An dieser Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen
- unter der 14-tägigen Rubrik "Abgehört" -
des Jahres 2001 in der entgegengesetzten Reihenfolge ihrer Ausstrahlung.
Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen 
und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. 
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.

ABGEHÖRT-Spezial vom 06. November 2001


HARDCORE SUPERSTAR „Shame“ 7
Music For Nations/Zomba, 2001

Hardcore Superstar - Shame

Daß die Gruppe HARDCORE SUPERSTAR soviel mit Hardcore zu tun hat, wie Verteidigungsminister Rudolph Scharping mit einer stattlichen Erscheinung, ist nicht neu. Allerdings klangen die Schweden noch nie so Sleaze-lastig. LA Guns, Hanoi Rocks und ähnliche Radau-Brüder fallen einem bei dieser Musik ein. Die Single „Shame“ ist eindeutig eine Rückbesinnung auf die Spätachtziger.
„Shame“

JUB

KRISIUN "Ageless Venomous" 6
Drakkar/BMG/Century Media, 2001

Krisiun - Ageless Venomous

Das KRISIUN trotz (oder gerade wegen) ihres völlig wahnsinnigen Speedgepolters talentierte Musiker sind, haben sie schon in der Vergangenheit auf CD und bei ihren Livekonzerten bewiesen. Nicht umsonst erfreuen sich die drei brasilianischen Brüder Alex, Max und Moyses gerade in der prominenten Death Metal-Musikerszene stetig wachsender Beliebtheit, die man allein an den häufig bei Auftritten zur Schau gestellten KRISIUN-Shirts  der Musiker solcher Bands wie Napalm Death, Immortal oder Cannibal Corpse ablesen kann. Auch durch ihr stets natürliches und fanfreundliches Auftreten vor, während und nach ihren Konzerten haben die Südländer bei Fan, Musiker und Journalist gleichermaßen einen Stein im Brett. Somit ist es nicht weiter verwunderlich, daß ihre neue Platte vielerorts über den grünen Klee gelobt wird.
Meiner Meinung nach sind KRISIUN mit "Ageless Venomous" zwar wieder ein Stückchen fitter an ihren Instrumenten geworden und auch herrscht nicht nur pausenlos die Abrißbirne in ihren neuen Songs, dennoch ist ihr neues Werk die für mich am schwersten zu knackende Veröffentlichung. Denn, obwohl man mittlerweile die Songs voneinander unterscheiden kann,wirkt die CD auf Anhieb etwas sperrig, was an den stark verschachtelten Riffs der Band und dem eigenartigen Sound der Bassdrums liegt.
"Ageless Venomous"
Das KRISIUN jedoch mal ein Akustikstück aufnehmen würden, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können. Doch unverhofft kommt oft, heißt es so schön.
Lustigerweise klingen KRISIUN unplugged genauso wie sonst auch, nur ohne Strom. Schell und frickelig.
"Diableros"

THOMAS

GRAVE DIGGER „The Grave Digger“ 8
Nuclear Blast, 2001

Grave Digger - The Grave Digger

Da hat es 17 Jahre und neun reguläre Tonträger gedauert, bis GRAVE DIGGER den Totengräber zur Hauptfigur machen und eine Scheibe quasi „selbstbetiteln“. So heißt die 2001-Edition der deutschen Heavy Metal-Ikonen halt „The Grave Digger“. Ein bedeutungsschwerer Titel, der ein besonderes Album suggeriert. Und ausgerechnet der Titelsong will dieses Versprechen nicht halten.
„The Grave Digger“
Aber keine Sorge: Auch 2001 sind GRAVE DIGGER voll bei der Sache und liefern weder Halbgares noch verliert man sich in Experimenten. Allein „King Pest“ oder „Haunted Palace“ sind die Anschaffung dieser Scheibe wert. Wo GRAVE DIGGER drauf steht, ist auch GRAVE DIGGER drin. Thematisch bleibt man zwar dem Mystischen verhaftet, hat aber diesmal nicht erneut das Mittelalter durchforstet, sondern ist mit Edgar Allen Poe eine unheilige Allianz eingegangen. Sicher ist die Wahl dieser Themenwelt nicht gerade originell, zu GRAVE DIGGER scheint sie aber gut zu passen. Es wäre absurd abzuwägen, ob die Band auf „The Grave Digger“ nun härter, geradliniger, melodiöser geworden ist, denn irgendwie trifft alles und nichts zu. Was aber auf jeden Fall auffällt: Sänger Chris Boltendahl, dessen Stimme seit jeher die Metal-Szene spaltet, scheint immer besser zu werden.
„Raven“

