EIDOLON
Interregnum
im Gespräch mit Glen Drover (git)
gesendet am 08. Oktober 2002
Mit der CD "Hallowed Apparition"
aus dem Jahr 2001 spieltet Ihr Euch direkt in unsere Herzen. Das Album
wurde eines der besten zehn Platten des letzten Jahres in unserer Sendung.
Einer der Hauptgründe, der diese Faszination der CD ausmachte, war
Euer alter Sänger Brian Soulard. Warum ist er nach all den Jahren
ausgestiegen? Er war immerhin von Anfang an in der Band.
Nun, es waren in erster Linie
musikalische Gründe. Wir haben eine Menge cooles Material mit ihm
aufgenommen. Ich bin sehr glücklich mit unseren vergangenen Alben.
Aber es ist nicht das, womit wir in Zukunft weitermachen wollen. Ich
muß gestehen, daß viele Leute Brian nicht mochten. Er
ist nicht mehr repräsentativ für das, was wir in Zukunft machen
wollen. Er ist vermutlich nicht der perfekte Sänger für die Band.
Er ist ein sehr guter Sänger, der eine melodische Stimme hat, aber
er war trotzdem ein wenig zu eindimensional. Das kann großartig sein,
aber wir brauchten einen Sänger, der kraftvoller singt, um die Musik
besser untermalen zu können. Er sollte einen facettenreicheren Gesang
haben, um verschiedenen Songs mehr Farbe zu verleihen. Von aggressivem
bis schnellem Zeug, von melodisch bis zu dem, was ein Song auch immer verlangt.
Das alles haben wir nun definitiv mit unserem neuen Sänger.
Auf "Hallowed Apparition" hatte
man den Eindruck, daß sich Soulard immer nur um einige wenige Noten
wandt. Wie kamen diese eigenartigen aber unverkennbaren Melodien zustande?
Hatte es was mit Soulards Stimmvolumen zu tun, das Du ja als eindimensional
bezeichnest?
Eine Menge von dem, was Du hörst
- und das war unsere Formel von Anfang an, die wir auch weiterverfolgen
werden – beruht darauf, daß Shawn der Lyriker in der Band ist. Er
schreibt alle Texte. Und darüberhinaus schreibt er alle Melodien,
die dem Gesang zugrunde liegen. Er konstruiert alle Melodien.
Alle Melodien, die Du hörst, sind Shawns Melodien. So ist es
auch heute mit dem neuen Sänger. Eine Menge Leute sagen, daß
sie Ähnlichkeiten zwischen beiden Sängern heraushören. Das
liegt daran, weil das, was sie hören, Kreationen von Shawn sind. Die
wiederum auch durch meine Hände gehen, da ich der Produzent bin. Shawn
liefert die Grundgerüste der Songs, dann gehen sie durch meine Produktion
und dann kommt noch der Einfluß des Sängers hinzu. Als zum Beispiel
unser neuer Sänger Pat dazu kam, brachte er mehr neue Einflüsse
ein, als wir sie in der Vergangenheit hatten. Er verstand genau, was die
Band brauchte, denn er beobachtete die Band schon eine Weile. So läuft
es nun einmal, es kommt nicht so sehr auf den Sänger an, denn das
meiste, was Du hörst, ist von Shawn.
Dennoch machte der Gesangsstil
die spezielle Faszination in Eurer Musik aus. Mit Eurem neuen Sänger
Pat klingen EIDOLON auf der neuen CD "Coma Nation" wie viele andere Bands
auch. Habt Ihr Euch bewußt von dieser speziellen Stimme befreit?
Du bist der erste, der mir so
etwas sagt. Nun, die Sache ist so, daß wir keinen Sänger haben
wollten, der wie ein typischer Sänger dieses Genres klingt. Ich glaube,
daß Pat die Qualitäten und Möglichkeiten hat, dieselben
Dinge zu tun wie andere Sänger aber dennoch seine eigene unverkennbare
Stimmfärbung hat. Ich denke, daß sich die Leute mit seiner Art
anfreunden können und eine eigene Identität heraushören.
Denn er klingt nicht wie alle anderen Sänger. Ich denke, daß
das ein Grund dafür ist, daß die Leute uns kennen.
Wie seid Ihr auf Pat gestoßen?
