SOLEMNITY "Reign In Hell"
8
Remedy Rec./Solemnity/Housemaster
Rec., 2001
SOLEMNITY aus Augsburg klingen nicht
wie erst 98/99 gegründet, sondern so, als wenn sie seit den letzten
15, 20 Jahren dabei sind, die Fahne des Heavy Metal hochzuhalten - in guten
wie in schlechten Zeiten. Der Fünfer hat sich ganz dem Heavy Metal
der reinen Lehre verschrieben und läßt dabei trotzdem so manches
Mal ein paar Thrash-Zitate durchblicken. Bis hier erstmal ein "Na und?".
Jaaa Freunde. Wie habt ihr denn die sogenannten "True Metal"-Bands in den
späten Neunzigern erlebt, die in der Medienlandschaft als neue, echte
Helden abgefeiert wurden? Waren viele von ihnen nicht einfach nur ein identitätsloser
Aufguß vergangener Tage, der aber durch permanentes Pushen durch
mit Labelkohle finanzierten Anzeigen, Interviews und Festivalauftritten
den jüngeren unter den Metalfans als "true" unter die Nase gerieben
wurden? Dabei meine ich nicht Bands wie Goddess Of Desire, Wizard, Sacred
Steel oder andere Bands diesen Schlages. Diese mußten und müssen
sich jeden einzelnen Fan erspielen, da ihnen eine breitere Plattform, bei
dem einen mehr bei dem anderen weniger, fehlte. Und auch, weil sie nicht
brav genug für die neuen Happy Metal-Fanscharen waren oder sind. Und
genau dort kommen jetzt auch SOLEMNITY ins Spiel. Sänger Sven The
Axe klingt nicht wie ein lieber Traumschwiegersohn, nicht perfekt aber
er hat Wiedererkennungswert. Genau diese Zutat fehlt vielen Frontmännern
der Hammerfall-Klonbands. Die Melodien erinnern nicht an Kinderlieder/Musikantenstadl,
und die Klampfen schröppeln nicht irgendwo verloren im Hintergrund
umher, sondern treiben die Musik schön nach vorne weg. Auch live zelebrieren
die Süddeutschen keinen Kindergeburtstag, sondern eine Heavy Metal-Party
par exellence. So gibt es laut eigener Aussage ein makaberes Spektakel
zu bewundern mit Äxten, brennenden Schwertern und Kreuzen, Henkern,
Vampieren, Blut, Explosionen und Pyros bis der Arzt kommt. In "Reign In
Hell" mindestens mal reinzuhören ist Pflicht.
"Fashion Fuckers Die/ In No Way
We Wear A Tie", nachzuhören in "Open Fire", ist eine der geilsten
Textzeilen seit langem, und das Booklet ist voll damit. Oft benutzt aber
hier zutreffend: Kult.
"Open Fire"/"Walpurgisnight"
THOMAS
THE FORSAKEN "Arts Of Desolation"
5
Century Media/Magic Arts, 2002
Die schwedischen Death-Metaller von
THE FORSAKEN gehen mit "Arts Of Desolation" in die zweite Runde und kredenzen
dem geneigten Fan wieder ein brachiales, technisch anspruchsvolles Album,
welches ohne nennenswerte Tiefpunkte auskommt. Dafür wissen sie ihre
Kompositionen mit einem Haufen interessanter Riffs zu verfeinern und bemühen
ein ums andere Mal die Bay Area-Schule genauso wie wahnwitzige Cryptopsy-Kabinettstückchen.
Doch so gut die Musiker auch sind und so abwechslungsreich die Schweden
ihre Songs auch zu gestalten versuchen, man erwischt sich schon mal beim
aus Versehen Weghören, denn x-beliebig viele andere Bands zocken genau
den selben Stiefel in ähnlicher Perfektion, so daß THE FORSAKEN
leider nur eine von vielen Bands bleibt, die zwar geile Musik macht, aber
auch beliebig austauschbar ist.
