An dieser Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen
- unter der 14-tägigen Rubrik "Abgehört" -
des Jahres 2001 in der entgegengesetzten Reihenfolge ihrer Ausstrahlung.
Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen 
und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. 
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.

LOVER OF SIN/CHRISTIAN DEATH-Special vom 22. Juli 2003

Interview mit Maitri (bg/voc)


LOVER OF SIN „Cristian Death presents Lover Of Sin" 8
Candlelihgt/PHD, 2002

Lover Of Sin - Cristian Death presents Lover Of Sin

Sie ist ein Gesamt-Kunstwerk. Maitri von Christian Death ist zu 20 Prozent eine Bassistin, zu 20 Prozent Sängerin und der Rest ist Körper. Was die junge Holländerin so alles mit ihrem Leib anstellt - oder vermeintlich anstellt, denn Illusion ist heutzutage alles - dürfte die erotischen Phantasien so mancher Zeitgenossen zur Ekstase treiben. Andere hingegen könnten ob der Obzessionen Maitris angewiedert zurückzucken. Und wie die Selbstdarstellung der Frau die Gemüter spaltet, wird dies vermutlich auch ihr Solo-Projekt tun: LOVER OF SIN ist keine leicht verdauliche Kost.
Wer Christian Death kennt, wird von vornherein wissen, daß ihm bei LOVER OF SIN nichts Althergebrachtes geboten wird. Wenn die Songs auch starke Black und Death Metal-Einflüsse aufweisen, wohnt ihnen immer eine Nuance Krankheit inne. Damit meine ich nicht etwa orientalische Spielereien bei "Stone Cold" oder die Film-Score-Nummer "Eulogy Cathederal". Vielmehr hat sich Maitri in jedem Song Raum für völlig bizarre Abgedrehtheiten gelassen. "Darkness Walks With Me" ist dafür ein gutes Beispiel. "No Shame" hat experimentell angelegt vermutlich die stärksten Bezüge zu Christian Death und "Lamb To The Slaughter" scheint als letztes Stück der CD mit seiner bildhaften musikalischen Umsetzung noch einmal mit Nachdruck zeigen zu wollen, daß sich Maitri alles rausnimmt
"You Should Have Died"/"Paradox"/"Lamb To The Slaughter"

JUB

MIRRORTHRONE "Of Wind And Weeping" 5
Red Stream,  2003

Mirrorthrone - Of Wind And Weeping

Vermutlich lief Vladimir in seiner College-Klasse als Langhaariger ständig Gefahr, von diversen Mainstream-Cliquen vertrümmt zu werden. Um dem jedoch schon mal vorzubeugen, kann man sich ja rar machen. Am besten vor den Computer setzen, was in den Vereinigten Staaten der Affengesichter ja auch schon wieder Mainstream ist und kreativ sein. Vor der Mattscheibe entdeckte Vladimir für sich die Drum-Programmierung. Und so probierte und probierte er, bis ihm solch beknackte Figuren gelangen, daß er sich bald als Meister des Programming fühlte. Irgendwann kam ihm die Idee, daß man das Ganze doch auch als Hintergrund für Musik nutzen könnte und so schrieb er Lieder. Vielleicht schrieb er sie auch ab, denn in den Staaten bekommt man ja eine Menge CDs in den Läden zu kaufen. Aber das ist reine Spekulation.
Zumindest kam "Of Wind And Weeping" dabei heraus. Ein düsteres, melancholisches Gothic Black Metal Album, mit einer zum Teil durchaus morbiden Atmosphäre. Die getragenen Gesänge erinnern hier und da an die Partys der Gregorianer-Mönche. Und so entstanden tatsächlich ein paar Songs, die unfrohen Gemütern Wasser auf die Mühlen kippen könnten. Allerdings wirkt das Ganze auf Dauer unheimlich aufgeblasen. Und schließlich macht das unsäglich verspielt bis albern programmierte Schlagzeug auch die besten Ansätze kaputt.
"The Four Names Of The Living Threatening Stone"

JUB

HORTUS ANIMAE "Waltzing Mephisto" 9
Black Lotus Records, 2003

Hortus Animae - Waltzing Mephisto

Inner Shrine, Novembre, Death SS - Italien hat neben den unsäglichen sogenannten Power Metal-Truppen einen nicht gerade unscheinbaren Kreis von Großartigkeit hervorgebracht, daß man zu dem Schluß kommen könnte, nicht nur kalte Winternächte in bizarren Felsformationen und undurchdringlichen Wäldern bringen geniale Musiker-Haufen hervor. Manchmal tut es auch die Sonne. Deswegen klingt die Musik genannter Protagonisten allerdings nicht halbwegs lebensbejahender.
Das gleiche gilt für HORTUS ANIMAE. Die 1997 gegründete italienische Band kann man getrost in einem Atemzug mit den großen Römern des Extrem-Metal-Genres nennen, ohne überschwänglich Vorschuß-Lorbeeren zu verteilen. Allein "Springtime Deaths" und "Souls Of The Cold Wind" würden meiner Ansicht nach schon einen Kauf dieser CD rechtfertigen. Während ersteres Stück nach einem 90 Sekunden dauernden Gothic-Einstieg zur Black Metal-Hatz wird, die durch Thrash-Riffing und Richard Claydermann-Klavier-Spielereien aufbricht, bekommen wir es beim anderen Song mit astreinem Death Metal zu tun, der vor allem durch Martyr Lycifers Gesang die Verbindung zum Black Metal hält. Aber auch hier ein für einen Nachmittag in der Orangerie geeignete Caféhaus-Akustik-Part, der in einen heavy rockenden Instrumental-Teil versinkt.
Woher die Itaker ihre Vorliebe für außergewöhliche Mischungen haben, zeigen sie uns in einem Cover-Versionen-"Medley". Da wurden mal eben "Freezing Moon" von Mayhem, "Terzo Incontro" von Il Balletto di Bronzo und "Tubular Bells" von Mike Oldfield miteinander verbunden. Das funktioniert wie auch bei all den anderen Songs der CD "Waltzing Mephisto" wirklich vortrefflich. Und fände ich das Doppelstück "A Lifetime Obscurity" nicht doch ein wenig konstruiert (es fehlt die Flüssigkeit des Restmaterials) wäre hier eine fette 10 drin gewesen.
"Welcome The Godless"