Er lebt hier in Toronto. Als wir
Brian baten, uns zu verlassen, nachdem wir das „Bang Your Head-Festival“
gespielt hatten, begannen wir, einen neuen Sänger zu suchen. Pat war
einer von denen, die uns kontaktierten. Er rief mich eines Tages an. Ich
kannte ihn ein kleines bißchen von früher. Wir sind uns mal
über den Weg gelaufen, als ich eine Show mit King Diamond spielte.
Als
er hörte, daß Brian uns verlassen hatte, rief er mich kurzerhand
an. Er schickte mir Demokassetten und es klang gut. Daraufhin luden
wir ihn ins Studio ein, wo er einiges an altem Material sang, um zu sehen
wie sein Gesang mit der Band zusammen klingt. Es klang wie aus einem Guß.
Aber dennoch ließen wir uns Zeit, um noch andere Sänger anzutesten
und festzustellen, daß derjenige, auf den unsere Wahl fiel, auch
der Richtige ist. Letztendlich machte Pat das Rennen. Wir
waren sehr glücklich, endlich den richtigen Sänger für unsere
Band genau vor unserer Haustür gefunden zu haben. Und nicht einen
Typen aus den USA.
Pat sieht sich unter anderem von
Freddy Mercury von Queen beeinflußt. Was schätzt er an Freddy
am meisten?
Pat hat sehr viele verschiedene
Arten von Einflüssen wie wir alle auch. Er ist ein sehr großer
Queen-Fan, so wie wir anderen auch. Wir alle nehmen ein wenig von den Personen,
die uns inspirieren, mit in unseren eigenen Stil.
Euer zweites Album "Seven Spirit"
aus dem Jahr 1997 basierte auf einem Konzept. Was gab den Ausschlag dafür,
über die normale Songkomposition hinauszugehen?
Zu der Zeit war es einfach etwas,
was wir mal ausprobieren wollten. Es gab eine Menge Konzept-Alben, die
uns inspirierten und die wir mochten. Wir wollten so etwas auch mal ausprobieren
und Shawn und ich diskutierten viel darüber, bevor wir die Sache letztendlich
angingen. Es sollte eine einmalige Sache für uns werden. So etwas
erfordert eine Menge Arbeit, aber es machte auch viel Spaß. Das besondere
daran ist, wie Du vielleicht weißt, daß unsere ersten Alben,
also auch "Seven Spirit", nicht über Metal Blade veröffentlicht
wurden, sondern über Independent Labels. Deswegen
kennen viele Leute diese Alben gar nicht. Vor kurzem sprachen wir
über die Idee, "Seven Spirit" wiederzuveröffentlichen. In einem
neuen technischen Gewand, also einer zeitgemäßen Version mit
Pats Stimme. Das ist eine Sache, über die wir nachdenken. Vielleicht
werden wir in absehbarer Zeit wieder ein Konzeptalbum aufnehmen.
Als dieses Album erschien, mußtet
Ihr viel Kritik dafür einstecken. Saß die Last des Konzepts
und dessen Erschaffung zu schwer auf Euren Schultern?
Nein, ich denke nicht. Es ist
eine Menge Arbeit. Es ist nicht dasselbe, als wenn du zehn normale Songs
schreibst. Wenn Du ein Konzept schreibst, muß
die Geschichte fließen. So wollten wir es machen. Aber auch
die Musik muß natürlich fließend klingen. Man muß
genau überlegen, welchen Song man an welcher Stelle positioniert.
Alles muß genau geplant sein, wenn die Sachen Deinem Anspruch genügen
sollen. Es war eine Menge Arbeit, die aber auch eine
Menge Spaß gemacht hat.
Nicht viele Leute haben diese
Platte, aber wir haben viel gute Presse dafür bekommen.
Ihr schüttelt Euch eine Menge
märchenhafter Riffs aus dem Ärmel. Wie funktioniert bei Euch
das Songwriting normalerweise?