"Injected Terror"
THOMAS
GEORDIE „No Sweat“ 7
Sanctuary/Castle, 2002
Jeder AC-DC-Fan müßte
GEORDIE zumindest kennen, wenn er von der Band nicht gar ein paar Alben
im Schrank zu stehen hat. Denn AC-Shouter Brian Johnson gehörte Anfang
der 70er Jahre zu den Gründungsmitgliedern der britischen Band und
sang vier LPs mit GEORDIE ein. Als „Slade für Arme“ hatte GEORDIE
innerhalb der Glam-Rock-Welle durchaus den ein oder anderen Top-20-Hit,
bevor es 1976 vorbei war.
Allerdings tauchten die GEORDIE-Macher
Victor Malcolm (git), Tom Hill (bg) und Brian Gibson (dr) verstärkt
durch Sänger „Doctor“ Rob Turnbull und Gitarrist David Stephenson
zu Beginn der 80er erneut auf und veröffentlichten auf dem NWOBHM-Label
Neat Records ihr Album „No Sweat“. Leider hatte die Band auch zu diesem
Zeitpunkt noch kein eigenes Gesicht gefunden und ging jetzt als „Saxon
für Arme“ weg. Diese Parallelen läßt nicht nur Sänger
Turnbull zu, der verdammt nach Biff Byford klingt, sondern orientiert sich
auch das Songwriting der Band stark an den Saxon-Alben „Strong Arm Of The
Law“ und „Wheels Of Steel“ (beide 1980).
Nichtsdestotrotz ist „No Sweat“
ein ziemlich gutes Album, das vor allen Dingen bei Fans des NWOBHM-Genres
zu weichen Knien führen könnte. Angereichert ist diese CD mit
Bonus-Material, das vier Songs aus BBC-Sessions in Vorbereitung auf das
„No Sweat“-Album präsentiert. Interessant die Unterschiede im Gitarren-Sound
und die differenzierenden Auffassungen darüber, wie man in Stücke
einsteigt.
„So You Lose Again“
JUB
SOUNDISCIPLES "Audio Manifesto"
2
Peaceville Rec., 2002
Heavy Metal-Puristen können
an dieser Stelle schon mal zur nächsten Review überspringen,
denn mit hart rockenden Sounds hat die CD "Audio Manifesto" der SOUNDICIPLES
überhaupt nichts zu tun. Eher tendiert das Ganze in die Elektronikrichtung.
Aber nicht nur. Die SOUNDISIPLES mischen auch Rap-Teile in ihren Sound.
Ebenso kann man eine starke Depeche Mode-Schlagseite ausmachen und auch
ein wenig Industrial entdecken. "Audio Manifesto" erweckt in mir den Eindruck,
daß die Band alle modernen Spielrichtungen der zeitgenössischen
Musik auf einer CD vereinen wollte, was ihnen zu einem gewissen Grad auch
gelungen ist. Nur ist, abgesehen von meinen Hörgewohnheiten, das Ergebniss
eher ermüdend denn packend ausgefallen, da sich die Musik sehr unspektakulär
durch die Spielzeit schleppt. Hier 'ne harte Gitarre, da mal 'ne elektronische
Spielerei, ein Rhythmus und unflexibler Gesang. Ne, nicht mein Ding.
"End Of An Error"
THOMAS
RAVEN „All Systems Go!“
9
Sanctuary/Castle, 2002
Viele haben die Zeit nicht überlebt.
Von den alten NWOBHM-Helden wurden eigentlich nur Iron Maiden und Saxon
richtig groß. Bands wie Tygers Of Pan Tang, Angel Witch oder Blitzkrieg
versuchten es immer wieder, Fuß zu fassen, von Bedeutung waren deren
Comeback-Vormärsche aber bisher nicht.
Eine jener Bands der ersten Stunde,
die es bis heute gibt und die immer wieder Alben veröffentlicht, ist
RAVEN. Aber weder ihr Erfolg noch ihr Bekanntheitsgrad lassen sich mit
denen vom Maiden oder Saxon messen. Woran liegt das?
