An dieser Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen
- unter der 14-tägigen Rubrik "Abgehört" -
des Jahres 2001 in der entgegengesetzten Reihenfolge ihrer Ausstrahlung.
Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen 
und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. 
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.

ABGEHÖRT vom 15. Mai 2001


MEGADETH „The World Needs A Hero“ 4
Metal-Is/Sanctuary Rec., 2001

Megadeth - The World Needs A Hero

„Return To Hangar“
Wirklich gewartet haben auf diese Platte doch nur die ewig Optimistischen. Denn nach „Risk“ war von MEGADETH doch eigentlich nichts mehr zu erwarten. So wie sich Metallica mit ihrer „Load“-Scheibe von der Heavy-Gemeinde abwandten, kann die Ratten-Platte als der Wendepunkt bei MEGADETH bezeichnet werden. Und mit diesem Urteil bin ich durchaus nicht vorschnell. Denn auch „The World Needs A Hero“ ist keine Rückbesinnung oder - wer Angst vor einem Blick nach hinten hat - gar eine metalmäßige Weiterentwicklung. Vielmehr setzt sich das seichte Flair des Vorgängers fort, nur inkonsequenter. Statt nämlich wie Metallica eisern rumzuschwulen, versuchen Dave Mustain und Co. den Schein zu wahren. Das beginnt beim blutigen Cover, geht über das Reaktivieren des alten Bandlogos bis hin zu Sachen wie „Return To Hangar“, die einen Bogen zu den schwermetallischen Zeiten von MEGADETH schlagen sollen.
„Disconnect“
So wie man Metallica bei aller Heuchelei nicht absprechen kann, den ein oder anderen guten Song zu fabrizieren, wäre es genauso gelogen, würde man über „The World Needs A Hero“ den Scheiße-Stab brechen. Nehmen wir nur dieses „Return To Hangar“, „Dread And The Fugitive Mind“ oder „When“ - diese Stücke haben etwas. Und sie sind auch metal-technisch brauchbar. Nur sei uns verdammt noch mal gestattet, in MEGADETH eine Speed- und Thrash-Band zu sehen. Denn aus den Staaten gibt es soviel Gutes in beiden Stilrichtungen nicht mehr. Diese Brille hauen uns die Jungs allerdings schnell vom Kopf, denn - wie wir es auch drehen und wenden - die neuen MEGADETH sind vom Ferrari auf den VW Luplo umgestiegen.

JUB

PRO-PAIN „Round 6“ 6
Nuclear Blast, 2000

Pro-Pain - Round 6

Hardcore war noch nie die Musik der innovativen Künstler. „Auf die Fresse und liegenlassen“, lautet das Motto. Und PRO-PAIN beherzen diesen Leitspruch in jeder Note, gehen dabei allerdings weitaus ansprechender zu Werke als ein Großteil ihrer Kollegen.
„Substance“
Abgesehen davon, daß PRO-PAIN zu den Old-School-Truppen gehören, die eh besser sind, als die zweite Hardcore-Generation á la Biohazard und erst recht die namenlosen Nachrücker der Musik-Sender blaß aussehen lassen, fesseln die vier Glatzen mit ihrem unverkennbaren Schuß Heavy Metal in der Musik. Der mag manchmal durch das genretypische Gebrülle von Gary Meskil nicht sofort zutage treten, dafür überraschen uns die vier Amis jedoch gar mit Melodien, die fast gänsehauttauglich sind. Nicht nur „Substance“ setzt da Maßstäbe, auch „Take It Personal“ läßt die Ohren spitzen.
„Take It Personal“
Das ist Hardcore erster Güte. Und fast könnte man meinen, PRO-PAIN würden sich, bevor sie zuschlagen, weiße Handschuhe anziehen. Der Rest der Scheibe ist dann aber doch wieder etwas für die blanken Fäuste.

