Abgehört vom 07. Dezember 2004

SHADOWS FALL
"The War Within"
Erschienen: 2004
Label: Century Media/Is That A Banana In Your Pocket Publ.
Homepage: www.shadowsfallrocks.com
SHADOWS FALL - The War Within On Air: "Enlightened By The Cold"
Bisher dachte ich, es handele sich bei dem Begriff New Wave Of American Metal um eine augenzwinkernde Verballhornung der NWOBHM, die als greifbare Stilistik ja existent war und auch heute noch herangezogen wird, wenn es gilt, ganz bestimmte rauhe Formen des Heavy Metal zu beschreiben. Jetzt muß ich aber feststellen, daß es sogar schon eine Tour unter dem Banner NWOAM gegeben hat, auf der sich die Bands Killswitch Engage, Chimaira, God Forbid und SHADOWS FALL die Bühne teilten. Ich möchte ja nicht unter Verfolgungswahn leiden, aber wie schon sämtliche anderen Musikstile amerikanisiert wurden - und sei es nur begrifflich - scheint hier doch tatsächlich auch die Bezeichnung Heavy Metal auf der Abschußliste zu stehen. Denn die ist Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre allein für britische Bands verwendet worden, da auf der Insel dieser Stil seinen Ursprung hatte. Die Amis - um alles irgendwie mit dem Begriff Rock'n'Roll in Verbindung bringen zu können - haben es dann mit der Bezeichnung Hard Rock versucht, was allerdings nicht durchsetzbar war und heute eher als Sparte gilt. Vor allem alte Herren retten sich häufig in diese Bezeichnung, weil sie halt nur den Sound der 70er bezeichnet. Denn schon zu Beginn der 80er war Heavy Metal wieder in aller Munde.
Daß es amerikanische Bands sind, die auf MTV und Viva die harte Fraktion anführen, ist ja nichts Neues mehr. Ganz im Gegensatz zur Realität des Tonträgermarktes, wo 80 Prozent durch europäische Bands abgedeckt werden. Also was liegt da näher, als diese letzte Bastion der populären Musikkultur auch noch platt zu machen. Über den Rock ging es nicht, also weg mit Heavy und her mit dem American Metal. Vor allem "New Wave", als hätte es American Metal jemals gegeben. Und hört man Bands wie SHADOWS FALL, dann wird einem klar, daß dieser American Metal nichts weiter ist, als einer Vermengung von Hardcore und ganz ganz viel europäischer Einflüsse. Wie zum Beispiel melodischer Schweden Death oder Thrash Metal der alten Schule, der auch gerade in Deutschland seine Protagonisten hatte.
Bedauerlich, daß solch eine hervorragende Band wie SHADOWS FALL in diesem Zusammenhang genannt werden muß, denn die Musiker haben mit ihrem vierten Album "The War Within" einen maßgeblichen Beitrag zur aktuellen Heavy-Metal-Landschaft geleistet. Das Album ist schweinefett, hochmelodiös, beinhaltet komplexe Songs, die zwischen Arrangement-Anspruch und bangkompatibler Geradlinigkeit haargenau austarriert scheinen. Darüber hinaus gibt es durchaus Hitverdächtiges. Das ergibt sich vor allem aus dem geschickten Wechselspiel des rauhen Brüllgesangs und den clean gesungenen Melodie-Parts. Erinnert von der Beschreibung her schon irgendwie an Bands wie Dark Tranquillity oder Gardenian und trifft es damit auch. 9 von 10
JUB

ENTWINE
"diEversity"
Erschienen: 2004
Label: Century Media/Ranka Publ.
Homepage: www.entwine.org
ENTWINE - diEversity On Air: "Still Remains"
The Rasmus und Evanescence räumen ab und Bands wie ENTWINE arbeiten. Damit meine ich gar nicht mal die Zeit, die die Bands jeweils im Geschäft sind. Aber während unsere MTV-Acts hundertmal verwendete Weisen weichspülen, um damit auch zögerliche Rock-Probierer zu überzeugen, gehören ENTWINE zu den Labor-Tüftlern, die sich immer wieder brillante Melodien einfallen lassen und den Gothic Metal in Sphären heben, die den meisten Bands dieses Genre völlig unbekannt bleiben werden. Hört doch einfach mal "Still Remains" - Solche Nummer müßte doch eigentlich nach heutiger Lesart wochenlang die Spitzenpositionen der Charts blockieren. Woran liegt's also? Falsches Label? Ganz gewiß nicht. Zu hart? Phasenweise vielleicht, aber im Großen und Ganzen sicher auch für Musikkanalkonsumierer zu packen. Oder ist es einfach nur die Qualität? Denn qualitativ hochwertige Musik ist mittlerweile ja der Abschreckungsfaktor schlechthin.
Von daher mag man ENTWINE weiter ein Dasein ohne MTV und Viva wünschen. Zu entdecken lohnt sich diese Band allemal, da sie einfach nur wunderschöne Lieder transportiert. Und das auf nunmehr vier Alben, die sämtlichst Gänsehaut bereiten. Aber wen wunderts, sind die Jungs und das Mädel doch aus Finnland(!). 9 von 10
JUB

