An dieser Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen
- unter der 14-tägigen Rubrik "Abgehört" -
des Jahres 2001 in der entgegengesetzten Reihenfolge ihrer Ausstrahlung.
Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen 
und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. 
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.

ABGEHÖRT vom 2. Dezember 2003


SIX FEET UNDER "Bringer Of Blood" 9
Metal Blade/SPV,2003

SIX FEET UNDER - Bringer Of Blood

Nachdem die letzte CD der Death Metal-Szenegröße bis auf ein paar Hits nichts an Spannung hergab, mußten sich die Herren Barnes, Gall, Butler und Swanson etwas besonderes einfallen lassen, um die weltweiten Fan-Scharen wieder zu versöhnen. Regierte auf "True Carnage" noch das Bestreben nach einem speziellen, äußerst tiefen Sound, welcher für siebensaitige Gitarren, fünfsaitige Bässe und eine tiefergelegte Barnes-Stimme zugeschnitten wurde, verzettelten sich die Musiker beim Songschreiben. Das sollte sich jetzt ändern. Soundmäßig ist wieder alles im Lot, und auch die Hitquote ist wieder angestiegen. Allen voran das treibende "Murdered In The Basement", das auch auf dem Überalbum "Warpath" hätte stehen können. Bei "Bringer Of Blood" und "Sick In The Head" dürfte sogar der Gehörnte höchstpersönlich im Fünfeck springen. Und der Videoauskopplungssong "Amerika The Brutal" ist mit seiner punkigen Ausrichtung ein äußerst hartnäckiger Ohrwurm. Alles im Lack? Naja, im Gegensatz zu "Warpath" und "Maximum Violence" muß man sich in "Bringer Of Blood" länger reinhören, um mit den Songs warm zu werden. Alles in Allem ist das neue Geschoß aus dem Hause SFU wesentlich durchschlagssicherer als es "True Carnage" war. "Bringer Of Blood" wird es in mindestens drei verschiedenen Versionen geben: Als Digipack mit DVD, als Digipack mit dem Song "Bringer Of Blood" in einer deutschen Version, "Bringer des Blutes", und natürlich die normale Jewelcase-Version. Der Rubel muß rollen, da beißt die Maus keinen Faden ab.
"Murdered In The Basement"

THOMAS

CHARON „The Dying Daylights“ 6
Spineform Rec, 2003

CHARON - The Dying Daylights

Auto gestartet, CD in den Schacht. "Verdammt, es hat wieder gegossen über Nacht. Das Laub ist wie ein schmieriger Film. Und ich habe doch auf den Vorder-Rädern fast Glatze. - CHARON laufen, nettes Lied. Das sind doch diese weichgespülten Sentenced. - Paß doch auf, Du Heini. Muß man schon am frühen Morgen wie besengt durch die Gegend heizen? Was liegt heute eigentlich an? Jene Absprache hier, das nächste Treffen dort. Kann langwierig werden. Mist, muß mich beeilen, sonst komme ich schon zum ersten Meeting 15 Minuten zu spät. - Wer läuft da eigentlich? Ach so, CHARON. Ist deren Neue. Irgendwie wie eine Poisonblack-Kopie. Dabei waren CHARON doch eher da. Mmmmh. - Oh Mann, hier haben se schon wieder einen Fuchs platt gefahren. Ist mir noch nie passiert. Vielleicht sollte man auch nicht unbedingt voll drauf halten, wenn ein Tier über die Straße läuft, so nach dem Motto: Dich kriege ich auch noch, wenn ich meinem Chef schon nicht die Fresse polieren darf. - Huch, CD zu Ende. Hab ich nicht soviel von mitbekommen. Also noch einmal das Ganze." --- Zwei Stunden später. --- "Sag mal, hab ich immer noch CHARON zu laufen? Vielleicht sollte ich langsam mal zuhören. Ist aber auch verdammt noch mal gar nicht so einfach bei dem Teil. Aber als Berieselung immer noch besser als einer dieser beknackten Privat-Radio-Sender, wo geistig minder bemittelte Teenager ihren Dünnpfiff in die Atmosphäre kacken. Bei CHARON wird man wenigstens nicht wütend."
„Guilt On Skin“

