JUB
GOBLIN SPELL „Nihilism“ 7
E.O.L.P., 2002
Er ist unermüdlich, der Aamon
Kreher. Das gilt sowohl für seine Arbeit als Fanzine-Schreiber und
Underground-Label-Betreiber, als auch für seinen unerschöpflichen
Drang, Songs für seine Bands Bloody Harvest und GOBLIN SPELL zu kreieren.
Erst kürzlich haben wir an dieser Stelle das Tape "The First Evil
Spell" vorgestellt (siehe Abgehört
vom 15. April 2003) und schon geht es mit der "Nihilism"-CD weiter.
Und Black Metal-Puristen aufgepaßt: Die glorreichen Mit-80er, als
in den Kellern Skandinaviens blutjunge Welt-Hasser ihre Wut-Ausbrüche
mit Instrumenten-Klängen umhüllten, feiern Auferstehung. Obwohl
nur sparsam instrumentiert (Gitarre und programmiertes Schlagzeug, manchmal
ein wahrnehmbarer Baß) erzeugt das GOBLIN SPELL-Duo - Aamon und ein
Typ namens van Hellbanger - phasenweise infernalische Lärm-Orgien.
Hört Euch zum Beispiel "Das Gebirge der hallenden Schmerzen" an. Es
zerreißt bei entsprechender Lautstärke Euer Trommelfell, ähnlich
auch "Grindbrainfuckingpain". Wenn Zerstörungs-Wahn atmosphärisch
dargestellt werden kann, dann ist es mit diesen Songs gelungen. Und wer
noch nicht lebendig begraben in einem Sarg lag (das dürfte der überwiegende
Teil unserer Hörer und Leser sein), der kann sich zumindest in seiner
Vorstellung bei "Grab" wohlig gruseln. Viel Atmosphäre wird bei GOBLIN
SPELL über Aamons Stimme erzeugt. Die klingt streckenweise dermaßen
räudig, daß man im Hals einen stechenden Schmerz empfindet.
Allerdings setzt Aamon seine Vokal-Facetten nicht willkürlich ein,
denn "Niedergang" macht deutlich, wie eindringlich die Gesangs-Arrangements
gestaltet werden. Der Sound ist wie gewohnt übel, allerdings empfinde
ich das bei all den Überproduktionen der zurückliegenden Monate
einmal mehr als erholsam. Aamon könnte jedoch dafür sorgen, daß
die Songs nicht häufig am Ende urplötzlich im Nichts verschwinden,
als käme da noch was. Auch wirken Sachen wie "The Global Collapse
In The Sunset" auf einem bösartigen Höllen-Produkt wie "Nihilism"
etwas störend, brechen sie doch die morbide Stimmung auf.
„Das Gebirge der hallenden Schmerzen“
JUB
DANIELE LIVERANI „Genius -
A Rock Opera/Episode 1 - A Human Into Dreams' World“ 3
Frontiers/Point, 2002
Da diese Scheibe bereits im Oktober
des vergangenen Jahres veröffentlicht wurde, werden wir wohl kaum
noch Prog- und Melodic-Fans vor diesem Werk verschonen können. Erst
recht nicht, da das Teil fast in allen größeren Magazinen gute
bis sehr gute Kritiken bekam. Das böse Erwachen wird für die
meisten gekommen sein, als sich bei ihnen nach dem fünften oder sechsten
Song immer noch kein angenehmes Gefühl einstellte.
Seiner Platte den Titel "Genius
- A Rock Opera" zu verpassen, ist im Falle des Italieners DANIELE LIVERANI
die größte Mogelpackung seit Raider Twix wurde. Denn das Konzeptwerk
des Gitarristen der Band Empty Tremor ist weder der Streich eines Genies,
noch verdient es den Ultimativität suggerierenden Titel "Rock Oper".
