THE GREAT DECEIVER "A Venom
Well Designed" 8
Peaceville/Snapper Music/SPV, 2002
Tompa Lindberg, ex-At The Gates,
ex-Skit System, ex-Lock Up, ex-The Crown, ex-Sacrilege, ex-Disfear, ex-halb
Schweden, schaut mal wieder mit einer neuen Band vorbei. Diesmal ist es
weder Death Metal noch Grind-Crustcore, sondern viel abgefahrener. THE
GREAT DECEIVER machen es dem Platten-nebenbei-Hörer nicht gerade einfach.
Denn "A Venom Well Designed" muß man schon seine volle Aufmerksamkeit
widmen, um nicht völlig entnervt zu werden, was bei halbherzigem Hören
durchaus passieren kann. Denn die Musik ist eher gegen den Strich gebürstet
und zähflüssig. Hier treffen tribalartige Drums und sehr kantig
betonte Snareschläge auf bizarre Gitarrensounds und wabernde Baß-Teppiche.
Tompas Gesang ist meistens wie immer gekeift, mal verzerrt, mal nicht.
Doch auch vor klaren Gesängen macht der alte Schwede nicht halt. So
unrund die Musik beim ersten Mal hören auch klingen mag, so sehr zieht
sie einen auch in ihren Bann, denn bei all der Widerborstigkeit verbreitet
sie eine recht bittersüße Melancholie, der man sich schwer entziehen
kann. Der eine oder andere gerade Crustgroove lockert das Klangknäuel
auf. Irgendwie eine recht häßliche Platte, im gleichen Maße
wirkt sie aber auch anziehend.
"Arsenic Dreams"
THOMAS
E 605 „Behind The Face“ 9
(BANDS BATTLE-BAND 2003)
Eigenproduktion, 2002
Das ist ein Ding. Nicht nur, daß
E 605 durchaus eine ziemlich hippe Form des Heavy Metal spielen. Nein,
sie tun dies obendrein auf allerhöchstem Niveau. Trotzdem hat noch
keine namhafte Plattenfirma die Hände nach diesem talentierten Fünfer
ausgestreckt. Vielleicht liegt es ja daran, daß deutsche Bands einfach
kein fettes Death/Thrash-Metal-Gewüte fabrizieren dürfen, ohne
dabei wenigstens ansatzweise nach Destruction, Kreator oder Sodom klingen
zu müssen. Denn die Band aus Hessen sieht ihre Vorbilder offenbar
eher in Melodie-Giganten wie Arch Enemy oder In Flames. „Behind The Face“
hat nämlich einen enormen Anteil Ohrwürmer, die sich nach einmaligem
Hören ins Hirn krallen, wie der Adler in seine Beute. Nennen möchte
ich da den Titelsong sowie „Deceive Mendacity“ und „Phantasmagoria“.
Diesen nahezu gängigen Charakter bekommen die Stücke unter anderem
auch durch Brüll-Passagen, die in Onkelz-Liedern auftauchen könnten.
Bei E 605 fallen diese Stellen allerdings kaum als solche auf, da sie von
einem wütenden Heavy Metal-Brett umgeben sind. Das wiederum wird bei
„Cuit Lahak“ ins Unermeßliche gesteigert. Hier wird nur gehackt und
gehackt und gehackt.
Die Band existiert seit 1995, veröffentlichte
zwei Demo-CDs und ist jetzt mit dem ersten offiziellen Teil, „Behind The
Face“, am Start. Dieser Tonträger unterscheidet sich in keinster Weise
von teuren Produktionen, die meinetwegen über Nuclear Blast oder Massacre
unters Volk gemischt werden. Im Gegenteil. E 605 stecken einen Haufen der
hochdotierten „Spitzenbands“ voll in den Sack. http://www.E-605.demarcus@gehrhardt.de
„Behind The Sun“/“Vacancy“
JUB
MARK BOALS "Edge Of The World"
5
Frontiers Rec./Now&Then/XIII
Bis Rec./Point Music, 2002
Hm, irgendwie ist bei MARK BOALS
die Luft raus. Waren seine Vorgängeralben gutklassiger Hardrock/Melodic
Metal reinsten Wassers mit geilen Hooklines und starken Melodien, so ist
sein neuestes Werk "Edge Of The World" sehr zäh und sperrig ausgefallen.
