MOTÖRHEAD
„Hammered“ 8
Steamhammer/SPV,
2002
Wenn auch eine
feste Größe, die die Metal-Gemeinde in den zurückliegenden
20 Jahre nicht mehr wirklich überraschen konnte und wollte („1916“
war da eine Ausnahme), wird ein neues Motörhead-Album immer wieder
mit Spannung erwartet. Vielleicht ist in dieser Erwartungshaltung auch
ein wenig die Sorge verborgen, Lemmy & Co. könnten irgendwann
schwächeln und ein absolut plattes Teil abliefern. Nun, und auch anno
2002 ist das Warzengesicht auf der Höhe seiner Zeit. „Hammered“ bietet
Motörhead wie wir sie kennen und lieben. Zwar versuchen uns die beiden
ersten Songs der Scheibe „Walk A Crooked Mile“ und „Down The Line“ mit
ihren übertriebenen Melodien und dem Pop-Apeal auf eine falsche Fährte
zu führen, „Voices Of War“, „Shut Your Mouth“, „No Remorse“ und „Red
Raw“ machen aber deutlich, daß bei dem Heavy Metal-Urgestein immer
noch erst zur Axt gegriffen wird, bevor jemand auf die Idee kommt, „darüber
reden“ zu wollen.
Und ganz dem
Zeigeist verpflichtet, gibt es auch auf der „Hammered“ ein Song im Sprechgesang.
Nur klingt das bei MOTÖRHEAD irgendwie anders als gewöhnlich
und nennt sich „Serial Killer“
„Red Raw“
JUB
PAIN
CONTROL "Subvert" 5
Demolition
Rec, 2002
Die Briten
von PAIN CONTROL haben es sich zur Aufgabe gemacht, Thrash, New Metal,
Proll-Hardcore und Gothic zu einem hörbaren Mix zu vereinen. Stellt
Euch die maschinelle Kälte von Fear Factory vor, ihr Zusammenspiel
von Stakkatoriffs und Doublebass, dazu Hardcoregebrülle und Gitarrensoli
wie von Sepultura (nervig, uninspiriert, noisig, Hauptsache vorhanden).
Mit diesem Mix kann man sich, sofern man nicht das richtige Feeling mitbringt,
ganz doll auf die Schnauze packen. Machen PAIN CONTROL nicht, sie fallen
ganz normal, ohne sich sehr weh zu tun. Aber sie fallen. Denn wenn sie
richtig Druck machen wollen, klingt es wie auf Teufel-komm-raus, wie eine
Kopfentscheidung. Oder anders herum, die Verquickung der verschiedenen
Stile gelingt nicht, da PAIN CONTROL in den wenigsten Stilen überzeugend
klingen. Die Stilistiken werden auf die einzelnen Songs verteilt, was nicht
sehr originel ist. Ein ungewöhnlicher Mix innerhalb eines Liedes wäre
weitaus spannender. Aber macht Euch am besten selbst ein Bild davon mit
...
"5:12am"
THOMAS
HATE
FOREST „The Most Ancient Ones“ 8
Supernal Music,
2002
Ein paar Wochen
fanden es irgendwie alle hip, als schwarzgewandete, nietenbewehrte, grell
geschminkte Finsterlinge Schwerter schwangen, Feuer und Blut spuckten,
Haustiere auf der Bühne schlachteten, durch verschneite Wälder
stapften und ständig der Christenheit den alles entscheidenden Krieg
erklärten. Selbst Analtunnel-Arbeiter einer großen Heavy Metal-Musikzeitschrift
holten mehr und mehr dieser Burschen ins Blatt. Verkaufte sich halt gut.
Jetzt ist
auch für diese ach so knallharten Szene-Wächter die Welt wieder
heil, hat sich das Black Metal-Ding doch entweder erneut in den Underground
zurückgezogen oder wurde ihm durch diesen ganzen Bombast-Kitsch und
die Crossover-Bemühungen zahlreicher Protagonisten mit Gothic, Thrash
oder klassischen Elementen ein Zuckerguß verpaßt.
