An dieser Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen.
Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen 
und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. 
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.

Abgehört vom 01. Oktober 2002


BISS „Biss“ 8
Barfly Music, 2002

Biss - Biss

Was kann schon dabei herauskommen, wenn sich zwei Musiker aus bedeutungslosen Metal-Formationen zusammentun, um ein eigenes Projekt zu starten? Erst recht, wenn es sich bei diesen Heavy-Bands um Victory (uuah) und Tanner (aaarrrrgggghhhh) handelt. Eigentlich nicht viel, möchte man glauben. Aber wie sagt mein INTERREGNUM-Co-Mann immer wieder? Unverhofft kommt oft.
Und im Falle von BISS - die Band von Fernando Garcia (Victory) und Doc Heyne (Tanner, Mad Max) - ist ein Projekt ins Leben gerufen worden, das die Stamm-Truppen der beiden Protagonisten locker an die Wand spielt. Ein Grund ist garantiert die ohrenscheinliche Unbekümmertheit, mit der die beiden an die Arbeit gegangen zu sein scheinen. Denn Alben mit einem 80er Jahre-Flair gibt es eine ganze Menge, die wenigsten allerdings sind so frisch und kurzweilig, wie das von BISS. 
Garcia und Heyne gehen mit beachtlicher Heaviness zu Werke, hauen uns eine Riff-Granate nach der anderen um die Ohren und bleiben dabei immer absolut partytauglich.  Interessant auch, daß praktisch jedes Stück mit Soundspielereien eingeleitet wird, die in irgendeiner Art und Weise auf den Inhalt des Songs deuten. Und bei aller Bedeutungsschwere, die sich durch die meisten Texte zieht, hat das Duo vor allem mit „God“ Humor bewiesen. Eine Refrain-Titelzeile vom Schlage „Where Is My Backstagepass“ ist einfach einmalig.
Und schließlich gibt es da noch die Falco-Cover-Version „Rock Me Amadeus“. Da bin ich ja bekanntlich immer etwas überkritisch. Aber die BISS-Variante ist besser, als das Gekrampfe von Umbra et Imago, weil einfach mit Metal-Gitarren runtergespielt. Hier wurde nicht versucht, einen künstlerischen Genie-Streich vorzulegen.
„Circle Of Time“/“God“

JUB

TUNNELVISION "Tomorrow" 7
Massacre Rec., 2002

Tunnelvision - Tomorrow

Aus Finnland kommen mit TUNNELVISION ein paar progressiv-metallische Klänge daher, die so manchen Ami-Act locker in die Tasche stecken. Die Finnen haben nämlich genau das Gespür für griffige Songs, wie es vielen der Proggies neueren Datums fehlt. Doch sollte man das Wort "Progressiv" hier nicht überbewerten. Denn vom reinen Gefrickel sind TUNNELVISION weit entfernt. Eher gibt es auf "Tomorrow" einprägsame Melodien in einem angemessenen Härtegrad dargeboten mit einer charismatischen, nicht zu hohen Stimme veredelt. Und mit diversen Prog-Elementen verziert, ergibt das eine durchaus hörbare Musik die ihre Reize erst nach mehrmaligen Durchläufen offenbart.
"Ribbon Of Tears"

