An dieser Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen.
Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen 
und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. 
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.

Abgehört vom 03. Dezember 2002


STORMWARRIOR „Stormwarrior“ 9
Remedy Rec., 2002

Stormwarrior - Stormwarrior

War es bisher auch nur Spekulation, jetzt wissen wir es: Kai Hansen fand sein „Walls Of Jericho“-Werk mit Helloween immer schon am besten. Nur fand er nie die Muße und vermutlich auch nicht die richtigen Leute, einen Nachfolger einzuhämmern. Mit dem selbstbetitelten STORMWARRIOR-Debüt liegt dieser ultimative Nachfolger nun vor. Denn kein anderer als Kai Hansen selbst saß bei der Produktion dieser Scheibe an den Reglern. Und wer die „Walls Of Jericho“ im Schrank zu stehen hat, wird verzückt aufquieken, wenn ihm die Gitarren von Lars Ramcke und Scott Bölter um die Ohren gehauen werden. Der Sound ist nicht etwa nur ähnlich, sondern fast identisch. Die Songs folgen dem gleichen Muster wie einst die Stücke auf dem Heavy Metal-Meilenstein: Hervorragende, einprägsame Melodien, atemberaubende Geschwindigkeit und genretypische Metal-Axe-Steel-Defenders-Warlords-Texte.
Dem Helloweenschen Gerüst ist noch ein Schuß Running Wild beigemengt, der das Ganze streckenweise noch aggressiver macht. Am Ende gibt es dann mit „Heavy Metal“ einen Direktverweis auf die großen Vorbilder Helloween.
Wer sich jetzt fragt, wo die Band ihre Eigenständigkeit wahrt, dem sei gesagt, daß die in den Details steckt. Das sind die Melodie-Führungen, auf jeden Fall die Arrangements oder auch die Art und Weise, Soli zu spielen.
„Stormwarrior“ ist eine brillante CD, die - gebe es nicht schon „Walls Of Jericho“ - garantiert einen Meilenstein-Platz ergattern würde.
„Signe Of The Warlorde“/“Heavy Metal (is the law)“

JUB

WARHAMMER „Curse Of The Absolute Eclipse“ 4
Nuclear Blast, 2002

Warhammer - Curse Of The Absolute Eclipse

Wie eine andere Band zu klingen, muß keine Schande sein. Selbst dann nicht, wenn man sich ganz bewußt mit den Markenzeichen der Vorbilder schmückt. So etwas kann dann ja immer noch als Homage verkauft werden.
Bei der Band Hellhammer liegt für meine Begriffe die Situation etwas anders. Der Celtic Frost-Vorgänger erlangte zwar durchaus wegen seiner neuen musikalischen Wege, die er beschritt, einen gottgleichen Status. Wir sollten aber nicht vergessen, daß es auch dieser rührende Dilletantismus war, der Hellhammer Kult werden ließ. Diese Limitierungen im Songwriting und in der musikalischen Umsetzung heutzutage zu imitieren, streift allerdings die Sphäre der Peinlichkeit. Und so haben WARHAMMER absolut nichts, was nach WARHAMMER klingen würde. Alles - vom Cover-Artwork über die Songtitel bis hin zur Musik natürlich - ist auf die nur kurze Phase Hellhammers zu Beginn der 80er Jahre ausgerichtet. Und diese Musik macht doch eigentlich nur Spaß, wenn man sie im Kontext mit der Zeit, in der sie entstand hört. Das Album „Curse Of The Absolute Eclipse“ wirkt da eher wie eine Mogelpackung.
Nun, und wer Hellhammer nicht kennt, der kann ja mal sehen, ob ihm diese Mischung aus Punk, Black Sabbath und Doom, die irgendwann einmal Black Metal werden sollte, gefällt. Zumindest muß man WARHAMMER lassen, daß das Ganze perfekt gemacht ist.
„The Conqueror Worm“

