VITAL
REMAINS "Dechristianize" 10
Century Media/Magic
Arts Publ., 2003
Schon seit
Jahren rütteln VITAL REMAINS mit aller Kraft am Thron der Allmächtigen
des Death Metals. Seit ihrem '92er Debüt "Let Us Pray" veröffentlichten
sie mit ihren Alben wahre Lehrstücke in Sachen Intensität, Leidenschaft
und Brutalität. Man erinnere sich nur an das '96er Album "Forever
Underground". Dessen ungezügelte Kraft gepaart mit verstandraubenden
Gitarrenharmonien hat sich bis heute noch nicht abgenutzt. "Besser kann
es nicht kommen." war der allgemeine Tenor der Fans. Doch die Amis aus
Providence, Rhode Island konnten sich auf "Dechristianize" zumindest in
Sachen Brutalität steigern. Bandboß Tony Lazaro (Gitarre) und
Multiinstrumentalist Dave Suzuki (Lead Gitarren, Baß und Schlagzeug),
haben sich für die Aufnahmen ihres neuen Meisterwerkes angemessene
Unterstützung ans Mikro geholt. Nämlich niemand geringeren als
den Deicide-Kopf Glen Benton höchstpersönlich. Nach einem Intro
aus Carl Orffs "Carmina Burana", Gewitterdonner und Kreuzigungs-Sandalen-Monumentalfilmsamples
kracht der Titeltrack über Euch herein, daß Euch Hören
und Sehen vergeht. Nachwuchsschlagzeugern dürfte allein der Anfang
des Stückes schon den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Denn
während Suzuki ausufernde Figuren auf seine Becken zaubert,
läuft das Bassdrum/Snare Gedonner präzise wie ein schweizer Uhrwerk
unbeirrt weiter. Dazu türmen sich wütende Riffkaskaden, auf das
einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Überhaupt ist die Gitarrenarbeit
wieder erste Sahne. Das Duo packt dermaßen viele Riffs in die Songs,
daß selbst alte Metallica wie einfallslose Amateure aussehen. Doch
im Gegensatz zu anderen Bands ist kein einziges von ihnen schwachbrüstig,
einfallslos oder uninteressant. Wie eine uneinnehmbare Festung ohne Schwachstellen
bauen sie sich vor einem auf, und Burgherr Benton röhrt seine satanischen
Verse auf die Unwürdigen herab wie seit Jahren nicht mehr. Hat der
Deibel sich doch zu einer schwer zu toppenden Gesangsleistung angespornt.
Respekt! Das Geheimnis der Qualität von VITAL REMAINS-Scheiben scheint
unter anderem darin zu liegen, daß sie den Markt nicht jedes Jahr
mit einer neuen Veröffentlichung überfluten, sondern sich angemessen
viel Zeit zum Ausreifen der Kompositionen lassen. Da nimmt man Wartezeiten
von zwei bis vier Jahren gern in Kauf. Auch kommt die Melodie nicht zu
kurz. Beim Titelsong etwa läßt Suzuki gar Death Metal-Herzen
mit seiner Gitarre schmelzen. So lieblich und gefühlvoll stelle ich
mir den Gesang der Sirenen aus den Abenteuern des Odysseus vor, der die
Seefahrer in große Not brachte. Bei "Entwined By Vengeance" wird
dazu noch die Akkustikklampfe ausgepackt, und der Rezensent ist völlig
aus dem Häuschen. Gothic Death Metal? Hahaha! Pseudobrutalos? In den
Staub mit Euch, Gewürm! Bei den VITAL REMAINS sieht man vor dem geistigen
Auge noch Raubtierzähne zupacken, blitzen tobende Stahlsaiten, auf
die Hymnen der Verdammnis ins Dunkel schleudern. Hier ist die Wut und die
Hingabe zur Extremität nicht aufgesetzt, sondern echt. Kein Wunder,
daß manch Zartbesaiteter angesichts dieser Kampfmaschine schnell
die Segel streicht. So war doch in einem Livereview des selbsternannten
Dortmunder Heavy-Metal-Gesetzblattes über VITAL REMAINS nur zu lesen,
daß sich die Amis mit ihrer Nieten- und Lederkluft ganz doll zum
Horst machten. Ehre wem Ehre gebührt! Musikalisch haben sich Lazaro
und Suzuki spätestens seit "Dechristianize" auf den Death Metal-Thron
neben Morbid Angel, Death und Cannibal Corpse gesetzt. Jetzt ist es an
Euch, dies auch verkaufszahlenmäßig zu bestätigen. "Dechristianize"
hat das Zeug zum Klassiker. Basta.
