L.MINYGWAL-Spezial
- "Bizarre Momente" vom 08. Juli 2003
L.MINYGWAL "e'er" 10
Virusworx Rec., 2003
Während uns eine sonore Frauenstimme
am Telefon einlullt, detoniert in unmittelbarer Nähe unerwartet eine
Granate. Wir schrecken auf - aah, war doch nur ein einsetzendes Gitarren-Riff.
Voller Wucht legt es sich schleppend über eine beängstigende
Geräusch-Kulisse und läßt uns die nächsten vier Minuten
keine Ruhe mehr. Erst recht nicht, da diese wahsinnige Frau mittendrin
um ihr Leben schreit.
Dabei ist sie gar nicht so wahnsinnig,
die Sängerin und Basserin von L.MINYGWAL mit dem beschaulichen Namen
Andrea. Eher eine nette Zeitgenossin, die in Passagen, die sie zu singen
hat, wirklich liebreizend klingt (zum Beispiel "ey"). Allerdings haben
die Instrumente in diesem dynamischen Stück ganz im Gegensatz dazu
freie Bahn: Es beginnt mit Venomschen Gitarren-Geschraddel und steigert
sich in ein Getöse, bei dem sich die drei Protagonisten der Band ihre
Klampfen um die Ohren zu hauen scheinen. Bei "i excessiv-ly read my letters
frantic-ly and memorize'em manic-ly" wird das Tempo erstmals gehörig
angezogen und Andrea begibt sich offenbar in die irrationale Welt einer
Geistesgestörten. Während sie eingangs fern jeder Realität
zu sinnieren scheint, endet ihre Performance in einem der übelsten
Schreikrämpfe, die mir je zu Ohren kamen. Die Gitarre begleitet diesen
Exzeß mit Death-Doom-Riffs aus dem tiefsten Keller und setzt Eure
Baß-Box einem Härtetest aus. "r'" ist ein Stück, das sich
mehr und mehr zur Extase aufbaut, während "wakarimasen" scheinbar
nur einlullen will. Doch wie, um Eure Konzentration zu testen, gibt es
auch hier nach sieben, acht Minuten einen Ausbruch, der von der "Symphonie
mit dem Paukenschlag" abgelauscht sein könnte.
L.MINYGWAL haben mit "e'er" ein
Album abgeliefert, wie es bisher wohl noch nie zu hören war. Denn
wer glaubt schon, daß eine Mischung aus Nina Hagen, Melvins, Björk,
My Dying Bride, den B 52's und Venom tatsächlich hörbar ist.
Kaufen und der Mix-Liste noch ein paar Elemente hinzufügen. Oder den
Back-Katalog antesten. Denn L.MINYGWAL sind ein Trio gestandener Bühnen-Patrioten,
die sich schon als Lost In The Supermarket durch die Lande schlugen.
"alg."/"r'"/"i excessiv-ly read
my letters frantic-ly and memorize'em manic-ly"/"wakarimasen"/"ey"
JUB
SOLEFALD „In Harmonia Universali“
8
Century Media/Magic Art Publ., 2003
SOLEFALD hätten nicht diesen
umstrittenen Ruf, würden sie nicht auch anno 2003 beinhart ihren Stiefel
der abstrusen Eigentümlichkeiten durchziehen. Einzuordnen ist diese
Band eigentlich nicht mehr. Wer von der Piano-Ballade (in "Epictetus &
Irreversibility") über jazzig/orientalische Klang-Sequenzen (unter
anderem in "Fraternité de la Grande Lumiére") bis hin zu
Kanon-Gesängen ("Christiania (E. Munch Commemoration)") seine Musik
ausgestaltet, dürfte im ersten Moment nicht gleich als Heavy Metal-Band
erkennbar sein. Auch die vordergründige Verwendung eines Saxophons
ist nicht gerade das, was Schwermetaller ausmacht. Trotzdem bleiben die
beiden Norweger Cornelius und Lazare ihren metallischen Wurzeln verhaftet,
geht es manchmal sogar ordentlich zur Sache. In der Quintessenz erscheint
einem SOLEFALD aber eher wie eine Krautrock-Band der Früh-70er, als
deutsche Rock-Formationen sich anschickten, mit Heavy Rock, Jazz, Elektronic
und Psychedelic ganz neue Klangwelten zu kreieren. Nicht, daß Ihr
glaubt, SOLEFALD klängen hausbacken. Ganz im Gegenteil, waren die
Krautrocker einst ihrer Zeit doch um gut 20 oder 30 Jahre voraus. Nicht
zuletzt rührt auch aus dieser idealistischen Pionier-Tätigkeit
die mangelnde Popularität dieser Gruppen.
