ABGEHÖRT
vom 06. Dezember 2005



SERPENT SOUL
“Beyond Humanity“
Erschienen: 2003
Label: Eigenproduktion
Homepage: www.serpentsoul.org
SERPENT SOUL On Air: „Doomsday“

Im Rhythmus wehende Haare, bangende Köpfe, in die Luft gereckte Arme, zu Fäusten geballte Hände, zu Fratzen entstellte Gesichter – und doch haben all diese ausrastenden Typen Gänsehaut. – Dieses Szenario ist bei einem SERPENT-SOUL-Konzert durchaus vorstellbar. Gesetzt den Fall, die Musik dieser Melodic-Death-Metal-Band klingt durch die Bank wie auf der EP „Beyond Humanity“. Denn das Hauptmerkmal auf diesem Tonträger sind gnadenlos nach vorn ballernde Songs mit nahezu phantastischen Melodien. Diese Melodien werden aber nicht etwa durch kurze Bremsattacken hervorgehoben oder gar mit cleanen Bridge- oder Refrain-Vocals eingebaut, sondern befinden sich inmitten dieser wütenden Heavy-Metal-Granaten. Nein, sie sind dieselben. SERPENT SOUL sind in Deutschland auf dem Death-Metal-Sektor ein echtes Leuchtfeuer, erst recht, da sie sich weder im Sound noch beim Arrangement ihrer Songs an skandinavische Vorbilder klammern.

9 von 10

JUB



THE HAUNTED
„Revolver“
Erschienen: 2004
Label: Century Media/Warner Chappel
Homepage: www.the-haunted.com
TheHaunted On Air: „All Against All“

In Sachen Thrash Metal macht den Mannen von THE HAUNTED niemand mehr etwas vor. Death-Metal-Fans werden staunen, wie extrem, wuchtig und brutal diese Musikrichtung klingen kann. Rechnet man das Live-Album von 2001 mit, haben THE HAUNTED mit „Revolver“ schon die fünfte Scheibe am Start. Und da ist Debüt-Sänger Peter Dolving doch zurückgekehrt. Dessen Organ ist der Hammer schlechthin, auch wenn es vielen Ohren zu Hardcore-lastig klingen wird. Luft hat dieser Dolving aber wie eine aufgeblasene Luftmatratze. Man höre nur „Liquid Burns“, wo man manchmal denkt, er möge doch wieder Luft holen. Das schwerfällige „My Shadow“ outet den Schreihals gar als filigranen Sänger, der eine ziemlich helle Stimme hat. Dolving paßt gut in das Konzept der schwedischen Formation, daß ganz auf das kompromisslose Niederknüppeln jeglichen Widerstandes ausgerichtet ist. Ein bißchen sind THE HAUNTED von den amerikanischen Hardcore/Thrash-Bands, die derzeit als Metalcore die Welt unsicher machen. Trotzdem bleiben die fünf Musiker auf dem europäischen Teppich.

8 von 10

JUB



FIELDS OF THE NEPHILIM
“Mourning Sun“
Erschienen: 2005
Label: Oblivion/SPV
Homepage: www.fieldsofthenephilim.co.uk
FIELDS OF THE NEPHILIM On Air: „She“

Carl McCoy ist FIELDS OF THE NEPHILIM. Seine Aura, seine Ausstrahlung und natürlich seine künstlerische Kreativität haben der Band ihr Gepräge gegeben. Und das hat heute seine Außenwirkung wie eh und je. Das neue FIELDS-OF-THE-NEPHILIM-Album ist ein weiterer Baustein am Gesamtkunstwerk der stilprägenden Gothic-Band. Fields standen immer im direkten Konkurrenzkampf mit den Sisters Of Mercy und eine zeitlang auch mit The Cult. Beide Gruppen waren zu ihren Hochzeiten nicht nur erfolgreicher, sondern auch besser. Beständig und von gleichbleibender Qualität waren aber nur FIELDS OF THE NEPHILIM, die mit „Mourning Sun“ wahrhaftig die Trauer-Sonne aufgehen lassen. Dabei entfalten die Songs ihre Wirkung natürlich vor allem durch McCoys heisere Stimme, die den Song „Requiem XIII-33 (le veilleur silencieux)“ praktisch im Alleingang bewältigt. Hypnotisch dann auch „Xiberia (Season In The Ice Cage)“, das mit monotonem Electro-Drumming das Hirn wabern läßt. Fields waren nie die Band, die typische Single-Hits veröffentlichten. Wer bei dieser Band die Tanzfläche vollschwitzte galt als Kenner. Diesmal sind mit „She“ und „Mourning Sun“ aber auch richtig schöne Lieder dabei, die mit ihren Melodien und Arrangements bestechen.