JUB

NUCLEAR ASSAULT "Alive Again" 7
Steamhammer/SPV,2003

NUCLEAR ASSAULT - Alive Again

Die Reunionwelle macht auch vor NUCLEAR ASSAULT nicht halt. Die New Yorker galten schon seit neun Jahren als aufgelöst. Einzig Bandgründer Danny Lilker machte hier und da noch Schlagzeilen durch seine Engangements bei Bands wie S.O.D., Holy Moses, Brutal Truth etc. Der baumlange, stets zugekiffte Bassist machte sich unter anderem als Szene-Kultfigur einen Namen. Achtet bei einem NUCLEAR ASSAULT-Konzert mal darauf, welcher Musiker beim Betreten der Bühne den meisten Applaus bekommt.
Da sich auch andere alte Thrash-Recken noch einmal zusammenrauften und die Konzertbühnen unsicher machten - siehe Agent Steel, Exodus, Death Angel oder Destruction - und einen bisher noch kleinen zweiten Frühling erlebten, hielt es auch NUCLEAR ASSAULT nicht länger in der Versenkung. Die Amis gehörten in den alten Tagen zu jenen Bands, die zwar jeder Thrasher kannte und mindestens einen Aufnäher von ihnen auf der Kutte hatte, ohne daß die Band jedoch einen herausragenden Meilenstein in der Metalgeschichte veröffentlichte. Verantwortlich für ihre Popularität waren viel eher die hysterische Keifstimme von John Connelly, an der sich die Geister schieden, die kurzen Fun-Grind-Nummern wie "Butt Fuck" oder "Hang The Pope" (von dem die Band sogar ein Exemplar der Scheibe in den Vatikan geschickt haben will) sowie zuguterletzt die formidablen Coverzeichnungen von Ed Repka, die nahezu jede Scheibe der Combo schmückten. Die Scheiben "Out Of Order" und "Something Wicked", deren Bilder von anderen Künstlern angefertigt wurden, waren sicherlich nicht auch deshalb die schlechtverkauftesten der Band. Doch hier soll es ja um die Musik gehen, und die war trotz alledem nicht von schlechten Eltern. Zum headbangen zwingende Riffs und ein treibendes Schlagzeug sowie ein mörderischer Baßsound waren und sind ein nicht wegzudenkender Teil von NUCLEAR ASSAULT. Wenn man dazu noch auf Connellys Stimme stand, konnte man sich Songs wie "Sin", "The New Song", "Radiation Sickness" oder "Rise From The Ashes" schmecken lassen. Für Leute, die die Band bisher nur vom Hörensagen kannten oder zum ersten Mal bei den kürzlich absolvierten Deutschlandtouren kennen lernten, ist "Alive Again" empfehlenswert, da sie einen guten Querschnitt aus dem gesamten Schaffen der Band vorliegen haben. Soundtechnisch muß man ein paar Abstriche machen, da die CD etwas kraftlos klingt. Deshalb die Empfehlung an die, welche eh schon alles der Amis zu Hause im Schrank haben: Hört Euch weiterhin die alten Platten an, geht zu den Konzerten der Band und wartet auf die neue Studioscheibe. Denn "Alive Again" ist zwar nicht schlecht aber auch keine zwingend notwendige Anschaffung.
"Sin"

THOMAS

GRABAK „The Serpent Within Paradise“ 7
CCP, 2003

GRABAK - The Serpent Within Paradise

Wer es deftig mag, sollte GRABAK probieren. Die Sachsen sind dermaßen verläßlich, daß Fans dieser Band eigentlich die jeweilige neue CD schon vorbestellen können, bevor die Jungs überhaupt ins Studio gehen. Der Black Metal GRABAKS ist von sympathischer Direktheit und vermeidet jeglichen Anflug von Ausflug. Auch hat sich die Band nicht gerade den Kopf darüber zerbrochen, gänsehäutende Melodien zu erfinden, sondern vielmehr vor allem erzürnt drauflosgespielt. Das klingt vielleicht hier und da ein wenig simpel, was allerdings der Intention des Black Metal an sich nicht widerspricht. Und Sänger Jan keift, daß die Halsschlagader zu platzen droht.
Getextet wurde bei GRABAK zum Teil auch wieder in deutsch. Am stärksten kommt dabei "Saxonia (743-807)" rüber, der eine Geschichte aus der grauenvollen Epoche der Christianisierung der Sachsen erzählt. "Inferno" und "Antichrist" wirken auf mich ein wenig unentschlossen, was auch positiv ausgelegt werden kann, da es bei GRABAK nicht um Bekenntnisse sondern um Zustandbeschreibungen geht. Diese wiederum können ebenso als lustvolle Darstellung, als auch als Warnung aufgefaßt werden.
Auf jeden Fall ist zum Vorgänger "Encyclopaedia Infernalis" eine Steigerung festzustellen, wenn dies hier auch noch nicht der Weisheit letzter Schluß ist.
„Saxonia (743-807)“

