STORMWARRIOR „Stormwarrior“
9
Remedy Rec., 2002
War es bisher auch nur Spekulation,
jetzt wissen wir es: Kai Hansen fand sein „Walls Of Jericho“-Werk mit Helloween
immer schon am besten. Nur fand er nie die Muße und vermutlich auch
nicht die richtigen Leute, einen Nachfolger einzuhämmern. Mit dem
selbstbetitelten STORMWARRIOR-Debüt liegt dieser ultimative Nachfolger
nun vor. Denn kein anderer als Kai Hansen selbst saß bei der Produktion
dieser Scheibe an den Reglern. Und wer die „Walls Of Jericho“ im Schrank
zu stehen hat, wird verzückt aufquieken, wenn ihm die Gitarren von
Lars Ramcke und Scott Bölter um die Ohren gehauen werden. Der Sound
ist nicht etwa nur ähnlich, sondern fast identisch. Die Songs folgen
dem gleichen Muster wie einst die Stücke auf dem Heavy Metal-Meilenstein:
Hervorragende, einprägsame Melodien, atemberaubende Geschwindigkeit
und genretypische Metal-Axe-Steel-Defenders-Warlords-Texte.
Dem Helloweenschen Gerüst ist
noch ein Schuß Running Wild beigemengt, der das Ganze streckenweise
noch aggressiver macht. Am Ende gibt es dann mit „Heavy Metal“ einen Direktverweis
auf die großen Vorbilder Helloween.
Wer sich jetzt fragt, wo die Band
ihre Eigenständigkeit wahrt, dem sei gesagt, daß die in den
Details steckt. Das sind die Melodie-Führungen, auf jeden Fall die
Arrangements oder auch die Art und Weise, Soli zu spielen.
„Stormwarrior“ ist eine brillante
CD, die - gebe es nicht schon „Walls Of Jericho“ - garantiert einen Meilenstein-Platz
ergattern würde.
„Signe Of The Warlorde“/“Heavy
Metal (is the law)“
JUB
WARHAMMER „Curse Of The Absolute
Eclipse“ 4
Nuclear Blast, 2002
Wie eine andere Band zu klingen,
muß keine Schande sein. Selbst dann nicht, wenn man sich ganz bewußt
mit den Markenzeichen der Vorbilder schmückt. So etwas kann dann ja
immer noch als Homage verkauft werden.
Bei der Band Hellhammer liegt für
meine Begriffe die Situation etwas anders. Der Celtic Frost-Vorgänger
erlangte zwar durchaus wegen seiner neuen musikalischen Wege, die er beschritt,
einen gottgleichen Status. Wir sollten aber nicht vergessen, daß
es auch dieser rührende Dilletantismus war, der Hellhammer Kult werden
ließ. Diese Limitierungen im Songwriting und in der musikalischen
Umsetzung heutzutage zu imitieren, streift allerdings die Sphäre der
Peinlichkeit. Und so haben WARHAMMER absolut nichts, was nach WARHAMMER
klingen würde. Alles - vom Cover-Artwork über die Songtitel bis
hin zur Musik natürlich - ist auf die nur kurze Phase Hellhammers
zu Beginn der 80er Jahre ausgerichtet. Und diese Musik macht doch eigentlich
nur Spaß, wenn man sie im Kontext mit der Zeit, in der sie entstand
hört. Das Album „Curse Of The Absolute Eclipse“ wirkt da eher wie
eine Mogelpackung.
Nun, und wer Hellhammer nicht kennt,
der kann ja mal sehen, ob ihm diese Mischung aus Punk, Black Sabbath und
Doom, die irgendwann einmal Black Metal werden sollte, gefällt. Zumindest
muß man WARHAMMER lassen, daß das Ganze perfekt gemacht ist.
„The Conqueror Worm“
JUB
THRESHOLD „Critical Mass“
10
Inside Out/SPV, 2002
Um es vorweg zu nehmen: THRESHOLD
haben ihrem überirdischen Erfolgs-Album „Hypothetical“ von 2001 mit
„Critical Mass“ definitiv einen würdigen Nachfolger hinterhergeschoben.
