GARY HUGHES-Special
am 18. November 2003
(Interview)
GARY HUGHES "Once And Future
King - Part I" 10
Frontiers, 2003
Diese Meßlatte wird garantiert
so schnell nicht mehr zu überspringen sein. Was GARY HUGHES, seines
Zeichens Ten-Mastermind, mit seinem ersten Solo-Werk "Once And Future King"
erschaffen hat, ist anbetungswürdig. Im Meldodic Metal US-amerikanischer
Prägung ist schon lange niemand mehr so treffsicher im Melodien-Kosmos
unterwegs gewesen. Obendrein hat sich der Brite mit seiner Interpretation
der König-Artus-Saga eines Themas angenommen, das nicht unbedingt
einen Endlos-Spielraum zuließ.
Schachzug Nummer eins war, den Charakteren
der Geschichte eigene Stimmen zuzuordnen. Und so holte sich Hughes das
Who-is-Who der Melodic-Progressiv-Shouter ins Studio. Mit dabei sind Lana
Lane, Danny Vaughn (Tyketto), Bob Catley (Magnum), Irene Jansen (Karma),
Sean Harris (Diamond Head) und Damian Wilson (Ex-Threshold, Ayreon). Desweiteren
hat GARY HUGHES beim Komponieren ohrenscheinlich darauf geachtet, den Charakteren
musikalische Stimmungen zu verpassen. Nehmen wir zum Beispiel Bob Catley
als Merlin. "King For A Day" und "In Flames" sind hymnische Stücke,
die Erhabenheit ausstrahlen. Vor allem "King ..." scheint einen ständig
in die Knie zwingen zu wollen: Erhebt die Arme zu Avalon und senkt demütig
das Haupt.
Irene Jansen hat als Morgana mit
"Shapeshifter" einen Ohrwurm an der Hand, der in bester Jim-Peterik-Manier
nahezu radiotauglich erarbeitet wurde. Trotzdem haftet dem Song eine dezente
Unnahbarkeit an.
Gary, der Schlaukopf, hat sich als
King Arthur mit "Dragon Island Cathedral" die wohl stärkste Nummer
auf den Leib geschrieben. Mit einer Gitarrenmelodie ausgestattet, die fast
unmerklich einen Mittelalter-Touch durchschimmern läßt, könnte
sich hier für so manchen ein neues Lieblingslied anbahnen.
Guinevere, Arthus Gattin, die mit
Lancelot rummacht und für Historien-Fans die zweifellos unsympatischste
Figur sein dürfte, hat mit Lana Lane eine Stimme bekommen, die im
Duett mit GARY HUGHES bei "At The End Of Day" immer wieder ihre Grenzen
offenbart. Absicht, Gary?
Und der verliebte Lancelot (Danny
Vaughn) darf mit "The Reason Why" eine Ballade singen, die im Melodic-Genre,
das nicht gerade arm an Balladen ist, ihresgleichen sucht.
Insgesamt erzählt GARY HUGHES
den ersten Teil seiner Geschichte mit zehn einzigartigen Song-Perlen, die
Konzept-Hassern schnell vergessen lassen, daß es sich hier um eine
zusammenhängende Story handelt. Es werden nicht ständig Themen
wiederholt oder krampfhaft Spannungsbögen durch Progressiv-Kaspereien
aufgebaut. Für dieses Werk könnte die Queen diesen Mann eigentlich
zum Sir machen.
"Dragon Island Cathedral"/"The
Reason Why"/"Shapeshifter"/"King For A Day"
JUB
CORNERSTONE "Once Upon Our
Yesterday"
8
Massacre/Soul Food, 2003
Zappt in den Titelsong. Na? Das ist
70er Heavy Metal in seiner unverfälschsten Form, nicht wahr? Getragener
Rhythmus, abgefahrene Gitarrensounds, eindringlicher Refrain, transportiert
von harten Riffs und einem volltönenden Sänger (Dougie White
- Rainbow, Malmsteen). Die Rock-Fossile, die zu Tausenden in ihren Familien
versackt sind, ab und zu die alten Platten rauskramen, um die Cover zu
bestaunen, denn Auflegen ist nicht, hat die Alte was dagegen - diese Rock-Fossile,
die vor 25, 30 oder 35 Jahren, die Haare bis zum Arsch, lässig zur
Clique an der Ecke schlenderten - diese Typen, die sich vehement dagegen
wehren, Heavy Metal zu mögen, Led Zeppelin, Deep Purple, Blacvk Sabbath
oder Thin Lizzy aber zu ihren Lieblingsbands zählen, für die
alles Rock, bestenfalls Hard Rock ist - diese Kunden können sich CORNERSTONE
bedenkenlos zulegen. Muß ja niemand wissen, daß sie sich da
eben eine Heavy Metal-Platte gekauft haben. Hauptsache, sie wachen wieder
auf. Und sei es mit der Belebung ihres Deep Purple-, Rainbow- oder Dio-Gens.
