An dieser
Stelle findet Ihr Tonträger-Rezensionen der INTERREGNUM-Sendungen
- unter der
14-tägigen Rubrik "Abgehört" -
des Jahres
2001 in der entgegengesetzten Reihenfolge ihrer Ausstrahlung.
Die kursiv
geschriebenen Titel sind in den Sendungen gelaufen
und gelten
gleichzeitig als Anspiel-Tip.
Bewertet wird
auf einer Skala von 1 bis 10 Punkten.
TEMPLE OF BAAL-Special
vom 27. Januar 2004
TEMPLE OF BAAL "Servants Of
The Beast" 9
Adipocere/sure shot, 2003
All jene, die der räudigen Unbekümmertheit
der Black Metals der frühen 90er Jahre nachtrauern, können ihre
Tränen für eine gewisse Zeit trocknen. Denn die Franzosen von
TEMPLE OF BAAL laden uns mit "Servants Of The Beast" auf eine Zeitreise
ein. Es ist zwar eine kurze, da nur gut zehn Jahre zu überwinden sind,
allerdings ist das Ergebnis umso nachhaltiger.
Die 1998 gegründete Band hat
sich absolut jeglicher neuen Einflüsse verschlossen und ein Album
produziert, das vor einer Dekade sicherlich umjubelt worden wäre:
rumpliges Gitarren-Geschredder, das knappe Melodien gestattet; ein poltriger
Sound, der ein verstaubtes Acht-Spur-Analog-Studio suggeriert; ein rauh
krächzechender Sänger, der öfter "Satan" sagt als Eminem
"Fuck"; Rhythmen zwischen panischem Getacker und Uffta-uffta-Schlagzeug
und schließlich eine Spielzeit, die den ersten Gorgoroth-Alben Konkurrenz
machen will: 31 Minuten. TEMPLE OF BAAL kopieren dabei aber nicht etwa
einen Zeitgeist, sondern besitzen absolute Identität. Wer sein Herz
für ungestüme Haudrauf-Mucke noch nicht verloren hat, wird von
diesen Franzmännern hingerissen sein. Jene, die den Jungen in sich
nicht wiederfinden: Finger weg.
"Triumphing Blasphemy"/"Years
Of Hatred"/"Slaves To The Beast"/"Ruins"/"Backstab"
JUB
MYSTIC CIRCLE "Open The Gates
Of Hell"
7
Massacre/Soul Food, 2003
Allmählich kann man sich auf
ein neues MYSTIC CIRCLE-Album schon deshalb freuen, weil es jedes Mal spannend
ist zu erfahren, welcher populären Ausrichtung sie sich denn nun wieder
zuwenden. Wir hatten die norwegischen Bolz-Kapellen, hatten Dimmu Borgir,
da gab es ein Crematory-Album und auch auf "Open The Gates Of Hell" geht
man ähnlich wie auf dem Vorgänger "Damien" mit dem Zeitgeist.
Und der sagt: Death Metal. In der Label-Info wird dieser Begriff tunlichst
umgangen, hilft aber nichts, da die Morbid Angel- oder Deicide-Einflüsse
nur allzu deutlich hervorstechen. Auch das jüngste Marduk-Album könnte
den Deutschen durchaus als Vorlage gedient haben.
MYSTIC CIRCLE sind eine merkwürdige
Band. Eigentlich fehlt ihnen ein eigenes Gesicht völlig. Und doch
machen sie das, was sie machen, gut. Nun ja, Vorbilder nachspielen, können
die meisten Tanzkapellen auch. Allerdings schaffen es MYSTIC CIRCLE, aus
all den Vorlagen immer irgendwie etwas zu zimmern, das sie dann als ihr
Ding verkaufen. Und das ist dann - wie gesagt - meist wirklich sehr hörbar.
