SINNER "There Will Be Execution"
9
Nuclear Blast, 2003
Ach du Scheiße, so eine enorme
Härte hätte ich nie und nimmer von Matt Sinner erwartet. Zwar
klingt mir die letzte Platte des Schwaben, "The End Of Sanctuary", noch
im Ohr, aber bei weitem nicht als solch ein Brett wie es "There Will Be
Execution" geworden ist. Der Grund dafür dürfte in erster Linie
die personelle Veränderung im Line Up sein. Für Alex Beyrodt
an der Klampfe kam der alte SINNER-Spezi Tom Naumann, mit dem Matt schon
bei Primal Fear die Luft zum brennen brachte. Und an den Drums sitzt der
Saxon-Schlagzeuger Fritz Randow, der für seinen wuchtigen Stil bekannt
ist und nicht selten an Jörg Michael erinnert. Zumindest, was die
straighten, kraftvollen Songs angeht. Wo SINNER schon personell dicht bei
Primal Fear stehen, ist es logisch, daß sich das auf die Musik auswirkt.
Gitarrist Naumann ließ auch bei SINNER nichts anbrennen und feuert
eine Riffsalve nach der anderen ab. So erinnern die Lieder an eine rasende
Büffelherde, die nur bei "The River" mal eine Verschnaufpause einlegt
und ansonsten vor nichts und niemandem Halt macht. Dennoch gibt es starke
Melodien wie zum Beispiel bei "God Raises The Dead" oder "Liberty Of Death".
SINNERs Entwicklung, mit zunehmender
Karrieredauer härter zu werden anstatt zu verweichlichen, kann keinen
Heavy Metal-Fan ernsthaft enttäuschen, sondern eher ermutigen, doch
mal in eine SINNER-Platte reinzuhören, sofern man dies noch nicht
tat. "There Will Be Execution" bietet die beste Gelegenheit dazu.
"There Will Be Execution"
THOMAS
MISERY INDEX „Overthrow“ 8
Fadeless Rec., 2002
Bei MISERY INDEX geht es offenbar
lediglich um die Frage: „Wie erzeuge ich bei atemberaubender Geschwindigkeit
die höchstmögliche Brutalität?“ Denn bei den acht Songs
dieser mit 23 Minuten Spielzeit recht knappen CD (zwei Videos sind noch
mit drauf) wird ohne Verschnaufpause gnadenlos Lack gemacht, daß
einem Hören und Sehen vergehen. Grindcore trifft auf Death Metal der
übelsten Sorte. Und außer bei „Alive“, „My Untold Apocalypse“
und „Manufacturing Greed“ sind Songs auf äußerst hohem Niveau
entstanden. Genannte Nummern sind dann doch eher Hau-den-Lukas-Bolzer,
die jede andere Polter-Combo auch hinbekommen hätte. Mit Jason Netherton,
Sparky Voyles und Kevin Talley hat die Band gleich drei ehemalige Mitglieder
von Dying Fetus in ihren Reihen, die sich auch schon bei M.O.D,, Fear Of
God oder Suffocation rumtrieben. Schließlich gibt es da noch Mike
Harrison, der mit Pessimist, Cadaver Symposium und Sadistic Torment beste
Referenzen aufzuweisen weiß. „Overthrow“ meidet die Abwechslung natürlich
wie der Teufel den Straßburger Münster. Aber solch ein Zeug
muß manchmal einfach sein.
„Dead Shall Rise“
JUB
PANGEA "Sickness Of Annihilation"
7
(BANDS BATTLE-BAND 2003)
Eigenproduktion, 2001
Aus den Überresten der aus Grimmen
stammenden Band Midgard entstanden die Death Metaller von PANGEA, die mit
ihrer "Sickness Of Annihilation"-CD ihre Aufwartung machen. Dabei rödeln
sie sich äußerst old schoolig durch die sechs Songs ihrer CD.
