SANATORIUM
Interregnum im Gespräch mit Martin (bass/second voc)
gesendet am 5. März 2002
Martin
Internal Womb Cannibalism - Review


Laß es uns einfallslos aber unvermeidlich beginnen. Wie lange gibt es SANATORIUM, welche Geschichte hat die Band und wie verlief es bisher veröffentlichungstechnisch?

Nun, wir existieren beinahe seit sieben Jahren. Wir begannen in der Zeit zwischen 1990 und 1994. Wir haben bis jetzt zwei Alben veröffentlicht. Davor drei Demos. Wir sind zu viert und hatten einige Line-up-Probleme und Line-up-Wechsel. Im Moment gehören zu uns: Dzordz am Schlagzeug, Prasiak am Mikro, Onecque an der Gitarre und ich am Baß und als zweite Stimme.
Wir veröffentlichten 3 Demos, 1995 namentlich „Subculture“, das zweite 1996 „Autumn Shadows“ und dann 1998 kam „Necrologue“, 1999 kam die CD“Arrival Of The Forgotten Ones“ und 2001, im Sommer, „Internal Womb Cannibalism“ – das zweite Album.

Deine Stimme Eures Sängers Prasiak ist dem Menschlichen entrückt und klingt meist nach einem Wildschwein. Wie kommt das zustande?

Prasiak im Englischen „Pigman" (Schweinemann d. Red.), weißt Du, er klingt nach einem Schwein. Er benutzt keine Effekte, er hat eine spezielle Art zu singen. Normalerweise singen die Sänger nach außen, von innen aus den Eingeweiden nach draußen. Aber er singt anders – von außen nach innen. Er inhalliert sozusagen in seine Eingeweide.

Ich habe kürzlich auf der neuen Virulence-CD ähnliche Grunzgeräusche wie bei Euch gehört. Ist das eine gegenseitige Befruchtung?

Keine Ahnung. Wir haben viele musikalische Einflüsse, Death Metal im amerikanischen Stil, einige alte, europäische Bands. Mental beeinflussen uns vielleicht einige Horrorfilme und die Wirklichkeit im Fernsehen, Bücher und dergleichen – nichts besonderes.

Kann man auch in Live-Konzerten damit rechnen, Prasiak in solcher stimmlichen Vollendung zu erleben oder werden da Abstriche gemacht?

Ja, Ihr könnt ihn so erleben. Und ich denke, es ist viel besser auf der Bühne als von CD. Denn wenn Du viele Zigaretten rauchst und einiges an Alkohol trinkst, bekommst Du eine bessere Stimme. Das ist bei mir ganz ähnlich.

Könntest Du Dir Sex mit einem Wildschwein vorstellen? Und wenn das zu haarig ist, dann wenigstens mit einem Hausschwein?

Kann ich mir nicht vorstellen. Unser Sänger könnte das vielleicht. Aber ich? Ich weiß nicht. Eigenartige Frage.

Im Internet kursieren die abgefahrensten Sodomie-Seiten. Was hälst Du von dieser Art der sexuellen Freuden?

Ja, ich hörte davon, aber ich habe es noch nicht gesehen. Aber ich weiß nicht – wer’s mag – ich kümmere mich nicht darum. Das ist nicht mein Problem. Ich mag bessere Seiten. Das ist okay für mich. Aber nicht diese Seiten.

Die Slowakei läuft bei uns unter Metal-Entwicklungsland. Was passiert bei Euch in Sachen Heavy Metal?

Die Slowakei ist metalmäßig sehr ruhig. Es ist kein Land für Heavy Metal, denn wir haben keine größeren Heavy Metal-Magazine, nur kleine Fanzines und drei Radiostationen, welche vielleicht gerade mal eine Stunde in der Woche Metal spielen. Es gibt zwar einige Bands, doch nur SANATORIUM ist ein wenig bekannter in der Umgebung. Andere Bands existieren nur im Underground, machen ein paar Demos oder CDs, die sie unter lokalen Labels veröffentlichen. Aber da sind auch einige Fans, einige von ihnen aus der Underground-Szene, die handeln mit den Kassetten und CDs. In der Hinsicht ist es schon ok. Aber eben nicht sehr groß.