CORNERSTONE könnte ein Jungbrunnen sein, der ihnen die Tränen
ob "vergangener schöner Zeiten" in die Augen treibt. Bei dieser Band
können sie heftig bangen (sagte man das damals schon?), den Midtempo-Stampfer
mitklopfen, die schwermütige Ballade mitsingen.
Aber die Kerle, die mit der Zeit
gehen, sich in den 60ern ebenso auskennen, wie im Grindcore oder Black
Metal, sollen hier nicht übersehen werden: Wenn Ihr den CORNERSTONE-Vorgänger
"Human Stain" geil fandet, seid Ihr von "Once Upon Our Yesterday" ebenso
hingerissen.
"When The Hammer Falls"
JUB
HAREM SCAREM "Higher" 9
Frontiers, 2003
Nach dem nahezu peinlichen Solo-Ausflug
des HAREM SCAREM-Fronters Harry Hess (siehe Abgehört
vom 27. Mai 2003) ist der Mann nun wieder mit seiner Mannschaft am
Start. Und wenn man das Schaffen dieser kanadischen Band im Vergleich zum
Hessschen Alleingang betrachtet, ist es schon beeindruckend, wie stark
das Gruppengefühl zu inspirieren scheint. Denn HAREM SCAREMs Musik
ist Melodic Metal auf höchstem Niveau. Hier werden Rotations-Hits
am Fließband produziert. Besonders die Refrains haben es in sich.
Kaum ein Stück, das nicht auf direktem Wege in höchster Eile
unser Akustik-Harmonie-Zentrum ansteuert. Und anders als die meisten US-Kollegen
haben HAREM SCAREM vor allem zügiges Material am Start, das zwar nie
zu hart gestrickt, jedoch von Musik für Sockenfalter weit entfernt
ist. Und wenn der Vierer mal das Tempo etwas drosselt, dann gibt es eine
getragene Heavy-Nummer à la "Gone" im Extreme-Stil. Fetzer wie "Give
It To You" oder "Lucky Ones" sind aber repräsentativer für die
Musik der kanadischen Band, die das Klischee der Holzfäller zu keiner
Sekunde bedient.
"Lucky Ones"
JUB
VERTIGO "Vertigo" 10
Frontiers, 2003
Die Toto-Alben "Fahrenheit" (1986)
und "The Seventh One" (1987) gehören nicht gerade zu meinen Favoriten
der Band um Steve Lukather. Zu mainstreamig, manchmal fast banal. Am Mikrophon
stand damals nicht die Toto-Stimme Bobby Kimball, sondern ein Ersatz namens
Joseph Williams. Nicht schlecht, aber farblos.
Als das Williams-Projekt VERTIGO
in meine Hände geriet, zuckte ich lediglich mit den Schultern: Was
kann der schon reißen, dachte ich.
Nun, falsch gedacht. Williams hat
sich mit einer schier unüberwindlichen Komponisten-Leibstandarte umgeben,
die ihm einige ihrer besten Ideen schenkten, was zu einem US-Melodic Metal-Album
der absoluten Spitzenklasse führte.
Natürlich ist dieses Material,
herb ausgedrückt, weichgespült. Man erwarte keine scharfen Gitarren-Attacken
oder aggressives Riff-Geballer. Hier ist alles auf fette Melodien aus,
die so gelungen sind, daß manch ein Melodic-Musiker, der immer wieder
versucht, endlich seinen Hit zu schreiben, für immer das Notenblatt
aus der Hand legen wird.
Aber dieses Album ist ja nicht als
Lehrstück für Nachwuchs-Musiker gedacht, sondern soll die Melodic-Hörerschaft
erfreuen. Und das ist auf der ganzen Linie gelungen: Die treibenden Nummern
haben Pfiff, die Balladen klingen dramatisch, die Midtempo-Stücke
überholen das beste aktuelle Pop-Material im ersten Gang, die Arrangements
sind effektiv und Joseph Williams' Stimme ist in Szene gesetzt wie lange
nicht.
Kompositorisch gingen Jim Peterik
(wer sonst), Stuart Smith (Heaven & Heart), Joey Carbone (Kim Carnes,
Tiffany), David Tyson (Alannah Myles) und Kane Roberts (Alice Cooper) ans
Werk. Die Band wird vervollständigt von Alex De Rosso an der Leadgitarre
(Dokken), JM Scattolin als Gitarrist (Cypress Hill, Tribe After Tribe,
Steve Bailey), Biggs Brice am Schlagzeug und Produzent Fabrizio V.Zee Grossi
spielt Baß. Das sind Namen, nicht wahr?
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"I Want To Be Wanted"
JUB