So auch diese CD. Der Black Metal ist natürlich nicht verschwunden,
ebensowenig die Gothic-Einflüsse (besonders deutlich in "Wings Of
Death" mit Frauengesang). Und wenn die Death Metal-Gitarre die Runde macht,
sind die Riffs eher schwerfällig, denn prügelnd. Aber so ein
richtiges Cannibal Corpse-Gezimmer werden wir von MYSTIC CIRCLE auch irgendwann
bekommen. Natürlich wird es dann wieder zu spät sein, wie die
Beelzebub-Kapelle seit ihrem Bestehen immer irgendwie den Trends einfach
nur nachläuft. Das ist jetzt ein harter Nachsatz, soll die durchaus
unterhaltsame Wirkung des Albums aber nicht schmälern. Und, hey -
der Trend geht wieder zu kurzen/kurzweiligen Alben. MYSTC CIRCLE kommen
uns mit knapp 35 Minuten. Ich find's richtig, denn das Ausreizen der CD-Spielzeit
mit 40 Prozent Halbgarem bringt absolut nichts.
"Beyond The Black Dawn"
JUB
CERBERUS "Chapters Of Blackness"
5
Schwarzdorn Prod./Twilight
"Nach dem Vorgängerwerk ,First
Destruction' nun der Durchbruch! Die Szene hat auf dieses Album gewartet."
- In der Metal-Szene wird ständig von Verantwortung gesprochen. Bands
haben sie angeblich gegenüber ihrer Zuhörerschaft, sollten sich
also mit ihren Inhalten zurückhalten. Labels haben sie, heißt
es, gegenüber ihren Käufern, sollten also Bands nicht unter Vertrag
nehmen, die sich mit ihren Inhalten nicht zurückhalten. Und Magazine
haben sie ganz bestimmt gegenüber ihren Lesern, sollten also Labels
und Bands boykottieren, die sich nicht an die vereinbarte Verantwortung
halten. Das klappt ja im Großen und Ganzen ganz gut. Aber haben Platten-Labels
nicht auch Verantwortung gegenüber den Fanzine-Schreibern? Erst recht,
wo letztere meist gerade mal geschlüpft sind, von Heavy Metal nicht
die Bohne verstehen und gerade auch deshalb ständig Verantwortung
für ihre Altersgenossen empfinden. Solche zarten Seelen kann man schon
verwirren, wenn man eine Band-Info hinaussendet, die obige Einstiegssätze
enthält. Denn "Durchbruch" und "darauf hat die Szene gewartet" sind
schwerwiegende Worte, die manch einer glauben könnte und es dann weitererzählt.
Aber vielleicht wissen die Schwarzdorn-Leute um die Unwissenheit vieler
Reviewer und haben deshalb gezielt darauf spekuliert? Schlau, schlau.
Aber da gibt es ja immer noch uns
von INTERREGNUM. Hier könnt Ihr Euch selbst eine Meinung bilden, indem
Ihr ein Ohr riskiert. Obendrein gibt es unsererseits noch eine mögliche
Interpretationsrichtung wie auch in diesem Fall.
Nun, und auf CERBERUS hat niemand
gewartet. Klingt hart, ist es aber gar nicht. Denn auf 95 Prozent der heutzutage
veröffentlichten CDs wartet niemand. Die sind alle irgendwann einfach
so da. Und warum hat ausgerechnet niemand auf CERBERUS gewartet? Weil wenige
diese Band kennen, und die sie kennen, werden um die Nachteile der Truppe
aus Solingen wissen: ein knarziger Gitarrensound, ein unbeholfenes Schlagzeugspiel
mit Rhythmus- und Timing-Schwankungen, zum Teil ungeschickte Song-Konstruktionen.
Das macht die Band aber noch nicht schlecht, denn wir reden hier vom räudigen
Ohne-Wenn-Und-Aber-Black Metal, und in diesem Genre hat Musik wie die von
CERBERUS durchaus etwas Sympathisches. Denn sie wirkt urwüchsig, aus
dem Bauch heraus gespielt. Dazu zählen auch Soli wie das in "Black
Fucking Holocaust", wo der Gitarrist garantiert nicht wußte, was
zu tun ist. Aber egal: Es wird einfach erstmal gespielt. "Wem's nicht gefällt,
der kann uns mal", vermeint man die Band sagen zu hören.
Mir gefällt es nur bedingt.
Vor allem, weil sämtliche Momente auf der CERBERUS-CD "Chapters Of
Blackness" schon mal irgendwann woanders zu hören waren. Die Solinger
Band besteht offenbar vor allem aus Black Metal-Fans, die ihre Lieblingsmusik
reproduzieren. Bis zum Black Metal-Musiker sind es aber noch ein paar Straßen
und so findet Eigenes nicht statt.
