An dieser Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen
- unter der 14-tägigen Rubrik "Abgehört" -
des Jahres 2001 in der entgegengesetzten Reihenfolge ihrer Ausstrahlung.
Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen 
und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. 
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.

ABGEHÖRT vom 18. September 2001

 

THE TRACEELORDS „Sex, Money, Rock’n’Roll“ 8
Massacre Records/Midas Twins Music/Connected, 2001

The Traceelords - Sex, Money, Rock'n'Roll

„Daddy Cool“
Wem die Onkel Tom-Ergüsse von Sodom-Frontmann Tom Angelripper zum Halse raushängen, wer aber trotzdem eine Party aufmischen will, wird bei den TRACEELORDS im Kreis herumspringen. Allein die herrlichen Cover-Versionen von „Daddy Cool“ (Boney M.) und „Born To Be Alive“ (Patrick Hernandez) würden einen Kauf der CD „Sex, Money, Rock’n’Roll“ rechtfertigen. Allerdings gibt es darüberhinaus 11 weitere Nummern zwischen Pop, Punk und Paranoia.
Man könnte meinen Phil Spector hätte mal kurz eine Heavy-Rock-Band produziert, denn das TRACEELORDS-Team hat peinlichst darauf geachtet, einen rührenden Kitsch-Faktor zu garantieren. Man höre nur die Violinen und das Saxophon in „See You When I See You“ oder die bezaubernden Frauen-Chöre unter anderem in „My Kinda Girl“ und „All I Really Need“, die das Disco-Flair der Spätsiebziger heraufbeschwören.
„Feel Like Charlie Brown“
Zuständig für die beste Party-Platte des Jahres 2001 ist ein ehemaliger Sodom-Mitstreiter: Andy Brings. Der Gitarrist und Sänger konnte schon während seines Gastspiels bei den Ruhrpott-Thrashern nicht verbergen, daß sein Herz am Punk hängt und daß er fanatischer Ramones-Fan ist. Und während letztere Vorliebe auf Sodoms „Tapping The Vein“ sogar zum Tragen kam, hielt sich Brings mit Einflüssen der US-amerikanischen Surf-Punks auf „Sex, Money, Rock’n’Roll“ zurück. Dadurch ist bei aller Party-Laune das Album außerordentlich abwechslungsreich geraten.
„Born To Be Alive“

JUB

INTO THE LIGHT "Into The Light" 3
Frontiers Rec./Point Music/XIII BIS Rec./Now & Then/Sumthing, 2000

Into The Light - Into The Light

"Into The Light" ist das Ergebnis einer Studiosession des Gitarrencracks Tim Donahue, der sämtliche Instrumente spielte, alle Songs und Texte schrieb und das Ganze produzierte, und seines Kumpel Kelly Hansen, der "nur" für den Gesang verantwortlich ist. Mr. Donahue ist jedoch nicht nur mit einer außergewöhnlichen instrumentalen Fähigkeit gesegnet, sondern auch mit ebensoviel selbstdarstellerischer Eitelkeit. So informiert uns das Booklet darüber, daß er statt einer handelsüblichen Gitarre vielmehr folgendes benutzte: fretless electric guitars, fretless guitar synthesizer, fretless midi guitar, acoustic guitar, Gibson harp guitar und noch einigen Schnickschnack mehr. Na und? "Into The Light" ist wieder das typische Beispiel von viel Wind um nichts, denn außer technischen Spielereien, vereinzelt netter Melodiebögen bietet die Platte nichts weiter als Langeweile. Bei allem Pomp wurde mal wieder das Komponieren guter Songs mit Hand und Fuß nicht so wichtig genommen, wie das Aufzeigen der zweifelsohne vorhandenen technischen Fähigkeiten. "Live For Today" ist sicher kein Kracher, da eine Ballade, aber das eingängigste Stück der Platte.
"Live For Today"

THOMAS

BLOODSHED „Skullcrusher“ 6
Code 666/SPV, 2001

Bloodshed - Skullcrusher

„Skullcrusher“
Code 666 macht uns derzeit viel Freude. Nicht nur, was die musikalische Seite anbelangt, sondern auch im visuellen Sinne. Denn in Sachen Aufmachung gibt man sich bei dem kleinen italienischen Label alle Mühe und so kommen auch BLOODSHED mit ihrer Debüt-Mini-CD im attraktiven Digi-Pack daher.
Bei BLOODSHED handelt es sich um einen schwedischen Fünfer, der seit 1996 zusammen ist und bisher zwei Demos („When The Night Betrays The Light“, „Laughter Of Destruction“) veröffentlichte. In den Songs auf „Skullcrusher“ begegnen sich Death- und Black Metal, wohl aber wollen sie nicht ineinanderfließen. Düsteres Gepolter steht neben aufgeregtem Gerase. Leider wirkt das dann meist ein wenig konstruiert.
Nichtsdestotrotz empfehlen sich BLOODSHED mit „Skullcrusher“, zur Ruhe kommt man bei dieser knapp 16minüten CD nämlich nicht eine Sekunde. 