JUB

ADAGIO "Sanctus Ignis" 5
LMP/SPV,2001

Adagio - Sanctus Ignis

Die Progressiv Metal-Szene ist schon eine, in meinen Augen, sehr merkwürdige. Meist versuchen sich ein paar überkandidelte Instrumental-Virtuosen durch das Komprimieren von verschachtelten Breaks, ausuferndem Gitarrengewichse und überflüssiger Verkomplizierung ihrer Musik in ein ähnlich gottgleiches Licht wie z.B. Yngwie Malmsteen zu rücken. Doch kann man die Kompositionen meist nur schwer verdauen und noch schwerer danach headbangen. Doch es gibt natürlich auch Bands, die wirklich so etwas wie Spannung erzeugen bzw. eine erkennbare klare Linie in ihren Tonkaskaden haben. ADAGIO gehören zur letzteren Kategorie. Zwar hat der Franzose Stephan Forte auch einen Narren an den Flitzefingern des exzentrischen Schweden Malmsteen gefressen, doch ist seine Musik kein stumpfes Skalengerase. Vielmehr fühlt man sich beim Hören von "Sanctus Ignis" tatsächlich in der Lage, den Songs folgen zu können. Nur die Gesangsmelodien sind mir zum Teil ein Rätsel (vorgetragen von Pink Cream 69-Sänger David Reedman) und manchmal, ja manchmal kann auch unser Franzose vom Gniedeln nicht genug bekommen. Doch ansonsten hat der Musiker, der auch schon mit Death Metal und Grindcore (!) experimentiert haben soll, hier ein Progressivalbum aufgenommen, das Spaß macht, zu hören und sicher noch das ein oder andere mal seinen Weg in meinen CD-Playerschacht finden wird.
"The Inner Road"

THOMAS

BOLT THROWER „Honour - Valour - Pride“ 8
Metal Blade, 2001

Bolt Thrower - Honour - Valour - Pride

Aus dem gespenstisch den Horizont zerschneidenden Waldrand bahnt sich Motorengedröhn einen Weg in die eigenen Stellungen. Zu erkennen ist absolut nichts, die Nacht ist wolkenverhangen. Das Grummeln wird heftiger. Kommen sie näher oder werden es mehr? Im Magen gesellt sich zum flauen Gefühl ein leichtes Vibrieren, das nach einigen Minuten in ein Kollern übergeht. Sie kommen tatsächlich. Ihre Umrisse werden sichtbar. Zwischen den Kolossen wanken hühnenhafte Gestalten. Die Gesichter blutverschmiert, zu Grimassen entstellt. Wenn die in die Gräben eindringen, wird hier alles mit Haut und Haar gefressen.
„Inside The Wire“
BOLT THROWER ziehen nunmehr zum siebenten Mal in den Krieg. Ihre Schlachten haben sie bisher immer gewonnen, ein Ende des Gemetzels ist allerdings nicht abzusehen, auch - und das ist mit Bedauern anzumerken - wenn die Briten die ersten Verschleißerscheinungen zeigen. Man kommt nicht mehr ganz so flink aus dem Schützenloch, trifft nicht mehr unbedingt mit dem ersten Schuß und der sitzt dann meist auch nicht wie üblich mitten im Gesicht, sondern  kann schon mal die Schulter zerreißen oder einen Arm zerschmettern. Trotzdem ist es auch anno 2001 immer noch sicherer, auf Seiten BOLT THROWERs zu kämpfen.
"K-Machine"/"Contact Wait Out"

JUB

HADES "DamNation" 7
Metal Blade, 2001

Hades - DamNation

Jawoll! Ein Cover mit brennender USA-Flagge, von einer amerikanischen Band, das nenne ich in den heutigen Zeiten Provokation. Gut, die CD erschien bevor die Häuser umkippten, aber sie wird immernoch in so manchem Laden stehen. Aber was ist da wohl für Musik drauf? Gut ins Ohr gehender Speed Metal ohne Tiefen aber auch ohne besondere Höhen. Das, was hoch ist, ist die Stimme von Sänger Alan Tecchio, der schon zwischendurch bei Watchtower und Non-Fiction für Begeisterung bei US-Speed Metal-Fans sorgte. "DamNation" ist insgesamt etwas unspektakulärer als zum Beispiel Agent Steel oder Exciter (in meinen Augen Hammerbands), gehören aber in die selbe Abteilung im Plattenschrank. Das Problem bei HADES ist einfach, daß kein Song sofort zündet, auch nicht nach fünfmaligem Hören. Es treibt zwar und drückt wie Sau, aber der Errinnerungsfaktor ist sehr gering. Ein bißchen wenig für eine Kultband für die HADES in gewissen Kreisen gehandelt werden. 
"Stressfest"

