MARTY FRIEDMAN „Music For
Speeding“ 10
Marty Friedman/Mascot Rec., 2003
Eigentlich könnte man meinen,
daß auf den Solo-Alben der unzähligen Gitarren-Helden in der
Heavy Metal-Szene alles gesagt ist. MARTY FRIEDMAN hat mich eines besseren
belehrt. Diese „Music For Speeding“ ist definitiv eine der besten Instrumental-Scheiben,
die ich je gehört habe. Friedman hat zuallererst sehr songdienlich
gearbeitet. Die Stücke sind zum größten Teil straighte
Heavy Rocker, in denen die Rhythmus-Gitarren-Arbeit ein wesentliches Standbein
ist und ungeniert zum Bangen auffordert. Trotzdem findet der Ex-Megadeth-Gitarrist
Räume für kleine brillante Solo-Ausflüge, die immer 100prozentig
plaziert sind, jedes Stück bereichern und rund machen. MARTY FRIEDMAN
hat jedes einzelne Stück auf seiner CD mit soviel Hingabe und Ideen
erarbeitet, wie manch eine Band nicht auf einem Album einzubringen weiß.
Interessant übrigens der dramaturgische
Aufbau von „Music For Speeding“. Während uns der Ami in der ersten
Hälfte der Scheibe vor allem das schwermetallische Brett liefert,
wird es in Teil zwei pompös, verschroben, balladesk, ungewöhnlich.
Aber weiterhin immer aufregend.
MARTY FRIEDMAN markiert die neue
Generation der Gitarren-Helden. Während die Leute aus den 80ern (Steve
Vai, Joe Satriani zum Beispiel) auf ihren Alleingängen zwischen Melodic
Metal und Progressive Rock pendelten oder wie Yngwie Malmsteen ständig
auf den Gitarrenhals masturbierten, zeigt Friedman deutlich, daß
er einst in Bands spielte, die heftigen Metal-Spielarten frönten,
wo es nicht vor allem darum ging, sich bei Live-Auftritten ständig
in den Gitarrensaiten zu spiegeln.
Und was dieses Album schließlich
endgültig unwiderstehlich macht und eigentlich einen elften Bewertungspunkt
herausforderte, würde es ihn geben, ist MARTY FRIEDMANS permanente
Referenz an Brian May von Queen. Nicht nur, daß Marty immer wieder
Passagen spielt, die schon 1975 in jedem Queen-Song hätten auftauchen
können, nein, er hat in solchen Momenten sogar den unverwechselbaren
Queen-Gitarren-Sound in petto. Einfach bezaubernd.
„Fuel Injection Stingray“/“Gimme
A Dose“/“Cheer Girl Rampage“
JUB
THE JEFF AUSTIN PROJECT "Go
Big Or Stay Home" 6
Frontiers Rec./XIII Bis Rec./Now&Then/Point
Music, 2002
Schlagzeuger und Keyboarder JEFF
AUSTIN ist mit seinem Projekt warscheinlich das Bindeglied zwischen dem
Härtegrad einer Band wie etwa Aerosmith und dem pompösen Anspruch
einer Band wie Boston. Schlittert also geradeso an der Mainstreamradiokompatibilität
vorbei und dürfte dennoch Stadien füllen, da seine Lieder recht
eingängig sind. Doch bei alledem fehlt den Sachen, die er auf der
CD unterbrachte, das letzte Fünkchen Drive, das Salz in der Suppe,
um aus dem netten Tralala richtige Hits zu machen.
Also weder Fisch noch Fleisch aber
auch nicht wirklich schlecht.
"I'm A Fighter"
THOMAS
THE ALMIGHTY PUNCHDRUNK „Music
For Them Asses“ 9
Virusvorx Rec., 2002
Wenn man im Zusammenhang von CD-Produktionen
den Namen Devin Townsend liest, denkt man mittlerweile zuallererst an Industrial-Lärm-Orgien
und exzentrische Elektronik-Spielereien. Und die schlichte mit einem Unternehmens-Logo
verzierte Verpackung der THE ALMIGHTY PUNCHDRUNK-CD „Music For Them Asses“
tut da ihr Übriges. Allerdings - und das sei ruhig vorweggenommen
- haben wir es hier mit einer Band zu tun, die in brachialster Form Musik
irgendwo zwischen Death Metal, Grindcore, Hardcore und Crossover fabriziert.