So könnte man PANGEA als eine von Suffocation minus Dreschflegelparts
inspirierte Band mit den irren Riffs von Napalm Death zu "Harmony Corruption"-Zeiten
bezeichnen. Fronter Marcel grummelt als sei er in einem muffigen Schuppen
eingesperrt worden und läßt so Erinnerungen an den Death Metal
von vor 14 Jahren wach werden. Auch der Sound der CD klingt wie der solcher
Scheiben, die seinerzeit in der Fachpresse stets "Arschbomben"-Status einnahmen
und dennoch Kult bei den Fans waren. Ach war das schön früher.
Sieben nostalgische Punkte für "Sickness Of Annihilation". www.pangeametal.de.vuvetr@lycos.de
"Satanic Violence"
THOMAS
ENTWINE „Time Of Despair“
10
Century Media/Ranka Publ., 2002
Aaarrrggghhh. Viel zu lange hat
diese Scheibe im Review-Karton gelegen, so daß sie schon beinahe
ein Jahr auf dem Markt ist. Aber, was soll’s. Gute Alben nutzen nicht ab.
Und das hier ist ein gutes Album. Ach, was sag ich. Dies ist ein Spitzen-Album.
Man kann zum Gothic Metal stehen
wie man will, was allerdings in diesem Genre schon für Melodien erfunden
wurden, ist beängstigend. ENTWINE setzen da noch einen drauf. Diese
finnische Band (wo soll sie auch sonst herkommen) hat ein Gespür für
zu Herzen gehende Weisen, daß einem ein warmer Schauer nach dem anderen
über
den Rücken läuft. Man höre nur die Ballade „Safe In A Dream“,
die zwar simpel strukturiert ist, aber in ihrer Wirkung beispiellos. Kaum
zu glauben, daß der Personal-Stamm dieser Band 1995 mit Death Metal
begann.
„Time Of Despair“ ist das dritte
Album von ENTWINE und müßte die Band eigentlich endgültig
in den Gothic-Himmel katapultiert haben. Wenn dem nicht so ist, läuft
irgend etwas falsch. Freunden dieser Musik sei diese Scheibe auf jeden
Fall allerwärmstens ans Herz gelegt.
„Safe In A Dream“
JUB
JUDAS PRIEST "Live In London"
7
Priest Music Ltd./SPV/Steamhammer,
2003
Dieser Tage erscheint ein neues Livealbum
der Heavy Metal-Dinosaurier und bietet dem Fan neben einem gewohnt guten
Sound und langer Spielzeit (Doppelalbum) aber nicht viel Überraschung.
Denn die Setlist ist nahezu identisch mit der der letzten Liveplatte "Live
Meltdown" aus dem Jahr 1998.
Was aber in dem Punkt nachvollziehbar
ist, als daß Priest eben ein paar Klassiker geschrieben haben, die
bei keinem Livekonzert fehlen dürfen. So sind beide Platten, die '98er
und die neue, ein Sammelsurium von Hits wie "The Hellion-Electric Eye",
"Metal Gods", "Grinder", "The Sentinel", "The Touch Of Evil","Livin´After
Midnight", "Breaking The Law" und und und. Was natürlich die Dringlichkeit
von "Live In London" in Frage stellt. Aber die Fans werden es schon kaufen.
Wenn sich das Gerücht bestätigt, welches besagt, daß Priest
mit Halford als Sänger eine Abschiedstour machen wollen, um sich danach
aus dem Showgeschäft zurückzuziehen, dürfte uns mindestens
noch eine Liveplatte ins Haus stehen. Auch dies macht "Live In London",
trotz des hohen Priest-Standards, nicht gerade unverzichtbar.
"The Sentinel"
THOMAS
CROWN OF THORNS „Karma“ 9
Voodoo Island/Point Music, 2002
Die Schwatten haben nie so recht
den Zugang zur Heavy Metal-Szene gefunden. Erst als Crossover die Musik
unterwanderte, tauchte auch mal der ein oder andere Mohr in schwermetallisch
angehauchten Bands auf. Aber selbst hier setzten sich Kapellen wie Living
Colour oder Body Count nicht durch.
Und mal ehrlich, Neger mit Matte
oder Corps-Painting? Eher lustig. Und auch die Fan-Gemeinde zeichnete sich
bisher nicht gerade durch Toleranz aus. Und doch haben es einzelne Persönlichkeiten
geschafft, ohne Abstriche die Verehrung der Fan-Schar zu genießen.
