MOONSPELL
Interregnum
im Gespräch mit Fernando Ribeiro (voc) und Mike Gaspar (dr)
gesendet am 24. September 2002 (Wiederholung
am 2. November 2002)
Nachdem "Irreligious" erschien,
wurde Euch von einigen Seiten vorgeworfen, mit dem Song "Opium" den Gebrauch
von Drogen zu propagieren. Das liegt nun einige Jahre zurück. Was
genau war passiert, und wie ist die Sache damals für Euch ausgegangen?
FERNANDO:
Das Thema wurde ein bißchen
mehr aufgebauscht als da wirklich passierte. Da war diese Lehrerin aus
Süddeutschland, aus Saarbrücken, die behauptete, daß das
Lied "Opium", weil es "Opium" heißt, die Leute dazu auffordern würde,
Drogen zu nehmen. Und auch der europäische MTV-Kanal
zensierte das Video. Ich schrieb einen Brief an die Lehrerin, in
dem ich ihr erklärte, daß die Droge nicht der Gegenstand des
Liedes war. Es sei ein Lied, das von einem portugiesischen Dichter und
einem portugiesischen Gedicht handelte. Am Ende vom Lied hatten wir eine
Menge Publicity, was auf einer Art gut war. Danach behelligte sie uns nicht
wieder. Ich denke, sie bekam ihre Antwort.
Welche Droge ist Deiner Meinung
nach die gefährlichere? Der legale Schnaps, den man hier an jeder
Ecke problemlos kaufen kann oder verbotene und verteufelte Substanzen wie
Grass und Pilze?
FERNANDO:
Ich denke, die schlimmste Droge
ist nicht die Substanz selbst, sondern, was Du damit tust und ob Du abhängig
bist oder nicht. Ich denke, die schlimmste Droge
ist es, abhängig zu sein. Von was auch immer. Das kann sein
von Zigaretten bis Heroin. Der Fakt, daß Du dafür lebst, ist
die wahre Droge. Denn wenn Du einige Substanzen nimmst, die von dem ein
oder anderen Künstler konsumiert werden, kannst Du Dein Bewußtsein
tatsächlich erweitern und etwas Kunstvolles kreieren. Wenn Du aber
abhängig bist, dann ist das nicht gut für Dich, denn Du rennst
mit dem Gedanken im Kopf umher, daß Du ohne Drogen den Rest Deines
Lebens nicht genießen kannst.
MIKE:
In dieser Sache stimme ich mit
Fernando überein. Eine einfache Erklärung: In Portugal passieren
eine Menge Unfälle im Zusammenhang mit Alkohol. Mehr Unfälle
durch Trinken und Fahren als zum Beispiel in Holland, wo die Leute problemlos
Hasch rauchen können. Es gibt nicht so viele Streitereien und Kämpfe
in Holland. Und die Leute werden nicht verhaftet, wenn sie Hasch rauchen.
Jede Person sollte selbst entscheiden können, was sie lieber möchte.
Jeder ist unterschiedlich.
FERNANDO:
Wir sind mehr die Hasch-Typen
als Alkoholvernichter.
Ihr als Musiker kommt mehr in
der Welt umher als Otto Normalbürger, und Ihr wißt mehr um die
Unterschiede der vielen Nationen. Was hältst Du vom geeinten Europa?
FERNANDO:
Das ist ein eigenartiges Konzept.
Und es ist ein sehr altes Konzept, keine Erfindung der heutigen Zeit.
Eine Republik zu erschaffen, in der jeder ein gutes Leben führt mit
guter, gegenseitiger ökonomischer Unterstützung. Ich denke, daß
es einfacher ist, in Europa vereint zu sein, in ökonomischer Hinsicht
mit dem Euro und dergleichen. Aber andererseits die Länder sind zwar
klein, aber sie haben alle ihre Eigenheiten. Das ist das schöne an
Europa und es ist sehr wichtig, das macht Europa
zu dem Kontinent, zu dem andere Kontinente aufschauen. Nun ich denke,
das vereinte Europa macht einige Dinge einfacher. Und es könnte einiges
wieder in Ordnung bringen. Denn es gibt keine Gleichheiten. Deutschland
ist nicht zu vergleichen mit Portugal, denn es ist ökonomisch gesehen
viel stärker. Oder nehmen wir die Kulturen, das sind zwei sehr verschiedene.
