BROKE "Partygrooves" 6
Eigenprod., Lifeguard Entertainment,
2000
Um vollkommen in den Partygrooves
der Band BROKE aufzugehen, müßte man eine stark ausgeprägte
Vorliebe für New Metal/Crossover mitbringen. Bei dieser Gewöhnungsschwierigkeit
kommt einem die Band jedoch ein Stückchen entgegen, da sie weitestgehend
auf Gescratche verzichten. Die sieben Eigenkompositionen plus Überraschungsstück
werden zielsicher und mit dem Gespür für das Wesentliche herruntergezockt.
Leute, die Musik bevorzugt bei Springseilaktivitäten hören, sollte
"Partygrooves" gut runtergehen. Meine Favoriten sind definitiv "Had To
Hear" und "One With Heaven". Ersterer ist mit einer verdammt geilen Melodie
ausgestattet und hätte auch aus der Feder von Papa Roach stammen können.
Sehr geil auch deswegen, weil BROKE hier völlig auf "Jump-da-fukk-up"
verzichten. "One With Heaven" tönt eher melancholisch aus den Boxen
und will nicht so recht ins Party-Konzept passen. Ist aber nicht zuletzt
deswegen ein packendes Stück mit deutlich Metal-lastigerer Instrumentierung.
Die Melodie würde auch Life Of Agonys "Ugly" zur Ehre gereichen. Hier
fällt besonders der hochwertige Gesang auf. Gute Band mit guter CD.
"Had To Hear"
THOMAS
INVICTUS "Black Heart" 6
LMP/SPV, 2003
Das Leben ist manchmal schon sehr
ungerecht. "Black Heart" ist das dritte Album der Franzosen von INVICTUS.
Die 1996 unter dem etwas suspekten Namen Quark 7 gegründete Band spielt
einen recht gutklassigen Heavy Metal mit starker 80er-Jahre-Prägung.
Dabei durchlaufen die Lieder die gesamte Bandbreite von dem, was heutzutage
als Power Metal verkauft wird. Mal gibt es Progressivrhythmen, mal treibende
Metalkracher mit eingängigen Melodien vom Faß, und dann haben
sie viele symphonische Momente. Wie etwa bei "Depression Part 1" und "Depression
Part 2", bei denen Beethovens "Freude schöner Götterfunken" adaptiert
wird. Dabei kommt die Heavyness nicht zu kurz. Die Klampfen braten recht
ordentlich, und Sänger Frederic Glo hat eine angenehm kräftige
Röhre, die nicht selten an eine Mischung aus Zak Stevens (Ex-Savatage,
Circle II Circle) und Ville Laihialla (Sentenced) erinnert.
Eigentlich gute Vorraussetzungen,
um sich eine große Anhängerschaft zu erspielen. Wären da
nicht die ca. 20 000 anderen Bands, die genau dasselbe machen. Manche besser,
Virgin Steele etwa, und manche schlechter. Wozu man mittlerweile ruhigen
Gewissens Stratovarius zählen kann. Aber ob besser oder schlechter,
ihnen allen wird auf Garantie mehr Aufmerksamkeit zu Teil werden. Um ähnliches
Aufsehen zu erregen, kommen INVICTUS einfach ein paar Jahre zu spät.
Die Leute sind mit solcher Art von Musik bestens versorgt, als daß
die Franzmänner mit einer "nur" guten Platte nun alle Blicke auf sich
ziehen könnten. Heute verbucht man solche Platten eher unter "ferner
liefen". Wie gesagt, das Leben ist manchmal schon ungerecht.
"The Strongest"
THOMAS
CROSS X "Negative Words" 4
Eigenproduktion, 2001
Die Band existiert seit 1997 und
hat sich dem Hardcore/Crossover verschrieben. Allerdings hat die Band eine
eigene Definition, wie Hardcore zu klingen hat. Von Aggro Riffs und kernigem
Schlagzeug halten sie nicht viel. Statt dessen plängelt der Baß
unentschlossen vor sich hin und wird mit einigen Standardriffs auf der
Gitarre zu einem drögen Einheitsbrei vermengt. Sick Of Society Drummer
Oli Kast bemüht sich den Kompositionen mit teils jazzigen, teils mit
halber Kraft gespielten Grooves anzugleichen. Nur selten kommt wirklich
Hardcore Feeling auf. "Paranoid" oder "Bull Eye" etwa gehören zu den
besseren Songs der Scheibe. Hier lassen die Drei ordentlich den Hammer
kreisen. Diese Momente sind jedoch eher die Seltenheit. Auf "Negative Words"
regieren meistens die Vorhersehbarkeit und die Lahmarschigkeit. Gequält
klingender Clean Gesang und viel zu viele unverzerrte Gitarren rauben jedweden
Biß. Beim Balladenversuch "Driftin´Away" läßt sich
definitiv der Tiefpunkt der Scheibe ausmachen. Eine gehörige Portion
Feuer mehr im Arsch würde der Band hervorragend zu Gesicht stehen.
