DIMENSION ZERO „Silent Night
Fever“ 9
Regain Records, 2002
Je mehr Bands einer gewissen Stilistik
frönen, um so mehr läuft man als Rezensent Gefahr, wegen Übersättigung
nicht mehr richtig hinzuhören. Bei DIMENSION ZERO, einer Band aus
dem Dunstkreis von In Flames, wäre dies aber fatal. Denn der Schweden-Vierer,
dessen Melodien auf „Silent Night Fever“ durchaus mit denen von In Flames
konkurrieren können, ist nicht nur ein weiteres Musiker-Projekt unter
vielen, sondern wartet mit einer ganz expliziten Mischung aus Death und
Thrash Metal auf, wie sie zum Beispiel Soilwork praktizieren. Auch in Sachen
Härtegrad kann man durchaus mit den schwedischen Jung-Kollegen in
einer Mannschaft antreten.
DIMENSION ZERO ist die Band von
Jesper Strömblad (Immer-noch-In Flames) und Glenn Ljungström
(Ex-In Flames). Verstärkt wurden sie durch Jocke Göthberg (Ex-Marduk)
und Hasse Nilsson. Und obwohl die Band nur knapp seit 1996 existiert, stellt
dieses Debüt-Album bereits das erste Comeback dar, hatte man sich
doch bereits 1998 schon wieder getrennt. Seit 2000 ist man aber wieder
dabei, da es offenbar eine Menge an kreativen Outputs und überschüssiger
Energie abzuladen gibt. Und so wurde „Silent Night Fever“ ein exzellentes
Stück Schweden-Holz, wie es gegenwärtig nicht unbedingt mehr
üblich ist. Denn dieses Album enthält nicht einen Füller.
„Slow Silent“ mag der ein oder andere so sehen, mit seiner Kürze und
völlig dem Charkter der Scheibe konträren Gothic-Pop-Appeal stellt
der Song aber eher ein witziges Outro dar.
„Silent Night Fever“
JUB
BLUDGEON „Crucify The Priest“
5
Metal Blade/Magic Circle Music,
2002
Joey DeMaio, Bassist bei Manowar,
ist schon ein komischer Kauz. Während er mit seiner Band den Schnulzen-Overkill
übt, produziert er mal so ganz nebenbei eine us-amerikanische Band
namens BLUDGEON. Und die haben mit sanftmütigen Tönen absolut
nichts am Hut. Hier gibt es fast kompromißlose Thrash und Death Metal-Kost.
Warum fast? Dazu komme ich an anderer Stelle.
Die vier Typen, die sich im Booklet
als die ultra-harten Wir-leben-den-Metal-in-jeder-Sekunde-Kerle präsentieren,
servieren mit „Crucify The Priest“ ihr CD-Debüt. Dabei könnte
man nach dem Hören der Scheibe meinen, BLUDGEON gäbe es schon
weit aus länger, dominiert doch der Old School-Stil. Die Songs sind
ganz Rhythmus, selten haben die Gitarristen mehr zu tun, als hackende und
Dampframmen-ähnliche Riffs zu spielen. Obendrein ist mit Chewy ein
exzellenter Schlagzeuger am Start, der es versteht, mit seinem Spiel die
Stücke noch fetter wirken zu lassen, als sie ohnehin schon sind. Auch
bei Geschwindigkeits-Orgien á la Slayer wie bei „Abandoned“ macht
Chewy eine gute Figur.
Und jetzt kommen wir auf das „fast
kompromißlos“ zu sprechen. Hin und wieder beschleicht einen das Gefühl,
die ein oder andere Passage auch einer New Metal-Kapelle zugestehen zu
wollen. Solche Gedanken verscheucht man ob der fetten Produktion aber immer
wieder, bis einem dann in „Bound“ Scratching entgegentönt und Sänger/Gitarrist
Marc Duca nur noch im Stakkato-Gestammel durch den Song holpert. Aber damit
nicht genug. Auch scheinen die Jungs nicht gerade die Abwechslung erfunden
zu haben. Vielmehr bleibt nach dem Hören der CD irgendwie nichts weiter
im Hirn, als die Erinnerung an bleischwere Gitarren. Und auch diese Gedanken
verblassen schnell.