JUB

JAG PANZER "Mechanized Warfare" 9
Century Media/Magic Arts Publishing, 2001

Jag Panzer - Mechanized Warfare

Dies ist Album Nummer vier nach der Reunion mit Harry "The Tyrant" Conklin im Jahre 1997. Macht fast ein Album pro Jahr. Alle waren sie Hämmer der Sonderklasse. Keines der Werke schwächelte. Egal ob das songorientierte "The Fourth Judgement", das etwas softere "The Age Of Mastery", das dramatische "Thane To The Throne" oder die neue Scheibe "Mechanized Warfare" - sie alle routierten nach Erscheinen nahezu permanent in meinem CD-Player, meist bis an die vierzehn Tage am Stück. Das liegt daran, daß JAG PANZER ihre Songs nicht am Reißbrett nach der Helloween-Schablone konstruieren. Sondern, wie auch auf der neuen CD, Musik bieten, die man zwar nicht unbedingt sofort mitpfeifen kann, dennoch eine geschlossene Einheit darstellt und zu faszinieren weiß. 
"Take To The Sky"
Die Dramatik, die sich durch die dezent verschachtelten Songs aufbaut, wird unterstützt durch die für das Gitarren-Duo Mark Briody und Chris Broderick typischen Leads und Powerriffs. Die Rhythmusfraktion John Tetley und Rikard Stjernquist weiß mit originellem und abwechslungsreichem Spiel aufzuwarten und baut so manche Überraschung in die Songs ein. Und dann hätten wir da noch Harry Conklins Stimme, die unter tausenden heraussticht. Diesen Typen könnte ich stundenlang zuhören, es würde nicht langweilig werden. 
"The Scarlet Letter"
JAG PANZER ist definitiv eine Band, die man liebt oder haßt. Und sie reiht sich ein in die Riege der Bands, die einzigartig sind, nicht tot zu kriegende Überzeugungstäter wie zum Beispiel October 31, Skyclad, Solstice und mittlerweile auch King Diamond, der nun auch mit kleineren Klubs vorlieb nehmen muß. Sie alle haben unerschöpfliches Potential und sind Originale, die oft nur die kleine aber eingeschworene Fanschar interessieren, während der Rest der Metalfans lieber auf neue Veröffentlichungen der gesichtslosen Tralala-kleine Eier- und Kai Hansen-in-den-Arsch-Kriecher-Bands wartet. Ganzseitige Vollfarbwerbeanzeigen rules.