Bis dahin vier Punkte.
"Paranoid"
THOMAS
HELLOWEEN "Rabbit Don’t Come
Easy" 9
Nuclear Blast, 2003
Das mittlerweile zehnte Studioalbum
der Hanseaten läßt den Hörer mit einem überraschten
Blick im Sessel zurück. Denn die Kürbisse warten mit dem stärksten
Songmaterial seit langem auf. Mit Mikkey Dee konnten sie einen erstklassigen
Gastschlagzeuger verpflichten. Der Motörhead-Drummer verpaßt
Helloweens Kompositionen den nötigen Wumms. Allein die Bassdrums und
Snarewirbel lassen die Songs recht bissig klingen. Dazu kommt, daß
Neuzugang Sascha Gerstner seinem Chef, dem Weik, gitarrentechnisch in nichts
nachsteht, und so liefern die sich gegenseitig anstachelnden Saitenkönner
ein Duell nach dem anderen. Auch bei den Riffs scheinen sie auszuloten,
wo die Grenzen des Anderen liegen.
Im Fall HELLOWEEN kann man beim
Besetzungswechsel also getrost vom Einbringen frischen Blutes reden.
Basser Grosskopf hat seinem Instrument
einen Sound zurechtgebastelt, der andere Bassisten vor Neid erblassen läßt,
und daß Andi Deris’ Stimme aus dem HELLOWEEN-Gesamtsound nicht mehr
wegzudenken ist, hätte vor Jahren auch keiner zu träumen gewagt.
Obwohl die eine oder andere Gesangsmelodie einen zuerst kopfschüttelnd
(nicht headbangend) auf die Anlage starren läßt. "Just A Little
Sign", der Album-Opener kommt gleich mit einem einfältig klingenden
Refrain daher, den ich eher einer HELLOWEEN-Kopie zugetraut hätte.
Besser wird es mit dem von Gerstner komponierten Stück "Open Your
Life", in dem gar einige Stratovarius/Rhapsody-Einsprengsel auftauchen.
Das jedoch nur am Rande. Hier macht nach einigen Durchläufen alles
Sinn, und auch der Gesang weiß zu gefallen. "The Tune" klingt, als
hätten HELLOWEEN den Song von Gamma Ray abgekauft. Jedoch ist eben
dieses Stück für mich das stärkste auf dem Album. Zügig
galoppiert es voran. Mikkey Dee trommelt in Bestform, und in Gedanken hört
man Kai Hansen den Song singen. Hier sind sie wieder, die Gitarrenduelle.
Halsbrecherisch und doch songdienlich. Den packendsten Refrain liefern
die Hamburger mit "Never Be A Star" ab. Der mit Publikumsjubel unterlegte
Midtempo-Stampfer läßt dann den Knoten im Kopf platzen. Die
anfängliche Übersättigung mit dieser Art von Musik welche
"Rabbit Don’t Come Easy" als ein weiteres Tralala-Kinderlied-Metalalbum
erscheinen ließ, weicht schlagartig der Erkenntnis, daß hier
eben keine Möchtegerns oder Nachahmer am Werke sind, sondern die Meister
höchstpersönlich. Keine Band aus dem Rattenschwanz derer, die
HELLOWEEN oder auch Gamma Ray hinter sich herziehen, wäre im Stande,
solch eine Atmosphäre zu erzeugen wie die Originale in diesem Lied.
Klar die glorreichen "Walls Of Jericho"-Zeiten sind für immer vorbei.
Und auch nicht jedes Album der Nordlichter war ein Grund zum Freudentanz.
