WACKEN-Vorschau vom 12. Juli 2005



ENDSTILLE
"Navigator"
Erschienen: 2005
Label: Twilight
Homepage: www.endstille.de
ENDSTILLE - Navigator On Air: "Nameless"
Das Rätsel ist gelöst. Wer nach "Monotonous" und "Monotonous III" auf der "Dominanz" Teil II dieser Songfolge suchte, wird nun endlich auf ENDSTILLEs viertem Album, "Navigator", fündig. Und "Monotonous II" hält natürlich, was die Titelzeile verspricht, wartet allerdings mit einer nervenzerreißenden Melödie auf, die das Stück aus dem Triumvirat hervorhebt.
Aber das ist eigentlich mehr ein Nebenkriegsschauplatz. Vielmehr sind ENDSTILLE jetzt nach drei mit Vehemenz und Siegesgewißheit geführten Schlachten beim Grauen des Krieges angekommen. Die die Songs kommentierenden Fotos und Zitate sind niederschmetternd und voll beißendem Zynismus. Verherrlichung kann den Kielern jetzt wahrhaftig auch der politisch Korrekteste nicht mehr vorwerfen. Sicher ist "Dominanz" nicht plötzlich ein plakatives Antikriegs-Album geworden, "I Bless You ... God", "Above The Vault Of Heaven" oder "Disillusioned Victory" klingen in ihrer grenzenlosen Aggressivität immer noch wie Sturmangriffe. "Bastard" - ein extrem eindringliches Stück aus der Bathory-Schublade - hingegen erzeugt mit seiner dramatischen Melodie nicht gerade Kampfesmut. "Let There Be Heaven" - das aufregendste Stück des Albums - treibt die Dramatik des Ganzen auf die Spitze und gehört definitiv zum Besten, was ENDSTILLE je fabrizierten. "Leichnam" hätte ein niederschmetterndes Schicksal erleiden können, kommt ob seiner Ausrichtung als Beinahe-Instrumental aber wie der Abspann eines Films, dessen Geschichte einen übelst mitgenommen hat.
Noch ein Wort zu der Anti-Trigger-Kampagne der Band. Diesmal ist der Schlagzeugsound wirklich dermaßen authentisch, als würde Mayhemic Destructor zur Black-Metal-Schlagzeuger-Gilde der frühen 80er gehören. Das ist nahezu wunderbar, denn auf neuen Metal-Produktionen klingt kaum noch ein Schlagzeug wie eben solch eines. Warum viele das so toll finden, weiß ich nicht. Da ENDSTILLE diesem Unsinn ein Ende setzen, werden sie wahrscheinlich die passende Antwort darauf haben.
10 von 10   JUB



SENTENCED
"The Funeral Album"
Erschienen: 2005
Label: Century Media / Magic Arts Publ.
Homepage: www.sentenced.org
SENTENCED - The Funeral Album On Air: "Her Last 5 Minutes"

Ich gebe es zu, daß ich von SENTENCED zum Abschluß noch einen der totalen Überflieger erwartet habe. Nach dem ersten Durchlauf der CD "The Funeral Album" fiel mein Urteil deshalb auch vernichtend aus: Resteverwertung, Pflichtscheibe usw. Dem ist aber gar nicht so. Denn diesmal benötigen die Stücke halt einfach einen Hauch etwas mehr Zeit, um voll aufzublühen. Dabei geht es doch auf dem Abgesang-Album eher SENTENCED-typisch los, oder haben wir Rocker wie "May Today Become The Day" nicht immer wieder mal gehört? Auch die sich anschließende Melancholie in "We Are But Falling Leaves" ist ein Erfolgsrezept der Finnen. Und die Melodien stehen denen anderer Stücke auf vorangegangenen Erfolgsalben in Nichts nach.
Ein Rest könnte das knapp einminütige Instrumental "Where Waters Fall Frozen" sein, denn solch ein Death-Metal-Gepolter kennt man von SENTENCED bestenfalls aus der ganz frühen Phase. Es überrascht, läßt aber aufhorchen. Einen weiteren Höhepunkt markiert "Despair-Ridden Hearts", das mit einer "Heart Of Gold"-Neil-Young-Mundharmonika und folkig beginnt, an Intensität zunimmt und treibend mit einer Gänsehaut-Melodie ins Ziel geht.
Das SENTENCED ihren Abgang zelebrieren würden, war vorauszusehen. Und so kommt es sicher nicht von ungefähr, daß Elemente auf "The Funeral Album" etwas vom Einstieg ins Himmlische haben. Oder habt Ihr schon mal diese engelsgleichen Frauen-"Aaaah"-Chöre bei den Selbstmord-Metallern gehört, die in den wunderbaren Songs "Vengeance Is Mine" und "End Of The Road" auftauchen?
Die SENTENCED-Gemeinde muß von dem neuen und letzten Album ihrer Lieblingsband nicht enttäuscht sein. Lediglich der Fakt, daß sich hier eine nach außen hin funktionierende und überaus erfolgreiche Band verabschiedet, ist enttäuschend. Aber wer weiß, vielleicht brauchen unsere Berufsmelancholiker ja auch erst mal eine Auszeit, um endlich die Entziehungskuren durchziehen zu können.
9 von 10   JUB



