An dieser Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen
- unter der 14-tägigen Rubrik "Abgehört" -
des Jahres 2001 in der entgegengesetzten Reihenfolge ihrer Ausstrahlung.
Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen 
und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. 
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.

ABGEHÖRT vom 20. Januar 2004

MOTÖRHEAD „Live At Brixton Academy“ 8
Steamhammer/SPV, 2003

MOTÖRHEAD - Live At Brixton Academy

Live-Alben gibt es von MOTÖRHEAD zu Hauf. Im Bootleg-Bereich sowieso, aber auch regulär haben uns Lemmy und Co. regelmäßig mit Konzertmitschnitten beehrt. Vermutlich sollen irgendwann mal alle Songs wenigstens einmal live auf einem Tonträger festgehalten sein. Und so gibt es auch beim Jubiläums-Konzert, das anläßlich des 25. MOTÖRHEAD-Geburtstags in der Londoner Brixton Academy stattfand, Songs zu hören, die bisher in dieser Form noch nicht den Weg auf einen regulären Live-Tonträger gefunden hatten: "I'm So Bad (Baby I Don't Care)", "Civil War", "Overnight Sensation", "You Better Run", "Orgasmatron" und "Iron Fist". Und da es sich hier um einen vollständigen Konzert-Mitschnitt handelt, hat man gleich zwei CDs randvoll mit MOTÖRHEAD-Geratter gepackt, daß dem geneigten Fan eigentlich das Herz aufgehen sollte. Vielleicht hat manch ein Song auf früheren Scheiben frischer und ungestümer geklungen. Aber wir sollten nicht vergessen: Meister Kilmister ist mittlerweile ein Mann nahe der Alters-Rente. Der positive Effekt dieses Umstands ist, daß Stücke wie "No Class", "Bomber" oder "Ace Of Spades" nicht mehr so punkig klingen und einen noch stärkeren Heavy Metal-Touch erhalten. Ist ja vielleicht sogar Absicht. Zwischendurch gibt es bei "Born To Raise Hell" Besuch von Whitfield Crane und Doro Pesch, die - was die Stimmenkraft betrifft - neben Lemmy natürlich abkacken. Ein MOTÖRHEAD-Urgestein wird mit "The Chase Is Better Than The Catch" begrüßt: Fast Eddie Clarke. (Dessen eigene Band Fastway ist niemals aus den Puschen gekommen, war jedoch immer völlig unterbewertet.) Am Ende des Konzerts kehrt Eddie noch einmal zurück und wird die Party mit der Teilnahme Brian Mays von Queen gekrönt, den man ganz deutlich in den Soli ausmachen kann. Sollte ein MOTÖRHEAD-Anhänger bisher vermutet haben, nicht auch noch dieses Live-Album besitzen zu müssen, hat er sich geirrt. Das Teil ist wieder einmal ein Muß.
"Overkill"

JUB

TEARS OF DECAY "Saprophyt" 6
Cudgel Agency, 2002

TEARS OF DECAY - Saprophyt

Zu den absoluten Senkrechtstartern in der deutschen Death/Grind-Szene gehören zweifelsohne die ostfriesischen Krawallbrüder von TEARS OF DECAY. 1997 als Sauf- und Spaßprojekt gegründet, hatten die fünf im Jahr 2000 schon einen Vertriebsdeal mit Cudgel Agency für ihre EP "Redemption" in der Tasche und wurden als Geheimtip in der Extrem-Metalszene gehandelt. Von Lobpreisungen der einschlägigen Undergroundfanzines und -Magazine überhäuft, spielten sie ein Konzert nach dem anderen mit den ganz Großen der Szene, um ihren Ruf als hervorragender Liveact zu festigen. Zwei Jahre später erschien dann das komplette Album "Saprophyt", und es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn die Jungs damit baden gehen.
"Saprophyt" bietet dem Brutaloherz alles was es verlangt. Drums, so schnell gespielt wie Kaninchen ficken, abgrundtiefes Gegurgel und hektische Gitarrenarbeit. Die Songs sind nicht mit nervender Überlänge ausgestattet, und soetwas wie Balladen haben die Norddeutschen auch nicht in ihrem Wortschatz, geschweige denn in ihrer Musik. Will heißen, Vollgas bis der Arzt kommt. Dennoch muß man sehr auf diese Art von Musik stehen, um TEARS OF DECAYs Debütalbum als einen unverzichtbaren Pflichtkauf anzusehen. Denn die Scheibe blastet zwar schön durch die Gehörgänge, aber es bleibt kaum etwas davon hängen. Und genau so klingen ganze Legionen von Bands. Und die meisten von ihnen machen ihre Sache gut. Das trifft auch uneingeschränkt auf TEARS OF DECAY zu. Aber es fehlt halt noch das gewisse Etwas, damit TEARS OF DECAY aus dem Einheitsbrei rausragen: das Salz in der Suppe in Form von Songs, die einen aufhorchen lassen. Denn irgendwie rumpelt die Scheibe an einem mit einem Affenzahn vorbei, ohne daß viel passiert. Aber das ist nur mein eigenes Empfinden. Für Grind/Death-Zombies, die Cannibal Corpse schon als Pop-Musik empfinden, ist "Saprophyt" mit Sicherheit eine reichhaltige Schlachteplatte. www.tears-of-decay.de
"Übermensch"