Aber die personelle Veränderung kam der Kreativität der Band
zugute. So haben sie mit "Rabbit Don´t Come Easy" eines ihrer besten
Alben im Gepäck.
"Just A Little Sign"
THOMAS
SYPER FORCE "The Heavy Power
Metal Era 1993-1999" 8
Eigenproduktion, 1999
Es ist immer wieder erstaunlich,
wie viele bedeutungslose Bands sich im Mainstream tummeln und sich konstanter
Beliebtheit erfreuen und im Gegenzug mindestens genauso viele Bands mit
einer eindeutigen Vision im Kopf und mit ehrgeizigen Charakteren ausgestattet
in den Untiefen des Undergrounds ein erschwerliches Dasein fristen müssen.
Dazu gehören auch Andy Sypers SYPER FORCE. Der gebürtige Pole
mit Berliner Wohnsitz ist ein mit ausgeprägtem Ego versehener Heavy
Metal-Idealist. SYPER FORCE existieren nun schon seit 1992 und bestehen
derzeit aus einem rein polnischen Line Up. Die Band veröffentlichte
in ihrer elfjährigen Karriere bisher die recht kultig betitelten "Metal
Musketeer"(`95), "Heavy Metal Party Zone"(`97) CDs sowie eine "Klajstrophobia"(`99)
betitelte EP und einen Videoclip zu "Heavy Metal Party Zone". Nun liegt
mit "The Heavy Power Metal Era 1993-1999" eine Art "Best-Of"-Album vor.
Die Band spielt einen von den alten Bay-Area-Legenden beeinflußten
Thrash Metal mit einigen ungewöhnlichen Ideen angereichert. So gibt
es auch eine Metal-Polka zu hören. Sypers Stimme funktioniert hervorragend
zum bissigen Thrash als auch zu Balladen mit Akustikgitarren. Die mit einem
transparenten Sound ausgestattete CDR bietet virtuose Leadgitarren mit
Gänsehautfaktor wie bei "Cemetary Silence", Gruselintros ("Horroryzont")
als auch Obskures, etwa "Syper Force Rock´n´Roll". Ein rockiges
Thema wird kurz angespielt und schnell wieder ausgeblendet. Sowie die Kombination
aus englischen und polnischen Texten. Interessante Band.
"Symphony Of Fire"
THOMAS
SYPER FORCE "EP 2002" 4
Eigenprouktion., 2002
Der Blitz Ellsworth-Lookalike Andy
Syper schlägt erneut zu. Diesmal mit brandneuem Material.
Allerdings ist auch hier der Obskuritäten-Faktor
sehr hoch. Die sechs Stücke der EP beinhalten mit "Millendium" (kein
Tippfehler) ein reguläres Stück im Midtempo-Gewand mit interessanten
Stereoeffekten versehen und mit Hubschraubersamples unterlegt. Dann folgt
eine Ehrerbietung an Annihilator, welche mit "Set The World On Fire" gecovert
werden. Hier stößt Syper an seine stimmlichen Grenzen. Die hohen
Schreie sind dennoch sehr geil. Eine "Metal Party Mix"-Version des selben
Stückes schließt sich an und unterscheidet sich von der normal
Version lediglich durch kürzere Spielzeit und das Auflegen eines zweimal
auftauchenden Effekts, der die Instrumente kurz verzerrt. Naja...
Dann folgt der akustische Teil der CD. Nummer Vier ist eine Ballade mit
polnischem Text, der in deutschen Ohren sehr drollig klingt. "Requiem"
plätschert am Hörer vorbei und der Rausschmeißer, "Syper
Force-Prelude", ist leider auch kein Highlight.
Alles in Allem ist diese EP nicht
so prall. Um den Namen SYPER FORCE im Gespräch zu halten, ist die
CD sicherlich kein perfektes Mittel. Legitim ist die Idee jedoch allemal.
Ich empfehle Euch jedoch "The Heavy Power Metal Era 1993-1999", um Euch
mit SYPER FORCE vertraut zu machen.
"Set The World On Fire"
THOMAS
CHARGER "Confessions Of A
Man (Mad Enough To Live Among Beasts)“ 7
Peaceville/SPV, 2003
Wenn präzise Geschwindigkeitsattacken,
klarer Gesang oder freundliche Melodien für Euch das Maß aller
Dinge sind, könnt Ihr getrost zum nächsten Review weiterscrollen.