"Let The
Killing Begin/Dechristianize"/"Entwined By Vengeance"/"Rush Of Deliverance"
THOMAS
SUPARED
"Supared" 5
Noise/Sanctuary,
2003
Bei SUPARED
gibt es ein Wiederhören mit einem alten Bekannten. Ex-Helloween Sänger
Michael Kiske ist mit einem neuen Album und mit einer neuen Band zurück.
Zusammen mit dem ehemaligen Gitarristen der "singenden Herrentorte" Helge
Schneider, Sandro Giampietro, hat Kiske eine äußerst entspannte
Rockplatte aufgenommen. Ihnen zur Seite stehen noch Aldo Harms am Baß
sowie Jürgen Spiegel am Schlagzeug. Entspannt ist die Platte deshalb,
weil sie frei von der Rock'n'Roll-Wildheit eines Little Richard ist, keine
Schmachtfetzen vom Kaliber eines Elvis Presley aufweist und keine Bad Boy-Attitüde
an den Tag legt wie etwa bei The Who. Ein wenig erinnert mich SUPARED an
die Chris Cole-Band aus dem Film "Rockstar", in der der Hauptdarsteller
am Ende des Filmes zockt, als er mit seiner Karriere als Sänger einer
weltbekannten Heavy Metal Band bricht. Nette Nebenbeimusik. Klingt unspektakulär,
ist es auch.
"Reconsider"
THOMAS
ARTENSION
"New Discovery" 8
Frontiers
Rec., 2003
Vitaliy Kupriy,
John West und ihre Mannen lagen im letzten Jahr absolut nicht auf der faulen
Haut. Ein Jahr nach dem Vorgänger "Sacred Pathways" und Wests Soloalbum
stehen die Ausnahmetalente wieder auf der Matte und haben einen gleichwertigen
Nachfolger am Start. Allerdings ist auf dem sechsten Studioalbum ARTENSIONs
einiges anders. Zum einen ist der Gitarrensound von Roger Staffelbach sehr
in den Hintergrund gemischt worden. Das wiederum bietet Kupriy mehr Freiraum
für sein virtuoses Keyboardspiel.
Was aber dann
logisch erscheint, wenn man in Betracht zieht, daß die ARTENSION-Songs
eh auf dem Keyboard entstehen. War "Sacred Pathways" (siehe Abgehört
vom 29. Januar 2002) also noch einen Ticken heftiger, so ist "New Discovery"
also sphärischer ausgefallen. Unverändert hingegen blieben die
oppulenten, hymnischen Melodien, die meisterhafte Gesangsleistung von John
West und die absolut songdienliche Spielweise der involvierten Virtuosen,
die dennoch so manche Überaschung auf den Instrumenten bereithält.
"New Discovery"/"Endless
Days"
THOMAS
BARATRO/ENTITY/UNDEAD
"Blood Beyond The Sand" 8/7/7
Gorerecords,
2002
Eine feine
Dreier-Split-CD haben Gorerecords da veröffentlicht. Die Bands kommen
allesamt aus Italien und beweisen einmal mehr, daß die italienische
Death Metal-Szene ungerechtfertigterweise noch immer, international gesehen,
ein Schattendasein fristet. Die ersten fünf Songs kommen von BARATRO.
Die Jungs sind, laut Labelinfo, eine echte Undergroundlegende und existieren
schon seit einer Dekade. Die gesammelten Erfahrungen hört man BARATRO
auch an. Wuchtiger Death Metal mit deutlichen Schweden-Reminiszenzen wird
geboten. Schweden heißt hier aber nicht In Flames, sondern alte At
The Gates, Entombed oder Merciless mit gesundem Thrasheinschlag. Nicht
zu verschachtelt, technisch hochwertig und voll in die Fresse. BARATRO
heben sich also wohlwollend von der breiten Cannibal Corpse-Kopisten-Schar
ab. Die nächsten fünf Songs, allesamt von ENTITY, weisen im Gegensatz
zu BARATRO wesentlich mehr Groove und Blastbeats auf. ENTITY könnten
als Kreuzung von Lowbrow, Six Feet Under und Malevolent Creation durchgehen.