Die Stärken des Vorgängers wurden auch diesmal ausgereizt, so
daß die Briten weiterhin den Thron des Progressiv Metal innehaben
werden. Welch eine Band dieses Genres schafft es schon, künstlerisch
filigran die solistischen Fähigkeiten der Mitmusiker auszuspielen
und dabei nahezu einen Pop-Appeal zu präsentieren, der allerdings
nicht durch fehlende Härte erreicht wird. Vielmehr machen THRESHOLD
streckenweise solchen Druck, daß es einer Thrash Metal-Band zur Ehre
gereichen würde. Die Melodien der Stücke sind allerdings
meist erneut so sanft und eingängig, daß selbst zart besaitete
Gemüter THRESHOLD nicht ohne Weiteres links liegen lassen können.
Anspieltipp wäre da unbedingt der Opener „Phenomenon“, der eigentlich
all die Vorzüge der Band in sich vereint.
Wenn man sich bei diesem herausragenden
Album überhaupt kritische Gedanken abringen soll, dann höchsten
den, daß „Hypothetical“ einen Hauch abwechslungsreicher war. Dort
erlaubte man sich noch musikalische Ungewöhnlichkeiten und hatte Balladeskes
im Gepäck, das einem schon fast schmerzhafte Gänsehaut verschaffte.
„Phenomenon“
JUB
MASTERPLAN „Enlighten Me“
9
AFM/Painful Lust., 2002
Und wieder müssen wir an dieser
Stelle eine EP besprechen. An MASTERPLAN kommt man einfach nicht vorbei.
Dafür gibt es mehrere Gründe. Der erste ist definitiv die brillante
Musik. Ob das fette Titelstück „Enlighten Me“, das rasche „Kind Hearted
Light“ oder Bonustrack „Through Thick And Thin“ - hier wird Perfektion
ganz groß geschrieben. Melodien, Arrangements, Instrumentenbehandlung
- alles wirkt wie der Weisheit letzter Schluß beim Erschaffen eines
Melodic Power Metal-Albums.
Grund Nummer zwei für einen
unwiderstehlichen Kaufzwang ist die Mitarbeit des norwegischen Sängers
Jorn Lande. Wo der singt, da kniet man nieder. Erinnert sei nur an seine
Leistungen bei Ark, Jorn und Millennium.
Nun und schließlich könnte
für den ein oder anderen auch die Mitarbeit der Helloween-Leute Roland
Grapow und Uli Kusch reizvoll sein. Allerdings sollte niemand Helloween-beeinflußte
Musik erwarten. Dann könnte man sich schon eher an Alben orientieren,
auf denen Lande mitgewirkt hat.
Interessant ist auf dieser Single
auch das Led Zeppelin-Cover „Black Dog“, das ein bißchen wie das
Gipfeltreffen Coverdale/Page klingt. Allerdings muß man sich erst
an diese doch im Gegensatz zum Original glatte Version gewöhnen.
„Enlighten Me“/“Kind Hearted
Light“
JUB
ENGORGED „Engorged“ 9
Necropolis Rec/Deathvomit Rec, 2002
Das passiert in der Neuzeit nicht
oft, daß eine Death Metal-Band auftaucht, die mal eben so ein Album
einspielt und auf der ganzen Linie überzeugen kann. Gerade diese Szene
krankt unter einem Überangebot, das kaum Innovatives oder gar Ungewöhnliches
zuläßt. ENGORGED haben diese Hürde allerdings genommen
und mit ihrem zweiten, selbstbetitelten Album ein echtes Meisterwerk abgeliefert.
Und dieser hochtrabende Begriff ist keineswegs ein solcher. Denn die Amis
verpackten ihre abgedrehten Horror- und Drogen-Visionen in Musik, die sich
Elementen aus dem Grindcore ebenso öffnet wie aus dem Thrash Metal.
Bezüge zu Carcass, Kreator oder Slayer sind unverkennbar. Trotzdem
bleibt die Musik immer ein brutales und gemeines Death Metal-Gehämmer,
daß Fans dieses Genres ihre helle Freude haben werden. Erst recht,
da sich die Scheibe äußerst abwechslungsreich präsentiert
und die Stücke mit solcher Präzision komponiert wurden, daß
ein jeder Song seinen eigenen Charakter offenbart.