Dabei dürfte die Death/Grind-Komponente die ausschlaggebendste sein.
Allerdings klingen durchaus ein paar Hardcore-Harmonien an (in „Rotter“
und „Reject Radio“zum Beispiel) oder wird auch mal wie in einem hip hoppigen
New Metal/Crossoverstück stakkatohaft gesprochen („Rancho Relaxo“).
Wer die beiden letzteren Dinge nicht so mag, sollte sich nicht abschrecken
lassen, kann man die bei den 16 Songs auf dieser CD doch getrost als kleines
Abwechslung schaffendes Stil-Element betrachten. Es würde ja auch
niemand die Finger von THE ALMIGHTY PUNCHDRUNK lassen, nur, weil sie in
„Tug The Tapeworm“ eine winzige Country-Passage eingebaut haben.
Großer Fan dieser kanadischen
Band war seit Jahren - Gründungsjahr 1996 - Strapping Young Lad-,
Dark Angel-, Death- und Testament-Schlagzeuger Gene Hoglan. Irgendwann
soll er mal durchblicken lassen haben, wenn die Jungs einen Drummer suchen
würden, er wär dabei. Jetzt ist er es und spielte mit den Rüpeln
deren Album Nummer zwei ein.
„Tug The Tapeworm“/„Stink Food“
JUB
BRAINLESS "Reality Hurts"
1
Black Arrow/Point Music, 1999
Bei BRAINLESS haben wir es mit ganz
ausgeschlafenen Burschen zu tun. Denn sie setzten sich textlich mit dem
alltäglichen Wahnsinn auseinander wie dem bevorstehenden Dritten Weltkrieg,
korrupten Politikern, Handel mit verseuchten Blutkonserven und - natürlich
- Rechtsradikalismus. Verpackt wird das in Schulenglisch und Lindenstrassendramatik.
Das die Texte dabei vor Klischee und Ausdruckslosigkeit nur so triefen,
dürfte klar sein. Musikalisch gibt es mal mehr mal weniger überzeugend
dargebotenen Allerwelts-Thrash und Hardcore-Anleihen, die sich vor allem
im stark limitierten Gesang bemerkbar machen. Tut mir leid, aber für
jammernde Weltverbesserer, die sich von den gemachten Meinungen der Axel
Springer-Medien beeinflussen lassen ("Murderer"), hatte ich noch nie viel
übrig.
www.brainless.infodietersimon47@aol.com
"Murderer"
P.S. Nach der Sendung erreichte uns
eine Information eines ehemaligen BRAINLESS-Musikers, daß sich die
Band bereits aufgelöst hat.
THOMAS
NECROPHOBIC „Bloodhymns“ 9
Hammerheart Rec., 2002
Eigentlich braucht man bei dieser
Band nicht viele Worte verlieren. Diese schwedische Band spielt akkuraten
Death Metal der alten (schwedischen) Sorte. Dabei handelt es sich allerdings
nicht etwa um Retro-Zeug. NECROPHOBIC existieren schon seit 1989 und haben
diese Musik von der Pike auf gelernt und jedes Gitarren-Riff aufgesogen
wie ein Tampon das Blut. Daß die Band hier und da black-metallische
Harmonien mit einfließen läßt, ist nur recht und billig
und gibt der Musik eine ganz spezielle Note. Da werden Passagen melodiöser
als sie im Korsett des Death-Riffing geklungen hätten.
NECROPHOBIC machen fast durchgehend
Lack und legen nur die ein oder andere Pause ein, um den Ölstand zu
überprüfen. Alles okay - und weiter geht’s: Tacktacktack. Bezeichnend
zum Beispiel „Shadowseed“. Der Song beginnt wie ein hittauglicher Ohrwurm,
geeignet zum arglosen Mitpfeifen, und bekommt wenig später doch noch
einmal eine harschen Aggressions-Schub. Anspieltip soll hier aber „Mourningsoul“
sein. Wer solch ein Gebretter mit Wonne genießt, dem geht bei NECROPHOBIC
voll einer ab.
