An dieser Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen
- unter der 14-tägigen Rubrik "Abgehört" -
des Jahres 2001 in der entgegengesetzten Reihenfolge ihrer Ausstrahlung.
Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen 
und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. 
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.

ABGEHÖRT & BANDS BATTLE-Rückblick vom 01. Juni 2004


AYREON "Day Eleven: Love" 9
InsideOut/SPV, 2004

AYREON - Day Eleven: Love

Arjen Anthony Lucassen holt zum nächsten Rundumschlag in Sachen Dramatik und Bombast aus. Doch bevor das neue, "The Human Equation" betitelte Album erscheint, können die Fans des Meisters ihren Musikdurst an der Vorab-EP "Day Eleven: Love" stillen. Enthalten sind neben zwei Coverversionen von Led Zeppelin und David Bowie, welche nicht auf dem Album vertreten sein werden, die Stücke "Day Two – Isolation" und "Day Eleven: Love". Letztere als Radioversion. Klingt im ersten Moment nicht unbedingt nach einem Kaufmuß. Doch Arjen Lucassen wäre nicht Arjen Lucassen, würde es die Musik nicht dermaßen in sich haben, daß einem der Hut vom Kopf weht. Der Titelsong der EP wartet gleich mit sieben Gastsängern auf, welche die Charaktere des Erzählers, der Liebe, des Stolzes, der Agonie, der Ehefrau und der Angst stimmlich darstellen. Von denen sticht am meisten die Stimme von Heather Findlay hervor, die mit einer wahrlich engelsgleichen Stimme gesegnet ist. Dabei singt sie gar James LaBrie in den Hintergrund! Stellt Euch vor, die mittelalterlichen Minnesänger hätten schon über E-Gitarren verfügt, sie hätten sicher ähnliche Musik gemacht. Song Nummer zwei ist mit seinen 8.43 Minuten Spielzeit schon etwas ausufernder. So mancher Musiker würde seine Seele verkaufen, wenn er nur einmal im Leben eine so emotionale Halbballade schreiben könnte. Mit zahlreichen Effekten, begnadetem Baßpiel und herzzerreißenden Gitarrenstreicheleinheiten sowie einem meisterlichen Keyboardeinsatz, gepaart mit Weltklassestimmen macht dieses Stück die Wartezeit auf das Album nicht unbedingt kürzer.
"Day Two – Isolation"
www.ayreon.com

THOMAS

CARDIAC "Autumn Storms" 7 (BANDS BATTLE-Band 2004)
S.P.M. Records, 2004

CARDIAC - Autumn Storms

CARDIAC, ein Name, der einem oft entgegengebrüllt wurde, wenn man auf einem Konzert sein Gegenüber fragte, welche Band da gerade solch einen Alarm mache. Jetzt liegt mit "Autumn Storms" ihre erste CD vor. Die Greifswalder frönen dem guten alten Death Metal, ohne sich an der momentan in der Szene grassierenden "Höher, schneller, weiter"- Wettbewerbsmentalität zu stören. Mit nordischer Gelassenheit zocken die Musiker ihren Stiefel runter, dabei verschmähen sie hektisches Durcheinander in den Kompositionen und lassen sich nicht zu Alibi-Blastparts hinreißen. Von Selbstüberschätzung also keine Spur. Das macht das Hören der CD sehr angenehm. Auf "Autumn Storms" geben sich die Grooves die Klinge in die Hand, ohne Pantera zu kopieren. Von der Machart her erinnert die Musik an tiefergelegte, treibende Rockmusik. Eine überschaubare Anzahl von Riffs, die auch für Nicht-Mathematiker nachvollziehbar ist, ein simpler, runder Drumbeat und tiefe Vocals, mehr brauchen die Jungs und das Mädel an den Drums nicht, um Deine Rübe kreisen zu lassen. Zwar können CARDIAC das Spannungslevel solcher Songs wie "Ready For Vengeance" oder "Chaotic Mankind" nicht über die gesamte Spielzeit der CD halten, doch nach einem Füller ("Squeeze The Leech") kommt wieder ein Kracher. Somit hinterläßt "Autumn Storms" einen positiven Gesamteindruck, zumal der Sound völlig in Ordnung geht. 
"Ready For Vengeance"
www.autumnstorm.de 

