
|
- unter der 14-tägigen Rubrik "Abgehört" - des Jahres 2001 in der entgegengesetzten Reihenfolge ihrer Ausstrahlung. Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.
OBSCURITY "Demise" 7 Eigenproduktion, 2001
Einer Art progressivem
Death Metal haben sich OBSCURITY aus Münster verschrieben. Progressiv
allerdings nicht im Sinne von Cryptopsy mit verschachtelten Arrangements,
konfusen Breaks und unmenschlichen Zählzeiten, sondern eher auf eine
andere Art und Weise. Es vermengen sich Thrash Metal- und Death Metal-Elemente
mit bizarren Gitarreneinsätzen, wie sie bei den damals Techno Thrash
genannten Bands wie Anacrusis oder Depressive Age auftauchten. Dazu ein
paar Jazz-Einsprenksel, und hin und wieder fühlt man sich an Bands
aus dem Black Metal-Genre erinnert, was einige Gitarrenriffs anbelangt.
Zweifelsohne, OBSCURITY haben den Bogen raus, wie man den Hörer fesselt.
Da die Songs schwer vorhersehbar sind, braucht man ein, zwei Durchäufe,
um mit ihnen warm zu werden, aber mir gefällt es ausgesprochen gut,
was die Jungs da fabriziert haben.
THOMAS AMOK VEDAR „Seelenfriede“ 7 (BANDS BATTLE-Band 2004) Eigenproduktion, 2001
Wenn sich diverse
Promoter oder gar Fanzines dazu hinreißen lassen, Mystic Circle als
Deutschlands Black Metal-Band Nummer 1 zu bezeichnen, kann ich mir ein
unwillkürliches Grinsen nicht verkneifen. Denn auf dem Schwarzmetall-Sektor
gibt es eine ganze Reihe von Kapellen, die das von Mystic Circle Gebotene
locker überbieten. Dazu gehören auf ihrem Gebiet auch AMOK VEDAR
aus Berlin. Und dieser direkte Vergleich kommt nicht von ungefähr,
ist die "Seelenfriede"-Mini-CD doch durchaus mit Sachen aus "Drachenblut"
und "Infernal Satanic Verses" vergleichbar. Vor allem der Opener "A.v.E.d.U."
verströmt diesen Pomp, wie ihn einst auch Mystic Circle in Anlehnung
an Alben von Dimmu Borgir oder Old Mans Child fabrizierten. "Psychopathic"
ist insofern ungewöhnlich, daß das Stück klingt, als habe
eine Gothic-Band ihren Keyboarder im Studio vergessen, wo jetzt ungestüme
Black Metal-Rabauken ihre CD aufnehmen. Sehr interessantes Gegenspiel,
das zum Miteinander wird. Per Marsch-Rhythmus geht es dann weiter durch
den "Sumpf". Wieder eine neue Nuance in AMOK VEDARs Musik, die eine Reihe
Überraschungen offen hält. Und schließlich ist da der Titelsong.
Die Gothic-Schlagseite bricht sich Bahn, der Text selbst ist ein Selbstmordszenario.
"Seelenfriede" ist ein Appetitmacher, dem eine Full-Length-CD folgen sollte.
AMOK VEDAR kann man nämlich durchaus länger als nur 27 Minuten
ertragen.
JUB DIMENSION ZERO "This Is Hell" 8 Regain Records/Sure Shot Worx, 2003
Wem die Schweden Death- oder Melodic
Death-Szene mittlerweile zu sehr in mehrheitskompatible Gefilde abzudriften
droht, wird vermutlich vor allem mit Bands wie In Flames hadern. Die hatten
nämlich sogar MTV-Momente und verkauften Singles wie eine Casting-Band.
Aber In Flames-Mann Jesper Strömblad hatte für seine immer noch
aus reinem Metall bestehende Seite die Band DIMENSION ZERO miterfunden
und mit deren Debüt dem Schweden Death ordentlich in den Arsch getreten.
