LOVER
OF SIN „Cristian Death presents Lover Of Sin" 8
Candlelihgt/PHD,
2002
Sie ist ein
Gesamt-Kunstwerk. Maitri von Christian Death ist zu 20 Prozent eine Bassistin,
zu 20 Prozent Sängerin und der Rest ist Körper. Was die junge
Holländerin so alles mit ihrem Leib anstellt - oder vermeintlich anstellt,
denn Illusion ist heutzutage alles - dürfte die erotischen Phantasien
so mancher Zeitgenossen zur Ekstase treiben. Andere hingegen könnten
ob der Obzessionen Maitris angewiedert zurückzucken. Und wie die Selbstdarstellung
der Frau die Gemüter spaltet, wird dies vermutlich auch ihr Solo-Projekt
tun: LOVER OF SIN ist keine leicht verdauliche Kost.
Wer Christian
Death kennt, wird von vornherein wissen, daß ihm bei LOVER OF SIN
nichts Althergebrachtes geboten wird. Wenn die Songs auch starke Black
und Death Metal-Einflüsse aufweisen, wohnt ihnen immer eine Nuance
Krankheit inne. Damit meine ich nicht etwa orientalische Spielereien bei
"Stone Cold" oder die Film-Score-Nummer "Eulogy Cathederal". Vielmehr hat
sich Maitri in jedem Song Raum für völlig bizarre Abgedrehtheiten
gelassen. "Darkness Walks With Me" ist dafür ein gutes Beispiel. "No
Shame" hat experimentell angelegt vermutlich die stärksten Bezüge
zu Christian Death und "Lamb To The Slaughter" scheint als letztes Stück
der CD mit seiner bildhaften musikalischen Umsetzung noch einmal mit Nachdruck
zeigen zu wollen, daß sich Maitri alles rausnimmt
"You Should
Have Died"/"Paradox"/"Lamb To The Slaughter"
JUB
MIRRORTHRONE
"Of Wind And Weeping" 5
Red Stream,
2003
Vermutlich
lief Vladimir in seiner College-Klasse als Langhaariger ständig Gefahr,
von diversen Mainstream-Cliquen vertrümmt zu werden. Um dem jedoch
schon mal vorzubeugen, kann man sich ja rar machen. Am besten vor den Computer
setzen, was in den Vereinigten Staaten der Affengesichter ja auch schon
wieder Mainstream ist und kreativ sein. Vor der Mattscheibe entdeckte Vladimir
für sich die Drum-Programmierung. Und so probierte und probierte er,
bis ihm solch beknackte Figuren gelangen, daß er sich bald als Meister
des Programming fühlte. Irgendwann kam ihm die Idee, daß man
das Ganze doch auch als Hintergrund für Musik nutzen könnte und
so schrieb er Lieder. Vielleicht schrieb er sie auch ab, denn in den Staaten
bekommt man ja eine Menge CDs in den Läden zu kaufen. Aber das ist
reine Spekulation.
Zumindest
kam "Of Wind And Weeping" dabei heraus. Ein düsteres, melancholisches
Gothic Black Metal Album, mit einer zum Teil durchaus morbiden Atmosphäre.
Die getragenen Gesänge erinnern hier und da an die Partys der Gregorianer-Mönche.
Und so entstanden tatsächlich ein paar Songs, die unfrohen Gemütern
Wasser auf die Mühlen kippen könnten. Allerdings wirkt das Ganze
auf Dauer unheimlich aufgeblasen. Und schließlich macht das unsäglich
verspielt bis albern programmierte Schlagzeug auch die besten Ansätze
kaputt.
"The Four
Names Of The Living Threatening Stone"
JUB
HORTUS
ANIMAE "Waltzing Mephisto" 9
Black Lotus
Records, 2003
Inner Shrine,
Novembre, Death SS - Italien hat neben den unsäglichen sogenannten
Power Metal-Truppen einen nicht gerade unscheinbaren Kreis von Großartigkeit
hervorgebracht, daß man zu dem Schluß kommen könnte, nicht
nur kalte Winternächte in bizarren Felsformationen und undurchdringlichen
Wäldern bringen geniale Musiker-Haufen hervor. Manchmal tut es auch
die Sonne. Deswegen klingt die Musik genannter Protagonisten allerdings
nicht halbwegs lebensbejahender.
Das gleiche
gilt für HORTUS ANIMAE. Die 1997 gegründete italienische Band
kann man getrost in einem Atemzug mit den großen Römern des
Extrem-Metal-Genres nennen, ohne überschwänglich Vorschuß-Lorbeeren
zu verteilen. Allein "Springtime Deaths" und "Souls Of The Cold Wind" würden
meiner Ansicht nach schon einen Kauf dieser CD rechtfertigen. Während
ersteres Stück nach einem 90 Sekunden dauernden Gothic-Einstieg zur
Black Metal-Hatz wird, die durch Thrash-Riffing und Richard Claydermann-Klavier-Spielereien
aufbricht, bekommen wir es beim anderen Song mit astreinem Death Metal
zu tun, der vor allem durch Martyr Lycifers Gesang die Verbindung zum Black
Metal hält. Aber auch hier ein für einen Nachmittag in der Orangerie
geeignete Caféhaus-Akustik-Part, der in einen heavy rockenden Instrumental-Teil
versinkt.