NASTY SAVAGE
"Psycho Psycho"
Erschienen: 2004
Label: Metal Blade
Homepage: www.nastysavage.com
NASTY SAVAGE - Psycho Psycho On Air: "Hell Unleashed"
In der zweiten Hälfte der 80er Jahre waren NASTY SAVAGE ein echter Geheimtipp unter den Thrash-Metal-Fans. Die Amis gehörten nie zu den Erfindern neuer Tempo-Rekorde, Sounds oder Stilistiken. Allerdings sorgten sie bei denen, die sie zu hören bekamen, mit ihrem intelligenten und differenzierten Thrash, der noch tief im eigentlichen Heavy Metal verwurzelt schien, für hochachtungsvolles Kopfnicken.
Und NASTY SAVAGE 2004? Merkwürdig, denn die Zeit scheint wirklich stehen geblieben zu sein. Nicht nur soundtechnisch. Auch die Musik ist dermaßen NASTY SAVAGE-typisch, daß man meinen könnte, "Psycho Psycho" sollte eigentlich schon Anfang der 90er herauskommen und die Karriere der Band fortsetzen. Umso besser, daß wenigsten 2004 etwas passiert ist und die Mannen um den charismatischen Schouter Nasty Ronnie Galetti ihren kraftvollen, leicht vertrackten Thrash Metal unters Volk bringen. Nasty Ronnie ist gewiß kein begnadeter Sänger, war es auch nie. Er hat aber eine unverwechselbare Art, seine Botschaften äußerst kraftvoll herauszudrücken, wobei er meist einen leicht in einem Singsang gehaltenen Sprechgesang praktiziert. Die Gitarrenarbeit ist vollgepackt mit Ideen, auf die man sich gern einläßt. Und genau diese musikalische Gestaltung führt dazu, daß dieses Album zu einem bleibenden Hörgenuß wird. Es lohnt sich wirklich, hinzuhören. Und wer das Thrash-Zeug aus den 80ern mag, der ist hier sowieso genau richtig. 8 von 10
JUB

MIDWINTER
"Loss Of Light"
Erschienen: 2000
Label: Eigenproduktion
Homepage: www.midwinter-online.de
MIDWINTER - Loss Of Light On Air: "Golden Age"
Als MIDWINTER im Jahr 2000 tonträgertechnisch loslegten, schienen sie den Black Metal wie viele skandinavische Vorbilder zu einer intellektuell verbrämten Kunstform erheben zu wollen. Davon zeugt "Thorns Of Ice", der Quasi-Opener, dem völlig die Linie fehlt. Davon sollte man sich auf der Scheibe "Loss Of Light" aber nicht abschrecken lassen. Denn schon mit "Golden Age" wird alles anders. Melodien zwischen hymnisch und folkig tauchen auf. Wobei folkig nicht im Sinne von Storm oder Finntroll gemeint ist, sondern vielmehr haben die Melodien den Touch von frühen Satyricon-Sachen. Ich erinnere da nur an "Mother North". Natürlich kommt das bei MIDWINTER recht unfertig daher und wirkt auch mal unfreiwillig komisch (Baß-Solo in "Moonrise"), aber die zum Teil überlangen Songs werden nicht wirklich langweilig, trotz des meist getragenen Tempos. Das liegt an den recht effektvollen Einfällen, mit denen die Düsseldorfer meist zum richtigen Zeitpunkt den einzelnen, sehr düsteren Songs neue Wendungen geben. Ziemlich geil kommt auch der Gesang, der höllisch geröchelt wirkt. Auch ein spezielle Note, und soetwas kann ja bei der Ausrichtung auf eine bestimmte Fangruppe ganz hilfreich sein. 6 von 10
JUB

