An dieser Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen
- unter der 14-tägigen Rubrik "Abgehört" -
des Jahres 2001 in der entgegengesetzten Reihenfolge ihrer Ausstrahlung.
Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen 
und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. 
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.

ABGEHÖRT vom 12. August 2003


3 WISHES „Shake Well Before Use“ 8
TTS Media Music/Alive, 2003

3 Wishes - Shake Well Before Use

"Electric Bullride"
CD rein und den Opener gehört! Ja, glaubt es ruhig. Dies hier ist eine deutsche Band. Dabei versprüht "Electric Bullride" dermaßen viel Freeway-Feeling, hat soviel kalifornische Sonne getankt, daß einem Bilder durch den Kopf spuken, die man abrufbereit hat, wenn man sich den Westen der USA vorstellen möchte. Und diese Schiene fahren 3 WISHES auf ihrem gesamten Album. Es werden die großen Zeiten des US Melodic Metals wach, wenn die Hamburger Stücke wie "Lie To Me", "Psycho Love" oder "High Wire" intonieren. Sicher ist das Material der Band nicht gerade die Ausgeburt der nie gehörten Ideen. Das spielt aber in Zeiten, wo Heavy Metal eher wie die Werbekampagne von Beerdigungs-Instituten wirkt, keine Rolle. 3 WISHES machen Laune ohne Ende. Und wenn man sich diese CD zulegt, kann man sich als US Melodic-Fan seine Lieblingsmusik ins Haus holen, ohne der "Herren-Rasse" von hinterm großen Teich Kohle in den Rachen zu werfen.
Ach, und um es nicht zu vergessen: Das Cover, auf dem die niedlichen Küken im Village People-Outfit einen Three Wishes-Whiskey leeren, ist absoluter Kult. 
„High Wire“

JUB
GASTREZENSION von Deddy, ehemaliger Moderator von INTERREGNUM:

RAIN "Bigditch 4707" 7
Eigenproduktion, 2000 

Rain - Bigditch 4707

Auf einer Landkarte ist Italien recht einfach zu erkennen - ein Stiefel ragt ins Meer hinein. Geographie für Doofe. Bei den ersten zwei Takten zu erkennen, daß RAIN aus diesem Land kommt, ist auch lange noch kein Garant für das erfolgreiche Abschneiden bei Günter Jauch.
Die Band um den Gründer und Gitarristen Lucio Tattini scheint sich und den True Metal nicht bierernst zu nehmen und zieht ihr Ding aus purer Spiellaune durch. Melodiöser Metal mit merkwürdig artikuliertem Englisch und klischeebehafteten Attitüden kennzeichnen die Produktion. Das CD-Cover und einige Gitarrensoli („Little Devil“, „End Of The Time“) zeigen es deutlich. Wer jetzt glaubt, die Herren sind etwas spät auf den True Metal-Zug aufgesprungen und verarschen ihr Publikum, der irrt. Seit 1980 aktiv, haben sie mit der vorliegenden „Bigditch 4707“ fünf Eigenproduktionen hervorgebracht. Musikalisch sind sie nicht der Hammer, aber wohl eine der undergroundigsten True Metal Bands of the world. Das gibt auf alle Fälle Sympathiepunkte.
Im Jahre 2003 haben sie mit Deadsun-Records endlich ein Label gefunden und die uns leider noch nicht vorliegende „Headshaker“ veröffentlicht.
"Heavy Metal"