THOMAS

BESESSEN "Ich bin..." 7
Eigenproduktion, 2002

BESESSEN die Erste ist eine Vier-Song-CD, die im Gegensatz zu ihrer aktuellen Veröffentlichung "Schlachthof" noch etwas melodischer daherkam. Ein Umstand, der nicht zuletzt daraus resultierte, daß die Wismarer auf "Ich bin..." noch auf einen zweiten Gitarristen zurückgreifen konnten. Das stand den Musikern um Front-Sicko Tilo Lürzing auf "Ich bin..." nicht schlecht zu Gesicht, denn hier sind die Melodien stärker als das Riffing. Selbiges klingt hier streckenweise noch etwas planlos. Nicht so sehr die Riffs als einzelne, doch der Fluß, die Zusammenfügung klingt manchmal bemüht. Allerdings können sich die Nordmänner stets auf das Schlagzeugspiel von Frank "Nuclear" Winter verlassen, der das Optimum aus den Songs rausholt. Das Highlight der CD ist zweifelsohne das Stück "Rohe Weihnachten", das mit einem stilvollen Schmacht-Solo beginnt, bevor es in ein infernalisches Donnerwetter umbricht.
"Rohe Weihnachten"
www.band-besessen.de

THOMAS

SKY'S SHADOW "Fate" 10
Mokambo Music, 2004

SKY'S SHADOW - Fate

Jetzt ist es soweit. Nach der unglaublichen selbstbetitelten EP, die von SKY'S SHADOW bisher als Demo an Veranstalter und Label gesandt worden war (siehe Abgehört vom 11. Mai 2004), hat die Band endlich ihr erstes Album am Start. Und was sofort auffällt, ist der Wechsel auf der Gesangs-Position. Hier steht seit nicht ganz zwei Jahren Pascal Lüders, der über weite Strecken rauher klingt als sein Vorgänger. Allerdings gelingen ihm die sanften und damit oft verbundenen höheren Passagen tadellos, so daß von einer Erweiterung des vokalen Spektrums gesprochen werden kann. Auch musikalisch holen die Mannen um die beiden Gitarristen Tobias Schaaf und Christopher Jesidero, die ausschließlich für Kompositionen und Lyrics verantwortlich zeichnen, weiter aus, als auf ihrem Demo. Das progressive Element wird stärker betont, was den Songs im Falle von SKY'S SHADOW eine größere Eigenständigkeit verleiht. Die ohrenscheinlichen Savatage-Bezüge sind weitaus seltener - oder besser - hintergründiger auszumachen. Da lassen sich jetzt eher verstärkt Bögen zu Bands der 70er Jahre schlagen, ohne daß hier soundtechnisch oder vom Feeling her der Nostalgie gefrönt wird.
Allein die Verbindung von textlichen Rock-Klischees wie in "S.O.S:" (Dance all night to the sound of our feeling/Raise your arms to the sound of our songs) und "Road Of Music" (Are vagabonds out of control/Just sex, drugs an rock'n'roll) mit hochkünstlerischen, durcharrangierten Prog-Songs (inklusive Popappeal und Satzgesang) scheint nicht mehr in diese Welt zu gehören. Denn alles, was sich musikalisch unterhalb des Härtegrades einer Band wie Motörhead bewegt, gesteht der Mob das Rock-Tier nicht mehr zu. Künstler á la SKY'S SHADOW müssen doch wohl an ihren freien Tagen in der Bibliothek sitzen und ihre Inspirationen aus Oper-Besuchen ziehen. Da ist es absolut stark, daß der Fünfer mit Erwartungshaltungen spielt (klassische Einfügungen mit "Prelude In B-Minor" und Band-Foto in einem Konzertsaal) diese allerdings mit den bereits genannten Songs oder dem Heavy Rocker "In The Light" auflöst.
Welch Potential in diesen jungen Kerlen steckt, untermauert schließlich noch einmal nachdrücklich das Herzstück dieser CD namens "Stroke Of Fate" (unterteilt in "I", "Interlude" und "II"). Hier kommt die extravagante, perfekt durchkonstruierte Gitarrenarbeit ebenso zum Zuge wie der Hang zu orchestralem Bombast. Rein instrumentale Merkmale der Band sind immer wieder die solirenden Streichinstrumente und das traumhaft eingesetzte Klavier. Eigentlich stimmt bei dieser Band alles.
"S.O.S."/"Prelude In B-Minor"
www.skys-shadow.com

