EMERALD
RAIN „Perplexed In The Extreme“ 8
Frontiers/Voodoo
Rec/MDS/Now&Then/XIII BIS/Point, 2001
Ich glaube,
ich wiederhole mich an dieser Stelle, wenn ich feststelle, welche Verantwortung
heutzutage auf Tonträger-Rezensenten lastet. Die Veröffentlichungs-Lawine
wird größer und größer, je länger sie in Bewegung
ist. Wie dann aber jedem Tonträger gerecht werden, wenn der Tag nunmal
nur 24 Stunden hat? Das Einfachste wäre, Scheiben, bei deren Musik
man glaubt, sie schon beim Durchzappen zu durchschauen, halt nur ein paar
Minuten zu gönnen. Das ist aber gegenüber den Musikern nicht
nur überheblich, sondern stellt die eigene Urteilsberechtigung in
Frage.
Warum erzähle
ich das? - EMERALD RAIN durchzogen mit ihren Klängen meine Anlage
und ich neigte nach zwei, drei Songs dazu, abzuwinken. Ich gab den Kanadiern,
die rein äußerlich soviel mit Heavy Metal zu tun haben wie ein
Smart mit Stromlinienförmigkeit, noch eine zweite, schließlich
gar eine dritte Chance. Und was soll ich sagen? Die Typen beeindruckten
mich von Mal zu Mal mehr. Wenn ich als erste Parallele die Gruppe Extreme
heranziehe, dann soll dies aber beileibe nicht das gesamte Spektrum der
Musik von EMERALD RAIN umschreiben. Bestenfalls die perfekten Refrain-Chöre
und die fast funkig gespielte Gitarre erinnern an die Crossover-Melodic-Amis.
Bei den Kanadiern sind die Melodien irgendwie satter, wiegen schwerer.
Extreme hatten den Hang zu High-School-Mitträller-Weisen, EMERALD
RAIN sind niveaumäßig ein ganzes Stück höher anzusiedeln.
So manch ein Melodic Metal-Fan wird vermutlich genau wie ich eine gewisse
Zeit brauchen, um in diese Musik eintauchen zu können. Wenn es aber
soweit ist, mag man gar nicht wieder hochkommen.
"You"
JUB
STRATOVARIUS
„Intermission“ 6
Nuclear Blast,
2001
Nun, mittlerweile
ist es auch schon wieder fast ein halbes Jahr her, als sich STRATOVARIUS
mit der vorliegenden "Intermission"-Scheibe von ihren Fans verabschiedeten.
Zwei Jahre Pause will man machen, hieß es. Schön, wenn die Kassen
so hell klingen, daß das geht. Die Mitglieder der Band - aus Finnland,
Schweden und Deutschland stammend - haben aber bekanntlich genügend
in der Szene zu tun, so daß der Kühlschrank in diesen zwei Jahren
sicher kein leeres Fach erleben wird.
Aber was hat
"Intermission" zu bieten, eine Scheibe, die die Zeit bis zur Reunion überbrücken
soll? Erstmal wurden sämtlichst erschienene Bonustracks und Tribute-Beiträge
zusammengetragen ("Bloodstone" Judas Priest, "Kill The King" Rainbow).
Dann gibt es noch ein paar Live-Sachen (eigentlich auch Bonus-Material),
zwei bisher unveröffentlichte Stücke sowie vier neue Songs. Damit
ist diese CD auf jeden Fall ein gut bestücktes Zwischenteil, das jedem
Fan das Herz höher schlagen lassen dürfte. Von Abzocke kann da
nicht die Rede sein. Wohl aber bleiben STRATOVARIUS extreme Geschmackssache.
Das beginnt bei dem etwas fade klingenden Sänger, geht über manchmal
doch etwas schwächelnde Melodien ("The Curtains Are Falling") und
endet bei üppig eingesetzten Keyboards. Perfektion kann man diesen
Musikern nun wahrlich nicht absprechen, die Haltbarkeitsdauer ihrer Musik
scheint dann doch nicht ganz der anderer sogenannter Melodic Power Metal-Bands
standzuhalten.
