FREEDOM
CALL
Interregnum
im Gespräch mit Daniel Zimmermann (dr)
gesendet am 13. März 2001

FREEDOM CALL, eine Band, die aus in
der deutschen Heavy Metal-Szene seit Jahren agierenden Musikern besteht,
bekam mit ihrem Debüt sofort jene Lorbeeren mitserviert, die sich
andere Gruppen erst hart erarbeiten müssen. Und nicht selten können
solche Kapellen selten jenen Anspruch erfüllen, der ihnen vorausgeschickt
wird. Bei FREEDOM CALL ging der Hype allerdings mit der Qualität einher.
Daniel Zimmermann, Schlagzeuger der Band und hauptamtlich bei Gamma Ray
beschäftigt, erwies sich nach dem Konzert in Berlin auf der Tour mit
Virgin Steele als offener Gesprächspartner.
True Metal, Power Metal, Melodic
Metal, Teutonic Metal, German Metal usw. usf. Um die Musik von FREEDOM
CALL zu beschreiben, lassen sich die Labels zu den tollsten Sachen hinreißen.
So war auch von einer "Supergroup" die Rede. Welches Selbstverständnis
habt Ihr?
Also ich muß gleich mal
sagen, das mit der Supergroup kam von der Promotion-Abteilung unserer Plattenfirma.
Das war nicht von uns so gewollt, weil wir uns nicht als Supergroup sehen.
Wir haben ganz normal angefangen und versuchen halt einfach unser Bestes
zu geben, und wir wollen da nicht irgendwie künstlich unseren Status
nach oben puschen mit solchen Ansagen. Da gab's richtig Ärger von
unserer Seite mit der Plattenfirma. Ja wie gesagt, das war nicht beabsichtigt,
das schadet eigentlich jeder Band, sowas schon im Vorfeld von sich zu behaupten
man ist 'ne Supergroup, obwohl man noch kein Album abgeliefert hat, und
wir wollen halt einfach nur gute Songs schreiben und das Ding aufbauen,
viel live spielen. Das ist alles, was wir wollen und wir sehen uns ganz
einfach als Melodic Metal-Band, haben viele Keyboards, viele schöne
Melodien, Harmonien sehr positiv. Positive Energien
das ist es, was wir rüberbringen wollen.
Was sind denn für Euch Supergroups?
So die Heros
aus der Zeit des New Wave Of British Heavy Metal, Iron Maden, Judas, Saxon,
Blackfoot war damals auch so angesagt, und natürlich sind wir alle
inspiriert von Helloween, so die ersten drei Scheiben. "Walls Of Jerico"
und die zwei "Keepers"-Alben das war so die geile Zeit. Das sind für
mich so Supergroups. Das sind auch meine Roots, da komm ich her, da bin
ich groß geworden.
FREEDOM CALLs Musik paßt
perfekt in den momentanen Trend, der sich wie Bolle verkauft. Helloween-
und Blind Guardian-Elemte haben zur Zeit Hochkonjunktur. Muß sich
Freedom Call da nicht die Frage gefallen lassen, wie weit ist die Musik
noch kreatives Output aus dem Bauch heraus?
Die ist absolut aus dem Bauch
heraus unsere Mucke. Wir machen einfach das, was wir können und interpretieren
das auf unsere Weise. Und ich meine, wären wir jetzt früher da
gewesen mit unserer Mucke, mit den schönen Chören ... diese
Bombastchöre sind es ja immer, die verglichen werden mit Blind Guardian.
Und es gibt viele Vergleiche. Helloween waren eben die Begründer dieses
Melodic Metals, schnell und sehr melodiös. Und wären wir als
erstes da gewesen, wär's umgekehrt. Also ich hab nicht das Gefühl,
daß wir da ... wir klauen nicht und wir sagen nicht, das muß
jetzt klingen wie Helloween oder sonst was, sondern wir machen einfach
das, was uns liegt und was uns gefällt, und das können wir auch
am besten rüberbringen. Klar sind immer Vergleiche da, das ist nichts
Neues. Dazu steh ich auch. Irgendwie die Revolution
in Sachen Melodic Metal ist es nicht. Aber ich denke, es ist trotzdem
irgendwie eigen und es wird immer mehr Eigenständigkeit einfließen.