JUB

LCN "Religion Is A Lie"  8
Alister/Black Earth, 2004

LCN - Religion Is A Lie

Hardcore - Und schwupps macht der Heavy Metal-Fan, der glaubt, etwas auf sich halten zu müssen, einen Sprung zur nächsten Review oder zum nächsten Thema. Allerdings ist diese Musik häufig viel besser als ihr Ruf, denn das vorherrschende Hardcore-Bild haben gehypte Bands wie Biohazard geprägt. Da sind die glorreichen Zeiten mit Cro-Mags, M.O.D., D.R.I oder S.O.D. völlig in Vergessenheit geraten. Dabei haben jene verrückten Kapellen wesentlich dazu beigetragen, daß der Heavy Metal heute so ist wie wir ihn kennen, mit all seinen Verzweigungen (und Verstrickungen). LCN aus Deutschland halten die alten Hardcore-Tugenden hoch und sind auch auf "Religion Is A Lie" mehr Metal als alles andere. Die mittlerweile den Hardcore prägenden Bronx-Raps bekommt man hier überhaupt nicht zu hören und Brüllaffen-Gerüpel ohne erkennbare Idee überlassen die Mannen um Sänger Jork auch den anderen. Wer intelligentes Gitarren-Riffing bevorzugt und die Klampfe zwischenzeitlich auch als ein melodieführendes Instrument akzeptiert, wird hier voll und ganz auf seine Kosten kommen. "Political System", "Destroy Your Enemy" oder "Sacred War" sind Songs, denen man kaum widerstehen kann.
Jorks gepreßter, für Hardcore durchaus typischer Gesang ist sicher eine Frage der Höhrgewohnheit, mindert die Wirkung der Songs aber nicht im Geringsten. Allerdings fehlt das helle Organ von Basser Michael Mencher (von Kuno ersetzt), der sich auf dem Vorgänger "Toxical Injection" die Vocals mit Jork teilte (siehe Abgehört vom 20. Januar 2004), was einen besonderen Reiz von LCN ausgemacht hatte.
Die Texte (auch irgendwo typisch für Hardcore) sind ausschließlich politischen Inhalts. Doch auch hier finden wir Unterschiede zum allgemeinen Parolen-Blabla, sind einige Themen doch im Ansatz analytisch angegangen worden, was Raum für Interpretationen bzw. Diskussionen läßt (zum Beispiel "Why", "Political System" oder "Liberty").
"Religion Is A Lie"/"Sacred War"
www.lcn-hc.de

JUB

MEDUSA'S CHILD "Immortal ... Mind Cohesion" 8
Eigenproduktion, 2003

MEDUSA'S CHILD - Immortal ... Mind Cohesion

Gehörte schon der Erstling "Awake" zu den soliden Melodic Metal-Werken aus deutschen Landen (siehe Abgehört vom 11. Mai 2004), konnten MEDUSA'S CHILD mit "Immortal ... Mind Cohesion" definitiv noch einen drauf setzen. Mit den Midtempo-Songs "Holy Land", "Center Of The Dark" und "Fight Fire With Fire" (ein bißchen rascher) sind ihnen echte Ohrwürmer gelungen, die man sogar nach Wochen noch wiederkennt, selbst wenn man sie erst einmal gehört haben mag. Die Balladen "Tears Of The Wolf" und "Lionheart" (boah, Gänsehaut) unterscheiden sich eklatant von den Slow-Nummern auf "Awake" und sind obendrein um Längen besser. Schließlich ist den Thüringern mit dem die indianische Mythologie thematisierenden "Mother Earth" ein echter Knaller gelungen, der leider ein paar Minuten zu lang geraten ist (Neun-Minuten-Song). Und Sänger D.C. Crow hat auf "Immortal ..." das gehalten, was er uns auf "Awake" versprach, denn hier liefert er eine stimmige Performance ab, die die Patzer auf "Awake" vergessen macht. Zuguterletzt gibt es noch eine "vergoldete" Version von "Medusa's Child", ein Song von der "Awake", der es verdient hat, ein weiteres Mal zu Ehren zu kommen, da er eindeutig zu den Hits der Band gehört.
"Mother Earth"
www.medusas-child.com

