An dieser Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen
- unter der 14-tägigen Rubrik "Abgehört" -
des Jahres 2001 in der entgegengesetzten Reihenfolge ihrer Ausstrahlung.
Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen 
und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. 
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.

ABGEHÖRT vom 23. September 2003


VITAL REMAINS "Dechristianize" 10
Century Media/Magic Arts Publ., 2003

Schon seit Jahren rütteln VITAL REMAINS mit aller Kraft am Thron der Allmächtigen des Death Metals. Seit ihrem '92er Debüt "Let Us Pray" veröffentlichten sie mit ihren Alben wahre Lehrstücke in Sachen Intensität, Leidenschaft und Brutalität. Man erinnere sich nur an das '96er Album "Forever Underground". Dessen ungezügelte Kraft gepaart mit verstandraubenden Gitarrenharmonien hat sich bis heute noch nicht abgenutzt. "Besser kann es nicht kommen." war der allgemeine Tenor der Fans. Doch die Amis aus Providence, Rhode Island konnten sich auf "Dechristianize" zumindest in Sachen Brutalität steigern. Bandboß Tony Lazaro (Gitarre) und Multiinstrumentalist Dave Suzuki (Lead Gitarren, Baß und Schlagzeug), haben sich für die Aufnahmen ihres neuen Meisterwerkes angemessene Unterstützung ans Mikro geholt. Nämlich niemand geringeren als den Deicide-Kopf Glen Benton höchstpersönlich. Nach einem Intro aus Carl Orffs "Carmina Burana", Gewitterdonner und Kreuzigungs-Sandalen-Monumentalfilmsamples kracht der Titeltrack über Euch herein, daß Euch Hören und Sehen vergeht. Nachwuchsschlagzeugern dürfte allein der Anfang des Stückes schon den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Denn während  Suzuki ausufernde Figuren auf seine Becken zaubert, läuft das Bassdrum/Snare Gedonner präzise wie ein schweizer Uhrwerk unbeirrt weiter. Dazu türmen sich wütende Riffkaskaden, auf das einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Überhaupt ist die Gitarrenarbeit wieder erste Sahne. Das Duo packt dermaßen viele Riffs in die Songs, daß selbst alte Metallica wie einfallslose Amateure aussehen. Doch im Gegensatz zu anderen Bands ist kein einziges von ihnen schwachbrüstig, einfallslos oder uninteressant. Wie eine uneinnehmbare Festung ohne Schwachstellen bauen sie sich vor einem auf, und Burgherr Benton röhrt seine satanischen Verse auf die Unwürdigen herab wie seit Jahren nicht mehr. Hat der Deibel sich doch zu einer schwer zu toppenden Gesangsleistung angespornt. Respekt! Das Geheimnis der Qualität von VITAL REMAINS-Scheiben scheint unter anderem darin zu liegen, daß sie den Markt nicht jedes Jahr mit einer neuen Veröffentlichung überfluten, sondern sich angemessen viel Zeit zum Ausreifen der Kompositionen lassen. Da nimmt man Wartezeiten von zwei bis vier Jahren gern in Kauf. Auch kommt die Melodie nicht zu kurz. Beim Titelsong etwa läßt Suzuki gar Death Metal-Herzen mit seiner Gitarre schmelzen. So lieblich und gefühlvoll stelle ich mir den Gesang der Sirenen aus den Abenteuern des Odysseus vor, der die Seefahrer in große Not brachte. Bei "Entwined By Vengeance" wird dazu noch die Akkustikklampfe ausgepackt, und der Rezensent ist völlig aus dem Häuschen. Gothic Death Metal? Hahaha! Pseudobrutalos? In den Staub mit Euch, Gewürm! Bei den VITAL REMAINS sieht man vor dem geistigen Auge noch Raubtierzähne zupacken, blitzen tobende Stahlsaiten, auf die Hymnen der Verdammnis ins Dunkel schleudern. Hier ist die Wut und die Hingabe zur Extremität nicht aufgesetzt, sondern echt. Kein Wunder, daß manch Zartbesaiteter angesichts dieser Kampfmaschine schnell die Segel streicht. So war doch in einem Livereview des selbsternannten Dortmunder Heavy-Metal-Gesetzblattes über VITAL REMAINS nur zu lesen, daß sich die Amis mit ihrer Nieten- und Lederkluft ganz doll zum Horst machten. Ehre wem Ehre gebührt! Musikalisch haben sich Lazaro und Suzuki spätestens seit "Dechristianize" auf den Death Metal-Thron neben Morbid Angel, Death und Cannibal Corpse gesetzt. Jetzt ist es an Euch, dies auch verkaufszahlenmäßig zu bestätigen. "Dechristianize" hat das Zeug zum Klassiker. Basta.
"Let The Killing Begin/Dechristianize"/"Entwined By Vengeance"/"Rush Of Deliverance"