„Mouningsoul“ (5)
JUB
RE-VISION "Longevity" 8
B.Mind Rec./Connected, 2001
Nicht mehr ganz taufrisch ist die
Veröffentlichung "Longevity" der Band RE-VISION. Fans solcher Bands
wie HIM oder Sentenced sollten sich diesen Namen schon mal vormerken. Denn
ähnlich wie bei diesen finnischen Supergruppen, die eine musikalisch,
die andere kommerziell gesehen, gibt es auf dieser fünfzehn Titel
umfassenden CD schwermütige Momente und mollige Melodien, die durchaus
zu gefallen wissen. Doch das ist nur eine Seite von RE-VISION. Die Deutschen
können auch anders. So kommen an Nevermore erinnernde Gitarrenwände
und Arrangements genauso zum Tragen und bieten zu der melancholischen Grundstimmung
ein gutes Gegengewicht ("Thorns"). Bei "Nair" kommen noch ein paar weibliche
Chorgesänge zum Einsatz und runden den mit einer recht poppigen Gesangsmelodie
versehenen potentiellen Hit ab.
Ein weiterer herausstechender Song
ist "Blood Of The Sun". Vom Grundgerüst her kam mir sofort Moonspells
"Opium" als Vergleich in den Sinn, welches mit dem arabischen Flair einer
Band wie etwa Mezarkabul gekreuzt wurde und sich zu einem richtigen Ohrwurm
mausert.
Unterm Strich eine starke Platte
einer vielversprechenden Band.
"Thorns"
THOMAS
MARBLE ARCH "Another Sunday
Bright"
9
Century Media/Magic Arts Publ.,
2002
Wieder so eine Band im weiten Feld
zwischen HIM und Sentenced? Oberflächlich betrachtet sicher. Allerdings
sind MARBLE ARCH nicht nur eine der besseren Gothic-Kapellen, sondern haben
mit ihrem Hang zum Brit Rock eine spezielle Note in ihrer Musik, die das
Ganze um wesentliche Elemente bereichert. Hört nur "For Real" oder
"The Inmost" - jede dieser halbgewalkten Studenten-Kapellen wäre dankbar,
auch nur Sekunden dieser Songs im eigenen Fundus zu wissen. Und natürlich
bieten MARBLE ARCH den Stoff von "Another Sunday Bright" in jener Härte
dar, wie sie einem Headbanger noch genügt und einem sensiblen Gemüt
noch erträglich ist. Der Mittelweg der Schweden ist perfekt.
Erwähnen möchte ich unbedingt
Sänger Johan Wadelius, der mit seiner zwar klaren aber äußert
kräftigen, vordergründigen Stimme in beinahe jedem Song Achtungszeichen
setzt. Manchmal erinnert er gar an Justin Sullivan von New Model Army,
auch wenn Johan dessen rauhe Töne fehlen.
Müßig zu erwähnen,
daß "Another Sunday Bright" vor Hits zu platzen scheint. Neben genannten
Nummern seien hier noch unbedingt der Opener und "Dead Air" erwähnt.
"The Inmost"
JUB
STEELPREACHER "Route 666"
9
Eigenproduktion, 2002
STEELPREACHER ist die Band, die sich
aus der Asche der schon einmal bei uns vorgestellten Claymore erhob. Schon
damals begeisterten die Jungs um Mainman Steelpreacher mit ihrer lockeren
und frischen Art und Weise, geile Metal-Klopfer trotz eher schlechten Sounds
zum Besten zu geben. Was ist also heute anders? Nun zum einen fällt
die professionelle Aufmachung der CD auf. Wo früher ein Computerausdruck
ausreichte, gibt es heute ein achtseitiges Booklet mit Fotos, Texten und
einer kultigen, weil äußerst klischeehaften Zeichnung als Cover.
Auch ist der Sound um Klassen besser als noch zu Claymore-Tagen. Gleich
geblieben ist die unverrückbare Hingabe und Leidenschaft am Heavy
Metal, will heißen, jeder Titel hat Namen, die auf die Musik passen
wie die berühmte Faust aufs Auge. Beispiel gefällig? Los gehts:
"Metal Till Death", "Story Of Steel", "Metalforces", "Fire And Steel" und
so weiter und so fort. Was kann diese Band also anderes spielen als lupenreinen,
pfeilschnellen Heavy Metal, der zu keiner Sekunde auch nur einen Funken
Fremdbeeinflussung durch etwaige andere moderne Stile zuläßt.