THOMAS

TWILIGHTNING "Delirium Veil" 8
Spinefarm Rec/Motor Music

TWILIGHTNING - Delirium Veil

Wenn Bands aus Finnland melodischen Power Metal mit Keyboard-Zusatz machen, ist es meist sehr schwer, Nuancen herauszupicken, die sie von Flaggschiffen á la Stratovarius oder Sonata Arctica unterscheiden. Und bei TWILIGHTNING und deren Debüt "Delirium Veil" geht es einem im ersten Moment ähnlich. Obwohl die Band durchaus wohlklingende Songs konstruiert hat, die sowohl ins Ohr gehen als auch die Fans mit dem Anspruch-Fimmel zufrieden stellen dürften, scheinen sie nicht wirklich anders als zig Bands dieses Genres vor ihnen. Aber wehe, Ihr werdet zu Wiederholungstätern und tut Euch das Teil drei-, viermal an: Suchtgefahr. Die Abnutzung der echt geilen Melodien ist äußerst gering. Und von all den Power Metal-Alben, die Ihr da im Schrank zu stehen habt, wird "Delirium Veil" eine von denen sein, die Ihr vermutlich noch in ein, zwei Jahren immer wieder gern herauskramt. Was übrigens so ganz nebenbei auffällt, ist ein winziger Verweis in Richtung Skid Row, da Sänger Heikki Pöyhiä in "Gone To The Wall" nach Sebastian Bach klingt und "Ma Somber Skies" etwas von "In A Darkened Room" hat. Na ja, und dann erinnert man sich am Anfang von "At The Forge" für den Bruchteil einer Sekunde an Europes "Final Countdown". Das ist zwar nicht wirklich wichtig, aber halt passiert.
"Return To Innocence"