JUB

SYMBIONTIC "Promo 2001" 7
Eigenproduktion, 2001

SYMBIONTIC - Promo 2001

Einen recht abwechslungsreichen Death Metal spielen die im berühmt-berüchtigten Ruhrpott beheimateten SYMBIONTIC.
Im Jahr 2000 fiel der Startschuß für die erfahrenen Musiker, und kaum ein Jahr später standen sie auch schon mit einem Demo auf der Matte, welches aufhorchen läßt. Der Sound ist zwar ziemlich leise und der Drummer ein Computer, aber hey, wir sprechen ja hier auch nicht von einer Morrissound-Produktion. Auffallend ist, daß SYMIONTIC versuchen, die Waage zwischen molligem Geboller und ungesunden Melodien im Gleichgewicht zu halten. Der Tatsache bewußt, daß der erste Eindruck meist immer der bleibende ist, haben die Jungs ihren besten Song "Concrete Skies" an erster Stelle positioniert. Durch seinen geschickten Aufbau und die klasse Melodie dürfte dieser live abgehen wie Schmitts Katz. "Infesting" baut da eher auf Groove und Härte. Gepaart mit teils schwedisch angehauchten Leads und Chuck Schuldiner-Gedächtnis- Leadbreaks ist auch dieser Song hörenswert. Nummer drei, "Decompensated", hat eine, sagen wir mal, Pflichtmelodie. Wirkt etwas vertrackt und fällt im Gegensatz zu den ersten Songs ein wenig ab. Der Rausschmeißer "Predator" beginnt wie ein Prog/Melodic Metal-Song mit Keyboardchorden und Stakatoklampfen, um dann erwartungsgemäß in ein Death Metal-Brett überzugehen. Der Uptempoklopfer ist der gradlinigste Song der CD und hat einen entspannteren Mittelteil, der beim Bangen noch mal kurz eine Verschnaufpause einlegt, um danach in den Endspurt zu rasen. Den Abschluß bildet dann wieder das Keyboard, und eine hörenswerte Demo-CD ist zu Ende. Bestellen könnt ihr das Teil unter: www.symbiontic.de
"Concrete Skies"