Denn CHARGER aus dem Vereinigten Königreich spielen asozialsten Sludgecore/Doom.
Dabei klingen sie wie ein behindertes Frühchen, welches von einem
der Crowbar-Kolosse im Tobsuchtsanfall aus dem alkoholkranken Leib von
Eyehategod gedroschen wurde. Dreckig, laut und verhaltensgestört.
Völlig kaputtes Geriffe wälzt sich über das hysterische
Gebrüll eines Typen, der seit ca. 37 Stunden mit Arschtritten, Verhöhnungen
und dem Besprenkeln von Urin vom Schlafen abgehalten wird. Jeder Drumbeat
wird so geschlagen, als ob der Schlagzeuger seinem Kit den Rest geben möchte.
Verzerrungen und Feedback werden zu Heiligtümern erklärt, und
so manches Mal glaubt man, daß die Band zum Pissen den Proberaum
nicht verläßt, sondern sich gegenseitig in die Amps seicht,
um einen räudigen Sound hinzubekommen. Ich muß jetzt aufhören,
denn ich bekomme gerade einen tierischen Bock, mich zu prügeln. Bis
bald.
"Airtank Face Pincers"
THOMAS
NEURAXIS
"Truth Beyond..." 9
Morbid Rec./SPV, 2003
Wenn man sich die kanadische Death
Metal-Szene anschaut, fällt auf, daß die meisten Bands es nicht
so sehr mit Straight-Forward-Musik haben. Egal ob Kataklysm, Cryptopsy,
Goreguts oder nun auch NEURAXIS: der Zwang, fast schon jazzige Figuren
spielen zu müssen, ist sehr stark ausgeprägt. Daß das deswegen
so ist, um den amerikanischen Marktführern, wenn schon nicht verkaufstechnisch
dann wenigstens in musikalischer Hinsicht, den Rang abzulaufen, ist nur
eine nicht bestätigte Theorie. Fakt hingegen ist, daß NEURAXIS
neben verquerem Progressiv-Geschrote auch sehr eingängige Momente
in ihrer Musik haben, die auch Power Metal-Fans ansprechen könnten:
Doppelläufige Leadgitarren spielen klassische Harmonien, die auch
hätten von Judas Priest stammen können. Auch driften die Kanadier
nie ins heillose Chaos ab und hinterlassen im Kopf des Hörers Trümmerlandschaften.
Songdienlichkeit ist hier das A und O. "Mutiny" oder "Neurasthenic" sind
hier die besten Beispiele. Wem Goreguts zu konfus sind, Cannibal Corpse
zu langweilig und Gorefest zu rockig, der kann bei NEURAXIS sein Seelenheil
finden.
"Truth Beyond Recognitition ..."
THOMAS
NO SISSY STUFF "Last Poem"
6
Eigenproduktion/Liveguard Entertainment,
2000
Die aus dem Raum Koblenz stammende
Band legt mit "Last Poem" ihren CD-Einstand vor. Grob über den Daumen
gepeilt, könnte man die Musik als Schnittmenge aus rauhem Heavy Metal
mit Thrash-Anleihen bezeichnen. Heavy Metal aber nicht im Sinne von Manowar
und Thrash nicht im Sinne von Slayer. Denn die Stücke haben teilweise
einen leicht melancholischen Unterton, ohne jedoch depressiv zu klingen.
Das macht sich vor allem im ersten Teil der CD bemerkbar. Dort kann man
auch noch ein paar songschreiberische Unsicherheiten ausmachen. NO SISSY
STUFF haben ihren ureigenen Stil noch nicht ganz gefunden. Sind aber auf
dem besten Wege dahin, wie der zweite Teil der CD beweist. Die Stücke
"Shining", "Trains" und "Dark Side" kommen schon wesentlich entschlossener
rüber. "Shining" etwa ist ein Uptempo-Knaller mit teils sauberem Gesang
und herben Death Metal-Grunzern. Hier verschwindet auch jegliche Melancholie
und macht der guten Laune Platz. "Trains" mit seinen Tempowechseln
und den häufigen Breaks erinnert auf Grund der Melodieführung
und den klasse Leads nicht selten an die leider zu früh aufgelösten
Depressive Age. Das klassischste Metalstück ist hingegen "Dark Sides".