„Inner Hell“
JUB
THE QUILL „Voodoo Caravan“
7
Steamhammer/SPV, 2002
Au watt, mit den Szenegrößen
aus den Staaten können die schwedischen Stoner Rocker THE QUILL allemal
mithalten. Die Stücke auf ihrer nunmehr dritten CD „Voodoo Caravan“
klingen absolut professionell und hätten unter Umständen zum
Teil auch auf einem Monster Magnet-Album stehen können - zum Beispiel.
Neben dem typischen schwerfälligen
Gitarren-Gedröhn lassen THE QUILL auch eine psychedelische Komponente
in ihre Musik einfließen, die besonders bei „Shapes Of Afterlife“
und der Acht-Minuten-Nummer „Virgo“ zum Tragen kommt. Einen Aha-Effekt
erzeugen die Schweden in „Until Earth Is Bitter Gone“, wenn ein Moog-Synthesizer
anklingt, wie er uns noch aus „Nights In White Satin“ von Moody Blues bestens
in den Ohren hallt. Und Led Zeppelin im Stile von „Hats Off To (Roy) Harper“
kommt in „(Wade Across) The Mighty River“ zu Ehren.
Und trotz dieser Hinwendungen bleibt
das Manko, das „Voodoo Caravan“ etwas an Eintönigkeit krankt. Offenbar
wurden die Songs immer unter Einfluß ein und derselben Droge geschrieben
- - - hätte man in den 70ern in einer Review gelesen. Heutzutage darf
bezweifelt werden, daß Bands wie THE QUILL tatsächlich bewußtseinserweiternde
Kräuter oder Pharmaka zu sich nehmen, um Musik zu kreieren. Und schon
ist es am Ende doch alles nur etwas, das immer klingt wie Dinge, die alle
schon einmal da waren.
„Shapes Of Afterlife“
JUB
WHITE SKULL „Public Glory,
Secret Agony“ 9
Breaker Rec./Radiation, 2000
„The Roman Empire“
Die Rhythmus-Gitarre, die die Songs
wie ein gut geschmierter Motor vorantreibt, unterstützt von einem
fast durchgehenden Double-Bass-Spiel und alles in einer Geschwindigkeit,
die landläufig mit Speed bezeichnet wird, sind mittlerweile das Markenzeichen
von WHITE SKULL. Natürlich ist da noch Sängerin Frederica De
Boni zu nennen, die dieser Art des Power Metal durch ihre rauhe und doch
weibliche Stimme das gewisse Etwas verleiht. Mit diesen Zutaten ist „Public
Glory, Secret Agony“ wie Teil 2 des vorangegangenen Erfolgs-Albums „Tales
From The North“ geworden. Lediglich die Thematik variierte: Sang man auf
„Tales ...“ über Wikinger und die Nibelungen, steht auf „Public ...“
die Geschichte des römischen Imperiums im Mittelpunkt. Das paßt
natürlich besser zu Italienern, wie es WHITE SKULL bekanntlich welche
sind.
Bereits der Opener (nach einem Intro)
„High Treason“ macht unmißverständlich deutlich, daß bei
WHITE SKULL alles beim Alten geblieben ist. Jedoch Frederica zeigt, daß
sie nicht nur knurren und brüllen kann, sondern daß ihr auch
pathetisches Trällern liegt.
Die Songs sind recht simpel gestrickt,
warten aber durchgehend mit trefflichen Melodien auf. Auch eine breiter
angelegte epische Nummer ist vertreten: „In Ceasar We Trust“.
Sicher ist die Veröffentlichung
dieses Albums schon ein paar Tage her, da es bisher bei INTERREGNUM jedoch
nicht zu Ehren kam, soll es im Zusammenhang mit der neuen WHITE SKULL-CD
doch noch eine entsprechende Würdigung erhalten.