THOMAS

MEGALITH „Soldaten des Geistes“ 9
Stonehenge Records, 2003

MEGALITH - Soldaten des Geistes

Die deutsche Sprache. Geliebt und gescholten und von teutonischen Möchtegern-Lyrikern, die die beschwerliche Arbeit des Textens inne haben, meist lediglich zum Transport sinnleerer Phrasen verwandt. Die Gruppe MEGALITH hingegen bringt ans Tageslicht, was einige noch hüten, ein paar sicher erahnten, die Herde jedoch gar nicht wissen möchte - den Deutschen ist eine Sprache gegeben, die es vermag zu beschreiben, wo andere Volksangehörige nur resigniert mit den Schultern zucken müssen. Auf "Soldaten des Geistes" tut sich da vor allem Basser Abraxas hervor, der mit "Rede des toten Christus" (inspiriert durch "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei" von Jean Paul) und "Wenn die Haifische Menschen wären" (inspiriert durch Bertolt Brechts Essay gleichen Namens) Wortkunst offenbart, die unter den Texteschreibern im deutschen Heavy Metal, ja in der deutschen Rockmusik seinesgleichen sucht.
MEGALITH sind aber nicht nur beispielgebend, was den Gebrauch der deutschen Sprache betrifft, sondern auch im Finden deutlicher Worte. Blätter vor dem Mund gibt es nicht. Was gesagt werden muß, wird gesagt. Ungeachtet möglicher Mißverständnisse oder überzogener Reaktionen. Nur einmal weicht die Band von ihrer Kompromißlosigkeit ab, wenn es gilt, den "Spendenaufruf" vor der drohenden "Nazi-Keule" zu bewahren. "Dies ist ein ironischer Text", heißt es da in einem Vorwort. "Selbstverständlich fordere ich für niemanden 'Armbinden und braune Hemden'. Das gilt auch für jene, die anderen in faschistischer Manier das Recht auf freie Meinungsäußerung nehmen wollen." Hochgradig peinlich, einen Text als "ironisch" ankündigen zu müssen. Nur für wen? Für den Dichter oder den deutschen Depp? Ich denke, es ist bezeichnend für dieses Land, das soetwas nötig ist. Denn in Teutonien wimmelt es vor Bewahrern des Sprachgebrauchs, die hinter Worten und Wortgruppen Dämonen-Heere vermuten und bei jeder Aussage, die sie nicht verstehen, einen Feldzug beginnen, der mit der moralischen Vernichtung des Feindes enden muß. Und wo wir schon beim "Spendenaufruf" sind: Obwohl lediglich in den Reigen der Bonus-Titel aufgenommen, ist hier das vielleicht beste Stück des Albums verborgen. Der militant-martialische Marsch-Rhythmus transportiert den Text auf idealste Weise, die metallische Härte und der rauhe Thrash-Gesang unterstützen die Wut und den Menschen-Haß.
"Wenn die Haifische Menschen wären" ist als doomiger Stampfer ähnlich beeindruckend. Vor allem der Refrain, bei dem Worte und Melodie nahezu miteinander verschweißt scheinen, fräst sich ins Gehirn. Doom - begleitet von klarem Gesang - ist auch das Grundgerüst von "Die Rede des toten Christus", wobei sich hier der Song im Mittelteil zu einem scharfen Midtempo-Stück entwickelt, das von deathigen Gitarren-Leads und keifigen Vocals gelenkt wird.
Death Metal-Anleihen ziehen sich durch das ganze Album. Dabei geht es aber nicht um dieses berühmte infernalische Gepolter, sondern vielmehr sind es die energischen Klampfen-Melodien, die diese Charakterisierung heraufbeschwören und an die frühen Paradise Lost erinnern. Dominiernd auch stakatohaftes Gehacke, was einigen der Songs ein totalitäres Antlitz verleiht ("Politically Incorrect", "The Revolutionary").
Ein sich mehrfach wiederholendes Thema auf "Soldaten des Geistes" ist der Nahe Osten: Israel/Palästinenser-Konflikt ("Politically ..."), Irak-Krieg ("In Deckung!"), einhergehend mit einer George-Busch-Kloppe ("Der Herdenlenker"). MEGALITH zeigen nicht nur hier, daß sie aufmerksame Beobachter dessen sind, was um sie herum täglich so passiert.
Und so ist es am Ende programmatisch, wenn es in "Der Revolutionär" (deutsche Bonustrack-Version zu "The Revolutionary") im Zusammenhang mit einem hingerichteten Rebellen, der vor Gott steht, heißt: "Du mußt wieder auf die Erde, tu' in Deutschland Deine Pflicht/Dort brauchst man Provokateure, hier im Himmel aber nicht!"
„Spendenaufruf“/"Wenn die Haifische Menschen wären"