„Death Metal Attack 3“
JUB
LEVELLERS „Green Blade Rising“
9
Eagle Records/Hag Rec., 2002
Wenn es um englische Folk-Musik geht,
muß ein Name ganz oben stehen: LEVELLERS. Diese Band hat in
ihrer 15jährigen Geschichte nicht eine etwa nur durchschnittliche
Platte veröffentlicht und sich nie Modetrends angebiedert. Deshalb
klingt die Band auf ihrem neuen Album „Green Blade Rising“ genauso wie
1991 auf „Levelling The Land“ oder 1996 auf „Mouth To Mouth“. Das kann
aber nie eintönig werden, weil die Jungs aus Brighton einen Stilmix
aus Folk, New Wave, Punk und Heavy Metal zelebrieren, wie es viele Kapellen
versuchen aber selten so auf den Punkt bringen.
Die LEVELLERS lassen sich gut mit
New Model Army vergleichen, nur umschiffen die Folk-Helden geschickt die
halbgaren Momente der Armisten.
Logisch ist schließlich, daß
es auf „Green Blade Rising“ zu keiner Zeit textliche Banalitäten gibt.
Das politische Engegement der LEVELLERS ist legendär.
Wer sich ein umfassendes Bild von
der Musikalität dieser Scheibe machen möchte, dem sei das Lied
„Come On“ als Anspieltip empfohlen.
„Come On“
JUB
ASHES YOU LEAVE „Fire“
2
Morbis Rec/SPV, 2002
Schade, schade, schade. Die beiden
mir bekannten Vorgänger „Desperate Existence“ und „The Inheritance
Of Sin And Shame“ der kroatischen Band ASHES YOU LEAVE konnten mich durchaus
beeindrucken. Mußte das Doom-Element bei „The Inheritance ...“ zwar
schon einem Überhang Gothic weichen, waren die Songs immer noch einfallsreich
gestaltet, die Arrangements durchdacht. „Fire“ stellt einen Fall in die
tiefsten Abgründe dar. Abgesehen davon, daß kaum ein Song wirklich
des Hinhörens wert ist, quält sich die neue Sängerin Marina
Zrilic durch die Melodien, daß es ein Greuel ist. Nicht nur diese
Juchzer in der Stimme nerven, selbst dieses deutliche Durchatmen erzeugt
Abscheu. Getoppt wird das Ganze schließlich, wenn Marina an den Melodien
vorbeirutscht.
Die Violine von Marta Batinic scheint
meist völlig willkürlich eingesetzt und verleiht den ASHES YOU
LEAVE-Stücken zusätzliche Schwachpunkte.
Was ist bloß los mit den Kroaten.
Wenn man einmal gut war, müßte man doch eigentlich merken, wenn
es völlig daneben geht.
Bleibt zu hoffen, daß sich
die Band noch einmal fängt.
„Free“
JUB
THE RAMAINZ „Live In NYC“
10
Sanctuary., 2002
Die Sex Pistols mögen das Musik-Business
revolutioniert, The Clash dem Punk eine intellektuelle Note verpaßt
und The Damned eine ganze Generation geprägt haben. Wenn es allerdings
darum ging, bei Gitarren-Tempo 250 butterweiche Surfmelodien unter Mitwirkung
einer brachialen Soundwand geboten zu bekommen, um dabei einen grenzenlosen
Spaß zu haben, waren die Ramones die Könige. Und eigenartiger
Weise haben sie sich nie verändert. 1995 konnte man praktisch das
gleiche Live-Konzert erleben, das schon 1978 durch die Welt getragen wurde.
Nur ein paar Songs variierten. Selbst die Typen schienen keinem Alterungsprozeß
unterlegen.
Bis zu dem unheilvollen Moment,
als Joey Ramone - charismatischer Sänger der Band - im vergangenen
Jahr an Krebs starb. Kummer machte sich breit. Nie wieder „1-2-3-4“, nie
mehr Hochgeschwindigkeitsgehacke, zu dem man im Zeitraffer Tepp tanzen
könnte?
Dee Dee Ramone, Gründungsmitglied
und der wichtigste Songschreiber der Band - leider in den 80ern viel zu
früh aus der Band ausgestiegen - sowie Marky Ramone (seit 1978 dabei)
schmissen sich noch einmal zusammen, um die einmalige Musik der Ramones
weiter durch die Clubs zu transportieren. Dazu gründeten sie mit Dee
Dees Ehefrau Barbara Zampini THE RAMAINZ und schruppten in den Staaten
ein paar Live-Konzerte, von denen eines auf „Live in NYC“ verewigt wurde.
