TWISTED
TOWER DIRE "Crest Of The Martyrs" 9
Remedy Rec/True
Music, 2003
Ausgerechnet
in jenem Land, wo der Heavy Metal eine absolute Randerscheinung darstellt,
kommen immer wieder Bands, die den alten Spirit atmen. Erinnert sei nur
an Bands wie The Lord Weird Slough Feg oder October 31. Mit TWISTED TOWER
DIRE ist die nächste Formation am Start, die Heavy Metal beinahe besser
zu bringen weiß, als einige der alten Haudegen. Und wie es scheint,
haben wir es bei Tony Taylor (voc), Scott Waldrop (g), Dave Boyd (g), Marc
Stauffer (dr) und Jim Hunter (bg) mit Fans des klassischen deutschen Heavy
Metals zu tun. Denn in den Songs von "Crest Of The Martyrs" begegnet die
Gitarren-Arbeit von Running Wild den Gesangsmelodien von Gave Digger, gehen
Accept-Riffs ein Konglomerat mit Blind Guardian-Refrains ein. Die Amis
haben sich jeweils bei dem besten ihrer Vorbilder bedient und damit einen
echten Hammer abgeliefert.
"Axes &
Honor"/"The Witches Eyes 2003"
JUB
CIRCLE
II CIRCLE „Watching In Silence“ 10
AFM, 2003
Zak Stevens
tauchte einst bei Savatage auf und war eigentlich ein unbeschriebenes Blatt.
In der Band von Jon Oliva und Chris Caffery mauserte sich der Mann zu einer
Säule, die den gesamten Sound der neueren Savatage-Veröffentlichungen
mittrug. Und jetzt, nachdem er 2000 seine Lieblingsband verlassen hat,
schickt sich Zak Stevens an, einer der größten US-amerikanischen
Heavy Metal-Bands aller Zeiten Konkurrenz zu machen. Allerdings mit Unterstützung
seiner Ziehväter Jon Oliva und Chris Caffery, die gemeinsam mit Zak
die Songs für das Debüt-Album von CIRCLE II CIRCLE schrieben.
Savatage-Fans
können bedenkenlos zugreifen, denn logisch, daß sich bei einer
Konstellation wie dieser zwangsläufig ein Savatage-Feeling verbreiten
muß. Allerdings – und das sei voran gestellt – klingen CIRCLE II
CIRCLE unverbrauchter. Dort, wo Savatage mittlerweile zum theatralischen
Kitsch neigen, setzen Zak Stevens und seine Leute frische Melodien und
Arrangement entgegen, die das Felsenriff „Musical-Pomp“ umschiffen.
Los geht es
auf der CD mit hochmelodiösem US-Power Metal in „Out Of Reach“ und
„Sea Of White“. Bei „Into The Wind“ werden Savatage-Bezüge deutlich,
um im potentiellen Hit „Watching In Silence“ zu einer Reminiszenz an diese
Band zu kulminieren. Jede Note ist hier Savatage. „Forgiven“ beläßt
uns das „Edge Of Thorns“- und „Handful Of Rain"-Gefühl, hat aber im
Refrain-Teil erste Queen-Anklänge, die dann zwei Songs später
in „Walls“ wiederkehren und endgültig auf Brian May & Co verweisen.
Power Metal mit dezentem progressivem Einschlag erwartet uns bei „Lies“,
ein Stück, das für so manchen Fan zum musikalischen Höhepunkt
avancieren könnte. Und um das Ganze rund zu machen: Die Heavy-Ballade
„Face To Face“ und das düster groovende „The Circle“ stehen dem Rest
der Scheibe in nichts nach. „Fields Of Sorrow“, eine typische Savatage-Bombast-Oper,
klingt am Ende mit seinen Endloswiederholungen doch eine wenig experimentell,
kann aber den Gesamteindruck der Scheibe nicht im geringsten antasten.
Erstaunlich
ist das kreative Potential von Oliva und Caffery, die diese Perlen mal
eben nicht für die eigene Formation requirierten, sondern Schützenhilfe
gaben. Dies aber eben nicht mit zweitklassigem Material, sondern mit Sachen,
die so manches Savatage-Stück alt aussehen lassen.