JUB

RAGE "Soundchaser" 9
Steamhammer/SPV, 2003

RAGE - Soundchaser

Es gibt nicht viele deutsche Metalbands, die im gleichen Maße Veränderungen durchlebten und sich dabei soweit es geht treu geblieben sind wie RAGE. Sei es das Leder- und Nieten-Outfit der frühen 80er, die hohe Kopfstimme, welcher sich Peavy Anfang der 90er entledigte, das Erreichen von beinahe Thrash Metal-Härte mit der Hinzunahme eines zweiten Gitarristen Mitte der 90er, das Klassikprojekt "Lingua Mortis" und nun das Streifen von progressiven Gefilden mit den letzten drei Platten. Dennoch war stets glasklar zu erkennen, um welche Band es sich handelte, wenn RAGE irgendwo gespielt wurden. Denn die Herner Band konnte jederzeit mit dem markanten Gesang Peavys auftrumpfen. Im gleichen Maße konnte Meister Wagner seinen ganz eigenen Stil des Melodien Schreibens entwickeln, der immer durch kam, egal in welcher musikalischen Phase die Band gerade steckte. So ist es auch auf ihrer 16. Scheibe, "Soundchaser". Zum dritten Mal in Folge mit der internationalen Triobesetzung Smolski, Terrana, Wagner eingespielt, trägt die Scheibe wieder die progressive Handschrift Smolskis, der mit seinem Gitarrespiel einmal mehr die Gradwanderung zwischen hart und zart vollführt. Neoklassische Melodiebögen reihen sich an typische RAGE-Banger. Peavy schrieb wieder einen ganzen Sack voll großartiger Gesangsmelodien. Ebenso liegt der CD ein textliches Konzept zu Grunde. Erzählt wird die Geschichte des Soundchasers, dem Bandmaskottchen vieler RAGE-Plattencover. Peavy und seine Mitstreiter können sich angesichts der starken CD einmal mehr das Verdienstkreuz an die Brust heften, auch wenn ich persönlich nach wie vor auf einen Geniestreich wie "Missing Link" warte. Das schmälert die Klasse von "Soundchaser" jedoch in keinster Weise.
"War Of Worlds"

THOMAS

M.O.D. "The Rebel You Love To Hate" 6
Nuclear Blast, 2003

M.O.D. - The Rebel You Love To Hate

Bei den ersten Tönen von "Wigga" habe ich doch echt geglaubt, Großmaul Billy Milano wird zum Arschkriecher. Denn platter kann man heutzutage Crossover nicht mehr machen. Allerdings hätte ich wissen müssen, daß der Dicke eigentlich nichts ohne Grund tut, denn er verpackte einen äußerst wichtigen Text in dieses musikalische Geschenkpapier. Hier bekommen nämlich all jene weißen Schwachmaten ihr Fett weg, die sich wie Schwarze aus den Vorstadt-Ghettos kleiden, deren spastische Bewegungen imitieren und einen auf Gangsta-Rapper machen. In Deutschland gibt es davon mittlerweile eine ganze Generation. Wenn das nicht so unendlich peinlich wäre, müßte man eigentlich täglich Tränen lachend durch die Straßen stolpern. Auch der Titelsong - erinnert schon stärker an Milanos Hardcore-Vergangenheit mit M.O.D. - geht mit Möchtegerns ins Gericht. Diesmal sind es die Pseudo-Rebellen in der Musikszene, im Speziellen Rage Against The Machine. Die kriegen mit "Rage Against The Mac Machine" dann noch einmal persönlich eins auf die Birne. Verdammt, diese Verballhornung hätte direkt ein Auftragswerk von uns INTERREGNUM-Machern sein können. Denn, wenn es eine politisch motivierte Band gegeben hat, die einfach nur doof war, dann Rage Against The Machine. Da waren unsere ganzen substanzlosen Deutsch-Punk-Bands noch witziger.
Nahezu spitzenmäßig ist Milanos "Get Ready", das quasi ein Kiss-Song ist, der nicht von Kiss geschrieben wurde. Inklusive einer Gene Simmons verdammt ähnlichen Stimme, einem Ace Frehley-Solo ohne den geringsten Schwierigkeitsgrad. Witzig auch die "Almost Live Kinda-Version" mit der berühmten Kiss-Live-Konzert-Ansage "You Want The Best, You Got The Best ..." und einem Schluß, den die M.O.D.-Männer garantiert gern noch weitere sieben Minuten ausgedehnt hätten. Ebenso stilvoll ist der verulkte Michael Schenker Group-Schriftzug auf dem Cover.
So, das war es dann erst einmal mit dem Schulter-Geklopfe, denn ein paar Sachen, die Milano so abläßt, sind Stuß. Zum Beispiel "Ass-Ghanistan". Aber auch Milanos zum Faschismus neigender Patriotismus ist bekannt. Umso lächerlicher ist es, daß sich der einstige S.O.D.-Frontmann in dem musikalisch Rammstein nachempfundenen "De Men Of Stein" über einen sogenannten Neofaschismus in einer sogenannten Techno-Szene brüskiert. Keine Ahnung, was er da entdeckt haben will. Außerdem bringt er in seiner typisch amerikanischen Halbbildung wieder einmal alles durcheinander.
Musikalisch ist die Scheibe abwechslungsreich, pendelt zwischen Party-Metal, Hardcore, Crossover und Thrash-Anleihen. "Rebel" gibt es gleich dreimal auf dem Album (eine 808- und eine Radio Edit-Version) und auch "Wigga" und "Rage" kommen im Edit. Eigentlich unnötiger Füllstoff, die Pseudo-Live-Version von "Get Ready hätte genügt.
"Wigga"/"Get Ready"/"De Men Of Stein"

