeit mit T. Rex, Slade und Sweet.
Schon mit drei Jahren wollt ich immer Sängerin werden, immer schon.
Und dann hatte ich mit 16 'ne Lehre angefangen und bin dann total krank
geworden. War richtig so ein Jahr 'ne Zeit auf Leben und Tod. Und dann
dachte ich mir, wenn ich da jemals wieder rauskomme aus dem Krankenhaus
– ich hatte Lungentuberkulose im Endstadium – und dann hab ich mir gedacht,
wenn
ich da jemals lebend rauskomme, dann mach ich was mit meinem Leben, und
dann zeig ich auch der Welt, daß ich immer noch lebe, daß
ich immer noch da bin. Und dann bin ich raus gekommen aus dem Krankenhaus,
und zwei Wochen später hab ich die erste Band gehabt. Das war, glaube
ich, irgendwie Fügung, und das war gar nicht so'n dicker Kampf. Die
erste Band hieß Snake Bite und dann gab's noch viele, viele andere
Bands. Irgendwann haben wir uns so als WARLOCK zusammengefunden und dann
ging es auf einmal ab. Wir haben gar nicht viel anders gemacht. Die anderen
Bands haben eigentlich genau so geklungen. Aber irgendwie auf einmal da
war irgendwie was. Wir hatten 'nen Plattenvertrag gekriegt, mit so'nem
belgischen Label, die uns total beschissen haben, aber das war egal. Wir
hatten wenigstens die erste Platte gemacht und dann ging es irgendwie ab.
Als Du in die Männerdomäne
Heavy Metal eingedrungen bist und noch nicht unbedingt diese schillernde
Doro warst - wie bist Du mit der Art und Weise, wie man in der Szene mit
Frauen umgegangen ist, zurechtgekommen?
Ach, ich bin immer super gut behandelt
worden, muß ich sagen. Ich glaub auch nicht, daß es für
'ne Frau viel schwerer ist als für einen Mann. Es ist eh unheimlich
schwer, Musik zu machen und damit zu überleben, davon leben zu können
und einen Plattenvertrag zu behalten, das ist super schwer. Ich kenne das
auch von meinen Kollegen. Zum Beispiel als Metal nicht mehr so gut ging
und nicht mehr so angesagt war, das war halt so Mitte der 90er, da wurden
ganz viele Bands gedropt. Und jedes mal, wenn das
Telefon ging, dann wußte man schon irgendwie, der andere am Apparat
sagt: Hey, weißt Du, was mir passiert ist, ich hab keinen Plattenvertrag
mehr. Das ging so die Runde. Auch wo Du eben erzählt hast Bruce
Dickenson, alle haben solche Entwicklung durchgemacht, haben andere Sounds
versucht und so, das war schon so 'ne Zeit, da ging Metal einfach überhaupt
nicht. Da mußte man sich echt überlegen, was man tut, sonst
war man abgeschrieben. Also zum Beispiel in Amerika hat man keinen Plattenvertrag
mehr gekriegt, absolute Null. Egal, was man gemacht hat, ob der Song geil
war – das hat gar nicht mehr gezählt. So ging es halt vielen und dann
mußte man auch wirklich überlegen, daß man sich erneuert,
was Neues macht, neue Wege geht. Und dann muß ich sagen, die Kollegen,
die hatten es nicht einfacher und nicht schwieriger, und ich bin immer
sehr gut behandelt worden von allen; von den Bands, mit denen wir auf Tour
waren, Judas Priest, Megadeth und Dio, mit dem wir gerade wieder
auf Tour waren in Amerika.
Als WARLOCK und Doro groß
wurden war das praktisch eine kleine Sensation. Die Metaller hatten dann
plötzlich auch einen Grund, sich 'ne Blondine an die Wand heften zu
können, und Du warst praktisch ein richtiger Glamour-Star. Was für
ein Selbstverständnis hast Du zu jener Zeit gehabt?
Ich muß sagen, man selber
kriegt das dann gar nicht so mit. Eigentlich ist es immer nur harte Arbeit
– jeden Tag. Jeden Tag ist es halt 'n Kampf im Studio oder auf der Promotion-Tour.
Was ich am wenigsten mag, wenn 'ne Platte fertig ist, das ist 'ne Promotion-Tour.
Das ist Horror. Ja, irgendwie ist jeder Tag ein harter Arbeitstag, harter
Kampf. Man ist sich dessen überhaupt nicht so bewußt; hat zwar
viel Kontakt mit den Fans gehabt, und ich freu mich
immer, wenn die Fans sagen: Oh, den Song finde ich total super, der bedeutet
mir viel. Und das bedeutet mir dann immer wesentlich mehr, als wenn jemand
sagt: Ich hab mir das Foto jetzt gerade in den Spind gehängt.
Weil, ich weiß auch, wie es ist, wenn man zum Beispiel überhaupt
nicht gut aussieht. Als ich im Krankenhaus war, hab ich 'ne Chemotherapie
gehabt und dann sind mir alle Haare ausgefallen. Also, ich weiß auch,
wie es ist, wenn man durchs Leben geht, wenn man nicht normal aussieht.
