An dieser Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen
- unter der 14-tägigen Rubrik "Abgehört" -
des Jahres 2001 in der entgegengesetzten Reihenfolge ihrer Ausstrahlung.
Die kursiv geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen 
und gelten gleichzeitig als Anspiel-Tip. 
Bewertet wird auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.

ABGEHÖRT-Spezial vom 25. September 2001


GUN BARREL „Power-Dive“ 8
LMP/SPV, 2001

Gun Barrel - Power-Dive

GUN BARREL müssen verdammt aufpassen, dieser Tage nicht auf den Index gesetzt zu werden. Das Cover zeigt schon mal einen im Luftkampf erfolgreichen Jäger, die Bandmitglieder posieren in Pilotenkluft, und das Stück „Power-Dive“ wird mit Flugzeugmotoren-Gedröhn eingeleitet.
„Power-Dive“
Wir hier in Deutschland werden das vielleicht nicht so verbissen sehen, die Amis könnten jedoch Böses dabei ahnen. Wiederum dürfte sich die Scheibe im arabischen Raum zu einem absoluten Verkaufsschlager entwickeln. Wenn die Muselmänner nur nicht solch eine Abneigung gegenüber rotzigem Rock`n`Roll hätten.
„Bomb Attack“
GUN BARREL ist wirklich eine deutsche Band, auch wenn die Musik eher dagegen spricht, denn uns Teutonen liegt diese Art von unbändigem Drauflosgerocke eher weniger. Wenn Rock, dann Rock. Wenn Party, dann Party. Wenn Krieg, dann Krieg. GUN BARREL sehen das nicht so eng. „Bomb Attack“ gibt uns erst einmal die Luftangriff-Sirene, um dann in bester AC-DC- oder Krokus-Manier loszustampfen und danach Monster Magnet- und Black Oak Arkansas-Elementen Raum zu geben. Trotzdem oder gerade deswegen bleibt alles auf einem herrlichen Party-Level, wobei damit nicht gemeint ist, die Musik ließe sich willkürlich zwischen Onkel Tom und JBO plazieren. Vielmehr verbreitet dieses Heavy-Blues-Rock-Geruppe einfach nur gute Laune und bleibt dabei trotzdem auf einem ansprechenden musikalischen Niveau.
„Back To Suicide“

JUB

ANNIHILATOR "Carnival Diablos" 9
Steamhammer/SPV

Annihilator - Carnival Diablos

Nachdem die vielgepriesene Vorgängerscheibe "Criteria For A Black Widow", die mit vier Fünfteln des Original-Line-ups eingespielt wurde und letztendlich doch nicht so prall ausfiel, stellt ANNIHILATORs neue Platte "Carnival Diablos" den eigentlichen Neustart in der Geschichte der Band dar.Vorbei die Zeit in der ANNIHILATOR mit mehr oder weniger gelungenen Experimenten versuchten, den Ansprüchen des Zeitgeistes und der Plattenfirma gerecht zu werden. Was auf dem Vorgänger bereits angekündigt wurde, nämlich eine deutliche "back to the roots"-Besinnung in die für ANNIHILATOR kreativ und kommerziell gesehene Glanzzeit ´89/´90 ("Alice In Hell"), findet auf "Carnival Diablos" seine Vollendung. Musikalisch gibt es auf der Platte keinen Ausfall zu verzeichnen. Das liegt zum einen natürlich an der genial-markanten Gitarrenarbeit von Jeff Waters und seinem Gespür für erstklassiges Songwriting. Dennoch darf man den anderen Faktoren, nämlich Neuzugang Joe Comeau (Ex-Overkill, Liege Lord, Ramrod) nicht unterschätzen.
"Epic of war"
Joe weiß die sehr abwechslungsreich ausgefallenen Songs mit seiner variablen Stimme nahezu perfekt in Szene zu setzen. Egal bei welchem Song, ob bei dem sphärischen Titelsong der Scheibe, dem AC/DC-beeinflußten "Shallow Grave", dem Slayer zur Ehre gereichenden Thrasher "Hunter Killer" oder dem punkigen Hidden track "Chicken & Corn", zu jedem Zeitpunkt klingt die Band wie eine seit Jahren funktionierende Einheit. Mitunter ertappt man sich bei dem Gedanken, bei dem man mit einem leichten Lächeln auf den Lippen an die Vorgänger Joes denkt und sich zurückerinnert, wie jeder von ihnen als der ultimative Ersatz von Randy Rampage in den Magazinen gefeiert wurde.(Jeff mal aussen vorgelassen) Heute hat man die Gewissheit daß ein stämmiger, sympathischer Glatzkopf mit einer Monsterstimme sie alle, Rampage eingeschlossen, in den Sack steckt.
"The Rush"
Fazit: so spielfreudig frisch und kurzweilig hat man ANNIHILATOR schon lange nicht mehr erlebt. Gebt der Band ruhig mal eine Chance, sie werden euch nicht entäuschen. Egal aus welcher Metalecke ihr kommt, an einem Fetzer wie "Hunter Killer" dürften alle ihren Spaß haben.
"Hunter killer"