Wenn man das erste Album gehört
hat und jetzt das zweite, da ist schon ein großer Unterschied da
und es gibt halt so typische FREEDOM CALL-Elemente. Das sind auf der einen
Seite die Chöre natürlich, das sind die Melodien, das ist die
Tatsache, daß die Mucke nicht vom Riff kommt, vom Gitarrenriff, sondern
es sind immer erst die Melodien da und der Rest wird drum rum gebaut. Und
wenn jetzt eben der Song mehr Gitarre fordert, sind mehr Gitarren dabei
und wenn eben zum Beispiel wie "We Are One", da ist auch immer mal wieder
das Keyboard tonangebend. Dann ist das okay für uns und ich denke,
das ist ein bißchen variabler, das Ganze ist nicht immer nur auf
Gitarren aufgebaut und nicht nur Riffmusik, sondern ist harmonisch und
melodisch. Bißchen eigenständig, denk ich mal.
Als ich die erste FREEDOM CALL
zum ersten Mal in der Hand hielt, war ich da schon ein bißchen skeptisch.
Habe mich aber von den Qualitäten der Band doch recht schnell überzeugt
und halte Freedom Call für eine der besseren Bands dieses sogenannten
Melodic Power Metals. Auf den ersten Blick gibt's aber nichts, wovon sich
die Band von anderen Bands in ihrer Sparte unterscheidet. Betrachtet man
den Namen, den Schriftzug, das Coverartwork, die Fantasy-Thematik und das
Musikeroutfit. Was tut die Band, um aus diesem Kapellenwust herauszuragen?
Ja, ich denke mal, das Wichtigste
ist, daß man Live einfach überzeugt, daß man auf der Bühne
einfach gute Arbeit abliefert. Das ist ja das, was ich vorhin angesprochen
hatte: Es war alles schon mal irgendwie irgendwo da. Die Songs sind das
eine, man muß an ihnen und der Liveperformance arbeiten. Und das
ist bei uns zum Beispiel so - wir haben sehr viele Chorproben gemacht,
einfach a-capella-Chöre gesungen, damit sie wirklich sicher sitzen
und passen, da wir die Songs und die Arrangements, die wir jetzt auf Platte
haben, auch Live umsetzen wollen. Live klingst das natürlich alles
ein bißchen gitarrenlastiger, ein bißchen härter mehr
Energie. Das ist auch gut so, das ist wichtig. Aber wir wollen eben gerade
so Stilelemente wie Chöre. Das hört man nicht oft bei Metal-Bands
wenn man jetzt zum Beispiel Blind Guardian nimmt, wo die Chöre auch
wirklich groß und gut klingen, soetwas wird meist vernachlässigt.
Ich
finde das eben wichtig, wenn man das schon auf der Platte hat, daß
man versucht, das irgendwie Live umzusetzen. Ich mein, auf der Platte,
man hat mehrere Spuren, man kann jede Stimme zehnmal singen und dann wird
das ganze fett und bombastisch. Und Live hat man nur fünf. Wir haben
zum Glück fünf Sänger in der Band also alle Musiker singen
und auch sehr routiniert und sehr gut.
Mit der Liveperformance auffallen,
sagtest Du. Mir zum Beispiel ist heute durchaus negativ aufgefallen, daß
Euer Outfit am heutigen Abend mehr zu den Mit80er Thrashbands gehört.
Das paßt für meine Begriffe überhaupt nicht zu der Art
von Musik wie Ihr sie macht.
Was meinst du jetzt mit Outfit,
wie wir aussehen oder das Bühnenbild?
Klamotten.
Da muß ich ganz ehrlich
sagen, das ist alles Schubladendenken und kategorisch. Mir ist das eigentlich
letztendlich scheißegal. Ich geh so auf die Bühne, wie ich will,
und wenn ich mich einfach in kurzen Hosen gut fühle und lange Haare
und die sind offen, dann ist das so, und es ist mir eigentlich egal, ob
ich jetzt aussehe wie 80er-Jahre-Thrashbands oder wie 'ne Black Metal Band.
Das ist mir eigentlich scheißegal, wenn das jemand negativ
auffaßt, ist das nicht mein Problem.
Eure Musik klingt ziemlich von
den deutschen Bands beeinflußt. Ist die Musik von FREEDOM CALL eine
typisch deutsche Musik?