Klar, es gibt noch immer pompöse Leadgitarren und smarte Keyboard-Linien,
die sehr darauf bedacht sind, Stimmung zu erzeugen. Nur will das alles
nicht zünden. Herr Boals trällert sehr durchschnittliche Refrains
vor sich hin, ohne einen Aha-Effekt zu erzeugen.
Handwerklich ist mal wieder alles
ohne Fehl und Tadel, aber kompositorisch wirkt alles wie hastig zusammengeschustert.
Schade.
"Lady Babylon"
THOMAS
NOVEMBRE „Dreams D’Azur“ 9
Century Media/Magic Arts Publ.,
2002
Betrachtet man das Gesamtschaffen
der italienischen Band NOVEMBRE, dann kommt unterm Strich ein progressives
Konzept heraus. Das Trio verwendet nicht nur ungeniert alle Metal-Spielarten,
die in den jeweiligen Songs nötig sind, um den typischen NOVEMBRE-Stil
zu entwickeln. Mittlerweile werden die Ausflüge der Instrumentalisten
und des Sängers immer egozentrischer. Man zeigt, was man kann. Aber
da Carmelo Orlando (git, voc), Guiseppe Orlando (dr) und Massimiliano Pagliuso
offensichtlich mit Thrash, Death und Black Metal groß wurden, erlebt
man auch auf „Dreams D’Azur“ keine free-jazzigen Ausflüge, sondern
der künstlerische Aspekt ist bei NOVEMBRE immer in den Kontext eines
funktionierenden Liedes eingebettet.
Dieses nunmehr fünfte Album
der Band beginnt mit den ersten fünf Stücken eher zurückhaltend.
Die Gitarren klingen noisig, meist offen gespielt, Passagen erinnern an
Moonspell. Alternative-Singsang mischt sich mit Gothic-Flair, die Grundstimmung
ist gedrückt. Mit „Swim Seagull In The Sky“ beginnt sich die Band
langsam aus diesem Schema zu lösen, um dann schon bei „The Music“
aufs Heftigste die Alarmglocken zu schlagen. Denn es geht auf das Überwerk
„Marea“ zu, das in drei Parts eingeteilt ist und zwölf Minuten dauert.
Und dieses Lied ist eigentlich alles: Folk-Song, Epos, Black Metal, Gothic...
Großartig. „Old Lighthouse Tale“ stellt dann, ähnlich wie „The
Music“, eine schwermetallische Säule dar, die offenbar auch gleichzeitig
die Grenze zum eigentlichen „Dreams D’Azur“-Feeling darstellt. Denn die
letzten drei Songs unterliegen wieder eher der romantisch-depressiven Atmosphäre
des ersten Drittels dieses Albums.
„Dreams D’Azur“ ist unbestritten
eine Klasse-Scheibe, allerdings waren NOVEMBRE auf dem Vorgänger „Novembrine
Waltz“ einen Hauch besser, da sich dort der rote Faden nicht so sehr an
der Grundstimmung der Songs festmachen ließ, sondern der schier endlose
Ideenreichtum die CD zusammenhielt.
„The Music“
JUB
GOLD FÜR EISEN "Heimat"
9
Interregnum Musik, 2001
"Heimat", die zweite CD aus dem Hause
GOLD FÜR EISEN, hat zwar schon einige Monate auf dem Buckel, dennoch
aber nichts an Aktualität eingebüßt. Die 1996 gegründete
Band hat neben einer Demonstrationskassette bereits eine CD mit dem Titel
"Kein Morgen" veröffentlicht. Schon diese beiden Tonträger polarisierten
Fans und Kritiker gleichermaßen. Und auch mit "Heimat" wird sich
diese Formation nicht nur Freunde machen. Warum? Nun, weil man GOLD FÜR
EISEN nicht in ein bereits vorhandenes Schema pressen kann, so sehr man
sich auch bemüht. Zu einmalig sind Thematik, Konzept und Musik der
Band. Angefangen beim bewußten Verzicht auf jegliche Form von Anglizismen.
