An dieser Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen
- unter der 14-tägigen Rubrik "Abgehört" -
des Jahres 2001 in der entgegengesetzten Reihenfolge ihrer Ausstrahlung.
Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen 
und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. 
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.

ABGEHÖRT vom 15. Juli 2003


ASHES TO ASHES „Cardinal VII“ 9
DVS Records, 2002

Ashes To Ashes - Cardinal VII

Mit gregorianischen Gesängen hat es schon so manche Band aus den Gothic-Lager probiert. Für Achtungszeichen sorgt soetwas eigentlich immer, nur ist die Wirkung nicht ständig die gleiche. ASHES TO ASHES zeigen allen, die es probierten und vergeigten, und jenen, die es noch antesten wollen, wie es gemacht wird. Denn die Klänge von "Embraced In Black" gehen einem unter die Haut. Da hat Norwegen mal wieder ein Quartett hervorgebracht, das mit seinem Zweitling "Cardinal VII" garantiert eine riesige Fanschar in helle Aufregung versetzen wird. Denn diese CD ist voll von großen Melodien, die eigentlich einer Gothic-Leitlinie untergeordnet sind, allerdings handelt es sich dabei keinesfalls um ein zu eng geschnürtes Korsett. Denn nicht selten wird das Tempo der Songs angenehm angezogen, um an einer anderen Stelle eine Drosselung zu erfahren, daß die Doomer Jack Frost doch tatsächlich noch auf der Überholspur erwischt werden könnten. Das gilt vor allem für das 13minütige Werk "Sic Transit Gloria Mundi". Obendrein sind die Stücke von ASHES TO ASHES von einer starken visualisierenden Kraft. Während man bei "Embraced ..." die Mönche durch die Kloster-Hallen huschen sieht, fühlt man bei "Truth On Scaffold" einen nahezu klaustrophobischen Kemenaten-Grusel.
Eine Stunde Düsternis zwischen beklemmendem Minimalismus und beängstigendem Pomp: ASHES TO ASHES werden Euch begeistern.
„Flying“/“The Wolfen“/“Beyond The Void“

JUB

GOBLIN SPELL „Nihilism“ 7
E.O.L.P., 2002

Goblin Spell - Nihilism

Er ist unermüdlich, der Aamon Kreher. Das gilt sowohl für seine Arbeit als Fanzine-Schreiber und Underground-Label-Betreiber, als auch für seinen unerschöpflichen Drang, Songs für seine Bands Bloody Harvest und GOBLIN SPELL zu kreieren. Erst kürzlich haben wir an dieser Stelle das Tape "The First Evil Spell" vorgestellt (siehe Abgehört vom 15. April 2003) und schon geht es mit der "Nihilism"-CD weiter. Und Black Metal-Puristen aufgepaßt: Die glorreichen Mit-80er, als in den Kellern Skandinaviens blutjunge Welt-Hasser ihre Wut-Ausbrüche mit Instrumenten-Klängen umhüllten, feiern Auferstehung. Obwohl nur sparsam instrumentiert (Gitarre und programmiertes Schlagzeug, manchmal ein wahrnehmbarer Baß) erzeugt das GOBLIN SPELL-Duo - Aamon und ein Typ namens van Hellbanger - phasenweise infernalische Lärm-Orgien. Hört Euch zum Beispiel "Das Gebirge der hallenden Schmerzen" an. Es zerreißt bei entsprechender Lautstärke Euer Trommelfell, ähnlich auch "Grindbrainfuckingpain". Wenn Zerstörungs-Wahn atmosphärisch dargestellt werden kann, dann ist es mit diesen Songs gelungen. Und wer noch nicht lebendig begraben in einem Sarg lag (das dürfte der überwiegende Teil unserer Hörer und Leser sein), der kann sich zumindest in seiner Vorstellung bei "Grab" wohlig gruseln. Viel Atmosphäre wird bei GOBLIN SPELL über Aamons Stimme erzeugt. Die klingt streckenweise dermaßen räudig, daß man im Hals einen stechenden Schmerz empfindet. Allerdings setzt Aamon seine Vokal-Facetten nicht willkürlich ein, denn "Niedergang" macht deutlich, wie eindringlich die Gesangs-Arrangements gestaltet werden. Der Sound ist wie gewohnt übel, allerdings empfinde ich das bei all den Überproduktionen der zurückliegenden Monate einmal mehr als erholsam. Aamon könnte jedoch dafür sorgen, daß die Songs nicht häufig am Ende urplötzlich im Nichts verschwinden, als käme da noch was. Auch wirken Sachen wie "The Global Collapse In The Sunset" auf einem bösartigen Höllen-Produkt wie "Nihilism" etwas störend, brechen sie doch die morbide Stimmung auf.
„Das Gebirge der hallenden Schmerzen“