JUB
WHITE SKULL „The Dark Age“
7
Frontiers/Now&Then/XIII BIS/Point,
2002
Nun, und zwei Jahre später ist
plötzlich alles anders. Es beginnt beim Sängerwechsel. Frederica
De Boni ging mit ihrem Freund in die Staaten und WHITE SKULL verstärkten
sich am Mikrofon mit einem männlichen Band-Mitglied. Der Neue heißt
Gustavo Adrian Gabano und stammt aus Argentinien. Seine Aufgabe ist keine
leichte, war Frederica doch nicht nur Markenzeichen der WHITE SKULL-Musik,
sondern auch auf ihre Weise ein gewisses Aushängeschild. Das könnte
Gustavo auch werden, fällt er doch auf der Bühne durch sein Äußeres
als eine Mischung aus Metal Warrior und Glam-Rocker auf. Allerdings agiert
er ähnlich wie Frederica noch etwas zu zurückhaltend. Sein Stimmlage
ist der von Frederica nicht unähnlich. Auch singt er ähnlich
gepreßt wie die einstige Frontfrau. Allerdings hatte die Sängerin
doch noch etwas mehr Rauheit in der Kehle und klang vielleicht gerade deshalb
wärmer.
Trotzdem geht ein dickes Lob an
WHITE SKULL, die sich nicht etwa - wie derzeit schwer in Mode bei italienischen
Power Metal Bands - einen hodenlosen Vokalakrobaten in die Mannschaft holten.
Leider unterscheidet sich die neue
Scheibe „The Dark Age“ - inhaltlich geht es um Mittelalter und Inquisition
- doch erheblich im Songwriting von ihren Vorgängern. Abgesehen davon,
daß die Band jetzt mehr mit orchestralen Keyboard-Klängen arbeitet,
sind die Stücke zum einen tempomäßig gedrosselt und zum
anderen erheblich vielschichtiger. „Maid Of Orleans“ und „New Crusade“
sind zum Beispiel Nummern, die geschickt durcharrangiert sind, mit reichlich
Dynamik aufwarten. Hier mal ein Gitarren-Solo, dort eine Keyboard-Kurve,
an der nächsten Stelle überraschen Rhythmus-Gimmicks. In „The
Edict“ setzt sich das fort und Gustavo deutet an, welch Stimmvolumen er
besitzt. Aber nicht nur in diesem Lied erreicht die Refrain-Melodie längst
nicht die Tiefe wie in den Glanztaten auf „Tales ...“ und „Public ...“
Mit „Voice From Heaven“ gibt es
dann eine Ballade, die Gustavo zum Teil etwas theatralisch interpretiert,
die aber gar nicht so übel ist.
Wie schon eingangs angedeutet, bieten
WHITE SKULL auf „The Dark Age“ ein wirklich hochwertiges Songwriting an.
Allerdings hätte es nicht Not getan, zum Zweck der Gestaltung eines
abwechslungsreichen Arrangements ständig gute straighte Riff-Ideen
zu verlassen. Die Scheibe hätte definitiv mehr Songs vom Schlage „Sentence
Of Death“ vertragen können.
Manch einer mag die alten WHITE
SKULL zu primitiv gefunden haben. Ich fand es sehr geil. Das neue Zeug
ist mir trotz der komplizierteren Strukturen zu austauschbar. Auch setzt
sich kein Song beim ersten Hören wirklich fest. Schade eigentlich.
„A New Handbook“
JUB
SEVEN WITCHES „Xiled To Infinity
And One“ 8
Sanctuary/Noise, 2002
Melodischer Up-Tempo-Thrash Metal
ist das Metier von Gitarrist Jack Frost mit seiner Band SEVEN WITCHES.
Logisch, daß auch diese Musik wie aus den 80ern ins neue Jahrtausend
transferiert klingt. Grim Reaper wäre da ein Anhaltspunkt, denn von
dieser Band covern SEVEN WITCHES das Stück „See You In Hell“ und es
paßt zu den Eigenkompositionen wie die Mutter auf die Schraube. Sänger
Wade Black wird hier von Joe Comeau (Annihilator) unterstützt.
Vollständig interpretieren
darf Savatage-Boß Jon Oliva einen Song. Aus dem straighten Kracher
„The Burning“ macht er dann beinahe auch einen Savatage-Song. Aber bei
dieser markanten Stimme auch kein Wunder.
Wunderlich wird es allerdings bei
„Warmth Of Winter“. Hier machen SEVEN WITCHES volles Rohr auf New Metal
und gehen dabei völlig baden. Und als würde ein Ausrutscher nicht
genügen, gibt es mit „Anger’s Door“ gleich noch eine Zugabe. Diesmal
kein New Metal aber trotzdem in den Sand gesetzt.