Aus der Claymore-Konkursmasse haben die Jungs clevererweise die beiden
Hits "Messengers Of Steel" und "Route 666" herüber in die neue Band
gerettet. Bei "Messengers Of Steel" gibt es noch eine kleine aber witzige
Hommage an Manowars "The Warriors Prayer"-Geschichte. Der Junge: "Grandfather,
tell me a story!" Großvater: "No!". STEELPREACHER machen Spaß,
und wer das anders sieht, ist warscheinlich ein alternativer Ökohippie
oder Baggypants tragender rastabärtiger New Metaller. Basta! www.steelpreacher.de
"Metal Till Death"
THOMAS
SIRENS "Global Killers" 8
(BANDS BATTLE-BAND 2003)
Eigenproduktion, 2001
Eins steht schonmal von vornherein
fest. SIRENS ist eine Band, die polarisiert, die man entweder hassen oder
lieben kann. Denn der in Ansbach heimische Idealist, Vordenker, Sänger,
Multiinstrumentalist und Verfechter des Heavy Metal-Reinheitsgebotes, Dragon
Power, läßt auf "Global Killers" wirklich kein Klischee aus,
welches in den 80ern geprägt wurde. Das Booklet ist reichhaltig bebildert
und gibt einen kleinen Einblick in die Liveaktivitäten der vier Musiker:
Schwerter, Leder, Nieten und an Ketten umhergeführte Frauen sind die
Elemente, mit denen SIRENS ihrem Publikum einheizen. Dragon Power covert
"Children Of The Damned" von Iron Maiden und zieht sich dabei achtbar aus
der Affäre. Die Eigenkompositionen sind größtenteils im
Midtempo gehaltene Metalstampfer mit einem Schuß Dramatik und haben
mitunter recht ansprechende Gitarrensoli. Jedoch ist die Stimme Dragon
Powers recht geschmacksabhängig und dürfte das hauptausschlaggebende
Element in Eurer Hop- oder Top-Bewertung sein. Ansiedeln kann man ihn irgendwo
zwischen Blaze Bailey und einem (stimmlich) tiefer gelegten Rob Halford,
allerdings nicht ganz auf Profi-Niveau. Anerkennen muß man Dragon
Power aber, mit seiner neuen Veröffentlichung wirklich "value for
money" zu bieten. Neben der regulären CD mit über 66 Minuten
Spielzeit in gutartigem Soundgewand liegt noch eine "Best Of"-CD bei mit
Coverversionen, unter anderem von A-ha, Livegeschichten und ähnlichem.
Übrigens gibt es auf der Haupt-CD noch eine kultige Version von Scott
McKenzies "San Franzisco" zu hören. Interessenten können mit
Dragon Power unter folgender Addresse in Kontakt treten:sirens@gmx.dehttp://www.sirens.de
"Renegade"
THOMAS
SULPHER „Spray“ 8
Dependent/SPV, 2002
Ein schlauer Musik-Journalist der
Spätsechziger sagte im Zusammenhang der erstarkenden Heavy Metal-Szene
einmal: „Jede Generation bekommt die Musik, die sie verdient.“ Sicher hat
er das damals mit Bestürzung bemerkt und nicht registriert, daß
die Generationen sich ihre Musik ja selbst erschaffen. Und so ist natürlich
der Sound einer Band wie SULPHER genau jener Soundtrack, den die Leute
zwischen 15 und 25 in Großstadtschluchten, in gigantischen Konsum-Tempeln,
im Rausch des Körper- und Klamotten-Kults, Fast Food fressend und
sich immer mehr isolierend brauchen. SULPHER sind die Hintergrund-Musik
einer im Technikwahn kolabierenden Gesellschaft, sind zu Melodie gewordene
Computer-Geräusche, die in den Gitarrenwänden in einer alles
zerstörenden Detonation kulminieren. Nicht immer trifft der Begriff
Industrial so den Inhalt einer CD wie bei „Spray“. Und zu allem Überfluß
haben die britischen Newcomer die gesichts- und herzlose Kälte ihrer
Umwelt so intensiv erfahren, daß sie ohne Probleme sämtliche
Facetten ausreizen, die Industrial Metal zu bieten hat. Lediglich bei „Unknown“
und „Spray“ scheint die Band Hörgewohnheiten á la Nine Inch
Nails und Ministry erfüllen zu wollen. Der Rest ist äußerst
originell.