„Lies“/“Walls“
JUB
DIE GASTREZENSION: Deddy, ehemaliger
Moderator von INTERREGNUM
EVIDENCE
ONE "Criticize The Truth" 7
AOR Heaven/Point
Music, 2002
Wahrscheinlich
kennt jeder das Gefühl: Man geht so spät zum Konzert, daß
der Support seine Pflicht und Schuldigkeit getan hat und der Headliner
gleich zu spielen anfängt und dennoch ist man zu früh. Aus dem
Saal klingt die Vorband, welche sich für viel Geld in die Tour eingekauft
hat. Na ja, sagt man sich, so schlecht sind sie ja nicht, aber verpaßt
hätte ich auch nichts. Eigentlich wollte ich sie ja nicht sehen und
hören, hoffentlich ist gleich Umbaupause. Während dessen wippt
der Fuß mit, man hört etwas genauer hin und ändert seine
Meinung in „hörenswert“. Der Sympathiewert der Band steigt, genügend
Druck kommt auch rüber. Melodischer Midtempo-Metal ohne großen
Schnickschnack, mit solidem Songwriting und guten Musikern ist ja nichts
Außergewöhnliches und verleitet nicht gerade zu extatischen
Ausbrüchen, hat aber garantiert seine Existenzberechtigung.
Vielleicht
ist es vielen Leuten so gegangen, als sie zu einem Saxon-Konzert gegangen
sind und dabei EVIDENCE ONE als Support gesehen haben. Geplant war die
Band als Intermezzo von Frontline-Gitarristen Robby Boebel. Thomas Bauer
am Bass ist ebenfalls von Frontline, Carsten Schulz singt bei Domain; Roger
Tanner sitzt bei Shakra an den Drums.
Die Scheibe
klinkt sehr kompakt, es gibt keine Ausfälle, Hitverdächtiges
jedoch auch nicht. „Frozen In Time“ und „Trust vs. Heart“ gehören
zu meinen Favoriten.
DEDDY
SONATA
ARCTICA „Winterheart’s Guild“ 9
Ranka Publ./Century
Media Rec., 2003
Was Amon Amarth
für die Viking Metal-Szene, sind SONATA ARCTICA für die sogenannte
symphonische Power Metal-Gemeinde: Sie haben in ihrem Metier die besten
Melodien, die dramatischsten Song-Strukturen, ein ernst zu nehmendes Konzept
und Top-Musiker in der Band. Selbst ganz Hartgesottene kriegen mittlerweile
einen verklärten Blick, wenn SONATA ARCTICA-Songs angestimmt werden.
Die Finnen
sind stur. Sie ziehen ihren musikalischen Stiefel durch, komme da, was
wolle. Wie oft erlebt man es, daß Bands ihre eigentliche Berufung
gefunden haben, trendtechnisch aber Ausflüge wagen, die ihnen überhaupt
nicht zu Gesicht stehen. Das kann SONATA ARCTICA nicht passieren. Jede
Platte hat den unverkennbaren Stempel dieser Band. Und mit den Jahren werden
die Songs immer treffsicherer. Ballast verschwindet mehr und mehr, das
Material wird eingängiger, ohne auch nur eine Sekunde simpler zu wirken.
Im Gegenteil: SONATA ARCTICA liefern immer spannendere Nummern ab, die
trotzdem sofort in unsere Gehörgänge flutschen, als wären
sie für die Hitparaden dieser Welt konzipiert.
Ihr könnt
Euch auf der neuen „Winterheart’s Guild“ reinzappen, wo Ihr wollt – es
wird Euch immer absolute Qualität geliefert. Bekommt aber bei „Gravenimage“
keinen Schreck. Das Intro klingt verdammt nach „Braveheart“-Soundtrack,
ist aber bei genauem Hinhören kein Sample, sondern nur eine ähnliche
Melodie, die eine wunderbare Atmosphäre aufbaut.
Einziger Kritikpunkt
bleibt das Keyboard, das immer noch eine viel zu tragende Rolle spielt.