Vor gut zehn Jahren hätte sich bei uns hier kaum jemand vorstellen können, daß die Tschechoslowakei einmal auseinanderbricht. Was ist so unterschiedlich an den Tschechen und Slowaken, daß sie es nicht mehr miteinander ausgehalten haben?

Ich denke, das Problem liegt nicht so sehr bei der zivilen Bevölkerung. Nur die Politiker haben ein Problem. Sie wollten halt ein separates Territorium zur Tschechei. Aber es gibt absolut keinen Unterschied in der Situation, ob in der Slowakei oder in der Tschechei. Es ist dieselbe Mentalität, die Sprachen sind sehr ähnlich. Ich denke, es ist absolut dasselbe, nur, daß da eine Grenze durchgezogen wurde, und daß wir jetzt Ausweise benötigen. Das ist der einzige Unterschied.

Hat sich das Leben seit der Teilung bei Euch verändert?

Nein. Ich war zu jung damals und ich kümmere mich nicht mehr darum. Es ist okay.

Gibt es eine getrennte Heavy Metal-Szene oder hat da noch etwas überlebt?

Sie war schon immer geteilt, denn in der tschechischen Republik gab es Krabathor, weißt Du, und in der Slowakei gab es keine Band, die so berühmt und bekannt war wie sie. Ansonsten gibt es keine Unterschiede. Wir spielen oft in der Tschechei und die tschechischen Bands spielen hier – das ist gar kein Problem. 

Wie denkst Du über Flugzeuge, die in Hochhäuser fliegen?

Ich sah es im Fernsehen und es war ziemlich dumm. Ich mag die Taliban nicht, sie waren mir bekannt durch einige Zeitungsartikel. Sie und ihre Politik sind schon ziemlich scheiße. Also ich denke, daß die Taliban und die Pakistani extreme Organisationen haben, die komplett zerstört werden sollten. 

Warum dürfen die USA in dieser Welt eigentlich alles und alle anderen nur das tun, was die USA für gut heißen?

Ich glaube nicht, daß Amerika soetwas tun würde. Na gut, sie haben vielleicht Jugoslawien bombardiert, ich sah es im Fernsehen, aber - ich weiß nicht. Ich kümmere mich nicht darum. Es ist zuviel. Das ist hohe Politik ... Die Amerikaner waren immer stark und es ist das erste Mal, daß sie Krieg in ihrem Land haben. Sie sind sehr verängstigt und blicken mit Furcht in die Zukunft.

Als die Amis die Serben bombardiert haben, waren vor allem die Russen betroffen. Brudervolk hieß es da. Ihr seid doch blutmäßig auch nicht so weit weg von den Serben. Hat Dich das denn nicht berührt, was da geschah?

Ich weiß nicht, inwieweit wir mit den Serben oder den Russen verbunden sind. Wir haben hier einige ausgedehnte politische Parteien der Slowakei. Eine davon – eine sehr kleine Partei – sagt: „...die Serben sind Brüder, sie sind wie die slowakische Nation.“ Und sie debattieren. Andere wiederum sagen, daß sie dumm sind.

Zu SANATORIUM: Was sind die vornehmlichen Inhalte, mit denen sich Eure Texte beschäftigen?

Es sind hauptsächlich Gore-Texte über brutale Mörder und Horrortechniken – sowas in der Richtung. Die meisten Texte basieren auf wahren Geschichten, die wir in Büchern über Serienkiller gelesen haben. Ich las ein sehr interessantes Buch über einen Serienmörder aus Rußland. Es ging um seine Gewaltvorstellungen, um Morde, die er begehen wollte. Wir wurden bei dem Schreiben des Textes zu „Postmortal Gorephobia“ sehr davon beeinflußt.

Warum diese Inhalte?

Ich mag es einfach, weißt Du? Als ich jung war, war ich ein großer Fan von Horrorfilmen, genau wie die anderen Jungs in der Band. Wir mochten es einfach und ich denke, daß sie gut klingen. Für Musik wie diese ist sowas großartig.

Wo ist Eurer Meinung nach der Death Metal anno 2001 angekommen?