THE TOY DOLLS
"Our Last Album?"
Erschienen: 2004
Label: SPV
Homepage: www.thetoydolls.com
THE TOY DOLLS - Our Last Album? On Air: "The Final Countdown"
Sie begannen, als eigentlich schon alles vorbei war. Denn Anfang der 80er war Punk nur noch eine Musik der Resteverwerter, und die alten Helden waren platt oder hatten sich neuen musikalischen Ausdrucksformen zugewandt. Vielleicht kamen die TOY DOLLS sogar vier, fünf Jahre zu spät, als sie 1983 ihr erstes Album veröffentlichten. Denn eine Band wie diese Briten hätte die ohnehin kunterbunte Punk-Szene noch mehr bereichert.
Dabei sind die Jungs nicht unbedingt einfach zu knacken, oder eben kinderleicht. Die einen werden auf die zum Teil simplen Kinderlieder mit Begeisterung einsteigen. Anderen wird das wiederum zu doof sein und sie werden sich sowieso von der comic-haften Stimme des Sängers abgeturnt fühlen. Allerdings klingt das Material auf "Our Last Album?" durchaus erwachsener als vieles aus den 80ern (Siehe Abgehört vom 25. März 2003). Aber nichtsdestotrotz machen die TOY DOLLS vor allem eine Menge Blödsinn, der mal in Ska-Rhythmen verpackt wird, in raschen Oi-Punk daherkommt oder wie bei "The Death Of Harry The Roofer With Vertigo" und "Jeans Bean" einen Hauch von Pub-Rock á la Dr. Feelgood hat. Natürlich im überschwänglichen TOY DOLLS-Stil.
Die Geschichten, die die Band erzählt, sind sämtlichst schräg und abstrus. Dabei kommen dann obendrein Perlen wie "Rita's Innocent" oder "I Caught It From Camilla" heraus. Das sind dann wieder Momente, wo die TOY DOLLS an die Pop-Punk-Fraktion unter dem Kommando der Buzzcocks erinnern.
Und wenn es ans covern geht, sind die Dolls sowieso eine der gewitztesten Bands an sich. "She's So Modern" von den Boomtown Rats bekommt bei den TOY DOLLS noch einen zusätzlichen Kick und "Final Countdown" von Europe, getragen von einem Kammbläser-Orchester, ist die wohl abgefahrendste Version dieses Songs, die es jemals gab. Und sie gehört in die Charts. Schon wegen "Final Countdown" solltet Ihr Euch dieses Teil zulegen, denn Ihr werdet die Nummer immer wieder hören und auf jeder Party in den Mittelpunkt stellen.
Und ich hoffe - ganz ehrlich - dies hier möge nicht das "letzte Album" der TOY DOLLS sein. 8 von 10
JUB

GIRLSCHOOL
"Believe"
Erschienen: 2004
Label: Communique Records/PHD
Homepage: www.girlschool.co.uk
GIRLSCHOOL - Believe On Air: "Come On Up" 
Als reine Frauenband die Heavy-Metal-Szene aufmischen zu wollen, grenzte zu Beginn der 80er Jahre an Schwachsinn. Und die Mädels von GIRLSCHOOL hatten es wirklich nicht leicht. Nicht nur, daß sie müde belächelt wurden und als Lemmy-Ziehkinder galten, da wurde ihnen schon mal während Support-Auftritten von Fans der Hauptband eiskalt der Strom abgedreht. Dabei geschah dies angesichts der energiegeladenen Musik absolut zu Unrecht. Und spätestens mit dem Album "Hit And Run" hatten die vier Engländerinnen auch den letzten beinharten Metaller überzeugt: Musik zwischen knallhartem Heavy Rock und rasantem Punk mit Texten, die nicht etwa mehr Rechte für Frauen forderten, sondern ganz in das Weiblichkeits-Heavy-Metal-Klischee paßten. 
Aus den rotzigen Schlampen wurden Ende der 80er schillernde Glam-Damen, die sich immer noch ins Zeug legten, aber feinsinniger und mit mehr Pop-Appeal zu Werke gingen. 
Heute haben wir es bei GIRLSCHOOL mit gestandenen Frauen um die 40 zu tun, die nicht die Bohne daran denken, die Kittelschürze anzulegen. Wie müssen Küken wie Jeanette Biedermann oder Britney Spears zusammenzucken, wenn Damen, die fast ihre Mütter sein könnten, den Boxenturm zum Bersten bringen. 
Das Album "Believe" zeigt uns nicht nur eine Band in bester Form, sondern präsentiert uns das Weiber-Quartett in einer Besetzung, wie sie Altfans fast zu Tränen rühren dürfte. Neben der völlig abgehalfterten Denis Dufort (Schlagzeug) und der ewig coolen Kim AcAuliffe (ldvoc, g) ist jetzt Urbaßistin Enid Williams (immer noch scharf) wieder mit von der Partie, die mit ihrer Stimme bereits die Alben "Demolition" und "Hit And Run" veredelt hat. Lediglich Kelly Johnson fehlt und wird hier von der sehr hübschen Gitarristin Jackie Chambers ersetzt, die ebenfalls Leadvocal-Parts bedient (zwischenzeitliche Besetzungswechsel seien an dieser Stelle mal außen vor gelassen). "Believe" ist dann schließlich tatsächlich eine Scheibe geworden, die den gesamten GIRLSCHOOL-Kosmos widerspiegelt. Glam-Rock, Punk und Heavy Metal gehen in dieser Musik permanent Hand in Hand. Ob als Fußballstadien-Hymne ("Crazy"), geradeaus ("Never Say Never") oder schrill ("Come On Up") - GIRLSCHOOL sind in jeder Note wiederzuerkennen. Leider haben wir in der zweiten Hälfte der CD auch ein paar Füller zu verbuchen, die stören aber nicht wirklich. 
Und was den Gesang betrifft, ist bei dem Vierer alles erste Sahne. Vor allem die Klasse Refrain-Parts lassen einem manchmal ein kleines Gänsehäutchen kriegen. 8 von 10
JUB