Die Handhabung der einzelnen Elemente, die oben genannte Bands einzigartig
machen, haben die Italiener gut drauf. Nur den Kompositionen an sich fehlt
noch der alles entscheidende A-ha-Effekt. Wer es kompromißlos geradeaus
mag, einen Scheiß auf langsame Passagen gibt und sich nicht an Originalitätseinbußen
stört, ist bei ENTITY bestens aufgehoben. UNDEAD bilden mit ihren
drei Songs das Schlußlicht auf dieser CD. Was ENTITY an Geradlinigkeit
mitbrachten, haben UNDEAD beim ersten Song noch in gleichem Maße
an Verquertheit in sich. Doch diese verfliegt beim nächsten Stück
ganz schnell, denn die italienischen Death-Thrasher packen eine schöne
Uptempo-Harke aus und klingen damit herrlich nach Endachtziger Thrash jenseits
von Megadeath, Testament und Co. UNDEAD stehen nicht auf Politur, sie mögen
ihre Musik lieber ungeschliffen und garstig. Der Rausschmeißer ist
in walzendem Midtempo gehalten und steht den anderen Songs in Sachen Intensität
in nichts nach. Die CD kommt als Digipack und ist somit auch was fürs
Auge. Aufmerksame Mailorderstöberer sollten das Teil in den einschlägigen
Katalogen finden. Ansonsten klickt auf www.gorerecords.com
oder kontaktiert die Bands direkt: baratrogrinder@yahoo.it
/ www.entity-music.com / www.un-dead.com
BARATRO: "Dirty
Crosses In Jubileum"
ENTITY: "Highway
Of My Grief"
UNDEAD: "E.N.D."
THOMAS
RIOT
"Through The Storm" 9
Metal Blade,
2002
Die Faszination,
die von dieser Band seit etwa sechsundzwanzig Jahren ausgeht, ist auch
heute noch ungebrochen. Mark Reale und seinen Musikern ist es einmal mehr
gelungen, zeitlosen und wohlklingenden Heavy Metal der Extraklasse zu komponieren.
RIOT haben genug dreckiges Rock'n'Roll-Blut in ihren Adern, um allen Musikkonservatoriumsabsolventen
den Arsch abzurocken. Andererseits haben sie dermaßen klasse Melodien
und Gitarrenläufe, die einen vor Wohlgefallen aufheulen lassen können,
so daß jede Streetrockband wie unbedarfte Amateure dasteht. Egal,
ob Headbanger wie "Let It Show" oder zehnminütige Marathonstücke
wie"Chains", Riot schaffen es, stets die Ballance zwischen Anspruch und
Härte zu halten. Als Krönung werden Gitarrenleads kredenzt, die
sich vom "Auf-Teufel-komm-raus-Gefiedel" einiger Konkurrenten mit Ideenreichtum
abheben.
"Let It
Show"
THOMAS
FUNERIS
NOCTURNUM "Code 666 - Religion Syndrome Deceased" 9
Woodcut Rec.,
2002
Zweifellos,
die fetten Jahre sind für den Black Metal vorbei. Das Verhältnis
Angebot und Nachfrage geriet angesichts der Flut von mehr oder weniger
talentierten Pandagesichtern zunehmend aus dem Gleichgewicht.
Dennoch erblicken
neben den Ahnungslosen auch noch ein paar gute Bands den schwarzen Nachthimmel,
die nicht voreilig zum Kroppzeug gezählt werden sollten. FUNERIS NOCTURNUM
etwa. Und das obwohl, oder gerade weil sie einen Keyboarder beschäftigen.
Während die "True As Fuck"-Fraktion spätestens jetzt schonmal
vorsorglich die Messer wetzt, sei den Metalfans, die Black Metal immer
für einen schlecht produzierten Witz, erzählt von Kleinkriminellen
in Halloweenkostümen, hielten, gesagt, daß Umdenken angesagt
ist. Auf der einen Seite gibt es Raserei, die auch Marduk oder Dark Funeral
nicht schlecht zu Gesicht stünde, Keifstimmen und Highspeedgetacker.
Und auf der anderen Seite stehen interessant ausgearbeitete Songs mit Anleihen
aus dem Thrash Metal, was die Riffs anbelangt. Dazu gesellt sich eine traumhafte
Selbstsicherheit an den Instrumenten, die auch schonmal Parts zulassen,
die in ihrer Progressivität schon hier und da an frühneunziger
Bands wie Cynic oder Atheist erinnern. Dazu trägt nicht selten der
Mann an den Tasten bei. Anstelle von plakativem Gruselgeorgel zaubert er
lieber futuristisch anmutende Geräusche und Klänge aus seinem
Instrument und verleiht FUNERIS NOCTURNUM eine eigene Note.