"The Curtains
Are Falling"
JUB
PARAGON
OF BEAUTY „Comfort Me, Infinity“ 4
Prophecy Prod.,
2001
PARAGON OF
BEAUTY zelebrieren eine eigenwillige Musik. Geben sie der Gitarre Leine,
dann rumort es anständig. Auch in Sachen Dynamik machen die Deutschen
manch einem Kollegen aus der düsteren Dark Metal-, Gothic- oder Melancholic-Fraktion
etwas vor. Und selbst die Songs offenbaren nicht nur einmal sehr vernünftige
Ideen. Allerdings klingt Sänger, Gitarrist, Songschreiber und Texter
Monesol über weite Strecken viel zu leidvoll, was aufgesetzt wirkt.
Da sind jene Passagen, die an The Cure erinnern, noch die besseren Momente.
Unschön kommen auch die immer wieder ohrenscheinlichen Bezüge
zum angesagten Gitarren Rock rüber ("A Drowning Day").
Der Zugang
zu der Musik von PARAGON OF BEAUTY wird von so mancher Hürde verstellt.
Die zu meistern, muß man entweder eine sehr depressive Phase haben
oder einfach nur auf dem Trip sein, willig Neuentdeckungen zu wagen, koste
es, was es wolle.
""Comfort
Me, Infinity"
JUB
HROSSHARSGRANI
„The Secret Fire“ 7
CCP, 2001
Mensch, welche
Verrückten sich derzeit in der Metal-Szene herumtreiben ... Früher
war eine Heavy Metal-Band halt eine Heavy Metal-Band. Ohne wenn und aber
kam man zur Sache und das war dann entweder gelungen oder halt nicht. Heutzutage
haben wir den ganzen Mittelalterkram (wo sehr viel Gekonntes mit dabei
ist), die Bombast-Vögel, das Gothic-Zeugs, das zwischen Akustik-Gitarre
und Keyboard-Sextett alles zu bieten hat, was einem so in den Sinn kommt
und schließlich ist da noch das Geflirte mit klassischen Elementen.
Und da haben wir schließlich die Randgruppe jener Musiker, die sich
auf Filmsoundtracks verlegten. Zu hören gibt es soetwas massig bei
Bal-Sagoth und sogar bei Superstars wie Symphony X. Auf die Spitze treiben
es HROSSHARSGRANI aus Österreich. Hier scheinen wir es streckenweise
mehr mit einem Film-Score zu tun zu haben, als mal eben mit einem popeligen
Soundtrack. Der Schwerpunkt auf "The Secret Fire" liegt nämlich eindeutig
auf orchestraler Musik. Schwermetallisches Gewuchte wie in "Flesh And Steel"
gibt es eher selten. Tja, und was vertont man im Jahr des Herrn (der Ringe
natürlich): Richtig, die Storys von J.R.R. Tolkien. HROSSHARSGRANI
ließen sich von "The Lord Of The Rings" und "The Silmarillion" inspirieren
und schufen ein paar wirklich akurate Melodien, denen man die Bilder des
gerade ins Kino gekommenen Mega-Streifens zur Seite stellen könnte.
An dieser Stelle liegt allerdings auch der Hund begraben, denn die CD hat
nur einen ziemlich eingeschränkten Unterhaltungswert. Hat man sie
einmal gehört, wird es bei den meisten garantiert eine ziemlich lange
Zeit dauern, bis sie erneut zum Vorschein kommt.
Nehmen wir
zum Beispiel "Dragonmagic". Dieses rein orchestrale Werk ist spätestens
nach einem zweiten Durchlauf verbraucht.
Nichtsdestotrotz
kann "The Secret Fire" empfohlen werden, konnten HROSSHARSGRANI doch sämtliche
Peinlichkeiten umschiffen. Und in diesem Genre wirklich Hörenswertes
zu schaffen, kostet einige Mühe. Bei dem österreichischen Trio
hat sich diese gelohnt.
"Flesh
And Steel"
JUB
VIRGIN
STEELE „Hymns To Victory“ 9
Sanctuary/Noise/T&T,
2002
„Flames
Of The Power“
Wer die INTERREGNUM-Sendungen
im vergangenen Jahr verfolgt hat, wird wissen, daß VIRGIN STEELE
mit ihrem „House Of Atreus II“ bei uns ganz groß eingeschlagen haben.
Nicht umsonst standen sie bei mir damit an der Spitze meiner Jahres-Top-10
der Alben. Tja, und was soll man dann zu einer „The Best Of“-Scheibe sagen,
die tatsächlich echte Highlights der Band beinhaltet. Jeden Favoriten
zu berücksichtigen, geht bei dem Fundus an Übersongs natürlich
nicht, spricht am Ende aber für die Qualität der Band.