JUB

DANIELE LIVERANI „Genius - A Rock Opera/Episode 1 - A Human Into Dreams' World“ 3
Frontiers/Point, 2002

Daniele Liverani - Genius - A Rock Opera/Episode 1 - A Human Into Dreams' World

Da diese Scheibe bereits im Oktober des vergangenen Jahres veröffentlicht wurde, werden wir wohl kaum noch Prog- und Melodic-Fans vor diesem Werk verschonen können. Erst recht nicht, da das Teil fast in allen größeren Magazinen gute bis sehr gute Kritiken bekam. Das böse Erwachen wird für die meisten gekommen sein, als sich bei ihnen nach dem fünften oder sechsten Song immer noch kein angenehmes Gefühl einstellte.
Seiner Platte den Titel "Genius - A Rock Opera" zu verpassen, ist im Falle des Italieners DANIELE LIVERANI die größte Mogelpackung seit Raider Twix wurde. Denn das Konzeptwerk des Gitarristen der Band Empty Tremor ist weder der Streich eines Genies, noch verdient es den Ultimativität suggerierenden Titel "Rock Oper". Dabei hätte doch alles so schön sein können, denn Liverani fährt eine nahezu unglaubliche Armada von Sängern der internationalen Metal-Szene auf, die in seiner Story verschiedene Figuren besetzen. Mit dabei sind Mark Boals (Genius), Lana Lane (The Doorkeeper), der Pain Of Salvation-Mann Daniel Gildenlow (Twin Spirit #32), Grave Digger-Stimme Chris Boltendahl (Stationmaster), Mecca-Sänger Joe Vana (McChaos Consultant), Steve Walsh von Kansas (Wild Tribe King), Ikone John Wetton, unter anderem bei King Crimson, Uriah Heep, Asia zu Gange (McChaos King), Oliver Hartmann von At Atvance (Wild Tribe Consultant) und Midnight von Crimson Glory (Maindreamer). All diese hoffnungsvollen Sänger-Talente quälen sich durch mehr oder weniger epische, meist völlig verquere Songs, denen es sowohl an Ideen als auch an Esprit mangelt. Wenn DANIELE LIVERANI auf Power Metal macht ("Dreams"), klingt das wie die 15. Kopie des sich immer wiederholenden Strickmusters von Doublebass-Gefladder, den breiten, nie harmonisch klingen wollenden Gesangsmelodien, von jammernden Gitarren und von Endlosigkeit. Denn die Kürze ist dem Itacker ein Graus. Wenn man schon eine schlechte Idee hat, dann sollte man ihr auch den entsprechenden Raum geben ("Paradox" zum Beispiel mit seinen 9.28 Minuten). Macht uns Liverani wiederum den Prog-Rocker ("Without Me Today", "Paradox" oder "My Pride"), kommt nie mehr, als 1000mal Gehörtes auf die krampfigste Art umgesetzt. Da werden selbst die Sangeskünstler zu nervigen Kreischköpfen. Lediglich die Piano-Ballade "The Right Place" - übrigens das einzige Lied unter fünf Minuten - weiß zu gefallen. Das macht allerdings noch keinen Grund, dieser Platte auch nur den Hauch von Beachtung zu schenken.
Und schließlich dürft Ihr Euch noch auf einen zweiten und drittel Teil dieses überbordenden Unsinns freuen. Denn hier muß ja eine Geschichte erzählt werden. Und zum trillionsten Mal werden wir mit einer Story penetriert, die in einer Phantasie-Welt spielt und böse gegen gute Mächte antreten läßt. Natürlich hat das alles einen tieferen Sinn und ist doch einfach nur gequirlte Scheiße.
„Paradox“