JUB

THRESHOLD „Critical Mass“ 10
Inside Out/SPV, 2002

Threshold - Critical Mass

Um es vorweg zu nehmen: THRESHOLD haben ihrem überirdischen Erfolgs-Album „Hypothetical“ von 2001 mit „Critical Mass“ definitiv einen würdigen Nachfolger hinterhergeschoben. Die Stärken des Vorgängers wurden auch diesmal ausgereizt, so daß die Briten weiterhin den Thron des Progressiv Metal innehaben werden. Welch eine Band dieses Genres schafft es schon,  künstlerisch filigran die solistischen Fähigkeiten der Mitmusiker auszuspielen und dabei nahezu einen Pop-Appeal zu präsentieren, der allerdings nicht durch fehlende Härte erreicht wird. Vielmehr machen THRESHOLD streckenweise solchen Druck, daß es einer Thrash Metal-Band zur Ehre gereichen würde.  Die Melodien der Stücke sind allerdings meist erneut so sanft und eingängig, daß selbst zart besaitete Gemüter THRESHOLD nicht ohne Weiteres links liegen lassen können. Anspieltipp wäre da unbedingt der Opener „Phenomenon“, der eigentlich all die Vorzüge der Band in sich vereint.
Wenn man sich bei diesem herausragenden Album überhaupt kritische Gedanken abringen soll, dann höchsten den, daß „Hypothetical“ einen Hauch abwechslungsreicher war. Dort erlaubte man sich noch musikalische Ungewöhnlichkeiten und hatte Balladeskes im Gepäck, das einem schon fast schmerzhafte Gänsehaut verschaffte.
„Phenomenon“

JUB

MASTERPLAN „Enlighten Me“ 9
AFM/Painful Lust., 2002

Masterplan - Enlighten Me

Und wieder müssen wir an dieser Stelle eine EP besprechen. An MASTERPLAN kommt man einfach nicht vorbei. Dafür gibt es mehrere Gründe. Der erste ist definitiv die brillante Musik. Ob das fette Titelstück „Enlighten Me“, das rasche „Kind Hearted Light“ oder Bonustrack „Through Thick And Thin“ - hier wird Perfektion ganz groß geschrieben. Melodien, Arrangements, Instrumentenbehandlung - alles wirkt wie der Weisheit letzter Schluß beim Erschaffen eines Melodic Power Metal-Albums. 
Grund Nummer zwei für einen unwiderstehlichen Kaufzwang ist die Mitarbeit des norwegischen Sängers Jorn Lande. Wo der singt, da kniet man nieder. Erinnert sei nur an seine Leistungen bei Ark, Jorn und Millennium.
Nun und schließlich könnte für den ein oder anderen auch die Mitarbeit der Helloween-Leute Roland Grapow und Uli Kusch reizvoll sein. Allerdings sollte niemand Helloween-beeinflußte Musik erwarten. Dann könnte man sich schon eher an Alben orientieren, auf denen Lande mitgewirkt hat.
Interessant ist auf dieser Single auch das Led Zeppelin-Cover „Black Dog“, das ein bißchen wie das Gipfeltreffen Coverdale/Page klingt. Allerdings muß man sich erst an diese doch im Gegensatz zum Original glatte Version gewöhnen.
„Enlighten Me“/“Kind Hearted Light“

JUB

ENGORGED „Engorged“ 9
Necropolis Rec/Deathvomit Rec, 2002

Engorged - Engorged

Das passiert in der Neuzeit nicht oft, daß eine Death Metal-Band auftaucht, die mal eben so ein Album einspielt und auf der ganzen Linie überzeugen kann. Gerade diese Szene krankt unter einem Überangebot, das kaum Innovatives oder gar Ungewöhnliches zuläßt. ENGORGED haben diese Hürde allerdings genommen und mit ihrem zweiten, selbstbetitelten Album ein echtes Meisterwerk abgeliefert. Und dieser hochtrabende Begriff ist keineswegs ein solcher. Denn die Amis verpackten ihre abgedrehten Horror- und Drogen-Visionen in Musik, die sich Elementen aus dem Grindcore ebenso öffnet wie aus dem Thrash Metal. Bezüge zu Carcass, Kreator oder Slayer sind unverkennbar. Trotzdem bleibt die Musik immer ein brutales und gemeines Death Metal-Gehämmer, daß Fans dieses Genres ihre helle Freude haben werden. Erst recht, da sich die Scheibe äußerst abwechslungsreich präsentiert und die Stücke mit solcher Präzision komponiert wurden, daß ein jeder Song seinen eigenen Charakter offenbart.
„Death Metal Attack 3“

