An dieser Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen
- unter der 14-tägigen Rubrik "Abgehört" -
des Jahres 2001 in der entgegengesetzten Reihenfolge ihrer Ausstrahlung.
Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen 
und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. 
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.

ABGEHÖRT vom 06. Februar 2001


MARDUK „La Grande Danse Macabre“ 8
Regain Records/Blooddawn Prod., 2001 

Marduk - La Grande Danse Macabre

„Azrael“
Alles beim Alten im Hause MARDUK. Und wer hat wirklich auch nur eine Sekunde gehofft, MARDUK würden sich verändern? In Zeiten, die uns in ihrer Schnellebigkeit  fast im Minuten-Takt neue Trends servieren, ist es schön, wenn es Ruhepole gibt, auf die man sich verlassen kann. Na ja, das mit dem Ruhepol ist sicher nicht das treffendste Synonym für die schwedischen Black Metaller, denn in Sachen Aggression, Soundwand und Tempo gehen MARDUK ans Werk wie eh und jeh. Und doch gibt es an der ein oder anderen Stelle Momente, die überraschen. Zum Beispiel der Einstiegssong „Ars Moriendi“ oder das Titelstück, das gar als 8-Minüter daherkommt.
Meist machen MARDUK jedoch ihrem Ruf, die Band mit den schnellsten und härtesten Abzählreimen zu sein, alle Ehre.
„Death Sex Ejaculation“

JUB

MORTAL DECAY "Incarnated Souls Rebirth" 7
Wolf Musik, 1999

Mortal Decay - Incarnated Souls Rebirth

Bei MORTAL DECAY handelt es sich um ein Nebenprojekt einiger Eminenz-Musiker. Die acht Songs auf "Incarnated Souls Rebirth" (plus In-und Outro) sind eine Verneigung vor dem guten alten Death Metal der frühen Neunziger (Richtung Morbid Angel), der darüberhinaus mit einigen Keyboardpassagen in den langsamen Stellen aufgelockert wird. Die Stücke sind solider Durchschnitt mit leichter Tendenz nach oben. Wäre "Incarnated Souls Rebirth" 1993/1994 erschienen, wäre die CD nur eine von vielen, die die kurz vor dem Overkill stehende Death Metal-Szene noch mehr aufgebläht hätte, ohne Akzente zu setzen. Heutzutage macht solche Musik ob der Nostalgie, welche mitschwingt, wieder Spaß. Ein weiterer Pluspunkt ist die Tatsache, daß einige technische Unzulänglichkeiten belassen wurden. Dadurch klingt die CD nicht so steril wie eine Tägtgren-Produktion. So klingen MORTAL DECAY recht undergroundig. Und das ist gut so.
"Suffocation"

THOMAS

THE DISMAL "Make Your Mind Up" 3
Division House

The Dismal - Make Your Mind Up

Nein, wenn die Spanier THE DISMAL als Entschuldigung, um auch mal, ganz wie Uncle Sam gebietet, "Fuck You,Fuck You" singen zu dürfen, ihre Platte "Make Your Mind Up" nennen, bin ich nicht bereit, mein Hirn zu öffnen. Darüber hinaus wissen die Senores mit ziemlich mittelprächtigem Crossover, der von Viva II, oder wie immer das Tor zu kulturellen Gleichschaltung da unten heißt, beeinflußt ist, abzunerven. Nein, ohne mich.
"The Devil In You"

THOMAS

DARK  TRANQUILLITY „Haven“ 5
Century Media/Magic Arts Publishing, 2000

Dark Tranquillity - Haven

„The Same“
Als ich diese CD ausgepackt habe, war mein erster Gedanke: „Huch, ein Tonträger für Blinde?“ Denn DARK TRANQUILLITY haben die kleine Scheibe mit jenen erhabenen Punkten versehen, die Blinden die Deutung von Worten ermöglicht. Sehr sozialer Gedanke, denn bei Heavy Metal hatten bisher ja auch Taube etwas davon (bei entsprechender Lautstärke grummelts im Bauch). Und die Schweden tun auch etwas für Arbeitslose: Vor den Aufnahmen zu „Haven“ stellten sie Martin Brändström als festen Elektroniker an. An dieser Stelle wars der sozialen Ader allerdings zu fett, denn plötzlich ist die Musik der Melodic-Deather mit Gezirpe und Gefiepe angereichert, daß man meinen möchte, im Studio war ein Computer im Arsch. Darüberhinaus wurde aus dem einst bollernden und boxensprengenden Sound DARK TRANQUILLITYS zum Teil ein nettes Gothic-Geplänkel. Die Melodie-Orgien vom Vorgänger „Projector“ wurden nicht wiederholt, die Arrangements scheinbar vereinfacht. Und dieser Eindruck entsteht nicht nur, weil der cleane Gesang von einst fast völlig fehlt.
Mikael Stanne sagte in einem Interview mit INTERREGNUM, er möchte auf keiner Platte klingen wie auf der jeweils vorangegangenen, strebe nach Veränderung. Dies ist ihm mit „Haven“ sicher gelungen, ob aber der richtige Weg eingeschlagen wurde, darf an dieser Stelle bezweifelt werden. 
„At Loss For Words“