JUB

DEFLESHED "Royal Straight Flesh" 10
Regain Records, 2003

DEFLESHED - Royal Straight Flesh

"Battle Hymns In Eleven Acts..." ist der inoffizielle Untertitel der neuen DEFLESHED-CD und paßt hier so gut wie nur bei wenigen Bands. Einen Weltklassetrommler in Form von Matte Modin, einen Riffteufel mit dem Namen Lars Löfven und einen keifenden Dämon, getarnt als der Schwede Gustav Jorde an den dicken Saiten, mehr braucht es nicht um gestandene Metalfans wie trockenes Gras reihenweise umzumähen. 
Die Waffen des Trios sind primitiv, barbarisch und effektiv. Wie Dreschflegel, Sense und Heugabel geführt von einem aufgebrachten Mob in Rage. Wer ihm in den Weg kommt, bekommt die Tracht Prügel seines Lebens und wird im selben nicht mehr froh. Es gibt ohne viel Brimborium eiskalt was auf die Schnauze. Platzwunden, innere Blutungen und Knochenbrüche sind da noch das kleinere Übel. Zieht man als Vergleich die Musik anderer Todesschwadrone heran, ist das, als wenn man aus weiter Ferne mit einem schallgedämpften Hochpräzisionsgewehr erlegt würde. Irgendwo im Hinterhalt sitzt der anonyme Schütze und knippst Dir das Licht auf die Art und Weise aus, bei der Du nichts mitbekommst. Schnell, schmerzlos und sauber. DEFLESHED jedoch lachen über internationale Abkommen und Gitarrensolos, Hightechkriege und verfrickelte Songstrukturen, Diplomatie und Dynamik. Wer stört, wird umgelegt. Mit dem Besten aus Thrash und Death Metal, vorgetragen in höllischer Geschwindigkeit und wahnsinnig machenden Riffs. Verschnaufpausen gibt es selbstredend keine. Aber auch kein Entkommen. Ist man den schwedischen Rüpeln einmal verfallen, gibt es keinen Weg zurück, denn ihre kompromißlose Musik verströmt Suchtgefahr hoch zehn. 
"Brakefailure"

THOMAS 

RUNNING WILD „20 Years In History“ 10
Sanctuary/Noise, 2003

RUNNING WILD - 20 Years In History

Wie bitte? Viel zu subjektiv geurteilt? Ha, leckt mich am Arsch. Seit "Gates To Purgatory" (1984) gehören RUNNING WILD zur deutschen Heavy Metal-Elite: unverkennbar im Sound, einzigartig im Stil, durchgehend bei gleichbleibend hoher Qualität. Oder will tatsächlich jemand behaupten, Rock'n Rolf hätte sich irgendwann ein schwaches Album geleistet?
Um so zwingender war diese Doppel-CD mit dem Titel "20 Years In History" nötig. Endlich ein fetter Sampler mit einem Bruchteil der RUNNING WILD-Hohelieder, denen durchweg ein Charme anhaftet, der einen unverzüglich für diese Band einnimmt. Oder wie anders könnte man Songs wie "Branded & Exiled", "Under Jolly Roger", "Port Royal", "Conquistadores", "Bad To The Bone", "Black Hand Inn", "Victory" oder "Tsar" beschreiben? Sind es etwa Hits? Für diese offizielle Titel-Verleihung fehlen die entsprechenden Chart-Notierungen, könnten hippe Zeitgenossen dagegenhalten. Aber Blabla - denn was diese Songs auf Heavy Metal-Partys weltweit hoch und runter gedudelt wurden, macht keine Hitparaden-Plazierung wett.
Heavy Metal-Fans, die es bereits eben jene beschriebenen 20 Jahre in der Szene hält, benötigen zu RUNNING WILD kein Statement mehr. Den Nachrückern sei gesagt: Kaufen. Wer diskutiert, muß Björk vögeln.
„Whirlwind“

