DREAMTIDE
„Dreams For The Daring“ 10
Frontiers/Soulfood,
2003
Die meisten
Tonträger, die in der Neuzeit zur Veröffentlichung kommen, kann
man getrost ignorieren. Viele andere sind nicht besonders gut, einige solide
und wenige großartig. Und ganz selten tauchen Scheiben auf, die vielleicht
nicht Euer Leben aber zumindest Eure Haltung zur Musik verändern.
Dies hier ist solch eine CD.
Skepsis ist
angebracht, denn in den unzähligen Fan- und Webzines werden fast wöchentlich
unzählige "Meilensteine" angepriesen, die sich beim Anhören dann
als Rohrkrepierer erweisen. Die Käufer des "Dreams For The Daring"-Vorgängers,
"Here Comes The Flood", werden da vielleicht schon etwas wacher auf diese
Ankündigung reagieren, denn "Here Comes ..." barg trotz einiger Schwächeanfälle
bereits starkes Potential (siehe Abgehört
vom 6. August 2002). Aber Musiker wie Helge Engelke, der schon Fair
Warning dominierte, scheinen unerschöpfliche Quellen zu besitzen,
die von Zeit zu Zeit überzusprudeln drohen, wenn sie keinen Kanal
finden.
"Dreams For
The Daring" ist ein Melodic Metal-Meisterwerk, dem ausschließlich
Top-Songs inne wohnen. Die Melodien wirken sämtlichst ungehört,
soll heißen, haben Harmonien, denen man nicht alle Nase lang bekannte
Weisen zuordnen möchte. Ähnlich ist es um die vor Innovation
(an dieser Stelle ist dieses viel zu oft mißbräuchlich verwandte
Wort angebracht) strotzenden Gitarrenriffs bestellt. Sie sorgen von Song
zu Song für Überraschungsmomente und treiben uns ein Lächeln
der Freude ins Gesicht. Denn dieses Album hier macht Freude, Gänsehaut,
Beine und wirbelt die eigene All-Time-Faves-Hitliste durcheinander.
Wenn der Opener
"Dream Real" beginnt, geschieht dies sanft. Melodic-Fans, die es nun aber
eher mit Sachen wie Prime Time oder Urban Tale halten, könnten von
der plötzlich über sie kommenden Gitarren-Lawine vom Sessel gefegt
werden. Also reißt den Regler erst auf, wen Ihr Euch auf das eingestellt
habt, was da kommt. Denn bei DREAMTIDE ist selbst der Klampfen-Sound neu.
Und trotz überbordender Wucht bleibt alles hochmelodiös und eingängig.
Wundert Euch
schließlich nicht über die Alternative Mixes am Ende der Scheibe.
Die sollten eigentlich als reguläre Versionen aufs Album, wurden von
der Plattenfirma allerdings als zu modern empfunden. Bei "Eden" und "Live
And Let Live" ist diese Haltung verwunderlich. "Land Without Justice" hat
die Entschlackung allerdings gut getan.
"Dream
Real"/"Live And Let Live"/"I'll Be Moving On"/"You Can't Burn My Heart"/"Eden"/"Dreams
Are Free"/"Land Without Justice"
JUB
SURTURS
LOHE "Wo einst Elfen tanzten" 8
Christhunt
Productions, 2001
"Heimatverbundener
Pagan Metal" tragen SURTURS LOHE auf ihrem Banner und sind damit Protagonisten
einer Szene, die vor allem in Deutschland selbst innerhalb der Metal-Szene
müde belächelt wird. Die einen verpassen allen Bands, die es
wagen deutsch zu singen und dann noch obendrein das Wort "Heimat" im Munde
führen, den Nazi-Paß (warum auch immer), andere sehen in diesen
Kapellen ewig Gestrige, die nicht begriffen haben, daß wir in einer
Zeit des voranstürmenden Fortschritts leben, in der Naturgeschwurbel
und Heimatgeseier einfach keinen Platz mehr haben. Wir wollen schnell von
Ort zu Ort: Also weg mit den Wäldern und ein graues Betonband hingebaut.
Auch möchte jeder von all den Kuchen und Küchelchen, die sich
da stündlich irgend welche Marketingstrategen ausdenken, soviel wie
möglich abhaben. Denn wir brauchen doch all den Konsummüll, unbedingt.
