ABGEHÖRT vom
20. Januar 2004
MOTÖRHEAD
„Live At Brixton Academy“ 8
Steamhammer/SPV,
2003
Live-Alben
gibt es von MOTÖRHEAD zu Hauf. Im Bootleg-Bereich sowieso, aber auch
regulär haben uns Lemmy und Co. regelmäßig mit Konzertmitschnitten
beehrt. Vermutlich sollen irgendwann mal alle Songs wenigstens einmal live
auf einem Tonträger festgehalten sein. Und so gibt es auch beim Jubiläums-Konzert,
das anläßlich des 25. MOTÖRHEAD-Geburtstags in der Londoner
Brixton Academy stattfand, Songs zu hören, die bisher in dieser Form
noch nicht den Weg auf einen regulären Live-Tonträger gefunden
hatten: "I'm So Bad (Baby I Don't Care)", "Civil War", "Overnight Sensation",
"You Better Run", "Orgasmatron" und "Iron Fist". Und da es sich hier um
einen vollständigen Konzert-Mitschnitt handelt, hat man gleich zwei
CDs randvoll mit MOTÖRHEAD-Geratter gepackt, daß dem geneigten
Fan eigentlich das Herz aufgehen sollte. Vielleicht hat manch ein Song
auf früheren Scheiben frischer und ungestümer geklungen. Aber
wir sollten nicht vergessen: Meister Kilmister ist mittlerweile ein Mann
nahe der Alters-Rente. Der positive Effekt dieses Umstands ist, daß
Stücke wie "No Class", "Bomber" oder "Ace Of Spades" nicht mehr so
punkig klingen und einen noch stärkeren Heavy Metal-Touch erhalten.
Ist ja vielleicht sogar Absicht. Zwischendurch gibt es bei "Born To Raise
Hell" Besuch von Whitfield Crane und Doro Pesch, die - was die Stimmenkraft
betrifft - neben Lemmy natürlich abkacken. Ein MOTÖRHEAD-Urgestein
wird mit "The Chase Is Better Than The Catch" begrüßt: Fast
Eddie Clarke. (Dessen eigene Band Fastway ist niemals aus den Puschen gekommen,
war jedoch immer völlig unterbewertet.) Am Ende des Konzerts kehrt
Eddie noch einmal zurück und wird die Party mit der Teilnahme Brian
Mays von Queen gekrönt, den man ganz deutlich in den Soli ausmachen
kann. Sollte ein MOTÖRHEAD-Anhänger bisher vermutet haben, nicht
auch noch dieses Live-Album besitzen zu müssen, hat er sich geirrt.
Das Teil ist wieder einmal ein Muß.
"Overkill"
JUB
TEARS
OF DECAY "Saprophyt" 6
Cudgel Agency,
2002
Zu den absoluten
Senkrechtstartern in der deutschen Death/Grind-Szene gehören zweifelsohne
die ostfriesischen Krawallbrüder von TEARS OF DECAY. 1997 als Sauf-
und Spaßprojekt gegründet, hatten die fünf im Jahr 2000
schon einen Vertriebsdeal mit Cudgel Agency für ihre EP "Redemption"
in der Tasche und wurden als Geheimtip in der Extrem-Metalszene gehandelt.
Von Lobpreisungen der einschlägigen Undergroundfanzines und -Magazine
überhäuft, spielten sie ein Konzert nach dem anderen mit den
ganz Großen der Szene, um ihren Ruf als hervorragender Liveact zu
festigen. Zwei Jahre später erschien dann das komplette Album "Saprophyt",
und es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn die Jungs damit baden gehen.
"Saprophyt"
bietet dem Brutaloherz alles was es verlangt. Drums, so schnell gespielt
wie Kaninchen ficken, abgrundtiefes Gegurgel und hektische Gitarrenarbeit.
Die Songs sind nicht mit nervender Überlänge ausgestattet, und
soetwas wie Balladen haben die Norddeutschen auch nicht in ihrem Wortschatz,
geschweige denn in ihrer Musik. Will heißen, Vollgas bis der Arzt
kommt. Dennoch muß man sehr auf diese Art von Musik stehen, um TEARS
OF DECAYs Debütalbum als einen unverzichtbaren Pflichtkauf anzusehen.
