An dieser Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen
- unter der 14-tägigen Rubrik "Abgehört" -
des Jahres 2001 in der entgegengesetzten Reihenfolge ihrer Ausstrahlung.
Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen 
und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. 
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.

ABGEHÖRT vom 06. März 2001


CREMATORY „Believe“ 2
Nuclear Blast, 2000

Crematory - Believe

War da nicht von einer groß angelegten Jubiläumstour die Rede, als die neue CREMATORY „Believe“ erschien? Passiert ist nichts, denn so recht wollte niemand den dicken Markus und seine Truppe sehen. Offenbar haben sich die Jungs in jeder Hinsicht überschätzt und so manches falsch verstanden. Zum Beispiel sahen sie immer wieder nackte Frauen auf den Covern diverser Gothic-Bands und zogen deshalb für eigene Band-Fotos Keyboarderin Katrin aus. Die ist zum einen nicht unbedingt so die Mörderperle. Was aber viel wichtiger ist - dieses Entblößen schreit förmlich nach „Ausziehn-Ausziehn“-Rufen bei Konzerten. Eine Band wie CREMATORY sollte eigentlich wissen, daß man weibliche Combo-Mitglieder vom Mob abschirmt und nicht mangels Kohle für Models in die vorderste Linie der Front wirft.
Zur Musik. Da haben sich Felix, Markus, Harald, Katrin und Neuzugang Matthias unverständlicherweise an vorherrschende Gothic-Klischees orientiert. Die Musik wurde seichter, die Keyboard-Elemente verspielter und der Gesang - durch Matthias - an vielen Stellen clean. Das macht CREMATORYs neues Material beliebig austauschbar.
„The Fallen“
Nun, und wenn dann obendrein noch etwas die kompositorischen Ideen ausgehen, muß man schon damit rechnen, daß die Fans nicht gerade Purzelbäume machen. Und ausgerechnet auf diesem doch sehr schwachen Album servieren uns CREMATORY ihr bis dato witzigstes Stück: „Time For Tears“. Als Seitenhieb für jene Fans gedacht, die in den Konzerten immer wieder nach dem Hit der Band „Tears Of Time“ verlangen, wurden hier die Noten markanter Passagen des Gassenhauers von hinten eingespielt, so daß ein ähnliches Stück entstand. Eigenartigerweise hat es aber kein Hitpotential.
„Time For Tears“

JUB

SUIDAKRA "The Arcanum" 9
Last Episode/Connected 2000

Suidakra - The Arcanum

"Rise Of Taliesin"
Das SUIDAKRA eine geile Band sind, wußte ich ja schon spätestens seit ihrer "Layrs From Afar"-Scheibe. Doch was die Herren und die Dame auf "The Arcanum" fabrizieren, ist wirklich der Hammer. Breite melodische Gitarrenwände, wie sie selbst die Schweden nicht besser hinbekommen könnten, die Melodien kommen nie in den Verdacht des Selbstzwecks, sondern passen hervorragend zum Gesamtsound in dem Akustikgitarren ebenso ihre Daseinsberechtigung haben.
Das Keyboard ordnet sich den Klampfen unter und kleistert die Lieder nicht zu, sehr schön. Dazu kommt der ausdrucksstarke Gesang von Frontmann Arkadius Antonik, welcher auch bei den ruhigen Stücken mit klarem Gesang zu überzeugen weiß. Einzig die Coverversion von Skyclads "The One Piece Puzzle" ist am Anfang gewöhnungsbedürftig, zündet aber spätestens nach fünfmaligem Hören. "The Arcanum" wurde von Andy Classen 
in ein hammerhartes Soundgewand gepackt und sollte jedem qualitätsbewußten Headbanger ein Begriff sein.
"Wartunes"/"The One Piece Puzzle"

