An dieser Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen
- unter der 14-tägigen Rubrik "Abgehört" -
des Jahres 2001 in der entgegengesetzten Reihenfolge ihrer Ausstrahlung.
Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen 
und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. 
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.

L.MINYGWAL-Spezial  - "Bizarre Momente" vom 08. Juli 2003


L.MINYGWAL "e'er" 10
Virusworx Rec., 2003

L.Minygwal - e'er

Während uns eine sonore Frauenstimme am Telefon einlullt, detoniert in unmittelbarer Nähe unerwartet eine Granate. Wir schrecken auf - aah, war doch nur ein einsetzendes Gitarren-Riff. Voller Wucht legt es sich schleppend über eine beängstigende Geräusch-Kulisse und läßt uns die nächsten vier Minuten keine Ruhe mehr. Erst recht nicht, da diese wahsinnige Frau mittendrin um ihr Leben schreit.
Dabei ist sie gar nicht so wahnsinnig, die Sängerin und Basserin von L.MINYGWAL mit dem beschaulichen Namen Andrea. Eher eine nette Zeitgenossin, die in Passagen, die sie zu singen hat, wirklich liebreizend klingt (zum Beispiel "ey"). Allerdings haben die Instrumente in diesem dynamischen Stück ganz im Gegensatz dazu freie Bahn: Es beginnt mit Venomschen Gitarren-Geschraddel und steigert sich in ein Getöse, bei dem sich die drei Protagonisten der Band ihre Klampfen um die Ohren zu hauen scheinen. Bei "i excessiv-ly read my letters frantic-ly and memorize'em manic-ly" wird das Tempo erstmals gehörig angezogen und Andrea begibt sich offenbar in die irrationale Welt einer Geistesgestörten. Während sie eingangs fern jeder Realität zu sinnieren scheint, endet ihre Performance in einem der übelsten Schreikrämpfe, die mir je zu Ohren kamen. Die Gitarre begleitet diesen Exzeß mit Death-Doom-Riffs aus dem tiefsten Keller und setzt Eure Baß-Box einem Härtetest aus. "r'" ist ein Stück, das sich mehr und mehr zur Extase aufbaut, während "wakarimasen" scheinbar nur einlullen will. Doch wie, um Eure Konzentration zu testen, gibt es auch hier nach sieben, acht Minuten einen Ausbruch, der von der "Symphonie mit dem Paukenschlag" abgelauscht sein könnte.
L.MINYGWAL haben mit "e'er" ein Album abgeliefert, wie es bisher wohl noch nie zu hören war. Denn wer glaubt schon, daß eine Mischung aus Nina Hagen, Melvins, Björk, My Dying Bride, den B 52's und Venom tatsächlich hörbar ist. Kaufen und der Mix-Liste noch ein paar Elemente hinzufügen. Oder den Back-Katalog antesten. Denn L.MINYGWAL sind ein Trio gestandener Bühnen-Patrioten, die sich schon als Lost In The Supermarket durch die Lande schlugen.
"alg."/"r'"/"i excessiv-ly read my letters frantic-ly and memorize'em manic-ly"/"wakarimasen"/"ey"