Ich denke, er ist nicht mehr so groß wie noch vor zehn Jahren, aber es ist immer noch okay. Speziell in Europa ist es ganz in Ordnung. Ich war noch nie in Amerika, aber ich denke, daß sie die besten Bands haben, und daß dort auch die beste Szene ist. Aber wer weiß? Wir werden im April dort spielen, und dann werden wir ja sehen.

Welche Zeit ist für Euch die goldene Death Metal-Zeit?

Schwer zu sagen, denn ich mag auch die alten skandinavischen Bands wie die alten Entombed und Dismember. Das war 1991 und ich mag die Bands aus dieser Zeit. Heute stehe ich auf Bands wie Disgust zum Beispiel. Sie veröffentlichten gute Alben, was nur zwei oder drei Jahre her ist. Schwer zu sagen. Es ist schwer, alte Death Metal-Musik mit der neuen zu vergleichen. 

Welche Art von Musik hörst Du außerdem und was gefällt Dir daran?

Ich höre ausschließlich brutalen Death Metal und nichts anderes. Was ich daran mag, ist die Brutalität, die schnellen Parts, die brutalen Stimmen, kranke Gitarren, kranke Texte und dann gibt es einen speziellen Punkt, den ich besonders mag: Leute, die in Death Metal-Bands spielen, sind manchmal wie Brüder, weißt Du, es ist kein Problem, sich mit anderen Bands zu unterhalten. Sie können berühmt sein wie zum Beispiel Sinister, aber sie sind immer noch ein Teil des Undergrounds. Du kannst Dich ganz normal unterhalten. Wenn Du Dich mit einigen Black Metal-Bands unterhalten willst, zum Beispiel mit Cradle Of Shit oder dergleichen, dann sprechen sie nicht mit Dir, weißt Du. Das ist es, was ich am Death Metal mag. Du kannst mit Cannibal Corpse reden, kein Problem.
Als ich anfing, Metal zu hören, hörte ich nur Slayer und solche Bands. Das war 87 – das erste Death-Album „Scream Bloody Gore“ kam zu der Zeit raus – ich war gerade mal elf. Und ich hörte eine Menge Grindcore wie Napalm Death, Terrorizer und solche Bands, als ich anfing. 

Wo würdest Du vom Popularitätsgrad her SANATORIUM in der Slowakei einordnen?

Ich denke, wir sind vielleicht eine der populärsten Metal-Bands unseres Landes. Vielleicht die ersten, vielleicht die zweiten. Es ist schwer zu sagen, denn es gibt keine Führungs-Charts in den Magazinen. Aber wir haben Radiosendungen, mit Metal-Charts und wir waren auf Platz eins für ein halbes Jahr bei einer lokalen Radiostation. Es läuft ganz gut. Wenn wir hier Konzerte spielen - wir spielen nicht allzu oft in der Slowakei, zwei Europatouren 2001, aber nur sechs bis sieben Shows in der Slowakei - dann kommen immer über 100 Menschen zu den Konzerten. Es ist ganz okay.

Die Tschechen und Slowaken haben wie auch die Polen in Europa prozentual gesehen die schönsten Frauen. Ist Euch das bewußt?

Ja, ich weiß. Wenn ausländische Bands hier spielen, hört man von ihnen immer ein erstauntes:“Man, was zur Hölle ist denn das?!“ Es ist wie im Paradies, weißt Du. Speziell die Italiener mögen slowakische Mädchen. Ganze Kompanien kommen aus Italien hierher in der Hoffnung, eine Ehefrau zu finden. Ich kann sagen, daß wir hier eine Menge toller Frauen haben. Es gibt aber auch einige in Estland und in Schweden.

Wir haben in Deutschland Probleme, den Metal-Underground zusammenzuhalten. Was kann man Deiner Meinung nach tun, um den Leuten, die ja eigentlich ähnliche Ambitionen haben, Musik zu hören, ihre Eifersüchteleien und ihren Neid zu nehmen?