THOMAS

IN FLAMES „The Tokyo Showdown - Live In Japan 2000“ 6
Nuclear Blast, 2001

In Flames - The Tokyo Showdown

Ich frage mich häufig, wann der Sinn von Live-Alben kippte. Vielleicht waren die Scorpions mit ihrem „World Wide Live“ Mitte der 80er Jahre schuld, daß bei Konzerten mitgeschnittene Songs seitdem meist wie eine 1:1-Wiedergabe der Studioaufnahmen klingen. Die Scorps hatten damals die besten Elemente einzelner Songs aus verschiedenen Live-Auftritten zusammengeschnitten oder im Studio Gesänge und Gitarrensoli nachträglich eingefügt. Alles sollte so perfekt wie möglich sein.
Dummerweise haben sich viele Bands der Neuzeit bei Live-Alben das Ziel gesetzt, vor allem zu zeigen, was sie auf ihren Instrumenten leisten, mit welchen Fertigkeiten sie den Studiovorgaben auch vor Publikum gewachsen sind. Leider scheinen dies auch IN FLAMES so zu halten.
„Food For The Gods“
Erinnern wir uns an Alben wie „Made In Japan“ von Deep Purple, „Live Killers“ von Queen, „Live At Leeds“ von The Who, „Live Album“ von Grand Funk Railroad. Ja selbst Iron Maidens „Live After Death“ kann hier mit aufgezählt werden. Da ging es um die Wiedergabe einer ganz besonderen Atmosphäre. Es waren faszinierende Improvisationen zu hören, Songs wurden in bisher nie veröffentlichten Versionen vorgetragen, Stücke gespielt, die nur zu den Live-Sets gehörten. Und es wurde immer sehr stark das Publikum mit einbezogen, um nicht zu sagen, die Fans hatten ihren ganz wesentlichen Anteil an den jeweiligen Scheiben. Und genauso halte ich ein Live-Album für legitim. Und nur so reizt es mich, so ein Teil auch immer wieder zu hören.
Das, was IN FLAMES abliefern, ist das disziplinierte Herunterspielen einer Best-Of-Liste. Variiert wird fast überhaupt nicht. Vom Publikum ist so gut wie nix zu hören. Wenn die Songs nicht so gut wären, könnte man an dieser Stelle sagen: Überflüssig. Aber zumindest die Musik macht eine Menge Spaß. Das wußte ich aber schon bei den Studioalben.
„Ordinary Story“

JUB

ABROGATION "Handwerk des Todes" 5
Eigenproduktion

Abrogation - Handwerk des Todes

"Mit Hacke und Schaufel grab´ich sie aus/entweiht die Gräber voller Graus". So tönt es von der Eigenproduktion "Handwerk des Todes" der Magdeburger Band ABROGATION.
Und das gar nicht mal so übel. Die 1995 unter dem Einfluß von Death Metal der Sorte Gorefest gegründete Band brachte es bisher auf drei Veröffentlichungen. Eine Demo-CD "Screams Of Soul", eine selbstfinanzierte EP "Creation Of Madness" und nun die CD "Handwerk des Todes". Mittlerweile hat man sich vom Death Metal der Anfangstage fast gänzlich verabschiedet. Ebenso von den englischen Texten, heuer wird in der Muttersprache gedichtet, mal packend, mal wieder etwas laienhaft. Doch das fällt nicht weiter ins Gewicht, da man erkennen kann, das ABROGATION für sich nicht in Anspruch nehmen, mal den Pulitzerpreis einheimsen zu wollen. 
"Leichendieb"
Die Musik metert gut drauflos und der Effekt, sich wärend der Spielzeit der CD an den Kopf zuschlagen - bei vielen Eigenproduktionen keine Seltenheit - bleibt erfreulicherweise aus. Vielmehr hat man das Verlangen, mit Kopf und Fuß mitzuwippen und manche Titel, wie zum Beispiel "Der schwarze Tod", "Blasphemie" oder "Leichendieb", nochmal zu hören. Kräftiger Heavy Metal mit Thrash-Anleihen und herbem Gesang jenseits des rammsteinschen R-Gerolles trifft die Sache wohl am Besten. Sauber gespielt und kurzweilig ist die CD auch. Nur ist der Sound ob der unzureichenden finanziellen Mittel nicht ganz so der Brüller. Aber hey - es gibt Demos, die klingen um Klassen schlechter.
"Der schwarze Tod"
Allerdings sollte man beim Abspielen der CD aufpassen, denn der erste Titel ist nur für den PC gedacht. Darauf enthalten ist neben einigen Bandfotos das Video zum Song "Die Schlacht". Nur eines gibt mir zu denken. Muß eine Band vom Status wie ABROGATION Hidden Tracks auf eine Eigenproduktion bringen?
Kontakt: Rainer Wiezorek, Brunnenstr. 4, 49 214 Bad Roternfelde, Preis: 23 DM inkl. P.& V.