THOMAS 

BOOZE BOGY „Welcome To The Bogyland“ 8
Nexus Rec/Point Music, 2001

Booze Bogy - Welcome To The Bogyland

Wer die Ramones spätestens seit Joeys Krebs-Tod und auch die Dickies schmerzlich vermißt, der bekommt ausgerechnet aus Österreich einen - wenn auch nicht gleichwertigen - Ersatz. Was die Punks BOOZE BOGY aber auf jeden Fall aus der Spaß-Müll-Szenerie heraushebt, sind zu jeder Zeit funktionierende Melodien mit einem ebenso hohen Slam-Dance- wie Mitsing-Faktor. Hinzu kommt, daß die Gitarren durchaus akzeptabel bratzen. Textlich dreht sich beinahe alles auf dem BOOZE-Debüt „Welcome To The Bogyland“ ums Poppen. Das ist nicht besonders aufregend, aber zumindest ein Thema, auf das sich alle einigen können.
„Chicks In Rage“
BOOZE BOGY passen eigentlich überhaupt nicht in den Kreis jener Würste, die sich im Allgemeinen so Punks nennen. Denn entweder sind es diese Bullenschweine-Nazis-Raus-Böser-Kapitalismus-Bands oder Saufen-Raufen-Ball-Nachlaufen-Truppen. Musikalisch ist das meist sauschwach.
Punk war mit dem „The Great Rock’n’Roll Swindle“-Album der Sex Pistols 1979 eh am Ende. Alles, was danach kam, war die Spreu. Ach, und dann gibt es da noch die Neu-Punkies, deren Shows immer so lustig sind, daß man meinen möchte, auf einer Parodie-Party zu sein. Solche Combos nennen sich zum Beispiel Grüner Tee oder Oftspringen. Da sind die BOOZE BOGYs eine echte Erholung, weil zum einen vom Punk der Amis der Spätsiebziger gestriffen und zum anderen äußerst unaufdringlich.
„Monsters“

JUB

EVERGREY "In Search Of Truth" 6
InsideOut/SPV, 2001

Evergrey - In Search Of Truth

So lasse ich mir Progressiv Metal gefallen. Keine aufgesetzte Fröhlichkeit, nein im Gegenteil, "In Search Of Truth" kommt recht düster daher. Die Stimme bewegt sich in angenehmen Frequenzbereichen diesseits der Männlichkeitsskala. Doch der größte Pluspunkt bei EVERGREY ist der Fakt, daß man sich beim Komponieren wirklich einen Kopf gemacht hat und nicht nur mit instrumentaler Fähigkeit aufschneidet. Die Songs sind zwar noch Lichtjahre davon entfernt, sich sofort im Ohr festzusetzen, aber sie haben etwas, was anderen Kapellen aus diesem Sektor meiner Meinung nach fehlt; nämlich, daß man mit Spannung zuhört und die Lieder nachvollziehen kann, ohne dannach eine Aspirin schlucken zu müssen. 
Kurzum, die Gitarren drücken, die Strukturen greifen und das düstere Erscheinungsbild der Band lassen nur einen Schluß zu: EVERGREY sind zwar progressiv aber auch Metal. Sympathisch.
"The Masterplan"

THOMAS

BORKNAGAR „Empiricism“ 6
Century Media/Magic Arts Publishing, 2001

Borknagar - Empiricism

Ich weiß nicht, ob das wirklich so gut ist, wenn ich bei „The Black Canvas“ von BORKNAGARs neuer Scheibe „Empiricism“ an Procoul Harum erinnert werde. Nicht, daß Procoul Harum schlecht wären, nur hatte die Psychedelic-Band der Spätsechziger mit Heavy Metal überhaupt nichts zu tun. Diese Verbindung kann man Oystein G. Brun und seinen erneut zusammengewürfelten Haufen nun wirklich nicht absprechen, wohl aber hat sich im Klangbild der Norweger wieder einmal einiges geändert. Nicht nur, daß jetzt nach Garm (auf den ersten beiden Alben) und Simen Hestnaes (Scheibe 3 und 4) zu den Aufnahmen von „Empiricism“ der gute Vintersorg hinter dem Mikrophon stand, offenbar hat sich auch die Teilnahme von Ex-Emperor-Basser Tyr auf die neuen Stücke niedergeschlagen. Denn bekanntlich hassen die Emperor-Leute es, wenn ein Lied ohne Brüche und Winkel durchgespielt werden kann. Und so ist der Zugang zu dem neuen BORKNAGAR-Material im Vergleich zum Vorgänger „Quintessence“ geradezu extrem schwierig.
Nehmen wir nur die Melodien: Die sind diesmal weder packend, noch einschmeichelnd. Sie haben etwas Schwermütiges, Dramatisches, zwingen zum Zuhören. Nimmt man sich keine Zeit, quält sich die neue BORKNAGAR praktisch am Ohr vorbei. Dann haben wir da die leidvolle, leicht weinerliche Stimme von Vintersorg. Auch nicht jedermanns Sache und mit zunehmender Spielzeit doch etwas belastend. Das Tempo ist auf „Empiricism“ meist gedrosselt, Keyboard und Klavier spielen eine äußerst dominante Rolle.
Die BORKNAGAR-Scheiben am Stück gehört, lassen die Neue sicher auffallen, richtig gelungen wirkt sie allerdings nicht.
„The Stellar Dome“