THOMAS

SUPARED "Supared" 5
Noise/Sanctuary, 2003

SUPARED - Supared

Bei SUPARED gibt es ein Wiederhören mit einem alten Bekannten. Ex-Helloween Sänger Michael Kiske ist mit einem neuen Album und mit einer neuen Band zurück. Zusammen mit dem ehemaligen Gitarristen der "singenden Herrentorte" Helge Schneider, Sandro Giampietro, hat Kiske eine äußerst entspannte Rockplatte aufgenommen. Ihnen zur Seite stehen noch Aldo Harms am Baß sowie Jürgen Spiegel am Schlagzeug. Entspannt ist die Platte deshalb, weil sie frei von der Rock'n'Roll-Wildheit eines Little Richard ist, keine Schmachtfetzen vom Kaliber eines Elvis Presley aufweist und keine Bad Boy-Attitüde an den Tag legt wie etwa bei The Who. Ein wenig erinnert mich SUPARED an die Chris Cole-Band aus dem Film "Rockstar", in der der Hauptdarsteller am Ende des Filmes zockt, als er mit seiner Karriere als Sänger einer weltbekannten Heavy Metal Band bricht. Nette Nebenbeimusik. Klingt unspektakulär, ist es auch.
"Reconsider"

THOMAS

ARTENSION "New Discovery" 8
Frontiers Rec., 2003

ARTENSION - New Discovery

Vitaliy Kupriy, John West und ihre Mannen lagen im letzten Jahr absolut nicht auf der faulen Haut. Ein Jahr nach dem Vorgänger "Sacred Pathways" und Wests Soloalbum stehen die Ausnahmetalente wieder auf der Matte und haben einen gleichwertigen Nachfolger am Start. Allerdings ist auf dem sechsten Studioalbum ARTENSIONs einiges anders. Zum einen ist der Gitarrensound von Roger Staffelbach sehr in den Hintergrund gemischt worden. Das wiederum bietet Kupriy mehr Freiraum für sein virtuoses Keyboardspiel.
Was aber dann logisch erscheint, wenn man in Betracht zieht, daß die ARTENSION-Songs eh auf dem Keyboard entstehen. War "Sacred Pathways" (siehe Abgehört vom 29. Januar 2002) also noch einen Ticken heftiger, so ist "New Discovery" also sphärischer ausgefallen. Unverändert hingegen blieben die oppulenten, hymnischen Melodien, die meisterhafte Gesangsleistung von John West und die absolut songdienliche Spielweise der involvierten Virtuosen, die dennoch so manche Überaschung auf den Instrumenten bereithält.
"New Discovery"/"Endless Days"

