NAPALM DEATH
Interregnum im Gespräch mit Shane Embury (bg)
Gesendet am 10. Mai und 7. Juni (Wiederholung)

Shane Embury

Als erstes einmal Glückwunsch zu Euer neuen Platte. "Leaders Not Followers 2" ist abwechslungsreich und knallt ohne Ende. Es ist sozusagen eine Lehrstunde in Sachen Lärmhistorie. Wen wollt Ihr damit eher erreichen; die alternde Grind- Community, welche darob in Erinnerungen schwelgt, oder eher die Youngsters, die vielleicht begreifen lernen, dass Slipknot und Korn eben nicht die Wurzel aller Extreme sind?

Wir sind schon seit langer Zeit mit dabei. Wir wurden von vielen Undergroundbands aus den mittleren 80ern beeinflußt. Deswegen haben wir ein zweites Cover-Album gemacht. Nicht so sehr um den Kiddies zu beweisen, daß Slipknot, oder wer auch immer, nicht die ersten waren. Es soll aufzeigen, wer und was uns beeinflußt hat. Wenn Du willst, kannst Du es natürlich eine Unterrichtsstunde nennen, aber es ist so, daß wir mit der CD unseren Vorbildern Tribut zollen.

Vergleicht man die Songs der alten Grindhelden mit denen der heutigen Generation, muß man leider feststellen daß das neue Zeug bei weitem nicht den anarchischen Geist besitzt wie einst. Die Szene ist unübersichtlich geworden, da zu viele Bands am Start sind. Außerdem läßt sich der Grindcore heute in verschiedene, fast schon religiös genau getrennte Bereiche unterteilen: Jene, die mit Leichentexten daherkommen, die Pseudo-Politiker und die Porno-Grinder. Neue Impulse fehlen. Ist der Grindcore an seine kreativen Grenzen gestoßen?

Wir machen nur, was wir schon so viele Jahre über getan haben. Wir überkreuzten uns schon mit Death-Metal-Bands oder mit Hardcore-Bands, unsere Musik ist stets ein allumfassender Stilmix. Textlich waren wir schon immer politisch ausgerichtet. Die neueren Platten gehen in eine etwas schnellere Richtung als die früheren Sachen. In der Hinsicht haben wir uns musikalisch ein wenig geändert. Unser neues Zeug ist schnell und auch einen Tick technischer als früher. Experimentell ausgetobt haben wir uns bereits in den 90ern, wir mußten uns vom durchschnittlichen Einheitssound abheben, das war der sicherste Weg.

Als NAPALM DEATH in den 80ern begannen, von sich reden zu machen, wurdet Ihr ob der "Scum"-Scheibe abgöttisch von den Undergroundfans verehrt. Jeder, der sich von der breiten Mainstream-Masse abheben wollte, trug zumindest einen selbstgemalten NAPALM-DEATH-Schriftzug auf der Kutte. Eure Tapes kursierten täglich, nur die "seriöse" Musikpresse schien Euch zu hassen. Entweder verschwieg sie Euch gänzlich oder sie verriß Euch gnadenlos. Heute hat das Blatt sich gewendet.
Ihr fahrt große Touren, kommt in der weiten Welt umher und die Presse hat Euch längst als ernstzunehmende Band akzeptiert. Man hat mitunter den Eindruck, daß es fast schon zum guten Ton in der Musikpresse gehört, NAPALM DEATH zu mögen. Von welcher Seite ging zuerst die Gesprächsbereitschaft aus?

Ganz so kann man das nicht sehen. Wir sind eine Underground-Band. Wie in jeder Musikrichtung auch tun sich die Magazine schwer damit, neue Formen der Musik anzunehmen. Heutzutage ist es vielleicht etwas einfacher, da es mittlerweile so viele verschiedene Formen der extremen Musik gibt. Als wir in den Spät-80ern tourten, war es für uns und die anderen Bands vor uns wesentlich härter. In gewisser Hinsicht haben wir, Entombed oder Morbid Angel den Weg für die extreme Musik geebnet, denn damals war es noch wesentlich schwieriger ernst genommen zu werden. Aber die Zeiten ändern sich.Heute werden neue Musikformen eher in den Magazinen akzeptiert als noch vor einigen Jahren. Geschenkt wird ihnen allerdings auch nichts. Aber das ist natürlich bedingt. Als Bands wie Slayer oder Metallica mit ihren ersten Veröffentlichungen kamen, wurden sie von den Magazinen auch nicht gemocht. Das liegt vielleicht am mangelnden Verständnis.