JUB

OLD MANS CHILD „In Defiance Of Existence“ 10
Century Media/Magic Arts Publishing, 2003

Old Mans Child - In Defiance Of Existence

Das soll es mit OLD MANS CHILD gewesen sein? Zumindest spricht man, Galder - Mastermind und Gründer der Band - habe mit "In Defiance Of Existence" die letzte Pflichtkür für das Label Century Media vorgelegt. Wenn auch der Musikerstamm für diese Annahme spricht (Galder selbst Gitarrist bei Dimmu Borgir, Schlagzeuger Nicholas Barker kann als Vielbeschäftigter nur als Session-Drummer betrachtet werden und Gründungsmitglied Jardar wurde für "In Defiance Of Existence“ auch mehr reaktiviert, als daß er Bestandteil der Band gewesen wäre), schreit das Endprodukt nach kreativem Höhepunkt. Den vielgerühmten Vorgänger von 2000, "Revelation 666 - The Curse Of Damnation" läßt dieses Album meilenweit hinter sich. Das bloße im Symphonic-Black-Metal-Fahrwasser-von-Dimmu-Borgir-Mitschschwimmen hat endgültig ein Ende, denn "In Defiance Of Existence" ist nicht nur weit mehr als ein weiteres Genre-Produkt, sondern auch erfrischend anders. Auffällig ist bei den neuen OLD MANS CHILD-Stücken die enorme Melodiösität. Das zeichnet sich nicht nur in den Gitarren-Teppichen und Keyboard-Linien ab. Auch Gitarren-Leads wie in "Life Deprived" zum Beispiel sind betörend schön gelungen. Besser hätte das eine Melodic oder Progressive Metal Band auch nicht hinbekommen. (Liegt vermutlich daran, daß hier Gus G. von Dream Evil und Firewind seine Finger über die Saiten gleiten ließ.)
Natürlich ist das Grundgerüst der OLD MANS CHILD-Musik weiterhin der Bombast Black Metal. Allerdings verliert sich diesmal nicht eines der Stücke im Klangweltraum der Kunstgewaltigen. Nicht eines wohlgemerkt. Jeder der acht Songs ("In Quest Of Enigmatic Dreams" ist nur eine kleine Akustik-Spielerei) ist bodenständiger Black Metal mit Death- und Thrash-Einschüben, wie er vor allem von Musikern erschaffen wird, die selbst Fans geblieben sind, die Spaß am Bangen oder Diven haben. Und so begegnen uns bei OLD MANS CHILD wieder mehr Groove-Passagen. Man muß den Songs nicht gebannt folgen, um ihren Inhalt zu erfassen. Es ist tatsächlich möglich, sie mit Kumpels beim Bier zu konsumieren und man hat trotzdem danach seine Ohrwürmer. Große Klasse.
"Black Seeds On Virgin Soil" 

JUB

VELVET ACID CHRIST „Hex Angel (Utopia - Dystopia)“ 2
Dependent/Alive, 2003

Velvet Acid Christ - Hex Angel (Utopia - Dystopia)

Wo hört Techno auf und wo fängt Industrial an? VELVET ACID CHRIST soll ein Top-Industrial-Act aus den Staaten sein. Ohne Vorinformationen hätte ich das Ganze unter netten Techno-Versuch abgetan. Es erschließt sich mir verdammt nochmal auch absolut nicht, was an diesen dumpf vor sich hin blubbernden Electronic Beats innovativ, kreativ oder aufregend sein soll. Am schärfsten ist obendrein die Preisung des Labels: Großartige Songs, gepaart mit intensiven Lyrics. Häh? Wie jetzt. Wo sind die Songs? Und von den Lyrics bekomme ich bestenfalls Fragmente mit, wenn ich wirklich nichts anderes zu tun habe und mich auf die Musik konzentriere. Diese elektronisch verfremdete Geflüster ist doch wohl eine Zumutung. "Misery" und "Dead Tomorrow" werden als knüppelharte Industrial/Noise-Tracks gepriesen. Auch wenn diese beiden Nummern durchaus erträglich sind, dürften sie von "knüppelhart" doch noch eine ganze Sierra Nevada entfernt sein.
Genug gemault: VELVET ACID CHRIST ist nur etwas für beinharte Electronic-Fans. Wer Industrial eher mit Laibach, Ministry oder vielleicht sogar mit DAF in Verbindung bringt, sollte von dieser Scheibe unbedingt die Finger lassen.
„Dead Tomorrow“

JUB
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