THOMAS

BARATRO/ENTITY/UNDEAD "Blood Beyond The Sand" 8/7/7
Gorerecords, 2002

BARATRO/ENTITY/UNDEAD - Blood Beyond The Sand

Eine feine Dreier-Split-CD haben Gorerecords da veröffentlicht. Die Bands kommen allesamt aus Italien und beweisen einmal mehr, daß die italienische Death Metal-Szene ungerechtfertigterweise noch immer, international gesehen, ein Schattendasein fristet. Die ersten fünf Songs kommen von BARATRO. Die Jungs sind, laut Labelinfo, eine echte Undergroundlegende und existieren schon seit einer Dekade. Die gesammelten Erfahrungen hört man BARATRO auch an. Wuchtiger Death Metal mit deutlichen Schweden-Reminiszenzen wird geboten. Schweden heißt hier aber nicht In Flames, sondern alte At The Gates, Entombed oder Merciless mit gesundem Thrasheinschlag. Nicht zu verschachtelt, technisch hochwertig und voll in die Fresse. BARATRO heben sich also wohlwollend von der breiten Cannibal Corpse-Kopisten-Schar ab. Die nächsten fünf Songs, allesamt von ENTITY, weisen im Gegensatz zu BARATRO wesentlich mehr Groove und Blastbeats auf. ENTITY könnten als Kreuzung von Lowbrow, Six Feet Under und Malevolent Creation durchgehen. Die Handhabung der einzelnen Elemente, die oben genannte Bands einzigartig machen, haben die Italiener gut drauf. Nur den Kompositionen an sich fehlt noch der alles entscheidende A-ha-Effekt. Wer es kompromißlos geradeaus mag, einen Scheiß auf langsame Passagen gibt und sich nicht an Originalitätseinbußen stört, ist bei ENTITY bestens aufgehoben. UNDEAD bilden mit ihren drei Songs das Schlußlicht auf dieser CD. Was ENTITY an Geradlinigkeit mitbrachten, haben UNDEAD beim ersten Song noch in gleichem Maße an Verquertheit in sich. Doch diese verfliegt beim nächsten Stück ganz schnell, denn die italienischen Death-Thrasher packen eine schöne Uptempo-Harke aus und klingen damit herrlich nach Endachtziger Thrash jenseits von Megadeath, Testament und Co. UNDEAD stehen nicht auf Politur, sie mögen ihre Musik lieber ungeschliffen und garstig. Der Rausschmeißer ist in walzendem Midtempo gehalten und steht den anderen Songs in Sachen Intensität in nichts nach. Die CD kommt als Digipack und ist somit auch was fürs Auge. Aufmerksame Mailorderstöberer sollten das Teil in den einschlägigen Katalogen finden. Ansonsten klickt auf www.gorerecords.com oder kontaktiert die Bands direkt: baratrogrinder@yahoo.it / www.entity-music.com / www.un-dead.com
BARATRO: "Dirty Crosses In Jubileum"
ENTITY: "Highway Of My Grief"
UNDEAD: "E.N.D."

THOMAS

RIOT "Through The Storm" 9
Metal Blade, 2002

RIOT - Through The Storm

Die Faszination, die von dieser Band seit etwa sechsundzwanzig Jahren ausgeht, ist auch heute noch ungebrochen. Mark Reale und seinen Musikern ist es einmal mehr gelungen, zeitlosen und wohlklingenden Heavy Metal der Extraklasse zu komponieren. RIOT haben genug dreckiges Rock'n'Roll-Blut in ihren Adern, um allen Musikkonservatoriumsabsolventen den Arsch abzurocken. Andererseits haben sie dermaßen klasse Melodien und Gitarrenläufe, die einen vor Wohlgefallen aufheulen lassen können, so daß jede Streetrockband wie unbedarfte Amateure dasteht. Egal, ob Headbanger wie "Let It Show" oder zehnminütige Marathonstücke wie"Chains", Riot schaffen es, stets die Ballance zwischen Anspruch und Härte zu halten. Als Krönung werden Gitarrenleads kredenzt, die sich vom "Auf-Teufel-komm-raus-Gefiedel" einiger Konkurrenten mit Ideenreichtum abheben. 
"Let It Show"

THOMAS

FUNERIS NOCTURNUM "Code 666 - Religion Syndrome Deceased" 9
Woodcut Rec., 2002

FUNERIS NOCTURNUM - Code 666 - Religion Syndrome Deceased

Zweifellos, die fetten Jahre sind für den Black Metal vorbei. Das Verhältnis Angebot und Nachfrage geriet angesichts der Flut von mehr oder weniger talentierten Pandagesichtern zunehmend aus dem Gleichgewicht.
Dennoch erblicken neben den Ahnungslosen auch noch ein paar gute Bands den schwarzen Nachthimmel, die nicht voreilig zum Kroppzeug gezählt werden sollten. FUNERIS NOCTURNUM etwa. Und das obwohl, oder gerade weil sie einen Keyboarder beschäftigen. Während die "True As Fuck"-Fraktion spätestens jetzt schonmal vorsorglich die Messer wetzt, sei den Metalfans, die Black Metal immer für einen schlecht produzierten Witz, erzählt von Kleinkriminellen in Halloweenkostümen, hielten, gesagt, daß Umdenken angesagt ist. Auf der einen Seite gibt es Raserei, die auch Marduk oder Dark Funeral nicht schlecht zu Gesicht stünde, Keifstimmen und Highspeedgetacker. Und auf der anderen Seite stehen interessant ausgearbeitete Songs mit Anleihen aus dem Thrash Metal, was die Riffs anbelangt. Dazu gesellt sich eine traumhafte Selbstsicherheit an den Instrumenten, die auch schonmal Parts zulassen, die in ihrer Progressivität schon hier und da an frühneunziger Bands wie Cynic oder Atheist erinnern. Dazu trägt nicht selten der Mann an den Tasten bei. Anstelle von plakativem Gruselgeorgel zaubert er lieber futuristisch anmutende Geräusche und Klänge aus seinem Instrument und verleiht FUNERIS NOCTURNUM eine eigene Note. 
Die Skandinavier machen definitiv Black Metal für dieses Jahrzehnt und könnten mit "Code 666 - Religion Syndrome Deceased" durchaus eine Vorbildfunktion übernehmen. Es bleibt also weiterhin spannend in dieser Zunft.
"Yer All Perished"