THOMAS

THE MUSHROOM RIVER BAND „Simsalabim“ 8
Century Media, 2002

The Mushroom River Band - Simsalabim

Mit der Veränderung des Tonträger-Formats hat sich auch die Cover-Kunst einem Wandel unterzogen. Während in der Blütezeit der Langspielplatte wahre Kunstwerke auf den Vorderseiten der LP-Hüllen zu finden waren, begnügen sich die Bands immer mehr mit einfacher strukturierten Darstellungen. Kein Wunder, sind auf den Zigarrenschachtel-großen CD-Booklets filigran gezeichnete oder Panorama-Bilder völlig wirkungslos. THE MUSHROOM RIVER BAND halten es da mit dem Buch-Illustrations-Stil. Wie für ein Märchenbuch haben sich die vier Band-Mitglieder in Zauberzipfelmützenanzügen darstellen lassen und damit kurzerhand den Bezug zum Album-Titel "Simsalabim" gezogen. Nicht besonders hübsch aber wirkungsvoll.
Musikalisch wird kompromißlos die Stoner Rock-Schiene gefahren. Das läßt eigentlich nur zwei Länder zu: USA und Schweden. Und Kenner der Szene wissen, daß sich hinter den Pilz-Fluß-Leuten die Mannen um Spiritual Beggars-Sänger Spice verbergen. Allerdings ist dies hier die Stamm-Formation des wuschelbärtigen Hünen, bei den Spiritisten war er quasi nur zu Gast. Nun, und was liegt näher, als beide Bands ein klein wenig zu vergleichen, wenn sie schon den Sänger gemeinsam haben. Und da fällt der eklatanteste Unterschied gleich nach dem ersten Song auf: Während die Spiritual Beggars durch grenzenloses Hit-Potential auffielen, lassen die Mushrooms schon mal den ein oder anderen ergreifenden Melodiebogen weg, um gnadenlos die Gitarren gegen die Wände zu schlagen. Leute, die es bretthart mögen, sind hier genau richtig. Selbst Spice klingt eine Nuance aggressiver als auf dem Beggars-Album "Ad Astra". Nichtsdestotrotz sind die Stücke fast ausschließlich bestens gelungen, haben wütend treibende Strophenteile, eingängige Refrains. Wenn das so weiter geht, können sich die bekifften Amis warm anziehen. Denn die Sierra Nevada befindet sich zwischen Stockholm und Göteborg.
„The Big Sick Machine"

JUB

FACTORY OF ART "The Tempter" 4
CCP Rec./SPV, 2002

Factory Of Art - The Tempter

Da ich noch nie zu den größten FACTORY OF ART-Fans unter der Sonne gehörte, hielt sich die Freude über "The Tempter" natürlich in Grenzen. Auf der CD findet man die drei Songs der "The Story Of Pain"-CD wieder sowie neun neue Kompositionen. Was mir bei der Band am wenigsten schmeckt, ist, daß sie stets versuchen, etwas richtig Tolles und sehr Kunstvolles zu erschaffen und sich dabei in sich selbstüberschätzendem Eifer nur durchschnittliche Songs und einfältig aneinander gereihte Passagen abliefern. Dabei sind sie nicht so schlecht, nur werden sie ihrem Anspruch nicht gerecht.
"The Tempter"

 THOMAS

CRAFT „Terror Propaganda“ 9
Selbstmord Services, 2002

Craft - Terror Propaganda

Aaarrggh. Vielleicht war ich da doch ein wenig vorschnell mit meinem Urteil, das Label "I Used To Fuck People Like You In Prison"-Records hätte den kultigsten Namen. Denn "Selbstmord Services" ist auch nicht ohne. Entscheidet am besten selbst. Black Metal-Fans werden da nicht lange überlegen und den "Selbstmördern" den Zuschlag geben, haben sie doch die schwedische Band CRAFT im Stall, die mit "Terror Propaganda" ein herausragendes Album durch den Schlitz der Tür zum Fegefeuer schieben. Old School auf der ganzen Linie ist hier angesagt. Und doch sind die Anleihen bei den Großen der Szene nie plakativ. Es werden Elemente verwandt, keine Stilistiken. So hat "The Silence Thereafter" etwas von Bathory, "Reaktor 4" schlägt eine Brücke zu den us-amerikanischen Deamon, "False Orders Begone" und "Terror Propaganda" geben einen Hauch von Burzum frei. Extrem stark sind auch die in der Luft mitschwingenden Thrash Metal-Roots bei "False ..." und "616". Das Image der Band ist übelst, Cover-Artwork und Booklet-Gestaltung ganz im Stile des Kult-Labels No Colours. Was will das Black Metal-Herz mehr.
„Ablaze“/"The Silence Thereafter"/"Terror Propaganda"