Ja, das ist eine gute Frage. Es
ist zumindest klar, wir sind alles Deutsche in der Band ... nee, wir haben
einen Türken dabei, der Bassist ist 'n Türke. Was heißt
typisch deutsch? Schwer zu sagen. Also, ich sag mal, von
der Energie und von der Art, wie die Songs gespielt und interpretiert werden,
ist es natürlich typisch deutsch. Weil, wir sind Deutsche und
wir drücken uns halt so aus, wie wir meinen und wie wir können,
und wenn man sagen will, das ist dann typisch deutsch, dann ist das halt
so. Es ist halt viel Energie dabei und eine gewisse Gleichmäßigkeit
und Gleichförmigkeit ist da auch drin, in der Art, wie es gespielt
ist und es ist halt das, was wir ausdrücken und wenn man eben das
typisch deutsch nennen will, dann ist es so.
Gibt es überhaupt im Heavy
Metal was typisch deutsches oder eher nicht?
Ich sag einfach nur mal die Power
und die Art, 'ne gewisse Aggressivität, die dahinter steckt, und vielleicht
ist es auch eine gewisse Form von Schwere, die die Songs haben. Das würde
ich mal so als typisch deutsch bezeichnen, und vielleicht auch eine gewisse
Art von Perfektion, die dahinter steckt. Das man immer versucht, wirklich
das auch so wiederzugeben, wie es eben auf Platte ist und versucht, möglichst
präzise und sauber zu spielen. Das ist vielleicht so deutsche Mentalität
und Einstellung, und da stehen wir auch dazu.
Wir haben am Anfang schon mal
über diese Label-Information gesprochen, in der auch drin stand, wie
toll es war, daß Ihr gleich hochdotierte Verträge bekommen habt
und da frage ich mich, worin besteht die Kunst, mit Dir als Gamma Ray-Schlagzeuger
und den gestandenen Moondoc-Leuten in Japan einen Plattenvertrag fürs
Debüt zu bekommen?
Ja das ist wieder eine gute Frage.
Also, ich denke mal, die Tatsache, daß ich
hier bei Gamma Ray mitspiele, hat natürlich geholfen, das ist ganz
klar. Und hochdotierte Verträge sind das nicht. Wir sind einfach
nur nicht übern Tisch gezogen worden, weil halt Charlie Bauerfeind
für uns das Business gemacht hat. Und er weiß halt einfach,
auf was man achten muß. Aber das heißt nicht, daß wir
uns goldene Nasen verdient haben, sondern wir haben gar nichts verdient.
Aber letztendlich, wenn das Produkt mal anläuft, dann kommen auch
ein paar Mark rüber. Dann sieht man auch mal was für die Arbeit
und für die ganze Kreativität, die man da reingesteckt hat. Das
ist eigentlich der Punkt. Aber wenn man jetzt zum Beispiel von Produktionsvorschüssen
reden will, das geht alles für die Produktion drauf. Das stecken wir
in die Produktion rein und es ist nicht so, daß da irgendwas übrig
bleibt. Das hängt natürlich auch von den Verkaufszahlen ab. Wird
sich das irgendwann mal steigern, dann gibt es eben mehr Geld. Das wird
aber immer wieder in die Produktion fließen, weil man einfach gerade
in der Metal-Szene Qualität abliefern muß. Egal, ob es das Booklet
oder die Musik ist - das muß man sich was kosten lassen. Gerade,
wenn man auch einen gewissen Standard vorgelegt hat, was eben die Chöre
angeht. Da hatten wir auch Gastsänger mit dabei, die uns da unterstützt
haben und das kostet halt auch was. Und das muß weitergehen und wird
auch so weitergehen.
Unter den Metalfans gibt es unterschiedliche
Auffassungen darüber, wie groß eine Band sein muß, um
wirklich davon leben zu können. Was müßt Ihr erreichen,
um tatsächlich irgendwann mal mit so viel Kohle monatlich nach Hause
zu gehen wie ein besser verdienender Normalbürger?