Woher die
Itaker ihre Vorliebe für außergewöhliche Mischungen haben,
zeigen sie uns in einem Cover-Versionen-"Medley". Da wurden mal eben "Freezing
Moon" von Mayhem, "Terzo Incontro" von Il Balletto di Bronzo und "Tubular
Bells" von Mike Oldfield miteinander verbunden. Das funktioniert wie auch
bei all den anderen Songs der CD "Waltzing Mephisto" wirklich vortrefflich.
Und fände ich das Doppelstück "A Lifetime Obscurity" nicht doch
ein wenig konstruiert (es fehlt die Flüssigkeit des Restmaterials)
wäre hier eine fette 10 drin gewesen.
"Welcome
The Godless"
JUB
OLD
MANS CHILD „In Defiance Of Existence“ 10
Century Media/Magic
Arts Publishing, 2003
Das soll es
mit OLD MANS CHILD gewesen sein? Zumindest spricht man, Galder - Mastermind
und Gründer der Band - habe mit "In Defiance Of Existence" die letzte
Pflichtkür für das Label Century Media vorgelegt. Wenn auch der
Musikerstamm für diese Annahme spricht (Galder selbst Gitarrist bei
Dimmu Borgir, Schlagzeuger Nicholas Barker kann als Vielbeschäftigter
nur als Session-Drummer betrachtet werden und Gründungsmitglied Jardar
wurde für "In Defiance Of Existence“ auch mehr reaktiviert, als daß
er Bestandteil der Band gewesen wäre), schreit das Endprodukt nach
kreativem Höhepunkt. Den vielgerühmten Vorgänger von 2000,
"Revelation 666 - The Curse Of Damnation" läßt dieses Album
meilenweit hinter sich. Das bloße im Symphonic-Black-Metal-Fahrwasser-von-Dimmu-Borgir-Mitschschwimmen
hat endgültig ein Ende, denn "In Defiance Of Existence" ist nicht
nur weit mehr als ein weiteres Genre-Produkt, sondern auch erfrischend
anders. Auffällig ist bei den neuen OLD MANS CHILD-Stücken die
enorme Melodiösität. Das zeichnet sich nicht nur in den Gitarren-Teppichen
und Keyboard-Linien ab. Auch Gitarren-Leads wie in "Life Deprived" zum
Beispiel sind betörend schön gelungen. Besser hätte das
eine Melodic oder Progressive Metal Band auch nicht hinbekommen. (Liegt
vermutlich daran, daß hier Gus G. von Dream Evil und Firewind seine
Finger über die Saiten gleiten ließ.)
Natürlich
ist das Grundgerüst der OLD MANS CHILD-Musik weiterhin der Bombast
Black Metal. Allerdings verliert sich diesmal nicht eines der Stücke
im Klangweltraum der Kunstgewaltigen. Nicht eines wohlgemerkt. Jeder der
acht Songs ("In Quest Of Enigmatic Dreams" ist nur eine kleine Akustik-Spielerei)
ist bodenständiger Black Metal mit Death- und Thrash-Einschüben,
wie er vor allem von Musikern erschaffen wird, die selbst Fans geblieben
sind, die Spaß am Bangen oder Diven haben. Und so begegnen uns bei
OLD MANS CHILD wieder mehr Groove-Passagen. Man muß den Songs nicht
gebannt folgen, um ihren Inhalt zu erfassen. Es ist tatsächlich möglich,
sie mit Kumpels beim Bier zu konsumieren und man hat trotzdem danach seine
Ohrwürmer. Große Klasse.
"Black
Seeds On Virgin Soil"
JUB
VELVET
ACID CHRIST „Hex Angel (Utopia - Dystopia)“ 2
Dependent/Alive,
2003
Wo hört
Techno auf und wo fängt Industrial an? VELVET ACID CHRIST soll ein
Top-Industrial-Act aus den Staaten sein. Ohne Vorinformationen hätte
ich das Ganze unter netten Techno-Versuch abgetan. Es erschließt
sich mir verdammt nochmal auch absolut nicht, was an diesen dumpf vor sich
hin blubbernden Electronic Beats innovativ, kreativ oder aufregend sein
soll. Am schärfsten ist obendrein die Preisung des Labels: Großartige
Songs, gepaart mit intensiven Lyrics. Häh? Wie jetzt. Wo sind die
Songs? Und von den Lyrics bekomme ich bestenfalls Fragmente mit, wenn ich
wirklich nichts anderes zu tun habe und mich auf die Musik konzentriere.
Diese elektronisch verfremdete Geflüster ist doch wohl eine Zumutung.
"Misery" und "Dead Tomorrow" werden als knüppelharte Industrial/Noise-Tracks
gepriesen. Auch wenn diese beiden Nummern durchaus erträglich sind,
dürften sie von "knüppelhart" doch noch eine ganze Sierra Nevada
entfernt sein.
Genug gemault:
VELVET ACID CHRIST ist nur etwas für beinharte Electronic-Fans. Wer
Industrial eher mit Laibach, Ministry oder vielleicht sogar mit DAF in
Verbindung bringt, sollte von dieser Scheibe unbedingt die Finger lassen.
„Dead Tomorrow“
JUB