An dieser Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen
- unter der 14-tägigen Rubrik "Abgehört" -
des Jahres 2001 in der entgegengesetzten Reihenfolge ihrer Ausstrahlung.
Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen 
und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. 
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.

ABGEHÖRT vom 01. Juli 2003


TWISTED TOWER DIRE "Crest Of The Martyrs" 9
Remedy Rec/True Music, 2003

Twisted Tower Dire - Crest Of The Matryrs

Ausgerechnet in jenem Land, wo der Heavy Metal eine absolute Randerscheinung darstellt, kommen immer wieder Bands, die den alten Spirit atmen. Erinnert sei nur an Bands wie The Lord Weird Slough Feg oder October 31. Mit TWISTED TOWER DIRE ist die nächste Formation am Start, die Heavy Metal beinahe besser zu bringen weiß, als einige der alten Haudegen. Und wie es scheint, haben wir es bei Tony Taylor (voc), Scott Waldrop (g), Dave Boyd (g), Marc Stauffer (dr) und Jim Hunter (bg) mit Fans des klassischen deutschen Heavy Metals zu tun. Denn in den Songs von "Crest Of The Martyrs" begegnet die Gitarren-Arbeit von Running Wild den Gesangsmelodien von Gave Digger, gehen Accept-Riffs ein Konglomerat mit Blind Guardian-Refrains ein. Die Amis haben sich jeweils bei dem besten ihrer Vorbilder bedient und damit einen echten Hammer abgeliefert.
"Axes & Honor"/"The Witches Eyes 2003"

JUB

CIRCLE II CIRCLE „Watching In Silence“ 10
AFM, 2003

Circle II Circle - Watching In Silence

Zak Stevens tauchte einst bei Savatage auf und war eigentlich ein unbeschriebenes Blatt. In der Band von Jon Oliva und Chris Caffery mauserte sich der Mann zu einer Säule, die den gesamten Sound der neueren Savatage-Veröffentlichungen mittrug. Und jetzt, nachdem er 2000 seine Lieblingsband verlassen hat, schickt sich Zak Stevens an, einer der größten US-amerikanischen Heavy Metal-Bands aller Zeiten Konkurrenz zu machen. Allerdings mit Unterstützung seiner Ziehväter Jon Oliva und Chris Caffery, die gemeinsam mit Zak die Songs für das Debüt-Album von CIRCLE II CIRCLE schrieben.
Savatage-Fans können bedenkenlos zugreifen, denn logisch, daß sich bei einer Konstellation wie dieser zwangsläufig ein Savatage-Feeling verbreiten muß. Allerdings – und das sei voran gestellt – klingen CIRCLE II CIRCLE unverbrauchter. Dort, wo Savatage mittlerweile zum theatralischen Kitsch neigen, setzen Zak Stevens und seine Leute frische Melodien und Arrangement entgegen, die das Felsenriff „Musical-Pomp“ umschiffen.
Los geht es auf der CD mit hochmelodiösem US-Power Metal in „Out Of Reach“ und „Sea Of White“. Bei „Into The Wind“ werden Savatage-Bezüge deutlich, um im potentiellen Hit „Watching In Silence“ zu einer Reminiszenz an diese Band zu kulminieren. Jede Note ist hier Savatage. „Forgiven“ beläßt uns das „Edge Of Thorns“- und „Handful Of Rain"-Gefühl, hat aber im Refrain-Teil erste Queen-Anklänge, die dann zwei Songs später in „Walls“ wiederkehren und endgültig auf Brian May & Co verweisen. Power Metal mit dezentem progressivem Einschlag erwartet uns bei „Lies“, ein Stück, das für so manchen Fan zum musikalischen Höhepunkt avancieren könnte. Und um das Ganze rund zu machen: Die Heavy-Ballade „Face To Face“ und das düster groovende „The Circle“ stehen dem Rest der Scheibe in nichts nach. „Fields Of Sorrow“, eine typische Savatage-Bombast-Oper, klingt am Ende mit seinen Endloswiederholungen doch eine wenig experimentell, kann aber den Gesamteindruck der Scheibe nicht im geringsten antasten.
Erstaunlich ist das kreative Potential von Oliva und Caffery, die diese Perlen mal eben nicht für die eigene Formation requirierten, sondern Schützenhilfe gaben. Dies aber eben nicht mit zweitklassigem Material, sondern mit Sachen, die so manches Savatage-Stück alt aussehen lassen.
„Lies“/“Walls“

