An dieser Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen
- unter der 14-tägigen Rubrik "Abgehört" -
des Jahres 2001 in der entgegengesetzten Reihenfolge ihrer Ausstrahlung.
Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen 
und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. 
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.

ABGEHÖRT vom 20. März 2001


RAISE HELL „Not Dead Yet“ 7
Nuclear Blast, 2000

Raise Hell - Not Dead Yet

„Dance With The Devil“
Sicher, dieses Album hat schon mehr als ein halbes Jahr auf dem Buckel. Allerdings wäre diese CD nicht die erste, die bei einem Großteil der Metal konsumierenden Gemeinde unterging, da der Veröffentlichungswust im vergangenen Jahr einfach ungeahnte Dimensionen annahm. Deshalb sei an dieser Stelle an die schwedische Jungriege RAISE HELL erinnert.
Bei „Not Dead Yet“ sprachen einige selbsternannte Szene-Kenner von einem bevorstehenden Thrash-Metal-Revival. Damit lastete auf den Schultern der jungen Burschen schon wieder eine Bürde, die sie sich selbst gar nicht aufnacken wollten. Denn eigentlich bedienten sie sich doch nur eines Stils, der ihnen gefiel. Und es ist garantiert immer besser, als talentierte Band wahrgenommen zu werden, als die Sperrspitze einer wiederkehrenden Musik-Richtung sein zu müssen. Nun, und Thrash kam auch nicht wieder. Das zeigten 2000 die Rohrkrepierer von Destruction und Thanatos.
Nichtsdestotrotz lieferten RAISE HELL mit ihrem zweiten Album „Not Dead Yet“ ein sehr gutes Stück Musik ab, das allerdings keine Eigenständigkeit besaß. Die ständigen Verweise auf Kreator waren durchaus berechtigt. Aber warum auch nicht, denn die deutschen Vorbilder kann man guten Willens heute eh nicht mehr hören. Entweder man greift auf die alten Alben zurück oder - hört RAISE HELL.
„Not Dead Yet“
RAISE HELL hatten mit ihrem Debüt „Holy Target“ 1998 eine gehörige Portion Glück, als sie ohne Anlauf zu Presselieblingen avancierten. Das steigert bekanntlich das Ego einer so jungen Band, deren Mitglieder eh glauben, sie seien die Größten. Und solch eine Bestätigung kann die kreativen Potentiale wecken. Dies scheint bei RAISE HELL der Fall zu sein. Ob sie allerdings wirklich so gut sind, wie sie scheinen und wie so mancher Schreiberling behauptet, werden die Skandinavier uns mit ihrem dritten Album beweisen müssen. Und das kommt hoffentlich noch in diesem Jahr.
„Black Attack“

JUB

DORO  „White Wedding“ 5
Steamhammer/SPV, 2001

Doro - White Wedding

Ende letzten Jahres hat sich DORO fulminant mit ihrem Album „Calling The Wild“ zurückgemeldet und all jene Fans versöhnt, die mit „Machine II Machine“ und  „Love Me In Black“ überhaupt nichts anzufangen wußten.  Aber natürlich weiß der laufende Meter Doro Pesch als Fast-Amerikanerin, daß es sich gut macht, singletaugliche Songs auf einem Album mitzuliefern. Und genau das tat sie unter anderem mit dem Billy Idol-Hit „White Wedding“. Die dazugehörige Maxi war schließlich nur eine Frage der Zeit. Neben der Album-Version des Songs - die unbestritten die bessere ist - gibt es hier eine „White Wedding“-Single-Version und einen CD-Extra-Track des Stücks. Wirklich interessant macht die Maxi allerdings das bisher unveröffentlichte „I Adore You“. Ein starker Song, der auch Warlock gut zu Gesicht gestanden hätte.
„White Wedding“