JUB

LEVELLERS „Green Blade Rising“ 9
Eagle Records/Hag Rec., 2002

Levellers - Green Blade Rising

Wenn es um englische Folk-Musik geht, muß ein Name ganz oben stehen: LEVELLERS.  Diese Band hat in ihrer 15jährigen Geschichte nicht eine etwa nur durchschnittliche Platte veröffentlicht und sich nie Modetrends angebiedert. Deshalb klingt die Band auf ihrem neuen Album „Green Blade Rising“ genauso wie 1991 auf „Levelling The Land“ oder 1996 auf „Mouth To Mouth“. Das kann aber nie eintönig werden, weil die Jungs aus Brighton einen Stilmix aus Folk, New Wave, Punk und Heavy Metal zelebrieren, wie es viele Kapellen versuchen aber selten so auf den Punkt bringen.
Die LEVELLERS lassen sich gut mit New Model Army vergleichen, nur umschiffen die Folk-Helden geschickt die halbgaren Momente der Armisten. 
Logisch ist schließlich, daß es auf „Green Blade Rising“ zu keiner Zeit textliche Banalitäten gibt. Das politische Engegement der LEVELLERS ist legendär.
Wer sich ein umfassendes Bild von der Musikalität dieser Scheibe machen möchte, dem sei das Lied „Come On“ als Anspieltip empfohlen.
„Come On“

JUB

ASHES YOU LEAVE „Fire“ 2
Morbis Rec/SPV, 2002

Ashes You Leave - Fire

Schade, schade, schade. Die beiden mir bekannten Vorgänger „Desperate Existence“ und „The Inheritance Of Sin And Shame“ der kroatischen Band ASHES YOU LEAVE konnten mich durchaus beeindrucken. Mußte das Doom-Element bei „The Inheritance ...“ zwar schon einem Überhang Gothic weichen, waren die Songs immer noch einfallsreich gestaltet, die Arrangements durchdacht. „Fire“ stellt einen Fall in die tiefsten Abgründe dar. Abgesehen davon, daß kaum ein Song wirklich des Hinhörens wert ist, quält sich die neue Sängerin Marina Zrilic durch die Melodien, daß es ein Greuel ist. Nicht nur diese Juchzer in der Stimme nerven, selbst dieses deutliche Durchatmen erzeugt Abscheu. Getoppt wird das Ganze schließlich, wenn Marina an den Melodien vorbeirutscht.
Die Violine von Marta Batinic scheint meist völlig willkürlich eingesetzt und verleiht den ASHES YOU LEAVE-Stücken zusätzliche Schwachpunkte.
Was ist bloß los mit den Kroaten. Wenn man einmal gut war, müßte man doch eigentlich merken, wenn es völlig daneben geht.
Bleibt zu hoffen, daß sich die Band noch einmal fängt.
„Free“

JUB

THE RAMAINZ „Live In NYC“ 10
Sanctuary., 2002

The Ramainz - Live in NYC

Die Sex Pistols mögen das Musik-Business revolutioniert, The Clash dem Punk eine intellektuelle Note verpaßt und The Damned eine ganze Generation geprägt haben. Wenn es allerdings darum ging, bei Gitarren-Tempo 250 butterweiche Surfmelodien unter Mitwirkung einer brachialen Soundwand  geboten zu bekommen, um dabei einen grenzenlosen Spaß zu haben, waren die Ramones die Könige. Und eigenartiger Weise haben sie sich nie verändert. 1995 konnte man praktisch das gleiche Live-Konzert erleben, das schon 1978 durch die Welt getragen wurde. Nur ein paar Songs variierten. Selbst die Typen schienen keinem Alterungsprozeß unterlegen.
Bis zu dem unheilvollen Moment, als Joey Ramone - charismatischer Sänger der Band - im vergangenen Jahr an Krebs starb. Kummer machte sich breit. Nie wieder „1-2-3-4“, nie mehr Hochgeschwindigkeitsgehacke, zu dem man im Zeitraffer Tepp tanzen könnte?
Dee Dee Ramone, Gründungsmitglied und der wichtigste Songschreiber der Band - leider in den 80ern viel zu früh aus der Band ausgestiegen - sowie Marky Ramone (seit 1978 dabei) schmissen sich noch einmal zusammen, um die einmalige Musik der Ramones weiter durch die Clubs zu transportieren. Dazu gründeten sie mit Dee Dees Ehefrau Barbara Zampini THE RAMAINZ und schruppten in den Staaten ein paar Live-Konzerte, von denen eines auf „Live in NYC“ verewigt wurde. 
Euch erwartet auf dieser CD genau das, was die Ramones schon immer live ausmachte: Dee Dee bringt uns sein permanentes „1-2-3-4“, die Songs sind in atemberaubender Geschwindigkeit heruntergespielt, Verschnaufpausen gibt es keine und die Auswahl der Stücke ist hervorragend.
Natürlich reicht Dee Dees Stimme nicht an die eines Joey Ramone heran, klingt der einstige Ramones-Gitarrist doch rauh und versoffen und nicht sirenenartig wie der Original-Frontmann. Dem kommt allerdings Barbaras Gesang nahe, die auch ein paar Stücke mit ihrem Organ veredelt.
Das ist Punk auf allerhöchstem Niveau. Leider hat sich das Thema Ramones, Ramainz und was auch immer für alle Ewigkeit erledigt, denn seit dem 5. Juni 2002 ist auch Dee Dee Ramone ausgestiegen. Allerdings ohne Wiederkehr. Er wurde mit einer Überdosis tot in seiner Wohnung in Los Angeles gefunden.
„Hop Around“/“Sheena Is A Punk Rocker“/“Rockaway Beach“