JUB
DIE GASTREZENSION: Deddy, ehemaliger Moderator von INTERREGNUM

EVIDENCE ONE "Criticize The Truth" 7
AOR Heaven/Point Music, 2002

Evidence One - Criticize The Truth

Wahrscheinlich kennt jeder das Gefühl: Man geht so spät zum Konzert, daß der Support seine Pflicht und Schuldigkeit getan hat und der Headliner gleich zu spielen anfängt und dennoch ist man zu früh. Aus dem Saal klingt die Vorband, welche sich für viel Geld in die Tour eingekauft hat. Na ja, sagt man sich, so schlecht sind sie ja nicht, aber verpaßt hätte ich auch nichts. Eigentlich wollte ich sie ja nicht sehen und hören, hoffentlich ist gleich Umbaupause. Während dessen wippt der Fuß mit, man hört etwas genauer hin und ändert seine Meinung in „hörenswert“. Der Sympathiewert der Band steigt, genügend Druck kommt auch rüber. Melodischer Midtempo-Metal ohne großen Schnickschnack, mit solidem Songwriting und guten Musikern ist ja nichts Außergewöhnliches und verleitet nicht gerade zu extatischen Ausbrüchen, hat aber garantiert seine Existenzberechtigung. 
Vielleicht ist es vielen Leuten so gegangen, als sie zu einem Saxon-Konzert gegangen sind und dabei EVIDENCE ONE als Support gesehen haben. Geplant war die Band als Intermezzo von Frontline-Gitarristen Robby Boebel. Thomas Bauer am Bass ist ebenfalls von Frontline, Carsten Schulz singt bei Domain; Roger Tanner sitzt bei Shakra an den Drums. 
Die Scheibe klinkt sehr kompakt, es gibt keine Ausfälle, Hitverdächtiges jedoch auch nicht. „Frozen In Time“ und „Trust vs. Heart“ gehören zu meinen Favoriten.

DEDDY

SONATA ARCTICA „Winterheart’s Guild“ 9
Ranka Publ./Century Media Rec., 2003

Sonata Arctica - Winterheart’s Guild

Was Amon Amarth für die Viking Metal-Szene, sind SONATA ARCTICA für die sogenannte symphonische Power Metal-Gemeinde: Sie haben in ihrem Metier die besten Melodien, die dramatischsten Song-Strukturen, ein ernst zu nehmendes Konzept und Top-Musiker in der Band. Selbst ganz Hartgesottene kriegen mittlerweile einen verklärten Blick, wenn SONATA ARCTICA-Songs angestimmt werden.
Die Finnen sind stur. Sie ziehen ihren musikalischen Stiefel durch, komme da, was wolle. Wie oft erlebt man es, daß Bands ihre eigentliche Berufung gefunden haben, trendtechnisch aber Ausflüge wagen, die ihnen überhaupt nicht zu Gesicht stehen. Das kann SONATA ARCTICA nicht passieren. Jede Platte hat den unverkennbaren Stempel dieser Band. Und mit den Jahren werden die Songs immer treffsicherer. Ballast verschwindet mehr und mehr, das Material wird eingängiger, ohne auch nur eine Sekunde simpler zu wirken. Im Gegenteil: SONATA ARCTICA liefern immer spannendere Nummern ab, die trotzdem sofort in unsere Gehörgänge flutschen, als wären sie für die Hitparaden dieser Welt konzipiert.
Ihr könnt Euch auf der neuen „Winterheart’s Guild“ reinzappen, wo Ihr wollt – es wird Euch immer absolute Qualität geliefert. Bekommt aber bei „Gravenimage“ keinen Schreck. Das Intro klingt verdammt nach „Braveheart“-Soundtrack, ist aber bei genauem Hinhören kein Sample, sondern nur eine ähnliche Melodie, die eine wunderbare Atmosphäre aufbaut. 
Einziger Kritikpunkt bleibt das Keyboard, das immer noch eine viel zu tragende Rolle spielt. Obendrein klingt es häufig recht klimprig, was verteufelt an das neo-klassische Zeug von – sagen wir – Yngwie Malmsteen erinnert. Ich weiß, daß viele von Euch gerade das an SONATA ARCTICA mögen, aber ich war noch nie der Fan solcher Keyboardmacht-Demonstrationen.
„Abandoned, Pleased, Brainwashed, Exploited“