Euch erwartet auf dieser CD genau
das, was die Ramones schon immer live ausmachte: Dee Dee bringt uns sein
permanentes „1-2-3-4“, die Songs sind in atemberaubender Geschwindigkeit
heruntergespielt, Verschnaufpausen gibt es keine und die Auswahl der Stücke
ist hervorragend.
Natürlich reicht Dee Dees Stimme
nicht an die eines Joey Ramone heran, klingt der einstige Ramones-Gitarrist
doch rauh und versoffen und nicht sirenenartig wie der Original-Frontmann.
Dem kommt allerdings Barbaras Gesang nahe, die auch ein paar Stücke
mit ihrem Organ veredelt.
Das ist Punk auf allerhöchstem
Niveau. Leider hat sich das Thema Ramones, Ramainz und was auch immer für
alle Ewigkeit erledigt, denn seit dem 5. Juni 2002 ist auch Dee Dee Ramone
ausgestiegen. Allerdings ohne Wiederkehr. Er wurde mit einer Überdosis
tot in seiner Wohnung in Los Angeles gefunden.
„Hop Around“/“Sheena Is A Punk
Rocker“/“Rockaway Beach“
JUB
JETHRO TULL „Living With The
Past“ 8
Eagle Records, 2002
Was haben wir gelacht, als zu Beginn
der 90er Jahre, als zum ersten Mal der Heavy Metal-Award verliehen wurde,
JETHRO TULL diesen erhielt. Nicht etwa, weil die Band dem Genre fern stünde.
Vielmehr waren damals neben der Band von Ian Anderson auch Metallica nominiert
und die waren damals definitiv mehr Heavy Metal, besser und erfolgreicher.
Aus heutiger Sicht ist diese Entscheidung schon okay, denn vor allem in
den 70ern haben JETHRO TULL dem Heavy Rock mit klassischen, folkigen und
mittelalterlichen Elementen bedeutende Impulse verschafft. Über
die Musik der Band weiter große Aufsätze zu schreiben, hieße
Eulen nach Athen zu tragen. Nun, und wer sind Metallica?
Wer JETHRO TULL tatsächlich
überhaupt nicht kennen sollte, dem sei diese Live-CD „Living With
The Past“ wärmstens ans Herz gelegt, vereint sie doch Live-Aufnahmen
aus den Jahren 1989, 1999, 2001 und 2002, die erstaunlicherweise nicht
die geringsten Unterschiede in der Auffassung, Songs zu interpretieren,
aufweisen. Selbst Sachen wie „Locomotive Breath“ werden nicht krampfhaft
modernisiert, sondern haben Futt wie vor 25 oder 30 Jahren.
Das Spektrum der Stilistiken ist
auf „Living With The Past“ nahezu unerschöpflich, gerockt wird ebenso
konsequent, wie Ian Anderson es versteht, leise Töne anzuschlagen.
Perfekter Sound versteht sich von selbst.
„Aqualung“
JUB
THUNDERSTONE „Thunderstone“
5
Nuclear Blast,
2002
Es spricht sicher nicht für
eine Band, wenn man nach dem Konsum ihrer Debüt-CD konstatieren muß,
daß kein Mensch diese Gruppe wirklich braucht. Denn THUNDERSTONE
machen Musik, die von Bands wie Stratovaruis, Sonata Arctica oder Nocturnal
Rites bis zum Erbrechen ausgereizt wurde. Deswegen ist der melodische Power
Metal mit der kräftigen Keyboard-Schlagseite der Finnen ja nicht gleich
schlecht. Aber mir hängt das Zeug eigentlich zum Hals raus. Aber an
dieser Stelle soll es nicht um meine persönlichen musikalischen Befindlichkeiten
gehen. Deshalb sei gesagt, daß THUNDERSTONE eine ganze Reihe guter
Stücke aufgefahren haben, um in der übervollen Power Metal-Szene
nicht unter ferner liefen abzukacken. Man höre nur „Virus“. Sehr gut
gemacht, klasse Melodie. Nur – und da komme ich zu dem eingangs Erwähnten
zurück – habe ich solche Sachen in der gleich guten Qualität
zu Hauf in meinem CD-Schrank.
„Me, My Enemy“
JUB
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