EQUILIBRIUM
"Turis Fratyr"
Erschienen: 2004
Label: Black Attakk
Homepage: www.equilibrium-metal.de
EQUILIBRIUM - Turis Fratyr On Air: "Tote Heldensagen"

Welch ein Traumstart. Kein Wunder, daß EQUILIBRIUM seit einiger Zeit in aller Munde sind. Jedenfalls ist "Turis Fratyr" eines der gelungendsten Debüts der letzten fünf oder vielleicht auch zehn Jahre.
Diese Scheibe bietet allen Möchtegern-Hymnen-Schreibern eine Lehrstunde, denn hier packt wirklich jede Melodie zu. Selbst wenn EQUILIBRIUM uns die Gitarren in wildester Raserei um die Ohren hauen, schwingt eine markante Keyboard-Weise mit, die alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das ist perfekt gelöst. Und auch irgendwie clever, denn garantiert das Ganze doch eine gewisse Eingängigkeit, die vielen anderen Bands des Pagan-Metal-Sektors so nicht gelingt.
Großartig auch die folkigen Passagen. Hin und wieder haben sie eine Ausgelassenheit wie einige Sachen Finntrolls. Selbst die speziellen Momente wie Orchester-Sequenzen oder Frauengesang ("Widars Hallen") sind absolut stimmig. Gerade solche Seitenwege geraten manchen Bands leider daneben.
Und schließlich endet "Turis Fratyr" im "Outro" mit Gänsehaut garantierendem "Braveheart"-Bombast, daß man das Stück einfach als "Intro" aufnimmt und schon nahezu zwanghaft die gesamte CD noch einmal hören muß.
10 von 10   JUB



METAL CHURCH
"The Weight Of The World"
Erschienen: 2004
Label: Steamhammer/SPV
Homepage: www.metalchurch.com
METAL CHURCH - The Weight of the World On Air: "Cradle To Grave"

Vermutlich kommen die Schreiber in der Hälfte aller Reviews zu "The Weight Of The World" zu dem Schluß: Die Meisterwerke "Metal Church" und "The Dark" werden nicht erreicht. Daß es aber eigentlich nie im Sinne der Protagonisten liegt, zu eigenen Meilensteinen aufzuschließen oder diese gar zu toppen, erwähnen sie nicht. Von daher steht "The Weight ..." weniger in der Konkurrenz zu den METAL-CHURCH-Mega-Abräumern als vielmehr im Vergleich zu den Heavy-Metal-Produktionen dieser Tage. Und aus dieser Sicht betrachtet, haben die Amis einen ganz beachtlichen Beitrag abgeliefert. Riffige Härte geht mit ausgefeilten Arrangements und Melodien mit hoher Halbwertzeit einher. Kein Song dieses Albums ist als der berühmte Füller zu betrachten, schlimmstenfalls könnte man Unterschiede ausmachen, weil einem das eine Stück rein vom Geschmack her besser gefällt als das andere. Abzulehnen ist auf "The Weight ..." wahrhaftig nichts.
Natürlich haften METAL CHURCH der Art an, Heavy Metal im Stil und vor allem im Sinne der frühen 80er Jahre zu machen. Das macht aber auf jeden Fall einen ganzen Teil des Charmes dieser Scheibe aus (die spitzen Schreie von Sänger Ronny Munroe zum Beispiel). 
Auch wenn von den Urmitgliedern nur noch Gitarrist Kurdt Vanderhoof und Schlagzeuger Kirk Arrington dabei sind, ist "The Weight ..." in jeder Note ein ganz typisches METAL-CHURCH-Album geworden, das nicht nur die beinharten Fans zufrieden stellen sollte, sondern auch Metal-Neueinsteiger anregen könnte.
9 von 10   JUB