Das Ganze könnte bei der nächsten
Veröffentlichung bereits einen viel stärkeren Eindruck hinterlassen,
wenn das Schlagzeug als tragendes Rhythmus-Instrument dann auch seine Aufgabe
erfüllt und nicht wie eine gerüttelte Werkzeugkiste vor sich
hin poltert. Nur der beachtlichen Titten wegen die Drumerin in der Band
zu behalten, könnte eine Fehlentscheidung sein.
"Black Fucking Holocaust"
JUB
CARPE NOCTEM "Nachtgedacht" 7
NeoKlasSick Productions, 2003
Ostfriesland ist eine unwirtliche
Gegend: flach wie die Witze über die Ureinwohner dieses Landstrichs
und ständig von der See beeinflußtem Unwetter gebeutelt. Wer
noch nicht da war, kann sich diese Eindrücke zumindest schon mal akustisch
auf der neuen CARPE NOCTEM "Nachtgedacht" holen. In eben jenem Titelsong
gibt es fast sieben Minuten lang lediglich einen stoisch vor sich hin rauschenden
Regenguß zu hören, der hin und wieder von aus Thors Hammer hervorbrechende
Gewalten unterbrochen wird - Gewitter halt. Hier werden sich künftig
sicher einige Bands bedienen, wenn mal eine Unwetter-Geräusch-Kulisse
benötigt wird.
Ansonsten gibt es auf "Nachtgedacht"
sehr simplen und fast entblößt wirkenden Black/Viking Metal
zu hören, der sehr rauh und erdig klingt. Von Effekten und den Möglichkeiten
des Mischpults hat man (den Asen sei Dank) in Ostfriesland noch nichts
gehört, so daß außer Hall in den Songs von CARPE NOCTEM
Firlefanz völlig fehlt. Das ist angenehm. Die einsame Gitarre schrödelt
geduldig ihre Melodien vor sich hin und schafft nicht nur einmal Momente,
die uns Falkenbach ins Gedächtnis zurückholen. Iweins Gekeife
(zum Beispiel in "In der Nacht bei den Gedanken" und "Kinder der Nacht")
hält die Erinnerungen an Helheims "Jormundgand" wach und stößt
uns einmal mehr darauf, daß wir diese Art des Singens heutzutage
manchmal schmerzlich vermissen. Bathory-Choräle haben wir wie in "Tot
bleibt tot" auch. Allerdings klingen sie bei Quorthon nach einer religiosen
Handlung in einer weiten Halle, CARPE NOCTEM haben den Singsang der Großfamilien
am Feuer in der Hütte gewählt. Irgendwie unterstreicht das die
intime Wirkung der Scheibe. Dabei denke ich, daß einiges dem mangelnden
Budget geschuldet ist und unbeabsichtigt war. Hier wirkt alles aber enorm
stimmig und gewollt.
Störend empfinde ich die kurzen
Monolog-Intros bei einigen Songs. Klingt ein bißchen wie aus "Interview
mit einem Vampir": Wichtigtuerisch, leicht schwul. Außerdem sollten
Vampire nicht Gegenstand von CARPE NOCTEMS Musik sein. Da gibt es auf Ostfriesland
ganz andere Geister, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen.
"Tot bleibt tot"
JUB
GOBLIN SPELL "... Long Forgotten
Woods" 3
E.O.L.P., vermutl. 2002
Wenn es Abstufungen im Black Metal-Underground
gibt, dann gehören GOBLIN SPELL zu jenen Bands, die den Anfang markieren.
Denn unbekümmerter kann man gar nicht ans Musizieren gehen. Aamon
(vox, drums & synth) und Hellbanger (demonish strings) sind derart
limitiert auf ihren Instrumenten, daß es streckenweise nicht einmal
reicht, um ein sich ständig wiederholendes primitives Riff fehlerfrei
durchzustolpern. Überhaupt ist diese GOBLIN SPELL-Veröffentlichung
- übrigens auf Tape - im instrumentalen Bereich unter aller Kanone.
Einzig Aamon besticht wieder einmal als fiesester Black Metal-Kreischhals.