JUB

ABORYM „With No Human Intervention" 10
Code 666/SPV, 2003

Aborym - With No Human Intervention

Als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, scheint sich die halbe Welt immer gerade dann in Italien zu versammeln, wenn die Band ABORYM ins Studio geht, um einen Tonträger einzuspielen. Schon bei den Vorgängern "Kali Yuga Bizarre" (1999) und "Fire Walk With Us" (2001) überraschten ABORYM mit klangvollen Namen. Das neue Album, "With No Human Intervention", steht dem in Nichts nach. Malfeitor Fabban (bg, keys, programming) und Seth Teitan (g, sampler, programming) können sich mittlerweile genüßlich zurücklehnen, haben sie doch Nysrok (bg, keys, programming) von Satanik Terrorists und Alien Vampires sowie Attila Csihar (voc), einst bei Tormentor, später bei Mayhem, fest in ihre Band integriert. Nattefrost von Carpathian Forest schrieb einen Text, sang auf dem Album den Song "The Alienation Of A Blackened Heart" und steuerte diverse Hintergrund-Vocals bei. Irrumator, Vordenker von Anaal Nathrakh, Frost und Mistress sorgte bei dem genannten Stück für das digitale Drumming. Matt Jerman von Void/OCD schuf die bizarre Soundlandschaft von "Does Not Compute". Der Diabolicum-Chef Sasrof schrieb für ABORYM "The Wolf Song", den man leider nur hören kann, wenn man den CD-Rom Track auf der CD öffnet. Auch das Bonus-Lied "The Death Industries" stammt von ihm. Schließlich schrieb Bard "Faust" Eithun, einst bei Emperor, jetzt eigentlich Schlagzeuger bei Dissection aber meist im Knast, drei Texte für ABORYM und übermittelte aus dem Gefängnis ein paar Worte per Telefon.
Dick aufgetragen, nicht wahr. Doch das kommt keineswegs von ungefähr. Denn ABORYM sind die Sperrspitze einer schon seit einigen Jahren sich innerhalb der Black Metal-Szene breit machenden Sub-Kultur: Industrial Black Metal. Puristen werden die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Vielleicht auch, weil sie da schon so machen krampfigen Versuch anderer Bands über sich ergehen lassen mußten. ABORYM sind allerdings Meister ihres Faches. Was hier an Brutalität, Morbidität, Kälte, Haß und Agressivität rüberkommt, ist kaum noch zu überbieten. Die Geschwindigkeit der Stücke ist wie zum Beispiel beim Titelsong atemberaubend. Die digitalen Sound-Effekte á la "Humechanics-virus" könnten dämonischer nicht sein, das Black Metal-Feeling ist jederzeit perfekt, man höre nur "The Triumph". Selbst die Industrial-Nummern ("Does Not Compute", "Chernobyl Generation"), die aus reinen Sounds und Synthesizer-Sequenzen bestehen, überzeugen völlig. Und trotz der unbändigen Raserei bleibt Raum für großartige Melodien. Was für ein Album. Ich hätte nie gedacht, daß ich den Elektronik-Kram im Black Metal eines Tages mal so ohne weiteres akzeptieren würde.
„The Triumph“

JUB

SYMPHONY X „The Odyssey“ 9
Inside Out/SPV, 2002

Symphony X - The Odyssey

Vor Überraschungen ist man bei SYMPHONY X nahezu gefeit. Die Amis ziehen seit fast zehn Jahren und fünf Alben ihren Progressive Metal-Stiefel durch und werden dabei nicht müde. Jedes Album klingt wie das hungrige Debüt einer aufstrebenden Band, die die Vorgaben ihrer Vorbilder aus den 70er und 80er weiterentwickeln möchte. Und dabei ist die Musik der Symphoniker immer auf höchstem Niveau. So natürlich auch auf "The Odyssey". Und doch gibt es Dinge, die auffallen. So ist zum Beispiel die großartige epische Nummer "Accolade II" mit ihren betörenden Piano-Passagen ungewohnt gefällig. Steht den Progern aber gut. In "Awakenings" sind es die jazzigen Passagen, die absolut anmachen. Das hat man bei vielen, vielen anderen Bands schon viel, viel schlechter gehört. Die hier können sowas. Und schließlich leben SYMPHONY X ihr Faible für Soundtrack-Musik in dem Mammut-Werk "The Odyssey" aus. Die orchesterartigen Passagen schwanken zwischen romantischem Kostüm- und historischem Monumentalfilm. Und nicht zu vergessen: SYMPHONY X gehören definitiv zu jenen Progern, die der Gitarre ordentlich die Sporen geben.
„King Of Terrors“