MORGANA LEFAY
"Grand Materia"
Erschienen: 2005
Label:Black Mark
Homepage: www.morganalefay.se
MORGANA LEFAY - Grand Materia On Air: "Grand Materia"

Seien wir mal ehrlich, eine schlechte Scheibe hat die Band um Sänger Charles Rytkönen noch nie abgeliefert. Auch die LEFAY-Scheibe war geil. Dennoch ist der Band aus dem schwedischen Bollnäs der große Durchbruch bisher verwährt geblieben. Da haben es weniger gute Bands weiter geschafft. Das Business ist eben ungerecht. Davon jedoch völlig unbeeindruckt starten MORGANA LEFAY wie gewohnt stark durch. Auf ihrer Konzeptscheibe „Grand Materia“ geht es um mittelalterliche Alchemie, eingebettet in eine Geschichte welche komplex und spannend zugleich ist. MORGANA LEFAY zelebrieren einmal mehr langlebige Melodien, welche geknackt werden wollen. Umsonst ist nichts. Nach drei bis vier Anläufen zünden die Kompositionen und wachsen mit jedem Hören. Wer eine Affinität zu Nevermore entwickelt hat, der versteht, wie die Schweden musikalisch ticken. Nicht daß sich die beiden Bands musikalisch zu sehr ähneln würden, doch wer mit der einen Band klarkommt, der wird sich auch mit der anderen anfreunden können. Denn abgenutztes Riffing und schon mal gehörte Melodien sucht man bei beiden Bands vergeblich. New und Old School Metal verbrüdern sich auf „Grand Materia“ und werden mit dem einzigartigen Gesang von Vocal-Monster Rytkönen veredelt. Ob Ballade oder Riffbrecher, die Schweden verstehen ihr Handwerk. Als Anspieltipp seien hier „Angels Deceit“ und der Titelsong genannt. Hart, melodisch, hymnisch und am leichtesten zugänglich. Geile Scheibe.
10 von 10   THOMAS



ABYSS LORD
"Rising From The Dephts"
Erschienen: 2002
Label:Eigenproduktion
Homepage: www.abysslord.de
ABYSS LORD - Rising from the Depths On Air: "Abyss Lord"

Es gibt Bands, die setzten eigene Maßstäbe. Dann gibt es Bands, die sich an den Maßstäben anderer Bands messen lassen. Zu denen gehören auch die Jungs von ABYSS LORD. Ihr größter Einfluß heißt Bolt Thrower. Mit eingängiger Instrumentierung im Midtempobereich ballern ABYSS LORD ihren Death Metal in die Landschaft. Dabei schaffen sie eine ähnliche Atmosphäre wie die Kriegsbeobachter von der Insel. Dunkel, bedrohlich und zermalmend walzen die vier Lieder der CD. Sogar die Stimmlage von Fronter Matthias Wiele ist der von Karl Willets nicht unähnlich. Kopie oder eigene Version vom perfekten Death Metal? Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo in der Mitte. Gut gemacht ist die CD allemal. 
6 von 10   THOMAS



RESPAWN
"Respawn"
Erschienen: 2002
Label:Eigenproduktion
Homepage: www.respawnmusic.de
RESPAWN - RESPAWN On Air: "Liberate"

Eine weitere Band aus Berlin schickt sich an, auch über die Stadtgrenze hinaus, von sich reden zu machen. Bei der Klasse der Musik sollte ihnen das auch mühelos gelingen. Hier wird gethrasht, daß sich die Balken biegen. Thrash heißt hier weder altbacken, noch trendy. Aufgepeppt mit einer variablen Gesangsstimme die von „Power“ Metal hin zu derben Tönen reicht, spielen sich die Hauptstädter in einen Rausch aus Melodie, Groove, technischen Finessen und Geschwindigkeit. Einzig an der Eingängigkeit der Lieder hapert es noch ein wenig. Die Kompositionen laufen noch nicht zu 100 Prozent rund, um sich mit der High Society des Thrash messen zu können.
7 von 10   THOMAS