Dabei hätte doch alles so schön sein können, denn Liverani
fährt eine nahezu unglaubliche Armada von Sängern der internationalen
Metal-Szene auf, die in seiner Story verschiedene Figuren besetzen. Mit
dabei sind Mark Boals (Genius), Lana Lane (The Doorkeeper), der Pain Of
Salvation-Mann Daniel Gildenlow (Twin Spirit #32), Grave Digger-Stimme
Chris Boltendahl (Stationmaster), Mecca-Sänger Joe Vana (McChaos Consultant),
Steve Walsh von Kansas (Wild Tribe King), Ikone John Wetton, unter anderem
bei King Crimson, Uriah Heep, Asia zu Gange (McChaos King), Oliver Hartmann
von At Atvance (Wild Tribe Consultant) und Midnight von Crimson Glory (Maindreamer).
All diese hoffnungsvollen Sänger-Talente quälen sich durch mehr
oder weniger epische, meist völlig verquere Songs, denen es sowohl
an Ideen als auch an Esprit mangelt. Wenn DANIELE LIVERANI auf Power Metal
macht ("Dreams"), klingt das wie die 15. Kopie des sich immer wiederholenden
Strickmusters von Doublebass-Gefladder, den breiten, nie harmonisch klingen
wollenden Gesangsmelodien, von jammernden Gitarren und von Endlosigkeit.
Denn die Kürze ist dem Itacker ein Graus. Wenn man schon eine schlechte
Idee hat, dann sollte man ihr auch den entsprechenden Raum geben ("Paradox"
zum Beispiel mit seinen 9.28 Minuten). Macht uns Liverani wiederum den
Prog-Rocker ("Without Me Today", "Paradox" oder "My Pride"), kommt nie
mehr, als 1000mal Gehörtes auf die krampfigste Art umgesetzt. Da werden
selbst die Sangeskünstler zu nervigen Kreischköpfen. Lediglich
die Piano-Ballade "The Right Place" - übrigens das einzige Lied unter
fünf Minuten - weiß zu gefallen. Das macht allerdings noch keinen
Grund, dieser Platte auch nur den Hauch von Beachtung zu schenken.
Und schließlich dürft
Ihr Euch noch auf einen zweiten und drittel Teil dieses überbordenden
Unsinns freuen. Denn hier muß ja eine Geschichte erzählt werden.
Und zum trillionsten Mal werden wir mit einer Story penetriert, die in
einer Phantasie-Welt spielt und böse gegen gute Mächte antreten
läßt. Natürlich hat das alles einen tieferen Sinn und ist
doch einfach nur gequirlte Scheiße.
„Paradox“
JUB
ABORYM „With No Human Intervention"
10
Code 666/SPV, 2003
Als sei es das Selbstverständlichste
von der Welt, scheint sich die halbe Welt immer gerade dann in Italien
zu versammeln, wenn die Band ABORYM ins Studio geht, um einen Tonträger
einzuspielen. Schon bei den Vorgängern "Kali Yuga Bizarre" (1999)
und "Fire Walk With Us" (2001) überraschten ABORYM mit klangvollen
Namen. Das neue Album, "With No Human Intervention", steht dem in Nichts
nach. Malfeitor Fabban (bg, keys, programming) und Seth Teitan (g, sampler,
programming) können sich mittlerweile genüßlich zurücklehnen,
haben sie doch Nysrok (bg, keys, programming) von Satanik Terrorists und
Alien Vampires sowie Attila Csihar (voc), einst bei Tormentor, später
bei Mayhem, fest in ihre Band integriert. Nattefrost von Carpathian Forest
schrieb einen Text, sang auf dem Album den Song "The Alienation Of A Blackened
Heart" und steuerte diverse Hintergrund-Vocals bei. Irrumator, Vordenker
von Anaal Nathrakh, Frost und Mistress sorgte bei dem genannten Stück
für das digitale Drumming. Matt Jerman von Void/OCD schuf die bizarre
Soundlandschaft von "Does Not Compute". Der Diabolicum-Chef Sasrof schrieb
für ABORYM "The Wolf Song", den man leider nur hören kann, wenn
man den CD-Rom Track auf der CD öffnet. Auch das Bonus-Lied "The Death
Industries" stammt von ihm. Schließlich schrieb Bard "Faust" Eithun,
einst bei Emperor, jetzt eigentlich Schlagzeuger bei Dissection aber meist
im Knast, drei Texte für ABORYM und übermittelte aus dem Gefängnis
ein paar Worte per Telefon.