Denn die Scheibe blastet zwar schön durch die Gehörgänge,
aber es bleibt kaum etwas davon hängen. Und genau so klingen ganze
Legionen von Bands. Und die meisten von ihnen machen ihre Sache gut. Das
trifft auch uneingeschränkt auf TEARS OF DECAY zu. Aber es fehlt halt
noch das gewisse Etwas, damit TEARS OF DECAY aus dem Einheitsbrei rausragen:
das Salz in der Suppe in Form von Songs, die einen aufhorchen lassen. Denn
irgendwie rumpelt die Scheibe an einem mit einem Affenzahn vorbei, ohne
daß viel passiert. Aber das ist nur mein eigenes Empfinden. Für
Grind/Death-Zombies, die Cannibal Corpse schon als Pop-Musik empfinden,
ist "Saprophyt" mit Sicherheit eine reichhaltige Schlachteplatte. www.tears-of-decay.de
"Übermensch"
THOMAS
TWILIGHTNING
"Delirium Veil" 8
Spinefarm
Rec/Motor Music
Wenn Bands
aus Finnland melodischen Power Metal mit Keyboard-Zusatz machen, ist es
meist sehr schwer, Nuancen herauszupicken, die sie von Flaggschiffen á
la Stratovarius oder Sonata Arctica unterscheiden. Und bei TWILIGHTNING
und deren Debüt "Delirium Veil" geht es einem im ersten Moment ähnlich.
Obwohl die Band durchaus wohlklingende Songs konstruiert hat, die sowohl
ins Ohr gehen als auch die Fans mit dem Anspruch-Fimmel zufrieden stellen
dürften, scheinen sie nicht wirklich anders als zig Bands dieses Genres
vor ihnen. Aber wehe, Ihr werdet zu Wiederholungstätern und tut Euch
das Teil drei-, viermal an: Suchtgefahr. Die Abnutzung der echt geilen
Melodien ist äußerst gering. Und von all den Power Metal-Alben,
die Ihr da im Schrank zu stehen habt, wird "Delirium Veil" eine von denen
sein, die Ihr vermutlich noch in ein, zwei Jahren immer wieder gern herauskramt.
Was übrigens so ganz nebenbei auffällt, ist ein winziger Verweis
in Richtung Skid Row, da Sänger Heikki Pöyhiä in "Gone To
The Wall" nach Sebastian Bach klingt und "Ma Somber Skies" etwas von "In
A Darkened Room" hat. Na ja, und dann erinnert man sich am Anfang von "At
The Forge" für den Bruchteil einer Sekunde an Europes "Final Countdown".
Das ist zwar nicht wirklich wichtig, aber halt passiert.
"Return
To Innocence"
JUB
LEHAVOTH
„Hatred Shaped Man“ 7
Fadeless Rec,
2003
Obwohl Heavy
Metal mittlerweile selbst schon von den Sinti und Roma gespielt wird, gibt
es immer noch Regionen, in denen man diese Musik eher kaum vermutet. Unbedingt
mit dazu gehört Israel. Denn eigentlich haben die Hebräer doch
vor allem damit zu tun, ihren arabischen Nachbarn die Faust zu zeigen und
Palästinenser zu jagen. Vermutlich waren auch die Mannen von LEHAVOTH
am Schlachtefest beteiligt, mußte die 1995 gegründete Band doch
zwischen 1996 und 2000 auf Eis gelegt werden, da die Gruppen-Mitglieder
ihren dreijährigen Militärdienst absolvierten. Und die Zeit in
Uniform hat zumindest dazu geführt, daß die Jungs ihr Faible
für Black Metal ablegten und jetzt eine wüste Mischung aus Death
Metal, New Metal und Grindcore spielen. "Hatred Shaped Man", das Debüt
der Juden, klingt, als würde ein Wahnsinniger mit einem Vorschlaghammer
in einer Porzellan-Fabrik wüten. Was die LEHAVOTH-Musiker zu diesen
Ausbrüchen inspirierte, bleibt vorerst ihr Geheimnis, wir müssen
jedoch zusehen, daß wir die knapp 30 Minuten unbeschadet überstehen.