JUB

PRO-PAIN „Road Rage“ 5
Nuclear Blast, 2001

Pro Pain - Road Rage

Kaum ist Runde 6 ausgeboxt, geht es auch schon in den nächsten Faustkampf: „Road Rage“. Dieses Live-Teil präsentiert PRO-PAIN ein Stückchen rotziger als auf „Round 6“. Allerdings ist dieses Hardcore-Konzert-Erlebnis doch recht nuancenarm. Hier wird halt gebrettert, was das Zeug hält. Und das muß sicher auch so sein, denn der schwitzende Menschenbatzen vor der Bühne will herumtoben, nicht mitsingen, bestenfalls Schlachtrufe skandieren.
Wer es gerne einmal mit Hardcore probieren möchte, der sollte dann doch eher mit der „Round 6“ beginnen.
„Don’t Kill Youself To Live“

JUB

W.A.S.P. „Unholy Terror“ 8
Metal-Is/Sanctuary Rec., 2001

W.A.S.P. - Unholy Terror

Blackie Lawless ist aber auch ein sturer Hund. Jetzt hat er die 20 Jahre so gut wie rum und was macht er? Er spielt eine Scheibe ein, die so klingt wie seine beiden ersten Alben, „Winged Assassins“ (1984) und „The Last Command“ (1985). Und das ist genau das, was zum jetzigen Zeitpunkt richtig war.
„Let It Roar“
Noch heute können viele Metal-Fans die Melodic-Szene der Amis und die Glam-Metal-Bands nicht auseinanderhalten und lassen aus Unwissenheit halt von beidem die Finger. Allerdings sind die Unterschiede zwischen diesen Richtungen so gravierend, daß sich Jon Bon Jovi in den 80ern sicher lieber einen Zeh abgeschnitten hätte, als mit Mötley Crüe in einen Topf geworfen zu werden, geschweige mit W.A.S.P. Und die Glam-Bands schließlich hatten auch meist nur das völlig abgedrehte Auftreten gemein. Musikalisch war diese Szene bunt wie das Outfit der Musiker. Nehmen wir nur die Blues- und die Country-Scheiben von Cinderella („Long Cold Winter“, „Heartbreak Station“), den wuchtigen Mitstampf-Rock von Twisted Sister oder eben den Geradeaus-Metal mit diesen unglaublichen Melodien von W.A.S.P. Und dann diese Images. Mötley Crüe hielten es mir dem Teufel, Lizzy Borden mit Massenmördern und Blackie Lawless fand nur Ruhe, wenn er die Geschmacklosigkeit auf die Spitze treiben konnte. So erfanden zum Beispiel nicht die Black-Metal-Bands die Arbeit mit rohem Schweinefleisch auf der Bühne, sondern eben halt Blackie (zumindest begrifflich haut es hin).  Er war es auch, der seine Fans in den ersten Reihen mit eben jenem, noch vom Blut durchtränkten Fleischfetzen beglückte. Blackie zündete sich Raketen zwischen den Eiern, peitschte Frauen aus, soff stinkenden Lebenssaft.
„Who Slayed Baby Jane?“
Nach diesen chaotischen Tagen veröffentlichten W.A.S.P. sozial- und medienkritische Alben („Headless Children“, „Crimson Idol“), die einzigartig waren. Nichtsdestotrotz veranstaltete Blackie gerade vor zwei, drei Jahren erneut eine Tour, während der er auf der Bühne eine Nonne vergewaltigte, ihr den Fötus aus dem Leib riß und sich das gerade vernichtete Leben auf einen Spieß in Gliedhöhe steckte. Und es hagelte Schelte, nicht nur von der bürgerlichen Presse.
Die Antwort ist dieses Album namens „Unholy Terror“, das nicht nur ob seiner musikalischen Ausrichtung erahnen läßt, daß es sich garantiert lohnt, ein Konzert auf einer möglichen kommenden Tour von W.A.S.P. zu besuchen. Denn Blackie schert sich wenig um Schelte.
„Raven Heart“

JUB
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