Nehmen wir nur Tony Butler von Big Country oder Jean Beauvoir, der Heavy
Metal schwitzt, blutet und scheißt. Als der blonde Mohawk fiel er
einst in der Hardcore/Punk-Band The Plasmatics auf und etablierte sich
dort schon als beachtlicher Songschreiber. Nach dem Split dieser Kapelle
schaffte es Beauvoir gar in die Top 10 der Staaten mit seiner Single „Feel
The Heat“ von der „Drums Along The Mohawk“-LP. Zum Star wurde der Schwarze
allerdings vor allem durch seine songschreiberische Tätigkeit mit
Leuten von Kiss, den Ramones, mit Desmond Child oder Deborah Harry, um
nur einige zu nennen. Nicht nur eine Ergänzung war Jean Beauvoir bei
Little Steven und Voodoo X.
Sein Zuhause hat der Bassist nunmehr
in der Band CROWN OF THORNS gefunden, die ganz sein Baby ist und seit 1993
regelmäßig Platten veröffentlicht. Anfangs bekam die Band
Starthilfe von Paul Stanley und Gene Simmons, hat sich jetzt aber absolut
freigeschwommen. Bester Beleg dafür ist Album Nummer fünf „Karma“,
das für einen Melodic Metal-Fan eigentlich keine Wünsche offen
läßt. Obendrein sind die Songs in der Essenz äußerst
traditionell ausgefallen und haben durchaus den ein oder anderen 70er Einschlag.
Die Bandbreite reicht von heavy-rockenden Abgehern („’Til You’ve Had Enough“)
über straighte, eingängige Melodic-Nummern („Let’s Start Over
Again“) bis hin zu sanften Balladen („Alone Again“). Im vergangenen Jahr
hatte Jean Beauvoir mit seinen songwriterischen Fähigkeiten die jüngste
Doro-Scheibe „Fight“ veredelt, was ihm die Dame mit einem Duett in „Shed
No Tears“ dankt. Auch dies eine sehr feine Ballade, an der Doro mitschrieb.
„'Til You've Had Enough“
JUB
MALEVOLENT CREATION "The Will
To Kill" 10
Nuclear Blast, 2002
Eins gleich vorweg, die Band um Phil
Fasciana wird mit ihrer neuen Scheibe "The Will To Kill" keinen einzigen
ihrer Fans enttäuschen. Darauf gebe ich Brief und Siegel.
Denn: Die Songs sind wie immer fließend,
jeder Übergang sitzt und ist wohldurchdacht, und das ist wohl die
beste Vorraussetzung, um sich ganz dem Rausch der Geschwindigkeit hinzugeben,
der unweigerlich nach dem Drücken der Play-Taste einsetzt. Die Riffs
walzen, gebärden sich, und dennoch sind sie zu keiner Zeit leb- und
charakterlose Geschosse, die auftauchen, weil sie es müssen. Vielmehr
spürt man die Überzeugung und das Herzblut, welches Phil Fasciana
und Rob Barrett in ihr Spiel einfließen lassen. Dem will Schlagzeugneuzugang
Justin Dipinto in nichts nachstehen und prügelt die Scheiße
aus seinem Kit wie es seine "großen" Vorgänger Alex Marquez,
Mark Simpson oder Dave Culross in Vollendung taten. Auch am Mikro gab es
einen Wechsel. Brandkanne und Knastologe Brett Hoffmann hat zwischen seinen
Gefängnis-Aufenthalten, Drogendämmerzuständen und Besäufnissen
kaum noch Zeit und Muße, mit einer der größten und besten
Death Metal-Bands der Welt zu proben und wurde duch den Hateplow-Fronter
Kyle Symmons ersetzt. Die Befürchtungen, er könnte mit seinem
Hardcore/Grind-Gebrülle bei M.C. ein wenig deplaziert wirken, lösen
sich zum Glück im Nichts auf, und somit kann man sagen, daß
die Rabauken wieder alles richtig gemacht haben. Sogar als Produzenten
hatten sie einen Bruder im Geiste an ihrer Seite. Jean-Francois Dagenais,
hauptberuflich Gitarrist bei Kataklysm, brachte "The Will To Kill" soundtechnisch
auf Vordermann, und nach mehrmaligem Genuß der Scheibe fällt
mir einfach nichts auf, was verbesserungswürdig wäre. Somit ist
diese Scheibe ein heißer Anwärter auf eine der besten zehn Platten
des Jahres. Hugh!