JUB

BITTERNESS "Sweet Suicide Solutions" 9
Eigenproduktion, 2003

BITTERNESS - Sweet Suicide Solutions

Im ersten Moment war ich fassungslos. Und wie oft, bitteschön, kommt soetwas schon vor, wenn man CDs hört? Aber das kann einfach nicht wahr sein. Zwischen der Scheibe "The Dawn Of Golden Blood" (siehe Abgehört vom 2. September 2003) und diesem Produkt, "Sweet Suicide Solutions" liegt gerade mal ein Jahr. Trotzdem klingen die Tonträger, als wären sie von zwei völlig unterschiedlichen Bands eingespielt worden. "The Dawn ..." war verkrampft, unfertig und die Songs litten an Ideenmangel. Und jetzt? Das ganze Gegenteil. Wenn man BITTERNESS hier mit Death vergleicht, ist das nicht etwa weit hergeholt, um unbedingt eine Referenz-Band aufzutreiben. Vielmehr ist es den Koblenzern genau wie den Amis um Chuck Schuldiner gelungen, schräge, ja kranke Gitarrenläufe zu heftigen Hochgeschwindigkeits-Songs zu verschmelzen, die unserem Hörnerv jederzeit gut tun. Musiker - und auch eine Vielzahl von Fans - wissen, wie schwer es ist, von wohlklingenden Tonleiterfolgen abzuweichen und trotzdem hörbares Material zu kreieren. BITTERNESS wissen plötzlich, wie das geht. "Eve Of Destruction", "Embrace The Depression" und "Portal Of Haunting Dreams" gehen in bester Thrash Metal-Manier voll aufs Nasenbein, bleiben trotzdem durchweg rhythmisch, ja selbst stimmungsmäßig variabel. Und überhaupt erlebt der Hörer eine Überraschung nach der anderen. Abgesehen von den sehr geschickt eingefügten Akustik-Zwischenstücken, haben auch die einzelnen Songs ständig Ideen zu bieten, die einem eine gehörige Portion Aufmerksamkeit abfordern.
Bei dem Entwicklungstempo, das die Mannen von BITTERNESS vorlegen, müßte die Band spätestens in drei Jahren eigentlich zu den ganz großen im deutschen Heavy Metal-Zirkus gehören.
"Eve Of Destruction"
www.bitterness.de

JUB

KINSKI "Rien ne va plus" 8
Interregnum Musik, 2004

KINSKI - Rien ne va plus

Wie kann der gute Klaus für die Band KINSKI Pate gestanden haben? Als die Prenzlauer vor über zehn Jahren mit einem Fields Of The Nephilim-Gothic begannen, wäre einem dazu vermutlich gar nichts eingefallen. Anno 2004, im Jahr von "Rien ne va plus" hingegen, fällt einem der Bezug schon leichter. War Klaus Kinski nicht bekannt dafür, unberechenbar zu sein? Schwankte er nicht ständig zwischen Depression und Begeisterungsausbrüchen? - Ihr wißt, wo es lang geht. KINSKI tauchen den Hörer auf dieser Mini-CD (fünf Songs, 20 Minuten Spielzeit) nämlich in ein Wechselbad der Gefühle. Dynamik nennt man das in der Musik. "Freak Of Nature", der Opener, ist schon ein Paradebeispiel für vorsichtige Zurückhaltung und wilde Explosion. Und was man hier nur ahnt, wird beim Titelsong deutlicher, um spätestens bei "Naked" zur Gewißheit zu reifen:  KINSKI bedienen sich vor allem der modernen Formen des Metal. Da klingen Nu-Elemente (rhythmisch, Schlagzeugarbeit) ebenso an wie Hardcore-Krach. Allerdings trifft dies auf die Naivität düsterer Wave-Momente der 80er, was KINSKIs Musik zu einer ganz besonderen macht. Während nämlich die meisten neumodernen Hämmer-Kapellen, deren nur kurze Karrieren man auf den Musik-TV-Kanälen verfolgen kann, zu 90 Prozent nur noch Rhythmus sind, entstanden bei KINSKI runde und sehr griffige Songs, die sich mit ihren Melodien schnell festhaken. Trotzdem wird mit Überraschungsmomenten weiterhin nicht gespart ("No Fear").
"Rien na va plus"
www.k-i-n-s-k-i.de

Jub
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