Wer die CD einmal hört, wird eventuell mit gerunzelter Stirn und sich
das Kinn reibend im Kopf Fragen formulieren. Ein zweiter Durchlauf erlaubt
dann schon mehr Aufschlüsse. Und wem es immer noch nicht zu bunt ist,
und wer das Teil immer und immer wieder konsumiert, dem könnte sich
offenbaren, daß das Chaos verdammt nochmal System hat. Wenn die CD
auch nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißt, ein Achtungszeichen
setzt sie allemal.
Der auf der
CD enthaltene Video-Clip zu "Non Civilized" läßt uns dann ahnen,
daß die LEHAVOTH-Typen ihren Militärdienst vermutlich nicht
ganz so prall fanden, wie man es bei einem gottesfürchtigen Israeliten
vermutet. In hektischen Bildern werden uns immer wieder "unzivilisierte"
Unmenschlichkeiten zugemutet. Der Gitarrist schießt den Vogel ab:
Bei einem Juden bekommt das "Fuck Me Jesus"-Shirt eine ganz neue Dimension.
"Non Civilized"
JUB
DEVIN
TOWNSEND BAND "Accelerated Evolution" 4
Inside Out/cmm,
2003
Da ich ganz
fest davon überzeugt bin, daß Devin Townsend zu den überdurchschnittlich
talentierten Musikern der Heavy Metal-Szene gehört, muß ich
an meinem musikalischen Empfinden zweifeln. Denn der Kanadier will uns
allen Ernstes weismachen, daß er mit "Accelerated Evolution" den
Weg zu einer minimalistischen Form seiner Musik eingeschlagen hat. Keine
Ahnung, ob Townsend weiß, was Minimalismus ist, diese CD allerdings
ist solch eine Bombastwucht, daß man sich sorgt, zwei Boxen könnten
nicht ausreichen, um all die Sound-Wolken aufzunehmen und wiederzugeben.
Aufgeblasene Song-Giganten kennt man von der DEVIN TOWNSEND BAND ja bereits,
so daß das aktuelle Album eigentlich keine Überraschung war.
Allerdings entsteht bei mir mehr und mehr der Eindruck, der Gitarrist und
Sänger möchte angesichts all dieser Heavy Metal-Opern, die vor
allem durch den Power und Prog Metal geistern, das erste Metal-Musical
erschaffen. Denn das Markenzeichen des Musicals ist vor allem Kitsch. Und
genau dieser Begriff fällt mir ein, wenn ich zum Beispiel Songs wie
"Storm" höre. Wäre Frank Sinatra zu Lebzeiten ein wenig offener
für moderne Musik-Stile gewesen, hätte dieses Stück von
dem alten Mafiosi sein können. "Traveller" macht mit seinem Pop-Appeal
den Boy-Group-Hits Konkurrenz. Da reißt auch das Pink Floyd-Feeling
in "Deadhead" und "Suicide" nicht viel raus. An dieser Stelle sollte man
sich bereits wundern, warum einige Magazine Townsends neue Scheibe als
die Neuerfindung des Heavy Metals feierten. Denn die Zitate setzen sich
fort. So klingt das Fast-Instrumental-Stück "Away" sowas von nach
Steve Vai, daß es schon dreist ist. Und Space Rock, wie ihn zum Beispiel
die ungarischen Omega zu Perfektion führten, ist Townsend auch nicht
gerade unbekannt. Da hat der Kanadier mit seinen Strapping Young Lad mehr
Arsch in der Hose. Dies hier ist im Vergleich zu seinem Rabauken-Projekt
einfach nur schwul.