"Pillage And Burn"
THOMAS
DEFENDING THE FAITH „Defender“
9
(Bands Battle-Band 2003)
Eigenprod., 2002
Ich bin mal wieder völlig von
den Socken. Mit DEFENDING THE FAITH ist eine Progressiv Metal-Band ins
Billing des kommenden Bands Battle-Festivals gerutscht, die so manchen
Konsumenten mit offenem Mund zurücklassen wird. Welch Power, was für
eine Heaviness, wie großartig sind die Musiker-Leistungen, welch
begnadetes Songwriting.
Wer sich immer noch vom Begriff
„Progressiv“ abschrecken läßt, weil er verschachtelte Song-Konstrukte
vermutet und doch lieber ein Heavy-Brett bevorzugt, der wird bei DEFENDING
THE FAITH all seine Vorurteile über Bord werfen müssen. Schon
beim Opener „Warning“ werden gnadenlose Riff-Attacken gefahren. „Enemy“
kann man gar als echten Speed-Kracher bezeichnen. „Magic Eyes“ oder „How
Many Tears“ stehen dem eigentlich in nichts nach. Gitarrensound und Riffing
sind eindeutig im Thrash Metal verwurzelt. Und doch gibt das Trio seinen
progressiven Ambitionen immer wieder Raum, werden vertrackte Breaks eingebaut,
rhythmische Raffinessen präsentiert oder im Gitarren-Soli-Bereich
wahre Glanzleistungen vollbracht. Die fallen aber zum Teil erst nach mehrmaligem
Hören der Scheibe „Defender“ auf, da das Tempo der Songs meist keine
Zeit läßt, bestimmten Momenten gedanklich nachzuhängen,
da zwischenzeitlich schon wieder dermaßen viel passiert ist, das
die ganze Aufmerksamkeit einfordert.
Vom Härtegrad her kann man
DEFENDING THE FAITH getrost mit Threshold auf eine Stufe setzen. Und ähnlich
wie diese Briten setzen Robert Balci (g), Roberto D’Amico (bg) und Jürgen
G. Allert (voc) ihre Fähigkeiten immer songdienlich ein, so daß
jedes Stück in seiner Struktur absolut rund bleibt. Selbst das etwas
brüchiger wirkende Stück „Dreaming“ funktioniert noch perfekt.
Zwei Besonderheiten gibt es noch
zu erwähnen. DEFENDING THE FAITH arbeiten mit einem Drum-Computer.
Und der ist erstaunlich zurückhaltend programmiert. Für eine
Progressiv-Band eine wahre Meisterleistung. Aber eigentlich unterstreicht
das die bereits erwähnten Vorzüge der Band aus Aalen. Dann ist
da noch Sänger Jürgen G. Allert. An dieser Position haben Progressiv-Bands
nicht selten ihre Probleme. Allert hingegen, der Kraft und Klarheit vereint,
gehört zur ersten Riege der Metal-Shouter in diesem Land. Unglaublich
aber wahr. Was ist los mit Inside Out? Die Band muß nach ganz oben.