Da hat man auch schnell keine Freunde mehr. Das hab ich auch gelernt, also
auf jeden Fall in dem Alter, wenn man so 16 ist. Das ist dann schon ein
bißchen hart. Deswegen, so was kommt und geht. Ich glaube, Musik
hat Bestand. Daß ich 'ne Frau bin – vielleicht hat's den Grund, daß
man auch anderen Inspiration gibt.
„Triumph & Agony“ war damals
ein Riesenerfolg, und danach kam der Split, warum?
„Triumph & Agony“ hab ich
eigentlich mehr oder weniger ziemlich allein gemacht. Da ist irgendwie
keiner in Amerika im Studio gewesen. Das war nach der „True As Steel“,
da waren dann schon die ersten heftigen Probleme, mit dem Manager, mit
der Plattenfirma, und dann, nach der „Triumph & Agony“, haben wir den
Namen WARLOCK verloren. Das war nie meine Idee, daß man sich auflöst.
Wir wollten 'ne neue Platte machen, und ich war in Amerika und hab dann
gehört, daß der Manager aussteigen will. Er war auch Merchandiser,
er hat uns erstmal die ganze Kohle geklaut. Ich mein, ich mocht' ihn so
gern; deswegen, ich bin kein nachtragender Mensch. Aber auf jeden Fall
hat er dann den Namen behalten wollen, weil er eben seine T-Shirts verkaufen
wollte, und dann hab ich mir gedacht, das geht ja wohl gar nicht und bin
dann vor Gericht gegangen. Und was soll ich sagen - wir haben verloren.
Also, was unglaublich war, und ich hab dann auch rumgeschrien im Gerichtssaal
und so. Und dann hab ich mich auch sofort entfernt, weil das total unfeierlich
war. Er hat dann halt den Namen behalten, durfte unter WARLOCK was weiß
ich machen, und wir durften den Namen nicht mehr benutzen, weder Poster
noch Platten, noch auftreten, gar nichts. Man, und dann dacht ich mir,
das ist ja der Hammer. Dann haben wir uns mit der Plattenfirma zusammengesetzt
und dann meinten die: Tja, das ist ganz schöne Scheiße, weil
wir tierisch viel Schulden hatten, also in Millionenhöhe – immer noch.
Und dann meinten sie: Also, wenn Ihr den Plattenvertrag behalten wollt,
dann muß sich erstmal jeder dazu äußern, ob er weiter
durch dick und dünn gehen und alles machen will. Dann haben auch ein
paar Leute gesagt, möchten wir nicht. Ist eigentlich scheißegal,
da waren dann schon mal zwei Leute draußen. Ja und dann hab ich gesagt,
ich möchte mein Leben lang Musik machen und ich übernehme dann
auch die Schulden, was dann auch irgendwie echt heftig war. Und dann hieß
es, ein anderer Band-Name müsse her, das wollte die Firma nicht, denn
dann würden wir den Plattenvertrag verlieren. Also, nennen wir es
Doro. Und dann hab ich gesagt: Ja okay, wenn das die einzige Möglichkeit
ist, dann machen wir das halt so. Dann meinte ich aber, ich würde
gern den WARLOCK-Spirit beibehalten. Meinten sie: Ja, das kannst' ja machen,
nur den alten Namen nicht verwenden.
Das war für alle ein Schock,
Horror und Heartbreaking total, weil es auch nie in unserem Sinne war.
Es war nie gewollt. Und der Manager hat sich dann irgendwann in die Türkei
verpißt. Das war echt 'n Horror. Aber es mußte ja irgendwie
weitergehen und die Musik ganz aufgeben, das konnt' ich mir auch damals
überhaupt nicht vorstellen. Diese ganze Geschichte war eigentlich
der Grund des Splits und auch, daß wir damals überhaupt keine
Meinung mehr habe durften. Der Produzent, der Mischer,
der Manager – alle haben irgendwie das Sagen gehabt, nur nicht mehr die
Band. Das war echt traurig. Damals waren wir halt alle jung und
man wurde auch unter so viel Druck gestellt.
Das Musikbusiness ist echt hart.
Das hätte ich nie gedacht, aber da kriegt man wirklich so die Daumenschrauben
an. Das war echt hart.
Was hältst du von „Für
immer“?
Ja, das ist mir persönlich
unglaublich wichtig. Ich hab nie geheiratet und vielleicht liegt das auch
nicht in den Sternen bei mir. Aber Freundschaft, das war mir immer das
Allerwichtigste und darüber wollt ich einfach 'n Song schreiben. Und
dann war es der letzte Song, den wir geschrieben haben für die „Triumph
& Agony“. Wir hatten alle Songs schon aufgenommen und dann dachte ich
mir, vielleicht noch einen Bonus-Song. Das soll ein
ganz schräger Song sein, entweder der schnellste, der abgefahrenste
oder der härteste der Welt oder irgendwas. Irgendwas ganz anderes,
was die Leute nicht erwarten würden. Ja, und raus kam „Für immer“.