Der Songwriting-Prozess funktionierte
in der Vergangenheit, als ich noch bei King Diamond war, so, daß
Shawn derjenige war, der dafür verantwortlich war. Er schrieb das
meiste, was für "Nightmare World" und "Hallowed Apparition" verwendet
wurde. Ich schrieb viel für die ersten beiden Independent Alben. Danach
konnte ich wegen meines Engagements für den King nicht mehr so viel
beisteuern. Auf dem neuen Album "Coma Nation" war es so, daß Shawn
und ich nach langer Zeit wieder zusammen arbeiteten. Wir schrieben die
ganze Musik. Durch die Sache mit King Diamond war es ein wenig anders,
aber normalerweise schreiben wir beide die ganze
Musik. Und Shawn schreibt dazu die ganzen Texte und natürlich
die Melodien. So arbeiten wir normalerweise. Er lebt in Georgia, der Rest
der Band hier in Toronto. Shawn und ich haben stets einen engen Kontakt
zueinander, jeden Tag. Wir schicken uns Tapes hin und her. Shawn
und ich sind Brüder, wir wuchsen mit denselben Einflüssen auf
und wir haben dieselben Vorstellungen, wenn es um Musik geht. Es
funktioniert sehr gut trotz der immensen Entfernung.
Glen, was brachte Dich damals,
1998, zu King Diamond?
Ja es war 1998, als ich in die
Band kam. Vielleicht auch Ende 1997. Und ich ging letzten Sommer, Ende
Frühling 2001. Ich war für einige Jahre in der Band, und es war
verdammt cool. Ich wirkte auf dem King Diamond-Album "House Of God" mit.
Es hat sehr viel Spaß gemacht, und ich lernte sehr viel, als ich
mit der Band tourte. Wir waren zwar nicht so viel in Europa, aber wir spielten
das Sweden Rock Festival, ansonsten waren es hauptsächlich USA-Touren,
die wir spielten, als ich in der Band war. Unglücklicherweise mußte
ich die Band verlassen, weil ich mich 100prozentig auf EIDOLON konzentrieren
wollte. Mir blieb dafür nicht viel Zeit bei den Tourplänen des
Kings. Auch für mein Privatleben und dessen Verpflichtungen brauchte
ich mehr Zeit. Es wurde einfach zu viel. So mußte ich leider etwas
kürzer treten. Ich war Teil einer großartigen
Band, traf viele Freunde und habe tolle Erinnerungen an diese Zeit.
Aber ich mußte tun, was ich tun mußte.
Worin liegt der Unterschied, Gitarrist
für King Diamond bzw. EIDOLON zu sein?
Mein Gitarrenspiel ist dasselbe,
denke ich. Bei EIDOLON spiele ich aber ein bißchen persönlicher,
es steckt mehr von mir darin. So spiele ich bei EIDOLON mehr verschachtelte
Sachen, die nicht gleich vorhersehbar sind. Und bei
King Diamond war mein Spiel ein wenig mehr vorhersehbar, als ich mochte.
Trotzdem bin ich immer noch sehr glücklich mit dem, was ich auf dem
Album "House Of God" geleistet habe. Aber meine Rolle in den Bands war
natürlich sehr verschieden zu dem, was ich bei EIDOLON zu tun habe.
Hier habe ich dir Kontrolle über die Prozesse innerhalb der Band.
Ich bin der Produzent, der Engineer und ich verwalte die geschäftliche
Seite. Es sind viele Verantwortlichkeiten, dennoch, es ist nicht allein
meine Band. Denn jeder in der Band ist wichtig. Aber meine Rolle ist im
Gegensatz zu der bei King Diamond eine andere. Denn das ist Kings Band.
Wie erlebtest Du den King?
Es war großartig. Wir stehen
schon seit einigen Jahren in Kontakt miteinander. Ich schickte ihm in den
frühen 90ern ein Videotape, auf dem ich einige seiner Songs spielte.
So kam der erste Kontakt zustande. So wurden und blieben wir über
die Jahre hinweg Freunde. Das verhalf mir zum Einstieg in die Band 1997/1998
als Herb diese verließ. Ich kannte den King also schon vor meinem
Einstieg, und ich wußte, daß er ein sehr umgänglicher
Mensch war. Er ist ein sehr bodenständiger Typ,
was man bei seinem Image, welches er verkörpert, nicht unbedingt erwartet.
Er ist ganz und gar auf dem Boden geblieben und sehr nett. Es machte sehr
viel Spaß, und ich vermisse es, mit ihm zu spielen. Und ich hörte
von einigen Leuten, daß auch er mich vermißt. Das ist schon
ziemlich cool. Ich war sehr unglücklich, als ich damals ging.
Von den USA wissen wir, daß
es dort in Sachen Heavy Metal sehr schlecht aussieht. Wie ist es diesbezüglich
um Kanada bestellt?