THOMAS

BETHLEHEM „Schatten aus der Alexander Welt“ 1
Prophecy Productions, 2001

Bethlehem - Schatten aus der Alexander Welt

Oh Gott. Was BETHLEHEM mit ihren „Schatten aus der Alexander Welt“ eingerührt haben, wird in den nächsten Wochen sicher äußerst kontrovers diskutiert.
Eins kann allerdings an dieser Stelle schon mal vorweg genommen werden: Mit dieser Doppel-CD manifestiert die deutsche Band ihren - nennen wir es Außenseiterstatus. Ähnlich wie „verkannte“ Expressionisten, die seit 20 Jahren nur schwarze Linien auf eine Leinwand zaubern, jeden Morgen ein Krakel in einem Büchlein unterbringen oder mit blauen Klecksen bereits in hunderten „Bildern“ Meeresansichten wiedergaben (alles Leute, die ich kennenlernen durfte), ringen BETHLEHEM mit der fixen Idee, eine „Alexander Welt“ kreiert zu haben. Solch eine Hartnäckigkeit kann etwas mit Selbstbewußtsein zu tun haben, aber auch von einem Hirndefekt künden.
Bleibt aber immer noch die Umsetzung, die uns zeigen kann, wie weit der Künstler mit der selbst entwickelten Dimension zurecht kommt. An dieser Stelle sehen BETHLEHEM auf ihrer „Schatten aus der Alexander Welt“ nicht sehr glücklich aus. Zu den neun Stücken auf den zwei Silberlingen gesellen sich nämlich zwischengestellte Hörspiel-Blöcke, die erschreckend laienhaft wirken. Denn - und das müßten Künstler vom Schlage BETHLEHEM nicht nur wissen, sondern auch beachten - gerade beim Hörspiel gilt es, durch ausdrucksvolle Stimmen, Dynamik im Dialog, zum Teil gar übertriebener Betonung, den Hörer zu fesseln. Hier ist das Gegenteil der Fall: Die Sprechparts werden meist lediglich heruntergeleiert. Ein Zeichen, daß die Sprecher mit den ihnen vorliegenden Texten selbst nicht so richtig zurecht kamen?
Allerdings hat man sich im Hause BETHLEHEM um halbwegs nachvollziehbare Inhalte bemüht. Zwar wirkt vieles vom Gesprochenen immer noch abstrakt, wer sich aber wirklich damit auseinandersetzen will (ja wer eigentlich?), der versteht das meiste auch.
Besonders Track 2 auf der zweiten CD, wo Michael und Gabriel satte acht Minuten über Nächstenliebe und Gottes Wort referieren, ist mit einer so peinlichen Oberlehrerhaftigkeit abgehandelt, daß die Passage gut und gerne als Vortrag in der jungen Gemeinde herhalten kann. Nur - wer wird diesen krampfigen Zetteltext bis zum Ende durchstehen?
„Track 2/2“
Warum hat kein Mensch BETHLEHEM mitgeteilt, daß Hörspiele auf Rock-Tonträgern eigentlich noch nie funktionierten. Auf Small Faces' „Ogdens’ Nut Gone Flake“ klappte das 1968 noch, weil der Erzähler mit seinem Cockney-Slang faszinierte, aber Pete Townshend von The Who - in solchen Dingen eigentlich ein Mann mit Erfahrung - ging mit seinem Album „Psychoderelict“ baden. Denn wer will schon drei- oder viermal, geschweige zehn- oder zwölfmal immer wieder dasselbe Geplapper hören. Erst recht, wenn es - wie bei BETHLEHEM - nur mäßig interessant ist.
So wie vor rund 10 Jahren bei der Tagespresse der sogenannte Weißraum in Mode kam (Überschriften waren knapp gehalten, so daß links und rechts viel Platz blieb oder Texte endeten drei bis vier Zeilen zu früh) und sich nicht durchsetzte, dürften BETHLEHEM mit ihren Kein-Ton-Stellen auflaufen. Das heißt, die Pausen zwischen den Songs sind ungewöhnlich lang. Am krassesten ist es bei den jeweiligen Nummern 9: Nach drei, vier Minuten gibt es über eine Viertelstunde Entspannung, bevor elektronische Spielereien beginnen, die sicher bei Kraftwerks Frühwerken Anfang der 70er Jahre beeindruckt hätten. Jetzt sind sie nur noch billig.
Und die Musik allgemein? Nicht erschrecken! Die liegt zwischen Wolfsheim und Umbra et Imago.
„Das 4. Tier aß den Mutterwitz“
Guido Meyer de Voltaire (herrje, was für ein Name) hat sich jetzt auch aufs Rollen des „R“ verlegt. Aber selbst dieses Stilmittel kann er nicht wirklich einsetzen. Es steigt einem nämlich förmlich die Schamröte ins Gesicht, wenn er seine Zunge auch bei Worten wie „imme-r“, „nimme-r“, „wa-r“ oder „nu-r“ bemüht. Halsbrecherischer hätte das ein russischer Mund auch nicht herausgebracht.
Liebe Leute, auch wenn Marilyn Manson laut Label-Info BETHLEHEM über den Klee lobte, dieses Machwerk hier ist das Vermächtnis von verhinderten Möchtegern-Musikern und Pseudo-Lyrikern. Auch wenn die Jungs in einigen Kreisen Kultstatus genießen, über ihre künstlerischen Fähigkeiten sagt das nichts aus. Denn heutzutage freuen sich die Menschen ja auch, wenn jemand Häuser einwickelt oder tote Kühe vom Hubschrauber in eine Grube plumpsen läßt.

JUB

VOMITORY "Revelation Nausea" 8
Metal Blade, 2000

Vomitory - Revelation Nausea

Neun Millimeter Erlösung, Wolken aus Blut, Der Holocaust u.s.w. - das sind Themen, mit denen sich die vier Herren von VOMITORY beschäftigen. Was ist denn nur los in Schweden? Sind die Menschen dort echt so Scheiße dran? Soll mir nur Recht sein, denn solange es solche druckvollen Hammerveröffentlichungen aus dieser Gegend gibt, kann dort ruhig alles so bleiben wie es ist. Die seit 1991 aktive Band erfindet zwar mit ihrer Musik das Rad nicht neu, dennoch ist das, was sie machen, kurzweilig, läßt einen kaum stillsitzen und ist bei entsprechender Lautstärke ein Garant für blutende Ohren.
"The Holocaust"
Meterdicke Gitarrenwände, Drums, die klingen wie fickende Kanninchen, sägende Melodien und den Hund von Baskerville als Barden. Die Zutaten sind genauso einfach wie effektiv. Mehr braucht man nicht, um glücklich in den 9 Millimeter dicken Lauf einer frischpolierten Handfeuerwaffe zu gucken und "Revelation Nausea" zu brabbeln, bevor man einen recht zerstreuten Eindruck macht. 
"9mm Salvation"