JUB

LEHAVOTH „Hatred Shaped Man“  7
Fadeless Rec, 2003

LEHAVOTH - Hatred Shaped Man

Obwohl Heavy Metal mittlerweile selbst schon von den Sinti und Roma gespielt wird, gibt es immer noch Regionen, in denen man diese Musik eher kaum vermutet. Unbedingt mit dazu gehört Israel. Denn eigentlich haben die Hebräer doch vor allem damit zu tun, ihren arabischen Nachbarn die Faust zu zeigen und Palästinenser zu jagen. Vermutlich waren auch die Mannen von LEHAVOTH am Schlachtefest beteiligt, mußte die 1995 gegründete Band doch zwischen 1996 und 2000 auf Eis gelegt werden, da die Gruppen-Mitglieder ihren dreijährigen Militärdienst absolvierten. Und die Zeit in Uniform hat zumindest dazu geführt, daß die Jungs ihr Faible für Black Metal ablegten und jetzt eine wüste Mischung aus Death Metal, New Metal und Grindcore spielen. "Hatred Shaped Man", das Debüt der Juden, klingt, als würde ein Wahnsinniger mit einem Vorschlaghammer in einer Porzellan-Fabrik wüten. Was die LEHAVOTH-Musiker zu diesen Ausbrüchen inspirierte, bleibt vorerst ihr Geheimnis, wir müssen jedoch zusehen, daß wir die knapp 30 Minuten unbeschadet überstehen. Wer die CD einmal hört, wird eventuell mit gerunzelter Stirn und sich das Kinn reibend im Kopf Fragen formulieren. Ein zweiter Durchlauf erlaubt dann schon mehr Aufschlüsse. Und wem es immer noch nicht zu bunt ist, und wer das Teil immer und immer wieder konsumiert, dem könnte sich offenbaren, daß das Chaos verdammt nochmal System hat. Wenn die CD auch nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißt, ein Achtungszeichen setzt sie allemal.
Der auf der CD enthaltene Video-Clip zu "Non Civilized" läßt uns dann ahnen, daß die LEHAVOTH-Typen ihren Militärdienst vermutlich nicht ganz so prall fanden, wie man es bei einem gottesfürchtigen Israeliten vermutet. In hektischen Bildern werden uns immer wieder "unzivilisierte" Unmenschlichkeiten zugemutet. Der Gitarrist schießt den Vogel ab: Bei einem Juden bekommt das "Fuck Me Jesus"-Shirt eine ganz neue Dimension.
"Non Civilized"

JUB

DEVIN TOWNSEND BAND "Accelerated Evolution" 4
Inside Out/cmm, 2003

DEVIN TOWNSEND BAND - Accelerated Evolution

Da ich ganz fest davon überzeugt bin, daß Devin Townsend zu den überdurchschnittlich talentierten Musikern der Heavy Metal-Szene gehört, muß ich an meinem musikalischen Empfinden zweifeln. Denn der Kanadier will uns allen Ernstes weismachen, daß er mit "Accelerated Evolution" den Weg zu einer minimalistischen Form seiner Musik eingeschlagen hat. Keine Ahnung, ob Townsend weiß, was Minimalismus ist, diese CD allerdings ist solch eine Bombastwucht, daß man sich sorgt, zwei Boxen könnten nicht ausreichen, um all die Sound-Wolken aufzunehmen und wiederzugeben. Aufgeblasene Song-Giganten kennt man von der DEVIN TOWNSEND BAND ja bereits, so daß das aktuelle Album eigentlich keine Überraschung war. Allerdings entsteht bei mir mehr und mehr der Eindruck, der Gitarrist und Sänger möchte angesichts all dieser Heavy Metal-Opern, die vor allem durch den Power und Prog Metal geistern, das erste Metal-Musical erschaffen. Denn das Markenzeichen des Musicals ist vor allem Kitsch. Und genau dieser Begriff fällt mir ein, wenn ich zum Beispiel Songs wie "Storm" höre. Wäre Frank Sinatra zu Lebzeiten ein wenig offener für moderne Musik-Stile gewesen, hätte dieses Stück von dem alten Mafiosi sein können. "Traveller" macht mit seinem Pop-Appeal den Boy-Group-Hits Konkurrenz. Da reißt auch das Pink Floyd-Feeling in "Deadhead" und "Suicide" nicht viel raus. An dieser Stelle sollte man sich bereits wundern, warum einige Magazine Townsends neue Scheibe als die Neuerfindung des Heavy Metals feierten. Denn die Zitate setzen sich fort. So klingt das Fast-Instrumental-Stück "Away" sowas von nach Steve Vai, daß es schon dreist ist. Und Space Rock, wie ihn zum Beispiel die ungarischen Omega zu Perfektion führten, ist Townsend auch nicht gerade unbekannt. Da hat der Kanadier mit seinen Strapping Young Lad mehr Arsch in der Hose. Dies hier ist im Vergleich zu seinem Rabauken-Projekt einfach nur schwul.
"Storm"