8 von 10

JUB



AMORAL
“Wound Creations“
Erschienen: 2004
Label: Spikefarm
Homepage: www.amoralweb.com
AMORAL On Air: „Other Flesh“

Technisch komplizierter Death Metal mit Thrash-Spritzern ist sicherlich nicht gerade die Musik, für die ich mich ins Feuer werfen würde. Allerdings haben wir es bei AMORAL mit Finnen zu tun … Nein, natürlich bekommen die Finnen nur ihrer Herkunft wegen bei mir jetzt nicht automatisch Bonus-Punkte, egal welche Musik sie machen. Aber vermutlich sind Finnen selbst dann noch irgendwie melodiöser als ihre Mitbewerber, selbst wenn sie sich einem Stil verschreiben, bei dem eingängige Melodien stören wie Kakerlaken auf dem Küchentisch. AMORAL haben mit „Wound Creations“ ihr Debüt-Album vorgelegt und sich in meinen Ohren gleich den Titel „die Death des Melodic-Death-Metals“ verdient. Ihre Rhythmusfiguren sind manchmal beängstigend, ja, man fürchtet gar, einen defekten CD-Player zu besitzen. Parallel dazu gelingen ihnen aber in denselben Songs feine Melodielinien, mit denen man wahrlich nicht rechnet. Mit welcher Stilsicherheit sie schöne Gitarrenmelodien verarbeiten können, zeigen AMORAL bei dem Instrumentalstück „Languor Passage“. Allerdings darf diese Nummer auf gar keinen Fall als Beispiel für das Album herhalten, denn hier fehlen progressive Einflüsse völlig. AMORAL sind eine Entdeckung. Hier ist es wirklich sinnvoll, den weiteren musikalischen Weg der Band zu beobachten.

7 von 10

JUB



VARGSANG
„Throne Of The Forgotten“
Erschienen: 2005
Label: Undercover Records
Homepage: www.frank-zander.de
VARGSANG On Air: „Night Of The Impaled Whores“

Echte Black-Metaller müssen ihre Musik nicht kommentieren. Und das meine ich nicht einmal ironisch, denn wenn VARGSANG mit Nachdruck im Booklet darauf hinweist, daß Kontakte und Interviews nicht erwünscht sind, dann scheint das nur konsequent. VARGSANG, das Ein-Mann-Projekt gleichnamigen Protagonisten, gehört zu den besserer Black-Metal-„Bands“. In vornehmlich schneller Spielweise werden auf diesem, dem zweiten Album, reine, knallharte und echte Black-Metal-Songs vorgetragen. Die Gitarren dröhnen stoisch ihre Melodien, Vargsang röchelt mehr sprechend als singend seine menschenfeindlichen Botschaften ins Mikrophon. Das Schlagzeugspiel ist spartanisch aber effektiv. Schwachpunkte bei der Verwendung der Instrumente sind an keiner Stelle zu erkennen. VARGSANG ist ein Projekt, bei dem es sich wirklich lohnt, alle Aufmerksamkeit auf die Musik zu legen. Wozu dann ellenlange Statements, womöglich noch Rechtfertigungen (ein Sport, den viele Black-Metal-Bands über Jahre betrieben). Diese Scheibe sollte im Fundus eines Bleck-Metal-Fans auf gar keinen Fall fehlen.