Aber VIRGIN
STEELE wären nicht VIRGIN STEELE, bekäme man eine popelige Greates
Hits-Sammlung mit ein paar Bonus-Tracks vorgelegt. Nein, hier haben wir
es bei „Hymns To Victory“ quasi mit einem eigenständigen Album zu
tun. Denn nicht einer dieser 13 Songs war in der vorliegenden Version schon
einmal zu hören. Da haben wir sechs „re-mastered“ Stücke, zwei
„alternate mixes“, einen „different mix“, einen „long lost early mix“ („Nobel
Savage“), „The Spirit Of Steele“ kommt als „new acoustic version“, natürlich
bisher unveröffentlicht und schließlich haben wir mit „Saturday
Night“ (purer Glam Rock) und „The Mists Of Avalon“ (Ballade) sogar noch
zwei bisher unveröffentlichte Songs dabei. Das ist ein sattes Angebot
auf höchstem Niveau, das ausgerechnet die beiden unbekannten Stücke
(aus „Nobel Savage“- und „Age Of Consent“-Zeiten) nicht halten können.
„A Symphony
Of Steele“/„Trough The Ring Of Fire“
JUB
IGZORN
„Mein ganzer Haß gilt Euch“ 5
Eigenprod.,
2000
„Nacht ohne
Licht“, „Sterben“, „Der Traum ist aus“ ... und dann noch dieser CD-Titel:
„Mein ganzer Haß gilt Euch“. Wieviel Weltschmerz verträgt ein
Mensch, bevor er sich den finalen Stoß versetzt? IGZORNs Welt jedenfalls
scheint eine hoffnungslose zu sein (womit sie ja nicht unrecht haben).
Nur wie damit umgehen? Christian Albers (voc, git), Ariane Mehl (Querflöte),
Daniel Kollmus (bg) und Tobias Feldermann (dr) jedenfalls haben sich dazu
entschlossen, ihren Kummer in Worte zu fassen und musikalisch zu umhüllen.
Und an dieser Stelle ist schon so manche Band gescheitert, die es mit der
Weltuntergangsstimmung hielt. IGZORN allerdings verleihen ihren depressiven
Gedanken die passende Klänge: Schwerfällige Musik, dröhnende
Gitarren, Death-Growls und Querflöten-Klänge, die manchmal von
irgendwo aus dem Jenseits zu kommen scheinen, Film-Samples ....
Die Band aus
Heilbronn nennt ihre Musik selbst Gothic-Thrash, was nicht ganz zutreffend
erscheint. Denn selbst Gothic-Fans vertragen vermutlich nur selten soviel
Düsternis und das Zusammengehen von Gesang und Gitarre haben dann
doch mehr von Death Metal. Und wenn schon Gothic, dann Gothic Death - diese
Wortschöpfung paßt auch besser zur Stimmung der Musik. Das ganze
ist streckenweise leider etwas zu vertrackt. Sicher ist dieses Stilmittel
bewußt eingesetzt, macht es aber nicht eben leichter, der Musik von
IGZORN näher zu kommen. Ist man nämlich nicht unbedingt ganz
so gut drauf, kann einen diesen Zeug verdammt noch weiter runter ziehen.
Bestes Beispiel dafür ist ausgerechnet der einzige in englisch gesungene
Song auf dieser CD, "Dream On", der nicht nur sprachlich, sondern auch
durch die cleanen Vocals und die nahezu noisige Gitarre aus der Rolle fällt.
„Dream
On“
JUB
RAKOTH
„Jabberworks“
9
Code 666,
2001
Aus Rußland
kamen bisher nicht selten äußerst interessante Bands und Musiker.
Und wenn man dabei überlegt, daß es sich bestenfalls um die
Spitze eines Eisbergs handelt, möchte man meinen, daß es zwischen
Ural und Taiga noch so manch aufregende Entdeckung zu machen gibt. Denn
wer kannte zum Beispiel schon groß die Band RAKOTH, die es seit 1996
gibt, bereits drei Demos veröffentlichte und hier mit „Jabberworks“
das zweite Album vorlegt. Und was für ein Album. Für Russen ist
die gesamte Atmosphäre dieser Scheibe ungewöhnlich, erinnert
sie doch irgendwie an die letzte Primordial (siehe Abgehört
vom 9. Januar 2001).