„Misery“
JUB
BLUTTAUFE "Mein Fleisch An
Deinen Lippen..." 7
Christhunt Prod./Connected, 2000
Aber Hallo, auf "Mein Fleisch An
Deinen Lippen" regiert der Bleifuß. Roh und ungeschliffen krachen
80er Jahre Teutonen-Thrash-Riffs durch die Boxen und bringen das Holz zum
bersten. Dabei wird der Einfluß des räudigen Black Metals nie
verheimlicht. Daß diese Kombination funktioniert, haben schon unzählige
Bands vorher bewiesen. Doch BLUTTAUFE geht es nicht um Innovation, sondern
vielmehr um das Zelebrieren garstigsten Hasses, musikalisch und textlich
gleichermaßen. Die in der Muttersprache verfaßten Texte sind
im Gegensatz zu vielen anderen Buchstabenunfällen sehr ansprechend
geschrieben und bringen es fertig, im Kopf düstere Bilder entstehen
zu lassen. Dennoch hat diese Scheibe einen leicht bitteren Beigeschmack,
da sie auf die Dauer etwas eintönig wird. Aber das ist nur mein persönliches
Empfinden. Ansonsten, Daumen hoch für BLUTTAUFE. hefeweizen@bluttaufe.comwww.bluttaufe.comwww.thrashing-war-metal.de
"Glorifizierung Der Vergangenheit"
THOMAS
THE EQUINOX OV THE GODS „Where
Angels Dare Not Treat“ 7
Virusvorx Rec., 2002
Außergewöhnlich. Wirklich
sehr außergewöhnlich, diese schwedische Band mit Namen THE EQUINOX
OV THE GODS. Und glaubt nicht, Ihr hättet es hier mit Newcomern zu
tun. Diese Gruppe gibt es bereits seit 1990 und sie legt mit „Where Angels
Dare Not Tread“ bereits das dritte Album vor.
Die Grundstimmung auf dem Album
ist eine sehr düstere. Das schaffen nicht nur die getragenen Gothic-Nummern
oder die gruftigen Keyboard-Passagen, sondern vor allem das üble Organ
von Sänger Fredrik Wallin, der tatsächlich an Tom Waits erinnert.
Die Songs sind nicht darauf versessen, ständig durch Moll-Akorde Gänsehaut
zu erzeugen. Vielmehr werden dämonische Geschichten erzählt,
die nicht selten etwas Theatralisches haben. In den Stücken „The Nameless
City“, „The Lake“ und „The Temple Ov The Worms/Tombworld“ wird das für
meine Begriffe etwas übertrieben. In solchen Momenten bekommen die
Melodien eine Kurt Weillsche Schlagseite und werden den in Musikgeschichte
Bewanderten durchaus an Musik aus der „Dreigroschen-Oper“ erinnern. Wie
gesagt, das ist vielleicht nicht jedermanns Sache aber auf jeden Fall außergewöhnlich.
„... For The Scarecrow“
JUB
THE KOVENANT "In Times Before
The Light" 4
Hammerheart Rec., 2002
Bei dieser CD handelt es sich um
die Wiederveröffentlichung des Debüts der Norweger. Doch es ist
nicht nur eine reine 1:1-Neuauflage der '95er Scheibe, sondern vielmehr
wurde sie noch einmal neu abgemischt und remixed. Heißt, daß
die Songs die selben geblieben sind, nur mit dem Unterschied, daß
sie viel mehr Elektronikspielerei und Effektballast mit sich rumschleppen.
Das macht die Lieder nun wirklich nicht besser. Denn andauernd nudelt ein
Keyboard in verschiedenen Sounds vor sich hin, und der Rest der Musik windet
sich um eben diesen Klimperschwulst, der klingt als hätten sich die
Jungs im kompositorischen Papierkorb solcher Bands wie Cradle Of Filth,
Therion und Dimmu Borgir mit halbgaren Notizen versorgt und in einer Techno-Disco
zu härterer Fahrstuhlmusik zusammengeschraubt. Dazu wurden noch ein
paar inspirationsfreie Vocal-Passagen durch einen Verzerrer gekreischt,
und Hellhammer hat zwischen seinen Mayhem- und Arcturus-Terminen nochmal
schnell vorbeigeschaut, um sich bei THE KOVENANT schlagzeugtechnisch noch
etwas warmzuspielen. Nun, zugegeben, ein paar gute Stellen hat diese CD
schon. Zum Beispiel wenn der Metal-Anteil etwas mehr zum Tragen kommt und
einige recht geile Speed-Passagen durch das schummrige Kirmesgeorgel durchbrechen.