Ich bin nicht sehr enthusiastisch, was das einige Europa angeht. Ich schätze,
es macht einige Dinge einfacher, aber kleinere Länder wie Portugal
und Griechenland bleiben kleine Länder, und das vereinte Europa wird
das nicht ändern, soviel ist sicher.
Die bekanntesten und größten
Seefahrer im Mittelalter waren bekanntlich, neben den Spaniern, die Portugiesen.
Was ist von dem stolzen Seefahrervolk noch übrig heutzutage? Ist sich
die portugiesische Jugend dieser Geschichte noch gewahr, oder ist diese
Tradition heute nur noch Schnee von gestern und reiner Unterrichtsstoff?
FERNANDO:
Traurigerweise ist von den alten
Seefahrern und Entdeckern aus Portugal nichts mehr geblieben. Die Periode
der Entdecker war sehr wichtig für Portugal, denn es war eine Sache,
die wir tun mußten. Unser Land war einfach zu klein. Es hat aber
900 Kilometer Küste und See. So lag es auf der Hand, daß die
Leute sich der Seefahrerei widmeten. Durch MOONSPELL kommen wir in Kontakt
mit vielen jüngeren Menschen und stellen fest, daß viele von
ihnen nichts über die Geschichte und die alte Kultur wissen. Einen
guten Zuwachs an Bildung bekommen die Metal-Fans in Portugal. Denn MOONSPELL
schreiben viel über ihre eigene Geschichte. Was sie nicht in der Schule
lernen, das lernen sie auf einem anderen, besseren Weg: durch echte Musik.
Die
Allgemeinheit jedoch - und das ist traurig zu sehen - interessiert sich
nicht für Wissen, und so haben sie kein Interesse am Leben.
Gut, das bezieht sich nicht auf alle, aber die Leute unter 20 unterscheiden
sich doch sehr von uns.
Ist der Einfluß der amerikanischen
(Un)kultur auf Portugal auch so stark wie zum Beispiel auf Deutschland?
Will heißen, die Musikkanäle voll mit schwarzen Rappern, die
Häuserwände bunt beschmiert wie in der Bronx und die Geschichte
des eigenen Volkes uninterressant für die Jugend, für die nur
das korrekte Outfit zählt?
MIKE:
In Sachen amerikanischer Kultur
kann ich definitiv sehen, daß vor zehn Jahren ihr Einfluß auf
die europäische Kultur noch nicht so stark war. Aber mit der Zeit
wurde es immer mehr. Diese Erfahrung konnte ich vor allen Dingen in Portugal
machen. Viele Dinge, die hier rüber schwappten, wurden schnell zur
Mode. Da sie für die Europäer sehr leicht zu konsumieren waren,
erklärt das vielleicht den Erfolg der Amerikaner, die nun mal über
enorme finanzielle Kapazitäten verfügen. Wenn die Major-Companies
in diese großen Bands investieren, sind es zumeist amerikanische,
die auf diese Art von Kultur zugeschnitten sind. Da ist es logisch, daß
sie soviel investieren wie sie können. In allen Teilen der Welt, auch
Europa, da die junge Generation sehr empfänglich für solche Sachen
ist, füllt das Fernsehen mit den aufwendigen Videoclips die Augen.
Ich kann mir gut vorstellen, daß das wie ein Spielzeug für viele
Menschen ist. Aber es ist bedauerlich, daß
viele das Gespür dafür verlieren, was in Sachen Qualität
wirklich echt ist. Wenn ich mich an das Portugal vor zwölf
Jahren erinnere, gab es da nicht einen Mc Donald's-Laden. Heute hast Du
so einen an jeder Ecke zu stehen. Soetwas beeinflußt die junge Generation.