THOMAS

MOONSPELL „Darkness And Hope“ 8
Century Media/Magic Arts Publishing, 2001

Moonspell - Darkness And Hope

MOONSPELL sind ein typisches Beispiel dafür, wie man das Gegenteil erreicht, wenn man mit einer Hauruck-Aktion schneller die Schatzkammern füllen möchte, als es real ausführbar ist. Denn mit „Irreligious“ (1996) waren die Portugiesen auf dem besten Weg, international in der ersten Liga mitspielen zu können. Diese Mischung aus Black Metal-Versatzstücken und hymnenhaften Melodiebögen verpackt in einem Gothic Metal-Grundstock begeisterte von Mal zu Mal mehr Fans. Auch die ganz „Harten“ ließen sich auf MOONSPELL ein, lieferte die Band doch meist beeindruckende und energiegeladene Live-Konzerte ab, auf denen die Südländer es gehörig krachen ließen.
Tja, und dann wollte man - vielleicht mit schlechten Beratern im Rücken - die große Gothic-Sensation werden, lieferte zwei unentschlossene Alben ab („Sin/Pecado“ - 1998, „The Butterfly Effect“ - 1999) und verschleuderte so vier wertvolle Jahre auf dem Weg zum Star-Ruhm. MOONSPELL büßten nämlich eine ganze Reihe alter Fans ein, denn der Zauber früherer Stücke war völlig verschwunden. Die Band klang mal austauschbar, mal unerträglich experimentell, jedoch nie originell.
Das haben MOONSPELL nun endlich auch selbst erkannt. Ob „Darkness And Hope“ als legitimer Nachfolger von „Irreligious“ jedoch unter Umständen nicht etwas zu spät kommt, wird sich erst noch zeigen. Zumindest stimmt jetzt alles wieder.
„Firewalking“
Dieses Stück ist nahezu programmatisch für MOONSPELLs Rückbesinnung, denn es ist praktisch das „Opium II“. Allerdings hält die Band sich mit Eigenkopien auf der CD im Weiteren zurück. Vielmehr haben Fernando Ribeiro (voc), Sergio Crestana (bass), Mike Gaspar (dr), Pedro Paixao (Keys) und Ricardo Amorim (git) wieder eine stattliche Anzahl herrlicher Gothic Metal-Songs kreiert, die abtrünnige Fans sicher ins MOONSPELL-Lager zurückpfeifen werden. 
„Rapaces“
Sicher bedarf es eines mehrmaligen Hörens der CD, um wirklich alle Feinheiten und verborgenen Melodien herauszufiltern. Da hatte man es mit „Irreligeous“ einfacher. Aber Frauen, die man erst auf den zweiten Blick schön findet, sind manchmal im Bett das absolute Torpedoboot.

JUB

DIES ATER "Through Weird Woods" 9
Last Episode/Connected

Dies Ater - Through Weird Woods

Nach einem mittelalterlich anmutenden Intro fegen uns die Berliner Szenegrößen DIES ATER eine achtminütige Black Metal-Salve mit dem schönen Titel "Scorned Heroine" um die Ohren. Mal episch mit langezogenen Melodiebögen, mal stampfend um dann wieder in rasendes Inferno umzuschlagen. Daraufhin wieder Keyboardklänge und schleppende Rhythmen,
und das Geballer beginnt von vorn. Klingt nicht besonders aufregend, nicht wahr? Ist es bei flüchtigem Hinhören auch nicht. Zu viel in diese Richtung tendierendes Material wurde in den letzten Jahren veröffentlicht als das solch eine Beschreibung noch Jemanden hinter dem Ofen vorlocken könnte.
Aber - damit würde man den Musikern von DIES ATER Unrecht tun. Denn bei genauem Hinhören eröffnet sich dem Hörer ein kleines blackmetallisches Meisterwerk. Löscht in euren Gruften mal die Kerzen und dreht den Volksempfänger einen Ticken lauter, um zum Beispiel "Scorned Heroine" zu geniessen.
"Scorned Heroine"
Da werden Erinnerungen an die Zeit ´95/´96 wach, als Black Metal noch interessant war und die meisten Musiker noch mehr bemüht waren, ihre Instrumente zu spielen. Da galten Schminken und Foto-Sessions noch nicht als Hauptaufgabe einer Black Metal Band. Also kurz bevor vieles den Bach runterging. Hört man einen Song wie "Wintersturm", merkt man der Band förmlich das Herzblut an, das sie vergossen. Die auflockernden Zwischenspiele tragen das ihre zur Gesamtatmosphäre bei und der Sound ist bombig. So macht Black Metal Sinn und Spaß (natürlich heimlich im Keller) zu hören.
Liebhaber dunkler, obskurer Metalklänge sollten hier bedingungslos zugreifen.
"Wintersturm"