DEDDY

IN FLAMES „Trigger“ 8
Nuclear Blast, 2003 

In Flames - Trigger

Logisch, daß der Song "Trigger" ganz das Flair von "Cloud Connected" versprüht, sonst wäre er sicher jetzt nicht auf dieser EP als Single Edit ausgekoppelt worden. "Cloud Connected" gibt es hier auch noch einmal, und zwar als Club Connected Remix. Funktioniert, weil "Coud ..." einfach eine starke Nummer ist. Witzig und gleichzeitig hammerstark ist die Cover-Version des Genesis-Hits "Land Of Confusion". Unvorstellbar, daß dies hier einmal von Phil Collins gesungen wurde. "Watch Them Feed" ist ein Death Metal-Brett allererster IN FLAMES-Güte. Leider endet diese EP mit dem Jahrmarkts-Walzer "Moonshield" als C64 Karaoke-Version. Hätte nicht sein müssen.
„Land Of Confusion“ 

JUB

CALES „The Pass In Time“ 10
Redblack Productions, 2001

Cales - The Pass In Time

Manchmal ist es nur ein Lied, daß sich in den Hirnwindungen festsetzt. Vielleicht hat man die Melodie nur nebenbei irgendwo gehört. Auf einer Party, einem Sampler, bei 'nem Kumpel. Und dann liegt sie vor Euch - die CD mit eben jenem Song. Und alles andere scheint dagegen zu verblassen, weil Ihr ja sowieso immer wieder nur dieses Lied hervorkramt. Und dann, eines Tages, Ihr habt eine Menge Zeit, und wieder läuft diese CD. Und plötzlich tun sich da Dinge auf, mit denen Ihr in Euren kühnsten Träumen nicht gerechnet habt. Die Musik wird auf einmal zu einem Bollwerk der Großartigkeiten. Die Melodien erscheinen wie aus einer anderen Welt, die Songs sind jeder für sich kleine Reisen durch Welten der Vergangenheit. Und dieses besagte Lied stellt plötzlich "nur" noch ein Teil eines Ganzen dar.
So oder ähnlich kann es Euch mit "The Pass In Time" der tschechischen Band CALES gehen. Der Beginn könnte "Along Paths Of Return (Pagan Nostalgia)" sein. Ein Lied, das bis ins Herz vordringt. Und dann eröffnen sich einem all die anderen großartigen Werke dieser CD. Jedes für sich einzigartig in Melodie, Arrangement und Klangvielfalt. Es sollte sich niemand wundern, wenn er in CALES Musik Pink Floyd wiederentdeckt, obwohl man hier doch eher in den Mystizismus der Kelten eintaucht. Und so begegnen einem natürlich auch folkloristische Elemente. Die sind aber so in die Musik eingewoben, daß sie nie wirklich dominieren.
Blackie steht für CALES. Und Blackie ist der musikalische Kopf und Gitarrist der tschechischen Kult-Band Root. Mit diesem Wissen geht man mit großen Erwartungen an diese CD heran, die - wie kann es anders sein - natürlich erfüllt werden. Das beginnt bei den eben beschriebenen komplexen Songs zwischen Folk, Gothik, Pagan Metal, Prog Rock geht über den expliziten Sound der Gitarre, der unter Hunderten herauszuhören ist und endet bei dem exzentrischen Klampfen-Spiel, das Maßstäbe setzt.
Diese CD ist für melodieverliebte Heavy Metal-Fans ein Muß. 
„Along Paths Of Return (Pagan Nostalgia)“

JUB
GASTREZENSION von Deddy, ehemaliger Moderator von INTERREGNUM:

STOMPED „ ...Dawn Upon You“ 4
Twilight, 2003

Stomped - ...Dawn Upon You

Mit gutem Songwriting ist es wie mit dem Kochen. Die richtigen Zutaten in der richtigen Reihenfolge mit der richtigen Dosierung. Und man sollte wissen, was dabei heraus kommen soll. Nun ist NuMetal ein Gericht der besonderen Art. Die Zielgruppe kann nicht genug davon bekommen, ich würde es mit genmanipulierten Gewächshaustomaten gleichsetzen. Das heißt, in kleinen Mengen, vermengt mit wertvollen Zutaten genießbar, als Grundnahrungsmittel auf die Dauer jedoch nicht gesund. 
STOMPED hat daraus so ein Süppchen gebraut und fleißig nach Kochbuch komponiert. Unter anderem mit sieben-seitigen Gitarren, einem fünf-seitigen Baß für den tiefergelegten Sound, sowie Strickmütze, Tatoos und Zickenbart für das Auge, welches ja bekanntermaßen an der Nahrungsaufnahme beteiligt sein soll. Die Dänen kleckern auch nicht, sondern hauen mächtig mit der Bratpfanne um sich, wobei ihnen bei einigen Refrains nette Melodien einfallen. Ihr Eingangsstück ist ungefähr so originell wie das Grimmsche Märchen-Intro „Es war einmal...“ oder eine Soljanka als Vorspeise. Insgesamt ein Großküchenessen, angeschlossen an die EU-Soßen-Pipeline, mit der Aufgabe, satt zu machen.
"Revolution"

DEDDY
GASTREZENSION von Deddy, ehemaliger Moderator von INTERREGNUM:

LOST WEEKEND „New Religion“ 9
Wild Frontiers, 2002

Lost Weekend - New Religion

Nicht nur extreme Musik läßt Geister scheiden. LOST WEEKEND ist weit davon entfernt, sich mit Bands wie Immortal, Cannibal Corpse u. ä. zu messen. Beim ersten oberflächlichen Hören war mir die Scheibe zu trivial. Doch beim genaueren Hinhören veränderte sich das Bild. Fast hätte ich eine Perle im wahrsten Sinne des Wortes überhört. „New Religion“ ist frei von sämtlichen martialischen Attitüden, dafür gespickt mit eingängigen, melodiösen Songs. Hohes handwerkliches Können und irre Arrangements vom Gitarristen und Kopf der Band, David Thompson, der unter anderem auch bei Nina Hagen und Steve Howe als Sessionmusiker gearbeitet hat, erwarten einem beim Hinhören. Die scheinbare Trivialität entpuppte sich als reife Leistung eines gestandenen Musikers. Den Unterschied macht das kleine Wörtchen „Hinhören“.
"Can Get You Out Of My Mind"

DEDDY

HELLION „Will Not Go Quietly“ 8
Massacre, 2003

Hellion - Will Not Go Quietly

Wer so in die Mangel genommen wird, wie die Type auf dem Cover von HELLIONS "Will Not Go Quietly", kann abdanken: Während jemand von hinten dem armen Kerl die Augen ausdrückt, reißt jemand anderes ihm die Zunge aus dem Hals. Aua. Ein Cover in den Schock-Traditionen der 80er Jahre. Und das nicht von ungefähr, denn mit HELLION ist eine echte Heavy Metal-Legende aus eben jener Zeit wieder im Ring.
Gegründet wurde die Band 1982 in den USA. Trotzdem orientierte man sich stark an den Vorbildern aus Großbritannien, spielte einen straighten, messerscharfen Heavy Metal. Als Besonderheit hatten HELLION eine Frontfrau namens Ann Boleyn zu bieten, die so manchen männlichen Stimmenkollegen aus der Lederjacke sang. Zwei Alben und zwei Mini-Alben lang. Dann war zehn Jahre Ruhe.
Jetzt geht es mit "Will Not Go Quietly" wieder los. Und anno 2003 sind HELLION ganz dem Stil von vor 15 Jahren verhaftet. Geradliniger Heavy Metal, vornehmlich im Midtempo-Bereich, der durch eingängige Refrain-Melodien glänzt und mit einen ganz speziellen Gitarren-Sound aufwartet. Und dann dieser nostalgische Hall auf Gesang und Instrumente. Das geht durch und durch. Vielleicht hätten Frontfrau Boleyn und ihre Mannen ab und zu mal mehr Druck machen sollen, um rein tempomäßig dem Album etwas mehr Abwechslung zu verleihen, denn daß sie im Speedbereich verdammt gut aussehen, beweisen sie bei "Resurrection" mit Nachdruck. 
„Will Not Go Quietly"/"Resurrection"