Die Texte der norddeutschen Gruppe reichen auf "Heimat" von Amoklauf, Freiheitskampf,
gesundem nationalem Bewußtsein über Eingeweideprosa bis hin
zu geschichtlichen Ereignissen wie in den Liedern "Stoertebecker" und "Heimkehrer
'46". Doch egal, welches Thema GFE auch anschneiden, es fällt sofort
auf, daß sich Texter Jub äußerste Mühe beim Reimen
und der Auswahl der verwendeten Wörter gibt.
Musikalisch gibt es einen Querschnitt
durch sämtliche herbere Metalstilistiken zu hören. Das Einzige,
worauf es ankommt ist, daß es paßt. "Auf Der Jagd" ist ein
treibender Eröffnungsschlag mit interessanten Breaks und Wechselgesang
zwischen kehlig und klar. Erinnert streckenweise an Running Wild.
"Auf der Jagd"
"Stoertebecker" ist eine Art Halbballade
mit Akkordeoneinsatz und Möwengekreische im ersten Teil des Liedes,
bei dessen Text man in Gedanken direkt neben Klaus Stoertebecker am Bug
des Schiffes steht und die Wellen peitschen hört. Der zweite Teil
des Liedes besteht aus dem sich wiederholenden Refrain, der es, ob seines
Ohrwurmcharakters, in sich hat. Auch hier könnte Rock'n'Rolf Pate
gestanden haben.
Doch nun folgt ein recht ungewöhnliches
Stück mit dem Titel "Heimkehrer´46". Die textliche Inspiration
dazu lieferte Erik Neutsch. Es geht um einen Wehrmachtssoldaten, der nach
dem Kriege in seine zerstörte Heimat zurückkommt und vor dem
Nichts steht. Der Grundriff des Liedes erinnert mich irgendwie an Pink
Floyd, nicht zuletzt auch, da es den Eindruck einer Jam-Session vermittelt.
Bei den ersten Malen ist es interessant, das Stück zu hören,
doch es ist auch das Lied, welches wegen seines Dialog-Charakters am ehesten
abnutzt.
"...und alles nur, weil Du nicht
gewartet hast" ist ein Abrißkommando mit Emperor/Pestilence Einschlag.
"Deutschland" hingegen, basierend
auf einem Text von Johannes R. Becher, ist eine nachdenkliche Akkustiknummer,
die im Mittelteil mit heftigen Gitarrenparts und Doublebass aufwartet.
Dazu gesellen sich hochmelodische Leadgitarren. Zum Abschluß kommt
wieder ein Instrumentalpart, der mich auch wieder an Running Wild erinnert.
("Highland Glory" vom "Death Or Glory"-Album). "Feuer! (Ein Amoklauf)"
ist musikalisch sehr Black Metal-lastig, im Stile von Marduk gehalten.
Nur mit tieferer Stimme gesungen. Mit "Wieder Daheim", einer Klangcollage,
wird das Album abgeschlossen. Die Mängel dieser CD liegen höchstens
im Soundbereich, wenn man meckern möchte. So ist der eine oder andere
Hintergrundgesang etwas leise und die Bassdrum ein wenig schwach. Aber
ansonsten knallt "Heimat" recht zünftig aus den Boxen. Abgerundet
wird die CD durch ein auffälliges Artwork. www.goldfuereisen.degoldfuereisen@hotmail.com
"Feuer! (Ein Amoklauf)"
THOMAS
RAISE HELL „Wicked Is My Game“
10
Nuclear Blast, 2002
RAISE HELL? Sind das nicht die Newcomer
von 1998, die ohrenscheinlich ganz große Kreator-Fans waren? Trotz
ihres Hangs zu ihren großen Vorbildern hatten die Grünschnäbel
mit „Holy Target“ und „Not Dead Yet“ zwei ordentliche Thrash Metal-Produktionen
ausgeworfen. Für „Wicked Is My Game“ trifft dieses Kopierer-Urteil
nicht mehr zu, denn das dritte Album der Schweden ist einfach nur tödlich.
