TIAMAT
Interregnum
im Gespräch mit Anders Iwers (bg)
gesendet am 02. Juli 2002
Zu Beginn Eurer Karriere nannte
sich Euer Frontmann Johan Edlund "Lucifer Hellslaughter", Ihr trugt Patronen,
Nägel sowie umgedrehte Kreuze. Auch im alten TIAMAT-Logo waren solche
zu sehen. War es damals nur jugendliche Provokation oder entsprach diese
antichristliche Haltung Eurer Überzeugung?
Beides würde ich sagen. Ich
meine, wenn Du 15 Jahre alt bist, dann versuchst
Du so sehr zu provozieren, wie es irgend geht. Und natürlich
war es auch ein Ausdruck dessen, wie wir damals dachten und heute immer
noch denken.
Was davon hast Du Dir bis heute
bewahrt?
Alles davon, definitiv.
Nach Aussagen Eurer Band möchtet
Ihr mit dem neuen Album "Judas Christ" die Kirche mit ihren eigenen Waffen
schlagen. Glaubst Du, daß diese Leute Eure Botschaft wahrnehmen?
Sicherlich nicht. Ich
erwarte nicht, daß die christliche Kirche von dem, was wir sagen,
Notiz nimmt. Das wäre zwar eine feine Sache, aber ich denke,
sie werden davon nichts mitbekommen. Sie wären sicher angepißt
und würden sicher nicht lange zuhören. So würde es dann
wie üblich ablaufen.
In den Konzertberichten der Magazine
in Deutschland war zu lesen, daß Ihr während der Tour zum "Wildhoney"-Album
von einigen enttäuschten Fans auf der Bühne beschimpft und bespuckt
worden seid. Beeinflußt Dich diese Art von "Kritik" beim nächsten
Konzert oder in Deiner Haltung gegenüber den Fans?
Es verändert eher das Gesicht
desjenigen, der soetwas tut. Wenn Du Dich mit jemandem anlegen möchtest
und einen Kampf suchst, dann solltest Du Dir niemanden suchen, der auf
der Bühne steht. Denn er ist voll Adrenalin, so daß Du schon
Deine Antwort auf Deine Taten erwarten kannst. Für mich ändert
solch ein Verhalten nichts, es ist einfach kindisch. Du hast doch jederzeit
die Möglichkeit, die Halle zu verlassen. Oder Du kaufst einfach das
Album nicht, wenn Du es nicht magst. Wenn jemand
versucht, uns auf der Bühne zu belästigen, muß er mit der
Antwort rechnen. Er wird einem sehr verärgerten schwedischen
Mann mit viel Adrenalin in sich gegenüberstehen. Und das kann ich
niemandem empfehlen.
Ihr spieltet in Israel und nahmt
eine Live-EP dort auf. Wie haben die Leute dort auf Euren alten Band-Namen
TREBLINKA reagiert? Ähnlich hysterisch wie die Deutschen?
Ja, natürlich. Sie
konnten mit dem Namen Treblinka nicht so gut umgehen. Aber diese
Zeiten sind vorbei. Die Fans in Israel waren sehr erfreut uns zu sehen
und wir waren glücklich, dort zu spielen.
Warum habt Ihr Euch damals TREBLINKA
genannt?
Das möchte ich nicht kommentieren.
Das ist nun 15 Jahre her und sollte heute niemanden mehr interessieren.
Vor allem in den osteuropäischen
Ländern, speziell in Rußland, kommt es immer wieder zu Progromen
gegenüber Juden. Verstehst Du diesen Haß?
Nein, ich kann keinerlei Haß
verstehen. Diese Progrome, die Du meinst, kann man nicht leugnen. So war
es immer und so wird es immer sein. Ich habe aber keinerlei Verständnis
für jene, die diesen Haß schüren.