9 von 10

JUB



LORD BELIAL
“Nocturnal Beast“
Erschienen: 2005
Label: Regain Records
Homepage: www.lordbelial.com
LORD BELIAL On Air: „Monarchy Of Death“

Wer es bis heute nicht wahr haben wollte oder es halt einfach nicht wußte – LORD BELIAL sind eine der außergewöhnlichsten Black-Metal-Bands in Skandinavien. Spätestens mit ihrem sechsten Album, „Nocturnal Beast“, untermauern sie ihre Position als eine der melancholischsten Schwarzmetall-Truppe, die es gibt. Ein wenig erinnern sie an ihre Landsleute von Katatonia, als diese noch mit einem Bein im Black Metal standen. „Nocturnal Beast“ hat keine Geschwindigkeits-Orgien, keinen Brutalo-Rausch zu bieten. Die Stücke schweben nahezu, vermissen keine Härte aber blasen Dich auf gar keinen Fall weg. Vielleicht ist da ein Hauch Gothic zu vernehmen, obwohl ich diese Stilistik im Zusammenhang mit LORD BELIAL ungern nenne. Denn düstere, schwermütige Musik muß nicht gleich gotischen Charakters sein. „Indoctrination Of Human Sorrow“ ist für diese Meinung sicherlich ein sehr gutes Beispiel: Das Stück wirkt tragend, möchte Dich runterziehen, trotzdem tackert das Schlagzeug in einem blast-ähnlichen Rhythmus, daß es jedem Todessehnsüchtigen das Messer aus der Hand haut. Und über dieser drückenden Rhythmik wiegt sich eine zu Herzen gehende Gitarrenmelodie, die nur noch von Thomas Backelins Kreischgesang zerrissen wird. Ein wahrhaft großer Song. Laßt Euch auf LORD BELIAL ein. Diese CD kann man immer und immer wieder hören, und stimmungsabhängig.

9 von 10

JUB



VERITAS MENTIS
„As God Rejects“
Erschienen: 2002
Label: Eigenproduktion
Homepage: go.to/veritas-mentis
VERITAS MENTIS On Air: „Into Darkness I fell“

Death Metal mit Black-Metal-Gesang und Drum-Computer. Das gilt es aufzubröseln. VERITAS MENTIS machen eigentlich Death Metal, das ist unverkennbar. Allerdings durchzieht die Songs auf der CD „As God Rejects“ nicht nur durch den rauen Gesang ein latentes Black-Metal-Feeling. Das ein oder andere Stück könnte auch Satans-Jüngern zusagen. Wenn, ja wenn da nicht dieser unselige Drum-Computer wär. Der hat nämlich nicht nur einen unsäglichen Sound, sondern ist gnadenlos überproduziert worden. Kein lebender Schlagzeuger würde so blechfixiert auf den Becken herumzischen. Das Getrommel ist so vordergründig, daß man sich eigentlich erst nach dem zweiten oder sogar dritten Durchlauf auf die Songs konzentrieren kann. Und die sind dann am Ende nicht einmal unbedingt das, was sie hätten sein müssen, daß sich der Aufwand des immer wieder Hörens gelohnt hätte. Diese Band würde ich gern einmal mit neuem Material und echtem Schlagzeuger hören, weil ich bei aller Kritik doch glaube, ein gewisses Talent herauszuhören. Aber das genügt natürlich nicht für einen unbefangenen Hörgenuß.

5 von 10

JUB



XCARNATION
„Grounded”
Erschienen: 2005
Label:
Frontiers Records
Homepage:
XCARNATION On Air: „Reason To Believe“

Bei Türken und Musik denkt man unweigerlich an Dönerbuden und tiefergelegte 3er BMWs, aus denen Geräusch kommen, bei dem man nicht weiß, ob die Mudschahedins gerade zum Glaubenskrieg aufrufen oder ob ein türkischer Vater gerade seinen Sohn beweint, der wegen eines Ehrenmordes an seiner Schwester in den Knast muß. Die Besetzungsliste von XCARNATION liest sich wie die gesammelten Werke des Sozialamtes Kreuzberg. Mastermind Cenek Eroglu kann zwar seine türkische Herkunft nicht verleugnen, musikalisch ist er jedoch offen wie die deutschen Grenzen. Neben härteren Gitarren wird gesampelt, was das Zeug hält. Elektronische Spielereien paaren sich mit türkischen Instrumenten, orientalische Melodien mit metallischen Elementen. „Grounded“ ist ein kultureller Überflieger zwischen Metal, Ethnopop, Industrial mit einem sehr eigenwilligen Reiz. Das italienische Label Frontiers Records hat mit dem Projekt XCARNATION etwas sehr eigenständiges auf den Markt gebracht. Pat Mastelotto von King Crimson, Rob Beach von Dokken und Whitesnake, Kip Winger von Winger sowie eine Menge türkischer Musiker spielten diesen Beitrag zur Interkulturalität ein. Als Beispiel für die einzelnen stilistischen Elemente können „Reason To Believe“ und „Take A Deep Breath“ gelten. „Without You“ ist eine gelungene Schmalzballade. Fazit: Man muß es nicht mögen, dennoch lohnt es sich reinzuhören.