FRAGMENTS OF UNBECOMING
"Skywards - A Sylphe's Ascension"
Erschienen: 2004
Label: Metal Blade
Homepage: www.fragmentsofunbecoming.com
FRAGMENTS OF UNBECOMING - Skywards - A Sylphe's Ascension On Air: "Fear My Hatred" 
Melodischer Schweden-Death aus Deutschland. Das ist immer so eine Sache, wenn bestimmte Musikstile einen regionalen Zusammenhang haben. Die Kopierkeule wird da viel schneller geschwungen, als in einem anderen Fall. Wie Mayhem darf man auch in China oder auf Grönland klingen. Schweden-Death aber? Da sagt es ja schon der Name. Das ist bestimmt ungerecht, aber gerade aus Abbas eigenem Land kommen so viele hervorragende Protagonisten dieses Stils, daß es Auswärtige immer schwer haben werden. So auch FRAGMENTS OF UNBECOMING. Die machen ihre Sache wirklich gut, haben wuchtige Gitarrenläufe, zum Teil sehr ergreifende Melodien, einen wütenden Sänger und bleiben doch an irgend einer Stelle zurück. Vermutlich ist es die Tatsache, daß FOU nicht bei jedem Stück wirklich von der absoluten Ideengewalt beseelt waren, sondern mehr Klischees herunterspielen. Nichtsdestotrotz bleibt das Debüt-Album dieser Band sehr unterhaltsam. Und so sollten Fans, die diesen melodiebetonten Stil bevorzugen, in "Skyward" ruhig einmal hineinhören. 7 von 10
JUB

BONRUD
"Bonrud"
Erschienen: 2004
Label: Frontiers Rec./Soulfood
Homepage: www.bonrud.com
BONRUD - Bonrud On Air: "Leap Of Faith"

Man, das Teil fängt so schmissig an. "Leap Of Faith" ist ein gutartiger Highway-Rocker, gefolgt von einem Foreigner-lastigen Stück namens "The Phoenix". Das zaubert ein Lächeln der Freude ins Gesicht. Die Ballade "Desperate Heart" nimmt man hin, weil sie so schlecht nicht ist und auch etwas von Foreigner hat. Aber dann "Tschüß". "I've Changed" und "Give Me A Chance" hätte ja olle Bryan Adams noch besser hinbekommen. Vor allem hätte der Kanadier den Ami an die Wand gerockt (na gut, heute sicher nicht mehr). Ha, und mit "Take Me Home" versacken BONRUD völlig im Schnulzen-Kitsch, daß man am liebsten ausschalten würde. Bis zu dieser Stelle hat man den guten Einstieg schon wieder fast vergessen, mit "Date With Destiny" wird es aber wieder ein klein wenig besser. Zumindest macht hier Tempo 180 wieder Laune. Und "Once In A Lifetime" hat dann wieder den Pfiff der Einstiegsnummer. Die Akustikaktion "Live Your Dreams" ist dann dummerweise wieder übrig und holt einen erneut in die Talsohle, um bei "Look Me In The Eyes" wieder herauszukommen. Denn da klingen doch Foreigner ein weiteres Mal an, fein. Schade das BONRUD unbedingt mit einer Ballade enden müssen, allerdings ist "Hollywood Movie Star" so schlecht nicht.
Ihr seht, sehr durchwachsen das Ding. Doch in den seltensten Fällen macht man für solch eine Scheibe die Kohle locker. Aber Paul Bonrud ist jung und dies hier ist sein Debüt, von daher kann ja noch Besseres folgen. 5 von 10
JUB

