An dieser Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen
- unter der 14-tägigen Rubrik "Abgehört" -
des Jahres 2001 in der entgegengesetzten Reihenfolge ihrer Ausstrahlung.
Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen 
und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. 
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.

GARY HUGHES-Special am 18. November 2003

(Interview)


GARY HUGHES "Once And Future King - Part I" 10
Frontiers, 2003

GARY HUGHES - Once And Future King - Part I

Diese Meßlatte wird garantiert so schnell nicht mehr zu überspringen sein. Was GARY HUGHES, seines Zeichens Ten-Mastermind, mit seinem ersten Solo-Werk "Once And Future King" erschaffen hat, ist anbetungswürdig. Im Meldodic Metal US-amerikanischer Prägung ist schon lange niemand mehr so treffsicher im Melodien-Kosmos unterwegs gewesen. Obendrein hat sich der Brite mit seiner Interpretation der König-Artus-Saga eines Themas angenommen, das nicht unbedingt einen Endlos-Spielraum zuließ.
Schachzug Nummer eins war, den Charakteren der Geschichte eigene Stimmen zuzuordnen. Und so holte sich Hughes das Who-is-Who der Melodic-Progressiv-Shouter ins Studio. Mit dabei sind Lana Lane, Danny Vaughn (Tyketto), Bob Catley (Magnum), Irene Jansen (Karma), Sean Harris (Diamond Head) und Damian Wilson (Ex-Threshold, Ayreon). Desweiteren hat GARY HUGHES beim Komponieren ohrenscheinlich darauf geachtet, den Charakteren musikalische Stimmungen zu verpassen. Nehmen wir zum Beispiel Bob Catley als Merlin. "King For A Day" und "In Flames" sind hymnische Stücke, die Erhabenheit ausstrahlen. Vor allem "King ..." scheint einen ständig in die Knie zwingen zu wollen: Erhebt die Arme zu Avalon und senkt demütig das Haupt.
Irene Jansen hat als Morgana mit "Shapeshifter" einen Ohrwurm an der Hand, der in bester Jim-Peterik-Manier nahezu radiotauglich erarbeitet wurde. Trotzdem haftet dem Song eine dezente Unnahbarkeit an.
Gary, der Schlaukopf, hat sich als King Arthur mit "Dragon Island Cathedral" die wohl stärkste Nummer auf den Leib geschrieben. Mit einer Gitarrenmelodie ausgestattet, die fast unmerklich einen Mittelalter-Touch durchschimmern läßt, könnte sich hier für so manchen ein neues Lieblingslied anbahnen.
Guinevere, Arthus Gattin, die mit Lancelot rummacht und für Historien-Fans die zweifellos unsympatischste Figur sein dürfte, hat mit Lana Lane eine Stimme bekommen, die im Duett mit GARY HUGHES bei "At The End Of Day" immer wieder ihre Grenzen offenbart. Absicht, Gary?
Und der verliebte Lancelot (Danny Vaughn) darf mit "The Reason Why" eine Ballade singen, die im Melodic-Genre, das nicht gerade arm an Balladen ist, ihresgleichen sucht.
Insgesamt erzählt GARY HUGHES den ersten Teil seiner Geschichte mit zehn einzigartigen Song-Perlen, die Konzept-Hassern schnell vergessen lassen, daß es sich hier um eine zusammenhängende Story handelt. Es werden nicht ständig Themen wiederholt oder krampfhaft Spannungsbögen durch Progressiv-Kaspereien aufgebaut. Für dieses Werk könnte die Queen diesen Mann eigentlich zum Sir machen.
"Dragon Island Cathedral"/"The Reason Why"/"Shapeshifter"/"King For A Day"

JUB

CORNERSTONE "Once Upon Our Yesterday" 8
Massacre/Soul Food, 2003

CORNERSTONE - Once Upon Our Yesterday

Zappt in den Titelsong. Na? Das ist 70er Heavy Metal in seiner unverfälschsten Form, nicht wahr? Getragener Rhythmus, abgefahrene Gitarrensounds, eindringlicher Refrain, transportiert von harten Riffs und einem volltönenden Sänger (Dougie White - Rainbow, Malmsteen). Die Rock-Fossile, die zu Tausenden in ihren Familien versackt sind, ab und zu die alten Platten rauskramen, um die Cover zu bestaunen, denn Auflegen ist nicht, hat die Alte was dagegen - diese Rock-Fossile, die vor 25, 30 oder 35 Jahren, die Haare bis zum Arsch, lässig zur Clique an der Ecke schlenderten - diese Typen, die sich vehement dagegen wehren, Heavy Metal zu mögen, Led Zeppelin, Deep Purple, Blacvk Sabbath oder Thin Lizzy aber zu ihren Lieblingsbands zählen, für die alles Rock, bestenfalls Hard Rock ist - diese Kunden können sich CORNERSTONE bedenkenlos zulegen. Muß ja niemand wissen, daß sie sich da eben eine Heavy Metal-Platte gekauft haben. Hauptsache, sie wachen wieder auf. Und sei es mit der Belebung ihres Deep Purple-, Rainbow- oder Dio-Gens. CORNERSTONE könnte ein Jungbrunnen sein, der ihnen die Tränen ob "vergangener schöner Zeiten" in die Augen treibt. Bei dieser Band können sie heftig bangen (sagte man das damals schon?), den Midtempo-Stampfer mitklopfen, die schwermütige Ballade mitsingen.
Aber die Kerle, die mit der Zeit gehen, sich in den 60ern ebenso auskennen, wie im Grindcore oder Black Metal, sollen hier nicht übersehen werden: Wenn Ihr den CORNERSTONE-Vorgänger "Human Stain" geil fandet, seid Ihr von "Once Upon Our Yesterday" ebenso hingerissen.
"When The Hammer Falls"