Alles wird so exzessiv und einfach. Früher mußten wir Stunden
laufen, um die neue Bathory-CD zu bekommen. Heute läßt Du sie
übers Internet direkt in Dein Haus kommen. Das macht den großen
Unterschied, wie Du Dinge mit Deinem Leben in Verbindung bringst. Alles
geht schnell und einfach, Du mußt Dich nicht mehr rumärgern,
und der Mensch gewöhnt sich sehr schnell an diesen Weg.
Sich bloß nicht zu viel
bewegen, das ist der einfachste Weg.
FERNANDO:
Manchmal
ist Europa amerikanischer als die Staaten selber. Denn als wir in
den Staaten tourten, sahen wir, daß die Leute dort komfortmäßig
auch eher normal lebten und die starre Sichtweise vieler Europäer
auf diese Leute nicht zutraf. Das war überraschend. Sie sind natürlich
eines der jüngsten Länder der Welt, die Staaten. Deutschland
hat etwa 900 Jahre Geschichte, die USA haben gerade mal 200.
Glaubst Du auch, daß Europa
in den nächsten 10 bis 20 Jahren nur noch "Klein-Amerika" heißt,
oder denkst Du,
daß wir mental doch noch
irgendwann die Kurve kriegen?
FERNANDO:
Das hängt von den Politikern
ab. Sicherlich sind wir schon Klein-Amerika, das ist klar. Nicht viele
Leute sind in Amerika rumgekommen. Denn wenn sie es wären, hätten
sie realisiert, daß das, was gut für die Vereinigten Staaten
ist, eben nur für die Vereinigten Staaten gut ist. Und für niemand
anderen, denn es ist ein Land, das auf Werten basiert, die nicht den europäischen
Werten entsprechen. Was Freiheit und Gerechtigkeit angeht, ist es vielleicht
ähnlich, aber es sind zwei zu unterschiedliche Mentalitäten.
Und darüberhinaus hängt es auch von den Leuten selbst ab, ob
wir die Kurve kriegen. Ich denke, daß sich Europa nicht verändern
wird, denn die Menschen möchten ihre eigene Sprache sprechen. Portugiesen
möchten nicht spanisch reden. Und wenn es von den Menschen
und nicht von den Politikern abhängt, denke ich, werden diese Werte
aufrecht erhalten. Im Norden von Portugal gibt es diese kleine Minderheit,
welche diesen Dialekt spricht, der weniger portugiesisch aber sehr alt
ist. Die Regierung kümmerte sich eine Scheißdreck um sie. Nun
fanden sich die Menschen dieses Landes in Gemeinschaften zusammen, einer
Art Reservat. So können sie noch eine Weile länger als Minderheit
existieren. Aber die portugiesische Regierung nimmt keine Notiz von ihnen.
Solange mehr Kohle auf die Konten der Politiker fließt, werden wir
wohl noch amerikanische Afghanen.
Euer ehemaliger Bassist Ares betonte
in früheren Interviews stets, daß MOONSPELL mit ihrem Tun Rache
am Christentum nehmen würden. Kannst Du seine Aussagen nachvollziehen
bzw. unterstützen?
FERNANDO:
Erzählte er, ja? Keine Ahnung,
er erzählte eine Menge Zeug in Interviews. Es ist jetzt etwas schwer
über Ares zu sprechen, da er nicht anwesend ist. Aber er war immer
einer von den Leuten, die sehr heftige Meinungen vertraten, um die Menschen
zu schocken. Deswegen ist er auch nicht mehr bei MOONSPELL, denn MOONSPELL
haben eine andere intellektuelle Attitüde gegen oder für Dinge
zu sein. Wir würden uns sehr limitieren, und
die Leute würden uns wahrscheinlich auslachen, wenn wir unsere Songs,
in denen es um Sachen wie Vampire und nationale Themen wie "Alma Mater"
geht, als Rache am Christentum bezeichnen würden. Das würde
MOONSPELL zu einer wenig talentierten Band degradieren. Das Album, das
am meisten über das Christentum handelt, ist bis jetzt "Sin/Pecado",
das nach "Irreligious" erschien. Ich wurde mehr inspiriert durch Philosophen
wie Ludwig Feuerbach, er ist Atheist, aber er wußte eine Menge über
das Christentum und wie man es bloßstellen und seinen Gerechtigkeitssinn
auf die Probe stellen konnte. Ich denke, daß es sehr einfach ist
zu sagen, daß man gegen das Christentum und Religion ist. Aber ich
denke, es zeigt von mehr innerer Stärke zu sagen, "Ich bin dagegen,
weil...". Ares war nicht diese Art von Person, die solche Argumente bringen
und daran arbeiten konnte.
