OVERKILL "Killbox 13"
9
Spitfire/cmm, 2003
Tja, die alten Zeiten sind wohl oder
übel ein für allemal vorbei. Wer das Interview mit Blitz auf
unseren heiligen Seiten gelesen hat der weiß warum. Fortschritt ist
alles und Wiederholungen nichts so lautete das Urteil Blitz’ auf die von
uns geäußerte Meinung, daß OVERKILL ihre stärksten
Momente auf ihren ersten vier Alben ausspielten. Die New Yorker Thrashveteranen
besinnen sich eindeutig auf die Zukunft und sind es leid, immer wieder
an "Taking Over" oder "The Years Of Decay" gemessen zu werden. In Ordnung,
akzeptiert. Begraben sind die Träume, irgendwann mal wieder brandneue
Songs vom Schlage "Rotten To The Core", "Elimination", "Deny The Cross"
oder "Hello From The Gutter" zu Ohren zu bekommen. Aus diesem, die neuen
Scheiben stets mit den alten Heldentaten vergleichenden Blickwinkel betrachtend,
waren die Scheiben der Neunziger immer etwas gewöhnungsbedürftig.
Zwar gab es immer mal wieder Platten, die etwas besser waren ("W.F.O.",
"The Killing Kind") als die schwächelnden Werke "Necroshine" oder
"I Hear Black", aber es fehlte immer noch das gewisse Etwas, um gänzlich
aus dem Häuschen zu geraten wie einst. Doch alles Lammentieren hilft
nichts. Betrachten wir OVERKILL als neue Band, die stets versucht, mit
ihrem Sound am Puls der Zeit zu liegen ohne ihre Thrash-Roots zu verleugnen.
Und siehe da, aus dieser Perspektive zündet "Killbox 13" viel besser
als anfangs angenommen. Der Opener "Devil By The Tail" besticht durch einen
wuchtigen Midtempo-Groove und weist einen kurzen, zähflüssigen
Refrain auf, welcher sich bereits beim ersten Hören im Kopf festsetzt.
Ähnlich schleppend aufgebaut ist auch "Crystal Clear" bei dem die
fünf Musiker inklusive Neuzugang Derik Tailer fast schon in Crowbar-Gefilde
abdriften. "The Sound Of Dying" ist durch seinen Refrain fast schon als
Hit zu bezeichnen. Spätestens hier sollte dem Hörer auffallen,
wie hervorragend der Gesang von Blitz diesmal ausgefallen ist. Er klingt,
als wäre er immernoch Mitte zwanzig und hätte nie einen Schlaganfall
erlitten. Mr.Ellsworth singt, faucht und schreit sich durch die neuen Songs,
daß es eine wahre Freude ist, ihm zu lauschen. Doch nicht nur der
Gesang ist spektakulärer als auf den Vorgänger-Platten. Auch
die Riffs, welche sich Dave Lynsk und Derek Tailer aus den Ärmeln
schütteln, sind bärenstark. Sie sind irgendwie... old schoolig.
Ja, richtig. Das ist es, das spezielle Etwas, welches all die Jahre fehlte.
Hört nur mal den Mittelteil von "Struck Down", es schimmern gar "The
Years Of Decay"-Zitate durch. Sollte etwa der Bruch mit der Vergangenheit
beim Hören der CD der Schlüssel zur Wiederentdeckung der Qualität
der Musik OVERKILLs sein? Sind OVERKILL mit ihrem starren Blick nach vorn
unbemerkt einmal im Kreis und unbemerkt back to the roots gegangen? Oder
hat der Wechsel der Gitarristen den schon leicht mit Rost besetzten Kreativitätsmotor
der Band wieder in Gang gebracht? Fakt ist jedenfalls, daß der Tatsache,
daß Blitz und Co., nachdem er bei uns die Zukunft und den Fortschritt
beschwor, mit der stärksten, weil old schooligsten Platte seit langem
aufwartet, eine gewisse Ironie innewohnt. Wie auch immer, "Killbox 13"
sollte für OVERKILL-Fans ein Grund sein, bei dessen Hören eine
Kanne Pils aufzureißen und die wiedergewonnene Klasse der Band mit
einem zufriedenen Grinsen und im Takt nickenden Köpfen zu würdigen.
"Devil By The Tail"/"Struck Down"/"I
Rise"/"Unholy"
THOMAS
[vor][zurück]