Mit "Last Poem" haben die Ladies von NO SISSY STUFF zwar noch nicht ihre
Meisterleistung abgelegt, lassen jedoch erahnen, daß hier noch einiges
auf uns zu kommt. Ich bin gespannt.
"Last Poem"
THOMAS
DEATH REALITY "Flesh Still
Feeds" 9
Remission Rec., 2002
DEATH REALITY die Zweite. War der
Erstling schon ein ziemlicher Hammer, so konnten sich die Deutschen mit
"Flesh Still Feeds" noch einen Ticken steigern. Die druckvoll produzierten
Death Metal-Granaten sind mit mehr Detail-Verliebtheit gespickt als noch
auf dem Vorgänger, "Blasphemous Bleeding". "Defiled Virginity" etwa
wartet mit cleveren Tempo- und Taktwechseln auf, die auch Cannibal Corpse
sich nicht besser hätten ausdenken können. Zwar erfinden DEATH
REALITY das Rad nicht neu, aber in den Grenzen des Genres bewegen sie sich
mit traumwandlerischer Sicherheit. Die fies schmirgelnden Riffs werden
anscheinend einem strengen Auswahlverfahren unterzogen, bevor sie als geeignet
eingestuft werden. Kein einziges Lied auf der Scheibe ist lasch oder dröge.
Allerdings sind die Texte schon ganz anderer Natur. Zwar passen die Splatterallgemeinplätze
ganz gut zur Musik, aber nüchtern betrachtet sind sie ein etwas hüftlahmer
Aufguß alter Autopsy-Glanztaten. Splatter und Gore sind sehr geil.
Aber nur mit entsprechenden Ideen wird daraus etwas Besonderes. Der Klasse
der Musik tut das aber in keinster Weise Abbruch. Abgerundet wird dieses
Kleinod mit einer Coverversion vom Obituary-Klassiker "Threatening
Skies".
"A Colder Ejaculation"
THOMAS
SICK OF SOCIETY "Porn'N'Roll
Forever" 8
Eigenproduktion, 2001
Eine recht sympathische Scheibe haben
SICK OF SOCIETY da aufgenommen. Denn an dem Teil werden sich die Straight
Edge PC Verfechter in der Hardcoreszene stoßen, daß ihnen das
X von der Hand bröckelt. Im Gegensatz zu den verbissenen Weltverbesserern
mit den aufklärenden Textansprüchen, rocken S.O.S. quietschvergnügt
daher und haben dennoch genügend akkustische Arschtritte parat, um
nicht nur als schlaffe Lachsäcke dazustehen. "Sick Of.." ist zum Beispiel
so ein Schädelspalter. "Cruisin" etwa wird mit den neckischen Geräuschen
einer Ratsche aufgepeppt. "Verna-(The) Mind Opener" kommt mit Ska-Versatzstücken
daher und endet mit "Give me Porn'n'Roll/give me alkohol!". Spätestens
jetzt kommen Shelter-Fans die Dinkelgrützemahlzeiten wieder hoch,
und der Partyhengst freut sich. Auch über das NoFX Cover "Lousie"
und "I Don't Wanna Live Forever" von Brian Adams (!). Ein herrlicher Punkrocker
mit geilem Singalong ist "Pornified". Und nach dem Stück steht fest,
"Porn'n'Roll" wird hiernach bei der nächsten Party zur Dauerrotation
verdammt. Daß zu den Aufnahmen der CD nur ein Drumcomputer einsatzbereit
war, ist zwar nicht sehr Rock'n'Roll, stört aber auch kaum. Das Soundgewand
der neuen und der neu aufgenommenen alten Stücke ist druckvoll und
klar. Immerhin saßen auch keine Anfänger hinter den Reglern,
sondern u.a. Bastian Herzog, seines Zeichens Fleshcrawl-Chef. Wer also
auf Hardcore ohne Zeigefinger- und harter-Mann-Attitüde steht, und
auch nicht zu "Tough" zum Feiern ist, kann bei "Porn'n'Roll" bedenkenlos
zugreifen. www.sickofsociety.de
"Sick Of..."