MOONSPELL hatten stets einen starken
Einfluß satanischer Elemente auf ihren ersten Veröffentlichungen.
War es zu dieser Zeit nur Gepose?
FERNANDO:
Nein, so war es nicht. Viele
Dinge entwickeln sich erst. Viele Menschen verstehen nicht, daß die
Themen der Metalmusik - sei es nun Satanismus, Paganismus, Okkultismus
- mit den Jahren verschiedene Stadien durchlaufen. MOONSPELLs anfängliches
Interesse am Satanismus war unverkennbar. Wir wußten nicht viel darüber,
aber wir wollten es in unserer Musik haben, da wir fühlten, daß
es eine starke Kultur ist. Doch wenn wir uns zum Beispiel "Mephisto" von
"Irreligeous" anhören oder das neue Album mit Liedern wie "How We
Became Fire" und einige andere, merkt man, daß wir heute über
satanische Elemente mit dem nötigen Wissen und der nötigen Wonne
schreiben können. Du schreibst nicht von dem Wissensstand aus, den
Du mit 15, 16 hattest. Da hast Du kein Wissen, keine Meinung. Du gibst
nur das wieder, was Du am Vortag gelesen hast. Wenn Du dann 27, 28 bist
und Musik machst, kannst Du es definitiv subtiler, kraftvoller und mysteriöser
gestalten. Wenn Du die ganzen satanischen Lehren siehst, die eine rebellischere
Position in der gesetzten Welt einnehmen, um zu versuchen, diese zu verändern
- das ist mehr mein Ding als in der Gegend umherzuspazieren und "Hail Satan"
und "Hail Luzifer" zu brüllen. Viele Bands machen das, und die sind
musikalisch auch nicht so toll, als daß sie soetwas in einen Rahmen
packen könnten, so wie viele Black Metal-Bands heutzutage.
In Euren Songs taucht das Vampierthema
immer wieder auf. Steht Ihr auf die Dracula-Filme mit Christopher Lee?
FERNANDO:
Ja. Ich denke, daß der
Vampirismus genau wie der Okkultismus und der Satanismus sich zu einer
Art sozialen Kommunikation entwickelt hat. Sie können anderer Menschen
Energie ein- und aushauchen. Ich finde die Vampirgeschichte sehr
inspirierend, es ist eine sehr schöne Geschichte, die zu keiner speziellen
Kultur gehört. Jedes Land hat Vampirgeschichten, von Portugal bis
Malaysia, Deutschland bis Kolumbien. Überall
auf der Welt kannst du vom Vampirismus der jeweiligen Kulturen lernen.
Meine Lieblings-Draculafilme sind "Nosferatu", der von Murnau mit Max Schreck,
und das Remake mit Klaus Kinski. Diese beiden Filme mag ich sehr. Es sind
sehr gut gemachte Vampirfilme. Zusammen mit dem Science Fiction-Vampirfilm
namens "Life Force", von dem wir auf dem neuen Album "Darkness And Hope"
einige Samples verwenden. Beim Song "Rapaces", welcher der Vampirsong dieses
Albums ist.
Glaubst Du, daß es heutzutage
Filme gibt, die die Qualität der alten Klassiker erreichen?
FERNANDO:
Das ist unterschiedlich, "Bram
Stoker's Dracula" ist ein sehr guter Film, der mit modernen Mitteln
gedreht wurde. Aber auch die Hammer-Filme und auch europäische Independent-Filme
haben dieses spezielle Gefühl für Vampirthemen. Das ist, als
würde man ein Buch lesen. Ich mag Kunst in schwarz und weiß.
Es wurden schon einige gute Vampirfilme gemacht. Der letzte John Carpenter
war sehr schlecht aber der von Coppola war sehr gut.