"Storm"
JUB
CRYPTIC
WINTERMOON „A Coming Storm“ 8
Massacre,
2003
Das war schon
mal ein guter Start, denn mit "The Age Of Cataclysm" waren CRYPTIC WINTERMOON
in der Black Metal-Gemeinde schnell in aller Munde. Und live kam die Band
obendrein immer äußerst sympathisch rüber. Beste Voraussetzungen,
um mit dem Zweitling "A Coming Storm" und einer fetten Plattenfirma im
Rücken eine breite Hörerschaft in petto zu haben, die eventuell
den Silberling ungehört aus dem Regal nimmt und in den Verkaufskorb
legt. Man kann sich dabei mächtig anfegen, braucht im Falle von CRYPTIC
WINTERMOON aber keine Sorgen zu haben. Denn "A Coming Storm" ist rundum
gelungen. Die Deutschen sind weiter ein Garant für Black Metal mit
tragischen Melodien, die das Talent der Songwriter belegen. Und daß
Schwermut nicht in träger und zähflüssiger Riff-Lava versinken
muß, machen CRYPTIC WINTERMOON mehr als deutlich, geht es tempotechnisch
auf "A Coming Storm" doch immer wieder ungestüm zur Sache. Faszinierend
eingesetzt ist das E-Piano, das wie zerbrechende Eiszapfen in die Gitarrenwucht
perlt und ebenso wie die verspielt bis verträumten Zwischenspiele
den Charakter der Musik unterstreicht. Schließlich ist CRYPTIC WINTERMOON
mit "Darkness Forever" ein kleiner Hit gelungen, da diese Kosaken-Chöre
nahezu mitreißen.
„Darkness
Forever“
JUB
LCN
"Toxical Injection" 8 (BANDS BATTLE-BAND 2004)
Alister Records,
2003
Wenn die "Lady
In Red" von Chris de Burgh eine Hausfrau ist, die es nur einmal gewagt
hat, ihren Göttergatten ohne Kittelschürze zu empfangen, haben
wir es bei der "Lady In Red" von LCN doch eher mit einer verdammten Hure
zu tun, die es hart und schnell bevorzugt. Und wenn der Freier nicht pariert,
gibt's auf die Mütze. Aber deftigst. So wie während der gesamten
35 Minuten der Scheibe "Toxical Injection", die im Hardcore-Kosmos am ehesten
im Old School-Bereich angesiedelt werden kann, denn mit dem Gang-Shout-Geprolle
der 90er hat das LCN-Gehämmer nix zu tun. Obwohl, auch hier findet
sich eine Art Wechselspiel im Brüllgesang. Allerdings wird es bei
den vier Deutschen über zwei Sänger gelöst, die unterschiedlicher
nicht sein könnten. Während der Erste in "Toxic Injection" herzzerreißend
offen brüllt "Hardcore is live-music", setzt der Zweite übelst
gepreßt ein "Our life, our music" hinterher. Aus diesem Gegensatz
bezieht die Musik einen wesentlich Teil ihres besonderen Reizes. Sicher
aber auch aus den unüberhörbaren Thrash-Anleihen (zum Beispiel
"Let's Go") oder einer Punk-Nummer wie "Ignorance State", die in dieser
brettharten Art heutzutage von keiner in den einschlägigen TV-Musikkanälen
als Punkband gefeierten Combos aus den Gitarren gezaubert wird. Mit LCN
ist der Hardcore wieder zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Nur so hat
diese Musik-Richtung eine echte Chance für die Zukunft.
"Toxical
Injection"/"Ignorance State"/"Let's Go"
JUB
SEPULTURA
"Roorback" 4
Steamhammer/SPV,
2003
Die Zeiten,
in denen ich mich über Veröffentlichungen aus dem Hause SEPULTURA
gefreut habe wie ein ein Irrer, liegen schon lange zurück. Einst als
die ultimative aufstrebende Hoffnung der Thrash Metal-Szene gefeiert, markierten
die Brasilianer mit "Chaos A.D." den Wendepunkt in ihrer Karriere, von
dem ab sie sich bei den alten Fanscharen massig Kredit verspielten. Schuld
waren die massiven Hardcore-Einflüsse, einsetzende Minimalismusgedanken
bei den Kompositionen und damit einhergehend schwächelnde Songs. Als
dann noch die Tribal-Experimente und Ethnoschwurbel in den Sound der Cavalera-Brüder
Einzug hielt, war der Ofen ganz aus. Mit dem Weggang von Max Cavalera verschwanden
solcherlei Multikultisperenzchen zwar aus der kreativ angeschlagenen Band,
die einstige Stärke, die ihnen bei solch Meisterwerken wie "Schizophrenia",
"Beneath The Remains" oder "Arise" noch innewohnte, wurde jedoch nie wieder
erreicht.