THOMAS
EKPYROSIS "After War" 7
Mausoleum Rec./Music Avenue, 2002
Das Cover der CD suggeriert dem uneingeweihten
Hörer, daß er es hier mit einer klischeebehafteten True Metal-Band
zu tun hat. Eine Horde mit Äxten, Schilden und Speeren bewaffneter
Muskel-Trolle schickt sich an, eine Burg zu stürmen. Doch wer jetzt
Eunuchengeschrei, Galloppeldrums und "Ohoho"-Heldenchöre erwartet,
liegt falsch. Die Österreicher spielen auf ihrem dritten Langeisen
eine recht modern klingende Variante des Heavy Metal.
EKPYROSIS haben nun schon 13 Jahre
Band-Erfahrung auf dem Buckel, ohne jedoch so richtig aus dem Quark zu
kommen. Dabei ist die Musik des Quintetts gar nicht so übel. Vielmehr
noch, man kann sie schlecht auf Anhieb mit irgend einer ähnlich klingenden
Band vergleichen. Diese Eigenständigkeit suchen viele der heutigen
Bands vergeblich. Am ehesten kommt "After War" an den einst sogenannten
Techno Thrash heran. Wobei Techno von Technik im progressiven Sinne verstanden
werden wollte. Lange bevor die schwulen Bumbumkasperhorden in den Tanzklubs
ganz groß angesagt waren. Eine Bewegung also, zu der man Bands wie
Coroner, Anacrusis, Depressive Age, Endachziger-VoiVod oder meinetwegen
auch Mekong Delta zählte. Ebenso gegen den Strich gebürstet klingen
die selten unter sechs Minuten langen Kompositionen von EKPYROSIS. Die
meist zähflüssig bis mittelschnellen Stücke zeichnen sich
durch einen fast schon hypnotischen Stakkato-Rhythmus der Gitarren aus,
die von Keyboards begleitet werden, die mal nach Billigkaufhaus, und wenige
Augenblicke später auch mal symphonisch bedrohlich klingen. Eine Kombination,
die mit den sich erst nach drei Durchläufen so richtig entfaltenden
Gesangsmelodien zwar ungewöhnlich klingt, aber durchaus seine Reize
hat. Wenn man zum Beispiel das Stück "Miss World", ein Lied über
Drogenmißbrauch, hört, kann Dich schon mal das Gefühl beschleichen,
selbst ziemlich steif zu sein. Völlig kaputte, wabernde Keyboardsounds
und ein kautziger, sich einem Chamäleon gleich, stetig wandelnder
Drumbeat gaukeln eine fast authentische Illusion vor. Musiker vor dem Herrn
sind die Ösis allemal. Das muß man ihnen lassen. Allerdings
muß man sich für "After War" ordentlich Zeit nehmen. Denn die
steten Breaks und Wechsel der Rhythmen können einem Nebenbei-Musikhörer
schon nach der halben Spielzeit die Nerven sezieren. Dennoch, interessante
Platte.
"Listen"
THOMAS
ARBOR IRA "Ohne Welt und Aber"
8
Eigenproduktion,
"Mir geht es wunderbar. Es fehlt
mir an nichts, ich habe einen Fernseher." säuselt eine Frauenstimme,
die klingt, als wäre sie mit sich selbst im Reinen, als Intro der
"Ohne Welt und Aber"-CD. Das mag zwar witzig klingen, ist aber nichts weiter
als eine hervorragende Zusammenfassung des Besorgnis erregenden Zustandes
vieler Konsumentenhirne. Dementsprechend pessimistisch klingt die Musik
ARBOR IRAs. Tristess verbreitend schleppen sich die Gitarren in etwaiger
Saint Vitus/My Dying Bride-Manier durch die acht Stücke der CD. Dazu
brauchen sie nicht notwendigerweise viele ausgefeielte Riffmassaker. Es
genügt, wie in "She...Away" minimalistisch ein paar Griffe abzurutschen,
um das Gefühl von seelischer Blässe zu vermitteln. Ja, zweifellos
gehört der Doom zu der ganz großen Leidenschaft der Deutschen.