JUB

HAREM SCAREM "Higher" 9
Frontiers, 2003

HAREM SCAREM - Higher

Nach dem nahezu peinlichen Solo-Ausflug des HAREM SCAREM-Fronters Harry Hess (siehe Abgehört vom 27. Mai 2003) ist der Mann nun wieder mit seiner Mannschaft am Start. Und wenn man das Schaffen dieser kanadischen Band im Vergleich zum Hessschen Alleingang betrachtet, ist es schon beeindruckend, wie stark das Gruppengefühl zu inspirieren scheint. Denn HAREM SCAREMs Musik ist Melodic Metal auf höchstem Niveau. Hier werden Rotations-Hits am Fließband produziert. Besonders die Refrains haben es in sich. Kaum ein Stück, das nicht auf direktem Wege in höchster Eile unser Akustik-Harmonie-Zentrum ansteuert. Und anders als die meisten US-Kollegen haben HAREM SCAREM vor allem zügiges Material am Start, das zwar nie zu hart gestrickt, jedoch von Musik für Sockenfalter weit entfernt ist. Und wenn der Vierer mal das Tempo etwas drosselt, dann gibt es eine getragene Heavy-Nummer à la "Gone" im Extreme-Stil. Fetzer wie "Give It To You" oder "Lucky Ones" sind aber repräsentativer für die Musik der kanadischen Band, die das Klischee der Holzfäller zu keiner Sekunde bedient.
"Lucky Ones"

JUB

VERTIGO "Vertigo" 10
Frontiers, 2003

VERTIGO - Vertigo

Die Toto-Alben "Fahrenheit" (1986) und "The Seventh One" (1987) gehören nicht gerade zu meinen Favoriten der Band um Steve Lukather. Zu mainstreamig, manchmal fast banal. Am Mikrophon stand damals nicht die Toto-Stimme Bobby Kimball, sondern ein Ersatz namens Joseph Williams. Nicht schlecht, aber farblos.
Als das Williams-Projekt VERTIGO in meine Hände geriet, zuckte ich lediglich mit den Schultern: Was kann der schon reißen, dachte ich.
Nun, falsch gedacht. Williams hat sich mit einer schier unüberwindlichen Komponisten-Leibstandarte umgeben, die ihm einige ihrer besten Ideen schenkten, was zu einem US-Melodic Metal-Album der absoluten Spitzenklasse führte.
Natürlich ist dieses Material, herb ausgedrückt, weichgespült. Man erwarte keine scharfen Gitarren-Attacken oder aggressives Riff-Geballer. Hier ist alles auf fette Melodien aus, die so gelungen sind, daß manch ein Melodic-Musiker, der immer wieder versucht, endlich seinen Hit zu schreiben, für immer das Notenblatt aus der Hand legen wird.
Aber dieses Album ist ja nicht als Lehrstück für Nachwuchs-Musiker gedacht, sondern soll die Melodic-Hörerschaft erfreuen. Und das ist auf der ganzen Linie gelungen: Die treibenden Nummern haben Pfiff, die Balladen klingen dramatisch, die Midtempo-Stücke überholen das beste aktuelle Pop-Material im ersten Gang, die Arrangements sind effektiv und Joseph Williams' Stimme ist in Szene gesetzt wie lange nicht.
Kompositorisch gingen Jim Peterik (wer sonst), Stuart Smith (Heaven & Heart), Joey Carbone (Kim Carnes, Tiffany), David Tyson (Alannah Myles) und Kane Roberts (Alice Cooper) ans Werk. Die Band wird vervollständigt von Alex De Rosso an der Leadgitarre (Dokken), JM Scattolin als Gitarrist (Cypress Hill, Tribe After Tribe, Steve Bailey), Biggs Brice am Schlagzeug und Produzent Fabrizio V.Zee Grossi spielt Baß. Das sind Namen, nicht wahr?
Hier hilft nur kaufen.
"I Want To Be Wanted"

JUB
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