JUB

IN FLAMES  „Clayman“ 9
Nuclear Blast, 2000

In Flames - Clayman

Da gibt es doch diesen permanenten Vergleich von Dark Tranquillity und IN FLAMES. Der rührt sicher daher, daß beide Bands den gleichen musikalischen Background besitzen, quasi stilprägend für den Schweden-Death waren und auch schon miteinander Musiker austauschten. Während IN FLAMES mit „Colony“ (99) gnadenlos gegen Dark Tranquillitys „Projector“ untergingen, haben die Mannen um Gitarrist Jesper Strömblad jetzt mit „Clayman“ gegenüber „Haven“ wieder die Nase um Längen vorn.
Auf diesem Album gehen Härte und Melodiegefühl konsequent Hand in Hand. Kaum Schnickschnack, es wird sich aufs Wesentliche konzentriert. Während auf den beiden ersten Alben „Lunar Strain“ (94) und „The Jester Race“ (96) bei den Kompositionen eine gewisse Aufgesetztheit nicht zu überhören war, entwickelten sich IN FLAMES über „Whoracle“ (97) und „Colony“ zu ausgefeilten Songwritern, die beinahe jede musikalische Hürde zu meistern verstehen. Die verwendeten Stilmittel auf „Clayman“ treffen den Nagel auf den Kopf.
„... As The Future Repeats Today“
In Sachen Besetzungen ging es bei IN FLAMES wie eigentlich bei den meisten skandinavischen Bands drunter und drüber. Derzeit agieren neben Jesper Sänger Anders Friden, Björn Gelotte an der Gitarre, Peter Iwers am Baß und Schlagzeuger Daniel Svensson miteinander.  Beständigkeit in der Mannschaft würde den Schweden garantiert gut tun und den Fans als nächstes eine ähnlich wohltuende Scheibe wie „Clayman“ garantieren.
„Square Nothing“
Zum Schluß noch eine Anekdote: Mit einem 3-Track-Demo kamen IN FLAMES einst bei Wrong Again Records unter Vertrag. Die wollten dann für ein erstes Album die von der Band in Aussicht gestellten 14 Songs. Und binnen eines Tages soll - und ich betone: soll - die Band an einem Tag die restlichen elf Stücke geschrieben haben. Hübsche Legende.
„Pinball Map“
P.S. Ein Hinweis für fanatische IN FLAMES-Fans: Die Refrain-Melodie von „Square Nothing“ ist der des Titels „Irgendwann“ von der Ost-Rock-Band Rockhaus äußerst ähnlich.

JUB

HAVAYOTH  „His Creation Reversed“ 7
Hammerheart/Connected, 2000

Havayoth - His Creation Reversed

„The Watcher“
Keyboard-Teppiche, ach, was sag ich, Keyboard-Wiesen sind es, was die Musik von HAVAYOTH trägt. Gitarren-Leads, die sehr harmonische Melodien drauflegen, kehliger aber stimmiger Gesang, Zauberland-Piano, glitzernde Synthi-Klänge. Die Stücke hätten in den 80ern zum Teil bestimmt als Pop-Songs funktioniert. 
Interessant ist bei HAVAYOTH auf jeden Fall die Besetzung: Die Stimme stammt von - Vintersorg-Fans aufgepaßt - Andreas Hedlund, Gitarren und Keyboards spielt Marcus E. Normann von Ancient Wisdom und Bewitched und der Baß wird von Naglfar-Gitarrist Morgan Hansson bedient. Wenn man HAVAYOTHs Musik mit einer der eben genannten Truppen vergleichen will, dann vielleicht noch mit der von Vintersorg, denn die Melodien - und hier wiederhole ich mich - sind stellenweise wirklich beachtlich. Die Musik einfach unter Gothic abzuhaken, wäre sicher ein wenig ignorant, doch wird die Band garantiert in eben dieser Szene die meisten Anhänger finden. Allerdings ist zu vermuten, daß dieses Projekt - wenn überhaupt - nur sporadisch zusammenkommen wird, um vielleicht irgendwann eine zweite Scheibe einzuspielen.
„Teloah“