In "Why We Do Not Fly" lassen sie dieser Passion so richtig Freiraum. Das
Stück bietet in seinen guten zwanzig Minuten reiner Spielzeit alles,
was das Doomherz zum Stillstehen bringt: primitive aber nicht weniger effektvolle
Themen, die einem gaaanz langsam mitbangen lassen, verzweifelter Klagegesang
und kaputtes Gekreische, bleierne Schwere im Groove und herzzerschneidende
Melodien. Sehr geil. Doch allem Doom zum Trotze packen ABOR IRA von Zeit
zu Zeit doch schon mal den Hammer aus und prügeln in atemnehmenden
Midtempo Death und leichten Black Metal Zitaten in die Ohren des geneigten
Hörers. Alles in allem also eine bekömmliche Mixtur. Wohl dosiert
und solide gespielt. Feine CD. www.arbor-ira.de
"She...Away"
THOMAS
THE
FALLEN "Front Toward Enemy" 7
Metal Blade, 2002
Ach du Scheiße, haben Metal
Blade unter dem Namen THE FALLEN die nie veröffentlichte, heimliche
Nachfolge-LP von Atrocitys "Todessehnsucht" veröffentlicht? Die Vocals
des THE FALLEN-Frontmannes klingen fast identisch mit der Stimme von Alexander
Krull zu "Blut"-Zeiten. Tief und kehlig, aber auch mit starkem Hardcore
Einschlag. Selbst die Phrasierungen und Gesangslinien kommen einem wie
das fehlende Glied in der Atrocity-Historie vor. Verblüffenderweise
könnten auch die meisten der Riffs von "Front Toward Enemy" von den
Ludwigsburgern stammen. Sind THE FALLEN also eine Band von ideenlosen Nachahmern
oder entspringen die Atrocity-Vergleiche dem Wunschdenken des Rezensenten?
Weder, noch. Zum einen war der Einfluß Atrocitys auf die damalige
Death Metal-Szene eher bescheiden, als daß sich junge Bands mit deren
Sound bessere Chancen auf dem Markt ausrechnen könnten. Zum anderen
sind auf "Front Toward Enemy" genug eigene starke Einflüsse und Ideen
zu hören, als daß man hier von einer dreisten Kopie sprechen
könnte. THE FALLEN verschneiden den Groove des von Rap befreiten Hardcores
mit dem Druck des Death Metal-Sounds und kreieren so ihre eigene bullige
Musikvariante die auch vor zeitweise eingestreuten Gitarrensolos keine
Berührungsängste hat. Mit andauernder Spielzeit verflüchtigen
sich auch die Atrocity-Reminiszenzen. Im gleichen Maße fällt
aber auch auf, daß THE FALLEN, einiger starker Songs zum Trotze,
den einen oder anderen Füller mit aufs Album gepackt haben. Das schmälert
den ansonsten positiven Gesamteindruck ein wenig, sollte Euch aber nicht
davon abhalten, im Plattenladen mal ein Ohr zu riskieren. Denn ein ordentliches
Brett wissen THE FALLEN dennoch zu fahren. Hört Euch am besten zum
Einstieg die letzten beiden Stücke "From Fragile To Strenght", ein
knapp einminütiges, packendes Akkustikstück, und "Eleven Years",
die ordentliche Tracht Prügel, an.
"Killswitch"
THOMAS
JOHN WEST "Earth Maker"
9
Frontiers/Point Music, 2002
All Star-Projekte sind auf Frontiers
Records ja absolut keine Seltenheit. Eher, daß genau diese schon
beim ersten Song den Hörer fesseln, ja ihn sogar plätten. Doch
hübsch der Reihe nach. "Earth Maker" ist in erster Linie das dritte
Soloalbum des seit einiger Zeit fest bei Royal Hunt eingestiegenen amerikanischen
Sängers John West. Der All Star-Charakter entsteht durch die Hinzunahme
solcher Virtuosen wie etwa Chris Caffery (Savatage), Bobby Jarzombek (Watchtower,
Halford) sowie Vitalij Kuprij und Andre Andersen, beide Royal Hunt, um
nur einige zu nennen. Entgegen aller Erwartungen sind es nicht in erster
Linie die instrumentalen Fähigkeiten der Musiker, die einen völlig
apathisch vor den Boxen stehen lassen. Nein vielmehr die meisterhaft ausarrangierten
Songs wissen zu fesseln. Obwohl es ein West-Soloalbum ist, die Handschrift
Cafferys ist nur allzu deutlich. Wenn "Stand, Sentinal" nicht zu 90 Prozent
aus der Feder des Savatage-Gitarristen stammt, freß ich einen Besen
quer, mit Stiel. Der Uptempoklopfer "Life" weist deutliche Iced Earth-Parallelen
auf. "Warrior Spirit" hat einen vertrackten Grundrhythmus, der nur zum
Refrain mit einer feinen AOR-Melodie aufgelockert wird. Der Opener "Soul
Of The Beast" startet mit einem etwa zwei Meter breiten Riff und drückt
das bedrohlich klingende Intro locker beiseite. Bei diesem Midtempo-Rocker
zieht West alle Register seines beachtlichen Könnens. Ja sogar leichte
Thrash Metal-Anleihen machen sich in der Bridge bemerkbar. Nahezu jeder
Song ist ein Hammer. Füller gibt es keine. Der entscheidende Vorteil
der CD ist, daß alle Musiker ihr Ego zurück nahmen und nicht
mit Endlos-Frickeleien nerven, sondern songdienlich spielen und nur dann,
wenn es erforderlich ist, in die Trickkiste greifen. Was ich mich jedoch
die ganze Zeit fragen muß, ist, wie es zusammenpaßt, daß
die nicht gerade als Heiden bekannten Musiker ein Konzeptalbum aufnehmen,
welches sich ausschließlich mit der indianischen Geisterwelt auseinandersetzt.