BETHLEHEM
"Mein Weg"
Erschienen: 2004
Label: Red Stream
Homepage: www.alexanderwelt.org
BETHLEHEM - Mein Weg On Air: "Frl. Deutsch"/"Knochenkorn"
Gewaltiger war der Sprung in meiner Gunst nimmer, und gewaltiger kann Musik kaum aus dem Boxen toben: BETHLEHEM haben mit "Mein Weg" definitiv ihr Meisterwerk zurechtgezimmert. Wenn ich an das unsägliche Doppelalbum "Schatten aus der Alexanderwelt" (siehe Abgehört vom 18. September 2001) denke, habe ich im Vergleich zu "Mein Weg" das Gefühl, einer völlig anderen Band zuzuhören.
Die Bedeutung von musikalischer Vielfalt kann man ab sofort mit diesem Album definieren. Dynamik ist das Kennzeichen. Von sanftester Verspieltheit (ein Teil von "Maschinensatan") bis zum brachialsten Gitarrenkrieg (zum Beispiel in "Knochenkorn") decken BETHLEHEM das gesamte Spektrum klanglicher Ausdrucksformen ab. Und wer Orientierungen möchte, kann bei "Dr. Miezo" Black Metal und Doom begegnen oder in "Felber Fittich" Metallicas "Nothing Else Matter" wiederentdecken. Leider gerieten "Elf Soffitten" und "Einsargen" etwas theatralisch, was Erinnerungen zu "Schatten ..." wach ruft.
Guido Meyer de Voltaire singt sich in die Spitzengruppe der Heavy-Metal-Shouter weltweit und wird der Band künftig fehlen, hat er BETHLEHEM doch verlassen. Ein herber Verlust.
Die Texte - erneut dem Hirn von Jürgen Bartsch entsprungen - sind weiterhin vor allem Wortungetüme, deren Sinnhaftigkeit man nicht suchen sollte. Was aber auffällt, ist ein enorm schneller Zugang. Bleiben wir bei dem bei der "Schatten ..."-Rezension bemühten Vergleich mit dem Expressionismus: Man muß das Dargestellte nicht verstehen, doch schon beim ersten Blick kann man von dem Farbenspiel, der Formvollendung oder Technik hingerissen sein. So geschehen bei BETHLEHEMS neuem Album. 9 von 10
JUB

NECROID
"Into Darkness"
Erschienen: 2003
Label: Eigenproduktion
Homepage: www.necroid.de
NECROID - Into Darkness On Air: "Alive, Dead, Undead"
Es gibt Rezensions-Aufgaben, denen man sich ungern stellt. Wie im Falle von NECROID. Man weiß bei den Klängen der CD und dem Lesen der Bandinfo, daß hier drei enthusiastische junge Männer am Werk sind, die mit viel Liebe ihrem Hobby frönen. Nur wissen die Jungs im Moment noch nicht allzuviel mit Heavy Metal anzufangen. Die vier Songs der CD "Into Darkness" sind mit dem berühmten Elefant im Porzellanladen noch recht freundlich umschrieben. Auf der Gitarre wird einfallslos herumgehackt, der Gesang ist zwar tief aber unheimlich angestrengt, das Schlagzeug kann man hören und der Baß spielt wie so häufig kaum eine Rolle. Das könnte man aber noch alles unter dem Aspekt "schlechter Sound" abhaken, nur sind die Songs völlig daneben. Irgendwie sollen sie sicherlich nach Thrash oder Death Metal klingen. Vielleicht wird man der Band wenigsten halbwegs gerecht, wenn man dieses verquere Material mit den Extrem-Metal-Anfängen der Früh-80er vergleicht. Nur waren die Bands damals einfallsreicher. Heute kann man mit platten Stakkato-Nummern, in denen mühsam ein paar Klischees verbraten werden (zum Beispiel das Gniedelsolo in "Where Darkness Is Eternal"), kein Brötchen mehr beschmiert bekommen.
Die Band hat angekündigt, eine vollständige CD aufnehmen zu wollen, die mächtig abwechslungsreich ist. Mmh, daran liegts ja gar nicht. Euch fehlen einfach die Ideen und etwas mehr Gefühl für das, was Ihr macht. 2 von 10
JUB