Obendrein klingt es häufig recht klimprig, was verteufelt an das neo-klassische
Zeug von – sagen wir – Yngwie Malmsteen erinnert. Ich weiß, daß
viele von Euch gerade das an SONATA ARCTICA mögen, aber ich war noch
nie der Fan solcher Keyboardmacht-Demonstrationen.
„Abandoned,
Pleased, Brainwashed, Exploited“
JUB
SYMPHORCE
"PhorcefulAhead" 9
Metal Blade,
2002
Die Süddeutschen
schicken sich an, ein neues Album auf die Fangemeinde loszulassen und weichen
dabei keinen Millimeter von ihrem bisherigen Erfolgsrezept ab. Das heißt
Midtempo ist wieder Trumpf, was zu Anfang auf mangelnde Abwechslung schließen
läßt. Allerdings muß man diese Ansicht spätestens
nach dem dritten Durchlauf revidieren. Den vermeintlichen Mangel an Geschwindigkeits-Variationen
machen die Jungs durch besonders ausgeklügelte Song-Arrangements wieder
wett. Als Vergleich könnte man die getrageneren Stücke von Nevermore
heranziehen, deren Qualität sich dem Hörer auch erst nach dem
x-ten Durchlauf erschließt. Dieser Vergleich mit der Band aus Seattle
greift auch, was die bulligen Gitarrenriffs anbelangt, die mit fragilen,
fast wehleidigen Leads kombiniert werden. Und über Allem thront diese
ausdrucksstarke, nie fistelig klingende Stimme, welche mit verqueren Melodien
aufwartet. Glaubt man zuerst, der Frontmann würde gerade das singen,
was ihm so beim Improvisieren in den Kopf kommt, wachsen seine Linien und
Refrains von Mal zu Mal zu der einzig logischen Konsequenz zusammen, die
man über diese Musik singen kann. Ich habe diese CD nun schon einige
Male gehört, aber mit jedem neuen Rotieren im CD-Schacht kommen Details
zum Vorschein, lassen sich Fragmente in einen stets neuen Zusammenhang
bringen, die wissen zu überraschen. "PhorcefulAhead" wächst langsam
aber stetig und verlangt Deine ganze Aufmerksamkeit. Wenn Du Dir genug
Zeit nimmst, wirst Du an dieser Scheibe noch lange Deine Freude haben.
Versprochen.
"Rage Of
Violence"
THOMAS
SEVENTH
ONE "Sacrifice" 4
Massacre Rec.,
2002
Wenig Überraschung
bietet die schwedische Band SEVENTH ONE. Seitens des Labels natürlich
als die beste Newcomer-Metal-Band seit Hammerfall gefeiert. Die mit Lob
und Preisen überschütteten Nordlichter haben dem ehemaligen In
Flames-Nebenprojekt allerdings tatsächlich einen Rang abgelaufen.
Sänger Rhino Fredh steckt Joachim Cans locker in die Tasche. Hat Fredh,
rein auf die Stimme bezogen, doch ein voluminöseres Skrotum. Wenn
die Sprache jedoch auf die Musik kommt, sieht die Sache schon anders aus.
Denn das Aufhorchen
und Mit-dem-Fuß-Mitgewippe sowie leises "Ist das geil"-Gemurmel blieb
bei "Sacrifice" aus. Schuld daran ist das viel zu biedere Songmaterial.
Unzählige Male gehörtes Powerchord-Geschröppel mit Doublebass-Getacker
mit schwachen Refrains und nicht gerade vor Einfallsreichtum strotzendem
Solieren auf der Gitarre ist angesichts der inflationär hohen Zahl
der ähnlich gestrickten Platten einfach zu wenig, um damit heute noch
einen Banger von der Theke wegzulocken. Da schreiben schon eher Hammerfall
die Gassenhauer. Spätestens bei der Pflichtballade "Remembrance" sieht
man vor dem geistigen Auge Manowar sich vor Lachen auf dem Boden wälzen.
Nein , "Sacrifice" ist wirklich kein Hammer geworden.
"The Seventh
Eye"
THOMAS