Das Thema bietet also reichlich Anlaß zur Spekulation. Die Qualität
der Musik jedoch ist überdeutlich und unverkennbar.
"Soul Of The Beast"
THOMAS
NEVERMORE "Enemies Of Reality"
9
Century Media/Magic Arts Publ.,
2003
Auf Veröffentlichungen aus dem
Hause NEVERMORE freue sicherlich nicht nur ich mich wie ein Schulkind auf
die Sommerferien. War doch bisher alles, was die Ausnahmemusiker um Warrel
Dane und Jeff Loomis anpackten, tongewordene Genialität. Selbige gipfelte
im Ausnahmewerk "Dead Heart In A Dead World" aus dem Jahre 2000. Logisch,
daß die Fanscharen einen ebenbürtigen Nachfolger erwarteten.
Doch zum Einen schreibt man solch ein Werk nicht alle Tage und zum Anderen
wären NEVERMORE nicht sie selbst, wenn sie täten, was man von
ihnen erwartet. Somit mußte "Enemies Of Reality" anders als das Vorgängeralbum
ausfallen. Die Eingängigkeit (soweit man bei NEVERMORE davon sprechen
kann) wurde zu Gunsten von Härte an den Nagel gehängt und so
präsentiert sich Seattles Finest rauher und komplexer als noch vor
drei Jahren. Loomis Gitarrenarbeit streift mehr als nur einmal die Grenzen
zum Death Metal. Ein Terrain, in dem sich der frühere Death Metal-Gitarrist
gut auskennt. Auffällig ist auch, daß Warrel Dane in seinen
Gesang, welcher wieder einmal über jeden Zweifel erhaben ist, ein
bis zwei Schippen Dreck gepackt hat und an seine Tage zu "Politics Of Ecstasy"
erinnert. Daß die Thrasher dennoch nicht das Gespür für
ergreifende Balladen verloren haben, beweisen sie mit dem genialen "Tomorrow
Turned Into Yesterday". Das Stück wird mit einem interessanten Drumbeat
nach vorn getrieben und wartet mit einer Widerhaken besetzten Ohrwurmmelodie
auf, die einen dazu veranlaßt, die Finger für die nächste
halbe Stunde nicht von der "Repeat"-Taste des Players zu nehmen. Völlig
abgefahren hingegen ist der Titel "Nuomenon". Hier wird wie im Drogenrausch
eine Klangcollage aufgebaut, die einen beim Hören im Dunkeln schon
mal verstören kann. "Seed Awakening" hingegen prügelt einem im
Anschluß wieder die Scheiße aus dem Leib. Jedoch nicht ohne
mit einer versöhnlichen Melodie aufzuwarten. "Enemies Of Reality"
ist alles in allem unbequemer, unzugänglicher und härter als
sein Vorgänger ausgefallen, weiß aber nach etlichen Durchläufen
wie immer bestens zu gefallen und macht, wie gewohnt, süchtig.
"Dead Heart..." hat mir zwar einen Ticken besser gefallen, dennoch kann
man "Enemies Of Reality" bedenkenlos kaufen.
"Create The Infinite"
THOMAS