Ich weiß es ganz ehrlich
nicht. Also, ich kann aus meinen Erfahrungen bei Gamma Ray sagen, ich
werd einfach für das bezahlt, was ich mach. Ich bringe immer zwei
Songs ein und kann von der Gamma Ray-Musik leben, weil Gamma Ray halt ein
Wirtschaftsunternehmen ist und wir sind viel auf Tour, es werden
Platten eingespielt und da fließt einfach viel Geld und mit FREEDOM
CALL, ich weiß nicht, wieviel Einheiten wir verkaufen müssen,
um davon leben zu können. Tatsache ist, daß wir vom ersten Album
bis jetzt so zwischen 35 000 und 40 000 verkauft haben und ich habe noch
keinen Pfennig gesehen.
Da gibt es einen Haufen Bands,
die schuften sich seit Jahren schon in Proberäumen den Arsch
ab, machen total hammergeile Musik, bringen auch einen Haufen guter Demos
raus, machen vielleicht auch gute eigene Produktionen per CD und werden
von den Labels nicht mal mit dem Arsch angeguckt. Im Gegensatz dazu bildet
sich in fast jedem Land Europas eine Heavy Metal-Clique eine Profi-Heavy
Metal-Clique, ziemlich prominente Leute, die dann, so wie du zum Beispiel,
in mehren Bands spielen oder die dann, weiß ich, irgendwelche Projekte
verwirklichen und sich dann da kreativ ausleben oftmals ist es gar nicht
so unterschiedlich zu ihren Stammband. Was hältst du von diesen Praktiken,
wie beurteilst du das?
Wir haben auch ewig lange im Proberaum
gesessen, und im Probenraum kannst Du dich tot spielen, Du kannst so gut
sein wie du willst. Voraussetzung ist, daß
du gut bist das zählt irgendwann nur noch 50 Prozent. Die anderen
50 Prozent sind Beziehungen und Business. Das ist nun mal so, und
wenn Du halt einmal dick drin bist, und das würde jeder so machen.
Demons and Wizards ist ja so ein Parade-Beispiel, da ist einfach Geld zu
machen, und wenn Du die Chance hast, das zu tun, würde jeder genau
gleich reagieren und würde die Kohlen mitnehmen. Da kann man letztendlich
nichts gegen sagen. Da kannst du nur sagen, das finde ich gut oder nicht
oder die Einstellung, die dahinter steckt, finde ich gut oder nicht. Aber
das jetzt Hansi (Kürsch) und John Schaffer das Projekt machen, weil
sie Bock drauf haben, da kann man nicht irgendwie sagen, das ist nur Abripp,
sondern, die können halt miteinander und wollten das machen, und wenn
man diese Beziehungen hat, warum sollte man die nicht nutzen. Das würde
jeder, jede Band genau so machen. Und klar ist: Es gibt viele geile Bands,
die keiner kennt, die schon ewig lange spielen. Aber das ist ihr Problem,
daß sie ewig lange nur im Proberaum spielen. Dann muß ich halt
mal schauen, daß ich neben meinem Spielen und neben meinem Können
auch mal Businesstechnisches oder Beziehungen aufbaue, ganz einfach. Und
das geht, wenn man will. Weil, immer nur proben und machen und "wir sind
eigentlich geil" und "wir hätten das eigentlich mehr verdient als
andere" das ist auch nicht richtig, so zu denken, sondern man muß
einfach auch businesstechnisch was tun. Da muß man an sich arbeiten,
man muß halt auch den Willen haben, rauszugehen. Wenn man den Willen
hat, dann schafft man das irgendwann. Ganz sicher. Wenn man das wirklich
will.
60er, 70er Jahre das ist so
eine typische Zeit, wo jeder Song, der geschrieben wurde, oder viele Songs,
vor allen Dingen in der Rockmusik, immer irgendwelche Geschichten aufzuweisen
hatten. FREEDOM CALL-Songs sind sehr bombastisch und da frage ich mich,
entstehen solche Stücke noch im Proberaum, haben die noch irgend 'ne
Story oder werden die nur noch im Studio entwickelt?
Die werden nicht nur im Studio
entwickelt. Die entstehen natürlich erstmal im Kopf. Weil, die Ideen
müssen erstmal da sein. Es läuft halt bei uns jetzt mittlerweile
so. Bei der ersten Platte war das noch nicht so, da haben Chris und ich
zusammen halt das gemacht. Mehr oder weniger hat halt jeder seine Demos
gemacht, die wir dann zusammenlegten, haben das diskutiert, ausgearbeitet.