Auch wenn
das jetzt wie eine Klage klingt, ist es eigentlich von jeher Banane gewesen,
welchen Status Black Metal gerade hatte: Es existierten über all die
Jahre hinweg geniale Bands, die sich nicht daran störten, pro Veröffentlichung
immer nur 500 bis 1000 Tapes zu verkaufen (oder weniger). Man griff sich
die Instrumente, machte das Licht aus und sägte drauflos. Jedes Abstoppen
auf der Gitarre kam Blasphemy gleich. Es mußte halt so aussehen,
als rubbele man gerade die Klampfen-Saiten sauber. Der Sangeskünstler
sollte zwar als solcher erkennbar sein, fielen ihm aber gar zu viele Sympathien
zu, war es Zeit, sich nach einem anderen Stimmbänder-Malträtierer
umzusehen.
„To The
Thickets And Swamps“
Und genau
dieser Methode frönen immer noch HATE FOREST aus der Ukraine. Von
dieser Band wird mit „The Most Ancient Ones“ eine CD veröffentlicht,
die neu eingespieltes Material vom „The Curse“-Demo enthält.
Damit hat das Zeug locker vier, fünf Jahre auf dem Buckel. Aber da
sich der urtypische Black Metal eigentlich seit 15 Jahren nicht mehr
verändert hat, klingt das HATE FOREST-Zeug genauso neu, wie es 1987
oder 1993 geklungen hätte.
Wir haben
die sirrende Gitarrenwand, die zu keiner Zeit auch nur von der Andeutung
eines Gitarren-Solos unterbrochen wird. Da sind die ausufernden Melodien,
die zwischen hymnisch und einschmeichelnd klingen. Das Schlagzeug ist in
einer Breite von hysterischem Geklopfe und „Blashyrkh“-Marsch angesiedelt
und der Sänger gibt mal den fiesen keifenden Giftzwerg und mal das
schwerfällige nimmersatte Monster.
Die Slawen
haben für meine Begriffe seit zwei drei Jahren die bessere Black Metal-Szene,
da sich bei den östlichen Nachbarn kommerziell agierende Kapellen
einfach nicht durchsetzen. Liegt sicher auch daran, daß sich die
großen Label nicht gerade auf die Polen, Litauer, Ukrainer oder Slowaken
stürzen. Mit Supernal Music könnte es unter Umständen aber
auch mit HATE FOREST aufwärts gehen. Das musikalische Zeug dazu haben
sie allemal.
„Inmost
Winter“
JUB
HEAVENLY
"Sign Of The Winner" 8
Sanctuary/Noise/T&T,
2001
Bei HEAVENLY
bin ich dummerweise voreilig der Meinung gewesen, daß es sich hierbei
um eine weitere lahmarschige Helloween/Stratovarius-Kopie handelt. Doch
bei öfterem Hören entpuppten sich die Lieder der Franzosen doch
als recht brauchbar. Vordergründig nimmt man ersteinmal die in höhsten
Tonlagen zwitschernde Stimme und die vermeintlich sinnlos umherfiedelnden
Klampfen wahr. Doch bei genauem Hinhören entdeckt man, daß unter
der Oberfläche recht sorgfältig gearbeitet wurde. Zwar blickt
die Handschrift eines Kai Hansen unverkennbar aus den Kompositionen hervor
(dieser gab pikanterweise ein Gastspiel zusammen mit Piet von Iron Saviour
auf HEAVENLYs Debut CD "Coming From The Sky"), aber mit technischer Versiertheit,
Feeling für diese Art von Musik sowie Spielwitz halten sie die Waage
im Gleichgewicht, so daß sie nicht zu einem Helloween/Gamma Ray-Plagiat
verkommen.
Interessant
ist auch, daß eine lebhafte Dynamik im Gitarrenspiel aber auch im
Sound herrscht. Wenn es semmeln soll, tut es das. Wenn das Hauptaugenmerk
auf die Chöre und Melodien gerichtet ist, halten sie sich eher im
Hintergrund und sorgen dort für ein solides Fundament.
Sänger
Ben quietscht nicht nur, sondern hat eine gute Bandbreite an verschiedenen
Tonlagen auf Lager, die ihn als Sänger glaubwürdig machen.
1:0 für
HEAVENLY.
"The Angel"
THOMAS
MOURNING
CARESS "Imbalance" 10
Arise Rec./SPV,
2002
ACHTUNG! Suchtgefahr.
Habt Ihr mitunter
auch den Eindruck gewonnen, daß so manche Melodic Death Metal-Band
aus Schweden bei sich selbst klaut? Daß sich so manche Innovatoren
auf diesem Gebiet im kreativen Kreis drehen? Also in der Richtung alles
irgendwie krampfiger wird? Dann haben MOURNING CARESS was für Euch:
Nämlich ihre offizielle Debut CD namens "Imbalance". Das Ding geht
dermaßen ab, daß sich das Stimmungsbarometer in ungeahnte Höhen
schraubt.