JUB

THE TEMPLE "Demonio" 4
Raging Planet/Artside 2001

The Temple

Da portugisische Bands stets unter dem Schatten der übermächtigen Moonspell verborgen bleiben, dürfte hierzulande nur eine Handvoll Leute von der Existenz der Band THE TEMPLE gewußt haben. Nun liegt eine vier Songs umfassende CD der Band vor und offenbart sehr moderne Klänge wie in etwa jüngere Machine Head und diverse New Metal Bands. Von diesen haben die Portugiesen auf jeden Fall die Art und Weise, Songs zu schreiben und Gesangsmelodien zu gestalten. Hippe Stakkato-Riffs und sich vom Flüstern ins Brüllen steigernder Gesang, angesagte Rückkopplungsgeräusche und poppige Melodien bilden die Grundpfeiler der CD, und die marschiert somit schnurstracks an meinen Geschmacksnerven vorbei.
"Revolution"

THOMAS

LACUNA COIL „Comalies“ 9
Century Media/Magic Arts Publ., 2002

Lacuna Coil - Comalies

Fangen wir mal wieder mit dem Äußeren der Sängerin an. Das konnte man nämlich auf ihrem Debüt „In A Reverie“ eigentlich nicht anbieten. Aber schon damals, 1999, hatte ich bemerkt, daß sich das vermutlich mit dem Verkaufserfolg der Platten ändern wird. Und was soll ich Euch sagen. Christina Scabbia ist mittlerweile dermaßen vorteilhaft gestylt, daß sie Männer-Unterleiber durchaus betören kann. Aber das nur nebenbei.
Wenn die Italiener vor drei Jahren noch sehr an The Gathering hingen, zeigt sich auf „Comalies“ ein anderes Bild. Dabei hat dies eigentlich immer noch etwas mit den großen Holländern zu tun. Denn so wie sich The Gathering von stilistischen Korsetts befreiten und heutzutage einer der größten schwermetallischen Bands überhaupt sind, versuchen LACUNA COIL, eingefahrene Weg zu verlassen. Leider gehen sie dabei noch zu inkonsequent vor, bleiben dem Gothic-Muster verhaftet, agieren vor allem getragen sentimental. Songs wie das etwas raschere „Self Deception“ und „Angel’s Punishment“ mit seinen experimetellen Passagen deuten an, daß beim nächsten Mal durchaus mit einer größeren Vielfalt gerechnet werden kann.
Die Songs selbst sind durch die Bank brillant. Starke Melodien, auf den Punkt gebrachte Arrangements, durchdachter Einsatz des männlichen und weiblichen Wechselgesangs. Tadellos. LACUNA COIL sind drin.
„Heaven’s A Lie“

JUB

TWENTYINCHBURIAL "The Sand Crystal.Ep" 5
Raging Planet/Artside, 2001

Twentyinchburial

Die aus Portugal stammende Band TWENTYINCHBURIAL hat sich ähnlich wie die Landsmänner von The Temple den zeitgemäßeren Klängen gewidmet. Heißt, New Metal verbunden mit einer gewissen Punk-Attitüde, die TWENTYINCHBURIAL eine gewisse Eigenständigkeit verleiht. Da sie nicht starr durchgestylt klingen und ein wenig unvorhersehbarer sind, haben sie im Vergleich zu The Temple leicht die Nase vorn.
"Glassheart"