Wer sich diesem
Schwachsinn verweigert, ist doof. Wer dagegen vorgeht, saudoof oder Schlimmeres.
Damit ist schon mal klar, wo Ihr SURTURS LOHE einordnen könnt.
Ich sage,
Leute wie diese Thüringer sind unserer Zeit um Jahrhunderte voraus.
Denn den Einklang des Menschen mit der Natur einzufordern, ist keine Marotte
nostalgisch verbrämter Nationalisten, sondern die letzte Notwendigkeit
zur Rettung der Menschheit. Man nehme nur ein Zitat des Sioux-Medizinmannes
Tahca Ushte (John Fire Lame Deer), der in seiner Biographie klarstellte:
"Will die westliche Welt überleben, muß sie von uns Indianern
lernen, mit den Gaben der Schöpfung umzugehen." Und warum nicht hier
in Deutschland einen Grundstein für die Zukunft legen.
Nun, ich will
nicht zuviel in das Schaffen SURTURS LOHE legen, denn es geht doch immer
noch vor allem um Musik. Und die ist vor allem spartanisch gestaltet. Immer
im getragenen Tempo gehalten, dominieren Riffwiederholungen, die nicht
nur Entspanntheit suggerieren, sondern diese tatsächlich auslösen.
Hinzu kommen zahlreiche Folk-Elemente und stark hymnisch/episch angelegte
Melodiebögen, denen zum Teil wirklich schöne Weisen inne wohnen.
"Wo einst
Elfen tanzten" ist ein Höralbum, kein Stoff für Partys oder zum
Bangen. Gut geeignet, um es bei Sonnenwendfeiern am Lagerfeuer laufen zu
lassen. Oder, wenn man mit Gleichgesinnten beisammensitzt, die nicht nur
zusammenkommen, um sich Scheiße labernd ins Koma zu saufen.
"Fichtenland
Teil 2"/"Die Sage vom siebenten Herbst"
JUB
DOMAIN
„The Sixth Dimension“ 8
Miriquidi
Productions, 2003
Erst machen
sie zehn Jahre gar nichts, und jetzt scheinen sich DOMAIN gar auf ein Album
pro Jahr einschießen zu wollen. Ob die Veteranen nicht wissen, daß
das heutzutage nicht mehr üblich ist? Lücken überbrückt
man doch wohl mit EPs, Remixen, Live-Alben. Jaja, auch in der Heavy Metal-Szene.
Aber die deutschen Melodic Power-Metaller arbeiten nach alter Schule. Nicht
nur, was das Zeitlimit betrifft, sondern auch musikalisch gesehen. Denn
die Songs von "The Sixth Dimension" hätten so vermutlich auch auf
einem Album des Jahres 1987 zu hören sein können. Vielleicht
nicht ganz so geschliffen.
Dieses dritte
DOMAIN-Album seit der Arbeitswiederaufnahme ist unbestritten das härteste.
Auch wegen der starken Power-Schlagseite. Allerdings sind die Songs im
Gegensatz zu einem Großteil auf den beiden Vorgängerscheiben
bei weitem nicht so einschmeichelnd. Nicht Mitwippen ist das oberste Gebot,
sondern verzücktes Lauschen ("World Gone Crazy" oder "Talk To The
Wind" zum Beispiel). Natürlich gibt es auch den DOMAIN-typischen Singalong
á la "One Million Lightyears From Home" und "Mystery Stone". Diesmal
heißt das Stück "King's Tears". Und, hey, sogar balladiert wird
auf diesem kraftvollen Album. Dabei macht die Band in "One Perfect Moment"
eine mehr als nur passable Figur.
Jedoch hätte
bei allem Anspruch dem ein oder anderen Song ein Hauch mehr Leichtigkeit
gut getan. "Last Exit Moon" ist solch einer und wird vermutlich schnell
zu jenen Stücken gehören, die man hin und wieder beim Genuß
der CD überhört.