THOMAS

DOKKEN „Live From The Sun“ 8
Steamhammer/SPV

Als ich diese DOKKEN-Scheibe hörte, habe ich einmal mehr bedauert, daß sich im Heavy Metal die einzelnen Szenen so sehr stark polarisieren. Denn es ist zu vermuten, daß dieses Teil am allgemeinen Metal-Underground spurlos vorüberzieht. Das hat zur Folge, daß unheimlich vielen Metalheads eine Menge außerordentlich guter Musik verloren geht. Und Dokken - aus der Melodic-Metal-Szene der 80er kommend - haben einen ganzen Sack voll musikalischer Kleinode im Gepäck.
„Breaking The Chains“
Logisch, daß es auf der Live-Scheibe eine Reihe ihrer echten Hits zu hören gibt, was das Teil aber nicht zu einer untergeschummelten "Best Of" macht, da DOKKEN auf „Live From The Sun“ offenbar ganz ohne Overdubs agierten. Deutlich wird das am Gesang, der an der ein oder anderen Stelle auch mal ein wenig schräg klingt.
Ihren Ursprung hat die Ami-Band interessanterweise in Deutschland. 1978 gegründet, setzte Don Dokken mit zwei Musiker-Kollegen auf Einladung eines Hamburger Club-Besitzers nach Deutschland über. Hier wurde ein Demo eingespielt, das aber erst 1989 als „Back On The Streets“ auf LP erschien. Derweil scharrte Don den Gitarristen George Lynch und Schlagzeuger Mick Brown um sich. Beide hatten gerade als Instrumentalisten auf Udo Lindenbergs „Keule“ ausgeholfen. Den Baß besorgte bei DOKKEN vorerst Peter Baltes, der später bei Accept berühmt wurde. Und bevor dann 1983 das Debüt „Breaking The Chains“ erschien, war Don Dokken als Background-Sänger auf dem „Black Out“-Album der Scorpions zu hören.
Bis 1988 schwamm man auf einer riesigen Erfolgswelle. Dann ebte das Interesse an dieser Art von Musik ab, Platten von DOKKEN gab es aber - wenn auch nicht regelmäßig - weiterhin. Das große Comeback startete die Band 1999 mit „Erase The Slate“. Dieses Hammer-Album wurde betourt und Eregbnis ist das vorliegende „Live From The Sun“
„Kiss Of Death“
Um die Melodic-Bands habe ich in den 80ern meist einen großen Bogen gemacht, da man eh nur die ganz Großen registrierte und dadurch eine völlig falsche Sicht auf diese Szene bekam. Und wer wollte als echter Metal-Fan schon mit den weichgespülten Bon Jovi oder Nelson und Warrant in Verbindung gebracht werden. Gut, daß von den echten Helden dieser Szene noch ein paar übrig sind und die Zeit wieder reif für solche Musik ist. Und was diese ausmacht, könnt ihr bei DOKKEN nachhören. Da gibt es nicht nur knackige Melodien und wird ordentlich Gas gemacht, selbst Freunde groovender Bässe und atmosphärischer Gitarrensoli kommen auf ihre Kosten. Und das in einem Stück das „To High To Fly“ heißt und satte 14 Minuten dauert.
„Tooth And Nails“

JUB

STAMPIN`GROUND "Carved From Empty Words" 8
Century Media/Magic Arts, 2000

Stampin' Ground - Carved From Empty Words

STAMPIN`GROUND stammen aus der britischen Hardcore-Szene und haben sich bereits durch zahlreiche Touren mit Core-Kollegen einen guten Ruf in dieser Szene erspielen können. Nun möchten sie auch beim Metalvolk Gehör finden und richten ihren Sound dementsprechend danach aus. In den meisten Fällen war es in der Vergangenheit ja anders herum, da spielte so manche Metalband auf einmal irgendeine Metal/Hardcore-Grütze und ging damit bei den Altfans mächtig baden. Bei STAMPIN`GROUND funktioniert das aber, heißt der Sound ist extrem bissig und die Kompositionen erreichen mitunter schon Thrash-Qualität. Die ein oder andere Länge schleicht sich bei "Carved From Empty Words" zwar noch ein, aber dafür ballern die Fans des geschnittenen Haupthaares im nächsten Augenblick wieder los als gäbe es keinen Morgen. Wenn der Lautstärkeknopf auf 10 steht, ist diese CD effektiver als ein Vorschlaghammer und das ist mir acht Punkte wert. Einziger fader Beigeschmack ist der Fakt, daß im Labelinfo steht: "Slayer watch out!" und STAMPIN`GROUND gleich im ersten Song der Platte rotzfrech ein Riff der Thrash-Legende klauen. Dumm gelaufen, nicht wahr.

THOMAS

DIMMU BORGIR „Puritanical Euphoric Misanthropia“ 8
Nuclear Blast, 2001

Dimmu Borgir - Puritanical Euphoric Misanthropia

Das Problem der Nachahmer gegenüber den Trendsettern ist, das sie ihren Vorbildern immer mindestens eine Tonträger-Veröffentlichung hinterherhängen. Da zwischen den Platten der Vorreiter jedoch durchaus auch mal mehrere Jahre liegen können, kann es passieren , daß die Nachahmer über längere Zeit mit dem Abklatsch ihrer Idole den Musik-Markt verstopfen. Nun, und DIMMU BORGIR, die Beinahe-Erfinder des Bombast-Kleister-Sounds blieben ihrem Stil gar über drei Alben treu („Enthrone ...“, „Godless ...“, „Spiritual ...“). Zeit genug für die Trittbrettfahrer, sich so ordentlich auf dieses Zeug einzuschießen. Zeit genug auch, daß sich sämtliche Underground- und Major-Labels mit wenigstens einem DIMMU BORGIR-Klon versorgen konnten.
Die sind jetzt alle gekniffen. Denn ihre Vorbilder sind ihnen einfach davon galoppiert.
„Absolute Sole Right“
Natürlich setzen DIMMU BORGIR immer noch auf Bombast, Tempi- und Rhythmuswechsel, haben sich aber stilistischen Elementen geöffnet, die an einigen Stellen gar Erinnerungen an Pink Floyd wach rufen. Darüberhinaus wurde der Einsatz des Keyboards aufs Minimalste heruntergefahren, um mehr Platz für Orchester-Passagen zu schaffen, die der Musik ein Vielfaches an Dramatik  verleihen. Und trotz alledem wirken die Arrangements nicht mehr so willkürlich, wie manchmal auf den Vorgänger-Alben. Und zuguterletzt ist wieder mehr Geradlinigkeit zu vernehmen.
„Puritania“
Mit der neuen Scheibe haben DIMMU BORGIR ihre Prüfung als kreative Musiker bestanden. Es wird sicher interessant, die weitere Entwicklung der Band zu verfolgen. Das im Zusammenhang mit DIMMU BORGIR zu sagen, ist allein schon sensationell.
„Devil’s Path“

JUB
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