THOMAS

EMINENZ „The Blackest Dimension“ 8
Last Episode/Connected, 2000

Eminenz - The Blackest Dimension

Hiermit möchte ich Abbitte leisten, daß ich diese Klasse CD ein gutes Jahr im Promo-Karton herumliegen ließ. Aber vielleicht ruft diese Review dem ein oder anderen in Erinnerung, daß es da im Erzgebirge eine Band gibt, die zum exzellenten Teil des deutschen Undergrounds gehört.
Die nunmehr vierte CD der Band, „The Blackest Dimension“, zeigt EMINENZ in einer Frische und Rauhheit, daß man meinen könnte, Jungspunde versuchten, den Underground zu knacken, um in neue Popularitätsdimensionen vorzustoßen. Während zum Beispiel BLOODSHED mit „Skullcrusher“ das beste Beispiel abgaben, wie schwer es ist, eine gesunde Mischung von Black und Death Metal-Elementen zu finden (siehe Abgehört vom 18. September), hatten EMINENZ es ihnen mit diesem Album Ende des vergangenen Jahres bereits vorgemacht. Die Grenzen der beiden Stil-Richtungen verwischen fast völlig. Und obwohl dem Ganzen noch Thrash- und Doom-Sprenksel beigemischt wurden, verliert die Musik - die übrigens herrlich roh produziert wurde - zu keiner Zeit an Druck. 
Bei soviel Lob könnte sich vielleicht mancher wundern, warum die Band immer noch eher ein Schattendasein fristet. Ganz einfach: Zum einen gilt der Prophet im eigenen Land nichts, zum anderen haben die Ostdeutschen zwölf Jahre dermaßen konsequent ihren Stiefel gefahren, daß kein Platz für Einflüsse wechselnder Modeerscheinungen blieb.
Und doch - auch ein makelloser Körper hat Pickel: In Sachen Keyboard-Einsatz wäre an manchen Stellen hin und wieder weniger mehr gewesen. Wen solche Hintergrundteppiche aber nicht stören, dem sei - so er die Band bisher eher ignorierte - „The Blackest Dimension“ wärmstens ans Herz gelegt.
„Darkness Comes Over Us“

JUB

IN BLACKEST VELVET „Edenflow“ 7
Sturmesflügel/Prophecy Productions, 2000

In Blackest Velvet - Edenflow

Ha, noch so eine Stilmix-Band, die sich als vergessenes Kleinod entpuppt. IN BLACKEST VELVET aus Deutschland veröffentlichten „Edenflow“ im November des vergangenen Jahres und lieferten damit ihren Beitrag zur Vielfalt des nationalen Amateur-Kapellen-Feldes. Dabei legten sie viel Wert auf die Verarbeitung der unterschiedlichsten schwermetallischen Einflüsse. Man kann schon - wie vom Label angepriesen - Schweden-Death entdecken, allerdings ist nicht jede Art von melodiöser Metal-Musik mit Kreischgesang auch tatsächlich immer mit diesem Etikett versehbar. Und so bewegen sich IN BLACKEST VELVET zum Teil in ganz typischen Heavy Metal-Gefilden der 80er Jahre, nur daß hier die neuen Sound-Möglichkeiten und das spielerische Selbstverständnis der Musiker für Verfremdungen sorgen. Und vermutlich machen scheinbare Gegensätze dieses Album so interessant. Obendrein ist es abwechslungsreich genug, bei jedem Song Neues entdecken zu können. Allerdings können die Musiker nicht verbergen, daß sie manchmal einfach in ihrer Begeisterung einen Schritt zu weit gingen und ein, zwei Brüche in den Songs besser weggelassen hätten.
Daß die Jungs ihr Handwerk verstehen, zeigt schließlich die Cover-Version: „Losing My Religion“ von R.E.M. Ein ungeschriebenes Gesetz besagt: Coverst du Songs, dann mach sie besser als das Original oder verändere sie so, daß sie einen eigenen Charakter bekommen. Letzteres haben sich IN BLACKEST VELVET zu Herzen genommen und eine herrlich abgefahrene Version dieses einstigen Chart-Knackers kreiert.
„Losing My Religion“

JUB
[vor][zurück]