JUB

SOLEFALD „In Harmonia Universali“ 8
Century Media/Magic Art Publ., 2003

Solefald - In Harmonia Universali

SOLEFALD hätten nicht diesen umstrittenen Ruf, würden sie nicht auch anno 2003 beinhart ihren Stiefel der abstrusen Eigentümlichkeiten durchziehen. Einzuordnen ist diese Band eigentlich nicht mehr. Wer von der Piano-Ballade (in "Epictetus & Irreversibility") über jazzig/orientalische Klang-Sequenzen (unter anderem in "Fraternité de la Grande Lumiére") bis hin zu Kanon-Gesängen ("Christiania (E. Munch Commemoration)") seine Musik ausgestaltet, dürfte im ersten Moment nicht gleich als Heavy Metal-Band erkennbar sein. Auch die vordergründige Verwendung eines Saxophons ist nicht gerade das, was Schwermetaller ausmacht. Trotzdem bleiben die beiden Norweger Cornelius und Lazare ihren metallischen Wurzeln verhaftet, geht es manchmal sogar ordentlich zur Sache. In der Quintessenz erscheint einem SOLEFALD aber eher wie eine Krautrock-Band der Früh-70er, als deutsche Rock-Formationen sich anschickten, mit Heavy Rock, Jazz, Elektronic und Psychedelic ganz neue Klangwelten zu kreieren. Nicht, daß Ihr glaubt, SOLEFALD klängen hausbacken. Ganz im Gegenteil, waren die Krautrocker einst ihrer Zeit doch um gut 20 oder 30 Jahre voraus. Nicht zuletzt rührt auch aus dieser idealistischen Pionier-Tätigkeit die mangelnde Popularität dieser Gruppen.
Da dürften SOLEFALD - die gar ein Sprachgebräu aus Latein, Englisch, Französisch, Norwegisch, Griechisch und Deutsch präsentieren - heutzutage mehr Glück haben, ist es in einigen Metal-Kreisen doch hip, Sachen zu hören, die der Normalsterbliche geistig nicht einmal annähernd nachvollziehen kann. Abgesehen von diesem Klientel können aber auch Leute mit einem weiten aber gesunden musikalischen Horizont ein Ohr riskieren, denn das Duo macht seine Sache wirklich gut.
„Nutrisco et Extinguo“

JUB

WACO JESUS "Filth" 8
Morbid Rec., 2003

Waco Jesus - Filth

Meine Fresse, was preßt sich die Alte auf dem Cover da nur aus dem Anus? Vom Umfang her könnte es der Boden einer Liter-Cola-Flasche sein. Allerdings ist es dafür zu pulsierend. Bei diesem merkwürdigen Gebilde denke ich dann schon eher an eine Geschwulst als an Plaste. Überhaupt ist es bemerkenswert, was Frauen alles so in ihre Öffnungen hinein- und wieder hinausbekommen.
Fachleute werden wissen, daß sich hinter solcher Art von Cover-Kunst nur Grindcore verbergen kann. Und da liegen sie mit WACO JESUS genau richtig. Auf "Filth" wird gnadenlos gehämmert, die Geschwindigkeit ist atemberaubend. Der Brutalitätsgrad, vor allem auch durch die kellertiefen Gitarren erzeugt, hat was vom Death Metal. Allerdings wird nicht nur wüst gerast. Zum Teil kommen uns WACO JESUS durchaus vertrackt mit einem Schwierigkeitsgrad, der es verbietet, die Amis einfach mal eben als Hau-Drauf-Kapelle abzutun ("The Consequence Of Your Ignorance" oder auch "Orgasm Is The Enemy").
Textlich bewegen sich WACO JESUS zwischen Klitoris und Darmtrackt. Stimmt nicht ganz, denn bei "Blast You In The Face With My Semen, Blast You In The Face With My Fist" spielt auch das Gesicht noch eine Rolle. Ihr seht, diese Scheibe ist sicher etwas für Frauenrechtler. Denn "Punch You In The Cunt" zeugt nicht gerade von einem zimperlichen Umgang mit der holden Weiblichkeit. Aber glaubt mal nicht, daß nicht auch die WACO JESUS-Rabauken Gefühle zeigen können. Denn werden sie mal enttäuscht und sucht sich die Gemarterte einen anderen, sind die guten Wünsche nicht weit: "I Hope He Beats You". 
"Punch You In The Cunt"/"I Hope He Beats You"