JUB

CUSTARD "For My King" 8
B.O.Rec./Grind Media Syndicate/Connected, 2000

Custard - For My King

Schnellen Heavy Metal, absichtlich mit allen musikalischen Klischees versehen, bieten uns CUSTARD auf ihrer kultig peinlich "For My King" betitelten CD. Innerhalb seiner von vornherein gesteckten Grenzen ist der Tonträger aber unterhaltsam. Gerade weil man merkt, daß CUSTARD hier mit einem Augenzwinkern, aber ohne Verarsche und mit Herz und Seele auf der einen Seite, aber ohne verbissene Verkrampftheit ob ihrer True Metal Credebillity auf der anderen, alle Register der Metal-Klischees ziehen. Das reicht vom flotten Opener mit Kai Hansen-mäßigen Kreischvocals über Heavy Metal-Fanclubstammtischmännerchöre hinweg zu Texten der Marke "Stahl an Stahl kämfen wir für unseren König".
Auch darf auf so einer Scheibe die obligatorische Pflichtballade nicht fehlen. In diesem Fall heißt sie "Deliver Me". Geht man also in einen Plattenladen, um sich eine Heavy Metal-Scheibe im klassischen Sinne zu kaufen und um bei der nächsten Fanclubsitzung auftrumpfen zu können, ist man mit "For My King" bestens bedient. Sollte man am besten in geselliger Runde hören. Kult.
"Rise"

THOMAS

STORMHAMMER „Fire Ball“ 1
Century Media/Magic Arts Publishing, 2000

Stormhammer - Fire Ball

Wenn man vielleicht gerade in der Phase ist, sich die 70er Jahre musikalisch zu erschließen, könnten einem auch schon die hervorragende Deep Purple-Scheibe „Fireball“ zu Gehör gekommen sein. Und wenn ausgerechnet dann das STORMHAMMER-Teil „Fire Ball“ auf dem Tisch landet, läuft man Gefahr, das neue „Feuer Ei“ an dem einstigen „Feuerball“ zu messen. Bereits an dieser Stelle zeigt sich der fatale Fehler der Band, die eigene Scheibe wie den Klassiker von 1971 zu nennen.  Aber der CD-Titel ist nicht das eigentliche Problem. Vielmehr wurden STORMHAMMER mit vielen Vorschußlorbeeren bedacht, die sich in jedem Buchstaben als ungerechtfertigt erweisen. Andreas Schöwe vom „Hammer“ schrieb für das Platten-Label einen Werbetext, in dem er der STORMHAMMER-Musik Ingredienzen aus dem NWOBHM und US-Metal (was immer das auch bezeichnet) zugesteht, „Painkiller“ von Judas Priest als Vergleich heranzieht und gar Gitarrenharmonien á la Iron Maiden verspricht. Der Gag an der Sache? Von alledem stimmt nix.
Man nehme nur als Beispiel das Stück „Prisoner“: ein kraftloser 08/15-Strampler mit einem Ruf-Chor auf Schüler-Combo-Niveau. Da stehen einem die Nackenhaare zu Berge.
„Prisoner“
„Fire Ball“ ist eine der stumpfsinnigsten CDs, die 2000 unters Volk gebracht wurden. Es ist sogar fast unmöglich, den dämlichsten Song herauszufiltern, weil sich eigentlich jeder als Soundtrack für eine Freak-Show eignet. Und wer wissen möchte, wie ein Kalb im Todeskampf schreit, während es abgeschlachtet wird, der sollte sich - laut Schöwe - „die erstklassige Halbballade, 'Possibillities'" antun.

JUB

EVOKE "The Fury Written" 8
System Shock, 1999

Evoke - The Fury Written

Ein amtliches Death Metal-Brett haben die fünf Herren aus dem vereinten Königreich da abgeliefert. Druckvoll und wuchtig walzen die neun Vertonungen von Vernichtung und Haß aus den Verstärkern der Band direkt (digitaler Studiotechnik sei Dank) in die heimischen Höhlen der Anhängerschaft. Langweilig wird die Platte nicht, dafür sind die Riffs zu knackig, die Breaks zu cool und der Sound zu gnadenlos. Nur eine Sache finde ich, läßt die Scheibe in einem etwas anderem Licht dastehen. Die ganze Chose klingt durch und durch amerikanisch. Im Death Metal-Sektor sicher eine Ehrenauszeichnung, nur dann nicht, wenn man den Fakt bedenkt, daß gerade britische Bands immer einzigartig und wie keine zweite klangen. Ja stets Innovatoren waren. Oder kennt ihr eine Band, die solchen Institutionen wie etwa Carcass, Bolt Thrower oder Benediction - ganz zu schweigen von Napalm Death - das Wasser in ihrem jeweiligen Stil reichen kann? Wohl kaum.
Aus dieser lieb gewordenen Tradition brechen EVOKE natürlich aus oben genanntem Grund aus. Wen das nicht stört und wer auf brutalen Ami-Death Metal abfährt, soll sich "The Fury Written" besorgen und zu Geschossen wie"Twisted Into Chaos" die Rübe abmontieren.
"Twisted Into Chaos"

THOMAS


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