BISS „Biss“ 8
Barfly Music, 2002
Was kann schon dabei herauskommen,
wenn sich zwei Musiker aus bedeutungslosen Metal-Formationen zusammentun,
um ein eigenes Projekt zu starten? Erst recht, wenn es sich bei diesen
Heavy-Bands um Victory (uuah) und Tanner (aaarrrrgggghhhh) handelt. Eigentlich
nicht viel, möchte man glauben. Aber wie sagt mein INTERREGNUM-Co-Mann
immer wieder? Unverhofft kommt oft.
Und im Falle von BISS - die Band
von Fernando Garcia (Victory) und Doc Heyne (Tanner, Mad Max) - ist ein
Projekt ins Leben gerufen worden, das die Stamm-Truppen der beiden Protagonisten
locker an die Wand spielt. Ein Grund ist garantiert die ohrenscheinliche
Unbekümmertheit, mit der die beiden an die Arbeit gegangen zu sein
scheinen. Denn Alben mit einem 80er Jahre-Flair gibt es eine ganze Menge,
die wenigsten allerdings sind so frisch und kurzweilig, wie das von BISS.
Garcia und Heyne gehen mit beachtlicher
Heaviness zu Werke, hauen uns eine Riff-Granate nach der anderen um die
Ohren und bleiben dabei immer absolut partytauglich. Interessant
auch, daß praktisch jedes Stück mit Soundspielereien eingeleitet
wird, die in irgendeiner Art und Weise auf den Inhalt des Songs deuten.
Und bei aller Bedeutungsschwere, die sich durch die meisten Texte zieht,
hat das Duo vor allem mit „God“ Humor bewiesen. Eine Refrain-Titelzeile
vom Schlage „Where Is My Backstagepass“ ist einfach einmalig.
Und schließlich gibt es da
noch die Falco-Cover-Version „Rock Me Amadeus“. Da bin ich ja bekanntlich
immer etwas überkritisch. Aber die BISS-Variante ist besser, als das
Gekrampfe von Umbra et Imago, weil einfach mit Metal-Gitarren runtergespielt.
Hier wurde nicht versucht, einen künstlerischen Genie-Streich vorzulegen.
„Circle Of Time“/“God“
JUB
TUNNELVISION "Tomorrow" 7
Massacre Rec., 2002
Aus Finnland kommen mit TUNNELVISION
ein paar progressiv-metallische Klänge daher, die so manchen Ami-Act
locker in die Tasche stecken. Die Finnen haben nämlich genau das Gespür
für griffige Songs, wie es vielen der Proggies neueren Datums fehlt.
Doch sollte man das Wort "Progressiv" hier nicht überbewerten. Denn
vom reinen Gefrickel sind TUNNELVISION weit entfernt. Eher gibt es auf
"Tomorrow" einprägsame Melodien in einem angemessenen Härtegrad
dargeboten mit einer charismatischen, nicht zu hohen Stimme veredelt. Und
mit diversen Prog-Elementen verziert, ergibt das eine durchaus hörbare
Musik die ihre Reize erst nach mehrmaligen Durchläufen offenbart.
"Ribbon Of Tears"
THOMAS
THE MUSHROOM RIVER BAND „Simsalabim“
8
Century Media, 2002
Mit der Veränderung des Tonträger-Formats
hat sich auch die Cover-Kunst einem Wandel unterzogen. Während in
der Blütezeit der Langspielplatte wahre Kunstwerke auf den Vorderseiten
der LP-Hüllen zu finden waren, begnügen sich die Bands immer
mehr mit einfacher strukturierten Darstellungen. Kein Wunder, sind auf
den Zigarrenschachtel-großen CD-Booklets filigran gezeichnete oder
Panorama-Bilder völlig wirkungslos. THE MUSHROOM RIVER BAND halten
es da mit dem Buch-Illustrations-Stil. Wie für ein Märchenbuch
haben sich die vier Band-Mitglieder in Zauberzipfelmützenanzügen
darstellen lassen und damit kurzerhand den Bezug zum Album-Titel "Simsalabim"
gezogen. Nicht besonders hübsch aber wirkungsvoll.