Und bei der zweiten Scheibe waren wir auch im Probenraum. Um die Ideen
hörbar zu machen, gehen wir den Weg, daß jeder erstmal am Computer
das ausarbeitet für sich, um es hörbar zu machen, damit jeder
weiß, was gemeint ist mit dem Song. Dann wird in den Probenraum gegangen
und das ausgearbeitet, damit jeder sich noch irgendwie mit einbringen kann.
Das ist einfach eine Art zu arbeiten. Ozzy Osbourne oder Biff Byford von
Saxon, wenn man solche Typen mal nimmt - klar, die hatten was zu erzählen
damals. Heavy Metal war Revolution mit solchen Leuten.
Bei uns ist das so Wohlstands-Mittelklasse irgendwie über was soll
man letztendlich schreiben. Und deswegen haben wir gesagt, gehen
wir halt die Fantasy-Schiene. Das ist halt ein bißchen einfacher
und für uns funktioniert das, um das Positive rüberzubringen.
Für uns zählt einfach das Produkt sprich, das ist das Cover,
das ist die Story, das sind die Texte und das ist die Musik. Das muß
halt greifen und das läßt auch jede Menge Raum für Interpretationen,
daß sich jeder einfach seine eigenen Bilder baut, seine eigene Traumwelt
baut und das funktioniert für uns. Weil, ich hab nie in der Fabrik
gearbeitet, ich kann darüber nicht erzählen und Biff Byford hat
das halt und hat eben die ganze wilde Zeit mitgemacht. Und wir kommen woanders
her und wieso soll ich das würde mir keiner
abkaufen wenn ich jetzt über Heavy Metal-Revolution schreiben würde.
Deswegen mach ich halt was anderes. Das, was ich fühle, das, was ich
empfinde.
Wenn man mit einem Debüt
antritt, das kaum Wünsche übrig läßt, wo sind da die
Spielräume für musikalische Steigerungen?
Die sind auf jeden Fall da. Und
zwar waren wir bei der ersten Produktion als Band erstmal noch nicht so
die Einheit, weil die Band natürlich wachsen mußte über
die Jahre. Das betrifft mit Sicherheit gerade die Rhythmus-Section Baß,
Schlagzeug, Rhythmusgitarren da ist jede Menge Spielraum auch für
die Zukunft. Daß das immer kompakter wird, fester wird, sicherer
wird. Und dann natürlich gerade, was das Songwriting angeht am
Anfang macht man halt so erstmal ins Blaue hinein so bißchen juhu
- "Wir sind jetzt auch da und spielen". Und mit der Zeit läßt
man sich mehr Zeit für seine Songs. Wir haben das diesmal nicht alles
arrangiert, festgelegt, so wie auf unserer ersten Platte, da haben wir
eigentlich bei der "Stairway of Fairyland" nur das Demo reproduziert, nochmal
in der Produktion. Wir wollten genau das gleiche wieder machen, mit genau
dem gleichen Feeling, nur frisch irgendwie nach vorne, und das hatten wir
auch geschafft. Aber wir hatten keinen Raum für Kreativität,
also für spontane Ideen, die da noch mit einfließen. Das haben
wir diesmal eben anders gemacht, haben so'n Grundarrangement gemacht, haben
die Drums arrangiert, Baß und Grundgitarren, und gerade für
die Soli haben wir uns einfach Zeit gelassen und das spontan praktisch
einmal auf Band gespielt. Weil, das ist immer am Frischesten, das hat am
meisten Energie. Gerade auch beim Gesang ist das so. Auf der ersten Platte
hat Chris beim Demo zweimal gesungen, also die Songs jeweils zweimal gesungen
und dann bei der Produktion nochmal. Und beim dritten Mal reproduzierst
Du halt nur noch, und so klingt das dann auch. Jetzt klingt es wesentlich
frischer und wir werden sehen, was die nächste Platte bringt. Da wollen
wir es auf jeden Fall wieder so machen. Wir werden wieder in den Probenraum
gehen, die Songs ausarbeiten und dann werden wir sehen, wo uns das hinführt
und welche neuen Einflüsse da reinkommen. Vielleicht kriegen wir auch
noch 'nen Co-Produzenten mit dazu, einfach um eine außenstehende
Meinung zu haben zu unseren Songs, damit man vielleicht noch was in eine
bestimmte Richtung formen kann.
