KARI RUESLATTEN
Interregnum
im Gespräch mit Kari Rueslatten (voc)
Gesendet am 12. April 2005

KARI RUESLATTEN ist ein Engel. Das beweist sie
nicht nur mit ihrem aktuellen Album "Other People's Stories", sondern offenbarte
sie bereits mit ihrer Zusammenarbeit mit The 3rd And The Mortal und Storm,
deren Alben sie mit ihrer glockenklaren Stimme veredelte. Jetzt ergeht
sich die Norwegerin in Betrachtungsweisen menschlichen Zusammenlebens und
individueller Eigenarten. Und alles im Kontext mit der tiefen Zuneigung
zur Natur.
Deine Karriere
begann vor etwa zehn Jahren, in dieser Zeit hast Du in verschiedenen Bands
gespielt und bist heute für den norwegischen Grammy nominiert. Nicht
schlecht. Hier in Deutschland hält sich diese Popularität jedoch
noch in Grenzen. Einige kennen Deine Musik, andere hingegen gerade
mal nur Deinen Namen. Erzähl doch mal, wie das alles für Dich
begann.
Ich begann
schon als kleines Mädchen mit dem Singen. Meine ersten Banderfahrungen
sammelte ich, da war ich zwölf Jahre alt. Ich bekam die Chance, in
einer Rockband zu singen, da ihr Sänger gerade im Urlaub war. Das
war mein Einstieg. Seit ich das erste Mal
auf einer Bühne gestanden habe, ist es um mich geschehen.
Ich möchte das niemals missen. Diese Erfahrung hinterließ einen
bleibenden Eindruck.
Du hast
bereits in der Vergangenheit mit verschiedenen Metal-Musikern zusammengearbeitet.
Zuerst mit The 3rd And The Mortal, welche Dein Sprungbrett waren. Oder
auch die Kollaboration mit Satyricon beim Storm-Projekt. Dennoch ist Deine
Stimme alles andere als typischer Heavy Metal. Wie bequem sitzt Dir die
Kleidung des Heavy Metal? Welche persönlichen Beziehungen hast Du
zu dieser Musik?
Das war
schon kurios als ich bei The 3rd And The Mortal ausstieg. Die Leute mochten
das, was ich danach aufnahm, noch immer. Obwohl es kein Metal mehr war.
Metal zu machen war für mich nicht selbstverständlich. Ich kann
nicht Gitarre spielen und ich komponiere auf einem Piano. Aber ich habe
noch immer das Gefühl, daß Metal und auch seine Hörer einen
speziellen Appeal haben, welcher sich von der Stimmung, der Atmosphäre,
den Sounds und den Melodien herleitet. Meine Art der Inspiration, auch
schon zu The-3rd-And-The-Mortal-Zeiten, war und ist die Natur und die Folkmusik,
das schien schon immer durch. Heute noch verarbeite ich diese auf meinen
Soloscheiben. Und dennoch, ich denke, daß
Metalfans sehr offen gegenüber anderer Musik sind. Sich auch anderen
Genres öffnen, und nicht nur stur Metal hören.
Das ist zu mindest meine Erfahrung.
Deine Songs
erinnert uns nicht selten an Meditations-Musik. Denkst Du, daß dies
der beste Weg ist, um Menschen in ihrem tiefsten Inneren berühren
zu können?
Ich hoffe,
daß die Menschen, wenn sie meine Musik hören, eine Art Raum
finden, in dem sie entspannen können, Ereignisse und Vergangenes noch
mal Revue passieren lassen können, oder
um einfach mal zu schweigen und zuzuhören. Vielleicht biete ich den
Leuten mit meiner Musik eine Möglichkeit, um den Geschehnissen für
eine Weile zu entfliehen.
Die meisten
Solo-Künstler schreiben über ihre eigenen Geschichten. Du nanntest
Dein Album „Other People’s Stories“. Wer sind diese Menschen und wieviel
von Dir selbst steckt in diesen Geschichten?
Ich denke,
daß jede Geschichte ein wenig von mir in sich trägt. Ich wollte
ein wenig die Gegensätze gegeneinander ausspielen. Wie sieht die Welt
aus der Sicht anderer Menschen aus? Wie wäre
es, eine andere Person zu sein? Ich singe
die Geschichte in der ersten Person „Ich“. Das macht es mir einfacher,
mich in die anderen Charaktere hineinzuversetzen. Ich wollte mir für
diese Menschen Geschichten ausdenken, die etwas verzwickter sind und nicht
so einfach beurteilt werden können. Es ist so einfach zu sagen „Wenn
ich das wäre, hätte ich das nicht getan“. Doch stell Dir vor
Du wärst es gewesen, was hättest Du wirklich getan? Es
ist einfach ein Außenstehender zu sein. Ungleich schwerer hingegen
ist es auf der Innenseite selbst zu stehen und diese Geschichten zu erzählen.