Die Skandinavier
machen definitiv Black Metal für dieses Jahrzehnt und könnten
mit "Code 666 - Religion Syndrome Deceased" durchaus eine Vorbildfunktion
übernehmen. Es bleibt also weiterhin spannend in dieser Zunft.
"Yer All
Perished"
THOMAS
SCHATTENTANTZ
"Galgenfrist" 6
Eigenprod./Endzeit
Prod./SX-Distrib.,2001
Während
Subway To Sally und In Extremo, die Mittelalterbands an denen sich SCHATTENTANTZ
wohl immer messen lassen müssen, den Weg aus dem Mittelater zurück
in die Moderne gefunden haben, da ihrer Meinung nach zu diesem Thema alles
gesagt wurde, geistern Aaron Awerkin und Co. noch immer durch die Vergangenheit.
Jedoch um einige Klassen besser als noch auf ihrem unbetitelten Demo vor
einiger Zeit. Die Arrangements sind weitaus effektiver und die altertümlichen
Instrumente wie Drehleier, Schalmei, Dudelsack und Bouzouki werden nicht
nur zum Selbstzweck strapaziert. Clever gewählt ist auch der Einstieg
mit "Ouwe", einem Stück mit einem Text von Walther von der Vogelweide.
Hier wurde nichts verändert, und so hört man einen längst
ausgestorbenen deutschen Dialekt aus jener Zeit. Was allerdings nicht über
die Tatsache hinwegtäuscht, daß die Art und Weise zu texten
bei SCHATTENTANTZ noch immer der wunde Punkt der Band ist. Die sicherlich
sorgfältig ausgearbeiteten Texte vermitteln nämlich stets den
Charme von Abzählreimen. Das haben Abrogation irgendwie geschickter
hinbekommen. Alles in allem sind SCHATTENTANTZ jedoch um einiges besser
geworden und das verlangt Respekt.
"Die Hexe"
THOMAS
EVENT
"Scratching At The Surface" 6
InsideOut/SPV/cmm,
2003
EVENTs Musik
bereits schon nach einmaligem Hören charakterisieren zu können
ist beinahe unmöglich. Man braucht schon einige Durchläufe, um
sich an die scheinbar leichtfüßige Musik zu gewöhnen, der
unterschwellig stets eine Note der progressiven Extravaganz innewohnt.
Vordergründig scheinen die Songs mit einer massenkompatiblen Radiotauglichkeit
gesegnet zu sein. Die Melodien sind greifbar und die Arrangements fließen
locker ineinander über. So weit so gut. Doch bei genauem Hinhören
offenbaren sich bei einigen Songs rhythmische Vertracktheiten und eine
Palette an abgefahrenen Soundeffekten, die die Platte interessanter machen,
je länger man sie hört. Als Vergleich schossen mir immer wieder
ruhigere Pain Of Salvation durch den Kopf. Wenn diese Euch also eigentlich
gefallen, Euch aber deren ausufernde Songs zuviel sind, dann könnt
Ihr Euch die "light"-Variante davon in Form von EVENT ins Haus holen.
"It Makes
Me...Me"
THOMAS
COMA
STAR "Headroom Of Conscience" 6
Locomotive,
2003
Sucht Ihr noch
nach einer passenden CD für die etwas trübere Herbstlaune? Euch
kann geholfen werden. Die Schweizer COMA STAR haben eine Platte veröffentlicht,
die genau diese Stimmung wiederspiegelt. Absolut ohne Spaßfaktor.
Doch es geht hier mitnichten um eine weitere Gothic-Kapelle. COMA STAR
sind weitaus bodenständiger. Vielmehr spielen sie Emo-Rock im Breitwandformat.
Das Trio schiebt mit einem mächtigen Druck alle wimmernden Gothicmiezen
beiseite und verbreitet dennoch eine melancholische Stimmung. Die Stücke
sind nahezu allesamt in gemäßigtem Tempo gehalten. Wer auf Abwechslung
steht, könnte mit der CD so seine Probleme haben. Wer allerdings Gefallen
an einer entschärfteren Variante von Crowbar mit cleanem Gesang findet,
sollte in "Headroom Of Conscience" mal ein Ohr riskieren.
"Everything"
THOMAS