Und da alle guten Dinge drei sind,
schieben SEVEN WITCHES „Eyes Of An Angel“ nach. Aber an dieser Stelle muß
betont werden, daß sich weniger um einen qualitativ abfallenden Song
handelt, als vielmehr um einen für die Platte ungewöhnlichen.
Manch einer wird „Eyes ...“ ablehnen, andere wiederum könnten ausgerechnet
dieses Stück zu ihrem Lieblingslied auf „Xiled To Infinty And One“
erheben.
„Metal Tyrant“
JUB
NERTHUS „Scattered To The
Four Wainds“ 5
CCP Records, 2001
Auch wenn die Label- und Promo-Schreiber
meist beim Preisen einer Neuveröffentlichung keine leichte Aufgabe
zu bewältigen haben, sollten CCP aus Österreich darüber
nachdenken, ob sie nicht unter Umständen einem anderen die Arbeit
überlassen wollen. Denn die Beipack-Zettel des Labels sind fast immer
unfreiwillig komische Lobhudeleien. Kraß ist es einmal mehr bei der
Gruppe NERTHUS. Da ist von einem „prachtvollen und feierlichen Debüt“
die Rede, mit dem die Band die „Fachwelt in anhaltendes Staunen versetzen“
konnte. Dem war nicht so. Die Reaktionen auf „Escape From Suction“ waren
durchwachsen. Euphorisch oder gar begeistert war kaum jemand. Auch bei
uns rangierte das Debüt mehr unter ferner liefen. Und daß die
auf dem Erstling enthaltenen Songs „nur so vor mittelalterlicher Authentizität“
strotzten, ist schließlich völliger Unfug. Zum einen ist eine
„mittelalterliche Authentizität“ absolut unmöglich (siehe Subway
To Sally-Interview), zum anderen - wenn schon angestrebt - kann dies
doch wohl kaum mit Drum-Computer und Keyboard geschehen. Eigentlich müßte
der Beipack-Zettel-Schreiber doch wissen, daß das Debüt unter
Umständen auch durch jene Hände ging, die jetzt dieses Geschreibsel
halten. Von daher ...
Aber genug davon. Es geht ja schließlich
um die Band, und um das, was sie auf Album Nummer zwei, „Scattered To The
Four Wainds“ zustande brachte. Und da kann schon mal vorangestellt werden,
daß der Zweitling besser ist, als das Debüt. Das liegt unter
anderem daran, daß Komponist sowie Schlagzeug- und Perkussions-Programmierer
Alexander K. Hiebaum die Stücke nicht wie einst mit nicht trommelbaren
Rhythmus-Konstrukten überfrachtete. Zwar klingt das Ganze - das nur
mit Vorsicht als Black Metal bezeichnet werden kann - immer noch sehr künstlich
und patschen vor allem die Becken, paßt es doch besser zu den Strukturen
der Songs. Diese wiederum sind auf „Scattered ...“ nicht mehr nur elendig
durchschnittlich. Mit „Inanimated Frames“ ist der Band zum Beispiel ein
durchaus dramatisches und mit interessanten Wendungen aufwartendes Stück
gelungen. Auch „Flashing Turmoil“ weiß in seiner tragenden Art zu
gefallen. Hier macht allerdings der bereits erwähnte miese Becken-Klang
vieles kaputt. Auch kann Alexander K. Hiebaum an dieser Stelle ein übermotiviertes
Programming nicht ganz abgesprochen werden.
Offenbar ist man sich in der Band
noch nicht im Klaren, wie die angedachte Stilistik optimal umgesetzt werden
kann, denn im Ansatz ist ja einiges vorhanden. Diese Unentschlossenheit
kommt auch im Cover-Artwork zum Tragen. Während das gesamte Booklet
mit herrlichen Landschaftsmalereien in Wasserfarben ausgestattet ist, ziert
das Frontcover wie schon auf dem Debüt ein Landschafts-Foto. Warum?
Weil man nun mal damit angefangen hat und es durchziehen will? Unsinn.
Musik, Texte und Cover sollten doch stimmig sein. Und da hätte eine
dieser Malereien weit mehr hergemacht, als dieses Reise-Prospekt-Foto.