Im Jahre 2003
stand nun die dritte, mit Neusänger Derrick Green eingespielte Platte
"Roorback" in den Regalen der Händler. Dem ehemaligen Alt-Fan kann
es egal sein. "Roorback" ist ein Tummelplatz für Nu Metal-Ideen, die
bei Korn nur Schulterzucken hervorrufen würden. Dabei sind sich SEPULTURA
auch nicht zu schade, bei sich selbst zu klauen. Bei "Mindwar" wird krampfhaft
versucht, die Tribalgrooves, die "Roots Bloody Roots" auszeichneten, einmal
mehr als Stärke rauszukehren. Diese Bemühungen rufen jedoch eher
ein Gähnen auf das Gesicht des Hörers. Denn der Effekt der damals
"Roots..." zu einem zugegebenermaßen eingängigen Stück
machte, wird hier nicht erreicht. Egal, ob klarer Gesang ("Bottomed Out"),
Crustcore-Einlagen ("Leech"), oder der krampfhafte Versuch, nach den glorreichen
früh-90er Zeiten zu klingen ("Come Back Alive"), können trotz
des Versuchs, vielschichtig zu sein, nicht darüber hinwegtäuschen,
daß SEPULTURA, das ehemalige Thrash-Flagschiff, mächtig Schieflage
hat.
Als Bonus
ist auf der CD noch die U2-Coverversion "Bullet The Blue Sky" zu hören
und auch zu sehen. Nämlich als CD-Rom Videotrack.
"Apes Of
God"
THOMAS
IRONY
"Release The Beast" 7
Eigenproduktion,
2001
IRONY sind
ein Projekt der deutsch-türkischen Freundschaft, bestehend aus dem
Schlagzeuger Jörg Billeb und dem Sänger Mehmet Bulut sowie den
eher Gaststatus innehabenden Gitarristen Robert Kerner und Max Endele.
Billeb und Bulut zeichnen sich samt und sonders fürs Komponieren und
Texten verantwortlich und spielen reinsten Heavy Metal mit all seinen liebgewonnenen
Klischees: epische Melodien, stampfende Drums und "Fire/Desire", "Night/Fight"-Reimen.
Das wiederum bietet natürlich Angriffsfläche, wenn man die CD
aus dem nach Originalität suchenden Blickwinkel betrachtet. So könnte
man "Release The Beast" bescheinigen, tausendmal gehörte Ideen, Riffs
und Themen aufzuwärmen. Ist man jedoch nicht gerade auf der Suche
nach Innovation und Fortschritt, weist diese Eigenproduktion ganz andere
Qualitäten auf. Nämlich unter anderem eine ohrwurmgarantierende
Akustikballade ("The Bell Of Fate"), eine nicht minder gelungene Hymne
mit dem Titel "Creatures Of The Night", die nicht nur im Titel Parallelen
zu Kiss aufweist, in der so manche Judas Priest-Plattentitel im Text auftauchen.
Quasi eine Heavy Metal-Hommage. Der Midtempostampfer "Desert Land" wartet
mit exquisiten Leadgitarren auf, die im Übrigen auf der gesamten CD
positiv auffallen. Dafür, daß die Riffs und die Drums eher im
Durchschnitt angesiedelt sind, holen die Leads so manches Mal die Kastanien
aus dem Feuer. Eine Besonderheit haben IRONY noch aufzuweisen: Sänger
Bulut erweckt bei den ersten Durchläufen noch den Eindruck einer minder
begabten Kai Hansen-Kopie. Mit der Zeit entwickelt seine Stimmlage jedoch
ein völlig eigenes Charisma. Wenn der Mann noch ein wenig mehr Aggression
in seinen Gesang brächte, hätten wir es hier mit einem verdammt
eigenständigen Sänger mit unverwechselbarer Stimme zu tun. Mal
sehen, was die nächsten IRONY-Scheiben bieten. Bis dahin testet "Release
The Beast" ruhig mal an. Doch seid gewarnt, das Aroma der Scheibe entfaltet
sich erst schleichend bis man völligen Zugang zu der CD gefunden hat.