Keine Ahnung, was die Jungs in den zwei Jahren seit „Not Dead Yet“ gemacht,
gehört oder gegessen haben, aber diese Scheibe gehört zu den
ganz Großen im Thrash Metal-Genre. Die Riffs - natürlich old
school bis aufs Blut - sind durch die Bank allererste Sahne, an Kreator
erinnert eigentlich nichts mehr. Da möchte man eher meinen, RAISE
HELL haben es doch tatsächlich geschafft, aus dem eigentlich völlig
ausgereizten Thrash noch ein paar Nuancen herauszukitzeln, die nur ihnen
gehören. Und offenbar hat ihnen ein Album gar nicht gereicht, denn
die meisten Songs haben neben der eigentlichen Linie meist immer noch eine
zweite Idee in sich, die gut und gerne für einen weiteren starken
Song gereicht hätte. Es gibt einfach nichts zu kritteln an dieser
CD. Manch eine Nummer mag vielleicht schneller zünden als eine andere.
Hammer sind aber selbst die Sachen, die ein bißchen brauchen, eh
sie angekommen sind.
Thrash-Fans! Kaufen!
„Nightwatcher“
JUB
SOUL DOCTOR "Systems Go Wild"
8
Common Ground Media, 2002
Mit ihrem selbstbetitelten Debüt-Album
legten die Rock'n'Roll-Doktoren einen prima Einstand hin und blieben mir
äußerst wohlwollend im Gedächtnis zurück. Mit "Systems
Go Wild" konnten sie den selbstgesetzten Standart halten und veröffentlichten
ein recht kurzweiliges Album. Egal ob sie Vollgas geben wie bei "Living
A Life", Midtempo zelebrieren in "Good Time's Slippin' Away" oder aber
mit "See You In Heaven" balladeske Töne anschlagen - der berühmte
Funke springt stets zum Hörer über, und es macht einfach verdammt
viel Spaß, den soliden und griffigen Melodien der Berliner zu lauschen.
"Living A Life"
THOMAS
DREAM EVIL „Evilized“ 9
Century Media/Magic Arts Publ.,
2003
Star-Produzent Frederik Nordström
bleibt am Ball. Mit Nachdruck will er belegen, daß "Dragon Slayer“
von seiner Band DREAM EVIL im vergangenen Jahr keine Eintagsfliege war.
Und das gelingt ihm mit Album Nummer zwei, „Evilized“, nachhaltig. Wieder
gibt es Heavy Metal der Marke Eighties, der vor eingängiger Melodien
nur so strotzt. Einziges Manko auf dieser Scheibe sind lediglich ein paar
Refrain-Harmonien, die manchmal simpler klingen als auf dem Debüt
und dadurch unter Umständen schneller abnutzen. Das kann für
manch einen Konsumenten allerdings genau der Grund sein, warum er dieses
Album möglicherweise dem Debüt vorzieht. Denn das Hitpotential
der Songs auf „Evilized“ ist unbestritten. Ausfälle gibt es keine.
Im Gegenteil. Mit „Made Of Metal“ hat diese CD einen Heavy Metal-Kult-Hit,
den man getrost in einem Atemzug mit „Kings Of Metal“ von Manowar oder
„Denim And Leather“ von Saxon nennen kann. Geiler Start ins neue Jahr.
„Made Of Metal“
JUB
MISTWEAVER "Dream's Domain"
9
Eigenprod./Medusa Prod.& Promo.,
2001
Die Spanier von MISTWEAVER scheinen
glühende Verehrer von Crematory zu sein. Zumindest hat man den Eindruck,
wenn man auf den permanenten Einsatz des Keyboarders David achtet. Dazu
kommt, daß der Gesang von Raul, dem Gitarristen, dem von Felix aus
dem Krematorium sehr ähnlich ist. Doch vergleicht man beide Bands
miteinander, fällt vor allem auf, daß die Spanier einen Ticken
unheilvoller und düsterer beim Musizieren vorgehen, als die Vorbilder
aus Deutschland. So fehlt den Südländern der Schlagertick, und
doch haben sie gute Melodien wie zum Beispiel in "The Call", wo eine Gastsängerin
ihre Aufwartung macht und eine Folkweise zum Besten gibt. Blind Guardian
winken aus der Ferne... Damit zeigt sich die andere Seite der Band, die
sich nicht nur als Crematory-Plagiat verstanden wissen will. So gibt es
unter anderem auch im Titelsong eine fröhliche Folkmelodie zu hören.