BEHOLDER
"Lethal Injection"
Erschienen: 2004
Label: Dragonheart/SPV
Homepage: www.beholderofficial.com
BEHOLDER - Lethal Injection On Air: "No Religion"
BEHOLDER stürzen uns nun zum dritten Mal in einen Wust von Empfindungen, wie sie eigentlich nicht typisch sind für Veröffentlichungen aus dem italienischen Power-Metal-Lager. Man erinere sich an das völlig vergeigte Debüt "The Legend Begins", dem mit "Wish For Destruction" eine nahezu brillante Scheibe voller Ohrwürmer folgte (siehe Abgehört von 5. November 2002). Und jetzt ist wieder irgendwie alles anders. Die Italiener sind sicher immer noch eine klassische Heavy-Metal-Band, sie machen es uns aber diesmal weitaus schwerer als auf ihrem Vorgänger. Der Härtegrad ist enorm, die Hände Markus Mayers fliegen über die Saiten der Gitarren, alles setzt auf Tempo. Und doch ist das Jagen nicht eröffnet. Viel zu häufig packen einen überraschende Passagen bei den Schultern, um einen zurückzuhalten ("Blackout Of Mind", "Lay Down The Law"). Auch sind die Melodien meist eher unkonventionell. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist "No Religion", der eigentlich einen merkwürdigen Verlauf hat aber trotzdem ins Ohr geht. Am ehesten in Richtung "Wish For Destruction" gehen der Speed-Knaller "Everywhere I Go" und das Midtempo-Stück "Stay".
BEHOLDER setzen erneut auf den Wechselgesang von Patrick Wire und Leanan Sidhe. Ersterer hat seine vokalen Facetten erweiter, singt clean, kreischt, würgt, während Leanan mir ein bißchen zu kurz kommt. Dabei hat sie eine äußerst außergewöhnliche Stimme. Die sollten BEHOLDER künftig wieder mehr nutzen. Wie gut das funktioniert zeigt zum Beispiel "Daydream". Eine Hinzunahme von Roberto Tiranti, Sänger bei Labyrinth, bei "Far Away" hätte gar nicht Not getan. Das ist so eine klassische Ballade (sehr gut übrigens), die mir mit Leanan sicher noch besser gefallen hätte.
Ich habe den Eindruck, daß mit BEHOLDER eine der wirklich interessantesten italienischen Bands existiert. Die sollen sich gar nicht so sehr festlegen, denn die können mehr, als man gemeinen Power-Metal-Bands im Allgemeinen zutraut. 8 von 10
JUB

BEHEXEN
"By The Blessing Of Satan"
Erschienen: 2004
Label: Woodcut Records
Homepage: www.behexen.tk
BEHEXEN - By The Blessing Of Satan On Air: "Fist Of The Satanist"
In Finnland geht momentan alles. Melodischer Power Metal, Gothic, Death Metal und Black Metal sowieso. Keine Ahnung, ob man BEHEXEN als typische Vertreter der finnischen Black-Metal-Szene bezeichnen kann, allerdings sind sie durchaus skandinavisch geprägt, wenn man die Spielart der meisten norwegischen und vieler schwedischer Bands heranzieht.
Der Titelsong - zugleich Opener des zweiten Albums "By The Blessing Of Satan" - fällt über einen her wie eine Horde notgeiler japanischer Büro-Beamter über ein Schulmädchen. Gegenwehr zwecklos. Und bei "Fist Of The Satanist" gibt es noch einen drauf, und noch einen. Wenngleich diese Nummer eher den allseits beliebten Immortal-Marschrhythmus zitiert und nicht gerade in Blast-Attacken ausartet. Die kommen dann wieder ein bißchen später.
Melodien sind bei BEHEXEN beinahe Nebensache, hier geht es vor allem um die gnadenlose Gewalt der Klänge. Denen wird bei "Watchers Of My Black Temple" allerdings mächtig die Schärfe genommen, wenn diese finnischen Teufelsanbeter über 8 Minuten eher in doomige Gefilde abdriften. Auch die schwerfälligen Parts in "Black Metal Baptism" sind keine Offenbarung, obwohl sie an dieser Stelle noch etwas Abwechslung in das BEHEXEN-Spiel einbringen. Diese Band ist aber eindeutig für die wildeste Raserei geschaffen. 7 von 10
JUB