Wenn man
sich Deinen Backkatalog ansieht, erkennt man, daß Deine Musik stets
frei von Grenzen und stilistischen Reglementierungen ist. Sie basiert aber
immer auf dem Gefühl der Naturverbundenheit. Wie wichtig ist
die Natur für Deine Musik als Inspiration und warum?
Meine Musik
basiert definitiv auf der Inspiration der Natur. Anders gesagt, ich wäre
nicht im Stande, Musik zu kreieren, hätte ich nicht die Möglichkeit,
ab und zu die Natur zu genießen. Die
Natur in Norwegen bedeutet mir eine Menge, sie bietet ausgezeichnete Inspiration.
Genauso aber auch die Folk-Musik und die traditionellen Gesänge und
Kompositionen. Sie sind ebenso ein großer Einfluß.
Norwegenbesucher
stellen fest, daß die Leute dort einen recht entspannten und zufriedenen
Eindruck machen, mehr als in anderen europäischen Ländern. Ist
dies nur Schein oder ist Norwegen als Staat tatsächlich etwas besonderes?
Freut mich,
daß Du so empfunden wird. Ich lebte für drei Jahre in London
und habe Norwegen definitiv vermißt. Es tat gut, wieder zurück
zu kommen. Andere Spekulationen über Norwegen wären aber haltlos,
denn Dein Heimatland wird Dir stets das liebste
sein, so wird es den meisten gehen, schätze ich zumindest.
Ich wäre da jetzt wenig objektiv.
Außerdem
scheint es, daß die Norweger einen recht starken aber gesunden Nationalstolz
haben. Kaum ein Haus oder Boot, an dem die National-Flagge nicht hängt.
Gratulation, so etwas ist bei uns undenkbar. Was glaubst Du, wie viel von
diesem Stolz basiert auf der überwältigenden Natur Norwegens?
In unserem
Fall ist es so, daß Norwegen schon immer ein Teil eines anderen Landes
war. Vor vielen 100 Jahren waren wir ein Teil von Dänemark. Später
dann gehörte Norwegen zu Schweden. Wir
wurden ein unabhängiger Staat im Jahre 1905. Daraus resultiert unser
Stolz, eine Nation zu sein und auf unseren eigenen Füßen zu
stehen. Wir haben viele offizielle Flaggentage,
an denen die Leute sich die Flagge ins Fenster oder auf die Veranda hängen,
sie in den Rasen stecken oder was auch immer.
Laß
uns zur Musik zurückkehren. Hast Du mit „Other People’s Stories“ Deine
musikalische Heimat gefunden oder wartet da schon etwas Neues darauf, von
Dir entdeckt zu werden?
Ich versuche
immer, etwas Neues zu schaffen, wenn ich an einem neuen Album arbeite.
Neue Sounds auszuprobieren und mit anderen Leuten Musik zu machen, das
hat mich schon immer fasziniert. Mit anderen Leuten zusammen zu arbeiten,
hilft dabei, die Musik in eine neue Richtung zu bewegen. Ich möchte
mich nicht selbst kopieren und ein und dasselbe Album immer und immer wieder
machen. Es ist wichtig, sich auszuprobieren und die Musik voranzutreiben.
Auf der anderen Seite arbeitete ich auf „Other People’s Stories“ mit den
Musikern meiner Band zusammen, mit denen ich schon seit Jahren toure. Genauso
eng arbeitete ich mit dem Musikprogrammierer zusammen. Es fühlte sich
an wie in einer Band. Bruchteile alter Alben kamen ebenso zusammen um dieses
Neue zu erschaffen. Ich hoffe, daß ich weiterhin die Möglichkeit
haben werde, auch auf dem nächsten Album mit anderen Sounds herum
zu experimentieren. Denn das ist es, was ich hauptsächlich tun möchte.