Zum anderen flechten die Musiker die Titelmelodie von "Kinder des Zorns"
in "And A Child Shall Lead Them" ein, was sie gut bewerkstelligen. Doch
bei aller Keyboarddominanz brechen die Gitarren immer klar hervor und können
sich mit ihrem Spiel behaupten. Der Sound ist zwar etwas schrummelig, aber
man gewöhnt sich schnell daran und ich muß sagen, daß
MISTWEAVER eine recht sympatische, starke Platte eingespielt haben. Neun
Punkte gehen nach Spanien. http://fly.to/mistweaver
"Dream´s Domain"
THOMAS
THOU ART LORD „DV 8“ 10
Black Lotus Records, 2002
Was ist eigentlich, wenn Musiker
bekannter Heavy Metal-Bands ein Seitenprojekt gründen und dieses dann
um Längen besser ist als ihre Hauptbands? Sollten diese sich dann
verpissen und sich ganz auf das Projekt konzentrieren? Eine Antwort habe
ich auch nicht. Im Endeffekt ist es mir auch egal, ob The Magus bei Necromantia
und Sakis bei Rotting Christ bleiben, wenn nur THOU ART LORD weiter existieren
und auch in Zukunft Alben wie „DV 8“ veröffentlichen.
Will man Musik beschreiben, die
sich unterschiedlicher Stilistiken bedient, dann heißt es manchmal,
da sind 40 Prozent von dem und 60 Prozent von dem drin. Bei THOU ART LORD
wird die Mathematik allerdings ausgehebelt, denn hier haben wir 100 Prozent
Death Metal und 100 Prozent Black Metal. Das macht ein Album auf einem
200prozentigen Qualitätslevel. Hinzu kommt noch ein militantes Stakkato-Gehacke,
wie es eher aus dem Rammstein-Lager bekannt ist. Alles in allem sind die
Sachen auf „DV 8“ ultra-brutal, extrem melodiös und von einem Einfallsreichtum,
wie ihn heute nur noch wenige Musiker haben. Nehmt nur „Crowning The Winged
Skull“ - Hier haben offenbar wild gewordene Mönche des Franziskaner-Ordens
ihr Kloster angezündet und sind gerade dabei, die Nonnen von nebenan
zu schänden. Wenn wir dieses Teil schon im vergangenen Jahr reviewt
hätten - erschien Anfang Dezember - wäre es ein Anwärter
für einen der ersten drei Plätze gewesen. So rechne ich mit einer
Plazierung in der Endabrechnung 2003.
„Eyes Wide Shut And Lips Wide Open“/"Crowning
The Winged Skull"
JUB
YNGWIE J. MALMSTEEN'S RISING
FORCE "Attack" 9
Steamhammer/SPV, 2002
Was soll man über YNGWIE noch
schreiben? Er ist seit über zwanzig Jahren eine Institution für
sämtliche Neoclassical/Progressiv Metal-Bands und -Fans gleichermaßen.
Kaum eine CD aus diesem Sektor erscheint, bei der man nicht sagen kann:
"Das hat YNGWIE auch schon gemacht." Gleichzeitig ist er, als ein Vertreter
der im Aussterben begriffenen Art der letzten Gitarrenhelden, der egozentrischste
und großmäuligste (er liefert sich mit Ted Nugent in dieser
Disziplin ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen) Gitarrero unter der Sonne.
Seine Begleitmusiker wechselt er wie seine Saiten, stellte auf Tourneen,
zum Leidwesen der entnervten Fans, jeden Abend seine Frau live auf der
Bühne ausführlich dem Publikum vor, hat einen ausgeprägten
Lamborgini/Ferrari Tick und mehr Gitarren zu Hause als andere Leute Socken,
Teller und Wattestäbchen zusammen. Der ganz normale Fall von Genie
und Wahnsinn halt. Dieser Tage veröffentlichte der gebürtige
Schwede mit Wahlheimat Amerika ein neues Album mit dem Titel "Attack" und
stellt gleich klar, daß er nach wie vor der Chef im Ring ist, wenn
es um flinke Gitarrensolos und halsbrecherische Akkorde geht. Der bekennende
Christ ließ es sich auch diesmal nicht nehmen, alle Lead-, Rhythmus-
und Akkustikgitarren sowie sämtliche Bässe, Synthesizer, Gitarren
als auch Sitar, Cello und einige Keyboards selbst einzuspielen.