Vor ca. 10 Jahren war in einem
Interview mit einer schwedischen Death Metal-Band zu lesen, daß Nachwuchsgruppen
bereits von der Schule voll eingerichtete Proberäume zur Verfügung
gestellt bekämen. Darüberhinaus können diese Bands auch
öffentliche Gelder beantragen, was auch reihenweise in Anspruch genommen
worden sei. Hat sich an diesem traumhaften Zustand angesichts der explosionsartigen
Vermehrung schwedischer Bands etwas geändert?
Das weiß ich nicht. So war
es, als wir anfingen. Aber das ist 15 Jahre her. Ich weiß wirklich
nicht wie es heutzutage ist. Ich hoffe, daß es immer noch so ist.
Sicher bin ich mir da aber nicht. Mittlerweile bekommen wir unsere eigene
Kohle rein und können uns unseren eigenen Proberaum leisten, was in
jedem Fall besser ist. Somit habe ich zu dieser von staatlicher Seite aus
geförderten Szene schon 13 Jahre keine Beziehung mehr.
Spätestens seit "Wildhoney"
dürfte es kein großes Geheimnis mehr sein, daß Ihr große
Pink Floyd-Fans seid. Welche ist Deine Lieblingsplatte von ihnen und warum?
Mein Lieblingsalbum
wäre sicherlich zur Zeit „Delicate Sound Of Thunder“, das Live-Album.
Andererseits höre ich mir auch „The Darkside Of The Moon“ und "Wish
You Were Here" sehr gern an. Ich denke, Johann mag „Animals“ und "Meddle"
am meisten. Warum? Der Hauptgrund ist wohl der, daß Dich die Musik
an einen anderen Ort entführt. Das Empfinden ist aber von Person zu
Person unterschiedlich.
Was hälst Du von der Floyd-Phase
mit Gründer Syd Barrett?
Sie ist definitiv nicht die von
mir favorisierte. Aber ich mag die chaotischen Elemente
in der Floyd-Musik zu jener Zeit. Aber ich würde es mir zur
Zeit nicht anhören.
Ist Dir das Zeug zu psychedelisch?
Nun ja, es ist sehr psychedelisch.
Und genau deswegen mochte ich es früher. Ich finde es zwar gut, favorisiere
diese Zeit aber nicht. Allerdings macht es großen Spaß, die
großartigen Geschichten über Pink Floyd zu lesen. Definitiv.
Stören Dich die Vergleiche
mit Pink Floyd oder ist das für Euch ein Kompliment?
Zu jener Zeit war es auf jeden
Fall ein Kompliment. Ich ärgere mich nicht darüber. Wir
haben doch immer noch Pink Floyd-Einflüsse. Wenn Du aber die
letzten Platten hörst, wirst Du merken, daß diese Einflüsse
zurückgehen. Zwar sind sie noch vorhanden, andere Bands beeinflussen
uns auf unseren letzten Alben aber mehr.
Im vergangenen Jahr verstarb am
13. Dezember Chuck Schuldiner. Ihr spieltet zusammen eine Tour, an der
auch noch Cannibal Corpse, Carcass und Gorefest beteiligt waren. Mit welchen
Gefühlen blickst Du angesichts Chucks Tod auf diese für Euch
sehr erfolgreiche Tour zurück?
Das war eine großartige
Tour, die eine Menge Spaß gemacht hat. Ich war sehr traurig als ich
von Chucks Tod hörte. Das war schon sehr übel. Er
war ein Gottvater. So wie Ozzy Osbourne einer für den Heavy
Metal ist, war es Chuck für den Death Metal. Oh ja, ich war sehr traurig.
Wie hast Du Anfang der 90er den
Aufbruch der schwedischen Death Metal-Szene, der Ihr anfänglich angehörtet
und der Ihr viel zu verdanken habt, empfunden?
Das war eine wahrlich großartige
Zeit. Es gab damals vielleicht 100 Leute in ganz Schweden, die dazu gehörten.
Wir kannten uns alle untereinander. Und so entstand auch diese Band. Ich
spielte damals noch in einer anderen Gruppe, als ich Johann 1989 bei einer
Carcass-Show in Göteborg traf. Man, das waren gute Zeiten.