Stilistische Trend-Anbiederungen
ab Mitte der 80er Jahre unterlagen alle drei genannten Kapellen, fallen
aber nicht wirklich ins Gewicht. Brachiale Qualitätseinbrüche
auf den Alben ließen RAVEN eigentlich auch nicht zu. Und als Urväter
des Thrash und Speed Metals müßten ihnen die Fans doch eigentlich
zu Füßen liegen. Tun sie aber nicht. Also - woran liegt’s?
Wenn auch hunderte Nachwuchs-Metaller
Mitte der 80er sich RAVEN zum Vorbild nahmen, richtig kopieren konnte sie
niemand. Dazu war der Stil des Trios einfach zu ausgefallen. Ein RAVEN-Merkmal
war die fast immer nervös wirkende, beinahe hektische Gitarrenarbeit
Mark Gallaghers. Und wenn es wie in „Hard Ride“ mal straight zur Sache
ging, wartete man ständig auf einen völlig unkontrollierten Ausbruch.
Blieb der dann allerdings tatsächlich aus, sorgte Marks Bruder John
(bg/voc) für den Wiedererkennungseffekt: Er schrie, daß einem
das Blut in den Adern gefror. Eierquetsch-Barden moderner Power Metal-Bands
wirken heute gegen John Gallagher wie Flöten, die gegen Schalmeien
anstinken wollen.
„Crazy World“
Und so ungewöhnlich und energetisch
diese Musik damals auch war, eine echte Masse von Metal-Fans sprachen RAVEN
nie an. Denn mit diesem durchgeknallten Brüder-Duo mußte man
erst einmal klar kommen. Vielen gelingt das bis heute nicht.
Und so blieb der Band, die ihrer
Zeit damals um Lichtjahre voraus war, am Ende nur die Ehre, einen echte
Pionier-Rolle gespielt zu haben. Den ihnen gebührenden Erfolg ernteten
allerdings andere.
Bei Sanctuary erschien jetzt die
Zusammenstellung „All Systems Go!“ mit zum Teil äußerst rarem
Material aus den Jahren 1980 bis 1983. Besonders interessant sind hierbei
die Coverversionen von Steppenwolfs „Born To Be Wild“ und den Sweet-Nummern
„Hell Raiser“ und „Action“.
Sicher können wir Bewunderer
der Band RAVEN nicht mehr den kommerziellen Kick verschaffen, wie sie ihn
nötig hätten. Aber jenen Metal-Fans, an denen diese Band bisher
vorbei ging, sei dieses Album ans Herz gelegt. Für echte Metaller
ist wenigsten ein RAVEN-Album Pflicht. Und wenn es dieser Sampler ist.
„Faster Than The Speed Of Light“
JUB
AT VANCE "Only Human"
8
AFM/SMIS, 2002
Ein wahres Feuerwerk an Melodien,
schwungvollen Refrains, virtuosen Gitarrenläufen und Soli bietet die
CD "Only Human" der Band AT VANCE, deren musikalischer Motor Gitarrist
Olaf Lenk ist. AT VANCE (beziehungsweise Olaf) sind nicht nur Könner
der Metal-Musik, sondern auch Klassikfans. So finden sich auf "Only Human"
auch Zitate von Vivaldi ("Four Seasons/Spring") und Bach ("Solfeggietto")
wieder. Also ihr wißt jetzt, woher der Wind weht. Aber trotz aller
Komplexität der Musik, die einen beim ersten Hören manchmal förmlich
erschlägt, muß man AT VANCE attestieren, daß sie löblicherweise
den Härtefaktor angesichts des Anspruchs in ihrer Musik nicht nach
unten geschraubt haben. Und so ist "Only Human" nach ein paar Durchläufen
und einer gewissen Gewöhnungszeit ein packendes und kurzweiliges Kopfhöreralbum
geworden, welches ich schon voreilig in die Schwuchtelecke meines CD-Regales
stellen wollte. Das Andreas Marshal-Cover ist trotz des Kitsches doch ein
Hingucker und rundet dieses gelungene Album würdig ab.
"Only Human"
THOMAS
THE LOVELESS „Star Rover“
7
Euphorious Rec/Prophecy Prod., 2002
Muß man Saturnus, eine dänische
Doom-Band, kennen? Mir ist die Truppe jedenfalls völlig unbekannt.