Heavy Metal
war in Kanada noch nie ein großes Ding. Es gibt einige Gegenden,
wo es für Metal besser aussieht als in anderen. Etwa in Quebec, eine
Provinz, die eine gute Metal-Szene hat. Aber hier in Toronto, wo wir herstammen,
war Metal noch nie so angesagt. Aber es wird immer besser. Es kommen immer
mehr Bands an die Oberfläche. Es gibt nicht viele Bands aus Kanada,
die der breiten Mehrheit bekannt sind. Nur etwa eine Handvoll sind international
bekannt, aber wie es aussieht, wird es mit der Zeit besser. Wir haben noch
einen langen Weg zu gehen. Europa ist in dieser Hinsicht viel besser dran.
Und ein viel größerer Markt für Metal als Kanada.
Ist Kanada von den musikalischen
Entwicklungen in den USA abhängig?
Nein. Noch nie. Es ist ein anderes
Land.
Sie beeinflußten noch keine
kanadische Band so sehr wie die europäischen Bands es tun. Ich denke
nicht, daß das so sehr ein Länderding ist. Meine
Einflüsse in der Vergangenheit waren mehr europäische Bands als
amerikanische. Es waren eine Menge Einflüsse, und wir sprachen
immer von den europäischen. Für Power Metal sieht es in den Staaten
im Moment nicht so gut aus. Im Augenblick zumindest. Es gibt aber Tendenzen
dahingehend, daß Metal ein starkes Comeback startet. Aber es gab
diese Periode, in der Heavy Metal dort absolut am Boden war. Aber er kommt
langsam zurück.
Glaubst Du, daß es für
Euch schwer ist, weltweit erfolgreich zu werden oder hoffst Du auf einen
Exotenbonus?
Es ist alles noch recht neu für
uns. Weltweit kam unser erstes Album vor zwei Jahren heraus. Die Resonanzen
aus unserem heimatlichen Fanlager sind etwas schwächer als die europäischen.
Wir bekommen von hier zwar viel zu Gehör aber die europäische
Presse und die Metalfans in Europa sind dennoch die besten. Soviel konnten
wir schon mal feststellen.
Laß uns den Themenbereich
wechseln. Mit dem Nunavut-Territorium existiert in Kanada der einzige Indianerstaat
der Welt. Was hälst Du davon?
Ich weiß nichts darüber.
Tut mir leid.
In den USA findet niemand einen
vernünftigen Umgang mit den Ureinwohnern. Wie sieht es damit in Kanada
aus?
Jetzt hast Du mich voll aus dem
Konzept gebracht. Ich bin davon so weit entfernt. Ich bin in Toronto und
ich kann Dir dazu absolut nichts erzählen. Tut mir leid.
In Europa bringen wir Kanada in
Verbindung mit endlosen Wäldern, riesigen Seen, bizarren Gebirgen,
Grizzly-Bären, Blockhütten und Freiheit. Was ist davon Wirklichkeit
und was zeichnet das moderne Kanada heutzutage aus?
Normalerweise bekomme ich musikbezogene
Fragen gestellt, nicht solche. Die nächste bitte.
Welche kanadische Metal-Band ist
es Deiner Meinung nach wert, international Anerkennung zu finden?
Die Band, die meiner Meinung nach
an der Spitze der kanadischen Metal-Bands steht, ist sicherlich Annihilator.
Die sind verdammt gut. Ich würde sagen Annihilator, denn das ist eine
sehr gute Band.
Was ist mit Bands wie Razor, Exciter
und einigen anderen Undergroundern?
Exciter sind keine Band mehr.
Sie waren eine bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Anvil sind immer noch stark.
"Still Going Strong" wird auch ihre nächste Platte heißen. Und
Razor spielen noch ab und zu, aber sie machen nicht mehr viel heutzutage.
Sie waren eine großartige Band. Sie alle waren
großartige Bands. Aber Razor machen nicht mehr soviel wie
Anvil zum Beispiel, oder Annihilator oder wir.
Und da gibt es keine interessante
Undergroundband?
Andere Bands als die etablierten,
die die Leute kennen? Ich muß sagen, daß die eben genannten
die Topbands sind. Es gab da noch Sacrifice, aber sie sind keine Band mehr.
Aber man sollte unbedingt noch Infernal Majesty nennen. Eine großartige
Band. Aber darüber hinaus gibt es keine Gruppe, die international
bekannt ist. Das sind die einzigen im Metal-Bereich, denke ich.
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