CONDITION RED
"II"
Erschienen: 2003
Label:Lion Music/GerMusica
Homepage: www.condition-red.com
CONDITION - II On Air: "It's Not Too Late"

Erst habe ich mich gewundert, warum diese doch schon etwas betagte CD noch immer in meinem Review-Karton ein bedauernswertes Dasein fristet. Jetzt ist mir allerdings klar, warum ich bisher eine Besprechung scheute: Ich wollte halt einfach das Teil nicht durchhören.
CONDITION RED ist ein Progressiv-Projekt um den Gitarristen Lars Eric Mattsson (großer Uli Jon Roth-Fan). Für Heavy-Metal-Fans, die auch hin und wieder den technisch versierten Musikern ein Ohr leihen, ist "II" trotzdem vermutlich eher ungeeignet. Denn die Songs haben eher etwas mit Jazz Rock zu tun als mit Prog Metal. "Eye Of A Storm" hat gar solche merkwürdigen Rhythmusstrukturen, daß man machmal meinen möchte, die CD hat ein paar Brennfehler. Auch in anderen Stücken scheint Mattsson eher nach komplizierten Ausbrüchen gefahndet zu haben, anstatt den Songs einen Fluß zu geben. Dabei wird der Bogen von versonnenem Bar-Swing bis hin zu straightem Instrumental-Gitarren-Rock geschlagen. Das ist auf jeden Fall sehr abwechslungsreich, allerdings haben die einzelnen Stücke selten solch wirkungsvolle Kompaktheit wie beispielsweise "Your Freedom" (eines der wenigen schönen Lieder auf dem Album). Am besten kommt Mattsson dann noch, wenn er so ein bißchen den Gitarrenvirtuosen raushängen läßt ("The Eagle's Return " zum Beispiel). Ansonsten kann "II" verdammt anstrengend sein.
4 von 10   JUB



NOCTE OBDUCTA
"Nektar Teil 1"
Erschienen: 2004
Label:Supreme Chaos Records/Twilight
Homepage: www.nocte-obducta.de
NOCTE OBDUCTA - Nektar 1 On Air: "Lenkte einsam meinen Schritt"

Im Dunstkreis der Fans des - sagen wir - expressionistischen Black Metals wir das "Nektar"-Doppel eine erhabene Stellung einnehmen. Mit ihrem versonnenen Streifzug durch Umwelt, Jahreszeiten und Naturerscheinungen haben NOCTE OBDUCTA ein nicht zu überhörendes Genre-Kleinod fabriziert, dem nicht ohne weiteres das Wasser zu reichen ist. Musik kann Bilder malen, NOCTE OBDUCTA wissen um diese Möglichkeit und bedienen sich der unterschiedlichsten Elemente des modernen Heavy Metals, um jene Stimmungen zu erzeugen, die ihnen zu zeigen am Herzen liegt. Da kann schon mal doomige Düsternis mit folkiger Ausgelassenheit einhergehen. Und es funktioniert. Und die Melodien sind voll Melancholie, ob tragend oder verspielt. Allerdings scheinen die Songs streckenweise zu lang. Manch eine der sehr langsamen Passagen hätte mit einer Verknappung an Wirkung gewonnen. Der hypnotischen Ausstrahlung hätte das keinen Abbruch getan.
Das Textkonzept wird von NOCTE OBDUCTA konsequent durchgezogen. Auch der poetisch wirkende Sprachstil erfährt nie einen Bruch. Dabei ist es sicher jedem selbst überlassen, durch intellektuelle Überfrachtung eine Verbrämung zu empfinden oder sich neugierig in eine fremde Welt fallen zu lassen.
9 von 10   JUB



CORROSIF
"Join Us"
Erschienen: 2005
Label:Hardebaran,Two Fat Men
Homepage: www.corrosif.ch
CORROSIF - Join us On Air: "Fight For Life"

Wer Nu Metal nicht mag, braucht nicht einmal in einem Alptraum daran denken, sich CORROSIF zulegen zu wollen. Denn diese Band aus der Schweiz versucht ihre US-amerikanischen Slum-Vorbilder zu übertreffen. Hier wird gerapt, hehoppelt, quietschen die Gitarren, zappeln die Sticks über die Snare und prollen die Gang-Shouts. Das ist richtig Kacke und geht nur endlos auf den Sack. Solche Musik gehört gnadenlos auf den Index.
1 von 10   JUB

 

[vor][zurück]