JUB

CRYPTIC WINTERMOON „A Coming Storm“ 8
Massacre, 2003

CRYPTIC WINTERMOON - A Coming Storm

Das war schon mal ein guter Start, denn mit "The Age Of Cataclysm" waren CRYPTIC WINTERMOON in der Black Metal-Gemeinde schnell in aller Munde. Und live kam die Band obendrein immer äußerst sympathisch rüber. Beste Voraussetzungen, um mit dem Zweitling "A Coming Storm" und einer fetten Plattenfirma im Rücken eine breite Hörerschaft in petto zu haben, die eventuell den Silberling ungehört aus dem Regal nimmt und in den Verkaufskorb legt. Man kann sich dabei mächtig anfegen, braucht im Falle von CRYPTIC WINTERMOON aber keine Sorgen zu haben. Denn "A Coming Storm" ist rundum gelungen. Die Deutschen sind weiter ein Garant für Black Metal mit tragischen Melodien, die das Talent der Songwriter belegen. Und daß Schwermut nicht in träger und zähflüssiger Riff-Lava versinken muß, machen CRYPTIC WINTERMOON mehr als deutlich, geht es tempotechnisch auf "A Coming Storm" doch immer wieder ungestüm zur Sache. Faszinierend eingesetzt ist das E-Piano, das wie zerbrechende Eiszapfen in die Gitarrenwucht perlt und ebenso wie die verspielt bis verträumten Zwischenspiele den Charakter der Musik unterstreicht. Schließlich ist CRYPTIC WINTERMOON mit "Darkness Forever" ein kleiner Hit gelungen, da diese Kosaken-Chöre nahezu mitreißen.
„Darkness Forever“

JUB

LCN "Toxical Injection" 8 (BANDS BATTLE-BAND 2004)
Alister Records, 2003

LCN - Toxical Injection

Wenn die "Lady In Red" von Chris de Burgh eine Hausfrau ist, die es nur einmal gewagt hat, ihren Göttergatten ohne Kittelschürze zu empfangen, haben wir es bei der "Lady In Red" von LCN doch eher mit einer verdammten Hure zu tun, die es hart und schnell bevorzugt. Und wenn der Freier nicht pariert, gibt's auf die Mütze. Aber deftigst. So wie während der gesamten 35 Minuten der Scheibe "Toxical Injection", die im Hardcore-Kosmos am ehesten im Old School-Bereich angesiedelt werden kann, denn mit dem Gang-Shout-Geprolle der 90er hat das LCN-Gehämmer nix zu tun. Obwohl, auch hier findet sich eine Art Wechselspiel im Brüllgesang. Allerdings wird es bei den vier Deutschen über zwei Sänger gelöst, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Während der Erste in "Toxic Injection" herzzerreißend offen brüllt "Hardcore is live-music", setzt der Zweite übelst gepreßt ein "Our life, our music" hinterher. Aus diesem Gegensatz bezieht die Musik einen wesentlich Teil ihres besonderen Reizes. Sicher aber auch aus den unüberhörbaren Thrash-Anleihen (zum Beispiel "Let's Go") oder einer Punk-Nummer wie "Ignorance State", die in dieser brettharten Art heutzutage von keiner in den einschlägigen TV-Musikkanälen als Punkband gefeierten Combos aus den Gitarren gezaubert wird. Mit LCN ist der Hardcore wieder zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Nur so hat diese Musik-Richtung eine echte Chance für die Zukunft.
"Toxical Injection"/"Ignorance State"/"Let's Go"