Du hast
das Glück, die Möglichkeit zu besitzen, in ein Studio gehen zu
können, um Deine Ideen aufzunehmen. Du kannst mit einer sehr guten
Band zusammenarbeiten und alles was Du Dir vorstellst in einem gewissen
Rahmen veröffentlichen. Hast Du dennoch einen absoluten, bisher unerfüllten
musikalischen Traum, den Du gerne mal in die Tat umsetzten möchtest?
Ich würde
liebend gerne mit einem Symphonieorchester zusammenarbeiten.
Das wäre großartig. Jemand müßte aus meiner Musik
die Partituren für ein Orchester schreiben. Einige meiner älteren
Songs von Platten wie „Spindelsinn“ oder auch „Pilot“. Das wäre phantastisch.
Magst Du
auch die Kombination Metal-Band/Orchester, wie sie zum Beispiel Deep Purple,
Metallica oder Rage ausprobierten? Kannst Du damit was anfangen?
Ich finde
es immer interessant, wenn die Leute probieren, verschiedene Sachen miteinander
zu verbinden. Verschiedene Genres und Musikstile. Ich mag jeden Versuch,
etwas Neues zu entwickeln. Ich liebe diese Band sehr, Apoca...äh,
Apocalyptica?
Ja, die
Chelisten, die finnischen. Die, welche Metallica und andere Metal-Sachen
gespielt haben. Die finde ich sehr erfrischend. Ich
bin sehr dafür, daß Genres gemischt werden.
Naja, vielleicht
kannst Du ja eines Tages mit Apocalyptica was machen.
Das wäre
absolut phantastisch. Das wäre schön. Damit würde für
mich ein Traum in Erfüllung gehen. Ich mag die Dunkelheit, welche
sie mit ihrer Musik transportieren, ebenso wie die Wärme. Und natürlich
die Energie, nicht zu vergessen.
Interessant
wäre noch zu erfahren, warum Du seinerzeit The 3rd And The Mortal
verlassen hast. „Tears Laid In Earth“ etwa ist ein Meisterwerk. Die Musik
und Deine Stimme ergänzten sich hervorragend. Ihr wart eigentlich
ein klasse Team. Warum bist Du damals gegangen?
Wir waren
gute Freunde und sind es heute auch noch. Aber ich fand, daß wir
nach „Sorrow“ und „Tears Laid In Earth“ musikalisch auseinander wuchsen.
Ich wollte mehr Folk-inspirierte und orientierte Musik machen, mehr melodische
Sachen. Die anderen, oder einige von ihnen, sind eher dafür, surrealistische
Melodien und Musik zu machen. Nicht diese Art von melodiebezogenen Songs
oder unterschiedlichen Sounds. Ich stimmte nicht mit dieser Ausrichtung
überein. Ich wollte es eher so haben wie auf „Tears Laid In Earth“.
Wir entwickelten uns musikalisch auseinander. Also mußte ich diese
Entscheidung treffen, auch wenn mir diese nicht leicht fiel. Es war ziemlich
schlimm. Ich vermisse sie, und ich vermisse
es, ein Teil dieser Band zu sein. Aber ich
bereue es nicht, denn jetzt kann ich Songs auf eigene Faust machen. Aber
wir sind immer noch Freunde und ich besuche sie stets, wenn ich in Trondheim
bin. Ich bin natürlich sehr glücklich, daß sie dennoch
weitergemacht haben.
Was hältst
Du von ihrer letzten Scheibe „Memoirs“?
Ja, ich
halte sie für exzellente Musiker und Komponisten. Ich stehe auf das,
was sie machen. Ich bin stolz darauf und auch, daß ich ein Teil von
ihnen war.
Wie sind
Deine Zukunftspläne? Wirst Du auf der neuen Tour auch durch Deutschland
reisen? Was kann man von Deinen Konzerten erwarten?
Wir würden
liebend gerne durch Deutschland touren, daran arbeiten wir zur Zeit sehr
hart. Hoffentlich klappt es im Sommer diesen Jahres, daß wir zu Euch
kommen können, um zu spielen. Damit würde für uns ein Traum
wahr werden. Meine Mitmusiker freuen sich auch schon, zu Euch kommen zu
können. Ich werde Songs von all meinen Platten spielen, hauptsächlich
jedoch von „Other Poeple’s Stories“. Es wird eine sehr dynamische Show,
sehr tiefgehend und atmosphärisch, etwa wenn ich ganz allein singen
werde. Aber auch noisige Elemente werden auftauchen, entfesselt und wild.
Ich hoffe, daß die Konzerte den Leuten gefallen werden.
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