Dann kann man wie in "Through The Eyes Of The Raven" durchaus hochwertige
Melodieriffs vernehmen. Doch die Scheibe retten, das können sie nicht.
"In Times Before The Light" ist auf künstlerisch anspruchsvoll getrimmte
Substanzlosigkeit, denn sie klimpert und säuselt vor sich hin, ohne
Akzente zu setzen. Ob sich die Band damit einen Gefallen getan hat, ist
fraglich.
"Visions Of A Lost Kingdom"
THOMAS
MECCA „Mecca“ 9
Frontiers/Now&Then/XIII BIS/Point,
2002
Wenn am Firmament des US-Melodic
Metal eine neue Band auftaucht, kann man mit ziemlicher Sicherheit davon
ausgehen, daß es sich wieder einmal um das Projekt gestandener Musiker
handelt, die nicht selten 20 oder 25 Jahre im Geschäft sind. Meist
bieten diese Bands wirklich solide Melodic-Kost, ragen aber nicht wirklich
heraus. Mit MECCA haben wir es auf jeden Fall erst einmal wieder mit solch
einer All-Star-Band zu tun. Wie anders soll man eine Zusammenführung
von Leuten wie David Hungate (bg), Mitbegründer von Toto, Sänger
Fergie Frederiksen, einst ebenfalls bei Toto, oder Sänger Joe Vana,
Jim Peteriks World Stage-Frontmann, sonst nennen. Und wenn solche Leute
im Verbund mit Peterik - dem wohl bedeutendsten Melodic Metal- und Melodic
Rock-Komponisten der USA - Songs schreiben, können die nicht nur Durchschnitt
sein. Und das sind die zehn Sachen auf dem MECCA-Debüt bei weitem
nicht. Diese Scheibe ist eine Lehrstunde für alle jungen Melodic-Musiker,
die es schaffen möchten. Denn es genügt längst nicht mehr,
eine zurückhaltende Strophe von einer eingängigen Refrain-Melodie
abzulösen, dabei radiotauglich unhart vorzugehen und leicht nachsingbare
banale Texte zu schreiben. Man höre von MECCA nur „Without You“, dieses
Stück hat nicht diese typische Allerweltsstruktur und ist doch durch
und durch ein Überhit. Wie so manch ein anderes Stück auf dieser
CD auch. Selbst die Balladen „Close That Gap“ und „Silence Of The
Heart“ gehören auf der Liste der großen Songs in die Spitzenregion.
Selbst Mainstream-Vorwürfe kann man bei MECCA nicht gelten lassen.
Denn nicht eine Melodie ist platt genug, um einfach nur wie ein Kinderlied
nach dem ersten Durchlauf stumpfsinnig mitgeträllert zu werden. Joe
Vana und Fergie Frederiksen liegen stimmlich zwar in einer Schublade, können
durch ihre Eigenheiten trotz allem den einzelnen Stücken spezielle
Noten verpassen.
Für Melodic-Fans ist diese
CD ein Muß.
„Without You“
JUB
DEEP INSIDE MYSELF "At A Late
Hour" 7
Silverdust Rec., 2002
Ziemlich nachdenkliche und schwermütige
Musik kommt aus dem Hause DEEP INSIDE MYSELF. My Dying Bride-artige Riffwalzen
rollen durch die Lieder und treffen dabei auf Tristesse verbreitende Keyboards
und eine meistens in klaren Ebenen angesiedelte Singstimme, die aber durchaus
mal zu der eines garstigen Tieres mutieren kann. Dazu schwelgt eine fragil
anmutende Harmoniegitarre in schmerzlichen Erinnerungen, um dann wieder
zornig zuzupacken. Spielerisch interessant und abwechslungsreich gestaltet,
bietet diese CD nur Angriffsfläche in Form der etwas zu zahm geratenen
klaren Gesänge, die stellenweise etwas Collagerock-mäßiges
haben. Fans von My Dying Bride, Lacuna Coil oder Graveworm sollten aber
in jedem Fall ein Ohr riskieren, da es sich bei "At A Late Hour" um eine
konkurrenzfähige Platte handelt.
THOMAS
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