THOMAS

SCHATTENTANTZ "Galgenfrist" 6
Eigenprod./Endzeit Prod./SX-Distrib.,2001

SCHATTENTANTZ - Galgenfrist

Während Subway To Sally und In Extremo, die Mittelalterbands an denen sich SCHATTENTANTZ wohl immer messen lassen müssen, den Weg aus dem Mittelater zurück in die Moderne gefunden haben, da ihrer Meinung nach zu diesem Thema alles gesagt wurde, geistern Aaron Awerkin und Co. noch immer durch die Vergangenheit. Jedoch um einige Klassen besser als noch auf ihrem unbetitelten Demo vor einiger Zeit. Die Arrangements sind weitaus effektiver und die altertümlichen Instrumente wie Drehleier, Schalmei, Dudelsack und Bouzouki werden nicht nur zum Selbstzweck strapaziert. Clever gewählt ist auch der Einstieg mit "Ouwe", einem Stück mit einem Text von Walther von der Vogelweide. Hier wurde nichts verändert, und so hört man einen längst ausgestorbenen deutschen Dialekt aus jener Zeit. Was allerdings nicht über die Tatsache hinwegtäuscht, daß die Art und Weise zu texten bei SCHATTENTANTZ noch immer der wunde Punkt der Band ist. Die sicherlich sorgfältig ausgearbeiteten Texte vermitteln nämlich stets den Charme von Abzählreimen. Das haben Abrogation irgendwie geschickter hinbekommen. Alles in allem sind SCHATTENTANTZ jedoch um einiges besser geworden und das verlangt Respekt.
"Die Hexe"

THOMAS

EVENT "Scratching At The Surface" 6
InsideOut/SPV/cmm, 2003

EVENT - Scratching At The Surface

EVENTs Musik bereits schon nach einmaligem Hören charakterisieren zu können ist beinahe unmöglich. Man braucht schon einige Durchläufe, um sich an die scheinbar leichtfüßige Musik zu gewöhnen, der unterschwellig stets eine Note der progressiven Extravaganz innewohnt. Vordergründig scheinen die Songs mit einer massenkompatiblen Radiotauglichkeit gesegnet zu sein. Die Melodien sind greifbar und die Arrangements fließen locker ineinander über. So weit so gut. Doch bei genauem Hinhören offenbaren sich bei einigen Songs rhythmische Vertracktheiten und eine Palette an abgefahrenen Soundeffekten, die die Platte interessanter machen, je länger man sie hört. Als Vergleich schossen mir immer wieder ruhigere Pain Of Salvation durch den Kopf. Wenn diese Euch also eigentlich gefallen, Euch aber deren ausufernde Songs zuviel sind, dann könnt Ihr Euch die "light"-Variante davon in Form von EVENT ins Haus holen.
"It Makes Me...Me"

THOMAS

COMA STAR "Headroom Of Conscience" 6
Locomotive, 2003

COMA STAR - Headroom Of Conscience

Sucht Ihr noch nach einer passenden CD für die etwas trübere Herbstlaune? Euch kann geholfen werden. Die Schweizer COMA STAR haben eine Platte veröffentlicht, die genau diese Stimmung wiederspiegelt. Absolut ohne Spaßfaktor. Doch es geht hier mitnichten um eine weitere Gothic-Kapelle. COMA STAR sind weitaus bodenständiger. Vielmehr spielen sie Emo-Rock im Breitwandformat. Das Trio schiebt mit einem mächtigen Druck alle wimmernden Gothicmiezen beiseite und verbreitet dennoch eine melancholische Stimmung. Die Stücke sind nahezu allesamt in gemäßigtem Tempo gehalten. Wer auf Abwechslung steht, könnte mit der CD so seine Probleme haben. Wer allerdings Gefallen an einer entschärfteren Variante von Crowbar mit cleanem Gesang findet, sollte in "Headroom Of Conscience" mal ein Ohr riskieren.
"Everything"

THOMAS 
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