JUB

SEPULTURA "Roorback" 4
Steamhammer/SPV, 2003

SEPULTURA - Roorback

Die Zeiten, in denen ich mich über Veröffentlichungen aus dem Hause SEPULTURA gefreut habe wie ein ein Irrer, liegen schon lange zurück. Einst als die ultimative aufstrebende Hoffnung der Thrash Metal-Szene gefeiert, markierten die Brasilianer mit "Chaos A.D." den Wendepunkt in ihrer Karriere, von dem ab sie sich bei den alten Fanscharen massig Kredit verspielten. Schuld waren die massiven Hardcore-Einflüsse, einsetzende Minimalismusgedanken bei den Kompositionen und damit einhergehend schwächelnde Songs. Als dann noch die Tribal-Experimente und Ethnoschwurbel in den Sound der Cavalera-Brüder Einzug hielt, war der Ofen ganz aus. Mit dem Weggang von Max Cavalera verschwanden solcherlei Multikultisperenzchen zwar aus der kreativ angeschlagenen Band, die einstige Stärke, die ihnen bei solch Meisterwerken wie "Schizophrenia", "Beneath The Remains" oder "Arise" noch innewohnte, wurde jedoch nie wieder erreicht.
Im Jahre 2003 stand nun die dritte, mit Neusänger Derrick Green eingespielte Platte "Roorback" in den Regalen der Händler. Dem ehemaligen Alt-Fan kann es egal sein. "Roorback" ist ein Tummelplatz für Nu Metal-Ideen, die bei Korn nur Schulterzucken hervorrufen würden. Dabei sind sich SEPULTURA auch nicht zu schade, bei sich selbst zu klauen. Bei "Mindwar" wird krampfhaft versucht, die Tribalgrooves, die "Roots Bloody Roots" auszeichneten, einmal mehr als Stärke rauszukehren. Diese Bemühungen rufen jedoch eher ein Gähnen auf das Gesicht des Hörers. Denn der Effekt der damals "Roots..." zu einem zugegebenermaßen eingängigen Stück machte, wird hier nicht erreicht. Egal, ob klarer Gesang ("Bottomed Out"), Crustcore-Einlagen ("Leech"), oder der krampfhafte Versuch, nach den glorreichen früh-90er Zeiten zu klingen ("Come Back Alive"), können trotz des Versuchs, vielschichtig zu sein, nicht darüber hinwegtäuschen, daß SEPULTURA, das ehemalige Thrash-Flagschiff, mächtig Schieflage hat. 
Als Bonus ist auf der CD noch die U2-Coverversion "Bullet The Blue Sky" zu hören und auch zu sehen. Nämlich als CD-Rom Videotrack.
"Apes Of God"

THOMAS

IRONY "Release The Beast" 7
Eigenproduktion, 2001

IRONY - Release The Beast

IRONY sind ein Projekt der deutsch-türkischen Freundschaft, bestehend aus dem Schlagzeuger Jörg Billeb und dem Sänger Mehmet Bulut sowie den eher Gaststatus innehabenden Gitarristen Robert Kerner und Max Endele. Billeb und Bulut zeichnen sich samt und sonders fürs Komponieren und Texten verantwortlich und spielen reinsten Heavy Metal mit all seinen liebgewonnenen Klischees: epische Melodien, stampfende Drums und "Fire/Desire", "Night/Fight"-Reimen. Das wiederum bietet natürlich Angriffsfläche, wenn man die CD aus dem nach Originalität suchenden Blickwinkel betrachtet. So könnte man "Release The Beast" bescheinigen, tausendmal gehörte Ideen, Riffs und Themen aufzuwärmen. Ist man jedoch nicht gerade auf der Suche nach Innovation und Fortschritt, weist diese Eigenproduktion ganz andere Qualitäten auf. Nämlich unter anderem eine ohrwurmgarantierende Akustikballade ("The Bell Of Fate"), eine nicht minder gelungene Hymne mit dem Titel "Creatures Of The Night", die nicht nur im Titel Parallelen zu Kiss aufweist, in der so manche Judas Priest-Plattentitel im Text auftauchen. Quasi eine Heavy Metal-Hommage. Der Midtempostampfer "Desert Land" wartet mit exquisiten Leadgitarren auf, die im Übrigen auf der gesamten CD positiv auffallen. Dafür, daß die Riffs und die Drums eher im Durchschnitt angesiedelt sind, holen die Leads so manches Mal die Kastanien aus dem Feuer. Eine Besonderheit haben IRONY noch aufzuweisen: Sänger Bulut erweckt bei den ersten Durchläufen noch den Eindruck einer minder begabten Kai Hansen-Kopie. Mit der Zeit entwickelt seine Stimmlage jedoch ein völlig eigenes Charisma. Wenn der Mann noch ein wenig mehr Aggression in seinen Gesang brächte, hätten wir es hier mit einem verdammt eigenständigen Sänger mit unverwechselbarer Stimme zu tun. Mal sehen, was die nächsten IRONY-Scheiben bieten. Bis dahin testet "Release The Beast" ruhig mal an. Doch seid gewarnt, das Aroma der Scheibe entfaltet sich erst schleichend bis man völligen Zugang zu der CD gefunden hat. www.ironyweb.de
"Creatures Of The Night"