Du hast produktionstechnische
Dinge angesprochen. Da die Musik stilistisch eh schon sehr ausgefeilt ist,
müßt Ihr diesen Level auf jeden Fall durchzuziehen. Nun frage
ich mich aber nach drei, vier Alben, wo gibt es dann den Schritt, wo man
sagen kann, jetzt machen wir mal was, was garantiert unsere Fans nicht
verärgert, aber was solche Steigerung ist, ja solche enorme Steigerung,
daß die Leute sagen: Ja, die ist richtig anders als unsere dritte
Scheibe oder unsere vierte? Mit der zweiten Scheibe, wie in Eurem Fall,
ist eine Steigerung auf jeden Fall zu erkennen, wie du gesagt hast, produktionstechnisch
ist es zu spüren. Aber ich denke an Blind Guardian. Nach der "Tales
From The Twilight World" kam für mich eigentlich rein von dem musikalischen
Impuls bei Blind Guardian keine Steigerung mehr. Es wurde alles nur
noch fantastischer und dahin geht meine Frage. Wie kann man das vermeiden?
Die Frage ist, ob man überhaupt
was vermeiden muß. Weil letztendlich zählen doch die Ideen,
die Du hast. Und wenn Du Deine Songs entwickelst, hast Du Ideen und die
sind einfach da. Dann siehst Du schon, wenn du die Songs hörbar machst
auf Tape, wo das hingeht, ob das schneller wird, ob das gitarrenlastiger
wird, was auch immer, wie stark die Melodien sind, wie stark die Themen
sind, die Du hast. Und Du kannst nicht sagen: "Oh, ich brauch jetzt aber
stärkere Themen", sondern Du arbeitest mit dem, was du hast, und dann
versuchst du, das so gut wie möglich umzusetzen und rüberzubringen
und das wird auch bei der nächsten Scheibe so sein. Und ich hoffe
mal, daß die Themen stark genug sind, um da noch einen drauf zu setzen.
Aber Du kannst dich nicht zwingen.
Wenn Du Beispiel Blind Guardian einen Meilenstein gesetzt hast und
alle feiern das ab... Sobald du dich zwingst oder
unter Druck setzt, bei der nächsten Scheibe noch mal ne Steigerung,
das geht 100prozentig daneben. Einfach weitermachen und versuchen,
die Songs, die Du hast, so gut wie möglich umzusetzen und dabei Dir
auch keine Grenzen aufzuerlegen. Zum Beispiel sind auf der neuen, der "Crystal
Empire", ja nicht nur Doublebass-Songs drauf. Wir haben wieder so'n Walzertakt
am Schluß, der "Wanderer" ist eigentlich ein komplett anderer Song.
Das ist eigentlich auch nicht so der Metal im eigentlichen Sinne. Es klingt
zwar nach FREEDOM CALL, ist aber von der Anlage her eher Rockmusik. Und
wir machen einfach das, was uns in den Sinn kommt, und wenn wir das gut
interpretieren können als Band, daß es auch nach FREEDOM CALL
klingt, dann machen wir das. Wir setzen uns nicht unter Druck und wir setzen
uns auch keine Grenzen. Das macht dann die Presse, die sagt: "Ja und ich
weiß nicht, ob die das noch toppen können." Das ist mir egal
dieses Geschwätz. Wir nehmen die Songs, die da sind.
Wenn wir aus den Ideen einen
guten Song machen können, dann machen wir das. Und wenn die Leute
dann beim nächsten Album sagen, das kommt aber an das "Crystal Empire"
nicht ran, dann haben wir halt Pech gehabt. Aber wir werden versuchen,
möglichst wieder unser Bestes zu geben, songwriting-technisch und
spieltechnisch und werden versuchen, daß die Songs wieder stark werden,
starke Themen, starke Melodien und halt versuchen, vielleicht noch mehr
Charakter und Aussage da rein zu bringen, sofern uns das eben möglich
ist.
Ist Heavy Metal massenkompatibel?