www.ironyweb.de
"Creatures
Of The Night"
THOMAS
HEAVEN'S
CRY "Primal Power Addiction" 8
DVS Records/Alive,
2002
Daß in
Kanada nicht nur getrümmert wird, daß sich die Tannen biegen,
wie es Bands wie Exciter, Razor, Kataklysm oder Cryptopsy und Konsorten
uns weis machen wollen, beweisen die Proggötter von Rush schon seit
Jahrzehnten. Denn zünftiges Gefrickel in Verbindung mit Klasse Songs
ist in Kanada quasi zu Hause. HEAVEN'S CRY spielen gekonnt mit der Auffassungsgabe
des Hörers. In einem Moment noch gibt es jazzige Akustikparts mit
einer Friede-Freude-Eierkuchen vorgaukelnden Gesangsharmonie, und im nächsten
Moment weiß man nicht mehr so genau, wie man der Musik eigentlich
folgen soll. Häufen sich die Zählzeitenverschiebungen bis man
glaubt, jeder Musiker spiele in seinem eigenen Rhythmus, um dann, wenn
sich der Notenwust wieder in gefällige Melodien auflöst, zu erkennen,
daß das scheinbare Chaos eine timinggenaue Methode hat. Diese Art
zu musizieren erinnert nicht selten an die berühmten Bilder, in denen
man entweder einen alten Mann oder eine junge Frau erkennen kann. Ein Täuschungsmanöver
also. Zum einen suggerieren die Kanadier ihrem Publikum ein heilloses Durcheinander
an Breaks, Melodien und Rhythmen, und zum anderen bietet "Primal Power
Addiction" filigrane Songs mit hoher Lebensdauer und sogar entspanntere
Momente, in denen voluminöse Baßteppiche den Hörer behutsam
hin und her wiegen und ihm hypnotische Melodien einhauchen. Bei all ihrer
Klasse haben HEAVEN'S CRY nicht immer Glück gehabt, denn "Primal Power
Addiction" ist das zweite Album der Band, deren Debüt bereits 1997
erschien und mittlerweile schon bei den meisten in Vergessenheit geraten
sein dürfte. Dubiose Querelen mit ihrem alten Label sind also schuld
daran, daß die Nordamerikaner nun erneut bei Null anfangen dürfen.
Bei einem Album von der Klasse sollte es aber nicht schwer sein, die Progjünger
für sich begeistern zu können.
"A Higher
Moral Ground"
THOMAS
REARDON
"Free From Code" 2
Yearningrocks,
2002
Matt Reardon
scheint, wenn er nicht gerade Musik macht, im wahren Leben ein Skilehrer
zu sein. Und zwar so einer, vor dem Mütter ihre Töchter warnen.
Jung, dynamisch, draufgängerisch, wenn es um seinen Sport geht. Die
Fotos im Cover beweisen dies. Reardon springt mit Brettern an seinen Füßen
die dollsten Abhänge herunter. Abends dann in der Berghütte spielt
er seinen Schülerinnen seine Schmusesongs auf der Akustischen vor,
um ihren Willen vollends zu brechen. Wenn dann die ersten Mädchenschlüpfer
in den Kniekehlen hängen, dann weiß Matt, daß sich der
Aufwand gelohnt hat. Die ganzen Nächte, in denen er süßliches
Gitarrengeschrammel mit "Nananana!!"-Refrains übte, Platten von Bon
Jovi, Pearl Jam und Nickelback-Balladen studierte und schwülstige
Melodien ersann. Es brauchten ja keine Songs für die Ewigkeit sein.
Sie mußten ja nur ihren Zweck erfüllen. Nun ja, für solche
Vorhaben scheint sich "Free From Code" zu eignen. Allerdings nicht, wenn
man selber die CD in den Player schiebt und versucht, die gewünschte
Dame mit dererlei Klängen zu betören. Denn, wenn man nicht Skilehrer
ist und die Platte selbst aufgenommen hat, erntet man von dem Fräulein
warscheinlich nur einen mitleidigen Blick, warum man mit solch einer primitiven
Nummer zu landen versucht. Eher wird sie ein räudiges Impaled Nazarene-Demo
einwerfen, die Schere machen und brüllen "Ich brauch es garstig, du
Drecksack!". Mister Reardon wünsche ich jedoch weiterhin viel Erfolg
mit seiner Nummer.