JUB

MYSTIC CIRCLE „The Great Beast“ 5
Massacre Rec, 2001

Mystic Circle - The Great Beast

„Hate“
MYSTIC CIRCLE sollen ja eine ziemlich eiserne Anhängerschar besitzen, wohl aber vermag ich in meinem Umfeld niemanden zu kennen, der diese Band verehrt. Dafür wird es sicher die unterschiedlichsten Gründe geben. Am akzeptabelsten wäre diese Haltung, wenn jemandem bisher die Musik von MYSTIC CIRCLE nicht gefallen hat. Die war nämlich bis auf das Debüt nichts weiter als billiges Cradle Of Filth- und Dimmu Borgir-Getöse. Und es ist von der Band einfach unehrlich zu behaupten, sie würde sich nicht an Trends hängen. Warum sich MYSTIC CIRCLE für „The Great Beast“ aber ausgerechnet Crematory zum Vorbild genommen haben, ist rätselhaft. Geht man jedoch davon aus, daß die Band erneut einer Welle hinterher rennt und auf Gothic zu machen versucht, machen diese Crematory-Ähnlichkeiten schon wieder Sinn.
Kurios wird es schließlich, wenn konstatiert werden muß, daß MYSTIC CIRCLE mit „The Great Beast“ ihr bisher bestes Werk abgeliefert haben. Die Scheibe ist sicher nicht besonders innovativ oder gar eine Offenbarung, allerdings hat die Band beim Kreieren griffiger Songs ein geschicktes Händchen bewiesen.
„Eyes Of Horror“

JUB

MILLENIUM „Hourglass“ 10
Frontiers Rec/Now & Then/Sumthing/XIII BIS Rec/Point Music, 2000

Millenium - Hourglass

Als ich den Namen MILLENIUM las, wäre mir beinahe alles aus dem Gesicht gefallen. Wie kann man sich als Band nur so nennen, wo dieses Wort doch ausgenudelter ist, als meinetwegen „Jeanshose“. Und schon hatte ich eine äußerst negative Einstellung zur „Hourglass“-Scheibe, ohne auch nur einen Ton gehört zu haben. Als sie dann aber den ersten Durchlauf hinter sich hatte, wußte ich: Hier liegt eines der besten Melodic-Metal-Alben des Jahres 2000 vor.
„Masquerade“
An MILLENIUM kann man sehen, daß Multikulti manchmal sogar Sinn macht. Die Band setzt sich nämlich aus folgenden Musikern zusammen: Jorn Lande (Norwegen, Gesang), Ralph Santolla (USA, Lead- und Rhythmusgitarre, Keyboards), Shane French (USA, Rhythmus- und Leadgitarre), Manfred Binder (Österreich, Baßgitarre) und Oliver Hanson (Österreich, Schlagzeug). Und dieses illustre Team hat ein Meisterwerk zustande gebracht, das mit exzellenten Melodien protzt. Die nötige Härte ist jederzeit präsent, Gas wird hier und da auch ordentlich gemacht. Und dann der Gesang. Jorn Lande ist ein Meister seines Fachs, einfach perfekt. Das gilt auch für die phantastischen Satzgesänge. So erinnert zum Beispiel „Masquerade“ sicher nicht zufällig an Styx. An anderer Stelle gibt es dann Querverweise zu Queen oder wie bei „Hourglass“ zu Whitesnake.
„Hourglass“
Die Geschichte der Band reicht bis in das Jahr 1990 zurück, als Ralph Santolla und Oliver Hanson Eywitness gründeten. 1995 erschien das vielbeachtete Debüt, Release Nummer zwei „Messiah Complex“ ging unter. Die Namensänderung kam mit einem intensiven Besetzungswechsel. „Millenium“ und „Angelfire“ erschienen. Und jetzt „Hourglass“. Diese Scheibe ist für jeden Melodic Metal-Fan ein Muß. Alle anderen, die hin und wieder gern einmal ein Ohr in Richtung melodiösen Heavy Metal riskieren, sollten hier auf jeden Fall einmal reinhören.
„Power To Love“

JUB
[vor][zurück]