JUB

MICHAEL MONROE „Watcha Want“ 8
Steamhammer/SPV, 2002

Michael Monroe - Watcha Want

Oh, die Glam/Sleaze-Götter Hanoi Rocks ... Was haben wir diesen Haufen geliebt. Und als diese ominöse "Rock'n'Roll Divorce"-Platte rauskam, leierten wir die Rocks auf nahezu jeder Party. Und sei es manchmal nur, um uns den völlig verunglückten Gesang bei "Don't You Ever Leave Me" reinzuziehen und drauf anzustoßen. Rocks-Mastermind MICHAEL MONROE hat nach dem Split seiner Band nie aufgehört, herumzukrawallieren. Und so gibt es auch anno 2003 wieder ein Lebenszeichen von dem Schmink-Topf. Und das ist erneut ein Teil für nicht enden wollende Partys. Hier sind straighte Rocker, die nicht selten den Punk streifen, en masse enthalten. Und die Melodie-Ideen bestechen fast ausschließlich. Tatkräftig zur Seite stand Monroe das Feten-Tier Pink Gibson von Get Animal. Da konnte ja nichts schief gehen. Frecherweise startet "Watcha Want" mit einer Cover-Version: "Do Anything You Wanna Do" von den Pub-Rockern Eddie And The Hot Rods. Aber Monroe darf so etwas, außerdem funktionierts, weil sein eigenes Material voll auf dieser Welle reitet. Mit "Identity" huldigt der Hanoi Rocks-Sänger den kaputten Punks von den X Ray Spex, die eine kranke Sängerin hatten und in ihr gnadenloses Gitarren-Geschraddel schräge Saxophon-Quälereien unterbrachten. Am Ende kommt er uns dann mit einer Folk-Ballade. Die heißt zwar "Hey Thats No Way To Say Goodbye" und ist von Leonard Cohen, der hat aber eh immer wieder nur sein "Suzanne"-Thema variiert.
Jedes Jahr eine MICHAEL MONROE-Scheibe wäre schön. Und trotzdem: Wir wollen Hanoi Rocks wiederhaben!!!
„Life's A Bitch & Then You Live“

JUB

MORTAL LOVE „All The Beauty ...“ 4
Massacre, 2002

Mortal Love - All The Beaury

Was hätten MORTAL LOVE wohl angefangen, wenn es The Gathering nicht geben würde. Vermutlich spielten die Jungs der norwegischen Band jetzt Death Metal (ist nämlich auch verdammt angesagt zur Zeit) und die Muschi hätte vielleicht nach getaner Arbeit zu Hause ihre Gothic-Sammlung durchgehört. MORTAL LOVE sind gewiß keine schlechte Band, nur reicht es einfach nicht, sämtliche Gothic-Klischees zu kopieren und dann mystisch und romantisch klingen zu wollen. Richtig verquast wird es bei "Hate To Feel", ein Song, der richtig geil mit Harfen-Klängen beginnt, in eine starke Gitarren-Melodie übergeht, die in groovende Rhythmus-Wucht mündet. Doch plötzlich versuchts die Band vertrackt, nutzt leicht progressive Elemente, die völlig von der musikalischen Grundstimmung des Albums wegführen. Nicht nur das, hier klingt dann alles irgendwie mächtig bemüht. Ebenso "Mortally Beloved", dem ein quarriger Sopran (?)-Schrei von Sängerin Cat innewohnt, der was Rührendes hat. Gothic-alles-Hörer können mit MORTAL LOVE eigentlich nichts falsch machen. Wer allerdings mehr von der Debüt-Platte einer jungen Band erwartet als 1000mal gehörte Melodien und Arragements, der kann "All The Beauty ..." bei seiner nächsten Katalog-Bestellung ruhig überlesen.
„I Want To Die“ 

JUB

STEVE HOWE „Skyline“ 7
Inside Out/SPV, 2002

Steve Howe - Skyline

Es ist vor allem seine unendliche Geschichte als eine der ersten Adressen für herrausragende Gitarren-Arbeit, die ihn für INTERREGNUM prädestiniert. STEVE HOWEs wichtigsten Stationen hießen Tomorrow, Yes, Asia, GTR - Bands zwischen Pop, Heavy Rock und Progressivität. Seine Solo-Alben der letzten 30 Jahre sind unterschiedlichster Art. Das aktuelle Werk "Skyline" ist vor allem Ambient-Musik und weckt in einigen Momenten Erinnerungen an Mike Oldfield oder Andreas Vollenweider (nur falls die irgend ein Heavy Metal-Fan kennt). Kein Wunder auch, daß uns Howe in "Avenue De Bel Air" und "Resonance" jazzig kommt. Widerum klingt dann ein Lied wie "Camera Obscura" wie schwule Bar-Musik, zu der sich zwei abgehalfterte Mitvierziger unter dem fahlen Licht einer Spiegel-Kugel im Takt wiegen. Wie unterschiedlich die Klänge eines so ruhigen Albums auf einen wirken können, zeigt, daß einem an anderer Stelle statt einer muffigen Kellerbar ein glasklarer Quell-Bach vor Augen kommt, dessen Wasser über einen Stein springt. Das Sonnenlicht bricht sich in den Spritzern, leise schmatzend setzt das Naß seinen Weg fort. "Skyline" ist fast Musik zum Meditieren. Aber wer Lust und das Geld hat, so etwas einmal auszuprobieren, dem sei die CD empfohlen, denn die Gitarren-Arbeit ist wirklich brillant.
„Small Acts“

JUB
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