Da dürften SOLEFALD - die gar
ein Sprachgebräu aus Latein, Englisch, Französisch, Norwegisch,
Griechisch und Deutsch präsentieren - heutzutage mehr Glück haben,
ist es in einigen Metal-Kreisen doch hip, Sachen zu hören, die der
Normalsterbliche geistig nicht einmal annähernd nachvollziehen kann.
Abgesehen von diesem Klientel können aber auch Leute mit einem weiten
aber gesunden musikalischen Horizont ein Ohr riskieren, denn das Duo macht
seine Sache wirklich gut.
„Nutrisco et Extinguo“
JUB
WACO JESUS "Filth" 8
Morbid Rec., 2003
Meine Fresse, was preßt sich
die Alte auf dem Cover da nur aus dem Anus? Vom Umfang her könnte
es der Boden einer Liter-Cola-Flasche sein. Allerdings ist es dafür
zu pulsierend. Bei diesem merkwürdigen Gebilde denke ich dann schon
eher an eine Geschwulst als an Plaste. Überhaupt ist es bemerkenswert,
was Frauen alles so in ihre Öffnungen hinein- und wieder hinausbekommen.
Fachleute werden wissen, daß
sich hinter solcher Art von Cover-Kunst nur Grindcore verbergen kann. Und
da liegen sie mit WACO JESUS genau richtig. Auf "Filth" wird gnadenlos
gehämmert, die Geschwindigkeit ist atemberaubend. Der Brutalitätsgrad,
vor allem auch durch die kellertiefen Gitarren erzeugt, hat was vom Death
Metal. Allerdings wird nicht nur wüst gerast. Zum Teil kommen uns
WACO JESUS durchaus vertrackt mit einem Schwierigkeitsgrad, der es verbietet,
die Amis einfach mal eben als Hau-Drauf-Kapelle abzutun ("The Consequence
Of Your Ignorance" oder auch "Orgasm Is The Enemy").
Textlich bewegen sich WACO JESUS
zwischen Klitoris und Darmtrackt. Stimmt nicht ganz, denn bei "Blast You
In The Face With My Semen, Blast You In The Face With My Fist" spielt auch
das Gesicht noch eine Rolle. Ihr seht, diese Scheibe ist sicher etwas für
Frauenrechtler. Denn "Punch You In The Cunt" zeugt nicht gerade von einem
zimperlichen Umgang mit der holden Weiblichkeit. Aber glaubt mal nicht,
daß nicht auch die WACO JESUS-Rabauken Gefühle zeigen können.
Denn werden sie mal enttäuscht und sucht sich die Gemarterte einen
anderen, sind die guten Wünsche nicht weit: "I Hope He Beats You".