NAPALM DEATH waren immer sie selbst. Lief irgendwo Eure Musik, wußte man stets, wer das gerade ist. Nur daß man Euch heute fast schon als progressiv einstufen kann. Eure Aussage ist dieselbe, nur besser verpackt. Aus dem kultigen Gerumpel der Anfangstage ist eine präzise Grind-Maschine mit treffsicheren Songs geworden. Wie wichtig waren auf dem Weg dahin Eure experimentellen Platten wie etwa "Fear, Emptyness, Despair", "Diatribes" und "Inside The Torn Apart", die bei Euren Anhängern auf geteilte Meinungen stießen?

Wir sind einfach nur unseren Herzen gefolgt und haben das getan, was wir zum damaligen Zeitpunkt fühlten und was uns interessant erschien. Die Alben aus unserer mittleren Periode waren sehr wichtig für uns, da sie den Weg bereiteten für die Musik, die wir jetzt spielen. Wenn eine Band für eine so langen Zeit zusammen spielt, ist das ein logischer Prozeß, der von ganz allein passiert. So war es zumindest bei uns. Einige Bands leben sich aus, andere nicht. Wir taten es. Diese Experimente haben uns dabei geholfen, uns neu zu definieren und uns die neue Marschrichtung ermöglicht. Jetzt spielen wir eine Mischung aus unserem alten Stil und dem neueren Zeug. Einige Bandmitglieder mögen die neuere Ausrichtung der Musik vielleicht nicht so sehr, doch wir gehen diesen Weg zusammen. Wenn wir zurücksehen, hat sich tonnenweise Musik angehäuft. Such dir das Deiner Meinung nach beste raus. Und wenn einige Fans das neue Zeug nicht mögen, dann ist das ein natürlicher Effekt. Du kannst nicht jeden zufriedenstellen. Einige mögen es aus musikalischer Sicht nicht, einige haben sich anderen Stilen zugewandt und wieder andere kommen langsam auf den Geschmack und entdecken alte Bands wieder neu. Über die Jahre hinweg läuft es für uns aber immer besser.

Ihr bezeichnet Euch selbst als die "Feinde des Musikgeschäfts". Auch Eure Homepage heißt so. Was bringt Euch dazu, und wie unterscheidet Ihr Euch dahingehend von anderen Bands?

Da gibt es viele Unterschiede. Ich hasse diese Frage, ehrlich. Zu dem Zeitpunkt, als wir das neue Album aufnahmen, erlebten wir viel Missmanagement, die Beziehungen zu unserem Label wurden schlechter. Aber wenn Du jung bist, Musik spielen willst, unterschreibst Du Verträge, die keinen Sinn machen. Wenn Du nicht aufpaßt, was um Dich herum passiert, dann wirst Du schnell verarscht. Dann bist Du genauso Schuld wie die Plattenfirmen. Das ist die Lehrzeit, durch die alle jungen Bands gehen müssen, wir seinerzeit auch.
Alles was wir wollten war, Musik spielen. Wenn du auf Tour gehst, mußt Du Dich auf andere verlassen und Du mußt diesen Personen vertrauen können. Wir vertrauen niemandem mehr, denn wir wurden früher oft genug verarscht. Das passiert vielen Bands. Wir nannten das Album "Enemy Of The Music Business". Das ist ein Gegensatz, denn würden wir das System so sehr hassen, würden wir die Alben selbst aufnehmen und veröffentlichen. Aber das ist eine Menge Arbeit. Es war mehr ein Statement zu einer gewissen Zeit. Wir planten ein eigenes Label zu gründen. Ich würde es auch liebend gerne in die Tat umsetzen, doch dafür fehlt uns einfach die Zeit. Da kam der Century-Media-Deal gerade recht. Wir kennen diese Leute schon eine halbe Ewigkeit, es ist das kleinere von zwei Übeln. Einige Labels sind schlechter als andere. Laßt uns sehen, was passiert.
Eine Menge Bands erlebten echt üble Sachen. Wir Bands sitzen alle im selben Boot. Damals wollten wir einfach ein Statement setzen. Verändert hat sich aber nichts, das Business kotzt uns schon manches Mal an. So viele Bands erleben dieselbe Scheiße. Man muß nur lernen, in Zukunft nicht mehr abgezogen zu werden.
In unserem Alter haben wir einiges an Erfahrungen ansammeln können. Ich weiß heute mehr als noch vor zehn Jahren. Aber dennoch, wenn man ein Album "Enemy Of The Music Business" nennt, kann man das in einer Diskussion schwer toppen.