Jetzt liegt Streich Nummer zwei, "This Is Hell", vor und ist kein bißchen
leiser. Eher im Gegenteil. Hier wir gnadenlos Lack gemacht, daß man
bei unverhältnismäßig geringer Lautstärke auf Grund
des ebenmäßig rasant vor sich hin tackernden Schlagzeugs den
Eindruck gewinnen könnte, daß da irgendwo in der Wohnung ein
Pumpenmotor in Betrieb ist.
JUBGASTREZENSION: Deddy, ehemaliger Moderator von INTERREGNUM COEM "Bandwi(d)thconsiderations" 8 Der Verlag, 2003
In der Band Coem sind von vier Musikern
drei Graphiker. Aussehen tun sie alle so. Und die Musik? Na ja, sie sind
zu dem auch noch Belgier. Von Schändung verstehen sie jedenfalls etwas.
Und beweisen, daß diese auch Kunst sein kann. Melodiebögen werden
ausgewalzt, der teilweise monotone Gesang penetriert das Ohr, die Gitarre
wird mal gezupft und mal gequält. Dennoch stellt sich das Gefühl
von Harmonie ein, jedoch mißtraut man dem Frieden. Die Vier schreiben
schöne Songs. Nur halt etwas anders. Und es ist kein Metal, sondern
läuft unter alternativem Pop. Da haben sich vier junge Leute im Probenraum
getroffen und ihren Schmerz über die Dekadenz ihres Seins an ihren
Instrumenten ausgelassen. Die "Coin Operated Entertainment Machine", kurz
C.O.E.M., schreibt Instrumentals für einen Si-Fi-Western und tanzende
tropische Fische. In der absurden Storys von "o-a-mi-nadia" erzählt
uns der Sänger etwas von jemandem, der in einer polnischen Bar sitzt
und russischen Wodka trinkt. Man hat den Eindruck, genauso spielen die
Jungs auch live, unter dem Einfluß von bewußtseinserweiternden
Drogen. Einzelne Songs herauszuheben fällt mir schwer, weil "Bandwi(d)thconsiderations",
die zweite Scheibe der Band, wie aus einem Guß erscheint.
DEDDY EVERGREY "Recreation Day" 10 InsideOut/SPV/cmm, 2003
Meine Fresse, was werden sich andere
Progbands an dieser Scheibe ihre Zähne ausbeißen.
THOMAS BRITNY FOX "Springhead Motorshark" 7 Spitfire/cmm, 2003
Ihr Live-Comeback "Long Way To Live"
von 2001 war gigantisch. Die einstigen Haar-Tiere von BRITNY FOX präsentierten
sich mit Frisuren von adrett kurz bis nostalgisch lang als absolut rauhe
Rocker im Stile von AC-DC und alter Def Leppard. Bei diesem Material konnte
man bangen, bis das letzte Bier in der Birne zu Schaumwein wurde. Und wenn
man davon spricht, ein neues Studiowerk ersehnt zu haben, dann ist das
angesichts dieses High-Energy-Gigs nicht einmal nur Rhetorik.
JUB
Die vier Schweizer Mannen von GODIVA
haben sich ihre ersten Sporen in lokal erfolgreichen Coverbands verdient.
Jedes Wochenende spielten sie sich ihren Arsch ab, aber die Schweiz ist
recht überschaubar, trotz der Alpen. Also fragte man sich, wohnen
hinter den Bergen auch noch Menschen, und wie kann man sie erreichen? Mit
Coversongs wohl nicht. Also, welche Band finden wir gut, und können
wir auch solche Songs schreiben? Die Antwort war GODIVA als Band und Debütalbum.
Anthony De Angelis klingt in den Höhen so schön nach Rob Helford.