Darüberhinaus übernahm er noch den Lead- und Backing-Gesang bei
"Freedom", was ihm vortrefflich gelang. Als Begleitband stehen ihm heuer
Dougie White als Sänger, Derek Sherinian als Keyboarder und Patrick
Johansson am Schlagzeug zur Seite. Malmsteen benutzt seine Songs wie eh
und je als Rahmen, um seine unglaublichen Instrumentalkünste unter
Beweis zu stellen. Dabei begeht er zum Glück nicht den Fehler, wie
viele seiner Jünger, stets in selbstgefälligen Instrumentalexzessen
zu schwelgen und das Songwriting zu sehr zu vernachlässigen. So gibt
es Speedkracher wie "Razor Eater" und "Rise Up" mit geilen Melodien, Hammerballaden
wie "Valley Of Kings", Rocker wie "Freedom" und natürlich Instrumentals
in Form von "Baroque & Roll", "Majestic Blue" und "AIR", die jedoch
einiges an Anlaufzeit brauchen, bis man sich durch den opulenten Notenberg
gehört hat. Einmal mehr bewies der Meister, daß sein Qualitätsstandard
sehr hoch und für viele unerreicht ist und bleibt. Dennoch schlägt
ihn Chris Impellitteri mit seiner "System X" Scheibe um mehr als eine Nasenlänge.
"Freedom"
THOMAS
AD INFERNA „L’Empire Des Sense“
3
Silverdust, 2002
Eigentlich hoffen wir bei INTERREGNUM
ja immer noch, daß das von uns hochgespielte Klischee, die Franzosen
würden gern den Pseudo-Künstler raushängen lassen, wirklich
nur ein Klischee ist. Allmählich unterliege ich aber der Befürchtung,
daß man Menschenschläge tatsächlich in solch simple Kategorien
einteilen kann, wie von uns praktiziert. Denn auch mit der Band AD INFERNA
liegt uns eine Truppe vor, die vor allen Dingen im Studio erst einmal herumzutüfteln
scheint, bevor sie auch nur eine Note gespielt hat. „Nun, auf diesen jazzigen
Baßlauf sollten wir eine schreiende Gitarre legen, die mit den Synkopen
des Schlagzeugers eine disharmonische Verquickung erlangt, die dann wiederum
von der unterschwellig klassisch geprägten Keyboard-Passage ihren
Kontrapunkt erfährt. Zusammengehalten wird das Ganze von der poetisch
überzogenen, shakespeareschen Vortragsweise des Sängers.“ Und
schwupp sind zwei Minuten Musik fertig. Immer aus dem Bauch heraus.
Aber mal ehrlich. Wenn man immer
noch Dimmu Borgir mit Emperor mischt und dazu das Verwirrspiel von Bal
Sagoth gibt, können nur überladene Song-Ungetüme entstehen,
denen man nicht einmal beim ersten Durchhören mit Interesse lauscht.
Die Scheibe „L’Empire Des Sense“ hat lediglich zwei Stücke, die auffallen.
Das ist zum einen „Balturs Tod“, in dem mal richtig monoton durchmelodiert
wird und zum anderen „Aggressive Supremacy“, wo man so außergewöhnlich
exentrisch musiziert, daß es gut klingt.
„Votre Déchéance“
JUB
THE BLOOD DIVINE "Rise Pantheon
Dreams" 5
Peaceville/Snapper Music/SPV, 2002
1995 gründeten einige ex-Mitglieder
von Anathema, Cradle Of Filth und Extreme Noise Terror die Band THE BLOOD
DIVINE, um sich drei Jahre später, nach zwei Alben und einigen Touren
wieder aufzulösen. Eine Entwicklung, die zwangsläufig passieren
mußte, wie die kürzlich erschienene "Abschieds"-Platte "Rise
Pantheon Dreams" belegt. Die CD ist ein Zusammenschnitt aus Stücken
eben dieser zwei Studioalben, einigen Livetracks und unveröffentlichtem
Material. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf den altbekannten Studiosachen.
Nun zur Musik selbst. Man kann THE BLOOD DIVINE attestieren, daß
sie eine bizzarre Athmosphäre mit ihrer Musik kreiert haben. Neben
einer düsteren Grundstimmung, die mit Keyboard, Glockenschlägen
und kräftigen Gitarrensounds erzeugt wird, steht hier und da eine
Orgel, die eigenartigerweise an Zirkusmusik erinnernde Melodien rausleiert.