Dick aufgetragen, nicht wahr. Doch
das kommt keineswegs von ungefähr. Denn ABORYM sind die Sperrspitze
einer schon seit einigen Jahren sich innerhalb der Black Metal-Szene breit
machenden Sub-Kultur: Industrial Black Metal. Puristen werden die Hände
über den Kopf zusammenschlagen. Vielleicht auch, weil sie da schon
so machen krampfigen Versuch anderer Bands über sich ergehen lassen
mußten. ABORYM sind allerdings Meister ihres Faches. Was hier an
Brutalität, Morbidität, Kälte, Haß und Agressivität
rüberkommt, ist kaum noch zu überbieten. Die Geschwindigkeit
der Stücke ist wie zum Beispiel beim Titelsong atemberaubend. Die
digitalen Sound-Effekte á la "Humechanics-virus" könnten dämonischer
nicht sein, das Black Metal-Feeling ist jederzeit perfekt, man höre
nur "The Triumph". Selbst die Industrial-Nummern ("Does Not Compute", "Chernobyl
Generation"), die aus reinen Sounds und Synthesizer-Sequenzen bestehen,
überzeugen völlig. Und trotz der unbändigen Raserei bleibt
Raum für großartige Melodien. Was für ein Album. Ich hätte
nie gedacht, daß ich den Elektronik-Kram im Black Metal eines Tages
mal so ohne weiteres akzeptieren würde.
„The Triumph“
JUB
SYMPHONY X „The Odyssey“ 9
Inside Out/SPV, 2002
Vor Überraschungen ist man bei
SYMPHONY X nahezu gefeit. Die Amis ziehen seit fast zehn Jahren und fünf
Alben ihren Progressive Metal-Stiefel durch und werden dabei nicht müde.
Jedes Album klingt wie das hungrige Debüt einer aufstrebenden Band,
die die Vorgaben ihrer Vorbilder aus den 70er und 80er weiterentwickeln
möchte. Und dabei ist die Musik der Symphoniker immer auf höchstem
Niveau. So natürlich auch auf "The Odyssey". Und doch gibt es Dinge,
die auffallen. So ist zum Beispiel die großartige epische Nummer
"Accolade II" mit ihren betörenden Piano-Passagen ungewohnt gefällig.
Steht den Progern aber gut. In "Awakenings" sind es die jazzigen Passagen,
die absolut anmachen. Das hat man bei vielen, vielen anderen Bands schon
viel, viel schlechter gehört. Die hier können sowas. Und schließlich
leben SYMPHONY X ihr Faible für Soundtrack-Musik in dem Mammut-Werk
"The Odyssey" aus. Die orchesterartigen Passagen schwanken zwischen romantischem
Kostüm- und historischem Monumentalfilm. Und nicht zu vergessen: SYMPHONY
X gehören definitiv zu jenen Progern, die der Gitarre ordentlich die
Sporen geben.
„King Of Terrors“
JUB
MICHAEL MONROE „Watcha Want“
8
Steamhammer/SPV, 2002
Oh, die Glam/Sleaze-Götter Hanoi
Rocks ... Was haben wir diesen Haufen geliebt. Und als diese ominöse
"Rock'n'Roll Divorce"-Platte rauskam, leierten wir die Rocks auf nahezu
jeder Party. Und sei es manchmal nur, um uns den völlig verunglückten
Gesang bei "Don't You Ever Leave Me" reinzuziehen und drauf anzustoßen.
Rocks-Mastermind MICHAEL MONROE hat nach dem Split seiner Band nie aufgehört,
herumzukrawallieren. Und so gibt es auch anno 2003 wieder ein Lebenszeichen
von dem Schmink-Topf. Und das ist erneut ein Teil für nicht enden
wollende Partys. Hier sind straighte Rocker, die nicht selten den Punk
streifen, en masse enthalten. Und die Melodie-Ideen bestechen fast ausschließlich.