WHITE SKULL
"The XIII Skulls"
Erschienen: 2004
Label: Frontiers/Soulfood
Homepage: www.whiteskull.it
WHITE SKULL - The XIII Skulls On Air: "The Skulls"
Als großer WHITE-SKULL-Fan und zeitweiser -Förderer ist es ein Tiefschlag ohne Gleichen, diese CD zu konsumieren. Wie kann man so absacken? Mit Frederica De Boni waren die Italiener wirklich einmalig. Sicher lag das auch an der unvergleichlichen Art Fredericas, Blackie Lawless und Doro Pesch stimmlich zu mischen. Allerdings war sie am Songwriting nur ganz minimal beteiligt. Die Hauptarbeit erledigte Tony Fonto. Und das macht er auch heute noch. Doch was ist mit dem Band-Boß und Gitarristen los? Hört Euch nur "Top Secret" an. Dieses plüschige Kinderlied würde man nicht einmal mehr einer blutjungen Amateurband durchgehen lassen.
Die Melodien sind auf "The XIII Skulls" einfach Kacke. Dagegen sind die schlimmsten Helloween-Mitsing-Shantys der blanke Prog-Rock. Auch sind WHITE SKULL völlig die straighten, treibenden Strukturen verlorengegangen. In "The Skulls" oder "Creature Of The Abyss" ist der Stil noch ansatzweise zu hören (wobei die Melodien auch wieder völlig daneben sind), im Großen und Ganzen vermeiden die Itaker es aber, mal ein Stück energiegeladen durchzuziehen. Meist gibt es irgend welche total unangebrachten Breaks, Rhythmus- oder Melodie-Veränderungen, die einfach nur auf den Sack gehen. Die Motivation, den Songs Dynamik oder wenigstens Abwechslung zu geben, ist mir schon klar. Allerdings versuchen das auf diese Art viele Bands und scheitern entweder ebenso kläglich wie WHITE SKULL oder machen es einfach hundertmal besser.
Der Frederica-Nachfolger Gustavo Adrian Gabarro war auf dem sehr schwächelnden Vörgänger "The Dark Age" (siehe Abgehört vom 3. September 2002) schon nicht ganz so souverän, wie man es sich vielleicht gewünscht hätte. Jetzt klingt er einfach nur unterirdisch. Meist schreit er, ob es nun paßt oder nicht. Und sein verqueres Englisch scheint in den zurückliegenden Monaten noch beschissener geworden zu sein.
Hallo, Tony! Fang Dich mal wieder und entsinne Dich der "Tales From The North"- und "Public Glory, Secret Agony"-Zeiten (3. September 2002). Da wart Ihr mit die geilste Power-Metal-Band, die aus Italien kam. 3 von 10
JUB

SEAR BLISS
"Glory And Perdition"
Erschienen: 2004
Label: Red Stream
Homepage: www.searbliss.hu
SEAR BLISS - Glory And Perdition On Air: "Shores Of Death"
Daß diese Band immer noch nicht zu den ganz großen der Heavy-Metal-Szene gehört, ist nicht nur ungerecht, sondern vor allem äußerst sträflich. Denn bevor all jene, die sich an dieser Musik ergötzen würden, sie zu Gehör bekommen, sind die Jahre dahin und SEAR BLISS Vergangenheit. Noch ist aber Zeit. Und "Glory And Perdition" ist genau das richtige Album, um diese ungarische Black-Metal-Band zu entdecken.
Natürlich macht der Klang einer Posaune einen äußerst markanten Reiz in der SEAR-BLISS-Musik aus. Allerdings wäre es falsch, die Band auf diese Besonderheit zu reduzieren, sind die Stücke der Ungarn doch so anbetungswürdig, daß die blechgeblasenen Momente sicher auch als Keyboard-Passage funktionieren würden. Wenn auch längst nicht so eindringlich und warm.
Man muß schon Melodien in der Hinterhand haben, daß solch eine Posaune zwischen einem zornig wütenden Sänger und singend-sägenden Gitarren nicht etwa aufgesetzt wirkt. Ja, selbst sie nur akzeptabel einzusetzen, birgt kleine Hürden in sich. Dieses Instrument jedoch zu einer festen Säule in einem hymnischen Black-Metal-Sound zu machen, erfordert unbeschreibliches songschreiberisches Talent und einen musikalischen Verstand, wie er heutzutage nur noch selten ist.
Versucht es nur mal mit "Two Worlds Collide" oder "Blood Serenade" - wie häufig habt ihr schon solch erhabene Musik gehört? Eher selten. Allein diese beiden Stücke gehören zum Besten, was im Black Metal komponiert wurde. Logisch, daß die gesamte Scheibe im Qualitätszirkel der Schwarzmetaller einen festen Platz einnehmen wird. 10 von 10
JUB