7 von 10

DEDDY



REDEMPTION
„The Fullness Of Time”
Erschienen: 2005
Label: Massacre Records
Homepage: www.ivorygate.com/redemption/
REDEMPTION On Air: „Parkers Eyes“

Bei Prog-Metallern hat man oft den Eindruck, Handwerk geht vor Songwriting. Fingerbrecherlicks, Songstrukturen mit der Klarheit und Einfachheit einer Steuererklärung, Rhythmiken, als würde der Drummer sich schämen, auch den 4/4-Takt zu kennen. Vom handwerklichen Können mag man auf die Knie fallen, musikalisch fühlt man sich schulmeisterlich behandelt. Du hast den Song nicht verstanden? – 6, setzen! Bei REDEMPTION sind alte Hasen am Werk, bei denen man annehmen kann, daß das Handwerk Mittel zum Zweck ist. Mit „The Fullness Of Time“ haben die Herren um Gitarrist, Keyboarder, Songwriter Nicolas van Dyk eine Scheibe abgeliefert, bei der alles stimmig ist. Hier geht der Hörer auf die Knie vor den perfekt umgesetzten Songs. Fantastische Melodien, brettharte Gitarren, eine Stimme zum Wegschmelzen. Für Prog Metal ungewöhnlich, hat man nach dem Hören der CD noch Melodien im Kopf und verläuft sich nicht im Wirrwarr der Songstrukturen. “Parkers Eyes“ ist so ein Beispiel. „Fullness Of Time“ ist als Konzept mit einer Gesamtspielzeit von über 20 Minuten angelegt und beinhaltet als titelgebender Song vier Untertitel. „Rage“, „Despair“, „Release“ und „Transcendence“. „Sapphire“ als einzelner Song ist mit seinen 15:55 Minuten auch nicht gerade chart-tauglich. Trotz seiner Länge hat man nicht das Gefühl, REDEMPTION wüßten nicht, wann es Zeit ist aufzuhören. Die Hauptmelodie durchzieht das ganze Lied und hält den Song zusammen. Das Gelingen dieses Werkes verdankt Nicolas van Dyk solchen Größen wie Sänger Ray Alder und Bernie Versailles von Fates Warning. Die Rhythmusfraktion ergänzen James Sherwood und Chris Quirarte von der kalifornischen Prog-Metal-Band Prymary.

10 von 10

DEDDY



WIDOW
„On Fire“
Erschienen: 2005
Label: Cruz del sur music
Homepage: www.burning-village.com
WIDOW On Air: „The Preacher’s Daughter“

Hat Cradel-Of-Filth-Dani sich verliebt, daß er Ausflüge in das Heavy-Metal-Genre wagt? Hat er nicht. Denn der Typ, der hier die Stimmbänder knistern läßt, heißt Cristof. Sein weibliches Pendant ist Lili, und die sing ganz rein, ja, fast unschuldig. Aber glaubt bloß nicht, Ihr hättet es hier mit einer weiteren Black/Gothic-Band zu tun, in der sich Mann und Frau einen Wechselgesang liefern. Vielmehr sind WIDOW ein beinahe schon typische 80er-Jahre-Heavy-Metal-Band, wo es manchmal speedmetallisch zur Sache geht und an anderer Stelle die großen Melodien regieren. In punkto Härtegrad stecken die Amis auf „On Fire“ die Hälfte aller so genannten neuen Power-Metal-Bands in den Sack. Der Gesang von Lili dominiert und paßt hervorragend. Die Kreischattacken von Gitarrist Cristof sind die Sahnehäubchen auf den fetten Tortenstücken. Und schließlich haben wir bei WIDOW noch eine brillante Gitarrenarbeit, die nicht nur durch Twin-Leads besticht, sondern wo selbst die Soli Charakter besitzen. Starke Band, diese WIDOW, die gerade mal ihr zweites Album vorlegen.

10 von 10

JUB

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