Schuld daran
sind Songs wie "Towards The Decline Of Existence", "Dead Rose Romance"
und vor allem das überragende "Creating A Hell". Leute, die Melodien
sind unfaßbar. Nicht etwa ausufernd pompös oder arg verschachtelt,
sondern einfach, einprägsam, effektiv und vor allem locker und unverkrampft.
Sänger Gerrit klang in der Vergangenheit wie eine Mischung aus den
Stimmen von Rotting Christ und Scheitan. Das stand ihm zwar gut zu Gesicht,
aber er hat doch hörbar an sich gearbeitet und klingt auf "Imbalance"
viel eigenständiger. MOURNING CARESS haben auf "Imbalance" fast alle
Songs von ihrer selbstvertriebenen Scheibe "Perspectives" übernommen,
konnten den Liedern aber dennoch neues Leben einhauchen und klingen trotz
derselben Songs gereifter. Mit dieser Band braut sich was zusammen am deutschen
Metal-Himmel.
"Creating
A Hell"
THOMAS
MASTERS OF REALITY „Deep In
The Hole“ 6
Brownhouse/Mascot Music, 2001
Ihren Popularitätshöhepunkt
dürften MASTERS OF REALITY 1994 erlebt haben, als sie mit ihrem zweiten
Album „Sunrise On The Sufferbus“ Schlagzeug-Gott Ginger Baker (Cream,
Blind Faith) präsentieren konnten. Allerdings genügt es bei weitem
nicht, mit großen Namen zu hausieren, wenn man mit den Songs nicht
in der gleichen Liga kickt. Und genau dies ist auf der neuen Masters-Scheibe
„Deep In The Hole“ der Fall. Irgendwie scheinen sich 60er-Jahre Harmonien,
Stoner-Rock-Gitarren und Grunge-Gruppen-Gesänge zu begegnen. Das ist
dann mal verträumt, mal schwermütig, mal düster groovend
- den Lauten macht Band-Boss Chris Goss nie.
Das ist alles recht nett, versprochen.
„Deep In The Hole“ gehört auch zu jenen Scheiben, die man sich von
Zeit zu Zeit immer mal wieder antun kann. Aber Herz hat das Ganze kaum.
„Third Man On The Moon“
JUB
BURNING POINT "Salvation By
Fire" 8
Limb Music/SPV, 2002
BURNIG POINT kommen aus Finnland,
und im Gegensatz zu ihren Kollegen von Sentenced, Unholy, Impaled Nazarene,
Legenda ect. klingen sie alles andere als depressiv oder nihilistisch.
Ganz im Gegenteil, "Salvation By Fire" verbreitet gute Laune und macht
Bock auf die Einnahme stimmungsverändernder Getränke in medizinisch
bedenklichen Ma(ss)ßen. Trotzdem haben BURNING POINT auch nichts
mit der Kaputtnik/Spaßfraktion vom Schlage J.B.O. zu tun. Nein. Eher
spielen BURNING POINT diese Art von Heavy Metal wie ihn heute viele Bands
spielen möchten aber nicht können, da die meisten leider zu vorbildfixiert
sind. BURNING POINT scheißen auf sowas, schrauben einen "Absolut"-Wodka
auf und greifen zu den Instrumenten, um sich in einen Rausch aus griffigen
Riffs zu spielen und sich gutartige Melodien aus den Ärmeln zu schütteln.
Unverkrampfter und packender Heavy
Metal wie er im Buche steht. Finnland ist um eine gute Band reicher.
"Under The Dying Sun"
THOMAS
HORAKANE „Eternal Infinity“
9
Frontiers/Now&Then/XIII BIS/Point,
2001
Während Poley und Pichler (siehe
Melodica am 28. Mai 2002) von sich glauben, jeweils ein Sänger
und ein Gitarrist zu sein und gute Songs zu schreiben, können Shouter
Tony O’Hora und Klampfer Jamie Kane dies tatsächlich von sich behaupten.
Und eigenartigerweise verzichten die beiden im Booklet vollständig
darauf, sich in Pose zu stellen oder hervorzuheben und sind nur auf einem
Foto inmitten ihrer beiden Mitmusiker Steve McKenna (Ten) und Brian Dickinson
(Cathedral) zu sehen. Offenbar ist es ein Markenzeichen der meisten wirklich
hervorragenden Musiker, um ihre Person nicht solch ein Tam Tam zu machen.