JUB
GASTREZENSION von Deddy, ehemaliger Moderator von INTERREGNUM:

KILL 2 THIS „Mass Down Sin Drone“ 6
Loudspeaker, 2003 

Kill 2 This - Mass Down Sin Drone

Die vier Veröffentlichungen der Briten veranlaßte manche musikvorbelastete Zuhörer wahrscheinlich zu einem heiteren Genre-Raten, verbunden mit dem Herausfiltern der beeinflussenden Bands und einer Benotung. Mark Mynett, der Gründer, Gitarrist und Songschreiber, fühlt sich durch den ständig herangezogenen Vergleich mit Machine Head geehrt, möchte aber mit „Mass Down Sin Drone“ eigene Wege gehen.
Die elf Songs erreichen eine Bandbreite von technisch vertrackter Gitarrenarbeit bis hin zu süßlich melodiösen Streichern. „Winter Green“ ist eine wunderschöne Ballade. Man hat zehn Minuten Zeit, bei dieser düsterschweren Melodie den Haken an die Decke zu schrauben, den Strick anzubinden und dann sich daran aufzuhängen. Sollte man diesen Song überlebt haben, könnte man vom Rest der CD enttäuscht werden. Dann hört man KILL 2 THIS Vorlieben für die oben genannte Band heraus. Der Hiddentrack überrascht noch einmal mit ziemlich penetranten Fliegen.
"Telephone Call To God"

DEDDY

TYPE O NEGATIVE "Life Is Killing Me" 10
Roadrunner/The All Blacks BV, 2003

Type O Negative - Life Is Killing Me

Superstars haben wir mittlerweile wie das Plumps-Klo Scheißhaus-Fliegen. Persönlichkeiten sind in der Pop- und Rock-Szene hingegen spärlich gesät. Zu dieser aussterbenden Spezies gehört allerdings auf jeden Fall Peter Steele. Seine Lyrik degradiert Texte der pseudo-provokanten Onkelz zu Gedichten aus dem Kirchen-Gesangsbuch. Selbst Eminem-Reime werden angesichts Steeles Ergüssen zu Küchenliedern. Musikalisch hat Steele mit seiner Band TYPE O NEGATIVE die Brücke zwischen dem Harmonie-Gefühl der Beatles und der Aggressivität von Slayer geschlagen, die wohlige Düsternis von Sisters Of Mercy mit dem Welten-Abgesang von Atomic Rooster gepaart.
TYPE O NEGATIVEs neues Werk „Life Is Killing Me“ vereint alle Vorzüge, die den unbeschreiblichen Status dieser Band ausmachen: die unermeßliche Brutalität von „Slow, Deep & Hard“, die melancholische Sanftmut von „October Rust“ und den selbstzerstörerischen Haß von „World Is Coming Down“. „I Don’t Wanna Be Me“ dürfte eine der populärsten Nummern von Type O werden, „Less Than Zero“ könnte mit seinen Sitar-Einschüben vom Weißen Album der Fab Four stammen, „Todd’s Ship Gods“ besticht mit einem übermenschlichen Gitarren-Riff und dem geilsten Schlagzeug-Groove seit es diese giftgrünen CD-Veröffentlichungen gibt, „I Like Goils“ lieben wir alle für sein kompromißloses Statement gegen all die Wowereits, Westerwelles, Bioleks und Quatsch-Comedy-Club-Moderatoren dieser Welt, „… A Dish Best Served Coldly“ präsentiert uns die erste Heavy Metal-Kuhglocke der Rock-Geschichte und und und … Ihr werdet soviel auf diesem Album entdecken, daß es Gefahr läuft, zu Eurem Lieblingsteil zu avancieren. Glückwunsch an Steele: Das hier ist ein Meisterwerk. 
"Thir13teen"/"I Don’t Wanna Be Me"

JUB
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