Stilistisch stehen Eure ersten
drei Veröffentlichungen dicht beieinander. Nach "Irreligious" kam
es zu einer nicht unerheblichen Kurskorrektur. Was führte zu diesem
stilistischen Wechsel zwischen "Irreligious" und "Sin/Pecado"?
MIKE:
Es ist sehr schwer, den Stil
den man spielt, zu analysieren. Aber ich denke, wenn wir zurück sehen,
gibt es dort einiges zu ergründen. "Irreligeous" war eine sehr wichtige
Zeit für uns. Wir konnten sehr auf uns aufmerksam machen, denn wir
tourten sehr viel und wir hatten das Vergnügen, die bisher größte
Tour unseres Lebens mit Type O Negative zu spielen. Das ermöglichte
uns, in Deutschland jede Nacht vor 5000 Leuten zu spielen. Nach dieser
Zeit war es schwer, etwas Vergleichbares auf die Beine zu stellen, denn
niemand wollte ein "Irreligeous Pt.II". Würdest Du uns nach "Irreligeous
Pt.II" fragen, wüßten wir nicht, wie wir es machen sollten.
Wir
sind nur Menschen und handeln nach unseren Gefühlen. Wir versuchen
stets, das Beste zu tun, zu dem wir in der Lage sind. Es mußte eine
Art Veränderung stattfinden. Ares verließ die Band, und wir
erhielten einiges an Inspiration von unserem neuen Baßisten Sergio,
der eine Menge neue Einflüsse in die Band einbrachte. In Sachen Texte
veränderte sich auch Fernando, der eine andere Richtung einschlug.
Wenn ich zurück sehe, ist "Sin/Pecado" das beste Album in Sachen Verkäufe.
Wie waren die Reaktionen auf "Sin/Pecado"?
FERNANDO:
Die waren gemischt. Mit "Irreligeous"
hatten wir eine Menge Aufsehen erregt. Und wenn Du eine Menge Aufsehen
erregst, werden die Leute schnell Deiner überdrüssig. Das ist
die Zeit, in der Du Dich neu definieren mußt. Und so wurde viel über
uns, speziell in der Presse, geredet. Schließlich waren wir die Band,
auf die in jener Zeit jeder blickte. Wir wollten etwas tun, was nicht den
Erwartungen der Leute entsprach. Es entsprach unserem Gefühl, es so
zu tun. Und die Themen dieses Albums - das Sünden-Thema und das religiöse
Thema - sollten melodischer und etwas poetischer werden als die Dunkelheit,
die "Irreligeous" den Stempel aufgedrückt hatte. Wir bekamen sehr
gemischte Kritiken, in Deutschland akzeptierten die
Fans das Album am wenigsten. Ich denke, weil sie MOONSPELL als eben
die Band entdeckt hatten, die sie zum damaligen Zeitpunkt war. In Frankreich
zum Beispiel haben wir von "Irreligeous" 4000 Stück verkauft. Von
"Sin/Pecado" 14 000 oder 15 000.
Es kommt darauf an. Es ist gut,
eine Band zu sein, deren größter Markt immer noch Europa ist.
Denn ich denke, daß die Leute heutzutage - speziell nach "The Butterfly
Effekt" und nach "Darkness & Hope" - von MOONSPELL das Unerwartete
erwarten. Und solange es Bands wie Manowar oder Grave Digger gibt, deren
Platten immer gleich klingen, gibt es einen großen Platz und ein
großes Publikum für Bands wie Tiamat, Katatonia, wie Type O
Negative, wie MOONSPELL, die die Leute immer wieder überraschen, was
eine sehr gute Seite der Musikszene ist. Damit es nicht nur Platten gibt,
die wie die anderen auch klingen. Ich kann das verstehen, ich mag das Unveränderliche
an vielen anderen Bands auch. Und ich denke, da sollte genug Platz für
die andere Hälfte an Bands sein.
Unserer Meinung nach stellt "Darkness
& Hope" definitiv eine Rückkehr zu Eurem alten Stil dar. Wie steht
Ihr im Nachhinein zu den Platten "The Butterfly Effect" und "Sin Pecado"?