THOMAS

TWO FIRES „Ignition“ 5
Frontiers/Now&Then/XIII BIS/Point., 2002

Two Fires - Ignition

Sänger Kevin Chalfant ist in der Melodic Metal/Melodic Rock-Szene legendär. Er startete seine Karriere 1980 mit der Band 707, nahm mit der Pop-Band Steel Breeze ein Album auf, scharrte Mitte der 80er Leute aus den zweiten Reihen berühmter Bands um sich und gründete VU, um 1991 seine bis dato erfolgreichste Formation ins Ramepenlicht zu rücken: The Storm. Schließlich gab es 1997 noch ein Solo-Album, bevor er sich mit Josh Ramos zusammen schmiß, um 1999 TWO FIRES zu gründen. Das Debüt-Album erschien 2000 und soll mächtig abgegangen sein. Vom vorliegenden Zweitling erwartet man das gleiche, erst recht, wo doch Hitlieferant Jim Peterik die Songs mitschrieb (siehe Abgehört vom 17. September 2002). Allerdings ist „Ignition“ absolut nix für beinharte Heavy Metal-Fans, denn radiotauglicher geht es nicht. TWO FIRES pendeln irgendwo zwischen dem frühen Bryan Adams und Journey in ihren softeren Momenten. Der Titelsong weckt gar Assoziationen zum Cliff Richard-Hit „Dreaming“. Ihr merkt schon, wo der Hase lang läuft. Wenn es in Deutschland Rock-Sender gäbe, würde man TWO FIRES vermutlich zur besten Sendezeit hoch und runter dudeln, denn die meisten Stücke sind nicht schlecht. Allerdings scheint Peterik nicht gerade das beste aus sich herausgeholt zu haben, denn die Melodien klingen doch sehr wiederaufbereitet. Cliff Richard hatten wir schon, und „I’m Falling“ beginnt mit der gleichen Melodie wie „Tonight“ von den Rubettes. Das sind jetzt aber nur die extremsten Passagen. Der Rest weckt auch ständig irgendwelche Erinnerungen an schon mal Gehörtes.
„I See Red“

JUB

LAKE OF TEARS „The Neonai“ 10
Black Mark, 2002

Lake Of Tears - The Neonai

Da sind mir doch beinahe die Ohren vom Stamm gefallen. Man bekommt solch ein quietschbuntes Cover in die Hand gedrückt, dessen Booklet wie ein Buntpapier-Bastel-Bogen aussieht, erinnert sich vage an ein paar düstere Songs von dieser Bands namens LAKE OF TEARS, ahnt schmunzelnd nichts böses und bekommt dann vom ersten Takt an eines der phantastischsten Alben des Jahres 2002 um die Ohren gehauen. Wobei der Begriff hauen hier unter Umständen in die falsche Richtung weist, denn LAKE OF TEARS sind die Wiedergeburt des Dark Wave für das neue Jahrtausend und die Erneuerung des Gothic.
Vom Flair her in der Abteilung von Sisters Of Mercy und Phillip Boa agierend, haben LAKE OF TEARS vor allem mit den typischen Tanzflächen-Füllern á la „Return Of Ravens“ oder „Leave A Room“ Songs geschaffen, die zum besten gehören, was im Dark Wave/Gothic-Genre in den zurückliegenden 15 Jahren auf Tonträger verewigt wurde.
Das minimalistisch agierende programmierte Schlagzeug mag einigen zu banal erscheinen, allerdings peitscht es in seiner Monotonie die Stücke förmlich voran. Effektivität bis zum letzten Ton. Die Melodien scheinen streckenweise nicht von dieser Welt, setzen sich sofort fest. Und die Rhythmusgitarre, die grimmig in die Melancholie einbricht, setzt dem Ganzen das Sahnehäubchen auf. 
Die getragenen Nummern „Solitude“, „Sorcerers“ (gesungen von Jennie Tebler) und „Down The Nile“ bereichern das Album ungemein, da sie in gleicher Form perfekt präsentiert werden. Und dann dieses „Nathalie And The Fireflies“. Das Ding ist eine New Wave-Hymne, die zu Beginn der 80er Jahre garantiert monatelang weltweit die Charts angeführt hätte.
Eine Traum-CD.
„Return Of Ravens“/“Can Die No More“

JUB
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