Tatkräftig zur Seite stand Monroe das Feten-Tier Pink Gibson von Get
Animal. Da konnte ja nichts schief gehen. Frecherweise startet "Watcha
Want" mit einer Cover-Version: "Do Anything You Wanna Do" von den Pub-Rockern
Eddie And The Hot Rods. Aber Monroe darf so etwas, außerdem funktionierts,
weil sein eigenes Material voll auf dieser Welle reitet. Mit "Identity"
huldigt der Hanoi Rocks-Sänger den kaputten Punks von den X Ray Spex,
die eine kranke Sängerin hatten und in ihr gnadenloses Gitarren-Geschraddel
schräge Saxophon-Quälereien unterbrachten. Am Ende kommt er uns
dann mit einer Folk-Ballade. Die heißt zwar "Hey Thats No Way To
Say Goodbye" und ist von Leonard Cohen, der hat aber eh immer wieder nur
sein "Suzanne"-Thema variiert.
Jedes Jahr eine MICHAEL MONROE-Scheibe
wäre schön. Und trotzdem: Wir wollen Hanoi Rocks wiederhaben!!!
„Life's A Bitch & Then You
Live“
JUB
MORTAL LOVE „All The Beauty
...“ 4
Massacre, 2002
Was hätten MORTAL LOVE wohl
angefangen, wenn es The Gathering nicht geben würde. Vermutlich spielten
die Jungs der norwegischen Band jetzt Death Metal (ist nämlich auch
verdammt angesagt zur Zeit) und die Muschi hätte vielleicht nach getaner
Arbeit zu Hause ihre Gothic-Sammlung durchgehört. MORTAL LOVE sind
gewiß keine schlechte Band, nur reicht es einfach nicht, sämtliche
Gothic-Klischees zu kopieren und dann mystisch und romantisch klingen zu
wollen. Richtig verquast wird es bei "Hate To Feel", ein Song, der richtig
geil mit Harfen-Klängen beginnt, in eine starke Gitarren-Melodie übergeht,
die in groovende Rhythmus-Wucht mündet. Doch plötzlich versuchts
die Band vertrackt, nutzt leicht progressive Elemente, die völlig
von der musikalischen Grundstimmung des Albums wegführen. Nicht nur
das, hier klingt dann alles irgendwie mächtig bemüht. Ebenso
"Mortally Beloved", dem ein quarriger Sopran (?)-Schrei von Sängerin
Cat innewohnt, der was Rührendes hat. Gothic-alles-Hörer können
mit MORTAL LOVE eigentlich nichts falsch machen. Wer allerdings mehr von
der Debüt-Platte einer jungen Band erwartet als 1000mal gehörte
Melodien und Arragements, der kann "All The Beauty ..." bei seiner nächsten
Katalog-Bestellung ruhig überlesen.
„I Want To Die“
JUB
STEVE HOWE „Skyline“ 7
Inside Out/SPV, 2002
Es ist vor allem seine unendliche
Geschichte als eine der ersten Adressen für herrausragende Gitarren-Arbeit,
die ihn für INTERREGNUM prädestiniert. STEVE HOWEs wichtigsten
Stationen hießen Tomorrow, Yes, Asia, GTR - Bands zwischen Pop, Heavy
Rock und Progressivität. Seine Solo-Alben der letzten 30 Jahre sind
unterschiedlichster Art. Das aktuelle Werk "Skyline" ist vor allem Ambient-Musik
und weckt in einigen Momenten Erinnerungen an Mike Oldfield oder Andreas
Vollenweider (nur falls die irgend ein Heavy Metal-Fan kennt). Kein Wunder
auch, daß uns Howe in "Avenue De Bel Air" und "Resonance" jazzig
kommt. Widerum klingt dann ein Lied wie "Camera Obscura" wie schwule Bar-Musik,
zu der sich zwei abgehalfterte Mitvierziger unter dem fahlen Licht einer
Spiegel-Kugel im Takt wiegen. Wie unterschiedlich die Klänge eines
so ruhigen Albums auf einen wirken können, zeigt, daß einem
an anderer Stelle statt einer muffigen Kellerbar ein glasklarer Quell-Bach
vor Augen kommt, dessen Wasser über einen Stein springt. Das Sonnenlicht
bricht sich in den Spritzern, leise schmatzend setzt das Naß seinen
Weg fort. "Skyline" ist fast Musik zum Meditieren. Aber wer Lust und das
Geld hat, so etwas einmal auszuprobieren, dem sei die CD empfohlen, denn
die Gitarren-Arbeit ist wirklich brillant.
„Small Acts“
JUB