„Heavy Metal Thunder“ und „Razorblade Romantic“ zeugen davon. Hier ein
Paar Riffs von anderen Bands geklaut, dort ein Paar Klischees bedient und
fertig? Die beiden erstgenannten Songs können einem schon das Genick
beim Bangen brechen. „Cold Blood“ ist ein Ausfall. Bei „Let The Tanks Roll“
versucht man sich an militanten Riffs á la Rammstein. Am bestens
gefallen sie mir bei den NWOBHM-lastigen Songs und da klingen sie halt
nach Judas Priest. Na und?
DEDDY JAG PANZER "Decade Of The Nail-Spiked Bat" 10 Century Media/Magic Arts, 2003
Wenn andere Bands Jubiläen feiern,
veröffentlichen sie in den meisten Fällen eine Livescheibe oder
Best-Of-CDs, die zwar alle nett aufgemacht sind aber nicht besonders originell.
JAG PANZER haben sich zu ihrem 20. Bandgeburtstag allerdings was Besonderes
einfallen lassen. In den frühen 80ern erschienen die ersten beiden
Demos "Tyrant" sowie "Tower Of Darkness", die der Band Tyrant prompt einen
Deal mit dem Label Azra Records einbrachte. In JAG PANZER, nach dem deutschen
Wort Jagdpanzer, umbenannt, veröffentlichte die Band ihre erste EP.
Eigentlich unbetitelt, wurde sie über die Jahre hinweg zu "Tyrants"-EP.
Der weltweite Underground geriet in Aufruhr ob dieser geilen Scheibe und
bekam ein Jahr später mit "Ample Destruction" einen Longplayer um
den Latz geknallt, der ruckzuck zum Klassiker avancierte. JAG PANZER hatten
einen furiosen Start hingelegt. Doch dann kam das große Aus. Gründungsmitglied
Joey Tafolla warf das Handtuch, das Label ging pleite und zu allem Überfluß
ging Sänger Conklin zu Riot. Die Band schien lange Zeit am Ende. 1994
kam die überraschende Rückmeldung mit neuem Sänger und neuer
Platte "Dissident Alliance", welche aber eher wirkungslos verpuffte. Erst
1997 sollte die Band wieder zu dem werden, was sie war. Eine der führenden
Metalbands, die von Scheibe zu Scheibe nur Qualitätsware veröffentlichte.
Die Amis haben ihre Frühwerke, sprich Demos, die erste EP sowie ihre
erste LP, allesamt legendär, da seit Jahren ausverkauft und seitdem
extrem schwer erhältlich, komplett neu eingespielt und veröffentlicht.
Dazu gesellen sich noch Songs vom 1994er Werk "Dissident Alliance". Diese
Sammlung von Songs umfaßt genau 20 Stück und wurde auf zwei
CDs verteilt. Der Clou an der Sache ist, daß die Songs nicht mit
der Studiotechnik anno 2003 aufgenommen wurden, sondern es wurde Wert auf
originalgetreue Aufnahmen gelegt. So sind im Studio die 80er neu auferstanden,
um mittels alter Technik einen authentischen Sound hinzubekommen. Ebenso
wie die Originalscheiben geklungen haben sollen. Auch beim Coverartwork
hat man nichts dem Zufall überlassen. Es wurde die Fotografie des
Covers verwendet, das für die "Ample Destruction"-Nachfolgescheibe
bestimmt war. Das Original ist bei einem Unfall zerstört worden. Doch
allen Unbills zum Trotze ziert es nun doch noch eine JAG PANZER-Platte.
THOMAS FALCONER "The Sceptre Of Deception" 7 Metal Blade, 2003
Aha, FALCONER. Die waren mir bei
"Chapters From A Vale Forlorn" irgendwie zu lieb (siehe Abgehört
vom 9. Juli 2002). Dabei hat Stefan Weinerhall, der Ex-Mithotyn-Mann,
doch einst als germanischer Haudegen so manches Feld blutgetränkt.