Nach der Veröffentlichung
von "Clouds" ließ Johan verlauten, jede weitere Death Metal-Tour
ablehnen zu wollen. Habt Ihr Euch in dieser Szene mittlerweile unwohl gefühlt?
Nein. Ich denke, eine Menge von
dem, was wir damals sagten, hatte damit zu tun, daß wir einfach zu
viel tourten. Wir spielten 250 Shows im Jahr. Das raubt Dir viel Kraft.
Vieles
von dem, was wir sagten, haben wir gar nicht so gemeint. Es galt
immer nur für den Tag, an dem es ausgesprochen wurde. Es war damals
eine harte Zeit, wir hatten viele Probleme in der Band. Und nachdem wir
diese Aussage getroffen hatten, haben wir noch viele Death Metal-Shows
gespielt. Somit war diese Behauptung offensichtlich nicht wahr. Aber
heutzutage können wir wegen unserer Musik einfach keine Death Metal-Tour
mehr mitmachen.
Wenn Du Dir heute die alten Platten
"Sumerian Cry" und "The Astral Sleep" anhörst, empfindest Du eher
Stolz oder Scham ob dieser frühen Werke?
Ich schäme mich für
nichts. Ich bin sehr stolz auf diese Alben. Auf alles, was wir gemacht
haben. Auf einiges zwar mehr als auf anderes, aber in der Band schämt
sich niemand für irgend etwas. Denn diese Alben sind ein Abbild von
dem, was wir in der damaligen Zeit waren. Sie zu
verleugnen, hieße seine Vergangenheit zu verleugnen. Das wäre
dumm.
Einige Eurer Songs könnten
mit einer Video-Auswertung quasi in der MTV-Rotation laufen. Somit könnte
jeder x-beliebige Backstreet Boy-Fan plötzlich auch auf TIAMAT abfahren.
Ja sicher. Ich meine, jeder, der
unsere Band mag, ist mehr als willkommen. Ich habe es zwar noch nicht erlebt,
daß ein Backstreet Boy-Fan ankam und sagte: „Hey tolles Album.“ Aber
ich würde seine Hand schütteln und ihm ein Bier kaufen. Es
ist nämlich nicht so, daß ich bestimmte Leute bevorzuge, die
unsere Musik mögen. Ich bin froh, wenn es überhaupt jemand
tut.
Welches ultimative Ziel möchtest
Du mit TIAMAT noch erreichen?
Auf dem Mond spielen - nein, auf
jeden Fall weiter spielen. Hauptsache, es geht weiter. Wir sind froh darüber,
das Glück zu haben, in der Welt herumzukommen und Rock’n’Roll mit
unseren Freunden zu spielen. Und das vorderste Ziel
ist, die Existenz der Band zu sichern. Darauf hoffe ich.
Du sprachst bereits von Einflüssen
anderer Bands auf Eurem "Judas Christ"-Album. Es gibt eine Reihe von Leuten,
die auf jeden Fall Sisters Of Mercy wiederentdecken.
Damit stimme ich überhaupt
nicht überein. Ich denke, daß nichts an
diesem Album nach Sisters Of Mercy klingt. Die einzige Ähnlichkeit
der beiden Bands besteht meiner Meinung nach darin, daß Johanns Stimmfärbung
der von Andrew Eldritch sehr ähnlich ist. Ich glaube aber nicht, daß
irgendeiner unseres Songs wie Sisters Of Mercy klingt. Das einzige, wo
wir am dichtesten an Sisters dran sind, ist die Tiefe unserer Songs. Das
dürfte aber die einzige Ähnlichkeit sein. Ich würde eher
sagen, daß wir etwas von Fields Of The Nephilim haben, aber nicht
Sisters. Ich mag die Sisters, ehrlich, eine Ähnlichkeit zu uns kann
ich aber nicht feststellen.
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