www.defending-the-faith.de
juergen@defending-the-faith.de
„Warning“
JUB
COURAGOUS "Remember" 7
Eigenproduktion/Lifeguard Entertmt.,
2001
Die Frankfurter Band geistert nun
schon seit ca. sieben Jahren durch die Szene und machte mit zwei Demos
und einer Debut CD ("Listen") auf sich aufmerksam. Nachdem sie das "Bang
Your Head"-Festival 2001 eröffneten, erschien ihre zweite CD "Remember",
die es in vielerlei Hinsicht in sich hat. Zum einen verbindet sie beinahe
alle modernen Metalspielarten wie New Metal-artiges Gitarrengefiepe, Sepultura-mäßigen
Groove-Thrash und tribalartige Momente. Doch das ist eher der geringere
Teil, welcher die Musik der Band ausmacht. Auffälliger dagegen ist
ihr zum großen Teil an Nevermore erinnerndes Songwriting. COURAGOUS
haben in ihren Liedern eine frappierend ähnliche Riffkomplexität,
erstklassige, einfallsreiche Leads, die auch von Warrel Danes Mannen hätte
stammen können. Das alles führt dazu, daß man die CD beim
ersten Hören nur schwerlich verdauen kann. Zu wirr und undurchsichtig
wirkt das Treiben der Hessen. Man muß sich die CD schon vier- bis
fünfmal anhören, um Land zu sehen. Doch dazu muß man sich
ob des hervorragenden Sounds auf "Remember" nicht etwa überwinden.
Was zu Anfang verstörend und nervend klang, der Crossovereinschlag
und das eingangs erwähnte Gitarrengequietsche etwa, wird nach und
nach hörbar und die anfänglichen Startschwierigkeiten, die mir
die Scheibe bereitete, weichen Gefallen und Sympathie. Also eine Platte
mit Langzeitfunktion. Erwähnen möchte ich noch die Coverversion
von Depeche Mode. Deren "People Are People" wurde in ein metallisches Gewand
gekleidet und ist annehmbar ausgefallen. www.couragous.de
"A Trip Of Confidence"
THOMAS
ODROERIR „Laßt Euch
sagen aus alten Tagen“ 8
Ars Metalli, 2002
Ihr wißt, nicht selten sind
Bands, die in einer großen deutschen Heavy Metal-Zeitschrift unter
„Arschbomben“ avancierten, später echte Kult-Kapellen geworden. ODROERIR
ist diese Ehre, „Arschbombe“ zu sein, mit ihrem Album „Laßt Euch
sagen aus alten Tagen“ ebenfalls zuteil geworden. Und natürlich war
dieses Urteil - wie so oft - völlig ungerechtfertigt. Aber was soll
man als Rezensent der führenden Metal-Zeitschrift dieses Landes auch
vernüftiges zustande bringen, wenn man voll von musikalischen Beschränktheiten
ist, vor Vorurteilen strotzt und unter politisch korrektem Druck steht.
ODROERIR passen da natürlich
nicht rein. Zum einen sind sie weder Mittelalter-Combo, noch Black Metal-
oder Viking Metal-Band. Und doch von allem etwas. Zum anderen haben sie
sich thematisch der Geschichte Thüringens verschrieben. Das ist sowohl
national, als auch so spezifisch, daß es sicher vielen multikulturell
und weltoffen eingestellten „Bewahrern“ des „wahren“ Heavy Metal völlig
abgehen wird. Und zuguterletzt agieren ODROERIR hin und wieder scheinbar
dilletantisch, was bei snobistischen Ohren in die falschen Gehirnwindungen
geleitet werden könnte.
Dabei sind bei den Ostdeutschen
vor allem Vorzüge ohrenscheinlich. Da haben wir die schönen,
immer leicht folkigen Melodien, die mit „Iring“ einen hymnischen Höhepunkt
erfahren. Desweiteren wird das Konzept erzählter Geschichten durch
die Arrangements unterstützt, die sich in Sprechparts, melodische
Gesänge, Kreisch-Passagen, Mittelalter-Flair, Viking-Metal-Heaviness
und Epik aufgliedern. Schalmeien und Geige kommen ebenso zum Einsatz wie
das klassische Heavy Metal-Instrumentarium.
Der cleane Gesang ist nur selten
perfekt, manchmal verfehlt er gar den Ton oder klingt überzogen pathetisch.
Das tut der Wirkung im Kontext mit der urigen Musik jedoch keinen Abbruch.
Nicht unerwähnt sollte bleiben,
daß Vordenker der Band Fix von Menhir ist, der in dieser thüringischen
Gruppe einst Schlagzeug und jetzt Gitarre spielt. Logisch, daß beide
Bands musikalisch nicht so weit voneinander entfernt sind.