SOLEILNOIR
"Interlude"
Erschienen: 2003
Label: Eigenproduktion
Homepage: www.soleilnoir.de
SOLEILNOIR - Interlude On Air: "Twentythree?"
Klingen verdammt undeutsch, diese Frankfurter. Denn Grunge und Alternative ist nicht unbedingt die Art von Musik wie man sie von einer teutonischen Band erwartet. Und da gab es bei uns auch noch nicht allzuviel. Doch selbst angesichts einer massigen Konkurrenz würden SOLEILNOIR ihre Sache noch ganz gut machen. Denn die Songs sind für sich genommen alle recht ansprechend gelungen. Es schwingt auf der gesamten "Interlude" ein Mother-Love-Bone- und Tool-Feeling mit, auch wenn genannte Überbands nicht erreicht werden. Aber immerhin sprechen diese Vergleiche für sich.
Unverständlich ist mir das politische Statement, das dem Infopaket der Band beiligt. Der Name der Kapelle (heißt wohl "Schwarze Sonne") und die textlichen Inhalte würden sich einzig und allein auf mystische und sagenumwobene Inhalte beziehen und hätten keine Bezüge zu "etwaigen politischen Tendenzen", heißt es da. Und so ganz nebenbei ist dann noch ein Bildchen unter dem Titel "Mehr Zivilcourage gegen Rechtsradikalismus" drauf.
Erstens frage ich mich, an welcher Stelle man verdammt nochmal der Band irgend welche politischen Tendenzen unterstellen könnte (vielleicht meinen sie ja auch ihr Cover, daß schemenhaft eine Szene auf einem Flugplatz vermutlich aus dem Zweiten Weltkrieg zeigt). Und zweitens würde mich interessieren, wie oft die Band schon mit "Rechtsradikalismus" in Berührung gekommen ist. In Frankfurt am Main doch eigentlich unmöglich. Aber im Westen scheint zwei Drittel der Population unter Verfolgungswahn zu leiden.
Und drittens: Wie kann man sich als "poltisches Neutrum" bezeichnen und dann eindeutig politisch Stellung beziehen? 6 von 10
JUB

ALIAS EYE
"A Different Point Of You"
Erschienen: 2003
Label: DVS Records/Alive
Homepage: www.aliaseye.com
ALIAS EYE - A Different Point Of You On Air: "Fake The Right"
Das muß man bei Progressiv-Bands nicht oft sagen. Aber Heavy-Metal-Fans sollten besser die Finger von ALIAS EYE lassen. Zumindest, wenn sie von ihrer Musik zumindest einen Tick Härte erwarten. Denn die gibt es auf dem zweiten Album der Mannheimer garantiert nicht zu hören. Vielmehr haben wir Funk, Soul oder Jazz Rock im Angebot, was selbst gestandenen Prog-Fans manchmal mächtig am Allerwertesten vorbeigeht.
Allerdings macht die Mucke von ALIAS EYE durchaus auch mal Laune, wenn einem der Sinn nach entspannten Klängen steht, die doch noch anspruchsvoll genug sind. Und anspruchsvoll ist der Fünfer gewiß. Denn bei den Stücken von "A Different Point Of You" scheint rein gar nichts dem Zufall überlassen worden zu sein. Jede Passage - ob rockig, besinnlich oder Swing - folgt einer strengen Marschrichtung. Und so wird das Material trotz eines gewissen Popappeals zur puren Hörmusik. Und das ist ja bekanntlich nichts schlechtes. Erst recht nicht heutzutage, wo sich durch die Art des Musik hörens unter den Konsumenten schon die Spreu vom Weizen trennt.
Wer also Bock hat auf ungewöhnliche Klänge, kann es mit ALIAS EYE ja mal probieren.7 von 10
JUB

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