Habt Ihr mit Euren stilistischen Experimenten Zeit verschenkt?
FERNANDO:
Nein, nicht immer. Im Moment
sind wir sehr stolz, speziell auf "The Butterfly Effect". Denn wir kündigten
den Leuten das Album an, und sie waren dennoch überrascht, denn sie
nahmen unsere Ankündigung nicht ernst. Bei "The Butterfly Effect"
stand der Name, noch bevor die Musik dafür geschrieben war. Der Name
liebäugelt mit solchen Themen wie Apokalypse, Chaos usw. Wir versuchten,
dieses Gefühl auf unsere Musik zu übertragen. Deswegen wollten
wir nach London. Deswegen wollten wir lieber ein experimentelles Album
aufnehmen, was von allem ein bißchen beinhaltete. Das Album wurde
ziemlich scharfkantig, es schlug einem ins Gesicht. Als
einige Leute es live sahen, konnten sie damit nicht umgehen, da es so brutal
war. Es ist ein Album, auf das jeder von uns als Künstler stolz
ist. Denn der Weg, den MOONSPELL beim Arbeiten gehen, ist sehr einfach,
doch nicht viele Bands gehen diesen Weg. Wir haben ein textliches Grundgerüst,
auf das wir unsere Musik zuschneiden, einen Focus, auf den wir unsere Energie
bündeln. Von diesem Moment an haben alle Songs nach dem Namen passend
zu klingen. So wie alle Songs von "Darkness & Hope" wie Kurzgeschichten
zu klingen hatten, über Dunkelheit und Hoffnung, über das Leben
und die Dunkelheit. Alle "Sin"-Songs mußten sündig klingen.
Sei es vom textlichen Standpunkt aus, sei es die Zerbrechlichkeit der Songs.
Und alle "Butterfly"- Songs mußten sehr industrialmäßig,
sehr chaotisch klingen. Das ist unser Weg zu arbeiten. Und bei "Darkness
& Hope" brachen wir nach zwei experimentellen Alben auf, ein Album
zu machen, das wieder sehr klassisch nach MOONSPELL klingt. Darüberhinaus
sollte es mehr poetisch denn philosophisch sein wie noch bei "Sin" und
"Butterfly". Es gibt also wieder mehr Geschichten, in denen ich über
Dunkelheit und Hoffnung erzähle. Und ich denke, daß die Leute
merken, daß es nicht "Wolfheart" oder "Irreligeous" ist und daß
wir dennoch klassisch und modern zugleich klingen können. Ich denke,
daß wir das ganz gut hinbekommen haben.
Es gab vor einiger Zeit Gerüchte,
daß MOONSPELL ein reines Folkalbum aufnehmen würden. Was ist
an dieser Sache dran?
FERNANDO:
Das war nicht wirklich ein Plan,
eher etwas über das wir uns mal unterhalten haben. Es war wohl mehr
ein Suffgespräch oder dergleichen. Wir haben mal mit Folklore experimentiert,
bei "Wolfheart". Aber die portugisische Folklore
ist nicht so ausufernd, speziell die lusitanische Mythologie reicht nicht
aus, als daß Du ein Album daraus machen könntest. MOONSPELL
zumindest nicht, denn wir haben auch eine europäische Kultur in unseren
Wurzeln. Somit war das nur ein Gerücht. Mit diesem Folkding ist das
so eine Sache. Ich bevorzuge, wenn ich "Wolfheart" höre, "Trebraruna"
oder "Vampyria". Ich mag "Vampyria" wirklich sehr, "Trebraruna" nicht mehr
so. Aber das ist meine Meinung. Ich bevorzuge die dunklere Richtung, denn
Folk ist manchmal ziemlich fröhlich. Wenn ich Bands mit dunkler, guter
Musik höre, wie zum Beispiel In Extremo, dann fühlt es sich nach
einer Weile sehr tanzbar an. Mit MOONSPELL jedoch wollen wir die Leute
mehr zum Headbangen animieren. Aber eher depressiv.