JUB

FIREHOUSE "O²" 1
Wocka-Wocka/Spitfire, 2000

Firehouse - O²

Die Band mit dem doofen Namen gibt es schon ein bißchen länger und ich glaubte sie auch schon im musikalischen Jenseits. Doch mit "O²" belehren mich die vier Musiker eines Besseren. Interessierte mich die Band Anfang der Neunziger nicht im geringsten, so weiß ich heute genau wieso. Allerwelts-Rock'n'Roll wie er hahnebüchener nicht sein könnte, wird auf "O²" zelebriert. Dazu Klischeetexte der Marke: "Wir rocken hier total das Haus" über "Oh Baby, du bist die einzige für mich!" bis hin zu "Ich mache jede Nacht zum Tag!" Man, das habe ich alles schon einmal aufregender gehört. Und vor allem glaubwürdiger. Denn die Typen auf dem Backcover sehen eher wie die Begleitband von Wolfgang Petry aus. 
Braucht keine Sau.
"Take It Off"

THOMAS

Heaven And Earth „Windows To The World“ 8
Frontiers/Now & Then/Point Music, 2000

Heaven And Earth - Windows To The World

Es ist immer wieder absolut faszinierend, wieviele Musiker und Bands von Ritchie Blackmore und Deep Purple beeinflußt worden sind. Einer von ihnen ist der englische Gitarrist Stuart Smith, der nach einem Solo-Projekt mit viel Prominenz jetzt die Band HEAVEN AND EARTH präsentiert. 
Smith verleugnet in keinem Moment, daß er einst unter den Fittichen Blackmores stand. Denn die Songs auf „Windows To The World“ sind nicht nur einmal Deep Purple- oder Rainbow-lastig. Auch dieses blues-rockige Feeling genannter Bands blitzt auf, obwohl Smith  doch meist etwas gemäßigter agiert. Aber selbst Balladeskes bringt der Brite mit Stil, serviert gekonnte Melodien und hat mit dem vordergründigen Schlagzeugspiel und der Hammond-Orgel ein herrliches Soundgewand im Rücken.
Stuart Smiths Mitstreiter sind allesamt gestandene Wandler durch die Szene: Da wäre Schlagzeuger Richie Odori, der für Bobby Kimball, Keith Emerson und Rick Derringer trommelte, Sänger Kelly Keeling, der bei Baton Rouge, Blue Murder und MSG hinterm Mikro stand und schließlich ist da noch Keyboarder Arlan Schierbaum, den Smith aus Musiker-Kreisen in Los Angeles kannte. Und dieses Team ist wirklich vortrefflich aufeinander eingespielt.
Zuguterletzt befindet sich mit dem Stück „Prisoner“ ein Song auf der Scheibe, den Smith gemeinsam mit Kelly Keeling und Ritchie Blackmore schrieb. 
„Prisoner“

JUB

SEMEN DATURA „This Love Is Dead“ 5
CCP, 2001

Semen Datura - This Love Is Dead

Oh, SEMEN DATURA machen es einem nicht leicht. Da sind auf der einen Seite die enorm schraddelnden Gitarren, der bullige Sound, der Live-Atmosphäre suggeriert und ein Thrash Metal-Kracher wie „Follower“, der uns auf eine kleine Zeitreise in die 80er nimmt. Auf der anderen Seite hingegen kommen die meisten anderen Songs nicht halb so flüssig rüber, kann man die deutschen Texte nur schwer anbieten und ist das Keyboard beinahe ausschließlich ein Störfaktor. Außerdem nervt der Gesang der - wie es im Label-Info heißt  - „professionellen Sängerin“ Tereza gewaltig. Wenn sie allein trällert ist es  schon schlimm, singen Tereza und Sänger/Gitarrist Foerster gemeinsam, ist es ganz vorbei. Auch dieses Gebräu aus Thrash und Black Metal, dem ein ganz ganz kleiner Schuß Gothic verpaßt wurde, funktioniert nur ganz selten.
„Price Of Liberty“

JUB


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