THOMAS

HEAVEN'S CRY "Primal Power Addiction" 8
DVS Records/Alive, 2002

HEAVEN'S CRY - Primal Power Addiction

Daß in Kanada nicht nur getrümmert wird, daß sich die Tannen biegen, wie es Bands wie Exciter, Razor, Kataklysm oder Cryptopsy und Konsorten uns weis machen wollen, beweisen die Proggötter von Rush schon seit Jahrzehnten. Denn zünftiges Gefrickel in Verbindung mit Klasse Songs ist in Kanada quasi zu Hause. HEAVEN'S CRY spielen gekonnt mit der Auffassungsgabe des Hörers. In einem Moment noch gibt es jazzige Akustikparts mit einer Friede-Freude-Eierkuchen vorgaukelnden Gesangsharmonie, und im nächsten Moment weiß man nicht mehr so genau, wie man der Musik eigentlich folgen soll. Häufen sich die Zählzeitenverschiebungen bis man glaubt, jeder Musiker spiele in seinem eigenen Rhythmus, um dann, wenn sich der Notenwust wieder in gefällige Melodien auflöst, zu erkennen, daß das scheinbare Chaos eine timinggenaue Methode hat. Diese Art zu musizieren erinnert nicht selten an die berühmten Bilder, in denen man entweder einen alten Mann oder eine junge Frau erkennen kann. Ein Täuschungsmanöver also. Zum einen suggerieren die Kanadier ihrem Publikum ein heilloses Durcheinander an Breaks, Melodien und Rhythmen, und zum anderen bietet "Primal Power Addiction" filigrane Songs mit hoher Lebensdauer und sogar entspanntere Momente, in denen voluminöse Baßteppiche den Hörer behutsam hin und her wiegen und ihm hypnotische Melodien einhauchen. Bei all ihrer Klasse haben HEAVEN'S CRY nicht immer Glück gehabt, denn "Primal Power Addiction" ist das zweite Album der Band, deren Debüt bereits 1997 erschien und mittlerweile schon bei den meisten in Vergessenheit geraten sein dürfte. Dubiose Querelen mit ihrem alten Label sind also schuld daran, daß die Nordamerikaner nun erneut bei Null anfangen dürfen. Bei einem Album von der Klasse sollte es aber nicht schwer sein, die Progjünger für sich begeistern zu können.
"A Higher Moral Ground"

THOMAS

REARDON "Free From Code" 2
Yearningrocks, 2002

REARDON - Free From Code

Matt Reardon scheint, wenn er nicht gerade Musik macht, im wahren Leben ein Skilehrer zu sein. Und zwar so einer, vor dem Mütter ihre Töchter warnen. Jung, dynamisch, draufgängerisch, wenn es um seinen Sport geht. Die Fotos im Cover beweisen dies. Reardon springt mit Brettern an seinen Füßen die dollsten Abhänge herunter. Abends dann in der Berghütte spielt er seinen Schülerinnen seine Schmusesongs auf der Akustischen vor, um ihren Willen vollends zu brechen. Wenn dann die ersten Mädchenschlüpfer in den Kniekehlen hängen, dann weiß Matt, daß sich der Aufwand gelohnt hat. Die ganzen Nächte, in denen er süßliches Gitarrengeschrammel mit "Nananana!!"-Refrains übte, Platten von Bon Jovi, Pearl Jam und Nickelback-Balladen studierte und schwülstige Melodien ersann. Es brauchten ja keine Songs für die Ewigkeit sein. Sie mußten ja nur ihren Zweck erfüllen. Nun ja, für solche Vorhaben scheint sich "Free From Code" zu eignen. Allerdings nicht, wenn man selber die CD in den Player schiebt und versucht, die gewünschte Dame mit dererlei Klängen zu betören. Denn, wenn man nicht Skilehrer ist und die Platte selbst aufgenommen hat, erntet man von dem Fräulein warscheinlich nur einen mitleidigen Blick, warum man mit solch einer primitiven Nummer zu landen versucht. Eher wird sie ein räudiges Impaled Nazarene-Demo einwerfen, die Schere machen und brüllen "Ich brauch es garstig, du Drecksack!". Mister Reardon wünsche ich jedoch weiterhin viel Erfolg mit seiner Nummer.
"Take Me Down"