Das ist eine schwierige Frage. Es gibt immer Leute, die sich mehr um andere kümmern, und das ist ein Problem, das sie in ihren Gedanken umhertragen. Das läßt sich schwerlich bereinigen. Das spiegelt sich in ihrem gesamten Leben wider. Sie denken immer über andere nach und über deren Erfolg. Was soll ich sagen? Es gibt immer Leute und Bands, die vortrefflich miteinander auskommen, und andere wiederum machen nur Ärger. Ich denke, es gibt keine Chance, dies zu ändern. Es wird immer so sein.


 

SANATORIUM "Internal Womb Cannibalism" 9
Forensick Music, 2001
 

Sanatorium - Internal Womb Cannibalism

WERTE BUNDESPRÜFSTELLE für jugendgefährdende Schriften, auf den nun folgenden Tonträger sollten Sie meiner Meinung nach ein besonderes Augenmerk haben. Der CD "Internal Womb Cannibalism" der slowakischen Gruppe SANATORIUM ist nicht etwa, wie der Bandname es vielleicht suggerieren mag, eine heilende Wirkung nachzusagen, nein, viel eher trägt dieses Machwerk zur Verrohung unserer Jugend bei. Alleine schon bei der Betrachtung der Verpackung kommen mir leise Zweifel, ob wir es hier nicht doch mit brutalen und gefühllosen Geisteskranken zu tun haben: Ein Embryo, der seinen Bruder bereits im Mutterleib zerfleischt und auffrißt, ist angesichts des Plattentitels sicherlich keine Fehlinterpretation des Bildes. Verantwortlich für diese Schandtat ist ein gewisser Zig, der Ihnen sicherlich schon bekannt sein dürfte ... Doch die Rückseite schlägt dem Faß den Boden aus. Der Kopf eines bedauernswerten kleinen Jungen, der wohl unsanft aus seinem noch jungen Leben gerissen wurde, muß als "Zierde" für diese Lärmbrüder hinhalten.
Und Lärm trifft hier den Nagel auf den Kopf. Grindcore gepaart mit Death Metal heißt die Devise. Die Gesänge der Herren Prasiak und Martin ähneln nicht nur denen von Carcass und Haemorrhage, Bands bei denen Sie hellhörig werden sollten, nein, sie treiben es gar noch weiter. Als Vergleich könnte man das Paarungsgeröchel von Wildschweinen heranziehen. Dazu spielen diese slovakischen Henker tödliche, treffsichere Grooves, die sich bald im unschuldigen Gehörgang Ihres Kindes festsetzen könnten.
Wenn es eines Tages lauthals "Postmortal Gorephobia" brüllend den Gerichtsflur herunter geführt wird, weil es sich ein Beispiel an den grausamen Schlacht-Ritualen der Band genommen hat, dann sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. Dieses Lied alleine könnte sich in der Meuchel-Szene als totaler Hit herausstellen, alle nötigen Zutaten besitzt es:
Eingängige Refrains, interressante Breaks mit Stimmen und Schlagzeug, ein mörderisch dichter und transparenter Sound, stattliche Geschwindigkeits-Attacken und meterbreite Gitarrenwände sind die Äpfel vom Baum der Erkenntnis, mit denen SANATORIUM die Herzen unseres Nachwuchses verderben wollen, um sie aus ihren elterlichen Paradiesen zu vertreiben. Und über allem thronen diese satanischen Stimmen, bei denen der anfängliche Ekel bald der unerklärlichen Faszination weicht. Ich sage: Wehret den Anfängen! Kein Fußbreit diesen slowakischen Teufeln! Verbieten Sie diese Platte, um der Band die ihr gebührende Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Jede Werbung ist gute Werbung. Und wenn schon nicht verbieten, dann verpassen sie der CD wenigstens ein neutrales Cover mit gut lesbarem "Zensiert"-Aufkleber wie zum Beispiel bei Cannibal Corpse. Auch diese Band ist nicht zuletzt dadurch so groß geworden.

AN DIE HÖRER UNSERER SENDUNG: Kauft Euch dieses kleine Juwel der fauligen Tonkunst. "Internal Womb Cannibalism" ist keine der vielen gesichtslosen 08/15-Veröffentlichungen aus dem Death/Grind-Sektor, sondern ragt durch seine Qualität mindestens einen Meter aus ihm heraus.

THOMAS
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