Musikalisch wird kompromißlos
die Stoner Rock-Schiene gefahren. Das läßt eigentlich nur zwei
Länder zu: USA und Schweden. Und Kenner der Szene wissen, daß
sich hinter den Pilz-Fluß-Leuten die Mannen um Spiritual Beggars-Sänger
Spice verbergen. Allerdings ist dies hier die Stamm-Formation des wuschelbärtigen
Hünen, bei den Spiritisten war er quasi nur zu Gast. Nun, und was
liegt näher, als beide Bands ein klein wenig zu vergleichen, wenn
sie schon den Sänger gemeinsam haben. Und da fällt der eklatanteste
Unterschied gleich nach dem ersten Song auf: Während die Spiritual
Beggars durch grenzenloses Hit-Potential auffielen, lassen die Mushrooms
schon mal den ein oder anderen ergreifenden Melodiebogen weg, um gnadenlos
die Gitarren gegen die Wände zu schlagen. Leute, die es bretthart
mögen, sind hier genau richtig. Selbst Spice klingt eine Nuance aggressiver
als auf dem Beggars-Album "Ad Astra". Nichtsdestotrotz sind die Stücke
fast ausschließlich bestens gelungen, haben wütend treibende
Strophenteile, eingängige Refrains. Wenn das so weiter geht, können
sich die bekifften Amis warm anziehen. Denn die Sierra Nevada befindet
sich zwischen Stockholm und Göteborg.
„The Big Sick Machine"
JUB
FACTORY OF ART "The Tempter"
4
CCP Rec./SPV, 2002
Da ich noch nie zu den größten
FACTORY OF ART-Fans unter der Sonne gehörte, hielt sich die Freude
über "The Tempter" natürlich in Grenzen. Auf der CD findet man
die drei Songs der "The Story Of Pain"-CD wieder sowie neun neue Kompositionen.
Was mir bei der Band am wenigsten schmeckt, ist, daß sie stets versuchen,
etwas richtig Tolles und sehr Kunstvolles zu erschaffen und sich dabei
in sich selbstüberschätzendem Eifer nur durchschnittliche Songs
und einfältig aneinander gereihte Passagen abliefern. Dabei sind sie
nicht so schlecht, nur werden sie ihrem Anspruch nicht gerecht.
"The Tempter"
THOMAS
CRAFT „Terror Propaganda“
9
Selbstmord Services, 2002
Aaarrggh. Vielleicht war ich da doch
ein wenig vorschnell mit meinem Urteil, das Label "I Used To Fuck People
Like You In Prison"-Records hätte den kultigsten Namen. Denn "Selbstmord
Services" ist auch nicht ohne. Entscheidet am besten selbst. Black Metal-Fans
werden da nicht lange überlegen und den "Selbstmördern" den Zuschlag
geben, haben sie doch die schwedische Band CRAFT im Stall, die mit "Terror
Propaganda" ein herausragendes Album durch den Schlitz der Tür zum
Fegefeuer schieben. Old School auf der ganzen Linie ist hier angesagt.
Und doch sind die Anleihen bei den Großen der Szene nie plakativ.
Es werden Elemente verwandt, keine Stilistiken. So hat "The Silence Thereafter"
etwas von Bathory, "Reaktor 4" schlägt eine Brücke zu den us-amerikanischen
Deamon, "False Orders Begone" und "Terror Propaganda" geben einen Hauch
von Burzum frei. Extrem stark sind auch die in der Luft mitschwingenden
Thrash Metal-Roots bei "False ..." und "616". Das Image der Band ist übelst,
Cover-Artwork und Booklet-Gestaltung ganz im Stile des Kult-Labels No Colours.
Was will das Black Metal-Herz mehr.