"Talk To
The Wind"
JUB
DIE GASTREZENSION: Deddy,
ehem. Moderator von INTERREGNUM
VISIONS
OF ATLANTIS "Eternal Endless Infinity" 2
TTS Media
Musik, 2002
Visions Of
Atlantis zu beurteilen, gleicht einem ungeliebten Mitarbeiter ein Arbeitszeugnis
auszustellen. Es war ganz nett, daß er da war, noch besser
ist's, daß er geht. Will man ihm keinen Steine in den Weg legen,
drückt man sich vorsichtig aus. Wer zum Beispiel für die
Belange seiner Kollegen Einfühlungsvermögen bewies, wollte nichts
anderes als Sex am Arbeitsplatz. Klingt erst mal gut, ist für die
zukünftige Tätigkeit als Hausmeister in einer Schwesternschule
nicht optimal.
Die nette
Beurteilung der CD könnte ungefähr so klingen: VISION OF ATLANTIS
setzten sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten ein, auf ihrem Debütalbum
nach ernsthaftem Symphonic Bombast Metal zu klingen. (Nicht schon wieder
unausgereiftes Bombastgedudel.) Die weibliche und die männliche Stimme
bemühten sich um ausreichend Hingabe und Tongenauigkeit. (Sie hört
sich an, als würde man bei ihr an den Knöppen spielen, er sollte
sich bei Star Search bewerben.) Schon nach zwei von zehn Titeln hat man
einen ausreichenden Überblick über das künstlerische und
kreative Niveau dieser Band. (Das erklärt sich selbst.) Die kompositorischen
Erfordernisse wurden ordnungsgemäß, den allgemein gültigen
Regeln entsprechend, abgearbeitet. (Sie sind innovativ wie ein Legastheniker
beim Zirkel schreibender Arbeiter.) In der Lyrik zeigten sie Interesse
am Mythos Atlantis. (Genauso untergegangen sind die graugeschriebenen Texte
auf dem Booklet.)
"Mermaid's
Wintertale"
DEDDY
SUPREME
MAJESTY „Danger“ 4
Massacre/Soulfood,
2003
Das ist die
pure 80er-Jahre-Mucke. Neenee, nicht NWOBHM oder deutsches Kraftfutter.
Ich denke da eher an Mr. Mister oder A-ha. Nur das SUPREME MAJESTY für
popmusikalische Verhältnisse den Gitarren doch etwas zuviel Raum geben.
Der Keyboard-Sound ist aber altbacken und klingt so, wie wir ihn schon
vor 15 Jahren doof fanden. Hinzu kommt, daß dieser symphonische Melodic
Metal der Schweden vom Schlage Stratovarius/Sonata Arctica nicht nur die
weichgespülte Variante genannter Bands darstellt, sondern auch im
songwriterischen Bereich recht mühevoll gestemmt klingt. Kann man
hören, muß man aber nicht.
„Heroes
Of Our Lands“
JUB
LAST
TRIBE „The Uncrowned“ 7
Frontiers/Soulfood,
2003
Hey, die Schweden
mit den unschlagbaren Hits sind wieder am Start. LAST TRIBE hatten auf
ihrem Debüt "The Ritual" (siehe Abgehört
vom 9. Oktober 2001) unter anderem mit "Spellbound" und "Black Widow"
1-A-Ohrwürmer im Programm. Auch Album Nummer zwei, "Witch Dance" hate
ein paar akurate Nummern anzubieten. Nun, und das ist natürlich auf
"The Uncrowned" nicht anders. Allein der Opener "Healer" könnte in
Melodic Metal-Carts wochenlang die Spitzenposition blockieren. Aber hallo,
da sind auch wieder jene Schweden mit einem neuen Album auf dem Markt,
die einfach kein durchgehend hochwertiges Produkt zustande bekommen. Auch
diesmal gibt es Schwachpunkte, die man schon mal gern überhört
(zum Beispiel "Sacrifice", "Otherworld"). Was auf jeden Fall gefällt,
ist die arg hart wummernde Gitarre, die manchem Melodic-Fan ganz schön
ans Nervengerüst gehen könnte. Auch sind LAST TRIBE um Abwechslung
bemüht, die Magnus Karlsson hin und wieder mit seinen häufigen
Solo-Eigenwilligkeiten zunichte macht. Ob man diese Gitarren-Künststücke
in dieser Fülle braucht, liegt allerdings im Fokus des Betrachters.
„Healer“
JUB