JUB

FREAK KITCHEN „Move“ 10
Thunderstruck Prod., 2003

Freak Kitchen - Move

Ha, da haben wir es wieder. Selten genug kommt es ja vor, aber wenn, dann gleich mit Karacho. Mit FREAK KITCHEN begegnet uns nämlich eine Band, die der Heavy Metal-Gemeinde mit den zwölf Songs auf "Move" eine neue Klangwelt offenbart. Die Schweden Mattias IA Eklundh (voc, g), Christer Örtefors (bg) und Björn Fryklund (dr) wildern respektlos durch die unmöglichsten Stil-Elemente und kreieren doch jedesmal einen unglaublich eingängigen Song zwisch Pop und Groove-Rock. Ob Funk, Reggae, Ska, Jazz oder einfach nur 60er Beat - alles paßt wie aus einem Guß. Dabei gibt es nicht ein wirklich durchgängiges Stück. Ständig werdet ihr von abgedrehten Ideen überrascht oder bekommt trotz langjähriger Heavy Metal-Erfahrungen das Staunen ob der raffinierten Gitarren-Spielereien. Zum Beispiel ist es in "Heroin Breakfast" schon verwunderlich, was Eklundh da so alles aus einer Klampfe zaubert. Das kriegen manche nicht einmal mit einem Synthesizer hin. Überhaupt ist die Gitarrenarbeit brillant und erinnert an solch innovativen Künstler wie Eddie van Halen oder Brian May. Und laßt es mich noch einmal hervorheben: Trotz aller Außergewöhnlichkeiten sind die Stücke eingängig wie ABBA-Hits. Erstaunlich, das es solch talentierte Leute heutzutage überhaupt noch gibt. Diese Platte sollte für jeden Fan hochmelodiöser Abgedrehtheiten Pflichtprogramm sein.
„Porno Daddyl“

JUB

BOLSCHEWISTISCHE KURKAPELLE SCHWARZ-ROT "Kurkonzerte" 8
Der Verlag, 2003

Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot - Kurkonzerte

Man könnte meinen, sie seien eine Parodie. Und natürlich nimmt die BOLSCHEWISTISCHE KURKAPELLE SCHWARZ-ROT (BKK) vieles mit Humor. Allerdings ist das kein Schenkelklopf-Nonsens, vielmehr gibt es hier Sarkasmus und bittere Ironie pur. Wie gut das mit Blasmusik harmoniert, hört man auf "Kurkonzerte", Livemitschnitte aus Berlin von 2001. Ja, Blasmusik gibt es hier. Die ist allerdings meist völlig überhöht dargeboten und wird auch schon mal von einer eklig verzerrten Gitarre zerrissen. Das interpretierte Liedgut setzt sich vor allem aus dem Fundus der deutschen Arbeiterklasse zusammen ("Der heimliche Aufmarsch", "Unsere Heimat", "Aufbauwalzer"). Logisch, daß dabei auch Weisen aus der untergegangenen Sowjetunion zu Ehren kommen ("Partisanen", "Leningrader Sinfonie"). Hier wird aber nicht bloß lapidar adaptiert, die BKK schafft auch äußerst bizarre Verbindungen. So zum Beispiel in "Roter Alarm". Man stelle sich eine Kampfgruppen-Blaskapelle vor, die Themen aus "Star Wars", "Voyager" und "Das Boot" verarbeitet. Hübsch. Völlig abgefahren wird es dann bei Led Zeppelins "Kashmir". Fans des Luftschiffes müßten sich die Scheibe schon wegen dieser siebeneinhalbminütigen Cover-Version zulegen. Ausgetickter geht es kaum.
Wem soll dieses Zeug nun eigentlich gefallen? Blasmusik-Fans lesen hier eh nicht, und die werden auch das BKK-Zeug als Blasphemie empfinden. Allerdings können Leute mit Sinn für schrägen Humor und Wut auf diesen bekackten Kapitalismus diese Platte getrost kaufen. Und um das Trio voll zu machen, gibt es da noch die "Werke" und die "Tänze". Und um mit den Leuten vom Verlag zu sprechen: "Wir sind der Meinung, daß es nicht ausreicht, mit einer Kerze in der Hand gegen die Globalisierung zu demonstrieren, der einzige Weg ein Zeichen gegen Kapital und Terror zu setzen, ist das Herstellen von Blasmusik." Dem ist nichts hinzuzufügen.
"Kashmir"

JUB
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