"Punch You In The Cunt"/"I Hope
He Beats You"
JUB
FREAK KITCHEN „Move“ 10
Thunderstruck Prod., 2003
Ha, da haben wir es wieder. Selten
genug kommt es ja vor, aber wenn, dann gleich mit Karacho. Mit FREAK KITCHEN
begegnet uns nämlich eine Band, die der Heavy Metal-Gemeinde mit den
zwölf Songs auf "Move" eine neue Klangwelt offenbart. Die Schweden
Mattias IA Eklundh (voc, g), Christer Örtefors (bg) und Björn
Fryklund (dr) wildern respektlos durch die unmöglichsten Stil-Elemente
und kreieren doch jedesmal einen unglaublich eingängigen Song zwisch
Pop und Groove-Rock. Ob Funk, Reggae, Ska, Jazz oder einfach nur 60er Beat
- alles paßt wie aus einem Guß. Dabei gibt es nicht ein wirklich
durchgängiges Stück. Ständig werdet ihr von abgedrehten
Ideen überrascht oder bekommt trotz langjähriger Heavy Metal-Erfahrungen
das Staunen ob der raffinierten Gitarren-Spielereien. Zum Beispiel ist
es in "Heroin Breakfast" schon verwunderlich, was Eklundh da so alles aus
einer Klampfe zaubert. Das kriegen manche nicht einmal mit einem Synthesizer
hin. Überhaupt ist die Gitarrenarbeit brillant und erinnert an solch
innovativen Künstler wie Eddie van Halen oder Brian May. Und laßt
es mich noch einmal hervorheben: Trotz aller Außergewöhnlichkeiten
sind die Stücke eingängig wie ABBA-Hits. Erstaunlich, das es
solch talentierte Leute heutzutage überhaupt noch gibt. Diese Platte
sollte für jeden Fan hochmelodiöser Abgedrehtheiten Pflichtprogramm
sein.
„Porno Daddyl“
JUB
BOLSCHEWISTISCHE KURKAPELLE
SCHWARZ-ROT "Kurkonzerte" 8
Der Verlag, 2003
Man könnte meinen, sie seien
eine Parodie. Und natürlich nimmt die BOLSCHEWISTISCHE KURKAPELLE
SCHWARZ-ROT (BKK) vieles mit Humor. Allerdings ist das kein Schenkelklopf-Nonsens,
vielmehr gibt es hier Sarkasmus und bittere Ironie pur. Wie gut das mit
Blasmusik harmoniert, hört man auf "Kurkonzerte", Livemitschnitte
aus Berlin von 2001. Ja, Blasmusik gibt es hier. Die ist allerdings meist
völlig überhöht dargeboten und wird auch schon mal von einer
eklig verzerrten Gitarre zerrissen. Das interpretierte Liedgut setzt sich
vor allem aus dem Fundus der deutschen Arbeiterklasse zusammen ("Der heimliche
Aufmarsch", "Unsere Heimat", "Aufbauwalzer"). Logisch, daß dabei
auch Weisen aus der untergegangenen Sowjetunion zu Ehren kommen ("Partisanen",
"Leningrader Sinfonie"). Hier wird aber nicht bloß lapidar adaptiert,
die BKK schafft auch äußerst bizarre Verbindungen. So zum Beispiel
in "Roter Alarm". Man stelle sich eine Kampfgruppen-Blaskapelle vor, die
Themen aus "Star Wars", "Voyager" und "Das Boot" verarbeitet. Hübsch.
Völlig abgefahren wird es dann bei Led Zeppelins "Kashmir". Fans des
Luftschiffes müßten sich die Scheibe schon wegen dieser siebeneinhalbminütigen
Cover-Version zulegen. Ausgetickter geht es kaum.
Wem soll dieses Zeug nun eigentlich
gefallen? Blasmusik-Fans lesen hier eh nicht, und die werden auch das BKK-Zeug
als Blasphemie empfinden. Allerdings können Leute mit Sinn für
schrägen Humor und Wut auf diesen bekackten Kapitalismus diese Platte
getrost kaufen. Und um das Trio voll zu machen, gibt es da noch die "Werke"
und die "Tänze". Und um mit den Leuten vom Verlag zu sprechen: "Wir
sind der Meinung, daß es nicht ausreicht, mit einer Kerze in der
Hand gegen die Globalisierung zu demonstrieren, der einzige Weg ein Zeichen
gegen Kapital und Terror zu setzen, ist das Herstellen von Blasmusik."
Dem ist nichts hinzuzufügen.
"Kashmir"
JUB