JUB

SYMPHORCE "PhorcefulAhead" 9
Metal Blade, 2002

Symphorce - PhorcefulAhead

Die Süddeutschen schicken sich an, ein neues Album auf die Fangemeinde loszulassen und weichen dabei keinen Millimeter von ihrem bisherigen Erfolgsrezept ab. Das heißt Midtempo ist wieder Trumpf, was zu Anfang auf mangelnde Abwechslung schließen läßt. Allerdings muß man diese Ansicht spätestens nach dem dritten Durchlauf revidieren. Den vermeintlichen Mangel an Geschwindigkeits-Variationen machen die Jungs durch besonders ausgeklügelte Song-Arrangements wieder wett. Als Vergleich könnte man die getrageneren Stücke von Nevermore heranziehen, deren Qualität sich dem Hörer auch erst nach dem x-ten Durchlauf erschließt. Dieser Vergleich mit der Band aus Seattle greift auch, was die bulligen Gitarrenriffs anbelangt, die mit fragilen, fast wehleidigen Leads kombiniert werden. Und über Allem thront diese ausdrucksstarke, nie fistelig klingende Stimme, welche mit verqueren Melodien aufwartet. Glaubt man zuerst, der Frontmann würde gerade das singen, was ihm so beim Improvisieren in den Kopf kommt, wachsen seine Linien und Refrains von Mal zu Mal zu der einzig logischen Konsequenz zusammen, die man über diese Musik singen kann. Ich habe diese CD nun schon einige Male gehört, aber mit jedem neuen Rotieren im CD-Schacht kommen Details zum Vorschein, lassen sich Fragmente in einen stets neuen Zusammenhang bringen, die wissen zu überraschen. "PhorcefulAhead" wächst langsam aber stetig und verlangt Deine ganze Aufmerksamkeit. Wenn Du Dir genug Zeit nimmst, wirst Du an dieser Scheibe noch lange Deine Freude haben. Versprochen.
"Rage Of Violence"

THOMAS

SEVENTH ONE "Sacrifice" 4
Massacre Rec., 2002

Seventh One - Sacrifice

Wenig Überraschung bietet die schwedische Band SEVENTH ONE. Seitens des Labels natürlich als die beste Newcomer-Metal-Band seit Hammerfall gefeiert. Die mit Lob und Preisen überschütteten Nordlichter haben dem ehemaligen In Flames-Nebenprojekt allerdings tatsächlich einen Rang abgelaufen. Sänger Rhino Fredh steckt Joachim Cans locker in die Tasche. Hat Fredh, rein auf die Stimme bezogen, doch ein voluminöseres Skrotum. Wenn die Sprache jedoch auf die Musik kommt, sieht die Sache schon anders aus.
Denn das Aufhorchen und Mit-dem-Fuß-Mitgewippe sowie leises "Ist das geil"-Gemurmel blieb bei "Sacrifice" aus. Schuld daran ist das viel zu biedere Songmaterial. Unzählige Male gehörtes Powerchord-Geschröppel mit Doublebass-Getacker mit schwachen Refrains und nicht gerade vor Einfallsreichtum strotzendem Solieren auf der Gitarre ist angesichts der inflationär hohen Zahl der ähnlich gestrickten Platten einfach zu wenig, um damit heute noch einen Banger von der Theke wegzulocken. Da schreiben schon eher Hammerfall die Gassenhauer. Spätestens bei der Pflichtballade "Remembrance" sieht man vor dem geistigen Auge Manowar sich vor Lachen auf dem Boden wälzen. Nein , "Sacrifice" ist wirklich kein Hammer geworden.
"The Seventh Eye"

THOMAS
[vor][zurück]