THOMAS

MOB RULES „Temple Of Two Suns“ 9
LMP/Inside Out/SPV, 2000

Mob Rules - Temple Of Two Suns

„Flag Of Life“
Aufgemerkt! Vergeßt schnell alle Eindrücke, die Eure Vorurteile bestärken könnten. Schriftzug, Name, Cover-Artwork und die abstrakte Phantasie-Story von "Temple Of Two Suns“ könnten nämlich MOB RULES schnell in die Liga der aufgeblasenen sogenannten Power-Metal-Acts drücken. Aber hier bekommt ihr keine pompösen Orchester-Arrangements, hektische Gitarren-Soli oder Hoden-Tritt-Gesänge zu hören. Vielmehr klingt das Zeug von MOB RULES erdig, werden instrumentale Alleingänge sehr effektiv eingesetzt und läßt Klaus Dirks Gesang wirklich aufhorchen.
„Inside The Fire“
Diese deutsche Band um Gitarrist Matthias Mineur hat mit „Temple Of Two Suns“ Album Nummer zwei am Start und zeigt sich damit kreativ in einer sehr guten Verfassung. Eigentlich hat jeder Song das gewisse Etwas, das ein Nebenbeihören einfach nicht erlaubt. Wenn die Melodien zum Beispiel wirklich gelungen sind, ist doch nicht eine so einschmeichelnd, daß sie zum stumpfsinnigen Mitsummen animieren würde. Und dann gibt es sogar eine Ballade, die funktioniert. „Hold On“ kommt sparsam mit einem Klavier aus und wird Mädchen-Herzen vermutlich trotzdem nicht im Sturm nehmen. Dazu ist die Melodie einfach zu groß.
MOB RULES könnten aus den Staaten kommen. Dort gibt es eine Reihe solcher Bands. Hier in Deutschland sind die fünf Musiker fast konkurrenzlos.
„Hold On“

JUB

STORMHAMMER "Cold Desert Moon" 2
Century Media/Magic Arts Publishing, 2001

Stormhammer - Cold Desert Moon

STORMHAMMER, soso. Unter einem Sturmhammer stelle ich mir etwas Mächtiges vor. Etwas, was Dich umhaut und nicht ein paar halbgare Standardriffs von der Stange. Ein Sturmhammer sollte auch etwas Bedrohliches an sich haben und nicht mit durchfallweichem Keyboardbrei aufwarten. Ein Sturmhammer hat auf alle Fälle auch etwas Resolutes, Unerbittliches. Und resolut ist es auf keinen Fall, wenn man als Band erst einmal fragt "Was darf ich machen, was machen andere vor, was verkauft sich, was ist angesagt?" Warum nennt sich diese Combo nicht einfach Briesenhämmerchen? Dann könnte man ihnen schon mal keinen Ettikettenschwindel vorwerfen. 
"Nobody's Child"

THOMAS

CHILDREN OF BODOM „Follow The Reaper“ 4
Nuclear Blast, 2001

Children Of Bodom - Follow The Reaper

So klingen Tonträger, die gemacht werden, um Verträge zu erfüllen. Obwohl CHILDREN OF BODOM sich alle Mühe geben, in ihren 10 Songs auf „Follow The Reaper“, ihrer dritten CD, eine enorme Vielseitigkeit zu demonstrieren, passiert nicht wirklich viel. Denn irgendwie scheint jedes Stück um Gitarren- und Keyboard-Soli herumgestrickt zu sein. Kopf-Musik könnte man das nennen, da es offenbar nur darum geht, mit Rhythmuswechsel, Breaks, Gimmicks oder Einzelleistungen zu glänzen. Dabei ist es den Finnen aber nicht gelungen, ihrer Musik Seele einzuhauchen.
Und Death Metal-Fans aufgepaßt! Die Musik von CHILDREN OF BODOM wird immer noch als Melodic Death Metal verkauft. Danach klingt sie aber kaum noch.  Die Skandinavier scheinen eher auf dem Weg in Progressiv-Gefilde zu sein.
„Bodom After Midnight“

JUB

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