Und wie ich ja eben schon gesagt hab, wir hatten echt harte Kämpfe
mit der Plattenfirma, daß der Song überhaupt auf die Platte
drauf kommt. Ich hab ihn in Amerika, in New York geschrieben – da konnte
ja keiner deutsch und die meinten: Na ja, komisch. Und dann haben wir ihn
aufgenommen. Aber schon das Demo, das hat allen so gut gefallen, obwohl
die kein Wort deutsch konnten. Und jeder hat sich das irgendwie angehört
und zehnmal hintereinander. Das hatte Magic gehabt, echt Magic, das konnte
man spüren. Und dann haben wir das Stück das erste Mal im Konzert
gespielt. Da merkte ich, das fühlen die Leute. Und jetzt hab ich das
auch schon oft auf so Metal-Hochzeiten oder Biker-Hochzeiten gespielt.
Wirklich, die Härtesten – und dann „Für immer“ – dazu geheiratet.
Das war super.
Gene Simmons hat Dich produziert.
Und er ist bekannt als einer, der eigentlich alles mitnimmt, was er kriegen
kann. Hat er Dich in Ruhe gelassen oder gab's Angebote?
Total professionell. Der Gene
war der totale Gentleman zum mir, also total. Mit einer der besten Produzenten,
er hat sich so viel Mühe gegeben und hat mir Sachen beigebracht...
Also, der hat sich total super zu mir verhalten. Im Studio sieht man sich
dann auch nicht so als Frau, dann geht es halt darum, die Platte zu machen.
Er
hat nie einmal Hand angelegt, niemals. Und ich war ja tierisch großer
Kiss-Fan. Für mich war es die größte Ehre, mit Gene zusammenzuarbeiten.
Ja, es war echt stark. Und er kam gerade zur Show in L.A., als wir dort
gespielt haben mit Dio. Da kam er, war auf der Gästeliste und ich
hab ihn vorher angerufen und wußte gar nicht, ob er in der Stadt
ist. Er hat ja auch immer viel zu tun und ist auch oft auf Tour. Und dann
meinte ich: Eh, Gene, wir spielen hier und wenn Du Lust hast, komm doch
vorbei. Ja und auf einmal stand Gene im Raum und der Baß-Mann von
Yngwie Malmsteen war so fix und fertig, weil das der größte
Kiss-Fan war und er meinte: Weißt Du, wer hier ist? Gene Simmons.
Und er konnte gar nicht mehr spielen, er hat gezittert wie Espenlaub. Das
war super, war köstlich anzusehen.
Was kriegst Du mit in Amerika
über das, was in Deutschland passiert? Soweit ich weiß, ist
das Bild der Amerikaner von den Deutschen ja nicht unbedingt das, was wir
hier in Deutschland an Selbstverständnis besitzen.
Wenn irgendwas passiert, Übergriffe
auf Ausländer, dann wird das total ausgeschlachtet, total gepuscht,
und dann denken schon die Bandmitglieder, ja man kann sich gar nicht mehr
nach Deutschland trauen. Ja, das ist dann so in allen Medien. Das ist dann
so hart. Und wenn ich dann sag, die sind nicht alle so, dann sagen die:
Echt? Wenn irgendwas passiert, dann geht das oft da groß raus, groß
an die Presse.
Ich hab kürzlich in einem
Magazin von einem einstigen WARLOCK-Mann gelesen, daß er die
Band wieder aufleben lassen will - ohne Dich. Hast Du davon gehört,
und was hältst Du davon?
Ich hab mich mal getroffen mit
dem Rudi (Graf, d.V.). Ja, wie gesagt, da sind noch 4 Millionen Schulden
offen – DM – und der, der es dann macht, der muß dann auch die Schulden
abtragen. Ja, das ist ein Thema. Aber wir haben uns mal zusammengesetzt,
uns ein paar Mal getroffen und darüber geredet. Es
ist halt nicht ausgeschlossen, daß es WARLOCK noch einmal gibt.
Aber man muß dann sehen. Da sind auch noch viele andere Leute dabei
und viele andere Probleme, die da erstmal so ausgearbeitet werden müssen.
Da hängt so'n ganzer Rattenschwanz dran. Das ist nicht einfach, sich
wieder zusammenzutun und dann zu spielen. Wir schulden ja noch vielen Leuten
ganz viel Geld, das ist unglaublich. Das wär ein ganz schweres Unterfangen,
das wieder zu machen. Und dann haben sich auch schon die ganzen anderen
Bandmitglieder gemeldet. Jeder wollte mitmachen und die Amis, wir haben
ja zwei Amis in der Band gehabt, Tommy Bolan, Tommy Henriksen, die meinten
auch, das geht gar nicht. Also, ihr könnt das nicht einfach so machen
mit den deutschen Mitgliedern. Wenn, dann wollen wir auch dabei sein. Also,
das wird ein Chaos, da muß man sich erstmal irgendwie einigen, wenn
man das nochmal machen würde.
zurück
zur Übersicht