Aber auf jeden Fall kommen die THE LOVELESS-Protagonisten Brian Hansen
(voc/bg), Kim Larsen (g/keys) und Jesper Saltoft (dr) da her. Mit Doom
hat ihre neue Band aber bestenfalls das Tempo von „I Fought It Back“ gemein.
Ansonsten gibt es auf „Star Rover“ sowas von Gothic, daß man am liebsten
wieder ausschließlich auf Rotwein umsteigen möchte.
THE LOVELESS sind Melancholie pur,
haben ganz zarte Melodien und sind bestenfalls mit Acts wie HIM oder To
Die For verwandt. Allerdings läßt die Musik der Dänen auch
Erinnerungen an die Blütezeit des New Romantic zu, als Depeche Mode,
A Flock Of Seagulls oder OMD das Sagen hatten. Nix für Metal-Fans
das Ganze. Aber jene, denen der Sinn ab und zu nach federleichter Musik
mit Hang zum S c h w e r-mut steht, um einfach mal abzuschalten, können
THE LOVELESS bedenkenlos konsumieren.
„All The Same“
JUB
TANKARD "B-Day" 9
AFM/Soulfood/SMIS, 2002
Eine amtliche Überraschung ist
die neue CD von TANKARD geworden. Nachdem sie Anfang der Neunziger versuchten,
sich von ihrem Alkoholiker-Image zu lösen und auch ihre Musik etwas
erwachsener zu gestalten, ging der Charme der frühen Tage trotz guter
Platten irgendwie verloren, und aus den gefeierten Coverstars wurde wieder
eine Undergroundkapelle. Doch die Frankfurter haben in ihrer 20jährigen
Karriere die Flinte nie ins Korn geworfen und eben auf kleineren Bühnen
drauflos gerockt.
Als sie merkten, daß sie trotz
anspruchsvoller Platten ihr Saufimage nicht los wurden, machten sie halt
wieder eine Tugend daraus, nur diesmal noch übertriebener. Auch wurde
ihre Musik wieder etwas gradliniger, und so entstanden Platten wie "Disco
Destroyer", "Kings Of Beer" und nun auch "B-Day", deren Songs allesamt
wieder mit einer einzigartigen Mischung aus kaputten Fun-Texten und treibendem
Thrash Metal daherkommen und deutlich machen, daß mit den fetten,
häßlichen Maniacs noch lange zu rechnen ist. Die eigentliche
Überaschung an "B-Day" allerdings ist, daß sie typischen TANKARD-Thrash
enthält, der sich aber auch ohne Sauftexte und Comiccover locker auf
dem Thrash-Sektor durchsetzen könnte, denn die Songs gehen ins Ohr,
sind saustark und halten problemlos internationalen Standarts stand. Dennoch
kommt beim Hören gute Laune fast zwangsläufig auf und Gerre beweist
einmal mehr, daß er mehr auf der Pfanne hat als lautes Krächtzen
und Schreien. Gut, das trifft auf viele, wenn nicht alle TANKARD-Platten
zu, mag der eine oder andere jetzt sagen. Aber auf "B-Day" stimmt alles,
jedes einzelne Instrument überzeugt, und die Glücksgriffe Andi
Gutjahr an der Gitarre und Olaf Zissel am Schlagzeug machen dermaßen
Feuer, daß man das Gefühl hat, als habe es nie ein anderes TANKARD-Line
Up gegeben. Geil. Wenn Ihr Euch die CD zulegen möchtet, dann besorgt
Euch unbedingt die limitierte Version, denn da gibt es noch die beiden
TANKARD-Demos auf CD dazu. Von eben diesen ist auch der Song "Rundown Quarter"
auf der regulären "B-Day" Version vertreten. Neu eingespielt merkt
man ihm sein Alter nicht an, aber lest Euch unbedingt mal den Text dazu
durch. Hundsmieserables Englisch läßt dieses Stück zum
Kleinod werden. Lacher garantiert. Auf die nächsten zwanzig Jahre
TANKARD. Prost!
"Ugly, Fat And Still Alive"/"Rundown
Quarter"
THOMAS
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