Wenn man einen Blick auf die internationale Death-Metal-Szene wirft, in der Ihr auch zum Teil verwurzelt seit, dann fällt auf, daß es zwei große musikalische Strömungen gibt: den amerikanischen Death Metal und den schwedischen. Nachwachsende Bands orientieren sich entweder an der einen Richtung oder an der anderen. Die meisten jedenfalls. Dabei kommen viele der richtungsweisenden Bands nicht zuletzt aus England. Bolt Thrower, Napalm Death, Benediction und Carcass klangen alle extrem unterschiedlich, weshalb man nie vom typisch englischen Sound sprechen konnte. Wie sieht es heutzutage mit dem Nachwuchs in England aus?

Da gibt es so viele. Mein Freund Mick Kenney spielt in einer Band namens Mistress, er entwirft auch die NAPALM-DEATH-Album-Cover. Seine Band ist wirklich cool, sehr einzigartig. Zur Zeit sind wirklich viele englische Death-Metal-Bands am Start. Mit den meisten stehe ich aber nicht wirklich in Kontakt. Ich treffe eher meine alten Freunde, aber es gibt eine Szene mit vielen Bands. Zum Beispiel eine Band aus Schottland mit dem Namen Exist. Sie sind eine ziemlich coole Grindcore-Band, die versuchen, diesem Stil ein wenig neues Leben einzuhauchen. Viele der Bands bewegen sich weiter. Einige verlassen den reinen Death-Metal-Weg und spielen eher dieses Metalcore-Zeug oder klingen wie The Dillinger Escape Plan. Eben ein bißchen anders. Von diesen Bands kenne ich aber nicht allzu viele. Dazu höre ich diese Musik viel zu wenig. Die einzige britische Band, welche mir sofort einfällt, sie zu erwähnen, sind Mistress. Einige der Jungs spielen nebenher auch noch in einer Band namens Anal Nephlec, die auch sehr cool sind.

Wir hörten davon, daß Euer langjähriger Gitarrist Jesse Pintado einige Probleme persönlicher Natur hat, welche es ihm unmöglich machen, länger bei NAPALM DEATH zu spielen. Was ist los mit Jesse und wie geht es weiter?

Er ist nicht mehr in der Band. Eigentlich ist er schon seit einigen Jahren nicht mehr wirklich dabei. Er kam letztes Jahr nur kurz zurück. Ich bin mit Jesse jetzt schon seit 18 Jahren befreundet, aber er mußte auf eine Selbstfindungsreise gehen. Er muß für sich herausfinden, was er wirklich mit seinem Leben anstellen will. Und bis dahin machen wir als Quartett weiter.

Wie sehen die weiteren Zukunftspläne N.D.s aus und wie lange können wir noch mit den Feinden des Musikgeschäftes rechnen?

Wir haben ein neues Album aufgenommen, das über Century Media Records veröffentlicht wurde. Es heißt "The Code Is Red...Long Live The Code" und beinhaltet 16 Songs. Wir spielen eine Show für die Presse in Bochum, zu der die Fans aber genauso eingeladen sind. Wir werden das komplette Album spielen. Das wird aber eine einmalige Sache werden, denn wir müssen ja sonst auch die alten Songs spielen. Würden wir jedes Mal das komplette Album spielen, wären die Fans sicher angepißt, weil sie eigentlich "Scum" oder was auch immer hören wollten. Darüber hinaus werden wir natürlich touren, einige Sommerfestivals spielen. Wir sind also sehr beschäftigt.

zurück zur Übersicht