Denn da die Musik für sich spricht, ist man auf diese Typen neugierig,
ohne daß sie sich einem mit peinlichen Bildchen oder Statements aufdrängen.
Es geht hier um das Projekt HORAKANE
eben jener beiden britischen Musiker, die jüngst das Album „Eternal
Infinity“ veröffentlichten. O’Hora singt hauptberuflich bei Praying
Mantis, und deren Erfolg ist es zu verdanken, daß nach einer Japan-Veröffentlichung
HORAKANEs Album jetzt auch in Europa erschien. Welch Glück, denn sonst
wäre den Melodic und True Metal-Fans ein echter Leckerbissen entgangen.
„Over The Edge“
Wenn man bei dem Song „Over The
Edge“ unüberhörbar Anleihen bei den alten Judas Priest vernimmt,
entwickelt sich das Rest-Material zu einem absolut eigenständigen
Mix aus NWOBHM-Riffing und US-Melodic-Metal-Melodien. Wer aufgepaßt
hat, könnte jetzt dazwischen rufen und meinen: „Typisch Glam“ und
läge gar nicht mal so falsch. An diese Ära Anfang und Mitte der
80er Jahre erinnert dieses Zeug schon. Und HORAKANE haben genau wie meinetwegen
einst W.A.S.P. mit „L.O.V.E. Machine“ oder Cinderella mit „Somebody Save
Me“ in dem Stück „Don’t Wait Until Tomorrow“ einen Überhit, dessen
Refrain-Melodie praktisch jeden aus der Lethargie reißt.
Leider, leider ist nicht jeder Song
der CD solch ein musikalisches Wunder. Während zum Beispiel Ballade
Nummer zwei, „Remember My Name“, wirklich etwas Besonderes ist, funktioniert
Nummer 1, „Never Meant To Make You Cry“, kaum. Allerdings: einen echten
Ausfall gibt es auf dieser CD nicht.
JUB
MONTANY "New Born Day" 4
Limb Music/SPV, 2002
Ordentlich ihre Helloween-Hausaufgaben
haben die fünf Musiker der Band MONTANY gemacht. So gibt es technisch
einwandfreien speedigen Melodic Metal zu hören, der nur selten ohne
den Einsatz der Doublebass auskommt. Die dazu gereichten Strophenriffs
sind aber nur in den wenigsten Fällen spektakulär. Stärker
sind da die Leads und Einsprenksel, die das recht eintönige Songmaterial
aufwerten. Retten können sie die Platte aber nicht, denn starke Leads
hin und her, wenn die griffigen, einprägsamen Melodien, die diese
Art von Musik dringend braucht, fehlen, b.z.w. nicht überzeugen können,
dann kann auch ein sehr um die Stimmlage eines Michael Kiske bemühten
Sänger nichts mehr retten.
"Pyramid Of Cheops"
THOMAS
SCENT „Period“ 4
Masterrox/Sure Shot/Connected, 2001
Ein Wort genügt, um bei dem
Großteil der Interregnum-Hörer das Interesse an dieser CD abzutöten:
modern. Das wird meist mit New Metal, Crossover, elektronischem Schnickschnack,
Alternative und einer Menge Popapeal in Verbindung gebracht. Und so ist
es auch. Die Finnen SCENT sind eine absolut hippe Band, die durchaus zu
TV-Rotations-„Ehren“ kommen könnte. Nur hat sie dafür vermutlich
kein Label hinter sich, das für solch einen Einsatz finanziell stark
genug wäre.
Allerdings können SCENT für
sich in Anspruch nehmen, nicht zu den Kennt-man-eine-kennt-man-alle-Bands
zu gehören. Zum einen passiert durchaus eine ganze Mange auf dieser
CD, zum anderen haben die Finnen jene schwermütigen Melodien einfließen
lassen, wie man sie von anderen Bands aus diesen Breitengraden kennt (HIM,
To Die For). Daher bleibt diese Scheibe immer noch gut genug, um sie nicht
als Frisbee-Scheibe zu benutzen.
Das wirklich witzige an der SCENT-Veröffentlichung
ist der CD-Titel „Period“ im Zusammenhang mit einem Cover, das offenbar
einen Strom von Blut zeigt. Vielleicht ist diese merkwürdige Flüssigkeit
doch ein bißchen zu hell, aber gewisse Deutungen seien einem da schon
gestattet.
„The Tumor Circus“
JUB
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