Fazit: NERTHUS probieren immer noch,
fangen aber langsam an, interessant zu werden.
„Inanimated Frames“
JUB
MESSIAH’S KISS „Prayer For
The Dying“ 8
Steamhammer/SPV, 2002
Die armen alten Herren, könnte
man meinen, wenn man weiß, daß die Musiker von MESSIAH’S KISS
es bereits seit 1986 mit einer Band namens Repression versuchten, bis 1998
vier Alben aufnahmen aber nie etwas rissen. Da ist es nur allzu verständlich,
wenn sie sagen: „Wir machen das, was wir lieben und ohne Zweifel auch am
besten können: klassischen Heavy Metal.“ Noch so eine Nichtkönner-Truppe,
die versucht, auf der noch anhaltenden Metal-Welle mitzureiten?
Oh, weit gefehlt. Wenn die Repression-Sachen
nur halb so gut sind wie das MESSIAH’S KISS-Zeug, lohnt es sich, ein Ohr
zu riskieren. Denn „Prayer For The Dying“ bietet Heavy Metal im 80er-Jahre-Stil
auf höchstem Niveau. Obendrein kaschten sich die vier Deutschen einen
us-amerikanischen Sänger namens Mike Tirelli (Holy Mother, Burning
Star), der manchmal wie ein zorniger Ronnie James Dio klingt, dabei aber
stimmlich weitaus variabler zu Werke geht.
Und MESSIAH’S KISS offenbaren in
jeder Note, wodurch sie geprägt wurden. Nehmen wie nur das Riff in
„Blood, Sweat & Tears“, das in bester Saxon-Manier endlos wiederholt
wird. Kann es auch ruhig, denn an solchen Banging-Drogen kann man sich
gar nicht satt hören.
Leider erleidet die Scheibe ab „Night
Comes Down“ eine kleine Reifen-Panne. „Mortal Sin“, „Final Warning“ und
„Pride & Glory“ sind sicher immer noch besser als das, was die meisten
Retro-Metal-Kapellen heutzutage bieten, kommt aber längst nicht mehr
so leichtfüßig daher, wie das andere Material.
Das Finale mit „Blood Of The Kings“
stimmt dann wieder versöhnlich. Das Stück ist eine echte Hymne.
Hoffentlich war dies keine Eintagsfliege und MESSIAH’S KISS bleibt uns
erhalten.
„Blood, Sweat & Tears“
JUB
SENTENCED „The Cold White
Light“ 10
Century Media/Magic Arts Publ.,
2002
Willkommen zum Friedhof-Spaziergang.
SENTENCED laden ein. Mit „Down“ (1996) taten sie einst alles, damit wir
uns so richtig mies fühlten. „Frozen“ (1998) ließ uns das Blut
in den Adern gefrieren. Und wer sich nicht spätestens bei „Crimson“
(2000) die Kugel gegeben hat, der bekommt jetzt mit „The Cold White Light“
eine letzte Chance, dem profanen Dasein zu entsagen.
Schon bei „Cross My Heart And Hope
To Die“ mit seiner zu Tränen rührenden Melodie und den Brachial-Gitarren
ist man hoffnungslos in den Bann der Musik gezogen. „Brief Is The Light“
läßt da nicht locker. Beinahe unglaublich, wie eine herzzerreißende
Akustik-Gitarre trotz Metal-Bollwerk diesem Lied wohlige Wärme einhaucht.
So fühlt es sich an, wenn Blut über Deinen Leib fließt.
„Brief Is The Light“
Und da soll es doch ein Tuscheln
zwischen den Gräbern geben, SENTENCED hätten etwas von den Pseudo-Zombies
HIM. Abgesehen davon, daß es definitiv die Band der beiden Gitarristen
Miika Tenkula und Sami Lopakka war, die diese schaurig schöne Musik
populär machte, trennen die beiden Finnen-Exporte Welten. Während
Ville Vallo zu liebreizendem Keyboard-Schwulst ein Rose bricht und Tränen
ob der gegangenen Liebe vergießt, geben sich die SENTENCED-Burschen
mit dem irdenen Diesseits nur gezwungenermaßen ab, um die Schwelle
zum ewigen Schlaf um so deutlicher herauszuheben. Dabei sind sie
laut und rüde. „Ruhe sanft“ wird hier zu einer Wort-Karrikatur.