„De exidio Thuringiae“
JUB
DIVIDED MULTITUDE "Falling
To Pieces" 7
SPV/Audioglobe/Elevate Rec./99th
Floor, 2002
DIVIDED MULTITUDE haben sich dem
Progressive Metal verschrieben und tragen dem Rechnung, indem sie komplexe
Arrangements und verschachtelte Rhythmen benutzen.
Dazu gesellen sich die obligatorischen,
spacigen Keyboardsounds. Bis hierhin deutet alles auf eine typische und
durchchnittliche Progband hin. Doch weit gefehlt. Denn die Norweger haben
einen entscheidenden Unterschied zu anderen Kollegen ihres Genres. Sie
haben mit Sindre Antonsen einen Sänger in ihren Reihen, der ein recht
rauhes Organ hat und den Kastratenanteil der Musik gen null tendieren läßt.
Darüberhinaus machen die Trondheimer an den Gitarren richtig Druck,
so daß man glauben könnte, eine Death Metal-Band würde
sich auf dem Prog-Sektor versuchen. Naja, nicht ganz so kraß vielleicht
aber härtemäßig liegen sie definitiv über dem Durchschnitt
der meisten Progbands. Eine Konstellation, die recht erfrischend wirkt.
Vielleicht kann sich für DIVIDED MULTITUDE der ein oder andere erwärmen,
der vorher um proggressive Sounds eher einen Bogen machte.
"Focus"
THOMAS
DISHARMONIC ORCHESTRA „Ahead“
7
Nuclear Blast, 2002
Acht Jahre ist es mittlerweile her,
daß die Österreicher von DISHARMONIC ORCHESTRA die Metal-Gemeinde
tonträgertechnisch beehrten. Dabei waren sie garantiert eine der interessantesten
Bands auf dem Markt überhaupt. Und mit „Ahead“ macht das Trio seinem
Ruf der Unberechenbarkeit alle Ehre. Das Album mit den drei Vorgängern
zu vergleichen, wäre müßig. Denn schon auf „Expositionsprophylaxe“
(1990) , „Not To Be Undimensional Conscious“ (1992) und „Pleasuredome“
(1994) war die Band keinem Genre wirklich zuzuordnen. Und so gibt es auch
diesmal eindeutige Verweise ebenso wie ein völliges Verwirrspiel.
Los geht es mit einer wunderbaren Melodie im Intro „Plus One“, um bei Song
zwei, „r.u.s.m.t.s.i.m.“, den ersten klaren Death Metal-Querverweis zu
liefern. Das gilt aber nur für die ersten Sekunden, denn DISHARMONIC
ORCHESTRA kommen uns sowohl in diesem als auch in den nächsten beiden
Stücken recht neumetallisch. „Grit Your Teeth“ läßt die
Waage langsam wieder in eine andere Richtung abkippen, wenn die Band mit
diesem Stück dem melodischen Death Metal Referenz erweist. Bei „Keep
Falling Down“ ist dann alles schon wieder ganz anders. Hier mischen die
Österreicher Death Metal mit Prog und Alternative. „Dual Peepholes“
ist dann beinahe eine reine Techno-Nummer, die mit dem superkurzen Highspeed-Death
Metal-Stück „If This Is It, It Isn’t It, Is It?“ eine Entschuldigung
erfährt. Ähnlich gebolzt wird bei „Pain Of Existence“ und dem
Outro „i.m.s.m.t.s.u.r.“. Auch „Idiosycrated“ ist Death Metal aber auf
eine sehr technische, komplizierte Art. Dann haben DISHARMONIC ORCHESTRA
noch zwei potentielle Hits im Gepäck, die nicht nur gleich ins Ohr
gehen, sondern obendrein außerordentlich knallen: „The Love I Hate“
und „Mindshaver“.
Dieses Album ist wie immer nichts
für Leute, die einer bestimmten Metal-Spielart den absoluten Vorrang
geben. Wer allerdings Spaß am Heavy Metal an sich hat und immer wieder
begeistert feststellt, was man mit dieser Musik alles bewerkstelligen kann,
der ist bei „Ahead“ bestens aufgehoben.