Könntet Ihr Euch vorstellen,
eine CD in Eurer Heimatsprache aufzunehmen?
FERNANDO:
Das ist eine zweischneidige Sache.
Würden wir eine Folkplatte machen, käme sie in unserer Heimatsprache.
Aber wir haben so viele Sachen in portugisisch gemacht wie etwa die Coverversion
auf "Darkness & Hope", wir hatten den Hiddentrack auf der "Butterfly
Effect" Scheibe in portugisisch, auch "Opium", "Fullmoon Madness" und "Alma
Mater". Ich denke, daß das interessante an MOONSPELL ist, daß
wir nicht alles in portugisisch haben und diese Momente als besondere Momente
aufheben. In den Augenblicken, in denen wir portugisisch verwenden, paßt
der Sound und die Botschaft auch dazu. Und das mag ich sehr. Denn ich
habe mir viele Bands aus Norwegen angehört, und viele machen alles
ausschließlich in norwegisch und das ist nichts Besonderes mehr.
Wenn Du etwas hast, was die Leute verstehen und etwas mysteriöses
beifügst, dann ist das perfekt. Wir werden weiterhin Dinge in portugisisch
aufnehmen, wie wir es auf "Darkness & Hope" getan haben. Kein ganzes
Album aber diese speziellen Momente werden immer wieder auftauchen. Das
ist ein Gütesiegel MOONSPELLs.
Gibt es eine lebendige Szene in
Portugal? Wenn ja, welche Bands kannst Du unseren Hörern empfehlen?
FERNANDO:
Doch, es gibt eine Metalszene
in Portugal. MOONSPELL ist nicht die erste und hoffentlich auch nicht die
letzte portugisische Metalband. Das einzige Problem in dieser Szene ist,
daß die Bands zu sehr miteinander kämpfen, anstatt sich gegenseitig
zu helfen. Aber es gibt schon einige starke portugisische Bands. Wir haben
The Temple, eine Band, die ein wenig wie Machine Head klingt aber sehr
gut ist. Wir haben Trigadium, die viel portugisische Kultur in ihrer Musik
verarbeitet, mit portugisischen Gitarren und dergleichen. Wir haben viele
Bands zur Zeit. Wir haben die schon länger existierenden Tarantula,
vielleicht habt Ihr schon von ihnen gehört, sie waren die erste portugisische
Metal Band, von der man Platten kaufen konnte. Wir
haben alles, von Black Metal bis zu extremem Death Metal. Wie gesagt,
wir haben viele Bands. Da gibt es auch diese neue Band, Syrius, die einen
Deal mit Nuclear Blast bekamen. Die spielen ziemlich urwüchsigen Black
Metal. Wenn Ihr eine portugisische Band seht, dann leiht ihnen ruhig mal
ein Ohr, denn sie sind sehr talentiert. Die Leute kennen vielleicht nur
MOONSPELL, da wir nie an diesen Konkurrenzkämpfen beteiligt waren
und uns nur darauf konzentrierten, unser eigenes Ding durchzuziehen. Aber
es gibt viele gute Dinge bei uns in Portugal zu entdecken, besonders The
Temple und Trigadium.
Was hält die Zukunft für
MOONSPELL bereit?
FERNANDO:
Die Gegenwart sieht sehr gut
für uns aus. Mit "Darkness & Hope" sind wir kurz nach dessen Veröffentlichung
durch die Staaten getourt. Es war eine schwierige Tour, aber sie hat viel
Spaß gemacht und war sehr wichtig für uns. Wir spielten in Rußland,
was für uns schon immer ein Traum war. Wir waren in Moskau und St.
Petersburg. Bis jetzt sieht der Plan für die Zukunft so aus, daß
wir die gute Arbeit auf Tour fortsetzen wollen. Es läuft sehr gut
zur Zeit und Tiamat, MOONSPELL und Flowing Tears passen gut zueinander
als Package. Wir wollen verstärkt auf Festivals
spielen und mehr touren. Viele Pläne wollen verwirklicht werden.
Darüberhinaus arbeiten wir an einer neuen Platte, die wir hoffentlich
Ende 2002 veröffentlichen können.
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