„Neverlasting“
Und gäbe es auf „The Cold White
Light“ keine Ballade, wäre die CD unfertig. So steht „Everything Is
Nothing“ nach der Hälfte des Gangs durch das Gräberfeld an genau
der richtigen Stelle. Doch selbst der in ein Korsett zwingende Begriff
„Ballade“ bringt die Gitarren nicht zum Schweigen. Nicht einmal leiser
werden sie. Mit einer unsäglichen Schwere machen sie den Song zu einem
Trauermarsch, der mit dem Herabsenken des Sargs in das endlos tiefe Grab
endet.
Und daß sogar die Selbsttötung
ein Thema voller Facetten ist und vermutlich auch noch auf den nächsten
zehn (in stiller Hoffnung, daß es noch so viele werden mögen)
Alben abwechslungsreich behandelt werden kann, zeigt das Stück „Excuse
Me While I Kill Myself“. Humor ist, wenn man trotzdem lacht.
„Excuse Me While I Kill Myself“
Die tödliche Einsamkeit des
Individuums wird schließlich in „You Are The One“ und „The Luxury
Of A Grave“ perfektioniert, um bei „No One There“ geradezu schmerzlich
empfunden zu werden. Und für das Ende dieses Songs ist die schauerlichste
Gänsehaut seit Friedkins „Exorcist“ garantiert.
Dieses Album macht jeden Tag zu
einem guten Tag zum Sterben.
JUB
DEAD EMOTIONS „Gates To The
Unseen“ 5
Eigenprod, 2000
Bei „Gates To The Unseen“ von DEAD
EMOTIONS liegen Licht und Schatten dermaßen dicht beieinander, daß
sogar Dinge, die für die Band sprechen, im nächsten Moment schon
wieder ein Problem nach sich ziehen. Dabei ist speziell die Tatsache gemeint,
daß es sich bei der Musik von DEAD EMOTIONS offenbar um ein Kopfprodukt
handelt. Deutlich ist zu vernehmen, daß sich die Musiker redliche
Mühe gegeben haben, bei den Kompositionen und den Arrangements nichts
dem Zufall zu überlassen. Jede einzelne Passage wirkt bedeutungsschwanger.
Allerdings passen nicht in jedem Fall die einzeln aneinander gefügten
Elemente auch wirklich zusammen. Manchmal – wie in „Dark Desire“ - stehen
sich die unterschiedlichen Ideen gegenseitig im Weg.
DEAD EMOTIONS frönen einer
äußerst düsteren Form des Death Metal. Die Stücke
passieren meist im Midtempo- oder Doom-Bereich, haben ganz dezente Schweden-Anleihen.
Jedoch offenbaren die Songs durchaus ein Manko beim Erfinden von Gesangsmelodien.
Auf „Gates Of Unseen“ wird in erster Linie gesprochen, und wenn die Grunts
von Manuel Selmer erklingen, bleiben sie häufig auf einer Ebene oder
klettern banal die Tonleiter hinab („Zu Asche mein Haupt“). Bedenklich
wird es, wenn die Münchener im Refrain von „Leidenschaft in Rot“ keinen
besseren Einfall hatten, als die Zeilen „Schwarz die Nacht, Schwarz der
Mond, Schwarz der Tod, Leidenschaft in Rot“ rhythmisch wie „Du bist Skinhead,
Du bist stolz, Du bist Skinhead, schrei’s heraus“ (Böhse Onkelz) zu
singen. Wobei es hier nicht um den Inhalt geht. Vielmehr gehen die zum
Teil äußerst primitiven Gesangslinien mit der um Abwechslung
bemühten Instrumentalmusik nicht einher.
Gelungener sind da „The Gates To
The Unseen“, wo es aber wieder beim cleanen Gesang hapert, und „Silence
Of My Damned Soul“.
Nun, diese CD ist laut Bandinfo
gut zwei Jahre alt. Interessant wäre hier gewiß mal zu hören,
was sich bei DEAD EMOTIONS getan hat. Den Jungs täte es garantiert
gut, würden sie ihr Zeug etwas mehr Spontaneität zugestehen,
quasi bißchen mehr aus dem Bauch heraus.