Es war massenkompatibel und wieso
soll es nicht wieder massenkompatibel werden. Heavy Metal ist halt 'ne
extreme Musik, was die Energie angeht. Wenn ich irgendwie was mache oder
ich sitz am Laptop, dann hör ich keinen Heavy Metal, dann hör
ich Popmusik, was Einfaches halt. Ich finde, Metal
ist 'ne extreme Musik, was die Geschwindigkeit, die Energie angeht und
das hört nicht jeder. Das ist eine spezielle Lebenseinstellung, ein
spezielles Feeling. Und ich denke, in der heutigen Zeit es wird
alles oberflächlicher, immer schnelllebiger und da ist die Metal-Szene
eine Ausnahme. Metal ist halt kein Trend mehr, leider. Und mich wunderts
manchmal, daß irgendwie jemand seine Hand drauf hält und das
nicht mehr hochkommen läßt irgendwie. Aus welchem Grund keine
Ahnung. Manchmal erscheint mir das so. Und ich hoffe, daß das wieder
wird, eben gerade was die jungen Leute angeht, die junge Generation. Das
haben wir jetzt in Schweden gesehen. Wir haben fünf Shows da gespielt
und das ist kein Vergleich zu Deutschland. Es sind fast nur Kids, ganz
junge von 8 bis 14 da kommen sie dann mit ihren Eltern zur Show. Das
ist ein anderes Publikum als hier. Aber das ist halt irgendwie 'ne Hoffnung,
da tut sich was. Gerade in Schweden haben wir es halt gesehen und in Südeuropa
ist es auch so, da ist mir das bei den Gamma Ray-Touren auch aufgefallen.
Und in Deutschland weiß ich nicht, da gehen die Kids eher woanders
hin und ich denke, das ist halt ein großer Markt. Deutschland, Schweiz,
Österreich, das ist ein sehr deutschsprachiger Markt, ein sehr großer
Markt und das splittet sich halt auf und ich hab immer so das Gefühl,
daß die einen sagen, oh ich hör jetzt Black Metal, ich kann
Melodic Metal nicht gut finden und die andere Richtung geht eben in die
deutschsprachige, so Rammstein ist halt klar der Trend oder Böhse
Onkelz. Und ja, man kann das gut finden oder nicht. Aber das ist halt so,
das splittet sich auf, weil alles drängt in den deutschen Markt rein.
Da kommen die Amerikaner rüber, und die Konkurrenz ist riesengroß,
und es teilt sich halt alles auf. Und das Entscheidende ist halt, daß
an der Basis, da wo die Kids so mit zwölf, wo sie noch offen sind,
wo sie sich nicht festlegen, in welche Richtung sie jetzt gehen, da passiert
einfach nichts. In den ganzen Jugendzeitschriften wie Bravo sind keine
Heavy Metals-Bands vertreten. Da sind nur die Trendbands, so Rammstein,
Böhse Onkelz, so was wird gefeatured. Und Bands wie Helloween - gut,
ist jetzt schon ne ältere Band, aber junge Bands wie Hammerfall, die
findest Du da drin nicht.
Die Heavy Metal-Szene ist so'ne
Welt für sich irgendwo. So kommt mir das halt vor und klar, da ist
mal 'n Boom da, wenn irgendwie ne Band, so wie Hammerfall '97 mal wieder
reinhaut, liefert ein gutes Album ab und alles schreit "Juhu" und dann
geht es wieder ein bißchen runter. Und dann kommt die nächste
Welle, dann Maiden-Reunion. Die nächste Welle kommt wahrscheinlich,
wenn Rob Halford wieder bei Judas Priest spielt.
Aber wirklich 'n Trend und massenkompatibel
wird das nicht und ich seh es irgendwie auch nicht. Gerade die extreme
Richtung, alles was schnell ist, Doublebass, so dieser Melodic Metal oder
Melodic Speed Metal oder Power Metal, wie man es nennen will. Auf der anderen
Seite sind halt gerade so Bands wie Maiden immer noch breite Masse. Oder
Metallica. Gut, Metallica hat ne ganz andere Richtung
genommen; also ist ja belangloser Popkram mittlerweile geworden ja, belangloser
Popscheiß. Also, das interessiert nicht mehr. Die haben ihren
Charme vollkommen verloren.
Was ich halt geil finde, dass
eben viele Fanzines gibt, tausende von Fanzines überall in der ganzen
Welt. Es gibt viele Radiostationen, es tut sich was; aber so der richtige
Kick, der kommt nicht. Und ich weiß nicht, warum. Ich hoffe, daß
das irgendwann mal wieder wirklich populär wird die Art von Mucke.
Auch das Extreme halt. Melodic, Fast, Speed Metal und die ganzen Richtungen,
die es da so gibt.
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