"Take Me
Down"
THOMAS
ROBERT
FLEISCHMANN "World In Your Eyes" 7
Frontiers
Rec., 2002
Auch wenn der
Name ROBERT FLEISCHMANN dem Fan melodischen Metals vielleicht nicht so
geläufig ist, so haben die meisten davon den Namen Journey schon viel
eher verinnerlicht. Bei deren "Infinity"-Scheibe waren es hauptsächlich
die Songs von FLEISCHMANN, die darauf Verwendung fanden. Somit sollten
sich von "World In Your Eyes" hauptsächlich Journey-Fans angesprochen
fühlen. Was das Interesse anderer Fanschichten natürlich nicht
ausschließt. Auf FLEISCHMANNs Soloalbum befinden sich neun eigene
Songs und ein Bryan Adams-Cover ("Over My Head"). Alle Songs zeichnen sich
durch eine wohltuende Flüssigkeit (nicht im physikalischen Sinne)
aus. Die Songs sind eher geradeaus komponiert und die Melodien sind allesamt
hochwertig, ohne jemals kitschig zu wirken. Selbst bei den Balladen verzichtet
der Ami auf überflüssigen Schmalz. Es gibt nicht einen Song auf
der Platte, den ich als nicht gelungen oder gar schlecht ansehen würde.
Alles tadellos. Bis auf die Tatsache, daß mit "Only Room For One"
auch nur ein wirklicher Hit auf der Scheibe ist. Die anderen Songs sind
wie gesagt alle stark. Wenn man die Platte aber aus dem Player nimmt, bleibt
einem Tage später tatsächlich nur das genannte Stück im
Gedächtnis. Von diesem Manko abgesehen ist "World In Your Eyes" dennoch
eine gelungene Platte.
"Only Room
For One"
THOMAS
DISMAL
"Rubino Liquido-Three Scarlet Drops" 1
Dreamcell
11/Audioglobe/Code 666, 2003
Lange hielten
sich die Franzosen in der Wertung der musikalischen Zauberkünstler
ohne Substanz ganz weit oben. Doch dieser Tage rütteln ein paar todtraurige
Italiener zaghaft und unter erbärmlichem Geschluchze an dem Thron
der Wichtigtuer. Nicht weiter tragisch, möchte man meinen. Doch die
Orkus-Leser unter Euch können sich einen weiteren Meilenstein in Sachen
tongewordenen Selbstmitleids in den Schrank stellen.
Hochdramatisch
wird DISMALs "Werk" in drei Kapitel eingeteilt. Das fällt einem aber
auch nur beim Betrachten des Covers auf. Musikalisch bleibt alles gleich.
Ein breiter Klimper-Keyboardteppich wird ausgerollt, für den sich
selbst Lacrimosa zu schade wären. Darüber stolpert das sinnlose,
weil nie einen vernünftigen Beat erzeugende, Drumcomputergeklöppel.
Ein Paradebeispiel für Leblosigkeit. Hin und wieder brechen ein paar
kastrierte Gitarrenchords den Reigen des Trübsals auf, um gleich darauf
mit einfältigem Sologezauber zu nerven. Der Bodensatz des Ganzen ist
jedoch der Gesang von Frontweichei Afelio, er wimmert und heult, als hätte
er die Regelschmerzen seiner Gesangspartnerin Ae auszuhalten. Die hingegen
kann sich gerade auf das Niveau von Liv Christine (ex-Theartre Of Tragedy)
retten. Dabei schaffen es die Südeuropäer, ihre Kompositionen
gänzlich frei von Anspruch, Aussagekraft und Dramatik zu halten. Es
passiert nämlich nichts auf der CD. Keine Melodie läßt
einen aufhorchen, keine Idee ist die eigene. Es geht zum einen Ohr rein
und zum anderen wieder raus. Der Hammer kommt jedoch zum Schluß.
Haben DISMAL wirklich das buchstäbliche Geheule von Ae in "A Venere"
eingebaut. Dazu wird verträumt über die Pianotasten gewischt,
daß man laut loslachen möchte. Reife Leistung Leute! Ein Strauß
Klobürsten geht nach Italien.
"Stasi"
THOMAS