„Ablaze“/"The Silence Thereafter"/"Terror
Propaganda"
JUB
THE TEMPLE "Demonio" 4
Raging Planet/Artside 2001
Da portugisische Bands stets unter
dem Schatten der übermächtigen Moonspell verborgen bleiben, dürfte
hierzulande nur eine Handvoll Leute von der Existenz der Band THE TEMPLE
gewußt haben. Nun liegt eine vier Songs umfassende CD der Band vor
und offenbart sehr moderne Klänge wie in etwa jüngere Machine
Head und diverse New Metal Bands. Von diesen haben die Portugiesen auf
jeden Fall die Art und Weise, Songs zu schreiben und Gesangsmelodien zu
gestalten. Hippe Stakkato-Riffs und sich vom Flüstern ins Brüllen
steigernder Gesang, angesagte Rückkopplungsgeräusche und poppige
Melodien bilden die Grundpfeiler der CD, und die marschiert somit schnurstracks
an meinen Geschmacksnerven vorbei.
"Revolution"
THOMAS
LACUNA COIL „Comalies“ 9
Century Media/Magic Arts Publ.,
2002
Fangen wir mal wieder mit dem Äußeren
der Sängerin an. Das konnte man nämlich auf ihrem Debüt
„In A Reverie“ eigentlich nicht anbieten. Aber schon damals, 1999, hatte
ich bemerkt, daß sich das vermutlich mit dem Verkaufserfolg der Platten
ändern wird. Und was soll ich Euch sagen. Christina Scabbia ist mittlerweile
dermaßen vorteilhaft gestylt, daß sie Männer-Unterleiber
durchaus betören kann. Aber das nur nebenbei.
Wenn die Italiener vor drei Jahren
noch sehr an The Gathering hingen, zeigt sich auf „Comalies“ ein anderes
Bild. Dabei hat dies eigentlich immer noch etwas mit den großen Holländern
zu tun. Denn so wie sich The Gathering von stilistischen Korsetts befreiten
und heutzutage einer der größten schwermetallischen Bands überhaupt
sind, versuchen LACUNA COIL, eingefahrene Weg zu verlassen. Leider gehen
sie dabei noch zu inkonsequent vor, bleiben dem Gothic-Muster verhaftet,
agieren vor allem getragen sentimental. Songs wie das etwas raschere „Self
Deception“ und „Angel’s Punishment“ mit seinen experimetellen Passagen
deuten an, daß beim nächsten Mal durchaus mit einer größeren
Vielfalt gerechnet werden kann.
Die Songs selbst sind durch die
Bank brillant. Starke Melodien, auf den Punkt gebrachte Arrangements, durchdachter
Einsatz des männlichen und weiblichen Wechselgesangs. Tadellos. LACUNA
COIL sind drin.
„Heaven’s A Lie“
JUB
TWENTYINCHBURIAL "The Sand
Crystal.Ep"
5
Raging Planet/Artside, 2001
Die aus Portugal stammende Band TWENTYINCHBURIAL
hat sich ähnlich wie die Landsmänner von The Temple den zeitgemäßeren
Klängen gewidmet. Heißt, New Metal verbunden mit einer gewissen
Punk-Attitüde, die TWENTYINCHBURIAL eine gewisse Eigenständigkeit
verleiht. Da sie nicht starr durchgestylt klingen und ein wenig unvorhersehbarer
sind, haben sie im Vergleich zu The Temple leicht die Nase vorn.