THOMAS

ROBERT FLEISCHMANN "World In Your Eyes" 7
Frontiers Rec., 2002

ROBERT FLEISCHMANN - World In Your Eyes

Auch wenn der Name ROBERT FLEISCHMANN dem Fan melodischen Metals vielleicht nicht so geläufig ist, so haben die meisten davon den Namen Journey schon viel eher verinnerlicht. Bei deren "Infinity"-Scheibe waren es hauptsächlich die Songs von FLEISCHMANN, die darauf Verwendung fanden. Somit sollten sich von "World In Your Eyes" hauptsächlich Journey-Fans angesprochen fühlen. Was das Interesse anderer Fanschichten natürlich nicht ausschließt. Auf FLEISCHMANNs Soloalbum befinden sich neun eigene Songs und ein Bryan Adams-Cover ("Over My Head"). Alle Songs zeichnen sich durch eine wohltuende Flüssigkeit (nicht im physikalischen Sinne) aus. Die Songs sind eher geradeaus komponiert und die Melodien sind allesamt hochwertig, ohne jemals kitschig zu wirken. Selbst bei den Balladen verzichtet der Ami auf überflüssigen Schmalz. Es gibt nicht einen Song auf der Platte, den ich als nicht gelungen oder gar schlecht ansehen würde. Alles tadellos. Bis auf die Tatsache, daß mit "Only Room For One" auch nur ein wirklicher Hit auf der Scheibe ist. Die anderen Songs sind wie gesagt alle stark. Wenn man die Platte aber aus dem Player nimmt, bleibt einem Tage später tatsächlich nur das genannte Stück im Gedächtnis. Von diesem Manko abgesehen ist "World In Your Eyes" dennoch eine gelungene Platte. 
"Only Room For One"

THOMAS

DISMAL "Rubino Liquido-Three Scarlet Drops" 1
Dreamcell 11/Audioglobe/Code 666, 2003

DISMAL - Rubino Liquido-Three Scarlet Drops

Lange hielten sich die Franzosen in der Wertung der musikalischen Zauberkünstler ohne Substanz ganz weit oben. Doch dieser Tage rütteln ein paar todtraurige Italiener zaghaft und unter erbärmlichem Geschluchze an dem Thron der Wichtigtuer. Nicht weiter tragisch, möchte man meinen. Doch die Orkus-Leser unter Euch können sich einen weiteren Meilenstein in Sachen tongewordenen Selbstmitleids in den Schrank stellen. 
Hochdramatisch wird DISMALs "Werk" in drei Kapitel eingeteilt. Das fällt einem aber auch nur beim Betrachten des Covers auf. Musikalisch bleibt alles gleich. Ein breiter Klimper-Keyboardteppich wird ausgerollt, für den sich selbst Lacrimosa zu schade wären. Darüber stolpert das sinnlose, weil nie einen vernünftigen Beat erzeugende, Drumcomputergeklöppel. Ein Paradebeispiel für Leblosigkeit. Hin und wieder brechen ein paar kastrierte Gitarrenchords den Reigen des Trübsals auf, um gleich darauf mit einfältigem Sologezauber zu nerven. Der Bodensatz des Ganzen ist jedoch der Gesang von Frontweichei Afelio, er wimmert und heult, als hätte er die Regelschmerzen seiner Gesangspartnerin Ae auszuhalten. Die hingegen kann sich gerade auf das Niveau von Liv Christine (ex-Theartre Of Tragedy) retten. Dabei schaffen es die Südeuropäer, ihre Kompositionen gänzlich frei von Anspruch, Aussagekraft und Dramatik zu halten. Es passiert nämlich nichts auf der CD. Keine Melodie läßt einen aufhorchen, keine Idee ist die eigene. Es geht zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Der Hammer kommt jedoch zum Schluß. Haben DISMAL wirklich das buchstäbliche Geheule von Ae in "A Venere" eingebaut. Dazu wird verträumt über die Pianotasten gewischt, daß man laut loslachen möchte. Reife Leistung Leute! Ein Strauß Klobürsten geht nach Italien.
"Stasi"

THOMAS
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