Dazu kommen hier und da einige Crustcorepassagen und die Stimme von Darren
White, der, wie von seiner alten Band Anathema bekannt, eine eher dunkle,
gepresste Art zu singen an den Tag (die Nacht) legt. Abgerundet wird diese
eigenartige Mischung durch wirklich famose Gitarrenspielereien. Was sich
bis hierhin wirklich interessant anhört, kann in der Praxis durchaus
funktionieren. Kann. Im Falle THE BLOOD DIVINE tut es das aber nicht. Beziehungsweise
nur selten. Denn die Stücke wirken unter dem selbstauferlegten Zwang,
möglichst unkonventionell beim Komponieren vorzugehen, wie wirr zusammengeschustert.
Wie zu sehr auf Freak getrimmt, ohne wirklich etwas Außergewöhnliches
zu erschaffen. Das merkten auch die Metalfans, die von THE BLOOD DIVINE
eher am Rande Notiz nahmen, und so lösten sich die Briten eben rechtzeitig
auf. Ein Verlust, den man durchaus verkraften kann.
"Forever Belongs"
THOMAS
OPUS ATLANTICA „Opus Atlantica“
7
Regain Rec, 2002
Der Schweden-Pool der melodischen
Power Metal-Bands ist unerschöpflich. Mit OPUS ATLANTICA wird uns
nämlich die nächste Truppe aufgetischt, die sich zwischen Bombast-Sound,
epischen „Aaaaaah“-Chören, so genannten neo-klassischen Arrangements
sowie Heavy Metal der Marke 80er Jahre und Kinderlied-Melodien bewegt.
Um in kompakter Form ungefähr die Richtung anzugeben, könnte
man einmal mehr Stratovarius und Sonata Arctica bemühen. Allerdings
ist diese Band hier besser. Das liegt sicher nicht allein an dem hervorragenden
Sänger Pete Sandberg, der schon den Songs von Silver Seraph (siehe
Abgehört
vom 10. 09. 2002) das Sahnehäubchen aufsetzte. Denn bei OPUS ATLANTICA
hat man sich Song für Song Gedanken gemacht, wie es gelingen könnte,
aus dem allgemeinen melodischen Power Metal-Wust herauszuragen. Natürlich
klappt das nicht immer. „Judas Call“ ist zum Beispiel - wie mein INTERREGNUM-Co-Mann
es nennt - Heavy Metal-Schlager und „Anthem“ ist mit seiner auf Renaissance
getrimmten Melodie hoffnungslos übertrieben. Andere Sachen hingegen
klingen schwer brauchbar. „Edge Of The World“ oder „Sleep With The Devil“
können überzeugen.
Fans dieser Musik-Richtung werden
mit der Zunge schnalzen.
„Judas Call“
JUB
SARX "...Of Natural Rage..."
8
Eigenproduktion, 2000
Fans des derben aber abwechslungsreichen
Death Metals aufgemerkt. Eine weitere vielversprechende Band erhebt sich
aus den Untiefen des unübersichtlichen Underground-Dschungels, um
sich Gehör zu verschaffen. SARX aus Erndtebrück kommen mit einer
acht Titel beinhaltenden CD daher, die wie eine Mischung aus Brutal Truth
(Gesang und Gekloppe) und Death (Gitarrenarbeit) klingt. Dabei kopieren
sie nicht die Originale, sondern bedienen sich deren Herangehensweise an
das Songwriting. So wirkt der Kontrast zwischen den Bolzattacken und den
Midtempopassagen nicht wie unter Zwang zurechtkonstruiert, sondern macht
stets Sinn. Es gibt auch keine Pflichtsolos, die an den Nerven des Zuhörers
sägen, sondern wohlüberlegte Harmonieläufe von höchster
Qualität, die sich nicht nur auf das Death Metal-Genre festlegen.
Der Sound ist sicherlich nicht im Morrissound Studio poliert worden, doch
das sollte Euch nicht den Spaß am Hören vermiesen, denn man
kann jedes Instrument klar heraushören. SARX sollte man als Band verdammt
ernst nehmen denn mit "...Of Natural Rage..." haben sie bewiesen, daß
sie alles andere als Möchtegerns sind. www.SARX.de
"Hymn Of The Worm"
THOMAS
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