Enthalten sind neben einem "Intro"
und "Outro" die Songs "... Long Forgotten Woods" und "Gods Downfall". Während
letzterer als Song erkennbar ist und sogar ein Arrangement aufweist, bleibt
der Titelsong ein sich nicht verändernder Versuch, auf der Gitarre
einmal umzugreifen. Wenn da nicht diese steife Unbeholfenheit wäre,
hätte "... Long Forgotten Woods" eine hypnotische Wirkung haben können.
So verhindern die Aussetzer jedoch immer wieder das sich anbahnende Abtauchen.
Wer sich an die ersten Gehversuche
von Mayhem erinnern kann, die unter anderem auf der "Pure Fucking Armageddon"
dokumentiert sind, und diese obendrein Klasse fand, der wird auch mit GOBLIN
SPELL seine helle Freude haben. Allerdings habe ich von Aamon und seinen
Mitstreitern, die immer mal wieder zu wechseln scheinen, schon Besseres
gehört.
"... Long Forgotten Woods"
JUB
GRABNEBELFÜRSTEN "Dynastie
- oder wie man Herrschaft definiert" 9
Ketzer Records, 2003
Wenn der Ernst des Lebens die Saiten
schlägt und Marschhausen die Trommel rührt, brechen Stürme
los. Und wenn SeelenSchlachten durch die Worte hetzt und Glutsturm in den
Tiefen wütet, bersten Wände. - GRABNEBELFÜRSTEN haben ihre
"Dynastie" ausgerufen.
Nach dem überaus erfolgreichen
Album "Von Schemen und Trugbildern", das musikalisch manchmal noch ein
wenig gekünstelt wirkte, haben GRABNEBELFÜRSTEN mit "Dynastie
- oder wie man Herrschaft definiert" definitiv noch einen drauf gesetzt.
Die Musiker mit den merkwürdigen Pseudonymen wüten kompromißlos
im Black Metal. Es wird geprügelt wie in einem türkischen Gefängnis,
die Riffs werden gnadenlos durch die Songs getrieben. Ruhige Momente zum
Kraft tanken gibt es nicht. Wer es mit den GRABNEBELFÜRSTEN aufnehmen
möchte, muß Stehvermögen besitzen.
Textlich fährt der Fünfer
in ähnlichen Fuhrten wie Bethlehem und Dornenreich. Allerdings sind
die Lyrics von GRABNEBELFÜRSTEN nicht so abgehoben wie die der "Alexanderwelt"-Spinner.
Auch die Theatralik der sehr guten Österreicher Dornenreich geht den
Fürsten ab. Trotzdem bleiben sie hoch intellektuell und philosophisch
und bedienen sich sprachlicher Bilder, in denen Worte oft nicht ihrer eigentlichen
Bedeutung genügen. In diesem Sinne: "Sieh' nur, kleiner Mensch mit
Deinen lustigen Kulleraugen/Wie viel Blut Engel saufen, wenn ihr Vater
Lust zu töten hat."
"Abstrakte Wunden verbaler Schwerter"
JUB
HANDFUL OF HATE "Vicecrown"
8
Code 666, 2003
Herzlichen Glückwunsch zum 10.
und zu diesem großartigen Album. Von "I Hate" über "Vexer's
Kult" bis hin zu "Vicecrown (Dobermann)" haben wir uns bei der HANFUL OF
HATE-Party keinen Aussetzer erlaubt und die Wohnung eines Kumpels zerlegt,
daß sie aussah wie nach einem Bombenangriff der US-Air-Force. Er
fands Scheiße, wir haben "Vicecrown" aber einfach nochmal reingepackt
und das Haus gleich mit abgerissen, so daß am Ende der Hifi-Turm
einsam wie ein Stinkefinger in den Trümmern stand. Und lustig war
es auch, denn wenn Italiener Death Metal machen wollen, spielen sie Black
Metal. Zumindest klingts bei HANDFUL OF HATE so, und das hat nunmal was
Witziges. Ernst wird erst wieder, wenn so exzellente Highspeed-Musik dabei
entsteht wie sie diese Band fabriziert. Und wenn man dabei doch bloß
nicht so unheimlich ausgelassen werden würde. Damit stellt "Vicecrown"
eine potentielle Gefahr für alles und jedermann dar.
"I Hate"
JUB
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