„Insurgent
One“
Nicht daß
RAKOTH wie Primordial klingen würden. Vielmehr ist es eine Mischung
aus Schwermut, Folklore und Hymnenhaftigkeit, die diesen Vergleich heraufbeschwört.
Egal in welchen Tempo-Graden sich RAKOTH gerade gefallen, immer wird eine
bestechende Melodie serviert. Und obwohl die Band meist im getragenen Bereich
agiert, wird bei den Russen eine enorme Abwechslung geboten. Das kommt
nicht nur durch den Einsatz von Flöte, Keyboard oder Orchester - das
Trio versteht es sehr gut, eine Ausgewogenheit zwischen Gitarrendonner
und Zurückhaltung zu finden. Auch der Wechsel zwischen cleanem und
rauhem Gesang scheint gut durchdacht.
Ein absolutes
Schmankerl liefern uns RAKOTH mit dem deutsch gesungenen ...
„Der Jammerwoch“
JUB
HUMAN
FORTRESS "Lord Of Earth And Heavens Heir"
6
Limb Music/SPV,
2001
Flotte Powerchords,
Doublebass, filigrane Sologitarren und eine Stimme, die manchmal an den
jungen Bruce Dickinson erinnert. Das sind die Zutaten, mit denen HUMAN
FORTRESS ihre CD "Lord Of Earth And Heavens Heir" zubereiteten. Die Band,
welche sich auf dem Backcover im Stile mittelalterlicher Edelleute zu kleiden
weiß, hat damit den Geist der Zeit, sprich den Melodic Metalzug in
voller Fahrt, erkannt. HUMAN FORTRESS scheinen im Übungskeller ihre
Zeit nicht nur mit dem Wichsen an den Instrumenten verbracht, sondern sich
auch mit mit der Songschreibermaterie vertraut gemacht zu haben. Und daran
taten sie gut, denn eine weitere "Seht her, ich bin Gott an der Gitarre"-Band
mit reinem Gefiedel und ohne Substanz raubt zuletzt nicht nur den Rezensenten
den letzten Nerv. "L.O.E.A.H.H." bietet dem Hörer mit unterstützenden
Keyboards angereicherte epische Songs mit Druck an den richtigen Stellen
und einem angenehmen Gesang. Die typische Ballade fehlt natürlich
auch nicht, in diesem Falle heißt sie "Forgive And Forget" und kommt
mit ruhigem Piano daher. HUMAN FORTRESS sind keine Band der bahnbrechenden
Innovation, haben aber durchaus Klasse.
"Lord Of
Earth And Heavens Heir"
THOMAS
STORMWIND
"Reflections" 6
Massacre/Connected,
2001
STORMWIND -
die Band um den Gitarristen Thomas Wolff - meldet sich mit einer neuen,
mittlererweile fünften CD an der Veröffentlichungsfront zurück.
Ist die "Heaven Can Wait" bei mir seinerzeit durchgefallen aufgrund ihrer
Durchschnttlichkeit, so hat Wölffi mit "Reflections" ein paar Briketts
drauflegen können. "Reflections" ist ein Konzeptalbum über die
ägyptische Ära der Pharaonen und deren Dynastien nebst ihrer
Gottheiten geworden. Nun, über die Originalität dieses Themas
ließe sich natürlich vortrefflich streiten. Doch wie es ist,
so ist es halt, und Stormwolff macht seine Sache gut. Denn mit seinem Ägyptertick
übertreibt er es nicht, so gibt es hauptsächlich griffigen Melodic
Metal, der gut ins Ohr geht und der momentanen Flut dieser Musik zum Trotze
nicht banal wirkt. Zwar kann der Gitarrenwunderknabe nicht gänzlich
auf gewisse Genre-Klischees wie Keyboard/Gitarrenduelle und lange Instrumentalparts
verzichten, aber das muß er auf "Reflections" auch gar nicht. Denn
wie bereits gesagt, er macht seine Sache gut.
Ein Beweis
dafür gibt ist der mit hymnenhaften Gesangsmelodien und treibendem
Rhythmus, vortrefflichem Gitarrespiel und tollem Refrain ausgestattete
Song ...
"War Of
Troy"
THOMAS
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