Bei FALCONER bleibt allerdings auch bei "The Sceptre Of Deception" das
Schwert in der Scheide. Zwar lassen die hymnenhaften und folkigen "The
Coronation" und "The Trail Of Flames" großes Erahnen, aber irgendwie
scheint den schwedischen Kriegern auf halbem Wege der Mut verlassen zu
haben. Anders kann ich mir das an Doomsword erinnernde "Hooves Over Northland",
das äußerst konstruiert klingt, nicht erklären. Auch "Pledge
For Freedom" ist unnötig rhythmisch verhackstückt und hätte
doch eine so schöne Hymne werden können. Obendrein hat der Chor
mehr einen Hang zum Gospel als zu martialischem Schlachtgesang. In "Ravenhair"
vermeint man unterproduzierte Manowar zu vernehmen und mit dem Titelsong
kommen FALCONER gar im Power Metal-Lager an (sogar der streckenweise hohe
Gesang paßt). Na ja, und "Hear Me Pray" ist schließlich ein
gewisser Kitsch nicht ganz abzusprechen.
JUBGASTREZENSION: Deddy, ehemaliger Moderator von INTERREGNUM LOS SUAVES „Si yo fuera Dios“ 8 Locomotiv Music, 2003
Yosi scheint sehr wütend zu
sein. Wütend und traurig. Ist man beides, gibt es mehrere Möglichkeiten,
dieses auszuleben. Saufen, Prügeln und Rocken. Yosi klingt so, als
wären ihm alle Varianten nicht fremd. Die beste Art, das alles zu
verwirklichen, ist, eine Band zu gründen. Seit 25 Jahren gibt es Los
Suaves mit Yosi als Frontmann. In Spanien ist die Band bereits ein Hit.
Jetzt ist ihre x-te Scheibe auf dem gesamteuropäischen Markt erhältlich.
Klassischer Hard'n'Heavy mit spanischen Texten und einer Stimme, welche
gern mit der von Lemmy verglichen wird. Nun ja, rauh und versoffen klingt
sie schon, ansonsten ist sie schon eigenständig. Anklagend, traurig
und wütend grölt er sich durch die Songs. Seine Bandkollegen
legen ihm ein rockiges Brett unter. Solche Stücke wie „Mi Casa“ sind
nicht gerade rock'n'rollig kurz und bieten viel Platz für die handwerklich
soliden Gitarrensoli. Mit „Tormenta“ wagte man sich an eine Coverversion
von The Alarm ran und kommt im Gegensatz zu den anderen Titeln mit einer
gewissen Fröhlichkeit rüber. Die Ballade „Libertad“ als Akkustik-Stück
funktioniert nicht. Könnte man den Text verstehen, würde sich
der Song vielleicht erschließen. Selten hat mich eine Band durch
ihre Musik so neugierig auf ihre Texte gemacht.
DEDDY SOUL REAPER "Life Erazer" 7 Hammerheart, 2003
Fans der einstigen schwedischen Death/Black
Band Dissection werden sehnsüchtig dem neuen "Seelenschlitzer" (hihi)-Album
entgegengefiebert haben. Denn mit Schlagzeuger Tobias R. Kellgren und Gitarrist
Johan Norman findet der Geist der legendär gewordenen Dissection in
SOUL REAPER seine Bewahrung. Musikalische Parallelen sind durchaus auffindbar,
auch wenn sich SOUL REAPER völlig des Black Metal-Ballastes entledigt
haben. Dafür wird auf hohem Niveau geholzt, als würden sämtliche
Label nahezu panisch nur nach Bands Ausschau halten, die dem sogenannten
Götheborg-Stil frönen. Damit wären SOUL REAPERs Inspirationen
allerdings nur zur Hälfte benannt, denn in dem ungestümen Death-Gepolter,
gepaart mit jaulenden Gitarrenleads, sind auch amerikanische Elemente zu
entdecken. Wären da nicht hin und wieder Tempi-Kapriolen, die SOUL
REAPER gar in düstere Doom-Gefilde zu führen scheinen, wäre
"Life Erazer", dem Zweitling der Schweden, durchaus ein wenig Eintönigkeit
vorzuwerfen.
JUB |