JUB

HATE FACTOR "Mind Forged Killings" 6
Eigenproduktion, 2002

HATE FACTOR - Mind Forged Killings

Aus dem Raum Krefeld kommt nicht nur Tolkienscher Bombast Metal, sondern auch oldschooliger Death Metal. Die Band HATE FACTOR existiert seit dem Jahr 2000 und legt mit "Mind Forged Killings" ihre zweite Eigenproduktion vor. Die ansprechend aufgemachte CD enthält fünf Stücke, die allesamt nicht zu verspielt sind. Was hier zählt, ist, daß der Death Metal brutal nach vorne schiebt. Ziel erreicht. Man kann, wenn man Vergleiche sucht, als Inspirationsquellen Unleashed und diverse Hardcorekapellen heranziehen. Letzteres auf jeden Fall, was die Rhythmik betrifft. Das Manko der CD liegt allerdings im Songwriting. Manchmal rumpeln die fünf zwar druckvoll aber etwas einfallslos umher. An diesem Punkt sind sie qualitativ eher durchschnittlich. Aber wo Schatten ist, da ist auch Licht. Der Rausschmeißer "Extinct" fönt wieder mit dem bereits angesprochenen Unleashed-Touch durch die Boxen, daß es nur so kracht. www.hatefactor.de
"Extinct"

THOMAS

IRON MAIDEN "Dance Of Death" 9
Iron Maiden Holdings Ltd/cmm, 2003

IRON MAIDEN - Dance Of Death

Es gibt Dinge, die funktionieren im Selbstlauf. Das gilt zum Beispiel für den Absatz von IRON MAIDEN-Alben. Selbst als die Band mit Blaze Bailey als Frontmann ständig im Feuer der Kritik stand, war sie bei jedem neuen Album ständig in aller Munde, wurden die Songs auseinandergepflückt, wollte der eine die furchtbarsten Ergüsse der Band seit ihrer Existenz wahrgenommen haben und hatten andere wiederum das Gefühl, das zum Teil beste Material IRON MAIDENs geboten bekommen zu haben. Seit Bruce Dickinsons Rückkehr ist die Welt wieder in Ordnung. Hatte man zumindest gehofft. Doch da wurde schon wieder an dem Comeback-Album "Brave New World" herumgekrittelt, paßte dem einen dies, dem anderen das nicht. Und so geht es auch "Dance Of Death". Was gab es da nicht schon alles zu lesen: Maiden würden sich wiederholen zum Beispiel. - Epochale Erkenntnis, denn das tun sie schon seit "Number Of The Beast". Nichts Neues, hieß es an anderer Stelle. - Auch geniales Wortspiel, da wirklich Neues heutzutage von 1000 Platten nicht einmal drei bieten. Oder, Dickinson würde lustlos singen. - Das schrieb garantiert jemand, der nicht singen kann. Solche Leute maßen sich schnell mal an, fachmännisch über Gesangsleistungen wirklich guter Sänger urteilen zu wollen.
Doch genug damit. Was stimmt eigentlich im Zusammenhang mit "Dance Of Death"? Die Frage ist leicht zu beantworten: IRON MAIDEN haben all ihre Trademarks und Fähigkeiten gebündelt und auf diesem Album kulminieren lassen. Die ballernden, raschen Rocker sind da ("Wildest Dreams", "Rainmaker", "New Frontier"), die dynamischen "Hallowed Be Thy Name"-Nummern ebenso ("No More Lies"), es gibt typische Mitsing-Schunkler ("Dance Of Death", "Face In The Sand") und Überraschungen ("Paschendale", "Journeyman"), der Baß tackert, wie er es nur bei Maiden tut, die Gitarren röhren und Dickinson scheint wie immer der Dramaturg der Stücke zu sein.
Wenn man etwas ankreiden möchte, dann ist es vielleicht die Einfältigkeit von "Wildest Dreams", ausgerechnet der ersten Single-Auskopplung. Das ist aber vermutlich Absicht, denn das Stück war überaus erfolgreich.
"No More Lies"/"Rainmaker"/"Paschendale" 

JUB
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