"Glassheart"
THOMAS
TWO
FIRES „Ignition“ 5
Frontiers/Now&Then/XIII BIS/Point.,
2002
Sänger Kevin Chalfant ist in
der Melodic Metal/Melodic Rock-Szene legendär. Er startete seine Karriere
1980 mit der Band 707, nahm mit der Pop-Band Steel Breeze ein Album auf,
scharrte Mitte der 80er Leute aus den zweiten Reihen berühmter Bands
um sich und gründete VU, um 1991 seine bis dato erfolgreichste Formation
ins Ramepenlicht zu rücken: The Storm. Schließlich gab es 1997
noch ein Solo-Album, bevor er sich mit Josh Ramos zusammen schmiß,
um 1999 TWO FIRES zu gründen. Das Debüt-Album erschien 2000 und
soll mächtig abgegangen sein. Vom vorliegenden Zweitling erwartet
man das gleiche, erst recht, wo doch Hitlieferant Jim Peterik die Songs
mitschrieb (siehe Abgehört
vom 17. September 2002). Allerdings ist „Ignition“ absolut nix für
beinharte Heavy Metal-Fans, denn radiotauglicher geht es nicht. TWO FIRES
pendeln irgendwo zwischen dem frühen Bryan Adams und Journey in ihren
softeren Momenten. Der Titelsong weckt gar Assoziationen zum Cliff Richard-Hit
„Dreaming“. Ihr merkt schon, wo der Hase lang läuft. Wenn es in Deutschland
Rock-Sender gäbe, würde man TWO FIRES vermutlich zur besten Sendezeit
hoch und runter dudeln, denn die meisten Stücke sind nicht schlecht.
Allerdings scheint Peterik nicht gerade das beste aus sich herausgeholt
zu haben, denn die Melodien klingen doch sehr wiederaufbereitet. Cliff
Richard hatten wir schon, und „I’m Falling“ beginnt mit der gleichen Melodie
wie „Tonight“ von den Rubettes. Das sind jetzt aber nur die extremsten
Passagen. Der Rest weckt auch ständig irgendwelche Erinnerungen an
schon mal Gehörtes.
„I See Red“
JUB
LAKE OF TEARS „The Neonai“
10
Black Mark, 2002
Da sind mir doch beinahe die Ohren
vom Stamm gefallen. Man bekommt solch ein quietschbuntes Cover in die Hand
gedrückt, dessen Booklet wie ein Buntpapier-Bastel-Bogen aussieht,
erinnert sich vage an ein paar düstere Songs von dieser Bands namens
LAKE OF TEARS, ahnt schmunzelnd nichts böses und bekommt dann vom
ersten Takt an eines der phantastischsten Alben des Jahres 2002 um die
Ohren gehauen. Wobei der Begriff hauen hier unter Umständen in die
falsche Richtung weist, denn LAKE OF TEARS sind die Wiedergeburt des Dark
Wave für das neue Jahrtausend und die Erneuerung des Gothic.
Vom Flair her in der Abteilung von
Sisters Of Mercy und Phillip Boa agierend, haben LAKE OF TEARS vor allem
mit den typischen Tanzflächen-Füllern á la „Return Of
Ravens“ oder „Leave A Room“ Songs geschaffen, die zum besten gehören,
was im Dark Wave/Gothic-Genre in den zurückliegenden 15 Jahren auf
Tonträger verewigt wurde.
Das minimalistisch agierende programmierte
Schlagzeug mag einigen zu banal erscheinen, allerdings peitscht es in seiner
Monotonie die Stücke förmlich voran. Effektivität bis zum
letzten Ton. Die Melodien scheinen streckenweise nicht von dieser Welt,
setzen sich sofort fest. Und die Rhythmusgitarre, die grimmig in die Melancholie
einbricht, setzt dem Ganzen das Sahnehäubchen auf.
Die getragenen Nummern „Solitude“,
„Sorcerers“ (gesungen von Jennie Tebler) und „Down The Nile“ bereichern
das Album ungemein, da sie in gleicher Form perfekt präsentiert werden.
Und dann dieses „Nathalie And The Fireflies“. Das Ding ist eine New Wave-Hymne,
die zu Beginn der 80er Jahre garantiert monatelang weltweit die Charts
angeführt hätte.
Eine Traum-CD.
„Return Of Ravens“/“Can Die No
More“
JUB
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