„If This Is It, It Isn’t It,
Is It?“/“Mindshaver“
JUB
JEFF SCOTT SOTO "Prism" 6
Frontiers Rec., 2002
Der ehemalige Yngwie Malmsteen-,
Axel Rudi Pell-, Talisman- und und und Sänger kommt nun mit einer
neuen Soloveröffentlichung daher und macht klar, warum er als Sänger
so begehrt ist. Egal ob der funkige, mit Bläsern untersetzte Rocker
"I Want To Take You Higher" im Duett mit Glenn Hughes, Schmachtfetzen wie
"Till The End Of Time" oder das lockere "Eyes Of Love" - Sotos Stimme setzt
sich stets hervorragend in Szene und wirkt nie deplaziert. Nur ist die
Achillesverse von "Prism" die extrem radiotaugliche Grundstimmung der Platte.
Leute, die JEFF SCOTT SOTO-Sachen vorher mochten, bzw. ihn nur von seinen
schnelleren Metal-Sachen kannten, könnten durchaus überrascht
sein, daß der Sänger mehr Pop-, Blues- und Rock-Wurzeln hat
als bisher angenommen. Startete er seine Sangeskarriere doch mit dem Nachsingen
von Radiomusik im elterlichen Wohnzimmer. Eben diese Roots kommen auf "Prism"
deutlich zum Tragen. Doch das was er macht, macht er gut.
"By Your Side"
THOMAS
KOLDBORN "First Enslavement"
8
Die Hard/Zomba/Rising Sun, 2002
Ein recht vielversprechendes Debütalbum
in Sachen Death Metal schwedischer Prägung kommt wider Erwarten von
unseren Nachbarn aus Dänemark. Haben die Flachländer - von einigen
Ausnahmen mal abgesehen - meist nur Durchschnitt zu bieten, wenn es darum
geht, Heavy Metal-technisch auf sich aufmerksam zu machen. KOLDBORN beschreiben
ihre Musik selbst als Grind'n'Roll. Doch von Grindcore ist nicht allzuviel
zu hören. Eher ist es wuchtiger Death/Thrash Metal im Midtempobereich
wie etwa bei "In Breathless Sights", wo auch eine elfenhafte Frauenstimme
auftaucht. Oder aber, und das ist der Großteil, rasender und wütender
Death Metal mit einer ordentlichen Portion Groove der Marke Divine Empire
und Entombed. Technisch astrein gespielt und mit einfallsreichen Übergängen
und Riffs versehen. KOLDBORN kann man ruhig mal im Auge behalten.
"Vague Cries (Of Unborn Lives)"
THOMAS
LANFEAR „The Art Effect“ 9
Massacre, 2003
Wenn das Label-Info bei Neuzugang
Tobias Althammer am Mikrofon von einem Glücksgriff spricht, hat man
den Nagel wirklich auf den Kopf getroffen. Selten trägt ein Sänger
so sehr den Sound einer Band wie im Fall von LANFEAR.
Die Deutschen legen mit „The Art
Effect“ ihr drittes Album vor und präsentieren damit gleichzeitig
ihr Meisterstück. Kraftvoller Power Metal, der dezent mit progressiven
Elementen gespickt ist und Melodien beinhaltet, die sich nur behutsam ins
Merkzentrum wühlen, dann dort aber unwiderbringlich festsitzen („Stigmatized“,
„Concience Inc.“). Das ist eine der besten Voraussetzungen dafür,
daß diese Scheibe nicht so bald wieder aus dem Player verschwinden
wird. Obendrein hat die Band auch nicht auf den ein oder anderen echten
Hit verzichtet. Allein wegen „Fortune Lies Within“ dürften LANFEAR
einige Herzen zufliegen. Es ist schwer, für die Musik von LANFEAR
ein internationales Beispiel zu finden. Bei der Art der Melodien in Verbindung
mit Sänger Althammer fallen mir vielleicht noch Eidolon aus Kanada
ein. Die sind aber auch nicht gerade so bekannt, daß jetzt zwei Drittel
der Metal-Fans wohlwissend „Aha“ ausrufen werden.
Am besten antesten. Sowohl Power
als auch Progressiv Metal-Fans werden in LANFEARs „The Art Effect“ eins
ihrer neuen Lieblings-Alben entdecken.
„Stigmatized“
JUB
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