„Dark Desire“
JUB
FREEDOM CALL „Eternity“ 8
Steamhammer/SPV/CBH, 2002
FREEDOM CALL bleiben sich auf ihrem
dritten Longplayer treu. „Eternity“ bietet genau wie seine Vorgänger
helloweensche „Keeper“-Refrain-Melodien, Chor-Bombast, Hymnisches, speedige
Melodic-Kracher und Romantisches. Der schon auf „Crystal Empire“ voll ausgereizte
Bombast wurde nicht ins Unermeßliche getrieben. Eher hat man den
Eindruck, daß das ein oder andere doch wieder urwüchsiger klingt.
Das Songwriting ist erneut perfekt. Allerdings haben sich FREEDOM CALL
mit „Ages Of Power“ die Meßlatte selbst dermaßen hoch gelegt,
daß einige der anderen Stücke dagegen einfach nur abfallen können,
ohne dabei aber wirklich schlecht zu sein. Allerdings ist zum Beispiel
„The Eye Of The World“ einfach zu simpel gestrickt. „Flying High“ und „Warriors“
hingegen machen mächtig Alarm. Der Balladen-Versuch „Bleeding Heart“
ist nicht schlecht gelungen und „Turn Back Time“ steht trotz seines folkigen
Anflugs den Melodic Speed Metallern nicht schlecht zu Gesicht.
FREEDOM CALL-Fans werden begeistert
sein. Auch Anhänger des Rhapsody/Stratovarius/Edguy-Lagers können
sich in „Eternity“ genüßlich aalen.
„Ages Of Power“
JUB
ONWARD „Reawaken“ 8
Century Media/Magic Arts Publ.,
2002
Old School-Metaller - und hier meine
ich besonders jene, die auf die 80er schwören - werden vor Verzückung
quietschen, wenn ihnen die zweite ONWARD-Scheibe „Reawaken“ in die Hände
fällt. Jung-Metal-Freaks hingegen dürften in der Masse über
die Songs dieser CD die Nase rümpfen oder zumindest einige Durchläufe
benötigen, bevor ihnen ein Licht aufgeht.
ONWARD kommen uns nämlich mit
jener Mischung, wie sie in den Staaten zu einer Zeit in Mode war, als die
großen Thrash Metal-Bands langsam dem Underground entschlüpften.
Eine Zeit, als eine Reihe Heavy Metal-Bands dem Zeitgeist vertrauten, ihre
Gitarren schärften, das Tempo erhöhten. ONWARD verpassen dem
Ganzen noch einen Schuß Progressive Metal und klingen dadurch hin
und wieder wie Omen, offenbaren Song-Strukturen, wie sie Sanctuary entwickelten.
Und Sänger Michael Grant gibt mit seiner Stimme eine Prise October
31 hinzu. Und zuguterletzt erahnt man bei dem Stück „Clockwork Toy“
gar noch die guten alten Raven als Paten-Onkels.
Bei all diesen Referenzen sei darauf
aufmerksam gemacht, daß ONWARD trotz allem die Band eines Gitarren-Helden
ist. Toby Knapp heißt der Gute. Allerdings ist er keiner von den
spleenigen Musikern, die ihre Kunst eigentlich nur Musikern darbieten.
Seine Fähigkeiten kommen zwar auch in exzellenten Soli zur Geltung,
werden aber vor allen Dingen durch Rhythmus-Gitarren-Raffinessen deutlich.
Am Ende der CD gibt es dann mit
dem Stück „The Next Triumph“ einen fast zehnminütigen Zweiteiler,
der tatsächlich zum Höhepunkt des Albums wird. Eingeleitet durch
die Ballade „I. Rememberance“ entwickelt sich mit „II. Reawakening“ ein
Midtempo-Kracher mit herrlichen Melodie-Linien und Synchron-Gitarren-Soli.
Und schließlich bemerkt man bei diesem Stück, was einem unter
Umständen auf der CD hier und da nicht behagte: Toby Knapp hätte
manchmal durchaus gefälliger, weniger angestrengt zu Werke gehen können.
Die Songs hätten es auf jeden Fall hergegeben.
„Where Evil Follows“
JUB
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