JUB

JETHRO TULL „Living With The Past“ 8
Eagle  Records, 2002

Jethro Tull - Living With The Past

Was haben wir gelacht, als zu Beginn der 90er Jahre, als zum ersten Mal der Heavy Metal-Award verliehen wurde, JETHRO TULL diesen erhielt. Nicht etwa, weil die Band dem Genre fern stünde. Vielmehr waren damals neben der Band von Ian Anderson auch Metallica nominiert und die waren damals definitiv mehr Heavy Metal, besser und erfolgreicher. Aus heutiger Sicht ist diese Entscheidung schon okay, denn vor allem in den 70ern haben JETHRO TULL dem Heavy Rock mit klassischen, folkigen und mittelalterlichen Elementen bedeutende Impulse verschafft.  Über die Musik der Band weiter große Aufsätze zu schreiben, hieße Eulen nach Athen zu tragen. Nun, und wer sind Metallica?
Wer JETHRO TULL tatsächlich überhaupt nicht kennen sollte, dem sei diese Live-CD „Living With The Past“ wärmstens ans Herz gelegt, vereint sie doch Live-Aufnahmen aus den Jahren 1989, 1999, 2001 und 2002, die erstaunlicherweise nicht die geringsten Unterschiede in der Auffassung, Songs zu interpretieren, aufweisen. Selbst Sachen wie „Locomotive Breath“ werden nicht krampfhaft modernisiert, sondern haben Futt wie vor 25 oder 30 Jahren.
Das Spektrum der Stilistiken ist auf „Living With The Past“ nahezu unerschöpflich, gerockt wird ebenso konsequent, wie Ian Anderson es versteht, leise Töne anzuschlagen. Perfekter Sound versteht sich von selbst.
„Aqualung“

JUB

THUNDERSTONE „Thunderstone“ 5
Nuclear Blast, 2002

Thunderstone - Thunderstone

Es spricht sicher nicht für eine Band, wenn man nach dem Konsum ihrer Debüt-CD konstatieren muß, daß kein Mensch diese Gruppe wirklich braucht. Denn THUNDERSTONE machen Musik, die von Bands wie Stratovaruis, Sonata Arctica oder Nocturnal Rites bis zum Erbrechen ausgereizt wurde. Deswegen ist der melodische Power Metal mit der kräftigen Keyboard-Schlagseite der Finnen ja nicht gleich schlecht. Aber mir hängt das Zeug eigentlich zum Hals raus. Aber an dieser Stelle soll es nicht um meine persönlichen musikalischen Befindlichkeiten gehen. Deshalb sei gesagt, daß THUNDERSTONE eine ganze Reihe guter Stücke aufgefahren haben, um in der übervollen Power Metal-Szene nicht unter ferner liefen abzukacken. Man höre nur „Virus“. Sehr gut gemacht, klasse Melodie. Nur – und da komme ich zu dem eingangs Erwähnten zurück – habe ich solche Sachen in der gleich guten Qualität zu Hauf in meinem CD-Schrank. 
„Me, My Enemy“

JUB
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